fung der Wilna frage durch das tnter- nntrDrtale Schiedsgericht vorschlägt, hat der polnische Außenminister Skirmunt den Vorwurf zurückgewiesen, daß Polen seinen Verpflichtungen nicht nachgekmnmen sei und erinnert daran, daß die Wllttafrage eingehend durch den Völkerbund geprüft und daß die damalige Entscheidung des Völkerbundes von Polen angenommen, aber von Litauen abgelehnt worden sei. Aus diesem Grunde müsse die polnische Regierung die neuen Vorschläge Litauens ablehnen. Die Vertreter der Wilnaer Bevölkerung erklärten sich für den Anschluß Wilnas an Polen. Die polnische Regierung sei zu sofortigen direkten Verhandlungen mit der litauischen Regierung bereit, um freundschaftliche Beziehungen zwischen den beiden Staaten herzustellen.
Warschau. 1. März. (WTD.) 3n der gestrigen Sitzung des Wilnaer Landtages wurden nachstehende vier Entschließungen angenommen.
1. Der Landtag ermächtigt die Re-, gierungskommission, bis zur Meberncchme der Regierung durch die polnischen Behörden, das Wilnaer Gebiet zu verwalten:
2. 3m Hinblick darauf, daß die Bevölkerung der neutralen Zone, die vom Völkerbünde gebildet wurde, sich für die Zugehörigkeit zu Polen erklärte. überläßt der Wilnaer Landtag die Vertretung dieser neutralen Zone im Warschauer Landtage der Polin scheu Regierung.
3. Der Wilnaer Landtag betraut die polnische Regierung mit den Schutzmaßnahmen für politische Gefangene pvdrischer Aa- tionasität, die in Kowno eingekerkert sind.
4. 3n der Minderheitenfrage wird dem polnischen Landtag und der polnischen Regierung aufgetragen, sich für den Schutz der polnischen Minderheit in Kowno und Litauen einzusetzen.
Die deutsch-polnischen Gegensätze.
Genf, 1. März. (WTD.) Das „Journal de GerrSve" führt in sehr bemerkenswerten Darlegungen über die deutsch-polnischen Verhandlungen aus, daß Me polnische Abordnung durch ihre Haltung in her Liquidativns- srage die gesamte Arbeit, die die betreffende UMertommisäon seit sechs Wochen geleistet hat, wieder in Frage stellt. Sie beruft sich aus den Versailler Vertrag, um volle Artümsfreiheit zu fordern, während Deutschland sich auf den Beschluß der Botschafterkonserenz wnb auf die Inter- tfi'en der ober schlesischen Bevölkerung stützt. Ebenso lehnt Polen in der Minderheitenfrage das neue Statur ab unter Hinweis auf den Vertrag vorn 29. 6.1919, und ebenso hat Deutschland auch hier wiederum das Recht, sich auf den Geist, in dem dieser Beschluß gefaßt wurde, zu stützen. Polen verscharrt sich also, so stellt das „Journal de Genöve" fest, hinter früheren Verträgen, um die Beschränkung seiner Staatsoberhoheit in O6er» schlesien abKuwehrcn. Deutschland dagegen hält sich an die wörtliche Auslegung der Einleitung, in der der Völkerbundsrat seine Beschlüsse motiviert hat. Das Genfer Blatt hofft aber trotzdem, daß eine endgültige Einigung noch zustande kommen wird, ohne daß Präsident Calonder die Stich- entscheidung fällen wird.
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t Die kleine Entente.
Prag, 1. März. (Wolff.) Der Minister Denesch trifft morgen mit dem südslawischen Außenminister Rintschlisch in Preßburg zusammen. Der Zweck der Zusammenkunft ist die gegenseitige Information über die Beratungen Beneschs in Paris, London und über die südslawisch-rumänischen Beratungen ^in Bukarest. Gleichzeitig wird das Programm für die G e n u e
Ein neuer Klassiker.
Zum Freiwerden der Schriften ^Moltkes Don Dr. Paul Landau.
Am 24. April 1891 ist Moltks gestorben. Die dollen 30 Jahre, die das Urheberrecht die Werke Äires Schriftstellers vor Rachdruck schützt, sind also für ihn abgelaufen, und jeder Verleger kann jetzt seine literarischen Arbeiten, die in seinen .gesammelten Schriften und Denkwürdigkeiten" und der Sammlung der kriegswisserstchaftlichen Werke vorliegen, veröffentlichen. Dieses „Frei- werden" eines Autors hat häufig erst ein rechtes Entbinden aller Kräfte zur Folge, die in dem Schaffen eines bedeutenden Mannes liegen. Run erst beginnt die eigentliche Wirkung auf die breiten Massen. Wir haben das in allerletzter Zeit bei Storm, bei Gottfried Keller, bei Anzengruber, gesehen, die erst jetzt in vielen und verschiedenartigen Ausgaben vorliegen und so recht ins Volk hineindringen. Es scheint, als ob uns wach eine Anzahl von Reudrucken Moltkefcher Werke bevorstchrn. Eine Reuausd^be seiner Erzählung „Die Freunde" ist bereits erschienen (Verlag von Hans Lohmann, Leipzig), in den weitverbreiteten Langewieschrfchen „Büchern der Rose" soll eine Auswahl aus Moltkes Schriften erscheinen, und andere Verleger werden sich gewiß anschließen. Das wäre auch nicht verwunderlich, denn wir besitzen in Moltke einen klassischen Schriftsteller, von dem so manches pi den Zierden des deutschen Schrifttums gehört, und man darf den großen Strategen wohl ohne ^lebertreibung auch einen Klassiker nennen, in demselben Sinne, in dem es Bismarck ist. Ohne die kriegsgeschicht- llche Bedeutung der Moltkefchen Werke zu beurteilen, soll hier nur auf den literarischen und künstlerischen Wert seiner Schöpfungen hingewiesen werden, durch den er den Anspruch auf den Titel eines Meisters der deutschen Prosa verdient.
Als Dichter und Llebersetzer begann der „große Schweiger" seine literarische Laufbahn. 3m Jahre 1827 erschien in dem Berliner llnter- hallungsblatt „Der Freimütige" die Erzählung „D i e b e i d e n Freunde" von „Helmuth", die im letzten Jahre des Siebenjährigen Krieges spielt und eigene Herzenserlebnisse des Verfassers von einem historischen Hintergründe ab-eichr.et.Moltle zeigt sich hier ganz im Banne dex romantischen Rovelle. besonders Tiecks: aber es spricht eine un- verkennbare erzählerische Begabung aus der spannenden Handlung, und wenn der vielbeschäftigte Offizier auch später diesem Talent nicht mehr die Zügel schießen ließ, so verfällt er doch oft in seinen Briefen in den anmutigsten Rovellenton. So hat er z. D. in einem Brief vom 1. Dezember 1841,
s e r Konferenz festgesetzt. Die Vorbereitungen für die Sachverständigen-Konferenz der Kleinen Entente in Belgrad sind getroffen.
Scheidemann stellt mangelnde deutsche Propaganda fest!
Berlin, 1. März. (WTB.) Scheidemann veröffentlicht im Achtuhr-Abendblatt einen Artikel über die Aufklärungsarbeit im Auslande, der sein Vortrag in Kopenhagen gewidmet war. Auf Grund seiner Beobachtungen im Auslande bedauert Scheidemann den Mangel an Propaganda durch die deutsche Presse, die im Auslande durch kurze, anregend gefaßte Artikel wirken müsse. Lange Leitartikel werden nicht beachtet. Er verweist darauf, daß die Engländer und besonders die Franzosen in Dänemark eine sehr lebhafte Propaganda für die Ententepolitik und gegen die angebliche Böswilligkeit Deutschlands machen. Mit unseren bisherigen Methoden würde hiergegen nichts ausgerichtet. Auf den Kopenhagener Vortrag zurückkvmmend, stellt Scheidemann fest, daß die Behauptung englischer und französischer Blätter, er habe in Kopenhagen die Alleinschuld Deutschlands am Kriege zugegeben, eine Fälschung sei.
Sparmaßnahmen der Post.
Berlin, 2. März. Das Postministerium hat dem Reichstag eine Denkschrift über Vereinfachung und Verbilligung von Verwaltung und Betrieb der Reichspost- und Telegraphenverwallung zugehen lassen. Wie es in der Denkschrift heißt, werden die bisher eingeleiteten und noch beabsichtigten Aende- rungen in Verbindung mit den Vereinfachungen des Geschäftsbetriebes im Ministerium selbst eine Verringerung des Personalbestandes in absehbarer Zeit zur Folge haben. Ebenso wird im Verlauf späterer Jahre eine Verringerung der Oberpostdirek- tivnen von 45 auf 35 möglich sein. Ferner bedarf die Frage, ob die B 2 h n p o st ä m t e r teilweise nicht geschlossen werden können, einer Prüfung, die bereits eingeleitet ist. Eine noch weitergehende Einschränkung der Briefkastenentleerung und der Bestellungen hält die Postdirektion nicht für angängig. Die Denkschrift schließt zusammenfassend, daß die bereits vollzogenen Vereinfachungen und Verbilligungen eine Ausgabenverminderung um eine Milliarde zur Folge gehabt haben. Eine aus Mitgliedern des 27. Ausschusses und aus Vertretern des Derkehrsbeirats, des Bcamten- beirats und des Zentralbetriebsrats bestehende Kommission soll die Einrichtung der Post- und • Telegraphenverwaltung zum Zwecke der Vereinfachung prüfen.
Ans dem Reichs.
Stresemann über den früheren Kronprinzen.
Berlin, 28. Febr. Dr. Stresemann zieht in den „Deutschen Stimmen" einen Vergleich zwischen Friedrich dem Großen als Sohn des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. und dem jetzigen Kronprinzen des Deutschen Reiches. 3m Anschluß daran macht Dr. Stresemann Andeutungen über den 3nhalt des Buches, das der Kronprinz in Vieringen geschrieben hat. Es heißt da: „Man wird sich mit diesem Buch auseinandersetzen müssen, well es ein Mann von Geist und von Lebenserfahrung geschrieben hat, dem mehr zugänglich war an Erfassung von Eindrücken als den meisten Menschen unserer Zeit. Das übliche Bild des deutschfeindlichen Eduard VII. wird
als ihn das Geigenspiel Sivoris, eines Schülers Paganinis, begeisterte, seiner Braut die Geschichte von Paganinis Geige in einer Form erzählt, die ein wahres Musterstück einer Musiknovelle ist. Um des „schnöden Mammons" willen, an dem es dem jungen Moltke sehr gebrach, widmete er sich der llebersehertätigkeit und hat das umfangreiche Geschichtswerk „Der Riedergang des römischen Reiches" von Gibbon übertragen. Seinem Bruder Ludwig, mit dem er um die Wette englische Gedichte in deutsche poetische Form goß, teilt er die strengen Grundsätze mit, nach denen er diese Lohnarbeit ausführte. Zweifellos hat dies Ringen um den besten Ausdruck, durch den das Englisch wiedergegeben werden konnte, fein Sprachgefühl sehr verfeinert, und er eignete sich eine hohe Sprachkunst an, die er durch beständiges Feilen und Verbessern seines Stils übte. Deshalb haben auch die zwanglosen Bekenntnisse seiner Briefe eine anmutige Formschönheit und zugleich einen ganz eigenen persönlichen Ton. Moltkes Briefstil ist von edelster Klarheit und Anschaulichkeit, hält zwischen subjektiver Herzlichkeit und objektivem Realismus die rechte Mitte. Zwar fehlt die leidenschaftliche Wucht und die lyrische Urkraft, die die Bismarckschen Briefe äuszeichnet, dafür waltet eine fein abgewogene Harmonie und eine geistreiche Pointierungskraft. Moltkes Briefe an seine Braut und dann an seine Frau, an Vater, Mutter und Geschwister, an Reffen und Großneffen gehören zu den Schätzen der deutichen Briefliteratur. Sein erstes größeres Werk ist auch aus den Briefen entstanden, die er an leine Familie schrieb. Es sind die 1841 erschienenen „Briefe über Zustände und Begebenheiten in der Türkei", ein Reisewerl, das so vollkommen künstlerisch gestaltet ist wie wenige. Der historische Rahmen des russisch-türkischen Krieges, dem er später ein eigenes kriegswissenschaftliches Werk widmete, spannt sich um den Inhalt, der von dem beschaulichen Wirken am Bosporus durch die Fahrten in Kurdistan bis zu den: Drama der Schlacht von Risib aufsteigt. Die Fähigkeit Molt- kes, topographische Anschaulichkeit und geographische Genauigkeit mit größter Anschaulichkeit zu. verbinden, wurde von seinem Lehrer, dem Altmeister der Erdkunde Karl Ritter, schon in der Vorrede anerkannt. Ernst Eurtius sagte später von dem Werk: „Moltke war sich der Merkwürdigkeit dessen, was er täglich erlebte, voll bewußt und versäumte nicht, jede Mußestunde zu Aufzeichnungen zu benutzen, aber nicht, um größere Leserkreise zu unterhalten, sondern in Briefen an die nächsten Angehörigen. Daher der schlichte Ausdruck und der volle Zauber des Unmittelbaren, der lebensvollsten Wahrheit! Seine Berichte sind der natürlichste Riederschlag einer geistig und körperlich angestrengten Tcitig-
slch kaum aufrecht erhalten 'assen nach den Anschauungen, die der deutsche Kronprinz über den englischen König vertritt. Das Bild des deutschen Kronprinzen, der Freude am Kriege gehabt hätte, und den Krieg nicht ernst genommen habe, wird verblassen, wenn man seine Denkschriften studiert, die er nicht jetzt in s Vieringen, sondern während des Krieges geschrieben hat, als er nach der Marneschlacht dringend dazu riet, Frieden zu schließen, als er den vierten Kriegswinter der Obersten Heeresleitung vor Augen führte, daß man nicht mehr die Armee von 1914 vor sich habe, daß man den allen Familienvätern, diesen schlecht ernährten und schlecht gekleideten, mehr als 40jährigen, nicht Aufgaben zumuten könne, die eine junge unverbrauchte Armee vielleicht lösen könnte. Es steckt in diesem Manne viel mehr Ernst, als die Oeffentlichkeit annahm, viel mehr Geist, als man ihm zutraute, viel mehr realpolitisches Denken, als in idealistischen Kreisen und eine eigene Auffassung der Dinge."
Mm die Zwangswirtschaft.
Berlin, 1. März. (WTD.) 3m Haupr- ausschuß des preußischen Landtages wurde bei der Einzelberatung des Haushalts der landwirtschaftlichen Verwaltung ein deutsch nationaler Antrag auf Beseitigung der gesamten Zwangswirtschaft auch beim Brotgetreide mit 16 gegen 13 Stimmen abgelehnt. Vier Zentrumsabgeordnete stimmten mit den sozialistischen Parteien. RamenS der Zentrumsmehrheit wurde die Erklärung abgegeben, daß eine Entscheidung in dieser von der weltwirtschaftlichen Lage und der Ernte abhängenden Frage jetzt noch nicht getroffen werden könne. Das Abstimmungsergebnis der soziallstischen Parteien wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Mit 15 gegen 14 Stimmen abgelehnt wurde ein sozialistischer Antrag, der die Sicherstellung zu entsprechenden Preisen eines solchen Prozentsatzes von Lebensmitteln verlangt, daß die Ernährung der Minderbemittelten der Bevölkerung gewährleistet wird.
Der Mansfelder Streik.
Halle, l.März. (Wolff.) Unter dem Vorsitze eines Vertreters des Reichsarbeitsministeriums wurde gestern in Halle über die Beilegung des Mansfelder Streiks verhandelt. Rach langwierigen Verhandlungen einigten sich die Parteien auf folgender Grundlage: Der früher bestehende Manteltaris wird in vollem Umfange bis zum 1 Juni in Kraft gesetzt. Etwaige zentrale Vereinbarungen über den Manteltarif werden von der Mansfelder Gewerkschaft anerkannt. Die Löhne für März werden u m 10 Mark, für die in reinem Schichtlohn stehenden Arbeiter um 12 Mark erhöht. Die Arbeiter werden heute über die Vereinbarungen beschließen.
Die Frankfurter Goethewoche.
Frankfurt a.M.» l.März. (WTB.) Der zweite Festabend der Frankfurter Goethewoche brachte unter der trefflichen Regie von Dr. Ernst Lert die „Zauberflöte". Der Vorstellung ging eine Ansprache von Thomas Mann voran, der über die Idee der organischen Zusammengehörigkeit von Bekenntnis und Erziehung sprach und von dem dichtbesehten Hause auf das lebhafteste gefeiert wurde. Dr. Roktenbergs glänzende musikalische Leitung, die wunderbaren Bühnenbilder Ludwig Sieverts und die tresilichr Besetzung auch kleinerer Rollen schufen eine Gesamtleistung von unvergeßlicher Wirkung. Von den Darstellern wurden besonders Adolf Jäger als Taminv, Elfe Jülich de Vogt als Pamina, Rudolf Brinkmann als Papageno und Walter
feit, belebt von allen geschichtlichen Erinnerungen, die ihn aus der Zugendzeit begleiten."
Die Reisebilder, die später in dem „Wanderbuch" gesammelt wurden, haben alle dieselben hohen Vorzüge. Wie in der geographischen Betrachtung an Ritter, knüpft er in der soziologischen Verbindung von Land und Leuten an H. W. Riehl an, so ip dem prachtvollen Aufsatz „Volk und Land der Kurden". In der Studie „Holland und Belgien" merft man den Einfluß von Schillers „Abfall der Riederlande". In seinen kriegsgeschichtlichen Arbeiten schließt er sich an den genialen Clausewitz an, und auch stilistisch sind diese Darstellungen von Feldzügen oder Erörterungen strategischer Fragen musterhaft. Diese Arbeiten beginnen mit seiner Geschichte des türkisch-russischen Krieges und enden mit _ seiner populären Darstellung des deutsch-französischen Krieges, die er gleichsam als Vermächtnis seinem Volke hinterlieh und die noch immer die vollendetste Spiegelung dieser glorreichen Ereignisse ist.
Moltke war ein Mann, der auf einer geistigen Höhe stand wie wenige. Er besaß ausgebreitete gelehrte Kenntnisse, vor allem in Geschichte und Geographie. Der Mebersetzer des Wellhistorikers Gibbon, der Verehrer von Ranke und Carlyle weiß aus der Geschichte stets die treffenden Parallelen und Anspielungen in seine Schilderungen zu verweben: er ist. ein Meister der hifto- rifcheii Anekdote, die er zur Veranschaulichung nni> zum Anschlägen einer Stimmung verwendet. Die Weltliteratur war ihm in ihren höchsten Leistuiigen vertraut. Zeitlebens war er ein Verehrer Goethes, und alle feine Schriften sind mit Goetheschen Anschauungen und Goethezitaten, besonders aus dem „Faust", gesättigt. Als seine Lieblingsschriftsteller hat er einmal Schiller, Goethe, Shakespeare, Scott bezeichnet: aber auch in Montaigne weiß er ebenso gut Bescheid wie in Voltaire: er zitiert Milton ebenso wie Byron und Dickens und hat eine Vorliebe für die deutschen Romantiker, für Fouque, MH land, Heine, Strachwitz. In der Musik war Mozart sein Abgott, der klare anmutige Klassiker, während Bismarck bezeichnenderweise mehr den dämonischen Beethoven liebte. Musik war ihm Lebenselemenk, und stundenlang konnte er Meister Joachim oder der Hausmusik seines Kreises lauschen. Seine zeichnerische Begabung führte ihn bei seinen Reisen zum Studium der Baukunst, der er sehr feine Urteile gewidmet. Sein überlegener Geist machte auch vor den schwersten Rätselfragen der Menschheit nicht Hall, und ein ergreifendes Zeugnis dieser unablässigen Gedankenarbeit sind die in seinem letzten Lebensjahre endgültig niedergeschriebenen „Trvstgedanken", die mit den Wörter! beginnen. ..Der Mensch fühlt sich als ge»
Schneider als Sarastrv gefeiert. Der morgige Abend bringt die Clucksche „Iphigenie" mit einer Ansprache von Rudolf Binding.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 2. März 1922.
Wettervoraussage
für Freitag:
Wollig, meist trocken, kühler, nordwestliche Winde.
Das über Südwesteuropa gelegene Hochdruck gebiet folgt dem nordwärts verlagerten Tie,druck- gebiet. An der atlantischen Küste nimmt der Luftdruck zu. Wir werden mit dem Eintritt kühlerer Witterung rechnen müssen.
’* Ein Frühlingsgewitter mk ausgiebigem 7egenfall zog gestern über unsere Stadt. Gefolgt war es von starkem Sturm, der die ganze Nacht über anhielt. Von fach.-- kundiger Seite wird uns hierzu mitgeteilt: Nachdem schon einige Zell das mlld<- regnerische Wetter die Macht des Winters gebrochen hat, ist gestern ein heftiger Sturm wirbel über Norddeutschland gezogen. Infolge des starken Luftdruckgefälles, das schot- einige Tage in südnördlicher Richtung vor-, herrscht, ftischten sich die milden Westwinde allmählich auf. Von dem mit seinem Kern über der nördlichen Atlantik liegenden Tiefdruckgebiete trennten sich Randwirbel ah und zogen in östlicher Richtung. Ein solcher Randwirbel hat sich gestern zu einem starken Tellties ausgebildet, auf der Rückseite seiner ^igrichtung strömten von Norden kalte Luftwaffen heran, und stießen in den höheren Luftschichten auf die im Laufe des Tages erwärmte, nach oben steigende Lust. Der Temperaturausgleich dieser verschiedenen Luftwirbel erfolgte unter heftigen elektrischen Entladungen; gleichzeitig traten starke Sturmwirbel auf, die während der Nacht noch anhielten und erst gegen Morgen etwas abflauten. Solche Gewittererscheinungen pflegen einen Witterungsumschwung herbeizuführen. zr.
’*■ Diebstähle. In der Nacht xam Mittwoch wurde in hiesiger Stadt ein SellerSwassLr- häaschen erbrochen, wobei den Tätern für etwa 3000 Mark Schokolade und etwa 1000 Mart Zigaretten in die Hände fielen. — Ferner wurden aus einem Hausgang 19 Herrenhemden, 1 Damen- Hemd, 1 Tamenunterhose und eine Bluse entwendet. Vor Ankauf wird g'warnt.
•• Die Schuhmacher - ZivangS- Innung veröffentlicht int heutigen Anzeigenteile eine Bekanntmachung, in der sie vor Vergebung von Arbeiten an Werkstätten warnt, die die Richtpreise der Innung unter bieten, da solche Unterbietungen nur auf Kosten der Qualität uyd ArbeitSauSführun- geschehen könnten.
** Lieber Okkultismus sprach Geheimrat S 0 m m e r im großen Hörsaal der Mniuerfiiäi in einer öffentlichen Sitzung der Oberhessischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde. Ser Redner behandelte das Thema vom Standpunkte bei Geistesgeschichte seit dem liebergang des Mittel alters in die Neuzeit. Der Okkultismus läuft der Entwicklung der Wissenschaft parallel und nimmt in jeder Zeit verschiedene Formen an. Am Aus - gang des Mittelalters knüpft er besonders an Die Planeten und ihren Einfluß an. Dabei galten Sonne und Mond neben Merkur, Venus, Mars. Jupiter und Saturn als Planeten. Damals war eine wirkliche Weltanschauung vorhanden, in bei der Mensch und alle Geschöpfe der Lrde mit dem Weltsystem in Verbindung gebracht wurden. Man nahm auch einen Einfluß der Planeten auf bestimmte Körperteile an und brachte z. B. die Teile und Linien dex Hohlhand' mit den Planeten in Beziehung (Chiromantie). Dabei wurde bestimm
III» ......ii—im ■ 1 1 imm n IHM 11111 1111111 —
schlvssenes Ganzes, gesondert von der übriger. Welt, und gegen sie äußerlich begrenzt durch die körperliche Hülle, welche hier auf Erden der Seele zur Wohnung dient. Dennoch möchte ich in diesen Grenzen Funktionen erkennen, die, innig verbun den und von der Seele beherrscht, doch eine selbständige Existenz haben . . ."
Moltke tritt als Sprachkünstler zu jenen scharfen, klaren Meistern des Stils, die ihre Gedanken im strengen Relief ausprägen, wie etwa Lessing und Ranke. Theodor Matthias, der Moltkes Stil in der „Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins" eine tiefschürfende Abhandlung gewidmet hat, hebt die Vorherrschaft der Vernunft in seiner Sprache hervor. Moltke selbst bat bisweilen über das liebergewicht des Verstandes über die Phantasie in seiner Ratur geflagt. Jedenfalls sind seiner Sprache alle die Vorzüge einer straffen Gebantenzucht und einer feinen Geschmeidigkeit des Geistes eigen. Ordnung unh Knappheit der Sähe sind mit liebenswürdiger Anmut und sachlicher Ruhe verbunden. Besonders eigentümlich ist ihm ein trockener Humor, der sich in Wortspielen und scharf pointierten Wendungen zeigt: er ist reich an treffenden Wortprägungen und verschmäht auch volkstümlich derbe Redensarten nicht. Seine überlegene Laune ergeht sich in der Ausmalung von Situationen und Ereignissen, und selbst erfundene Motive sind ihm bis ins kleinste anschaulich: so wenn er z. D. der Mutter als Ersparnis ein Stückchen Leinwand schickt und bann eine lange Geschichte erzählt, daß es das Stück'von dem Hemd eines Priesters fei. der im Jahre 2040 v. Chr. gelebt habe. Im Erfinden solcher Geschichtchen, im realistischen Darstellen von Einzelheiten ist er Meister und verfügt über eine große Kraft der Veranschaulichung und Vergegenwärtigung. Diese reine Linienführung, diese fjarmonifdjc Form, die den Blick eines guten Zeichners verrät, kommt in erster Linie feinen Landschaftsbildern. seinen Reiseszenerien zugute. Doch bleibt feine Darstellung stets gegenständlich, verliert nie den' nüchternen Boden der Wirklich - keit, läßt den Topographen und Geographen erkennen. Als Sprachschöpfer erweist er sich auch durch die reiche Fülle seiner Bilder, wobei mit Recht hervorgehoben worden ist, daß sie meist auf praktische Dinge Bezug nehmen. „So läßt sich", sagt Matthias zum Schluß, „Moltkes wohlabgemessenes, ästhetisch ausgeglichenes Wesen bis in bie Einzelheiten seines Stils verfolgen, gerade wie bureb Bismarcks Briefe in Form unb 2Ius- druck oft bis ganze Glut feiner Leidenschaft kocht. Sein Stil gemahnt an bas milde Sternenlicht eines Abendhimmels, bas er selbst einmal so schön in einem Brief an seine Braut beschrieben unZ von dem er gesagt hat, daß es alle Sorgen ver- aelfen mache.
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