Nr. 283
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poftschecttonlo:
Krantfutt a. M. 11686.
Erstes Blatt
172. Jahrgang
Freitag, Dezember 1922
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Gberhefsen
Dm<! und Verlag: vrLhl'fche UniverfitStz-Vuch. und Zteindnickerei R. Lange in Sieben. Schriftleitvng und Gefchäftrstelle: Schulftraße 7.
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Der griechische Minister- morb.
Die Hinrichtung der griechischen Minister ist in ihrer unbegreiflichen Brutalität vergleichbar mit dem Geiselmord im Münchener Luitpold-Gymnasium zur Zeit der bayerischen Räteherrschaft. Hier wie dort eine entartete Soldateska, die aus einem verlorenen Krieg entlassen ist, zum Teil gar nicht an der Front war, und nun in der Heimat das Politische Schicksal spielt. Man kann König Konstantin beglückwünschen, daß er rechtzeitig abdankte und daS gärende Athen verlieh. Sonst wäre hm und den Seinen wahrscheinlich AehnlicheS widerfahren, wie der russischen Zarenfamilie. Unrichtig ist jedenfalls die Behauptung, die verschiedentlich aufgestellt wird, dah daS Dlut- urteil gegen die griechischen Minister mit deren Deutschfreundlichkeit etwas zu tun habe. G u n a r i S hatte zwar in Leipzig studiert und sprach fliehend deutsch. Aber er sowohl, als auch ProtopapadekiS, der Finanzminister, der von Beruf Ingenieur war und seine Studien zum Teil an deutschen Hochschulen betrieben hatte, waren griechische Patrioten, die in und nach dem Weltkriege dasselbe wie DeniseloS wünschten, den Sieg über die Türkei. Dollends StratoS und Daltazzi waren ausgesprochene Beniselisten, und der Admiral Goudas sowie der General S t r a t i g o S, die'mit lebenslänglichem Gefängnis bestraft wurden, hatten gar nichts mit der Politik zu tun. DaS Verbrechen der Minister, die im April vorigen Jahres zu dem Kriegskabinett GunariS zusammengetreten waren, bestand lediglich darin, dah sie das Spiel, das England mit ihnen trieb, nicht durchschauten. Mit der Hinrichtung sollte England brüskiert werden. Wan wirft ihm die Häupter seiner Werkzeuge vor die Fühe. Auf die Rechnung barbarischer Rachsucht sind die „Rebenstrafen" zu setzen, die als auherordentlich hohe Geldstrafen einer Einziehung des DermögenS der Verurteilten gleich kommen.
Gewiß muh sich das menschliche Gefühl gegen das Bluturteil empören, das aus zügellos dahinrasender Leidenschaft eines revolutionierenden DolkeS hervorging. Aber liegt in den politischen Protesten, die jetzt von alliierter Seite aegen die griechische Revolutionsjustiz geschleudert werden, nicht ein reichliches Stück von Scheinheiligkeit und Heuchelei? Haben die Ententeregierungen, als sie in Griechenland während des Weltkrieges ihren Willen durchsetzen wollten, Menschenleben geschont? Sie haben während der sogenannten Dlockadezeit die ihnen unbequemen Beamten Griechenlands mit dem Tode bedroht, Zivil- und Militärpersonen eingekerkert, Bauern, die nicht lesen konnten, erschießen lassen, weil sie ihren Käse mit Plakaten umhüllt hatten, die aus deutschen Flugzeugen geworfen waren. Sie haben die ganze griechische Ration beschuldigt und erniedrigt, acht Monate lang durch eine äußerst barbarische und unmenschliche Blockade das Land ausgehungert, so dah die Leute zu Hunderten starben, Tuberkulose und Epidemien in der Bevölkerung wüteten, und es ist nicht überttieben, heute noch zu behaupten, dah ein großer Teil des griechischen Volkes auf Generationen hinaus entartet sein wird. (In dem jetzt abgeschlossenen dreij-ähri- gen Krieg mit den Türken mag diese Entartung mit als Grund der griechischen Riederlage anzusehen sein.) Wer jagte mit Automobilen und geladenen Revolvern mitten in den Sttahen Achens die Menschen wie Hunde? Die englische Polizei. Wer lieh auf die griechischen Truppen feuern? Wer lieh Athen bombardieren? Die Alliierten! Dann kam der Krieg mit Angora, und die Alliierten spalteten sich, aber nur um zwei andere Völker aufeinanderzuhetzen und für die höheren Zwecke der Entente bluten zu lassen.
Rachdem Griechenland das traurige Spiel verloren hat, wird es von London aufgegeben. Za, England benutzt jetzt offenbar den Athener Justizmord, der verzweifelten Parteileidenschaften, um sich der moralischen Verpflichtungen, die es vielleicht noch gegenüber Griechenland empfinden mochte, vollständig zu entledigen. ES läßt den Armen schuldig werden und dann überläßt es chn der Pein. Ob D e n i s e l o s die Lage retten und den „Zorn" der Westmächte beschwören wird, ist fraglich. Man traut ihm ja von verschiedenen Seiten zu, dah die unglücklichen Minister ihm sehr gelegen starben, so dah die Dahn frei wird für ihn als den Defteier des Vaterlandes. Aber der in allen politischen Wassern gewaschene Kreter ist viel zu llug, um sich angesichts der übereilten Hinrichtungen etwa durch Aeuße- tung feiner Freude und Genugtuung eine Blöße zu geben. Er wird warten, bis der Sturm vorüber und seine Zeit gekommen ift. Schließlich hat ja auch die Konferenz von Lausanne einen Schlag bekommen, von dem sie ftch nicht so schnell erholen wird.
Neue Verhaftungen in Athen.
Paris, 30. Dov. (WTB.) Dach einer Havasmeldung aus Athen ist die Verhaftung des Generals Papulas und des ehemaligen Generalstabschefs der kleinasiatischen Armee, Valetta, angeordnet worden. Rach einer weiteren Meldung aus Londozl sind die Generäle Valetta und Du Sm an iS verhaftet worden.
König Georg in Bedrängnis.
Paris, 1. Dez. (WTB.) Rach der Meldung einer Rachrichtenagentur wird bestätigt, daß König Georg von Griechenlar. d, sobald er erfahren hatte, dah Prinz Alexander vor ein.Kriegsgericht gestellt werden solle, ferne Abdankung angeboten habe. Das revolutionäre Komitee habe sich geweigert, den König abreifen zu lassen.
Eine Anfstandsdewegung in Weftthrazien.
Paris, 30. Rov. (WTB.) In Ergänzung einer heutigen Meldung der .Chicagoer Tribüne" über eine gegen Griechenland gerichtete Aufstandsbewegung in West- thrazien meldet eine ^Nachrichtenagentur aus London, dah die grohe Eisenbahnlinie in der Rähe von Adrianopel aufgerisfen woroen und der Orientexpreh entgleist ist Ob daS Un- glück mit lokalen türkischen Erhebungen an der thrazischen Grenze im Zusammenhang stehe, sei noch nicht festgestellt worden. Ferner verfaulet, dah die Wirren in Thrazien einrn ziemlich ernsten Charakter hätten. Die Gegend von Dedeagatsch soll von einer 5000 Mann starken bewaffneten. Dcrn.de beherrscht fein, die für Thrazien eine Volksabstimmung verlangt.
Sofia, 1. Dez. (WTB.) Die Regierung hat den Führer der bulgarischen Delegation auf der Lausanner Konferenz beauftragt, der Konferenz eine Rote zu übergeben, in der die H e i m - führung der Flüchtlinge aus Thrazien gefordert wird, die sich in Bulgarien aufhalten und deren Zahl 200000 übersteigen soll. Ferner soll Stambulinski eine zweite Rote überreichen, in der die Konferenz gebeten wird, sich zugunstet der Bevölkerung Westthraziens ins Mit- tel zu legen, welche die Griechen gewaltsam zu vertreiben und durch Flüchllinge aus Kleinasien zu ersetzen beabsichtigen.
Die Lausanner Konferenz.
Lausanne, 1. Dez. (WTB.) Dem russischen Gesuch entsprechend wurde die erste Sitzung der Kcnferenz über die Meereugenfrage auf Montag verschoben.
Lausanne, 1. Dez. (WTB.) Heber die gestrige Unterredung zwischen Curzon und V e° niselos erfährt man. dah sich eine dolle Ueber- einstimmung der beiden Delegationen darüber ergab, dah die Vorgänge in Athen und die Zurück- betufung des englischen Gesandten keinen Anlaß zur älnterbrechung der Konferenzarbeiten sowie keinen Anlah zur Aenderung der beiden Delegationen auf der Konferenz gebe.
Lausanne, 30. Rov. ('WTB.) Die Konferenz hat über die Kommissionssitzung folgende amtliche Mitteilung herausgegeoan:
Die verschiedenen llnterausschüfse des Wirtschafts- und Finanzausschusses haben heute mit den Arbeiten begonnen. Gestern ist der ilnter- ausschuh für Verkehr und Transport zusammengetreten und wählte Fvuntrin-England zu seinem Präsidenten. Heute morgen hielt der älnteraus- schuh für Fincrnzangel^enheiten, der Dompard- Frankreich zu seinem Präsidenten wählte, seine erste Sitzung ab. Der älnterausschuh für Wirtschaftsfragen wird von Rogora-Italien präsidiert, der Unterausschuß für Zollfragen von Hassan Dei-Turkei. Die schriftliche Antwort auf die endgültige Stellungnahme der Rote der Alliierten erfolgt voraussichtlich erst nach Rücksprache Rakowskis mit Tschitscherin. Man sieht in dem Gesuche um Aufschub einen Beweis dafür, dah ein endgültiger Beschluß innerhalb der russischen Delegation noch nicht gefaht wurde.
Eine Einladung an Aegypten.
Kairo, 30. Rov. (Wolff.) Haras meldet: Die französische, englische und italienische Regierung luden die ägyptische Regierung ein, eine amtliche Vertretung nach Lausanne zu senden, um ihren Standpunkt darzu- legen. wenn sich die Debatte um die Stellung Aegyptens drehe.
Poincacss Stellung erschüttert?
Der lin, 1. Dez. Der Pariser Korrespondent der ^Vosf. Ztg." meldet seinem Blatte, man halte es in französischen Kreisen für wahrscheinlich, daß Poincare im Falle eines negativen Ausgange^ der Londoner DÄPrechungen über die Repara- tionsftage freiwillig zurückrreten werde um Lvu- cheur Gelegenheit zu geben, die Lösung des Re- varationsproblemS durch eine Verstärrdigung mü den Verbündeten und Deutschland -u versuchen Wan versichere. daß PräsidentWillerand für diePläne Loucheurs gewonnen sei. — Auch der ^Vorwärts' glaubt aus den ihm zu» gegangenen Rachrichte',r «schließen zu dürfen, daß Die Stellung Poi.ncar« erschüttert sei unb Low cheur als fein Rachfolger gelte.
Eine Londoner Konferenz der Alliierten.
Paris, 30. Dov. (WTB.) Rach einer Havasmeldung aus Brüssel werden der Ministerpräsident T h e u n i s und der Minister des Aeuhecn Jas- Par zurLondonerKonferenz derPremier- mtnister gehen, die am 9. und 10. Dezember stattfinden wtrd. x
Eine Anfrage an Bonar Law über die Nheinlandc.
London, 30. Rov. (WTB.) Heute wurde im Unterhaus an Donar Law wieder die Anfrage gerichtet, ob Großbritannien sich einem Versuch Frankreichs, die Rheinlande von Deutschland loSzureißen, widersetzen würde. Der Premierminister erwiderte, dieFrage sei g a n z h y p o t h e t i s ch. Es sei ihm daher nicht möglich, sie zu beantworten.
Einigung der Liberalen in England.
London, 30. Rov. (Wolff.) Lloyd George hatte gestern eine 'Besprechung mit den liberalen Peers über die Möglichkeit einer Vereinigung der beiden liberalen Gruppen. Die Peers beschlossen, heute in einer Zusammenkunft im Oberhaufe die Frage zu erörtern. Ein bekannter Liberaler erklärte dem Vertreter des Reuterschen Bureaus gegenüber, morgen werde die Einigung Tatsache fein, wenn die Frage des Führers in befriedigender Weife gelöst werden könne.
London, 30. Rov. (Wolff.) Rach einer Blättermeldung sprachen sich gestern LlvydGe- o r g e und Asquith schriftlich für eine Vereinigung der beiden liberalen Gruppen aus.
Die „Dimes" über die Reparationspolitik.
London, 30. 'Rov. (Wolff.) Die „Times" schreibt: Wenn die britische Regierung die Lage richtig verstehe unb den QHui habe, ihr gerecht zu werden, so werde sie sich bereit erklären, die Anleihen, die die Alliierten bei England ausgenommen hätten, insgesamt oder grobtenteUS zu erlassen, sowie die Reparationen, die Deutschland England schulde, in ihr^ Gesamtheit oder zum großen Tell zu st r e i ch e n, falls eine solche Politik zu einer befriedigenden internationalen Regelung für Europa beitragen könne. Die Anleihen seien vom finanziellen Standpunkt so gut wie wertlos. Englands Anteil an den Reparationen fei für England unvergleichlich viel weniger wert, als die Torteile, die es aus einer baldigen Wiederherstellung der politischen und wirtschaftlichen Stabllität in Westeuropa ziehen würde.
Ein deutsch-englischer Vortragsabend in London.
London, 30. Rov. (Wolfs.) Der Sachverständige für Geschichte beim „ Fvreign Office" Hcadlam Morley, hielt einem Bericht der Preß-Association zufolge, gestern abend im Kings College einen Vortrag über das Thema: „Der deutsch: Einfluß auf die britische Geschichte". Der deutsche Botschafter St Harner, der den Vorsitz hatte irrtb den Dortvagen! ea einführte, wies darauf hin, daß Morley em genauer Kenner Deutschlands sei, daß er für Laird und ßcule Verständnis gezeigt und in seinem Tmchc über Bismarck, den Begründ-er und Rationalhalle r des neuen Deutschland, Gründlichkeit und Wahrheitsliebe teteine. 3n seinem Dortrage schilderte Morley den jahrhundertelangen kulturellen Einfluß deutschen Denkens und deutscher Kunst auf England. Er sagte, Deutschsand habe eine hervorragende und ausgezeichnete Rolle gespielt, und England verdanke ihm vieles, was niemals verloren gehen könne. Der Vortragende erwähnte in diesem Zusammenhang die Sona en Beethovens, die Dachschen Fugen, die Lyrik Goethes, die Lieder Schumanns und Schuberts und die Philosophie Kants.
Der deutsche Botschafter erklärte, feit dem .12. Jahrhundert hätten die englische und deutsche Ration in dauernder Berührung miteinander gestanden und gu!e Beziehungen hätten nicht nur in Hansel und Schis,ahrt, sondern auch in kulturellen Fragen g^errscht. Es würde sich lohnen, zu untersuchen, welche? der beiden Länder durch das andere beeinflußt worden fei; auf jeden Fall hätten beide durch die Wechselwirkung gewonnen. Die Entscheidung darüber.' ob sich diese gegenseitige Beeinflussung auch in Zukunft wieder geltend machen werde, liege im Scho''' der Götter. Der Vortrag sei zu begrüßen als erster Schritt auf dem langen, steilen Wege, der vielleicht schließlich dazu führen 'werde, die beiben Rationen wieder in Berührung miteinander yu bringen.
Tie Beschäftigung der Arbeitslosen in England.
London. 30. Rov. (WTB.) Das Kabinett hat gestern weitgehende praktische Pläne, die auf Arbeitsbeschaffung für Beschäftigungslose gerichtet füll), angenommen. Die Pläne umfassen ausgedehnte Reuanlagen, 'Verbesserungen von Eisenbahnanlagund Wegen. Sie betreffen ferner die Einberufung einer Reichskonferenz, die die Entwicklung deS Handels innerhalb deS Reiches prüfen soll. Sie vorgeschlageren Arbeiten kosten 50 Millionen Pfund Sterling. Eine Denkschrift, die der Arbeit?., in ist er an dir Arbeitgeberverbände und i:2n Gea>e. chaftstvngreh richtete, schlägt eine verbesserte Ar . -wie-Unterstützung vor. Danach sollen die einzc. ... , Industrien für die in ihren Brreich fallenden Arbeitslosen verantworttich gemach,, werden.
(Erklärungen Tschitscherins in Berlin.
Berlin, 30. Dov (WTB.) Heute abend 7 llhr empfing Tschitscherin in der ru'si fchen Botschaft die internationalen Pressevertreter. Er gab in einer kurzen klaren englischen Ansprache die Ansichten der russischen Regierung wieder, besonders über di. Meerengenfrage und ihre Beöeutung für ba* Schwarze Meer. Die volle Souveränität b?v Türkenvolkes über das türkische Land und bic türkischen Gewässer und die Schließung der Meerengen für alle Kriegsschiffe mit Ausnahme der türkischen seien für die Wahrung des Frieden > durchaus notwendig. Sa8 türkische Volk würde a if die Dauer auch nicht erlauben, daß ihm di' souveränen Rechte über seine Gewässer weg Benommen würden und Konstantinopel für jeden Ingriff der Seemächte offen bliebe. Kein Ab kommen, das hierfür keine Garantien böte, könn von Dauer fein. Diese Garantie sei schon gegebm im Moskauer Vertrag zwischen Rußland und !>" Türkei. Jeder Versuch einer Einmischung in b’c türkischen Angelegenheiten wurde vor der tüuli scheu nationalen Bewegung weggescKoemmt werden. Tschitscherin fuhr fort, er wage nicht zu versichern, dah Lausanne eine endgültige Lösung bringen wurde. Wie aber auch dort die Ent scheidung falle, die nationale türkische Bewegung könne nicht aufgehaltcn werden. Das russische Programm sei genau dasselbe, was auch die Mächte in Lausanne beschließen möchten. Dann sprach Tschitscherin von der morgen beginnenden A«>- rüstu"gskonferenz von Moskau und gab Erklärungen Über den russischen Vorsch'ag ab, de darauf binausläuft, zwischen den Rachbarstaaten Kontrolkzonen zu schassen, in denen nur Grenz truppen in einer von den Rachbarn festgesetz en Stärke bleiben dürfen, worüber eine gemisch'- Kommission wachen sollte. Dieses System sei be reits in Ausführung Zwischen Rußland und Finn land. GS sei zu hoffen, baß es auch zwischen anderen Rationen eingerichtet werde.
Berlin, 30. Rov. Der russische Dvlkskom missar des Aeußem Tschitscherin, der sich auf der Reise von Moskau nach Lausanne befindet, hält sich heute einige Stunden in Berlin auf. RachmittagS findet beim Leiter der Ost- ableilung deS Auswärtigen Amts Frhr. vo Malhan ein Essen statt, an dem außer Tschitscherin Reichskanzler Dr. Cuno und der Reichsminister des Aeuhern von Rosenberg teilnehmen.
Die Erregung im Rheinlande.
Köln, 1. Dez. (WTB.) Die „ftöln. Ztg. veröffentlicht eine Kundgebung der Kölner D e r e i n i g u n g a 11 c r Akademiker, i.i der diese erklärt, dah sie einig fei in der ernsten Zurückweisung aller gezen die Freiheit ber Rhein - lande i;nb auf ihre Absonderung vorn Deutschen Reiche gerichteten fremdländischen D-strelmngen Sie geloben mit allen Akademikern des Ahern landes dem Reiche aufs neue heilige Treue.
Das Kölner sozialdemokratische Blatt, die »Rheinische Zeitung", schreibt u. a.:
Wenn die Agenten Frankreichs nicht nur von ihnen gekaufte Meinungsäußerungen nach Paris berichten mühten, so konnten sie aus allen Be Völkern ngsschichten des Rheinlandes massenhaft Verwünschungen der imperialistischen französischen Rheinpolitik hören. Cs ist eine für bic europäische Friedenspolitik verhängnisvolle Saat, die von den französischen Rationalisten am Rhein ausgestreut wird. In der Abwehr gegen den französischen Imperialismus gibt es, wie wir zu unserer Freude feststellen, in der Arbeiterbewegung keine Richtungen. Die Kommunisten waren bic ersten, die bei uns eine gemeinsame Abwehrattion der Arbeiterklasse anregten. In den Betrieben, wo ohnehin die Stimmung infolge der wachsenden Hungersnot geloben ist, regt es sich mächtig gegen die Verdoppelung der Sklaverei, die von den französischen Kapitalisten angestrebt wird. Man empört sich gegen die dreiste, unerhörte Herausforderung, die in der Ankündigung liegt, daß man über bi Mi llionen Rhei nländer we über eine willenlose Herbe verfügen will rheinischen Arbeiter als ein Teil des brutschen Volles verbitten es sich, bah man über ihr: nationale Zugehörigkeit, ihre Ver'assun-, und i re Verwaltung am grünen Tisch der Diplomaten beschließt Diefenigen französischen Rl-einland^politiker sind heillos verblendet, die da glauben, in den Massen des rheinischen Volles auf Entgegenkommen stoßen zu können. A le Veranstaltungen der ftanzösisch finanzierten Sonderbündler verlau'en kläg ich. Lo brachte die sogenannte Rheinische Republikanische Volkspartei dieser Tage in Trier ganze achtzig Männlein zusammen, durchweg Ge chäft?l.ute zweifelhafter Art, einige verärgerte Landlcu:e und zwet katholische Geistliche. Eine in Bonn vorgesehene Veranstaltung, von der man unter dem Schutz der französischen Bajonette große Dinge erwartete, wurde kurzerhand vertagt. Sie haben im Rheinland nichts hinter sich, diese Frankenempfänger, desto mehr fteilich in Paräs."
Aus dem weiteren Inhalt des Artllels geht rrach der F. Z. hervor, dah innerhalb der rheinischen Svzialbe77wkratie vielfach aus die Veranstaltung von Strahenkundgebungen hingedrängt worden ist, dah die Leitung bei Partei aber beschlossen hat, im Au^e:nblick von solchai Kundgebungen abzusehen. Sre hält sich inbeffen bereit Inzwischen hat sie sich an die französischen unb englischen Sozia- Liften getcanbt, um diese noch einmal zum äußersten CEiberftanb gegen die französischen Gewaltpläne aufzurufen.


