52. Fortsetzung.
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-Dann muh der Brief verloren gegangen fein,“ sagte Frau Schnabel, .ich habe ihn nie bekommen.“
.Schickt man denn solche wichtigen Briefe nicht eingeschrieben?“ Der Staatsanwalt tickte mit dem Federhalter auf den Tisch. .Oder war das nicht üblich in Herrn von Herweghs Bureau?"
.Solche Mitteilungen wurden stets eingeschrieben geschickt, aber es kam auch vor, dah es die Schreiber vergaben." antwortete der Verteidiger.
»Aha."
.Dnü die Dame war bald in Neapel, bald tn Rom, und das Geld kam einige Male zurück, weil die Adressen immer zu spät angegeben wurden. Schließlich war es Herrn von Herwegh nicht sicher genug, das Geld in Italien Herumreisen zu lassen, und er ordnete an, dah nichts mehr geschickt werden sollte ohne genaue Adresse. Dann hatte man ein ganzes Jahr nichts mehr von der Dame gehört, und da sie auf hohe Zinsen Wert legte und im Prinzip nichts gegen In- dustriepapiere hatte, so legte man das Geld in Eppenhausener Ziegeleiaktien an, die damals für ein aussichtsreiches Papier galten."
»Haben Die," wandte sich der Vorsitzende an die Witwe, »sich denn gar nichts dabei gedacht, alS das Geld nicht kam?" Die Witwe geriet in Verlegenheit.
»Ich habe damals soviÄ durchgemacht," sagte sie, »erst starb mein Mann, dann wurde ich krank und sollte mich in Italien erholen, ich hatte es, vffengestanüen, auch vergessen. Ich dachte, es sei ja gut aufgehoben bei Herwegh, denn er hatte mir gesagt, ich konnte auch bei ihm bares Geld oder Schmuck liegen lassen. Das Geld brächte sechs Prozent Zinsen, und der Schmuck kostete . nid>^. Er hatte ja Safes, und meinen Schmuck habe ich vollständig zucückbetvmmen bis auf das Leinste Bröschchen."
.Aber das Geld wohl nicht?" warf der Staatsanwalt ein.
sprach mit rauher Stimme, oft von einem kurzen, bellenden Husten unterbrochen, so dah man ihn erst schlecht verstand. Der Vorsitzende hielt sich die Hand an das Ohr, und die Richter machten lange Gesichter, um den Mund des Staatsanwalts spielte ein Lächeln.
Winterich sprach väterlich wohlwollend von Herwegh als Mensch. Er schilderte ihn als ge- wissenKlften Sohn und ausgezeichneten Schuler. Er hatte seinem Sohn Lateinstunden erteilt, der Junge schwärmte heute noch für ihn.
„Verzeihen Sie," unterbrach der Richter ihn, „Sie sprechen aber jetzt ganz anders wie damals. Dem Herrn Untersuchungsrichter gegenüber haben Sie von Herwegh nur als von einem Hochstapler und von den Eppenhausen er Direktoren als Räuberbande gesprochen.“
„Gewiß, Herr Präsident, aber meine persönliche Sympathie hatte ich gefaßt, ehe ich zu Her- weah in geschäftliche Beziehung trat, unb sie erklärt das Vertrauen, oas ich in ihn setzte, als ich ihn als juristischen Leiter unserer Fabrik empfahl."
»Sie haben ihm aber doch sehr bald die Hypothek entzogen."
„Das ttxtr eine Torheit von mir, die ich leider nur zu spät eitrgesehen habe."
Lind der cholerische weihhaarige Herr, dem die Krawatte über den Kragen gerutscht war, fuhr mit heiserer Stimme fort, wahrend er die Barriere vor dem Richtertisch umfasste: „Es tut mir leid, Herwegh damals überhaupt mit seinem Geld hereingezogen zu haben. Man hätte ihn bei seiner juristischen Tätigkeit lassen sollen. Aber mein Freund Kollin wollte feine Aktien und den Aerger über die mit Verlust arbeitende Ziegelei los sein und schenkte die Aktien dem Schwiegersohn, das heiht, er lud sie auf dessen Rücken."
Herr Kollin erhob sich mit puterrotem Kopf und kollerte aufgebracht: „Ich verbitte mir derartige Beschuldigungen I Ich habe das Geld meinem Schwiegersohn geschickt! Was ich mit meinem Gelde mache, geht niemand etwas an.“ Der Richter muhte die beiden Freunde trennen, die mit erhitzten Köpfen einander anschuldigten.
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.Rein, das habe ich heute noch nicht und," setzte die Witwe ergeben hinzu, »es wird wohl verloren sein."
„Warum haben Sie aber dann." erhob sich Ernsts Derteibiger. »Herrn Herwegh gleich einen Betrüger gescholten, als man Sie vernahm? Das sagt man doch nicht, wenn man nichts Sichereres weih als das, was Sie hier vorbringen." Die Richter fanden den Ton des fremden 'Verteidigers nicht angebracht, und die Witwe sagte einge- schüchtert: „Das hab' ich im ersten Zorn gesagt und nehme es hiermit zurück. In der Ferne sah alles so gefährlich auS, aber ich kann eigentlich nicht sagen, baft ich betrogen worden bin. Ich hätte mein Geld besser verwalten sollen."
Die Richter sahen sich an, und unter den Zuhörern entstand ein Gemurmel. Das waren ja merkwürdige Wrkläger, die sich selbst anschuldigten.
Die Frauen im Zuhörerraum in ihren Ka° potthüten uiri> Llmschlagtüchern machten enttäuschte Mienen, sie waren hergekommen mit Gefühlen andalusischer Damen bei einem Stterkampf, das gesamte Hinterhaus der Goldgasse und Koch- bcunnenstrahe stmtte sich eingefunden.
Gott sei Dank, min stampfte der Schwiegervater in den Saal.
Der stattliche Weinhändler, bi feinen Gehrock geknöpft, mit schwarz gewichstem Kn.belbart, trat mit knarrenden Stiefeln vor den Richtertisch und zog mit heftigem Ruck seine schwarzseidene Weste herunter, er war abgemagert, als ob er selbst tm LlntersuchungsgefLngnis gesessen habe. Die Frauen reckten die Halse.
Herr Kollin wurde gefragt, ob er vielleicht als naher Anverwandter des Angellagten von seinem Rechte, seine Aussage zu verweigern, Ge- biauch machen wolle, und er lieh ein zorniges »Das wär' mir allerdings lieber" erschallen. Er wurde entlassen und nahm auf der Zeugenbank Platz, neben der Rumpf, wobei er die Arme verschränkte und seine Antwort durch Zuhscharren unterstrich.
Rach ihm wurde Winterich verhört.
Ein Tuscheln durchlief den Saal. Das war der reiche Rentter aus der Kurhaussttatze, Her- weghs Feind. Durch ihn war der Rechtsanwalt ja hineingekvmmen in die Eppenhausener Ge- schichte. Winterich hatte seinen Eid abgelegt und
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sich dann jahrelang redlich Mühe gegeben, sie zu führen und in die Höhe zu bringen," fuhr Winte- rich fort, „wenn er mehr Kapital zur Verfügung gehabt hatte, wäre es auch möglich geoefen, aber die Aktionäre bröckelten bald ab. — Unb das ist es, was ich bereue, dah ich der erste war, der dem Unternehmen das Geld entzog. Man muh mir schon erlauben," setzte er mit erhobener Stimme hinzu, »dah ich hier sage, was ich über Herrn Herwegh zu sagen habe.
„Aber bitte, sagen Sie das mir."
Winterich erzählte, wie er zugesehen habe, wie Herwegh sich mit allen Kräften bemühte, die Fabrik zu stützen, und sich den Kopf zerbrach, von wem er das Geld dazu erhiels. Don seinem redlichen Charakter war er überzeugt, und er begründete dies: „Das erste, was Herwegh tat. war, daß er den Arbeitern die Löhne erhöhte und ihnen freundlichere Wohnungen baute.
Dom menschlichen Standpunkte aus war danatürlich sehr schön, aber vom kaufmännischen ruinös. Deshalb hatte er ja auch Immer die kleinen Leute auf seiner Sette: toemj es Streik gab, konnte nur Herwegh die Arbeiter zur Der- nun ft bringen. Gegen den ganzen Aufsichtsrat setzte er Lohnerhöhungen durch. Aber diese Wohl- fahrtsbestrebungeln kosteten Geld. Herwegh schaffte es. Wie, das war mir oft ein Rätsel. Qlber mi.i weih man ja, wie es gemacht tourbe, und es ist hier nicht meine Sache, darüber zu Gericht zu sitzen.“
Der Derteibiger wandte sich gegen Winterich.
»Ich verstehe nicht, was Herr Winterich Übe, den Attienziegeleibetrieb aus sagen kann, da er doch seit sechs Jahren aus der Fabrik ausgetreten ist.“
Winterich warf den grauen Kopf zurück. „Ich bin hierher bestellt worden, um geschäftliche Dinge aufzuklären, und nicht, um sie zu vertuschen. Ich hab' viel mit ansehen müssen, ohne etwas dagegen tun zu formen,“ erhob er seine rauhe Stimme, denn der Derteibiger sprach ihm schon wieder dazwischen.
(Fortsetzung folflt)
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