Erstes Blatt
172. Zayrgang
Samstag, 2. Dezember 1922
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
vniS nnd Verlag: vrühl'fche UnwerfitSt§-vuch- und Steindruckerei R. Lange in Sieben. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulftratze 7.
Hnnahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Dreis für 1 mm höhe für Anzeigen v 27 mm Breite örtlich 12 Ulk, auswärts 15 Ulk.; für Reklame- Anzeigen von 70 mm Breite 40 Mk. Bei Platz. Vorschrift 20"Aufschlag. Hauptschriftleit«: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik. Aug. Goetz, für den übrigen Teil: Ernst Blumschein: für den Anzeigenteil: Hans Leck, sämtlich in Gießen.
Nr. 284
Erscheint täglich, «ncher Sonn* und Feiertags, mit derSomstagsbeilage: GiehenerFamilienblätler Monatliche bezuorpreile: 380 Utark und 20 Mark Trägerlohn, durch di,Poft 400 Mark,auch bei Vicht» erscheinen einzelner Nummern infolge höherer Gewalt. - Fernsprech» Anschlüsse: für dieSchrift- leitung 112, für Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnachrichten Anzeiger Sietzen.
fioftschectfonto: lurt a. M. 11688.
Wochenrückblick.
Den Pariser Drohungen auf Besetzung der Rheinlands und des Ruhrgebietes ist eine Stille gefolgt, die an das babylonische Rachttnal mit seinen Effekten erinnert: „Doch kaum das grause Wort verklang, DemKön.g ward's heimlich im Busen bang." Herr Poincarö läßt verkünden, daß noch keine endgültige Entscheidung getroffen fei und die Regierung ihre Entschlüsse erst nach erfolgter Aussprache mit den Verbündeten zu fassen gedenke. D.e Meldungen von einer Er- fchütteruna der Stellung Poincaräs beweisen nur soviel, daß die bevorstehende „Entscheidung" noch harte Kämpfe kosten mag und die Ankündigung von Gewaltmaßnahmen im Rheinlande wohl PoincaröS „letztes Wort", vielleicht aber nicht Frankreichs letzte Schlußfolgerung sein wird. Die Stimmung in England ist kühl, die Haltung Donar Laws vorsichtig zurückhaltend. Der englische Premier ist ganz offensichtlich kein Mann großer und lauter Worte. Das bedeutet nicht, daß er willensschwach sein müsse. Die englischen und die französischen Interessen gehen in Ost und West stark auseinander. Das Londoner Kabinett wünscht und versucht eine Einigung — aber gewiß nicht um jeden Preis. Die Urheber des Versailler Vertrages haben sich einstweilen zu der Vereinbarung einer neuen Konferenz in London durchgerungen, die in wenigen Tagen stattfinden soll und an der außer den Regierungshäuptern Englands und Frankreichs auch diejenigen Belgiens und Italiens teilnehmen werden. Pariser Stimmen verkünden, bereits zu wissen, welche Wünsche Herr Donar Law im Dusen trage. Er wolle die wichtigen Fragen in Ruhe verhandeln, den Kabinetten die erforderliche Zeit zur Lleberlegung lassen und daher ein Deutschland zu gewährendes M o - ratorium für zwei Monate Vorschlägen. Poincarä hat einen Faustschlag vollführt, die Deyensette streckt nur ein Sammetpfötchen vor. Die Geste symbolisiert nicht immer das Weltgeschehen. Herr Mussolini hat bereits kundgetan, daß er kräftig ja, aber ebenso kräftig auch nein sagen könne: auf welche Seite er sich am Ende stellen würde, wenn der französische Faustschlag wirklich die Entente zertrümmerte, das wissen die Klugen an der Seine auch noch nicht. Aus Amerika erhalten wir heute neue Derichte, die keinen Zweifel daran lassen, daß Clemenceau drüben sehr kühl ausgenommen worden ist. Vor uns liegt die Reuyorker „Staatszei- tung“ vom 19. November, die in einem frischen und anschaulichen Bericht dem Debüt des „Tigers" bescheinigt, daß es ein „Frost" gewesen sei. Seine „Manager" waren nicht gerade prominente Persönlichkeiten der heute in den Vereinigten Staaten maßgebenden Schichten: außer dem nicht sehr vorteilhaft bekannten Obersten House noch der „Hilfsstaats- sekretär" Dl h und Herr Bcmard M. Daruch. Wir lassen die „Staatszeitung" am besten mit einigen Worten selber sprechen:
»Georges Clemenceau, der Hauptverfasser des Schandfriedens von Versailles und der Haupt- schuldtge an dem Weltelend, in das die Menschheit gestürzt ist, erschien gestern nachmittag während der Vorstellung von „Oncf iftofele“, im M e - trop olitan Opernhaus, um die Huldigung der Musilfreunde entgegenzunehmen und Stimmung füi das imperialistisch« Frankreich zu machen. Der zweite Akt war gerade zu Ende gegangen und die Künstler waren vor dem Vorhang erschienen, um für den Applaus zu danken, als Clemenceau in der Loge auftauchte. Das war das Signal für die Künstler, sich schleunigst zu verziehen. Chaljapin verschivand wie die Millionen, die der Zar sich in Frankreich gepumpt, der Applaus verstummte und der Monsieur aus Paris zeigte sich an der Logenbrüstung.
Run versuchten die Französlinge im Publikum eine Demonstration in Szene zu setzen. Sie klatschten mit dem Mute der Verzweiflung, aber es blieb bei einem recht lläglichm Versuch. Der ,Applaus", den sie künstlich zu entfesseln tvach'eten, war so schwach, daß man den himmelweiten Tlnter- schied zwischen dem krampfhaften Klatschen der wenigen und dem dröhnenden Beifall, den erst vor wenigen Sekunden die Künstler eingeheimst hatten, so recht merket konnte. Die Französlinge machten noch ein paarmal verzweifelte Anstrengungen, das Haus mit sich zu reihen und eine Lärmdemonstration zu entfachen, aber das Publikum blieb kühl bis ans Herz hinan und lehnte die »Attraktion" in der Direktorloge frostig ab.
Das Orchester intonierte nun um etwas Leben in die Bude zu bringen, die »Marseillaise' . doch auch diese löste keinen nennenswerten Beifall aus. Erst als das „Star Spangles Danner" gespielt worden war, gelangte, wie zum Protest gegen dir französische Haßprvpaganda, der amerikanische Pa- triotiSmus zum Durchbruch, und allgemeiner Beifall durch brauste das Haus.
In Boston hatte eS der Bürgermeister Curley, wie Die „Staatsztg." meldet, abgelehnt, dem Franzosen einen Empfang zu berei» i ten. „Manager" House telegraph erle trotzdem, fclömenceau werde in Boston einttessen und |
sich direkt nach der Eity Hall begeben. „Dem Bostoner Mayor blieb unter den Umständen nichts anderes übrig, als zu antworten, daß er Den aufdringlichen Gast empfangen werde." Daß Clemenceau in C h i c a g o gar ausaepfif- fen wurde, wie ein kurzes Telegramm berichtete, erklärt sich sehr gut durch eine heitere Tücke deS Zufalls. Während nämlich der „Tiger" großsprecherisch tönte, er werde die ganze französische Armee auflösen, sobald sein Frankreich gegen eine Invasion geschützt sei, hat bekannt!.ch in der französischen Kammer der Militarismus sein unverfälschtes Hohelied gesungen, was natürlich auch den Amerikanern nicht verborgen blieb. Die neueste Rheinland-Fanfare hat dem Tiger auch nicht eben die Friedenspalme b orange trag en.
CS mag schon richtig fein, daß die Stimmung in Paris etwas abflaut. Aber wenn der Pariser Mitarbeiter deS Berl. Tagebl. dem Kabinett Cuno anrät, es möchte dem französischen Botschafter de Margerie bei feiner Dem» nächstigen Ankunft in Berlin einige entgegenkommende neue Vorschläge in der Repara- tionSfraqe machen, denn dies entspreche in der gegenwärtigen Sachlage den heimlichen Wünschen der Säbelrassler, so werden wohl selbst die Erfüllungspolitiker um Dr. Wirth mit einem bitteren Lächeln darüber hinweggehen. Das Kabinett Cuno hat jetzt auf der pathetischen Bühne gar nichts zu suchen. Der Reichskanzler hat sein Programm, das beinahe einem Schwur gleichkommt, bekanntgegeben. Er braucht jetzt keine Sensationen zu veranstalten, und das Frühstück mit Tschitscherin, dem nach Lausanne reisenden AuslandSrnmister der Sowjet-Republik, war interessant aber nicht aufregend. Die Lausanner Tagung birgt auch für Deutschland eine Saat Der Zukunft. Die Geister geraten Dort mindestens so heiß gegeneinander wie nur auf irgend einer Reparationskonserenz. Tschitscherin hat in Berlin Der schmetternden Fanfare aus dem Westen ein klingendes Spiel auf dem Schellenbaum der Länder des Ostens entgegengesetzt. Es find die vergessenen Klänge vom Völkerselbstbestimmungsrecht, vom Drang, die Ursachen der Konflikte zwischen den Staaten zu beseitigen. Von Kompromissen ist Da nicht viel Die Rede. Rußland werde niemals dulden, daß Die unbedingte Souveränität des „befreundeten" türkischen Volkes über fein Gebiet angetastet werde. „Jede Vereinbarung", so sagte Tschitscherin, „welche die Souveränitätsrechte des türkischen Volkes verletzen sollte, wird sehr bald vom türkischen Volke selbst umgestürzt werden, und zwar mit voller Unterstützung Rußlands."
Sollen nun Die großen Mächte des Ostens von den Gewalthabern des Westens ebenso in die Enge getrieben werden wie Deutschland? Man versteht es, daß es Herrn Bene sch, Dem tschechischen Minister Des Auswärtigen, Darüber allmählich doch angst und bange wird. Ihm ist, wie er in Lausanne be^ kündet haben soll, sehr Darum zu tun, daß dort bald Friede geschloßen werde, „Damit man sich mit Der viel wichtigeren Deutschen Frage beschäftigen könne". Er fürchtet „Die Erregung unter oeii besiegten Völkern" und meint, „es handle sich heute Darum, das ganze System, das man geschaffen habe, nachzuprüfen und zu konsolidieren". Herr Benesch kam aus Paris, und dort herrschen in manchen Kreisen ebensolche Gefühle. Z. B. warnt der reaktionäre „GauloiS", wie wir in Der „Köln. Ztg." lesen, Die französische Regierung, sie möge in Der Angelegenheit, Die sie am Montag eingeleitet habe, „recht vorsichtig" sein. Die große DeDeutung aber, Die Der nunmehr nackt enthüllte Annexionsplan Poincares für Die gesamte europäische Politik Der nächsten Wochen besitzt, kann Durch nichts abgeschwächt werden. Er leuchtet in Vergangenheit und Zukunft und wird in erster Linie hoffentlich das deutsche Volk auf Den Weg Der Einigkeit und Besonnenheit führen!
Der neue Reichsernährungs- nrinister.
®Tfen (Ruhr), 1. Dez. (WTB.) Wie in Der heutigen Stadwerordnetenfitzung bekanntgegeben worden ist, ist Oberbürgermeister Dr. Luther zum ReichSernäh- rungSminister berufen worden.
Die verunglückte Propagaudareife C'emenceaus^
Rach einer Meldung Der „Deutschen All- gem. Ztg." aus Reuyork hat Die amerikanische Regierung ClsmenceauS Vorhaben. vor den Seekadetten in Annapolis eine Rebe zu halten, untersagt. Wie das Blatt weiter schreibt. Dürften weitere Absagen aus Washington Clomenceaus Entschluß, fein amerikanisches Gastspiel erheblich abzukürzen, herbeigeführt haben.
Eine neue brutale Sühne- forberung von Deutschland.
Berlin, 2. Dez. (WTB.) Eine dem deutschen Botschafter in Paris überreichte Rote Der Botfchafterkonserenz Hal folgenden Wortlaut:
Herr Botschafter! Die alliierten Regierungen hatten Oie deutsche Regierung durch ihre Rote vom 13 .Rovember ausgeforbert, brr mlüärifdiefi Kontrollkommission ihre Entschuldigungen wegen der Haltung ihr-r Staatsangehörigen ge;en Die Mitglieder dieser Kommission bei den Vorfällen in Stettin und Passau auszusprechen. Diese Entschuldigungen sollten bis spätestens zum 29. Rovember an die interalliierte militärische Kontrollkommission gerichtet werden, und an demselben Tage sollten schon die von der genannten* Kommission bei den alliierten Regierunien wegen dieser beiden Dorsälle geforderten Wiedergutmachungen und Sühnehandlungen bewilligt sein. Was den ersten Purkt betrifft, so hat die deutsche Regieru,rg, anstatt durch ihr Schreiben vom 16. Rovember der interalliierten militärischen Kontrollkommission ihre Entschuldigung auszusprechen, sich damit begnügt, derselben ihr De dauern auszucrücken, was nicht als hinreichend er-schrinen kann, da die deutschen Beamten für diese Vorfälle eine unmittelbar? Verantwortung tragen. In dieser Hinsicht müssen die alliierten Regierungen feststellen, daß sie keine Genugtuung erhalten haben. Wegen des Vorfalles in S t e 11 i n hat die deutsche Reg.erung sich durch ihre Rote vom 16. Rovember verpflichtet, der interalliierten Kontrolllommission D'e von den alliierten Regierungen für die Ausübung dieser Maßnahmen geforderte Gunugtuun; zu geben. Die interalliierte militärische Kontrolltommislion wird Der deutschen Regierung einerseits die Form bekanntgeben, worin die Entschuldigungen des Polizeipräsidenten von Stettin zu erfolgen haben, und andererseits die von der deutschen Regierung der interalliierten: Kontrollkommission zu leistenden Bürgschaften für Die beiden anderen Sübnehandlungen. Hinsichtlich deS Vorfalles von Passau hat sich der Bürgermeister dieser Stadt Damit begnügt, dem DistriltS- ausschuß in München fein Cö«Dauern auSzu- drücken, während die alliierten Regierungei unter 'Serufjng auf das Schreiben des Generals Rollet vom 30. Oktober Entschuldigung verlangt haben mit Dem Vorbehalt, daß Die Form und das Datum sowie die Bedingungen, unter Denen d ese Entschuldigungen in der Preise zu veröffentlichen feien, später bestimmt würden. In dieser Hinsicht ist die Erklärung der alliierten Regierung vom 13. Rovember keine Genugtuung geleistet, lleber- dies hat die deutsche Regierung durch ihr Schreiben vom 23. Rovember b.kanntgegeben, daß, wenn sie auch den Dataillonskommandeur abfleoit hätte, sie dagegen der Forderung nach Abberufung der Polizeibeamteu noch nicht entsprochen habe. Andererseits hat sich am 22. Rovember ein neuer Zwischenfall in Ingolstadt ereignet Die beiden alliiertem Offiziere, die schon das Opfer der Ausschreitungen in Passau hxiren, sind aufs neue von der Bevölkerung beschimpft und tätlich angegriffen sowie bei der Ausübung ihrer Aufträge behindert worden. Angesichts Der unzureichendem Genugtuung seitens der de Elchen Regierung wegen der Vorfälle in Stettin una Pas au, wie auch des neuen Falles in Ingolstadt und angesichts der unerläßlichen Rotwendigkeit, dem Wider-a id Der deutschem Behörden gegen Die Ausführung der militärischen Vertrag?brstimmungen e'n Ende zu machen, wie auch Die Mitglieder der i-tteralliie.ttn militärischem Komtrollko.nmis ion in der QIu .ücu g ihrer Tätigkeit zu stützen, haben die alliierten Regie ungen bestimmt, daß vor dem 10. Dezember 1922 1. von der deutschen Regierung die noch nicht gegebenen und oben in Erinnerung gebrachtem Genugtuungen auszuführen sind, 2. daß die betreffs des Vorfalles in Ingolstadt von der deutschem Regierung und von der interalliierten militärischen Kontrollkommission an ubietenden Wiedergutmachumgen und Sükneband umeen au!- Zufuhren sind, 3. daß der bayerische Ministerpräsident Der interailiier en militärischen Kontrollkommission schriftlich seine Entschuldigung für die Dor äl.'e i i Passau und Ingobst<zdt auszusprechem hat und 4. daß jede der StafrtePassau und Ingolstadt mit einer Buße von 500000 Goldmark bestraft wird, die am die Kontrollkommisiion ;u zahlen ist. Sollte diese Zahlung zu Dem festgesetzten Tag? nirch ober nur teilweise bewirkt fein, fo würden die alliierten Regierungen zu ihren Gunsten eine Million Goldmark oder einen Gegenwert dieser Summe aus den Geldmitteln erheben, die die bayerische Regierung aus der Pfalz bezieht oder, falls diese nicht ausreichen, aus irgendwelchen anderen vom ihnen zu bestimmenden Mitteln im besetzten Rheinland.
Ich beehre mich Eure Erzellenz zu bitten, vorstehendes zu der Kenntnis Ihrer Regierung zu bringen. Genehmigen Sie ufto. usw.
gez. Poincarä.
Die Kosten des englischen Befatznngsheeres nm Rhein.
London,- 1. Dez. (Wolff.) Auf eine Anfrage im Unterhaus, welcher Teil Der seit Dem Waffenstillstand 54 Millionen betragen» | Den Kosten Des Besatzungsheeres am Rhein von Der Deutschen Regierung getragen toorDen sei, erwiderte Der Schatzkanzler Baldwin, Daß so gut tote Die gesamten 54 Millionen bereits von der Deutschen Regierung bezahlt toorDen seien.
Die Lausanner Konferenz.
Lausanne, 1. Dez (WTB.) Die heutigen Beratungen des Ausschusses für territoriale und militärische Fragen galten in erster Linie der Frage des Austausches der Bevölkerung. d. h. der Verpflanzung der griechischen und türkischen Minoritäten in das betreffende Ra tionalaebiet. Damit hat Die Konferenz eine Frage angeschnitten, Die in Der neuen Geschichte beispiellos, um so mehr, als es sich um einen Austausch von einer Million Menschen handeln-<oird. Ransen verlas einen ausführlichen Bericht über Die Frage. Auf Grund Der Gutachten von Sachverständigen in Westthrazien halte er einen Austausch für durch- führbar. Er weise aber auf Die Rotweudigteit größter Beschleunigung mit Rücksicht auf die Ernte Hirn Der Austausch müßte nach seiner Ansicht möglichst Ende Februar vollzogen fein. Die ganze Angelegenheit solle dem Völk«:bund übertragen werden. Ismet Pascha erhob aufs nachdrücklichste Einspruch gegen di e Einmischung des Völkerbundes. zu dem Die Türkei keine Beziehungen unterhalte. Gleichzeitig lehnte er die Beteiligung Ramsens ab, da dieser nur eine Privatperson und in dieser Eigenschaft nicht in der Lage sei, im Orient gute Ergebnisse zu erzielen. Ismet Pascha machte ferner auf die Lage der obdachlosen Bevölkerung in Anatolien und die griechischen Verwüstungen aufmerksam.
Lord Curzon suchte Die Einwände Ismets l u entkräften und wies aus Die Rotwendigkeit einer schnellen Regelung des Problems hin. Ve - n i s e l o s erklärte sich mit den Ansichten Ransen« einverstanden. Lieber die Frage, ob Der Devölke- rungsaustanfch einen freiwilligen oder zwangsweisen Charakter haben soll, ist noch keine völlige Klarbe.-t geschaffen toorDen. Curzon toiei darauf hin, daß aus Humanitären Gr-Ündsn zwar der freiwillige Charakter gewahrt werden müsse, daß aber doch ein gewisser Zwang notwendig sei. Ein von der Kommission eingesetzter älnterausschuß wird das Problem in feinen Einzelheiten weiter prüfen. Ebenso muß dem Unterausschuß Die Frage des Kriegsgefangenenaustausches überwiesen werden, da hier Die türkischen und griechischen Meinungen einander gegenüberftanDen. Die Türkei forderte, die sofortige Rückgabe der türkischen Gefangenen während die griechischen Gefangenen erst nach Friedensschluß zurückgegeben werden sollen. Die Griechen haben den gleichzeitigen Austausch in gleichem Umfange vorgesehen.
Lausanne, 1. Dez. (WB.) Tschitsche- r l n ist heute abend in Lausanne eingetroffen. Der Bahnhof war polizeilich gesperrt. Auch Pressevertreter wurden nicht auf den Bahnsteig gelassen. Zum Empfang Tschitscherins waren Ro- kowski und Worvwski erschienen.
Die Verhaftung des Kapitäns Ehrhardt.
Berlin, 2. Dez. Wie die Blätter aus Leipzig melden, ist Ehrhardt in München verhaftet und im Leipziger hinter* suchungsgefängnis unter besonderen Sicherheitsmaßnahmen untergebracht worden. Vor der Zelle und in der Umgebung des Untersuchungsgefängnisses ist ein besonderer Wachdienst eingerichtet worden, da man mit der Möglichkeit rechnet, daß Ehrhardt von seinen Freunden befreit werden könnte. Die Anklage gegen ihn wird nicht nur wegen seiner Rolle im Kapp-Putsch, sondern auch wegen seiner Beziehungen zur Organisation E erhoben werden. Es ist ein besonderes Bureau mit einem Staatsanwalt und mehreren Hilfsarbeitern eingerichtet worden, das die Vernehmung Ehrhardts und der zahlreichen Zeugen vornehmen soll.
Lieber die Verhaftung Ehrhardts in München teilt die „Deutsche Allgemeine Ztg." folgende Einzelheiten mit: Ehrhardt wohnte unter dem Namen eines Dr. von Eschtoege in Pasing bei München. Am Donnerstag erhielt er schriftlich von dem nach München gekommenen Untersuchungsrichter des Staats- gerichtShofeS eine Vorladung. Beim ersten Verhör wurde er gefragt, ob er Kapitän Ehrhardt kenne oder zu ihm Beziehungen hätte, was er verneinte oder ausweichend beantwortete. Auf die Frage, woher er den Dokwr- tttel habe, erwiderte Ehrhardt, das sei nur eine ihm freiwillig von einem Bekannten gegebene Tiwlatur. Die Frage, wo er denn eigentlich studiert habe, brachte ihn in Verwirrung. Darauf sagte ihm Der Untersuchungsrichter auf den Kopf zu: Eie sind dei Herr Kapitän Ehrhardt selbst und von mb verhaftet.
Der „Vorwärts" meldet aus München daß die Verhafmng Ehrhardts ohne Beteiligung der Münchener polittschen Polizei erfolgte und daß Ehrhardt ohne Mitwirkung DeS Münchener Polizeipräsidiums direkt zum Bahnhof gebracht too-Den sei.
Deutschlands Außenhandel im Oktober.
Berlin, 1. Dez. (WTB.) Die deutsche Handelsstatistik für Oktober weist mengenmäßig eine Einfuhr von 55,5 und eine Aussuhn von 15,4 Millionen Doppelzentner auf. Wertmäßig stellte sich die Einfuhr auf Grund der Berechnungen des Statistischen ReichsamteS aus au-


