Ausgabe 
3.8.1922
 
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Nr. 180

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Erstes Blatt

tZ2. Jahrgang

Donnerstag, 3. August 1922

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vnick und vtrlag: vriihl'sch« Unio.-Vuch- und Stclndruckerei N. Lange. Schristleitnng, Seschästrstelle ufiö Druckerei: Lchulstratze Z.

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Die englische Note an die Schuldner-Nationen.

London, 1. Aug. (WTB.) Heule abend wurde der Wortlaut der von Balfour unterzeichneten Bote veröffentlicht, die dem französischen und italienischen Botschafter so­wie den Gesandten von Jugoslawien, Rumä­nien, Portugal und Griechenland übermit­telt worden ist. Auch der amerikanische Bot­schafter erhielt aus Gründen der Höflichkeit eine Abschrift. Wie das Reutersche Bureau meldet, ist die Rote von Balfour abgefaßt und von der Gesamtheit der Kabinettsmit­glieder gebilligt worden. Die Rote be­sagt u. a.:

. Die Frage der französischen (italienischen usw.) Schulden an England sei bisher noch nicht Gegenstand einer formellen Mitteilung zwischen den beiden Regierungen gewesen und die bri­tische Regierung habe nicht den Wunsch gehabt, sie im gegenwärtigen Augenblick aufzuweffen. Mit Rüchicht auf die neuen Ereignisse indessen fühle sich die britische Regierung genötigt, ihre Auffassung gewisser Seiten der durch den gegen­wärtigen Stand der internationalen Derschul- dung geschaffenen Lage darzulegen. Die Schul­den an Grohbritannien betrügen gegen- toärtig 3400 Millionen Pfund Sterling, näiÄich 1450 Millionen Pfund seitens Deutschlands, 650 Millionen seitens Rußlands und 1300 Millionen von den Alliierten. Andererseits schuld« Groß­britannien den Vereinigten Staaten etwa ein Viertel dieser Summe, etwa 850 Millionen Pfd. Eine internationale Besprechung dieser Lage habe bisher nicht ftättgefunben, und bis zu ihrer Regelung, die an die Wurzeln des Problems gehen werde, habe die britische Regierung still­schweigend davon Abstand genommen, irgend­welche Forderungen an die Alliierten wegen der Zinszahlung oder der Amortrsation zu stellen. Diese Haltung sei nicht zurückzuführen auf eine Unterstützung der aus diesem Zustand sich er­gebenden Tlebel, auch nicht aus der Abneigung, S.-vße Opfer zu ihrer Beseitigung zu bringen.

m Gegenteil sei Großbritannien bereit, alle ihm von den Alliierten geschuldeten Anleihen mid die ihm von Deutschland geschuldeten Repa­rationen zu annullieren, wenn eine solche Politik den Teil einer befriedigenden inter­nationalen Regelung bilden würde.

Die neuerdings eingetretenen Ereignisse mach­ten indessen die Verwirklichung einer solchen Po­litik schwierig. Die amerikanische Regie­rung habe England aufgefordert, die seit 1919 rück ständigen Zinsen feiner Schulden an Amerika zu bezahlen, die Schulden zu fun­dieren und binnen 25 Jahren zurückzuzahlen. Die britische Regierung erkenne die Berechtigung dieser mit großer Heftigkeit gestell­ten Forderungen an, sie sei bereit, ihre Verpflichtung zu erfüllen, aber sie könne dies nicht tun ohne das Verfahren, das sie unter anderen Umständen zu befolgen beabsichtigt hätte, von Grund auf abzuändern. Sie könne die ameri­kanische Anleihe an England nicht als einen iso­lierten Teil betrachten. Die Anleihe bilde nur einen Teil eines zusammengehörigen Systems von finanziellen Transaktionen. Wenn die unzweifel­hafte Verpflichtung Großbritanniens als Schuld­ner durchgeseht werden solle, könnten seine un° zweifelhaften Rechte als Gläubiger nicht völlig bei Seite gelaffen werden. Die britische Regie­rung unternehme diese Aenderung in ihrer Poli- nur ungern, denn die Alliierten seien die ^ellnshmer an dem größten internationalen Äampf für die Sache der Freiheit geliefert. 3f>tc Qlnleuje seien für eine gemeinsame Sache aus­genommen worden. Zu den zahlreichen Wirt- schaftsubeln unter denen die Welt leide gehöre die internationale Verschuldung und deren verhängnisvolle Rückwirkung aus die Kredite und Wechselkurse, auf die inter­nationale Produktion und den internationalen Handel. Die Volker aller Länder sehnten sich nach einer schleunigen Rückkehr zu einer normalen Lage, aber wie konnte eine solche Lage erreicht werden, solange derartige anormale Zustände herrschten. Wie könnten diese Zustände beseitigt werden durch solche Heilmittel, mit deren An­wendung man im Augenblick rechnen forme? Die bisher von England befolgte Politik sei nur er­träglich. solange sie allgemein befolgt werde. Es sei nicht gerecht, daß ein Teilhaber der gemein­samen Unternehmung alle; erhalten solle, toaS er ausgeliehen haoe, und ein anderer Teilnehmer nichts erhalte und gleichzeitig alle seine Schulden befahlen solle. Ein solches Verfahren wäre un­gerecht. Wenn die auf dem britischen Steuer­zahler liegende Last noch vermehrt würde, würde er sicher fragen, warum die anderen feinen Anteil daran haben sollten.

Während aber die britische Regierung zu ihrem Bedauern gezwungen ist. die französische (italienische usw.) Aeg.errng zu ersuchen, Vor­kehrungen zu treffen, um nach ihrem besten Ver- nrbgen hinsichtlich ihrer Schulden an Großbritan­nien zu handeln, wünsche sie zu erklären, daß der Betrag der Zinsen und der Amortisatirn. mn den sie erfid)t, nicht so sehr v>n dem hängt. was Frankreich unb tie anderen. Alli­ierten ©Loßbiltannten schulden, als vielmehr v>n dem. was Großbritannien an Arne- rita zu zahlen t> a t. Wie bereits bemerkt, geht die von der britisch«, Regierung begün­stigte Politik dahin, au*) ben britischen Anteil an den deutschen Reparationen z r verzichten and durch eine gleiche Transaktion die Gesamtheit der internationalen Schulden abzuschreiben.

Wenn dies sich indessen als unmöglich er­weisen sollte, müssen wir erklären, daß wir keines-

I falls wünschen, aus irgendeiner weniger befriedi­genden Heberemfunft Vorteile zu ziehen. Unter keinen Am ständen beabsichtigen wir, mehr von unseren Schuldnern zu verlangen als notwendig ist, um unsere ©laubiger S u bezahlen. Mehr verlangen wir nicht; aber feder wird zugeben, daß wir uns mit weniger schwerlich begnügen können, denn es soll nicht vergessen werden, obgleich es zeitwellig geschieht, daß wir unsere Verpflichtungen um anderer und nicht um unser selbst willen eingegangen sind. Die britischen Kriegsausgaben und die Hälfte der Anleiheri an die Alliierten wurden nicht durch auswärtige Anleihen, sondern durch innere An­leihen und Steuern aufgebracht, da andere Staa­ten leider ein gleiches Verfahren nicht einschlagen konnten, mußte Großbritannien bei den Ver­einigten Staaten Bürgschaft für sie leisten.

Der Schluß der Rote lautet:

Weiter oben wurde dargelegt, daß das Pro- blem der internationalen Schulden nicht nur die Alliierten untereinander angebt; die vormals feindlichen Länder sind auch darin verwickelt. Der größte internationale Schuldner ist Deutschland. Run schlägt die britische Regierung nicht vor, daß aus Gründen der Gerechtigkeit oder Zweckmäßigkeit Deutschland sei­ner Verbindlichkeiten gegenüber den anderen Alli­ierten enthoben werden soll. Großbritannien begnügt sich damit, nochmals zu erklären, daß es von den wirtschaftlichen Schäden, die der Welt durch den gegenwärtigen Stand der Dinge zugefügt werden, so tief überzeugt ist, daß Eng­land (unter Vorbehalt der gerechten Ansprüche anderer Telle des Reiches) bereit sein würde, jedes Anrecht auf die deutschen Reparationen und alle Forderungen auf Rückzahlung durch die Alliierten aufzugeben, vorausgesetzt, daß die­ser Verzicht einen Teil eines allgemeinen Planes bildet, unter dem dieses große Pro­blem als Ganzes behandelt würde und eine befriedigende Lösung finden könnte. Die allge­meine Regelung würde nach Ansicht der brlli- schen Regierung von größerem Wert für die Menschheit fein als irgendwelche Vorteile, die aus einer noch so erfolgreichen Eintreibung recht- mäßiger Verbindlichleiten erfolgen könnten.

Der neue ReparationsvorschLag PoinearLs.

Paris 3. Aug (WTB.) DerPetit Pa- tifien" berichtet über den französif chen Re- parationsplan. den Poincarö nächste Woche in London entwickeln wolle. Ob zwar das Blatt nichts genaues wisse, sagt es, es ser nicht schwer, diesen Plan zu erkennen. Dieser Plan ent­halte zwei Teile. Der erste beschäftigte sich mit der Festsetzung der definitiven deutschen Schuld und der zweite befasse sich miLben Kontrollmaß- nahmen. D ie deutsche Sichuld. wie fte am 5. Mai festgesetzt worden sei, werde nach diesem Plan in 2 Teile geteilt. Der erste Teil "be­stehe aus dem Betrag der Obligationen der Se­rien A und B and betrage also 50 Milliarden Goldmark. Dec zweite Teil bestehe aus dem Be­trage der Obligationen der Serie C und erreiche also die Summe von 7085 Milliarden Gold­mark. Der erste Teil der deutschen Schulden soll für realisierbar erklärt werden. Unter dem zweiten Tüll sollten je raßdem, wie die Maß- nahmen durchgeführt werden könnten. Beträge gestrichen werden. Der erste Teil der deut­schen Schulden in Höhe von 50 Milliarden Goldmark müßte1 dann aber ausschließlich für die Reparationen verwendet werden. Sie Mobilisierung soll erfolgen durch internatio­nale Anleihen, und es soll gleich im ersten Stadium der Zahlungen feflgelegt werden, daß die Sachlieferungen nur 31 Proz. des Gesamtbetrages der Schulden ausmachen können. Als Kontroll° maß nahmen feien vorgeschlagen eine Wäh­rungsreform, also eine Stabilisierung der deutschen Mark und ferner eine Kontrolle der Zoll- einnahmen, damit diese direkt dem Garantieaus­schuß übermittelt werden könnten, und endlich eine Abgabe vom Kapital, beispielsweise der­art, daß 25 Proz. vom Kapital der deutschen In- durstiegesellschaften vom Reiche eingezogen wür­den. Das seien einige der Initiativen, die es ge­statten würden, mit Hilfe der alliierten Regierun­gen die Finanzvormunr^aft über Deutschland aufzurichten, um den Tag abzuwarten, an dem Deutschland in der Lage sein werde, im Ausland Geld aufzunehmen, wodurch diese Bevormundung der Alliierten fallen und auf die Inhaber der deutschen Schulden übergehen werde.

Wichtige Besprechungen in ernster Stunde.

Berlin, 2. August. (WTB.) Amtlich. In der Reichskanzlei fand heute eine Besprechung des Reichskanzlers mit den Fraktions­führern der Koalitionsparteien, der Deutschen Volkspartei, der Deutschnationalen Volkspartei und der Unabhängigen über die politisch? Lage statt. In der Aussprache stimmten die Partei­führer mit der Regierung darin völlig überein, daß die gespannte innere und auswärtige Lage des Reiches die ruhige Entschlossenheit der Re­gierung und des ganzen Volkes erfordert.

Berlin, 3. Aug. Nach einer Korre- spondenzmeldung desVorwärts" trat die Regierung in den ersten Rachmittagsstunden zu einer Besprechung der Rote und im Zu­sammenhang hiermit zu einer Besprechung der Gesamtsituativn zusammen. Das Ka-i binett war übereinstimmend der Auffassung, daß nach wie vor ein Grund zur Aenderung!

der Auffassung, die in der letzten Rote an die französische Regierung zum Ausdruck ge­bracht wurde, nicht bestehe und insofern eine Begleichung der französischen Forderungen nicht in Frage kom­men kann.

PoincarssAusgleichsmaßnahmen".

Paris. 2. Aug. (WTB.) Aach dem Intransigeant" soll Poincarö im Zusammen­hang mit seiner Rote zu der Frage der Aus­gleichszahlungen an die Beschlagnahme des Besitzes einiger deutscher Großindustrieller denken, deren Eigen­tum oder Bureaus im besetzten Rhein­lande liegen oder auch sogar an die Be­schlagnahme des Besitzes deutscher Staats­angehöriger, die gegenwärtig im Elsaß und in Lothringen wohnen. Hierzu könnten polizeiliche Desetzungsmaßnahmen im Ruhr­gebiet kommen.

Die neue londoner Konferenz.

London, 2. Aug. (WTB.) Reuter erfährt, daß die italienische Regierung heute morgen offiziell mttgeteilt hat, daß der italienische Außen- mmiftcr Schanzer am Montag in London ein treffen werde, um an ber Konferenz teilzu- nehrnen.

London, 2. Aug. (WTB.) Reuter erfährt, daß die englische Regierung arnllich unterrichtet worden ist, daß Poincaröarn nächsten Montag in London eintreffen werde. Belgien werde durch Ministerialpräsident T h e u n i s und Außen­minister Ja spar vertreten sein, Italien durch den italienischen Botschafter in London, Dr. Giannini. Es wird für sehr wahrscheinlich gehalten, daß der Minister des Aeuhern Scha n- zer und Finanzminister Carators Italien vertreten werden.

Das Kabinett Facta.

Rom, 2. Aug. (Wolff.) Stefani. Der Charakter der Politik des neuen Kabinetts de Facta hat sich nicht geändert. Das Ka­binett besteht auch fernerhin aus Demokraten, Reformisten und Vertretern der katholischen Vvlkspartei und der Rechten. Ausgeschlossen sind, wie im vorigen Kabinett, Fascisten und Sozialisten. Die neuen Minister und Depu­tierten Paratore, Alessio, Luciani und Saleri gehören den demokratischen Gruppen an. Die Ernennung des Senators Taddei, des Präfek­ten von Turin, zum Minister des Innern be­kundet die Absicht der Regierung, eine 'Be­ruhigung des Landes herbeizuführen.

Eine englische Verteidigungsluftflotte?

London, 2. Aug. (WTB.) DemDaily Chronicle" zufolge verlautet von zuverläs­siger Seite, die Regierung beabsichtige, eine Verteidigungsflotte von insge­samt 4005OOFlugzeugen zu schaffen. Die Frage der Luftverteidigung Englands hatte in den letzten Wochen die Londoner Presse aufs lebhafteste beschäftigt.

Der Konflikt im Nahen Orient.

Paris, 2. August. (WTB.) Rach einer Havasmeldung aus Konstantinopel ist dort trotz des energischen Eingreifens der Verbün­deten die Erregung im Wachsen begriffen. Die ganze Bevölkerung des europäischen Ufers möchte nach der asiatischen Küste hinüber, so daß die Interalliierte Polizei die Qkrbmbung zwischen beiden Ufern habe sperren müssen. Den letzten Rachrichten aus Tschataldscha zufolge fanden meh­rere Scharmützel zwischen türkischen Gendarmen und griechischen Posten statt. Trotzdem die Al- liiierten es verboten hätten, wandere die Be­völkerung der ümgegenb nach Konstantinopel aus.

Die bayrische Antwort.

München. 2. Aug. (WTB.) Die Antwort, die Graf Lerch en selb im Rainen der bcchri- schen Staatsregierung auf den Brief des Reichs­präsidenten zu geben gedenkt, ist im Einvernehmen mit den Regierungsparteien heute fertiggestellt worden -und toteb morgen dem Reichspräsidenten überreicht werden.

Wie dieVoss. Ztg." aus München erfährt, hat der Vorsitzende der Bayerischen Mittelpartei, Hilbert, nachdem die vom Kabinett vorge­schlagene Fassung der Antwort an den Reichs­präsidenten bereits genehmigt war, festgestellt, daß der Schlußsatz, in dem in versöhnlichem Sinne daraus hingewiesen wird, daß durch die bayrische Verordnung die materiellen Bestimmungen zum Schnitze der Republik in Bayern zur Durchfüh­rung gelangten, zu Bedenken Anlaß gebe.

Die Erweiterung der bayerischen Koalition.

München, 2. Aug. (WTB.) Die Verhand­lungen über die Erweiterung der Koalition in Bayern durch Hereinnahme der Mittelpartei erfuhren heute insoiveit eine Klärung, als der bay­rische Bauernbund entgegen dem gestrigen Be­schlüsse sich heute damit einverstanden erklärte, daß auch die Mittelpartei noch vor dem Landtags- schlusse in die Regierung eintritt Die Verhand­lungen mit der Mittelparter schweben zur Zeit noch.

Ueberstcht über die Lage des Handels in den Vereinigten Staaten am

Ende des Fiskaljahres..

(F. P. S.) Ein beträchtliches Maß von Tätigkeit und ein ausgesprochener Opti­mismus charakterisieren die Handels- und in­dustrielle Lage um die Wende des Fiskaljah­res. Cs ist nicht zu leugnen, daß die immer stärkere Abnahme der Kohlenvorräte und die Aussicht auf große Streiks in der Folge des am 1. Juli (wenigstens teilweise) begonnen Streiks der Eisenbahnwerkstättenarbeiter An­laß zu einiger Besorgnis gegeben haben, aber trotz alledem scheint die Allgemeinstimmuna durchaus hofnungsvoll. Man glaubt, daß ernstere Gefahren in der Folge des Eisen­bahnarbeiterstreiks zu vermeiden sein werden; wenn man freilich Ende Juni noch glaubte, daß die Regierung einen Ausweg aus den Schwierigkeiten des Bergarbeiterstreiks finden würde und daß die Eisenbahner nicht wagen würden, mit Ihrer Streikdrohung ernst zu machen, so dürfte diese Hoffnung sich nicht als berechtigt erwiesen haben.

Dazu, daß auch fernerhin der Handel recht aktiv geblieben ist, haben am meisten bei- getragen die Vorferiennachftage nach Saison- artikeln: die besseren Rachrichten über der Stand der Baumwollfelder infolge des wär­meren Wetters, das fortgesetzte Eintreffen von guten Berichten .über die Aussichten für die Getteideernten, mit Ausnahme des Hafers« dessen Stand sich weiter verschlechtert hat, die beispiellose lebhafte Bautätigkeit im Bau­gewerbe mit ihrer Rach frage nach Baumate­rialien, die Befestigung der Preise für Stahl und verwandte Erzeugnisse mit Preissteige­rungen für Fertigstahl, Alteisen, Kohle und Koks, endlich die sich häufenden Berichte au? allen Teilen der Staaten über eine zuneh- mende Knappheit an Arbeitskräften, gelern­ten so gut wie ungelernten. Der Weizenexport im Juni war der größte seit Dezember 1921. Im Ganzen genommen scheint ein vorsichtiger Optimismus die hervorstechendste Rote zu sein, und dies trotz der Lohnkämpfe und der Aus­sicht auf eine ziemlich lebhafte politische Kam­pagne noch vor dem Herbst.

Wie seit einiger Zeit schon konnnen die günstigsten Berichte über den Handel aus den Getreide-LIeberschuh-Bezirken des Westens, wo die Geneigtheit zu stärkeren Einkäufen un­terstützt wird durch den durchgehends günsti­gen Tenor der Saatenstands- und Crnte- berichte, ungeachtet der Durch das heiße Wetter verursachten Schäden am Winterweizen und des durch unregelmäßig verteilte Rieder­schläge nicht ganz gleichmäßigen Standes der Felder. Roggen und Sommerweizen stehen gut, und.an Heu ist eine Rekordernte unter Dach gebracht worden. Auch die Berichte über den Handel in der Südstaaten lauten erheb­lich gebessert, veranlaßt offenbar durch die Besserung der Aussichten für die Baumwoll­ernte und durch die Befestigung der Preise in­folge des anaemeldeten weitgehenden Be­darfs der Welt an Rohbaumwolle für das kommende Jahr und der gemeldeten Verrin gerung der Weltbaumwollvorräte. Auch die Berichte von der Pazifischen Küste über Ernte und Ernteaussichten lauten durchaus ermu­tigend.

Von allen Industrien stehen die Zement- und die Automobilindustrie vornean, die beide von einem Rekordabsatz und einer Höchst­erzeugung berichten können; im ersteren Falle ist das Riesenbauprogramm für öffenlliche Straßen und Plätze im Gesamtumfang von 40 Millionen Quadratyards ein großes Std mulans gewesen, das noch durch die aktive Rachfrage seitens des privaten Baugewerbes verstärkt worden ist. Für den Textmenmarkt ist die Festigung der Preise das Kennzeich­nende. In den Neuenglandstaaten haben die meisten Spinnereien den Betrieb wieder aus­genommen, wenngleich die streikenden Textil- . arbeitet nur langsam zur Arbeit zurückkehren; / die Minderproduktion, infolge der dortigen I Streiks wird auf 250 Millionen Vards ge­schätzt. Der Seidenhandel berichtet bestens über neue Käufe. Die Rachfrage nach Strümp« fen und anderen Strickwaren ist weiterhin rege, noch lebhafter die nach Woll- und Kammgarn- Erzeugnissen.

In der Stahlindustrie ist von höheren Kosten sowohl für Brennmaterial wie für Arbeitskräfte zu berichten, was beides als die Gründe für die geforderten höheren Preise für Fertigerzeugnisse angegeben werden. Draht­stäbe, Stahlbarren und Kesselplatien notieren höher. Die Eisenbahnen treten wieder in grö- )erem Umfange als Käufer von Schienen und rollendem Material auf. Die Kohlenförde­rung in der letzten Zuniwoche wird mit 5 500 000 Tons angegeben gegen 3 600 000 Tons in der ersten Streikwoche im Aprll; in gewissen Distrikten von West-Virginia sinh'