Reichsernährungsminister Fehr dem Reichs - kabinett eine Vorlage zugehen lassen, in der eine rückwirkende Erhöhung des Rvggenprei- seö für das erste Drittel auf 20 700 Mark, also genau das Dreifache des ursprünglichen Preises. vorgesehen ist. Von den nach dem Umlage» satz abzuliefernden zwei Millionen Tonnen sind bis jetzt, wie das Blatt mitteilt, bisher erst 125 000 Tonnen §ur Ablieferung gelangt gegenüber 400 000 Tonnen in der gleichen Zeit des Vorjahres.
Di« Deutschnationale Dolkspartei und die völkisch« Bewegung.
Berlin. 2. Ott. (WTB.) Wie der Parteivorstand der Deutschnationalen Volks- vartei mitteilt, hat dieser sich der in einer am 29. September in Berlin abgehaltenen Sitzung mit der Bildung der deutschvölkischen Arbeitsgemeinschaft innerhalb der Partei beschäftigt. Es kam einstimmig bei zwei Stimmenthaltungen folgender Beschluß zustande: Der Bestand einer deutschvöllischen Arbeitsgemeinschaft innerhalb der Deutschnationalen Volk ^Partei, die eigene Organisationen im Lande unterhält, ist mit den Lebensinteressen der Partei unvereinbar, weil sie deren Einheit und Geschlossenheit zersetzen würde. Es ist unter ben gegebenen Verhältnissen um so bedenklicher, als dadurch der Eindruck der Ausweisung einer grundsätzlichen völkischen Streitfrage innerhalb der Partei erweckt wird. Der völlische Standpunkt der Partei steht fest, verschiedene Auffassungen über seine praktische und taktische Durchführung können nur im Rahmen der allgemeinen Parteigliederung geklärt werden Für die grundsätzliche Ausarbeitung und Vertiefung des völkischen Gedankens ist ein völkischer Ausschuß bei dem Parteivorstand gemäh Absatz 12 der Satzungen der Partei zu bilden.
Aus Hessen.
Darmstadt, 1. Oft. Der etwa 30 Jahre m der Leitung des ^Darmstädter Tageblattes" tätige Chefredakteur Dr 0. Waldaestel ist mit dem 1. Oktober ausgeschieden, um in den wohlverdienten Ruhestand zu treten.
Aus Stabt und Land.
Giehen, den 3. Oft. 1922.
Die Kartoffel Versorgung.
Zur Frage dec K a r t o f f e l v e r s o i g u n g teilen Die .,P. P. R." mit: Die Kartoffclversorgung Deutschlands wird von amtlicher Seite als ausreichend bezeichnet. Von einem Stocken der Ablieferung durch die Lanbwirtschaft kann zur Zeit leine Rede sein. Aufgabe der Verbraucherkreise ist es, sich von jetzt an fürdenWintrrein- z u d e cl c n Zu irgendwelcher Beunruhigung oder zu einer Aeberstürzung beim Kartoffeleinkauf, die höchstens ein Anziehen der Preise verursachen könnte, liegt kein Grund vor. Seitens der Landesregierungen sind Marktnotierungskommissionen zur Votierung der Kartoffelpreise entsprechend den Weisungen des Reichsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft unter Hinzuziehung von Vertretern dec Verbraucher gebildet worden. Um zu verhindern, dast in einzelnen Bezirken nach verschiedenen Grrtndsähen Preise notiert werden, hat im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft eine Besprechung mit den Vertretern der wichtigsten Ro- tierungsbezirie stattgefunden, in der für die IGrundsätze der Rotterungen Richtlinien vereinbart wurden. Die Rotierungskommissionen haben danach die Erzeugerpreise zu notieren, d h. Diejenigen Preise, die dem Erzeuger frei Verlade- 'station (Vollbahnstation) zu zahlen sind. In den- . jenigen Bezirken, in denen bisher nur Groh- Handelspreise, d. h. die Preise, die be- . stimmt smd, auher den Erzeugerkosteir auch die Kosten des Grosthandels und der Fracht zu decken, soll darauf hingewirkt werden, dast zur Vertneidung von Verwirrungen derartige Preis- Notierungen bis auf weiteres unterbleiben. Die Rotierungen sollen überall gesondert erfolgen für weihe, rote und gelbfleischige Kartoffeln. Eine besondere Notierung für Lieferungsvertragskartoffeln darf nicht stattfinden. Die notierten Preise gelten von Tag und Stunde der Rotierung ab bis zur Vornahme neuer Rotierungen durch die Rotierungskommissionen. 3n Preuhen sind Rotte- rungskommisswnen gebildet in Königsberg, Allen- stein, Stettin, Berlin, Breslau. Magdeburg, Erfurt, Hannover, Köln, Frankfurt a. M. und Kassel. Außerdem sind Notierungskommissio- nen gebildet in Schwerin, Hamburg, Dresden, München und (Stuttgart.
Das Schulgeld für den Besuch der Landwirtschaftlichen Schulen.
Mit Rücksicht auf die fortschreitende Geldentwertung hat das Ministerium für Arbeit
und Wirtschaft. Abt. für Ernährung und Landwirtschaft, das Schulgeld für den 0r» deutlichen Lehrgang an den hessischen Landwirtschaftlichen Schulen mit Wirkung vom Beginn des Schuljahres 1922/23 an auf 1 20 0 Mark für Hessen, und 1500 Mark für Nichthessen festgesetzt.
Neue Reichsbanknotcn zu 1OOO Mark.
3n der nächsten Zeit werden neue Reichsbanknoten zu 1 000 Mark auS- gegebeu werden. Sie sind 160 x 85 Millimeter groß und auf weißem Papier mit hell- und dunkelwirkendem Wasserzeichen gedruckt. Das Wasserzeichen besteht aus einem Muster, welches aus geradlinigen Figuren in Form eines „Z“, und aus sechseckigen Sternen gebildet wird, innerhalb welcher hell auf dunklem Grunde die Buchstaben „G“ und „D“ abwechselnd wiederkehren.
Die Vorderseite zeigt einen 7 Millimeter breiten, unbedruckten Papierrand. Das rechteckige Druckbild der Vorderseite ist von einer dunkelgrünen Zierleiste mit griechischem Palmetten-Ornament eingefaßt und enthält die ebenfalls in dunkelgrüner Farbe gedruckte Beschriftung. Der Untergrund derselben besteht aus einem Muster, das aus wellenförmigen, untereinander verschlungenen Bändern mit der sich wiederholenden Inschrift „1000 Mark" gebildet wird und in verlaufenden Farben: rechts und links grün, in der Mitte violett, ausgeführt ist. Meder diesem Muster liegt ein zartes, aus diagonal laufenden, geraden Linien gebildetes Retz in graubrauner Farbe, aus dem sich, in der Mitte der darüber gelegten Schrift, die große Wertzahl „1000“ mit einer ornamentalen Mmrahmung dunkel hervorhebt. Der in deutscher Schrift gehaltene Text hat den üblichen Wortlaut, außerdem noch die Bemerkung: „Vom 1. Januar 1 923 ab kann diese Banknote aufgerufen und unterMmtauschge- gen andere gesetzliche Zahlungsmittel eingezogen werde n.“ Zu beiden Seiten der Unterschriften stehen die ebenfalls dunkelgrünen Konttollstempel mit dem Reichsadler und der Umschrift „REICHS- B/VNKDIREKTORIUM“, links vom Text befindet sich eine große ornamentierte Wertzahl „1000“, oberhalb derselben die Rümmer mit dem Reihenbuchstaben, und unterhalb, in fünf Zeilen, der in deutscher Schrift gehaltene Strafsatz. 3n der rechten oberen Ecke sind zwei Kennbuchstaben angebracht. Sowohl die große Wertzahl als auch die Nummer mit Dem Reihenbuchstaben, der Strafsatz und die Kennbuchstaben sind ebenfalls in dunkelgrüner Farbe gedruckt.
Die Rückseite, die gleichfalls einen 7 Millimeter breiten, weihen Papierrand besitzt, zeigt in der Mitte eine große, reich ornamentierte Vignette In grüner Farbe, die von einem zart gemusterten Liniennetz von grauer Farbe und rechteckiger Form überdeckt wird. 3n dieses Liniennetz eingearbeitet erscheint in der Mitte der Vignette eine große, dunkel umrandete Wertzahl „1000“ in Heller, und zu beiden Seiten derselben die Worte „Mark“ in dunkler Wirkung.
** Amtliche Person alnachrich- te n. Am 28. September wurde der Vermessungsinspektor Karl Metzger zu Darmstadt vom 1. Oktober lfd. Zs. ab zum Vermessungsoberinspektor beim LandesvermessungSamt ernannt. — 3n den Ruhestand versetzt wurde am 22. September der Lehrer an der Volksschule zu Traisa (Kreis Darmstadt) Peter W o l f auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner dem Staat geleisteten Dienste mit Wirkung vorn 1. Oktober 1922 ab. — Zum Vorsitzenden des Tumultschadenausschusses für die Provinz Rheinhessen ist an Stelle des Oberregierungsrates Schön der OberregierungSrat Herberg in Mainz, und zum stellverttetenden Vorsitzenden an Stelle des Regierungsassessors See der Regierungsassessor Dr. Walther in Mainz bestellt worden.
** Der Ankauf von Gold für das Reich durch die Reichsbank und die Post erfolgt in der Woche vom 2. bis 8. Oktober unverändert wie in der Vorwoche zum Preise von 5000 Mk. für ein Zwanzigmarkstück, 2500 Mark für ein Zehnmarkstück. Für die ausländischen Goldmünzen werden entsprechende Preise gezahlt.
"* Neue Z u g v e r b i n d u n g zwischen Grün berg und Reiskirchen. Vom 2. Oktober 1922 an wird der Güterzug 8904, G r ü n b e r g (Hessen) ab 5.33 Uhr nachmittags, für die P e r s v n e n b e f ö r d e ° rung bis Reiskirchen versuchsweise bis auf weiteres freigegeben. Sollten sich betriebliche Schwierigkeiten ergeben, dann muß diese Anordnung wieder aufgehoben werden.
** Ueber die Gewährung von Unterstützungen an die Empfänger vonRuhegehaltenundHinterblie- benenbezügen der Hessischen Versicherungsanstalt für gemeindliche Beamte gibt eine Bekanntmachung im heutigen Anzeigenteil Auskunft.
** Erhöhung der Theater- Abonnementspreise. Durch die wesentliche Steigerung der Kosten aller Lebensbedürfnisse, die auch eine bessere Bezahlung der Theaterkräfte bedingte, ist, wie man uns mitteilt, eine Erhöhung der bekanntgegebenen Theater-Abonnementspreise um 50 Prozent unumgänglich nötig geworden. Eine Bekanntmachung über die Ausgabe der Abonnements- blvcks wird in unserer morgigen Nummer erscheinen.
** Verunglückte Paketpost. Amtlich wird mitgetcilt: Am 26. Sept., abends 11 Uhr, ist der Eilgüterzug 6063 Köln — Holzminden — Berlin auf dem Bahnhofe Burg (Bz. Magdeburg) durch Auffahren eines Bedarfsguterzuges verunglückt. Ze ein Postpäckereibeiwagen aus Köln und Kassel, mit Paketen für Berlin und das östliche Deutschland befrachtet, sind völlig zertrümmert worden. Hierbei hat auch zweifellos eine Beschädigung der Pvstladung stattgefunden. Nähere Nachrichten liegen hierüber noch nicht vor. Weitere Mitteilung bleibt Vorbehalten.
** Der Hessische Landesforstver- ein und der Hessische Oberförsterverband hielten vor einigen Tagen in Alzey ihre Tagungen ab, die sich eines sckhr guten Besuchs erfreuten. Die Leitung lag in den Händen des Oberforsttnersters Heyer: Finanzminister Henrich und Landforstrnc-ister Dr. Weber ivohnten den Veranstaltungen bei. Ter erste Tag war den Verhandlungen des OberförsterverbanÄ^s gewidmet: die reiäühaltige Tagesordnung brachte ernste und anstrengende Arbeit. Mit der Tagung des Landcsforstvereinö. in deren Mittelpunkt ein Vortrag über die „Überführung und Hochwaldwirt- schäft in der Oberförsterei Alzey" stand, war eine Lehrwanderung in den Staatswald Dorholz bei Morschhttm verbunden. Schöne, lehrreiche Wald- bilder wurden gezeigt, die bewiesen, daß die Waldwirtschaft auf dec Höhe steht und in guten Händen liegt. 'Bei der Rast im Hollahaus wurden die VereinsangelcgenHeiten erledigt. Für 1924 wurde Eichelsdorf (Oberhsfsen) als Tagungsort gewählt.
** „Luise Mi llerin", ein Film nach Schillers „Kabale und Liebe", wird feit gestern bis einschl. Donnerstag im Lichtspielhaus Bahnhofstraße gezeigt Prächtige Bilder ziehen in diesem sechsakttgen Film an oem Auge des Besuches vorüber, tief führt die Handlung m das Reich der Historie hinein, in eine Zeit, deren Sitten und Gebräuche uns so weit entfernt liegen, und die doch einen starken Eindruck bei denen auslöst, die mit warm empfindenden Herzen einer solchen Aufführung folgen. Von besten Filmdarstellern gespielt, unter denen man Personen von hoher künstlerischer Geltung findet, und in technischer Hinsicht meisterhaft gestattet, ist dieser Film eine vortreffliche Tat auf dem Gebiete der Kinokunst. Zeder Besucher wird von diesem Film in hohem Maße profitieren. — Eine recht gelungene Filmgrvteske sorgt dafür, daß auch dem Erheiterungsbedürfnis volle Befriedigung wird.
Wettervoraussage
für Mittwoch:
Wolkig bis heiter, Frühnebel, schwache Winde, W
Unser Beobachtungsgebiet kommt wieder unter den Einfluß hohen Drucks.
Vornotizen.
— Tageskalender für Dienstag. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Luise Millerin" und „Gr, der Pechkavalier".
— Freiwillige S a n i tä t s ko l o n n e vom Roten Kreuz Gießen. Ein Ausbildungskursus in der ersten Hilfeleistung beginnt am 10. Oktober. (Siehe Anzeige.)
Kreis Friedberg.
sf. Friedberg, 2. Oft. Am 1. Oktober waren 25 Za hre verflossen, seit die beiden Bahnlinien Friedberg — Hungen und Friedberg — Nidda eröffnet und damit einem langgehegten Wunsche eines großen Teiles unserer Provinz Rechnung getragen würde. Von
Die Herweghs.
Erne rechtsrheinische Geschichte von Liesbet Dill.
6. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Za, so kommt man zu einem Schwiegersohn," Kollin strich seinen schwarzen Knebelbart. „Din zwar nie für Gymnasiastengeschichten gewesen, nichts für ungut, meine Damen. Zch halte nämlich nicht viel von Zugendlieben, denn man verändert seinen Geschmack mit den Zähren, man sott sich nicht zu früh verankern."
„Da muh ich Ihnen widersprechen," nahm Fräulein Schmidt das Wort, „denn mein Bräutigam und ich hatten uns auch schon in der Schule gefaimt.“
„Na ja. aber die Geschichte ist doch nicht zum Klappen gekommen," sagte der gemütliche Schwiegervater, der ihr mit seiner Mokkatasse auf dem viel zu kleinen X-Stuhl gegenüber sah.
„Za, aber nur, weil mein Bräutigam an der Rose starb," sagte Fräulein Schmidt und sah Herrn Kollin strafend an.
„3m allgemeinen ist es. wie ich sage," fuhr der hartnäckige Kollin fort, „und wir wollen hoffen, daß es hier eine Ausnahme wird. Bin mehr für Liebe in reiferen Zähren, in unseren Zähren, Frau Major, da kennt man sich wenigstens," er llopfte der schönen Frau auf den weißen dollen Arm. „Wir kennen uns alle in der Mainzer Straße. Mein Haus ist zwar das einzige, in dem Fräulein Schmidt nichts zu sagen hat, hahaha."
„3a, Gott fei Dank," sagte diese, welche diese
Bemerkung überflüssig sand. „Behalten Sie es nur, mein Bedarf an Häusern ist gedeckt."
„Und wir beide kennen uns auch." wandte sich Herr Kollin an den Lümmel, der an die Wand gelehnt dastand und sich zurückhaltend verhielt, denn er wußte, daß jetzt die Siourgeschichte kam. Und sie kam. „Zch gehe eines Mittags nach Tisch einmal vor das Haus," fing Kollin behaglich an, „will meinen Verdauungsspaziergang machen, und denke an nichts Böses, da fährt mir auf einmal von hinten eine Gabel In den Hals, eine rostige Küchengabel I Die sticht mich daß ich denke, meine letzte Stunde ist gekommen, und ich sehe in einem Hausgang eine Rotte Buben verschwinden, von denen mir der eine bekannt vorkam Zch — nicht faul — gleich hinter ihnen her."
„Immer mit der Gabel im Halse?" fragte die Generalin entsetzt.
„Ree. die hatt' ich 'rausgenornmen. aber ich wollte doch den Kerl kriegen, und ich fing auch einen, aber es war dec falsche, denn dieser junge Mann," er wies auf Herbert, „war schleunigst über den Gartenzaun in ein fremdes Haus entwischt." Dann hatte er einen wochenlangen Kamps geführt mit der Siouxbande. Er hatte sie in der Schule angezeigt. „Ordnung muß sein, meine Damen, die Bengels wurden bestraft. Dafür rächten sie sich nun, indem sie bei mir schellten und dann fortliefen oder mich antelephonierten und mich „in wichtigen geschäftlichen Angelegenheiten" irgendwohin bestellten „Reisender Müller", nicht wahr? Und dann war keiner da. Eine Wut hatte ich auf die Gesellschaft und triegte doch keinen zu packen. Ra, das ist also jetzt begraben unj) vergessen, wie des Sängers Auch." Er schüttelte dem Lümmel die Hand.
„Es hätte Sie ja auch in die Schlagader treffen können, Herr Kollin," meinte die Generalin.
„Bei Ihnen erlebt man wenigstens noch etwas," sagte Fräulein Schmidt zu Frau von Her- wegh. „Einmal verlobt sich einer, dann wird Ihnen das Geld aus dem Schreibttsch gestohlen. Haben Sie das auch gehört, Frau Kollin?
Natürlich hatte es Frau Kollin gehört, von den Hertveghs sprach ja die ganze Straße. Und der Schreibtischoiebstahl, der noch bis heute unaufgeklärt war, machte noch einmal die Runde. Die Generalin war gerade an der spannenden Stelle: „Und mitten in der Rächt hörte Frau von Herwegh Plötzlich nebenan etwas rascheln und sie machte Licht," als Lutz, der auffallend bleich geworden war. sich rasch erhob und hinausstürmte, so rasch, wie Ernst vorhin seine Braut holen lief, aber er lief nur zu Trina in die Küche.
Die anderen hatten kaum darauf geachtet, denn die Generalin trug die Geschichte vortrefflich vor. wobei ihr Fräulein Schmidt sekundierte: „Es war halb zwölf, Frau General, ich weih es ganz genau, denn ich hatt' grab' mei' Uhr aufzvge, da kam die Trina herauf und rief: Fräulein Schmidt, uns sind zweitausend Mack aus dem Schreibttsch gestohle worbe'!"
Unb Kollins wunderten sich, wie sich alle Leute gewundert hatten, bah einem so etwas passieren kann.
„Und nie ist es herausgekommen, denke' Sie, Herr Kollin."
„Trotz der Polizei, die sich so bemühte . . . sogar ein Kriminalist war dabei."
„Ha, die Blase," sagte Kollin mit tiefer Verachtung, seine Kaffeetasse von sich schiebend. Und er gab nun seinerseits ein Erlebnis zum
welch hoher Bedeutung dieses Ereignis für die Erschließung dec Wetterau und die Hebung des Verkehrs gewesen ist. braucht Wohl kaum näher aus- aeführt zu werden: man kann ruhig behaupten, daß die Erwartungen, die man an die Eröffnung dieser beiden Strecken knüpfte, nicht nur erfüllt, sondern bei weitem übertroffen wurden, so daß sie zu den be st rentieren den Bahnanlagen Hessens gehören. Ganz besondere Bedeutung erlangte die Dahn dadurch, daß ohne sie die Anlage der großen elektrischen Zentrale, die den weitaus größten Teil unserer Provinz mit elektrischer^ Kraft und Licht versorgt, unmöglich gewesen wäre. Von den Beamten, die damals an die Strecke verseht wurden, versehen noch eine Anzahl jetzt ihren Dienst z. B. die Stationsvorsteher Bender in Melbach Volzendorf in Wöllersheim-Södel, W e h - ganb in Derstadt-Wohnbach: die Genannten haben es verstanden, sich bei ber Bevölkerung durch ihr entgegenkommendes Wesen allgemeine Beliebtheit zu erwerben.
Starkenburg und Rheinhessen.
NN. Darmstadt, 2. Oft. Die „Hessische Lan d es ze i tu n g" wird mit dem heutigen Jage vorläufig in der Druckerei des „T ä g l i ch en Anzeigers" hergestellt. Lokale, wirtschaftliche und allgemeine Nachrichten werden beide Blätter gemeinsam bringen, während die Politik in getrennten Redaktionen bearbeitet und entsprechend in den Blättern geführt wird.
wd. MaiNz, 2. Oft. Für die Erneuerung des im 15. und 16. Zahrhundert erbauten K u r f ü r st l i ch e n S ch l o s s e S hat die Stadt Mainz seit Jahren große Opfer gebracht. Nunmehr ist die Stadt gezwungen, die W i e - derherstellungsarbeiten einzustellen, weil eSanGeldkehlt. Die letzten zwei Millionen Mark wurden jetzt von den Stadtverordneten bewilligt, um die Gerüste und die Reste der Dautättgkeit wieder zu entfernen. Die Arbeiten bleiben im Rohzustand liegen und nur das Notwendigste soll ganz primitiv fertiggestellt werden, damit die wertvollen Sammlungen so untergebracht werden können, daß sie nicht verderben. Es wird eine Tafel angebracht werden, die künftigen Geschlechtern zeigen soll, unter welcher Kulturnot die heuttge Generation litt.
Hessen-Nassau.
fpd. Frankfurt a. M., 2. Oft. Für heute nachmittag hatten die Kommunisten auf den Römerberg eingeladen. Der Erfolg entsprach nicht den Erwartungen. Unter den etlichen hundert Anwesenden befanden sich mindestens 75 Prozent Neugierige. Die Veranstaltung, die sich gegen den Wucher richten sollte, war im Grunde aber nur ein Vorwand, denn die Redner bekämpften in ihren Reden lediglich die sozialdemokratische Partei. Ein Demonstrationszug bewegte sich unter Beteiligung von knapp 150 Personen durch die Sttaßen. Während der Veranstaltung drangen halbwüchsige Burschen-und Mädchen in die am Römerberg stehende alte Nikvlaikirche und trieben von der Galerie aus allerlei Unfug; u. a. versuchten sie auch die Glocken zu läuten, wurden aber schließlich aus dem GotteS- hause verttieben.
fpd. Limburg, 2. Oft. Die Werksanlagen ber Grube Rassau bei Schönberg wurden am Sonntag infolge Brandstiftung v ollst ä n b i g eingeaschert. Das ist bas dritte Mal innerhalb dreier Zahre. Die Verwaltung hat auf die Ermittlung ber Brandstifter eine Belohnung von 50 000 Mk. ausgesetzt.
* Marburg, 2. Oft. Die Verbrauch e r des Kreises Marburg in Stadt und Land haben sich zu einer Genossenschaft zu- sammengeschlvssen, deren Mitglieder sich durch direkteVerbi ndungmit den Erze u- g e r n mit allen landwirtschaftlichen Erzeugnissen unmittelbar versorgen wollen. Als nächste, unverzüglich zu lösende Aufgabe hat man die Versorgung der Haushalte mit Kartoffeln ins Auge gefaßt. Die Beschaffung der Kartoffeln ist so gedacht, daß der Erzeugerverband, Kreis Marburg, die ihm von den Verbrauchern bestellten Kartoffeln bei den Landwirten durch sofortigen Kauf zum Preise am Tage der Lieferung sicherstellt und abnimmt. Der den Landwirten zu zahlende Tagespreis soll durch eine Kommission, bestehend aus Vertretern der Erzeuger und Verbrau-
Heutiger Staub des Dollars
10 Uhr vormittags:
Berlin 1890, Frankfurt 1870—1880.
besten, das ebenso aufregend begann unb ebenso ergebnislos verlaufen war, da ihm ber Kriminalbeamte, dem er mitgeteilt, baß jede Nacht ihm jemanb ferne Kohlen in einem Handwagen aus dem Keller entführte, erwidert hatte: „Za, da kann ich doch nichts dafür!" Wie aber Kollin ber hiesigen Polizei auf bie Deine geholfen hatte unb zuletzt bte Diebe dadurch entdeckt hatte, indem er einfach seinen Hausmann um Vorlegung seiner Kohlenrechnung des letzten Winters ersuchte. Und ein allgemeines „Sehen Sie mall" der Bewunderung zollte der Klugheit des reichen Weinhändlers Lichtung. Man unterhielt sich so lebhaft, daß man weder die Klagetone hörte, die aus ber Küche drangen, noch bemerkte, baß sich bas Brautpaar in ben Salon zurückgezogen hatte. Nur Fräulein Schmidt schob still bie Flügeltüren hinter ihnen zu, dem Lümmel ben Eintritt verwehrend, Der behauptete, er habe seine Taschenlaterne dort gelaffen. „Gin Brautpaar muß einmal allein sein."
Die Wogen allgemeiner Fröhlichkeit hoben sich aber noch, als ber Kollinsche Hausbursche mit einem Korb Wein eintraf und ber Koch aus dem „Mainzer Hof“ endlich das Abendessen schickte, auf das Frau von Herwegh schon mit Ungebufö gewartet hatte, beim Trina konnte man „es nicht mehr zumuten". Darüber waren sich alle Hausfrauen einig. Fräulein Schmidt hatte sich erboten, draußen mitzuhelfen, sie stand mit aufgesteckter Schleppe am Küchentisch unb spülte die Tassen. „Wir vom Rhein sind nit so, gelt, Frau Kollin?" Sie handhabte energisch das Spülburst chen. „Wir greifen zu!" Frau Kollin, die aus Unkel war. nickte dazu, während sie den Neptun 'ber Meißener Konsektschale sorgsältigst abtrocknete. (Fortsetzung folgt)


