Ausgabe 
3.4.1922
 
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Nr. 79

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Montag, 3. April 1922

Erstes Blatt

172. Zahrgang

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhesten

Druck und Verlag: vrühl'sche Unin.-Vuch- und Lteindruckerei R. lange. Schriftlcitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Schulstrahe 7.

Vie deutsch - amerikanischen Beziehungen.

Eitte freundliche Rede des neuen Botschafters Houghton.

Der neu ernannte amerikanische Botschaf­ter für Berlin, Houghton, hat vor seiner Abreise nach Deutschland in Reuhork bei einem Abschiedsessen eine Rede gehalten, die in der ganzen Welt Beachtung finden wird, für uns Deutsche aber von ganz besonderer Bedeutung ist. 3n dem Augenblick, in dem die deutsche Regierung die unerhörten Anmaßungen und Forderungen der Reparationskommission ab- gelehnt hat, läßt der Präsident Harding es wird ausdrücklich hervorgehoben, daß er die Rede Houghtons vorher gelesen habe dem deutschen Dolle endlich die Gerechtigkeit zuteil werden, auf die eS Anspruch hat. Ame­rika hat allen Anlaß, die verdrehte und ab­scheuliche Aera Wilson mit Vergessenheit zu bedecken. Es sind vorerst nur Worte, mit denen Deutschland Genugtuung geleistet wird, und wir würden, da unser Volk am Rande deS Abgrundes steht, lieber entsprechende Laten gesehen haben, indessen, was da in Reuhork gesagt und zugestanden worden ist, dürfen wir in Deutschland ungesäumt in Taten umwandeln. Houghton appelliert ge­radezu an den deutschen Stolz, an die Ehre der deutschen Ration! Er selbst will, was die Ursachen des Weltkrieges, die sogenannte Schuldfrage anlangt, die Dinge seiner­seits nicht weiter erörtern und er läßt durch­blicken, daß Amerika sich der schmählichen Reden Wilsons heute wohl selber etwas schämt. Das muß den Deutschen aber ein An­sporn sein, ihren Ehrenschild rein zu waschen und mit der Freisprechung von der Schuld in der Hand die Revision des Ver­sailler Vertrages zu verlangen. Der Botschaf­ter Houghton will einen wahren Frieden in der ÄZelt, besonders einen solchen zwischen Amerika und Deutschland. Das ist eia Wunsch, der in allen deutschen Landen den freudig­sten Widerhall finden wird. Möchten die vor­trefflichen Worte aber auch einen Widerhall in G e n u a finden, wo am 10. April die Welt­konferenz beginnt, an der die Vereinigten Staaten leider sich nicht offiziell beteiligen. Mm so wichtiger ist aber die vorliegende Kund­gebung, die auch in einer Havasnote in­haltlich verbreitet wird. Poincaro hält noch stolz tönende Reden, aber er dürfte doch all­gemach fühlen, daß der nationalistische Wein, den er verzapfen wollte, stark verdünnt wer­den muß.

Reuhork, 1. April. (WLD.) Auf dem Abschiedsessen, das zu Ehren des neu- ernannten Botschafters Houghton gegeben wurde, hielt dieser eine Ansprache, von der die Reuhork World" sagt, sie könne als amtlich: Mmschrcibung der Haltung der Bereinigten Staaten Deutschland gegenüber gel­ten. Das Blatt fügt hinzu, Houghton habe die Ansprache Harding unterbreitet, der sie eben­so warm billigte, wie sie von hervorragenden Männern, die dem Diner beiwohnten, gebilligt wurde. Der Botschafter wurde beim Diner ein- geführt durch Dr. Butler, den Präsioenten des Columbia College. Dieser betonte die Rotwrndig- keit, den wahren Frieden in der Welt herzustellen, namentlich einen solchen zwischen Amerika und Deutschland. 3n seiner Erwiderung führte Houghton aus, gewisse in die aus­wärtigen Beziehungen eingreifenden Fragen könne er nicht offen erörtern, aber er könne über den Geist sprechen, in dem man an die Probleme herantreten sollte. Der Botschafter fuhr fort: Ich glaube an den sittlichen, geistigen oder selbst den wirtschaftlichen Wert des Hasses nicht. Er führt nur zur Verwirrung und Zerstörung. Beim Verlassen Amerikas habe ich weit mehr die Jahrhunderte des Friedens, der Freundschaft und das reiche Maß des guten Willens im Sinne, die das deutsche und das ameri­kanische Volk miteinander verbanden, als die wenigen Jahre des Krieges und der M i h v er­st ä n d n i s s e, die die genannten Völker trennten. Ich wünsche diese alten Bande der Ach­tung und der gegenseitigen Dienste wieder zu erneuern und zu stärken. Wir selbst tonnen als Ration nicht glücklich und zufrieden sein, solange unsere Mitbürger deutscher 2lbstam- mung nicht glücklich, sondern durch das Gefühl ter Mngercchtigkeit verbittert sind. Ein besseres Sichrer st eh en müssen wir alle erstreben. Außerdem sehe ichkeinenGrund, weshalb wirvoneinergrohenund stolzen Ra-- t i o n erwarten sollten, daß sie etwas tue, was wir selb st unter den gleichen .Umständen nicht tun würden. Der Krieg ist beendet und wer ihn verlor muh seiner Fähigkeit gemäß für die Rechnung a^'f- kommcn. Was aber seine Ursachen angent und die Zuteilung von Tadel oder Schuld, so sind das Sachen, welche ich offen geflauten meinerseits nicht weiter erörtern will. Unter Hinweis auf den Haß zwischen den Rord- und Südstaaaten Amerikas während des Bürger- kriege-s fuhr der Botschafter fort: ,.Der Haß ver­schwand schnell. Sowohl der Rorden als der Süden fanden ihren Weg aus dem Dilemna, als sie einfach der Frage der Ursachen, die sie trennten, ihren Rücken kehrten unb an

die Arbeit gingen. Mir scheint, daß ein ähn - I kicher Prozeß praktischer Versöh­nung stattfinden oder die europäische Zivilisation | zu Grunde gehen nmh. Wenn kriegführende Ra­tionen nicht vergessen können, dann können sie sich wenigstens verbinden in der gemeinsamen Ueberzcugung, daß, was auch sonst der Krieg an W-erten geschaffen hat, er uns ärmer lieh. Sie müssen an die Arbeit gehen oder zu Grunde gehen. Dieser bessere Zustand kann nur kommen als ein Ergebnis der An- strengung von Männern, die guten Willens sind und von denen,. wie ich glaube, genug in jeder kriegführenden Ration leben, die die Hefe bilden können, die die Massen heben solle. Ich dente, sie müssen diese Bemühung zu einer Gewissens- pflicht mcrchrn. Es ist dies sowohl die Pflicht unserer Ration, als die Pflicht an­derer Rationen; es ist dies eine persön­liche Pflicht für mich. Es scheint mir der einzige Ausweg dazu, und wir Amerikaner müssen unseren Teil dazu beitragen." Houghton sagte noch, er erkenne klar die Schwierigkeiten und die Widerstände, die sich entgegenslLllen würden.

Re a York, 1. April. (WB.) Durch Funk- sprach. Der Botschafter Houghton erklärte vor seiner Abreise an Bord derOlyrnprc" dem Ver­treter des Wolffbureaus, er sehe seiner Tätigkeit in Berlin mit größtem Vergnügen entgegen itnb betonte, Las Bestreben der praktischen Aus­söhnung der ehemaligen Kriegs­gegner erscheine ihm eine Sache des gefun­den Menschenverstandes und der einzige Ausweg aus der jobigen Lage. Er fügte hinzu, er hege die größte Zuversicht, daß schließlich ein rei­ferer Zustand geschaffen würde. Der Botschafter hofft am 20. April in Berlin zu fein.

Genua.

Berlin, 1. April. Rach einer Mitteilung derDeutschen Allgemeinen Zeitung" wird nicht Stegerwald, sondern Daltrusch als Vertreter des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften nach Genua gehen.

Lloyd Georges Vorschlag einer Vorkonferenz.

Paris, 1. April. (Wolff.) Der Londoner Korrespondent desPetit Parisien" berichtet, es bestätige sich, daß Lloyd George dem italienischen Außenminister Schanzet eine Zusammenkunft der Alliierten in Genua vor Eröffnung der Konferenz vorschlug. Die beiden Minister kamen überein, daß die Er­öffnungssitzung nur durch die Rede des italie­nischen Premierministers Facta, der den Vorsitz führen solle, ausgefüllt würde. Die englische Regierung brauchte bei der französi­schen nicht den geringsten Schritt in dieser Beziehung zu tun, da alle Einladungen von dem italienischen Kabinett ausgehen mühten. ES sei aber wahrscheinlich, daß Schanzer, sei es bei der Durchreise durch Paris, sei es bei seiner Rückkehr nach Rom, der französischen Regierung die Vorschläge Lloyd Georges Übermittele.

Paris, 3. April. (Wolff.) Rach einem Telegramm aus London, das dasEcho de Paris" veröffentlicht, soll Lloyd George auf diplomatischem Wege in Rom eine Vor­besprechung der alliierten Mächte, die vor Beginn der Konferenz von Genua stattfinden soll, vorgeschlagen haben. Man beabsichtige in London die Bildung einer politischen Kommission, die beauftragt werden solle, die Arbeiten der Konferenz vorzubereiten und ihre Entscheidungenzu orientieren. Rach demEcho de Paris" liegt es im Sinne des Mrhebers des Planes, die Mächte, die dem Obersten Rat angehören, tatsächlich zu Herren dieser Kommission zu machen. Von französi­scher Seite wolle man Meinungen austauschen, aber man sei der Ansicht, daß der Oberste Rat in keiner Form wieder aufteben könne; das bedeute das Beiseiteschieben der kleinen Staaten von Mittel- und Oft» europa, der Verbündeten Frank­reichs. Die kleinen Staaten würden in Genua auf Fuhgleichheit mit den großen stehen, und außerdem dürfe keine Prozedur geschaffen werden, die von vornherein die Handlungs­freiheit Frankreichs beeinträchtige. Das ftan- zösische Ministerium könne bei der Vorbespre­chung noch einmal seine Wünsche äußern, die volle Mnabhängigkeit seines Mrteils und seiner Haltung bewahren zu wollen.

Die russische Delegation in Berlin.

Berlin, 1. April, (Wolsf.) Heute mittag 1 Mhr traf die für Genua bestimmte russische Delegation unter Führung des Volkskom­missars für auswärtige Angelegenheiten Tfchrt - s ch e r i n in Berlin ein. Zum Empfange auf Lern Bahnhof hatten sich die Herren der hiesigen Sowjetregierung und als Vertreter Les Aus- 11 artigen Amts, Ministerialdirektor Freiherr Malyahn, Legationsrat Haufchild und Legations- sekretär Schmidt-Rolle cuJ Moskau tiigefunöen. Die Herren fuhren unmittelbar von dw Bahn nach den für sie bestimmten Hotels.

Wie derLokalanzeigtzr" hört, haben dir deutsche Reichs- und die preußische Staats- i-egierung alle Vorsorge zum Schuhe der in Berlin eingetroffenen Sowjetdeputation für Ge­nua getroffen. Die Eifenbahnstrecken, die sie aut bev Fahrt benutzt haben und weiter benutzen werden, sind dem Blatte zufolge unter militärische Bewachung gestellt worden.

Ein kritischer Tag in der französischen Kammer.

Paris. 1. April. (WTB.) In der heutigen Karnmersihung begründet der Kommunist C a ch i n seine Interpellation über das Verhältnis Frankreichs zu Rußland. Er findet keinen Grund, an der Aufrichtigkeit der Sowjets zu zweifeln. Die französische Politik der Zusammenarbeit mit Koltschak und □Drängel sei zwar definitiv aufgegeben, aber der Haß gegen das bolschewistische Rußland sei noch nicht überall verschwunden. Es scheine, daß Wrangel verstehe, auf dem Balkan die Reste seiner Streitkräfte zu sammeln. Kenne und unterstütze die Regie­rung diese Operation? Ministerpräsident Poin° care antwortet, die Regierung werde keine der­artige Operation unternehmen, ohne daß die Kammern hierzu ihre Zustimmung gegeben haben. Der Abgeordnete Cachir. verlangt das formelle Versprechen, nicht mehr in Rußland zu inter­venieren. Ministerpräsident P o i n c a r e ant­wortet, unter der Reserve der Sanktionen, die vielleicht zu unternehmen feien, um die Ausfüh­rung des Friedensvertrages sicherzustellen. Der Abgeordnete Ca ch i n spricht alsdann von der Rotwendigkeit, die wirtschaftlichen Beziehungen mit Rußland wieder aufzunehmen und erklärt, die Sowjetreigerung fei solide; sie habe keine feindseligen Gedanken gegen irgend jemand. Frankreich habe "bem Zarismus Geld geliehen, um das russische Doll zu unterdrücken. Frank­reich und die anderen Alliierten hätten bewaff­nete Expeditionen gegen Rußland unterstützt. Die Sowjetregierung habe große Ausgaben deshalb unternehmen müssen, und es sei nur gerecht, daß darauf Rücksicht genommen werde.

Der Abgeordnete spricht alsdann von den Problemen, die in Genua gestellt würden, und betont, daß die ©otojetregierang geneigt sei, mit den Kapitalisten zu verhandeln, und daß sie jede Mitarbeit annehme, wenn die Mnabhängigkeit des Landes nicht bedroht werde. Cs sei Zeit, direkt mit der Sowjetregierung zu verhandeln. Sie unterhalte ja auch in Berlin eine Vertretung. Als er in Berlin gewesen sei, habe Radek ihm gesagt: Wir wünschen mit der französischen Regierung zu verhandeln, bevor wir nach Genua gehen. Wir wünschen das in ihrem wie in unserem Interesse. Wollen Sie ihr das mitteilen. Er sei nach Paris zurückgekehrt und hätte PoincarS schreiben können, um ihm die Mitteilungen zu machen.

Rach dem Abgeordneten Cachin ergreift Brr- and das Wort, um sich gegen dir Angriffe zu verteidigen, die im Laufe der Debatte gegen ihn gerichtet wurden. Während ma t feine Re­gierung angreife, werde man vielleicht die jetzige Regierung in Ruhe arbeiten lassen. Diele Pro­zedur habe nur Vorteil. Die augenblick­liche Weltlage überschreite die Ak­tionsmittel eines einzigen Landes, ja selbst mehrerer Länder. Sein Ziel sei gewesen, drn Frieden sicherzustellen und ihn zu tonsolr- Eieren. Er wendet sich zuerst gegen die Angaben des Royalisten Le Cour-Grand Maison, der ge­sagt habe, er habe gleich nach seiner Ankunft in Washington erklärt, er wisse nicht, welche Alli­anz Amerika gegen England angenommen habe. Das sei falsch. Ministerpräsident Poincar 6 erklärt, die amerikanische Regierung selbst habe dieses Gerücht dementiert. Bnand fährt fort, er glaube also nicht, daß es im Interesse Frankreichs liege, diese Stupidität weiter zu ver­breiten. Er habe in Washington d.e Entwaff­nung zu Lande verhindert und Frankreich selbst gegen den Vorwurf des Militarismus und Im­perialismus verteidigt. In D'zug auf die Ent­waffnung zu Lande habe er erreich', daß die Frage nicht behandelt wurde. Das Abkommen hinsicht­lich der Marine könne das Parlament zu ratifi­zieren ablehnen und bei dieser Gelegenheit auch seine maritime Politik definieren. Bnand spricht alsdann von Cannes. Dort habe er den Entwurf für den sranzösisch-englischen Schuh- vertrag erzielt. Mit diesem Text sei er nach Paris gekommen, um ihm dem Präsidenten der Re­publik und dem Kabinett zu unterbreiten. E r habe einen durch falsche Rachrichten vergifteten Mini st errat vorgefun­den. Da ihm das Vertrauen gefehlt habe, habe er geglaubt, nicht länger am Ruder bleiben zu tonnen. Meber dir Reparationsfrage sei man in Cannes zu einem Abkommen gelangt. Das Parla­ment habe volllommene Freiheit gehabt, dieses Abkommen ahzulehnen. Habe er, als er ab ge­gangen sei, Frankreich in unabänderlicher Weise verpflichtet? Rein. Die Regierung, die seiner Re­gierung gefolgt sei, und schließlich die Repara- tionskommission hätten das Abkommen von Cannes, ohne <es abzuändern, angenommen und sie Hätten gut daran getan. Jetzt stehe man vor Genua. In Genua könnten die Rechte Frank­reichs in keiner Weise kompromittiert werden. Er habe immer geglaubt, daß Frankreich feine Anstrengungen mit denen Englands ver­einigen müsse. Aber im Parlament gebe es Leute,!) ieglaubten, Frankreich müsse isoliert bleiben.

Rach Briand ergreift Ministerpräsident Poincar 6 das Wort und erklärt, das Abkom­men von Washington werde der Billigung des Parlaments unterbreitet werden.

Hierauf wird die weitere Debatte auf Montag verschoben.

Eine Rede Poincares.

Paris. 2. April. (Wolff.) Havas. 3n feiner Rede in der gestrigen Karnmersihung führte Ministerpräsident P o i n c a r e aus:

Das Abkommen von Washington wird dem Parlament zur Genehmigung vorgelegt werden.

Es gibt uns nicht jede gewünschte ©enugtuunc betreffs des Schuhes unserer Besitzungen im Stillen Ozean, aber es bietet uns Vorteile, und wir bitten Sie, ihm zuzustimmen. Der Minister­präsident geht alsdann zur Konferenz vor Genua über. Zwei Punkte kamen in Betracht: 1. Wird Deutschland ein Moratorium zugestanden, und im bejahenden Falle, welche Garantien wird man bezüglich der Finanzen Deutschlands nehmen? Das sei der wichtigste Punkt für Frankreichs Zukunft. 2. Wie werden die von Deutschland schon gezahlten Beträge ver­teilt? Mnfeve Alliierten glauben, fuhr Pom carc fort, daß in dieser Hinsicht eine feste Vor. pflichtung Frankreichs vorliege. Cs handelt sich um Cm Mißverständnis. Ich habe Vorsichtsmaß­nahmen getroffen, um die Wiederkehr derartiger Zwischenfälle zu verhindern. Wegen der Sach­verständigen wurde beschlossen, daß ihre Ar­beiten in keinem Falle in Zukunft die Regierungen binden können. Außerdem wurde rereinbart, daß der Ministerpräsident selbst nur ab referendum verpflichtet werden könne, und daß die Rechte des Parlaments in allen Teilen gewahrt bleiben.

Ein Vertrag, sagt Poincare seierlich.wurde von Deutschland und den Alliierten unterzeichnet, und er muh heilig sein. (Bei­fall.) Wir haben verlangt, daß er weder direkt noch indirekt in Genua in Frage gestellt werde. In Genua kann Deutschland nicht über die Höhe unserer Forderungen diskutieren, noch versuchen, sich auf diese ober jene Macht zu stützen, um in irgenbeiner Weise auf bic ein­stimmige Entscheidung der Alliierten zurückzu- kommen. Rathenau hat gesagt, bad bedeute das Herz der Konferenz von Genua zu ent­fernen. Das ist übertrieben. Jedenfalls können wir uns durch unsere Anwesenheit in Genua nicht solchen Debatten anschließen. In Genua werden wir vor die Reparationen das tn Deutschland so verbreitete Schild sehen: »Ver­bote n". (Lachen und Beifall.)

Mit Rußland kann lein Vertrag abge­schlossen werden, bevor von seiner Regierung die Vorkriegsschulden anertannt sind. Pvincar-; sagte weiter, das Programm von Genua sei ungeheuer. Es umfasse die Ausarbeitung bec wirtschaftlichen Status Rußlands und den toirb schaftlichen Wiederaufbau von ganz Europa. In diefer Hinsicht müßten alle Rechte, die Frankreich auf Grund der Verträge besitze, gewahrt werden, sowie alleVollmachten drrReparation.'kommifsion. Rur unter diesen Bedingungen könne Frankreich den Alliierten seine Mitwirurng leihen. Wirth habe dieser Tage gesagt: Seit dem Eingreifen Frankreichs ist der Stern von Genua ein' Irrlicht geworden. Vielleicht. Aber ob 3rr- lid/t oder Stern, Frankreich geht immer auf das Licht zu. In Genua wird Frankreich der Finsternis den Rücken drehen. Es geht auf die Helligkeit zu.

Als der Ministerpräsident die Tribüne ver­ließ, begrüßte ihn langer und einstimmiger Bei­fall. Briand beglückwünschte Poincare auf der Regierungsbank.

Eine verdiente Abfuhr französischer Anmaßung.

Das ^Syndikat d'Initiative Fran^ais de Wiesbaden et des Pays Rh.'rnans" hatte unterm 10. März an den »Bürgermeister von der Insel Juist" folgendes Schreiben gerichtet:

Sehr geehrter Herr Bürgermeister! Einige französische Familien beabsichtige«', die Sommersaison (vom 1. Juli bis zum 15. Aug.) in der Insel Juist zu verbringen. Das französische Syndikat zu Wiesbaden bekümmert sich jebt schon darum, den Suchenden die Aufenthaltsbedingun­gen aufs Acußerste zu begünstigen. Wir wären - Ihnen deshalb sehr dankbar, sehr geehrter Herr Bürgermeister, wenn Sie uns mittellen könnten, ob es möglich ist, in der Insel möblierte Villen ober Wohnungen mit Küche zu mieten; desgleichen die Preise in den Hotels und Fremdenheimen und die Einzelheiten die das Syndikat intereffieren können. Wir bitten ebenfalls um Zusendung illustrierter Prospekte und Broschüren. Etwaige Unkosten übernehmen wir selbstverständlich. In Erwartung 2h er hoch­geschätzten Antwort zeichnen wir ergebenft Le President, gez.: Unterschrift.

Einige Tage später ging folgende Antwort der Gemeinde- und Dadeverwallung des Rord- seebads Juist ab:

Sämtliche hier befindlichen Hotel- und Pew sionshausbesiher lehnen einmütig die AufnahmefranzösischerFamilienab

Jeder andere Ausländer soll uns willkom­men sein.

Wir muten unseren deutschen Kurgästen nicht zu, auch noch während ihres Erholungsaufent­haltes durch die Anwesenheit von Franzosen daran erinnert zu werden, wie unbarmherzig hart besonders Frankreich unser geliebtes deut­sches Vaterland bedrückt.

Sehr viele Deutsche aus dem besetzten Rhein­gebiet besuchen unfern Badeort.

Diese körperlich und seelisch erschöpften Landsleute würden, statt Erholung zu finden, nur ernsten Schaden an ihrer Gesundheit leiden, wenn sie auch hier täglich den Anblick der. Franzosen erdulden mühten. gez. Lehmbruch.

Die letzte» deutsch-belgischen Zwischenfälle.

Berlin, 1. April. (NTV) Der deutsche Geschäftsträger in ruf fei, Gesandter Lands berg, hat dem belgischen Mmrsterprast-