Ausgabe 
2.12.1922
 
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Erstes Blatt

172. Zayrgang

Samstag, 2. Dezember 1922

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

vniS nnd Verlag: vrühl'fche UnwerfitSt§-vuch- und Steindruckerei R. Lange in Sieben. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulftratze 7.

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Nr. 284

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Wochenrückblick.

Den Pariser Drohungen auf Be­setzung der Rheinlands und des Ruhrgebietes ist eine Stille gefolgt, die an das babylonische Rachttnal mit seinen Effekten erinnert:Doch kaum das grause Wort verklang, DemKön.g ward's heimlich im Busen bang." Herr Poincarö läßt verkünden, daß noch keine endgültige Entscheidung getroffen fei und die Regierung ihre Entschlüsse erst nach erfolgter Aussprache mit den Verbündeten zu fassen gedenke. D.e Meldungen von einer Er- fchütteruna der Stellung Poincaräs beweisen nur soviel, daß die bevorstehendeEntschei­dung" noch harte Kämpfe kosten mag und die Ankündigung von Gewaltmaßnahmen im Rheinlande wohl PoincaröSletztes Wort", vielleicht aber nicht Frankreichs letzte Schlußfolgerung sein wird. Die Stimmung in England ist kühl, die Haltung Donar Laws vorsichtig zurückhaltend. Der englische Pre­mier ist ganz offensichtlich kein Mann großer und lauter Worte. Das bedeutet nicht, daß er willensschwach sein müsse. Die englischen und die französischen Interessen gehen in Ost und West stark auseinander. Das Londoner Kabi­nett wünscht und versucht eine Einigung aber gewiß nicht um jeden Preis. Die Urhe­ber des Versailler Vertrages haben sich einst­weilen zu der Vereinbarung einer neuen Kon­ferenz in London durchgerungen, die in wenigen Tagen stattfinden soll und an der außer den Regierungshäuptern Englands und Frankreichs auch diejenigen Bel­giens und Italiens teilnehmen werden. Pariser Stimmen verkünden, bereits zu wissen, welche Wünsche Herr Donar Law im Dusen trage. Er wolle die wichtigen Fragen in Ruhe verhandeln, den Kabinetten die er­forderliche Zeit zur Lleberlegung lassen und daher ein Deutschland zu gewährendes M o - ratorium für zwei Monate Vorschlä­gen. Poincarä hat einen Faustschlag vollführt, die Deyensette streckt nur ein Sammetpfötchen vor. Die Geste symbolisiert nicht immer das Weltgeschehen. Herr Mussolini hat be­reits kundgetan, daß er kräftig ja, aber ebenso kräftig auch nein sagen könne: auf welche Seite er sich am Ende stellen würde, wenn der französische Faustschlag wirklich die Entente zertrümmerte, das wissen die Klugen an der Seine auch noch nicht. Aus Amerika er­halten wir heute neue Derichte, die keinen Zweifel daran lassen, daß Clemenceau drü­ben sehr kühl ausgenommen worden ist. Vor uns liegt die ReuyorkerStaatszei- tung vom 19. November, die in einem frischen und anschaulichen Bericht dem Debüt des Tigers" bescheinigt, daß es einFrost" ge­wesen sei. SeineManager" waren nicht ge­rade prominente Persönlichkeiten der heute in den Vereinigten Staaten maßgebenden Schich­ten: außer dem nicht sehr vorteilhaft be­kannten Obersten House noch derHilfsstaats- sekretär" Dl h und Herr Bcmard M. Daruch. Wir lassen dieStaatszeitung" am besten mit einigen Worten selber sprechen:

»Georges Clemenceau, der Hauptverfasser des Schandfriedens von Versailles und der Haupt- schuldtge an dem Weltelend, in das die Mensch­heit gestürzt ist, erschien gestern nachmittag wäh­rend der Vorstellung vonOncf iftofele, im M e - trop olitan Opernhaus, um die Huldi­gung der Musilfreunde entgegenzunehmen und Stimmung füi das imperialistisch« Frankreich zu machen. Der zweite Akt war gerade zu Ende ge­gangen und die Künstler waren vor dem Vorhang erschienen, um für den Applaus zu danken, als Clemenceau in der Loge auftauchte. Das war das Signal für die Künstler, sich schleunigst zu ver­ziehen. Chaljapin verschivand wie die Millionen, die der Zar sich in Frankreich gepumpt, der App­laus verstummte und der Monsieur aus Paris zeigte sich an der Logenbrüstung.

Run versuchten die Französlinge im Publi­kum eine Demonstration in Szene zu setzen. Sie klatschten mit dem Mute der Verzweiflung, aber es blieb bei einem recht lläglichm Versuch. Der ,Applaus", den sie künstlich zu entfesseln tvach'eten, war so schwach, daß man den himmelweiten Tlnter- schied zwischen dem krampfhaften Klatschen der wenigen und dem dröhnenden Beifall, den erst vor wenigen Sekunden die Künstler eingeheimst hatten, so recht merket konnte. Die Französlinge machten noch ein paarmal verzweifelte Anstren­gungen, das Haus mit sich zu reihen und eine Lärmdemonstration zu entfachen, aber das Publi­kum blieb kühl bis ans Herz hinan und lehnte die »Attraktion" in der Direktorloge frostig ab.

Das Orchester intonierte nun um etwas Leben in die Bude zu bringen, die »Marseillaise' . doch auch diese löste keinen nennenswerten Beifall aus. Erst als dasStar Spangles Danner" gespielt worden war, gelangte, wie zum Protest gegen dir französische Haßprvpaganda, der amerikanische Pa- triotiSmus zum Durchbruch, und allgemeiner Bei­fall durch brauste das Haus.

In Boston hatte eS der Bürgermeister Curley, wie DieStaatsztg." meldet, abge­lehnt, dem Franzosen einen Empfang zu berei» i ten.Manager" House telegraph erle trotzdem, fclömenceau werde in Boston einttessen und |

sich direkt nach der Eity Hall begeben.Dem Bostoner Mayor blieb unter den Umständen nichts anderes übrig, als zu antworten, daß er Den aufdringlichen Gast empfangen werde." Daß Clemenceau in C h i c a g o gar ausaepfif- fen wurde, wie ein kurzes Telegramm berich­tete, erklärt sich sehr gut durch eine heitere Tücke deS Zufalls. Während nämlich der Tiger" großsprecherisch tönte, er werde die ganze französische Armee auflösen, sobald sein Frankreich gegen eine Invasion geschützt sei, hat bekannt!.ch in der französischen Kammer der Militarismus sein unverfälschtes Hohe­lied gesungen, was natürlich auch den Ameri­kanern nicht verborgen blieb. Die neueste Rheinland-Fanfare hat dem Tiger auch nicht eben die Friedenspalme b orange trag en.

CS mag schon richtig fein, daß die Stim­mung in Paris etwas abflaut. Aber wenn der Pariser Mitarbeiter deS Berl. Tagebl. dem Kabinett Cuno anrät, es möchte dem franzö­sischen Botschafter de Margerie bei feiner Dem» nächstigen Ankunft in Berlin einige entgegen­kommende neue Vorschläge in der Repara- tionSfraqe machen, denn dies entspreche in der gegenwärtigen Sachlage den heimlichen Wün­schen der Säbelrassler, so werden wohl selbst die Erfüllungspolitiker um Dr. Wirth mit einem bitteren Lächeln darüber hinweggehen. Das Kabinett Cuno hat jetzt auf der pathe­tischen Bühne gar nichts zu suchen. Der Reichskanzler hat sein Programm, das bei­nahe einem Schwur gleichkommt, bekanntgege­ben. Er braucht jetzt keine Sensationen zu veranstalten, und das Frühstück mit Tschitscherin, dem nach Lausanne reisen­den AuslandSrnmister der Sowjet-Republik, war interessant aber nicht aufregend. Die Lausanner Tagung birgt auch für Deutschland eine Saat Der Zukunft. Die Geister geraten Dort mindestens so heiß gegeneinander wie nur auf irgend einer Reparationskonserenz. Tschit­scherin hat in Berlin Der schmetternden Fan­fare aus dem Westen ein klingendes Spiel auf dem Schellenbaum der Länder des Ostens ent­gegengesetzt. Es find die vergessenen Klänge vom Völkerselbstbestimmungsrecht, vom Drang, die Ursachen der Konflikte zwischen den Staaten zu beseitigen. Von Kompromissen ist Da nicht viel Die Rede. Rußland werde nie­mals dulden, daß Die unbedingte Souve­ränität desbefreundeten" türkischen Volkes über fein Gebiet angetastet werde.Jede Vereinbarung", so sagte Tschitscherin,welche die Souveränitätsrechte des türkischen Volkes verletzen sollte, wird sehr bald vom türkischen Volke selbst umgestürzt werden, und zwar mit voller Unterstützung Rußlands."

Sollen nun Die großen Mächte des Ostens von den Gewalthabern des Westens ebenso in die Enge getrieben werden wie Deutsch­land? Man versteht es, daß es Herrn Be­ne sch, Dem tschechischen Minister Des Aus­wärtigen, Darüber allmählich doch angst und bange wird. Ihm ist, wie er in Lausanne be^ kündet haben soll, sehr Darum zu tun, daß dort bald Friede geschloßen werde,Damit man sich mit Der viel wichtigeren Deutschen Frage be­schäftigen könne". Er fürchtetDie Erregung unter oeii besiegten Völkern" und meint,es handle sich heute Darum, das ganze System, das man geschaffen habe, nachzuprüfen und zu konsolidieren". Herr Benesch kam aus Pa­ris, und dort herrschen in manchen Kreisen ebensolche Gefühle. Z. B. warnt der reaktio­näreGauloiS", wie wir in DerKöln. Ztg." lesen, Die französische Regierung, sie möge in Der Angelegenheit, Die sie am Mon­tag eingeleitet habe,recht vorsichtig" sein. Die große DeDeutung aber, Die Der nunmehr nackt enthüllte Annexionsplan Poincares für Die gesamte europäische Politik Der nächsten Wochen besitzt, kann Durch nichts abgeschwächt werden. Er leuchtet in Vergangenheit und Zu­kunft und wird in erster Linie hoffentlich das deutsche Volk auf Den Weg Der Einigkeit und Besonnenheit führen!

Der neue Reichsernährungs- nrinister.

®Tfen (Ruhr), 1. Dez. (WTB.) Wie in Der heutigen Stadwerordnetenfitzung bekannt­gegeben worden ist, ist Oberbürgermei­ster Dr. Luther zum ReichSernäh- rungSminister berufen worden.

Die verunglückte Propagaudareife C'emenceaus^

Rach einer Meldung DerDeutschen All- gem. Ztg." aus Reuyork hat Die ameri­kanische Regierung ClsmenceauS Vor­haben. vor den Seekadetten in Anna­polis eine Rebe zu halten, untersagt. Wie das Blatt weiter schreibt. Dürften wei­tere Absagen aus Washington Clomenceaus Entschluß, fein amerikanisches Gastspiel erheb­lich abzukürzen, herbeigeführt haben.

Eine neue brutale Sühne- forberung von Deutschland.

Berlin, 2. Dez. (WTB.) Eine dem deut­schen Botschafter in Paris überreichte Rote Der Botfchafterkonserenz Hal folgenden Wort­laut:

Herr Botschafter! Die alliierten Regierungen hatten Oie deutsche Regierung durch ihre Rote vom 13 .Rovember ausgeforbert, brr mlüärifdiefi Kontrollkommission ihre Entschuldigungen wegen der Haltung ihr-r Staatsangehörigen ge;en Die Mitglieder dieser Kommission bei den Vor­fällen in Stettin und Passau auszusprechen. Diese Entschuldigungen sollten bis spätestens zum 29. Rovember an die interalliierte militärische Kontrollkommission gerichtet werden, und an dem­selben Tage sollten schon die von der genannten* Kommission bei den alliierten Regierunien wegen dieser beiden Dorsälle geforderten Wiedergut­machungen und Sühnehandlungen bewilligt sein. Was den ersten Purkt betrifft, so hat die deutsche Regieru,rg, anstatt durch ihr Schreiben vom 16. Rovember der interalliierten militärischen Kontrollkommission ihre Entschuldigung auszusprechen, sich damit begnügt, derselben ihr De dauern auszucrücken, was nicht als hin­reichend er-schrinen kann, da die deutschen Beam­ten für diese Vorfälle eine unmittelbar? Verant­wortung tragen. In dieser Hinsicht müssen die alliierten Regierungen feststellen, daß sie keine Genugtuung erhalten haben. Wegen des Vorfalles in S t e 11 i n hat die deutsche Reg.erung sich durch ihre Rote vom 16. Rovember verpflichtet, der interalliierten Kontrolllommission D'e von den alliierten Regierungen für die Ausübung dieser Maßnahmen geforderte Gunugtuun; zu geben. Die interalliierte militärische Kontrolltommislion wird Der deutschen Regierung einer­seits die Form bekanntgeben, worin die Entschuldigungen des Polizeipräsidenten von Stettin zu erfolgen haben, und andererseits die von der deutschen Regierung der interalliierten: Kontrollkommission zu leistenden Bürgschaften für Die beiden anderen Sübnehandlungen. Hinsichtlich deS Vorfalles von Passau hat sich der Bürger­meister dieser Stadt Damit begnügt, dem DistriltS- ausschuß in München fein«Dauern auSzu- drücken, während die alliierten Regierungei unter 'Serufjng auf das Schreiben des Generals Rollet vom 30. Oktober Entschuldigung verlangt haben mit Dem Vorbehalt, daß Die Form und das Datum sowie die Bedingungen, unter Denen d ese Entschuldigungen in der Preise zu veröffentlichen feien, später bestimmt würden. In dieser Hinsicht ist die Erklärung der alliierten Regierung vom 13. Rovember keine Genugtuung geleistet, lleber- dies hat die deutsche Regierung durch ihr Schrei­ben vom 23. Rovember b.kanntgegeben, daß, wenn sie auch den Dataillonskommandeur abfleoit hätte, sie dagegen der Forderung nach Abberufung der Polizeibeamteu noch nicht entsprochen habe. An­dererseits hat sich am 22. Rovember ein neuer Zwischenfall in Ingolstadt ereignet Die beiden alliiertem Offiziere, die schon das Opfer der Aus­schreitungen in Passau hxiren, sind aufs neue von der Bevölkerung beschimpft und tätlich ange­griffen sowie bei der Ausübung ihrer Aufträge behindert worden. Angesichts Der unzureichendem Genugtuung seitens der de Elchen Regierung wegen der Vorfälle in Stettin una Pas au, wie auch des neuen Falles in Ingolstadt und angesichts der unerläßlichen Rotwendigkeit, dem Wider-a id Der deutschem Behörden gegen Die Ausführung der militärischen Vertrag?brstimmungen e'n Ende zu machen, wie auch Die Mitglieder der i-tteralliie.ttn militärischem Komtrollko.nmis ion in der QIu .ücu g ihrer Tätigkeit zu stützen, haben die alliierten Re­gie ungen bestimmt, daß vor dem 10. Dezember 1922 1. von der deutschen Regierung die noch nicht gegebenen und oben in Erinnerung gebrach­tem Genugtuungen auszuführen sind, 2. daß die betreffs des Vorfalles in Ingolstadt von der deut­schem Regierung und von der interalliierten mili­tärischen Kontrollkommission an ubietenden Wiedergutmachumgen und Sükneband umeen au!- Zufuhren sind, 3. daß der bayerische Mi­nisterpräsident Der interailiier en militäri­schen Kontrollkommission schriftlich seine Entschuldigung für die Dor äl.'e i i Passau und Ingobst<zdt auszusprechem hat und 4. daß jede der StafrtePassau und Ingolstadt mit einer Buße von 500000 Goldmark bestraft wird, die am die Kontrollkommisiion ;u zahlen ist. Sollte diese Zahlung zu Dem fest­gesetzten Tag? nirch ober nur teilweise bewirkt fein, fo würden die alliierten Regierungen zu ihren Gunsten eine Million Goldmark oder einen Gegen­wert dieser Summe aus den Geldmitteln erheben, die die bayerische Regierung aus der Pfalz bezieht oder, falls diese nicht ausreichen, aus irgend­welchen anderen vom ihnen zu bestimmenden Mit­teln im besetzten Rheinland.

Ich beehre mich Eure Erzellenz zu bitten, vorstehendes zu der Kenntnis Ihrer Regierung zu bringen. Genehmigen Sie ufto. usw.

gez. Poincarä.

Die Kosten des englischen Befatznngsheeres nm Rhein.

London,- 1. Dez. (Wolff.) Auf eine Anfrage im Unterhaus, welcher Teil Der seit Dem Waffenstillstand 54 Millionen betragen» | Den Kosten Des Besatzungsheeres am Rhein von Der Deutschen Regierung getra­gen toorDen sei, erwiderte Der Schatzkanzler Baldwin, Daß so gut tote Die gesamten 54 Millionen bereits von der Deutschen Re­gierung bezahlt toorDen seien.

Die Lausanner Konferenz.

Lausanne, 1. Dez (WTB.) Die heutigen Beratungen des Ausschusses für territoriale und militärische Fragen galten in erster Linie der Frage des Austausches der Bevölke­rung. d. h. der Verpflanzung der griechischen und türkischen Minoritäten in das betreffende Ra tionalaebiet. Damit hat Die Konferenz eine Frage angeschnitten, Die in Der neuen Geschichte beispiellos, um so mehr, als es sich um einen Austausch von einer Million Menschen handeln-<oird. Ransen verlas einen ausführlichen Bericht über Die Frage. Auf Grund Der Gutachten von Sachverständigen in Westthrazien halte er einen Austausch für durch- führbar. Er weise aber auf Die Rotweudigteit größter Beschleunigung mit Rücksicht auf die Ernte Hirn Der Austausch müßte nach seiner Ansicht möglichst Ende Februar vollzogen fein. Die ganze Angelegenheit solle dem Völk«:bund übertragen werden. Ismet Pascha erhob aufs nachdrück­lichste Einspruch gegen di e Einmisch­ung des Völkerbundes. zu dem Die Türkei keine Beziehungen unterhalte. Gleichzeitig lehnte er die Beteiligung Ramsens ab, da dieser nur eine Privatperson und in dieser Eigenschaft nicht in der Lage sei, im Orient gute Ergebnisse zu er­zielen. Ismet Pascha machte ferner auf die Lage der obdachlosen Bevölkerung in Anatolien und die griechischen Verwüstungen aufmerksam.

Lord Curzon suchte Die Einwände Ismets l u entkräften und wies aus Die Rotwendigkeit einer schnellen Regelung des Problems hin. Ve - n i s e l o s erklärte sich mit den Ansichten Ransen« einverstanden. Lieber die Frage, ob Der Devölke- rungsaustanfch einen freiwilligen oder zwangs­weisen Charakter haben soll, ist noch keine völlige Klarbe.-t geschaffen toorDen. Curzon toiei darauf hin, daß aus Humanitären Gr-Ündsn zwar der frei­willige Charakter gewahrt werden müsse, daß aber doch ein gewisser Zwang notwendig sei. Ein von der Kommission eingesetzter älnterausschuß wird das Problem in feinen Einzelheiten weiter prüfen. Ebenso muß dem Unterausschuß Die Frage des Kriegsgefangenenaustausches überwiesen werden, da hier Die türkischen und griechischen Meinungen einander gegenüberftanDen. Die Türkei forderte, die sofortige Rückgabe der türkischen Gefangenen während die griechischen Gefangenen erst nach Friedensschluß zurückgegeben werden sollen. Die Griechen haben den gleichzeitigen Austausch in gleichem Umfange vorgesehen.

Lausanne, 1. Dez. (WB.) Tschitsche- r l n ist heute abend in Lausanne eingetroffen. Der Bahnhof war polizeilich gesperrt. Auch Pressevertreter wurden nicht auf den Bahnsteig gelassen. Zum Empfang Tschitscherins waren Ro- kowski und Worvwski erschienen.

Die Verhaftung des Kapitäns Ehrhardt.

Berlin, 2. Dez. Wie die Blätter aus Leipzig melden, ist Ehrhardt in Mün­chen verhaftet und im Leipziger hinter* suchungsgefängnis unter besonderen Sicher­heitsmaßnahmen untergebracht worden. Vor der Zelle und in der Umgebung des Unter­suchungsgefängnisses ist ein besonderer Wach­dienst eingerichtet worden, da man mit der Möglichkeit rechnet, daß Ehrhardt von seinen Freunden befreit werden könnte. Die Anklage gegen ihn wird nicht nur wegen seiner Rolle im Kapp-Putsch, sondern auch wegen seiner Beziehungen zur Organisation E erhoben wer­den. Es ist ein besonderes Bureau mit einem Staatsanwalt und mehreren Hilfsarbeitern eingerichtet worden, das die Vernehmung Ehrhardts und der zahlreichen Zeugen vor­nehmen soll.

Lieber die Verhaftung Ehrhardts in München teilt dieDeutsche Allgemeine Ztg." folgende Einzelheiten mit: Ehrhardt wohnte unter dem Namen eines Dr. von Eschtoege in Pasing bei München. Am Donnerstag erhielt er schriftlich von dem nach München gekom­menen Untersuchungsrichter des Staats- gerichtShofeS eine Vorladung. Beim ersten Verhör wurde er gefragt, ob er Kapitän Ehr­hardt kenne oder zu ihm Beziehungen hätte, was er verneinte oder ausweichend beant­wortete. Auf die Frage, woher er den Dokwr- tttel habe, erwiderte Ehrhardt, das sei nur eine ihm freiwillig von einem Bekannten ge­gebene Tiwlatur. Die Frage, wo er denn eigentlich studiert habe, brachte ihn in Ver­wirrung. Darauf sagte ihm Der Unter­suchungsrichter auf den Kopf zu: Eie sind dei Herr Kapitän Ehrhardt selbst und von mb verhaftet.

DerVorwärts" meldet aus München daß die Verhafmng Ehrhardts ohne Beteili­gung der Münchener polittschen Polizei er­folgte und daß Ehrhardt ohne Mitwirkung DeS Münchener Polizeipräsidiums direkt zum Bahnhof gebracht too-Den sei.

Deutschlands Außenhandel im Oktober.

Berlin, 1. Dez. (WTB.) Die deutsche Handelsstatistik für Oktober weist mengen­mäßig eine Einfuhr von 55,5 und eine Aussuhn von 15,4 Millionen Doppelzentner auf. Wert­mäßig stellte sich die Einfuhr auf Grund der Be­rechnungen des Statistischen ReichsamteS aus au-