Ausgabe 
3.10.1922
 
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Ar. 252

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Dienstag. 3. Moder 1922

1Z2. Jahrgang

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vnttk und Verlag: vrühl'sche Univ.-Vuch- und 5teindruckerei R. Lange. Zchriftleitung, Geschäftsstelle und vruckerei: Zchnlstrahe 7.

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Der Reichskanzler über die Schuldfrage

Der Reichskanzler erflärte Vertretern ausländischer Zeitungen über die Schuldfrage u. a.:

Während wir alles zur Verfügung stellen, um unseren Beitrag zu der mühsamen Arbeit einer restlosen Aufdeckung der Wahrheit über die Schuld vom Weltkrieg zu liefern, verfolgen wir natürlich mit gespannter Aufmerksamkeit alle anderen Pu- bliftttionen, die neue Ausschlüsse enthalten. Daß durch sie ebenfalls bedeutsames Material zutage gefördert wird, zeigt nicht nur das von der Sowjetregierung kürzlich veröffentlichte Aktenmaterial sowie oas in Paris erschienene Livre noir", sondern auch eine soeben von dem früheren Gesandten Freiherrn v. Romberg herausgegebene Sannnlung diplomatischer Doku­mente über die Fälschungen des russischen Orange­huches. Dav Buch enthält den vollständigen Tele­grammwechsel zwischen der russischen Botschaft in Paris und dem russischen Auswärtigen Amt inPetersburg während der sogenanntenschwarzen Woche" Ende Juli 1914. Hält man neben diese Sammlung von Depeschen das offizielle russische Orangebuch", das zu Kriegsanfang aus dem gleichen Aktenmaterial zusammengestellt wurde, um die Haltung Rußlands bei Kriegsausbruch zu rechtfertigen, so erkennt man sofort, das) im Orangebuch" vieles weggelassen und entstellt wurde, um vor der Welt einen falschen Ein­druck zu erwecken.

So enthält z. D. eine Depesche des russi­schen 'Geschäftsträgers in Paris vom 24. Juli 1914 in ihrer ursprünglichen Fassung einen Sah, der in der offiziellen Ausgabe weggelassen wurde, obwohl oder besser, weil er auf die Rolle Deutschlands ein günstiges Licht wirst. Er lautet: Deutschland wünscht Heist die Lokalisie­rung des Konfliktes, da die Einmischung einer anderen Macht auf Grund der bestehenden Ver­träge unberechenbare Folgen nach sich ziehen müßte." Hier zeigt sich also, dast man auch auf der Gegnerseite genau wustte, dast Deutschland die Entfesselung des Weltkrieges nicht wollte, son­dern danach strebte, den Streit zwischen Oester­reich-- Ungarn und Serbien einzudämmen.

Sehr charakteristisch ist ferner, dast die V e r - mittlungsversuche, die Deutschland wäh- während der kritischen Tage in Paris unternahm, in der offiziellen Ausgabe entstellt, die Schritte des deutschen Botschafters vom 28. und 29. Juli sogar unterdrückt wurden, weil aus den Original- Depeschen Iswolskis, des bekannten r-ussischenBot­schafters in Paris, hervorgeht, dast diese Schritte an der ablehnenden Haltung der französischen Re­gierung scheiterten. Auf der arrdern Seite können wir jetzt an der Hand de.- unverkürzten Dokumente klar erkennen, dast Ruhland von vornherein jeg­liche Vermittlung der Mächte ablehnte. Denn am 27. $uli telegraphierte der russische Außen- minister Sasonow nach Paris und London: Wenn es sich darum handelt, irgendeinen mähi- genden Einsluh in Petersburg auszuüben, so weisen wir einen solchen von vornherein zurück, da wir von Anfang an einen Standpunkt ein­genommen haben, an dem wir nichts ändern können, weil wir bereits allen annehmbaren For­derungen Oesterreich-Ungarns entgegenkommen."

Sogleich lästt sich beobachten, dast von fran­zösischer Seite tatsächlich auch nicht der geringste Versuch gemacht wurde, auf Rustland im Sinne der Nachgiebigkeit einzuwirken. Iswolski stellte vielmehr an einer Stelle, die imOrangebuch" gleichfalls ausgemerzt ist, mit Genugtuung fest, dast Paris jeder Gedanke an eine Einwirkung auf Petersburg durchaus fern liege. Ganz im Gegen­teil gab man Petersburg immer wieder die Ver­sicherung unbegrenzter Llnterstühung. So meldet z. B. Iswolski in einem Telegramm vom 20. Juli, dast der ftanzösische Minister­präsident Viviani sich sofort nach seiner Rückkehr aus Rustland zu ihm in diesem Sinne geäußert habe. Selbst als die Rachricht von der all­gemeinen Mobilmachung in Rustland einlief, wurde die bedingungslose Zusage erneuert. Denn rn diesem Augenblick meldet ein Telegramm des russischen Botschafters:Die französische Regie­rung ist bereit, alle Dündnispflichten zu er­füllen."

Sie sehen aus diesen wenigen Proben, dast au'ch das n^c Aktenwerk bedeutende Beiträge zur weiteren Klärung der Frage nach der Ge­schichte des Kriegsausbruchs bringt.

Viviani gegen die Aeuherungen Wirths.

Paris, 2. Oki. (WB.) Abgeordneter Bi- dtani, der bei Kriegsaus bruch Mi­nisterpräsident war, veröffentlicht durch Havas eine Erklärung gegen die Aeuherungen, die Reichskanzler Dr. Wirth vor Pressevertre- tern über die von dem ehemaligen Gesandten von Romberg veröffentlichten Dokumente über die Kriegsursachen gemacht hat. Rach einer Ein­leitung, in der Viviani von sorgfältig vorberet- tetcn Dokumenten spricht, erinnert Viviani den Reichskanzler daran, man müsse mit etwas mehr Bescheidenheit von diploma­tischen Archiven sprechen, wenn man der Chef eines Landes sei, das vier Jahre hindurch alle Dokumente beschlagnahmt habe, die es ab- gesandt oder empfangen hätte, so dast das Weist- buch von 1914 nur einige Dutzend Dokumente enthalte, während das Weißbuch, das von der öffentlichen Meinung im Jahre 1919 erzwungen wurde, annäbernb 800 Dokumente enthalte. Was jetzt entscheide, seien die ersten Akten der Re­gierungen, die in den Krieg verwickelt worden seien und die durch bekannt gewordene Instruk­tionen und durch bekannte Demarchen zum Aus­druck kamen, sowie durch die alücklichen und un­

glücklichen Rückwirkungen dieser Demarchen. Wirth behaupte, dast am 28. Juli Iswolski der russi- chen Regierung mitgcteilt habe, dast Frankreich ihm unbegrenzten Beistand versprochen habe. Is­wolski fei am 28. Juli in Paris eingetroffen, hätte seinen Dienst wieder übernommen und die beiden Botschafter der Mittelmächte empfangen. In der Rächt zum 30. Juli um 2 Uhr sei Is­wolski ins Ministerium gekommen und hätte de Morgerie eine Depesche mitgeteilt, in der Sas­onow angesichts des deutschen Ultimatum^, das noch unaufgeklärt sei, weil Rustland nur auf der österreichischen Front als Antwort auf die öster­reichische Mobilisierung mobilisierte, ihn Viviani. befragte, was Frankreich zu tun gedenke. Be­vor der- Reichskanzler spreche, wie er gesprochen habe, hätte er aus dem Gelbbuch die Depesche 110 erwähnenn können, worin er, Viviani, nach Pe­tersburg und London drahtete: Frankreich ist entschlossen, alle Allianzverpflichtungen zu erfül­len. Es wird im übrigen nichts vernachlässigen, um eine Lösung des Konfliktes im Interesse des allgemeinen Friedens hcrbeizusühren Die zwi­schen den weniger interessierten Mächten einge- leiteten Verhandlungen gestatten noch die Hoff­nung, dast der Frieden aufrechterhaltcn werden kann. Hier habe man die ganze französische Politik: Tie Allianzen vor Lockerungen zu bewahren, die Frankreich isoliert hätten und im Interesse des allgemeinen Friedens die vermittelnde Aktion Englands und Italiens in Einklang zu bringen. Palcologue antwortete am anderen Tage (Gelbbuch, Rr. 2): Sassonow, dem ich Ihren Wunsch, alle militärischen Mihnahmen zu ver­meiden, die Deutschland einen Vorwand zur all­gemeinen Mobilisierung geben könnten, unter- I breitete, antwortete mir, dast gerade im Laufe der letzten Rächt der Generalstab gebeten wurde, militärisch: Maßnahmen aufzuschieben, um jedes Mißverständnis zu vermeiden. So also einigte sich die Haltung Frankreichs am 29. Juli mit der Rußlands Lu einer entgegenkommenden Politik, die durch die Verhandlungen zum Ausdruck komme.

Viviani fährt dann fort: Im Augenblick des Ultimatums, das dem Krieg mit Rustland vor­angegangen sei, erklärte Deutschland und das vergesse Wirth, bevor es auch nur die russische Mobilisierung gekannt habe, den Zustand der drohenden Kriegsgefahr, der für alle ernsten Leute der Mobilisierung gleichkomme. In diesem Augen- I blick hatte von Schön den Austrag, die Reutrali- | tat Frankreichs zu verlangen. Gr wagte nicht, so weit zu gehen und begnügte sich damit, ihn Viviani, zu fragen, was Frankreich tun würde. Viviani antwortete ihm, Frankreich werde seine Interessen prüfen, aber es sei selbstverständ­lich, dast Frankreich nur seinen Verbündeten Rechenschaft schulde. Er, Viviani, bilde sich ein, dast man nicht von einem Lande, das um seine Ehre besorgt fei, verlangen könne, seine Unter- schrift zu verleugnen. Frankreich war so pazifisti­schen Geistes, dast es am 31. Juli mittags seine Truppen um zehn Kilometer zurücknahm, was, wie man zugestehen werde, mit einer kriegerischen Politik unvereinbar gewesen sei. Es mobilisierte zuletzt von allen (am 1. August) in Europa, einen Tag nach Deutschland. Was man auch sage, der Zustand der drohenden Kriegsgefahr sei doch eine Mobilisierung, und der deutsche Generalstab erklärte, dast die Mobilisierung der Krieg sei. Warum diese Verzögerung, fragt Viviani? Weil am 31. Juli ein neuer Verhandlungsvorschlag von Sir Edward Grey gemacht wurde. Oesterreich end­lich begann mit Rußland zu verhandeln, was alle Hoffnungen wieder belebte. Vielleicht werde der Reichskanzler dem Worte seines eigenen Bot­schafters einige Autorität zusprechen Er, Vi­viani wisse nicht, was man Iswolski in den Mund lege. Was er wisse, sei das, was von Schon gesagt wurde. Viviani greift folgende Stellen heraus: 29. Juli 1914 (Deutsche Dokumente, Band II Rr. 345). Der französische Minister wäre uns dankbar, wenn wir ihn auf dem Laufenden hielten über unsere Bemühungen, gegebenenfalls uns an darauf hinzielenden Schritten in Petersburg zu beteiligen. Dies, so fuhr Viviani fort, sei anscheinend der Grund, weshalb Wirth zufolge Frankreich es ablehnte, in Petersburg Schritte zu tun. Ferner unter dem 29 Juli 1914:Rach Viviani wäre es das beste Mittel zur promptesten Vermittlung-aktion in beliebiger Form zu schreiten. Viviani müstte nicht die Hoffnung aufgeben, dast der Frieden erhalten bleibt, den man hier aufrichtig wünscht." Ferner: Paris, 31. Juli 1914 (Deutsche Doku­mente Rr. 483). Dank der Behauptungen der Re­gierung ist die öffentliche Meinung heute etwas weniger erregt Die Hoffnung auf einen Erfolg der im Gange befindlichen Verhandlungen belebt sich wieder. Der Verdacht, dast wir zum Kriege trie­ben, verflüchtigt sich. Für den Fall, dast der Frieden nicht gewahrt werden könnte, ist die öffentliche Meinung resigniert und entschlossen!"

Ties, so fährt Viviani fort sei dasselbe Da­tum, an dem, Wirth zufolge. Frankreich für den Krieg gewesen wäre. Ferner: 31. Juli. (Teutsche Dokumente Rr. 528.)Ich stellte um 7 Uhr die Frage. Der Ministerpräsident hat mir gesagt, er hätte keinerlei Rachricht von einer allgemeinen russischen Mobilisinmng. sondern nur von Vorsichtsmahregeln In'olgebessen wolle er nicht alle Hoffnung aufgeben, dast die äuherlichen Mahnahmen vermieden werden. Er habe die Ant­wort auf die Reutralitätsfrage bis spätestens morgen nachmittag 1 Uhr versprochen. Eine weitere Depesche fei in Rr. 598 der deutschen Dokumente: 1. August 1914. In einer neuen Unterredung mit dem Mimsterpräsideuten um 51 Uhr hielt dieser trotz meines Drängens die Formel von heute nachmittag in besag auf die

Die Lage im Orient.

Paris, 2. Oft. (WTD.) DasJournal des D6bats" beurteilt die Lage im Orient wie folgt. Es sei heute möglich, der Zukunft mit weniger Beunruhigung entgegenzusehen, da die durch die Orientereignisse erfolgte Krisis jetzt behoben zu sein scheine. Die türkischen und alliier­ten Militärdelegierten würden morgen in Mu - da'nia zusammentreffen. Die Truppen, die Mustapha Kemal in die Zone von Tscha- nak eingeführt habe, hätten ihren Rückzug begonnen. Andererseits würden die Alliierten die Ordnung in Thrazien sichern, bis eine endgültige Entscherdung Thraziens den Türken zurückerstatten werde. Unter diesen Umständen dürfe man einer friedlichen Regelung der Orient- frage entgegensehen, ohne sich zu verholen, dast die Verhandlungen langwierig und heikel fein würdew Indessen sei das erste Ergebnis, so wie es vorliege, zufriedenstellend, wenn man an die Fol­gen denke, die die letzten Ereignisse fast gehabt hätten.

Die Haltung der Türkei.

P a r i s, 2. Oft. (WTB.) Rach einer Havas- Meldung aus Angora hat die Rational­versammlung die Halttmg der Regierung in der Orientfoage einstimmig gebilligt. Die Re­gierung sei von der Versammlung ermächtigt worden, einen Vertreter zur Vorkonferenz in Mudania und weitere Vertreter zur dem- nächstigen Friedenskonferenz zu entfenben

Paris, 2. Oft. (WTB.) Der Außenminister der Rationalversammlung von Angora hat am

Haltung Frankreichs im Falle eines russischen Krieges aufrecht. (Es handelt sich, so fügt Vi­viani hinzu, um seine Erklärung, daß Frankreich seine Interessen gner Prüfung unterziehen würde.) Der Ministerpräsident hat mir erklärt, daß die soeben angeordnete Mobilisierung (erster Tag, Sonntag) keineswegs die Bedeutung von aggressiven Absichten habe, was ja auch durch Proklamationen bestätigt wurde. Es sei immer noch Platz für die Fortführung der Verhandlun­gen auf der Grundlage des Greyschen Vorschlages, dem Frankreich zustimme und den es gern unter­stütze. Man habe französischerseits Sorge da­für getragen, Grenzzwischenfälle durch Evaku­ierung der Zehnlilometerzone zu verhindern. Vi­viani wolle nicht auf die Hoffnung verzichten, daß der Friede erhalten bleibe. So habe der seit 5 Jahren in Paris wohnende deutsche Bot­schafter, der sich lange mit chm, Viviani, unter­halten und der im übrigen auch anderswo Er­kundigungen eingezogen habe, wie das sein Recht gewesen sei. die Gemütsverfassung der französi­schen Regierung beurteilt. Man sei den Franzoseir eine Erklärung schuldig, warum in den ersten deutschen diplomatischen Veröffentlichungen die Depeschen des deutschen Botschafters völlig be° fettigt seien. ... -

In Folgendem fallt sich Viviani kurz: Er wolle nur an einige Mte der russischen Regierung erinnern, die einzig in Rechnung kämen, nicht da­gegen an ihre wahrscheinlich entstellten Worte: 1. Im Einvernehmen mit Frankreich habe die russische Regierung Serbien den Rat erteilt, sich zu unterwerfen, so weit die Ehre es gestatte. (Orangebuch Rr. 4, Dlaubuch Rr. 55.) 2. Im Ein­vernehmen mit Frankreich habe .sie eine Frist­verlängerung für Serbien verlangt. (Ornngebuch Rr. 4.) 3. Trotz der Haltung Oesterreichs nehme sie persönliche Beziehungen mit Wien auf. 4. Sie wünscht direkte Verhandlungen mit Wien, und gtr-ar am 26. Juli. Antwort: Am 27. Juli schießt Oesterreich gegen Serbien. 5. Sie empfehlen mit allen Mittekn die von Grey angeregte Methode, nämlich die Viererkonferenz. 6. Der Zar schickt am 27. Juli an den König von Serbien eine Depesche, worin er ihm den Frieden anempfiehlt. 7. Auch nach der Kriegserklärung an Serbien er­suchte die englische Regierung Berlin, Schritte zu tun, damit Oesterreich die Verhandlungen wieder aufne'hme. 8. Rußland erklärte sich mit jeder vor­geschlagenen Vermittlung einverstanden und ver­pflichtet sich, im voraus derjenigen Form zuzu­stimmen, die Deutschland genehm sein werde. Am 30. Juli diktierte sie dem deutschen Botschafter- Graf Pou'ckales eine versöhnliche Formel, worin sie sich selbst verpflichtet, die militärischen Vor­bereitungen einzustellen und die Ablehnung von Iagows weiterzugeben. 10. Sie verlange, daß die Verhandlungen fortgesetzt würden und erftäre sich einverstanden mit dem Verbleiben österreichischer Truppen in Serbien. 11. Am 1. August nach de" Kr-iegserklärung wiederhole sie nochmals den Vor­schlag und ci kläre, daß Rußland in keinem Falle die Feindseligkeiten beginne.

Schließlich schlug am 29. der Zar dem Kaiser vor, den Konflikt dem Haager Schiedsgericht zu unterbreiten. Der Kaiser antwortete nicht einmal. Das deutsche Weißbuch veröffentlichte die De­pesche nicht. Dabei erklärt der Kaiser in seinen Memoiren, daß er bereit gewesen sei, sich im Haag aburteilen zu lassen. Dieser hohe Gerichts­hof war, wie es scheint, gut genug, die illustcg Persönlichkeit des Kaisers zu empfangen, aber 1914 hielt er es für nötig, ihn mit Verachtung zu strafen Viviani endet, indem er dem Reichs­kanzler mitteilt, er könne von ihm verlangen, sich über das österreichische Rotbuch, sich über die bayerischen Veröftentlichungen und über die schreckliche Depesche des österreichischen Botschaf­ters in Berlin vom 5. Juli auszusprechen Aber man werbe ja, wenn man auf die Memoiren des Kaisers antworte, Gelegenheit finden, deren be­absichtigten Lücken auszufüllen. Augenblicklich ant­worte er, Viviani, dem Reichskanzler so, wie es notwendig gewesen sei. Er bilde sich ein, daß diese Antwort für alle ehrenhaften Leute genüge.

29 September dem Ministerpräsidenten Pvin- care eine Rote zugehen lassen, in ber er mit­teilt, daß die Rote der Alliierten der Rational- Versammlung in einigen Tagen werde übermittelt werden, und daß Infolge der Zusicherungen, die Franklin-Bouillon gegeben habe, der De- ehl erteilt worden fei, sofort die militärischen Operationen, die sich in der Richtung auf Kon° stanttnopel zur Verfolgung des griechischen H«rcs entwickelt hätten, einzustellen. Die von Fvanllin- Bouillon abgegebenen Erllärungen hätten das Gerechtigkeitsgefühl, von dem die Vorschläge der Entente erfüllt seien, um die Rechte der Türkei sicherzustellen, bargetan. Es sei jedoch unmöglich, auch Thrazien nur einen Tag länger unter ber Verwaltung und Besetzung des griechischen Heeres zu lassen angesichts des Schmerzes der türkischen Bevölkerung. Die soforttge Räumung und die Hebertengung von Thrazien bis west­lich der Mariha einschließlich Adria­no p e l s an die Regierung der Rattonalversamm- lung sei unerläßlich Eine Konferenz der alliierten Generäle in Mudania zwecks Erledigung der schwebenden Fragen wolle er für den 3. Okto­ber Vorschlägen; eneval ildmat Pascha seien alle Vollmachten erteilt worden.

Paris, 3. Oft. (WTD.) Havas berichtet aus Konstantinopel, man kündige In den Kreisen ber Pforte an, die Regierung von Konstantinopel habe sich entschlossen, ihren Vertretern in Paris und London die Inftncktion zu erteilen, die Geschäfte dem Vertreter der großen Rationalversammlung zu übergeben. Die Delegierten von Konstanti­nopel wurden wegen ber Finanzlage der Regie­rung abberufen.

Das neue griechische Kabinett.

Paris, 3. Oft. (WTD.) Dach einer Matin"-Msldung aus Athen soll Z a i ° m i s noch nicht endgültig die Mi nister Präsidentschaft angenommen haben. Das offizielle Organ der Deniselisten sieht die Bil­dung eines Kabinetts unter KurduriotiS voraus, im Falle Zaimis sich weigern sollte, den Vorsitz des Kabinetts zu übernehmen.

Deutsche Reparationslieferung.

Amiens, 2. Oft. (Wolff.) Havas: Am 30. September sind zwei Züge mit deutschem Reparationsvieh auf den Bahnhöfen von P e r v n n e und Mondidier angenommen, ein Zug mit 489 unb einet mit 300 Schafen. Das Vieh wurde sofort an die geschädigten Landwirte verteilt. Ein dritter Zug mit 600 Schafen für Albert ist unterwegs.

Deutsch-englischer Luftverkehr.

Berlin. 2. Oft. (Wolff.) Zur Zeit sind Verhandlungen über die Durchführung eines wechselseitigen deutsch-englischen Luftverkehrs im Gange. Zum Zweck der Vorbereitung dieses Verkehrs richtet die eng­lische Instone-Linie im Oktober versuchsweise eine Luftverbindung zwischen London und Köln ein.

Ein Streik der Hausbesitzer.

Wien, 2. Oft. (Wolff.) Der Zentral­verband derHausbesiher Wiens und derAlpenlänbischeHau s-undGrund- besiher beschlossen gestern, wegen Richterfül- lung der zum 1. Oktober befristeten Forderung nach einem 12,4prozentiaen Zuschlag zu den Frie- densmieten auf Grund der Goldparität, d. h. der 19OOsachen Friedensmiete in Papierkronen, am 3 Oktober nachmittags in den Streik zu treten. Die Hausbesorger Wiens haben sich dem Be­schluß angeschlossen. Der Streik soll sich in fol­gender Weise fühlbar machen: Die Hausbesitzer werben das Wasser von 6 Mr abends ab unb ferner die Beleuchtung der Treppen unb Gänge sperren; auch verweigern sie die Ein- hebung der Miete und Zahlung der Abgaben.

Aus dem Reiche.

Die Zuckerversorgung

Berlin. 2. Oft. (Wolff.) Der Reichs­rat hat einen Antrag angenommen, die Reichsregierung zu ersuchen, für f>as Betriebs­jahr 1922/23:

1. Zur Sicherung des Verbrauchs der Be­völkerung an Mundzucker je Kopf und Monat 2V- Pfund, und an Einmachzucker sechs Pfund einmalig aus der Inlandserzeugung den Ländern zur Verfügung zu stellen;

2. an Zucker für Imker und zur Her- stellung von Kunsthonig, Marmela- den und Obstkonserven die nach näherer Bestimmung des Reichsministers für die Er­nährung der Landwirtschaft notwendigen Mengen an die öffentliche Hand abzuliefern.

Die Detreidrumlage.

Berlin, 2. Oft. Die Fraktion öcr'X Vereinigten Svzialdemokr rti- schen Partei beschloß gestern in ihrer ersten gemeinsamen Sitzung mit großer Mehr­heit, jede Erhöhung des Amlagegetrei- d e p r e i s e S, wie er für das erste Drittel des Amlagegetreides vorgesehen ist, abzulebnen. LautVorwärts" wird sich das Reichskaoinett voraussichtlich am Dienstag mit der Erhöhung des Preises für Amlagegetreide erneut be-' fassen. Dem gleichen Blatte zufolge hat