Unterhaltung > Erhebung ♦ Belehrung
Aus der Entstehungsgeschichte des Völkerbundes.
Zur Charakteristik des dem Versailler Vertrage einverleibten Völkerbundspakies hat Wohl niemand so interessante Beiträge veröffentlicht als der Staatssekretär des Auswärtigen im Kabinett Wilsons, Herr Robert Lansing. Sein Buch, „Die Versailler Friedensverhandlun qe n" (Verlag von Reimer Hvbbtng, Berlin), in dem er seine persönlichen Erinnerungen an das Pariser Zusammenwirken mit Wilson niederlegt, wird gerade setzt wieder aktuell, da vieles, was dieser praktische Staatsmann gegen die verdrehten Wilsvnschen Theorien vvrbrachte, Amerikas Halmng aufter bevorstehenden Washingtoner Konferenz nachhaltig beeinflussen dürfte. Die Völkerbundsfragen sind der Hauptinhalt des Lansingschen Buches, und wir geben daraus, um die neueste Genfer Entscheidung zu illustrieren, einige denkwürdige Abschnitte hier wieder:
Der Völkerbunds Pakt sollte nach Absicht seiner Stifter der größte internationale Pakt sein, der jemals in der Weltgeschichte zu Papier gebracht worden war. Gr sollte die Maxima Charta der Menschheit sein, die den Völkern ihre Rechte und Freiheiten garantierte und sie zur Wahrung des Weltfriedens miteinander verband. Es mußte aber von vornherein ein unmögliches Unternehmen sein, in elf Tagen eine solche Weltcharta großen Stils und ewiger Dauer produzieren und gleichzeitig die widerstrebenden Meinungen der verschiedenen Kommissionsmitglieder, deren weit auseinandergehende Ansichten nur allzu gut bekannt waren, miteinander in Einklang bringen zu wollen. Wie wahr diese meine Behauptung ist, beweist das schließlich zustande gekommene Dokument zur Genüge.
Um einen voll ausgearbeiten Volkerbunds- plan in so kurzer Zeit durchzudrücken, bedurfte es einer überragend starken Persönlichkeit in der Kommission. Eine solche Persönlichkeit war Wilson. Indem er sich zum Fürsprecher einer Oligarchie der Großmächte machte, brachte er die gefährliche Opposition der französischen und britischen Ausschußmitglieder zum Schweigen, so daß diese bereitwilligst kleinere Mängel des Planes unter der Voraussetzung übersahen, daß dieses Konzert der Mächte, der F ü n f b u n d, in den Pakt mit ausgenommen wurde. Vermutlich fanden auch die Japaner und Iteliener aus dem gleichen Grunde den Wilsvnschen Plan durchaus annehmbar. Wilson trug einen großen persönlichen Triumph davon, jedoch nur durch die Preisgabe des fundamentalen Prinzips von der Gleichheit der Rationen. In seinem eifrigen Bestreben nach der „Sicherung der Welt für die Demokratie" opferte er die internationale Demokratie und machte sich zum Fürsprecher der internationalen Autokratie."
Am 6. Mai, also am Tage vor der Ueber- reichung des Friedensvertrages an die deutschen Bevollmächtigten, fühlte ich mich durch die Frie- densbedingunqen veranlaßt, eine Aufzeichnung zu machen, die ich überschrieb: „Der größte Kriegsverlust", womit ich den für die Menschheit im allgemeinen verlorengegangenen Idealismus meinte In dieser Aufzeichnung schrieb ich über den Völkerbund folgendes:
„An Stelle des gewissen Quantums von Ide- ' alismuS, mit dem ter Völkerbund zuerst durchtränkt war, ist durch den Einfluß und die Intri- gen ehrgeiziger Staatsmänner ter alten Welt die offene Anerkennung des Grundsatzes getreten, daß Gewalt unb Selbstsucht die maßgebenden Faktoren ter internationalen Zusammenarbeit sind. Diesem Rückfall in den zynischen Materialismus ist der Völkerbund erlegen. Er ist kein Geschöpf des Idealismus mehr. Seine ursprünglichen Quellen sind vertrocknet, die ursprünglichen Grünte für seine Aufrichtung hat man so gut wie vergessen. Es besteht die Gefahr, daß der Völkerbund ein Bollwerk _ ter alten Weltordnunq und ein Hindernis auf dem Wege wird, die Menschheit wieder unter den Einfluß derjenigen Kräfte zu bringen, die ihr verlorengegangen sind."
Die Mutter einer ganzen Stadt.
Von Bruno Frank*).
Wie Frau Cornelius selbst noch bestimmt hatte, wurde nach ter Rede des Geistlichen mein Trauergefang für gemischten Chor op. 23zzu Gehör gebracht, damit war die Feier beendet. Meine Töne klangen mir im Ohr nach, und ich stand noch eine Weile am Grab, während um mich her scharrende und patschende Schritte sich entfernten. Eine Hand legte sich auf meine Schulter.
„Wollen Sie mit mir in die Stadt zurückfahren, Drvtersen?"
Ich blickte auf.
„Oh," sagte ich verwirrt. „Gewiß. Gerne. Danke vielmals, Hevr Medizinalrat."
Er faßte mich leicht am Arme und wir stiegen draußen in den Doktorwagen.
Meine Gedanken wenteten sich auf die alte Dame, von deren Bestattung wir heimfuhren, und ich empfand, daß sie mir fehlen würde. Freilich war die Zeit schon lange vorüber, da ich mir jcte Woche oder jede zweite Woche von ihr hatte aus der Verlegenheit helfen lassen. Aber mit wem würde ich je so gut vierhändig spielen wie mit dieser siebzigjährigen Frau! Und wie traurig, ihr schönes altes Gesicht nun nie wieder zu sehen .. Wirklich, ich wußte, was ich verlor.
„Die Leute wissen ja nicht, was sie verlieren," sagte der Medizinalrat plötzlich aus seiner Ecke. „Haben Sie gezählt, Brotersen, wie viele da waren? Es können noch nicht zwei Dutzend gewesen sein."
„Ja," entgegnete ich.
„Es ist ein sonderbares Schicksal für eine Mutter, wenn ihre vielen, vielen Kinder sie alle verleugnen, Brotersen."
*) Bruno Frank, ter bekannte Dramatiker, dessen wertvolles Schauspiel „Die Schwestern und die Fremde" wie anderwärts auch auf ter Gießener Bühne so tiefe Wirkung auslöste, hat im Musarion-Verlag, München, eine Rovcllen- famnüung „Gesichter" erscheinen lassen, in ter sich Frank als Dichter und Psycholog gleich groß erweist, und der wir die vorstehende feine Probe entnehmen
Ich erschrak und sagte in sanftem Ton: „Sprechen Sie von Frau Cornelius, Herr Medizinalrat?"
„In ter Tat, mein Lieber" — er blickte mich an und hatte die Stirn gefaltet — „von ihr und ihren Kindern. Geschickten Kindern, klugen, starken, oh! Run, kein Wunder bei einer solchen Mutter."
„In ter Tat," wiederholte ich betreten. Frau Cornelius war vierzig Zähre lang Witwe gewesen und kinderlos gestorben.
Wir fuhren eine schnurgerade Landstraße, immer den Gleisen der elektrischen Bahn entlang. Vor fünf oder sechs Jahren hatte die Stadt den neuesten Prinzipien gemäß ihre Friedhöfe weit hinaus verlegt. Unser Wagen kam jetzt an ten ersten Baulichkeiten vorüber, Lagerhallen zumeist und roten Fabriken.
„Wissen Sie zufällig, Brvtersen, wem die Zellulosefabrik da gehört, ja, das Etablissement mit den riesigen Holzstapeln? Dem jungen Moorberg, nicht wahr? Sehen Sie, das ist so ein Kind. Alles, was hier bei uns im letzten Jahrzehnt in die Höhe gekommen ist, mit Clan in die Höhe gekommen meine ich, nicht so auf die alte, filzige, verhockte Art, das sind lauter Kinder von Frau Cornelius. Run, sagen Sie etwas!"
Ich schwieg in Verwirrung.
Er kehrte sich mir ganz zu und sah mich gütig an. „Wissen Sie wohl, Brvtersen, daß Ihre alte Freundin seinerzeit die schönste Frau war, die . . . nun also: die schönste Frau. Aber Sie können es ja nicht wissen. Wahrscheinlich haben Sie nie ein Zugendbild von ihr zu Gesicht bekommend'
„Rein, allerdings . . ."
„Sie liebte ihre Schönheit nicht, Droderscn. Sie hatte nicht viel Gutes davon gehabt!"
„Die Ehe war wohl nicht glücklich gewesen?" fragte ich zaghaft.
„Ganz recht, nicht glücklich. Sie hatte völlig die Lust verloren an diesen Dingen. Und überhaupt war sie vielleicht nur darum in unsere Stadt gezogen, weil wir berühmt waren für unsere Krähwinkelei, weil sie sicher sein konnte, bei uns keine eleganten und geistreichen Männer zu finden, nichts Gefährliches, wissen Sie, Broder- sen, keine Löwen! Sie hatte genug."
Er rief jetzt: „Meistens sah sie zu Hause und spielte ihren Dach, und fast niemand hatte die Gelegenheit, sich ihr zu nähern, aber alle dachten doch an sie — das ja! Man sah sie wohl einmal ausfahren in ihrer Equipage, es war die erste Equipage bei uns, damals. Und mitunter sah man sie auch gehen, selten freilich, doch es kam vor . . ."
„Ach, ihr Gang!" sagte er nach einer Weile mit wiederum veränderter Stimme. „Und immer hatte sie schwarze Kleider zu ihren blonden Haaren. Aber was die Leute vollends toll machte, Brvtersen: sie trug den Hals bloß, immer bloß, obgleich es gegen die Mote war. Riemand konnte diese Biegung vom Kinn gegen die Brust hin ansehen, ohne zu zittern. Da war ein junger Kerl, irgendein Student oder Kandidat, oder was er vorstellte: er kommt eilfertig aus einem Haustor heraus und fällt buchstäblich gegen die Mauer, mit offenem Mund und plötzlich ausgehöhlten Wangen! Ich habe es selbst gesehen."
Mir in meiner Wagenecke lief ein Schauer über ten Rücken, denn es war mir zu QKute, als hörte ich ein Gespenst von einem zweiten schwärmen.
Der alte Herr machte eine Geste zu mir herüber, doch ohne mich anzublicken.
„Die Stadt war ein Rest damals, ein Provinzschlupf, rein gar nichts. Die Leute träge und stumpf an Geist; Pack. Gleichgültig, aus Gewohnheit, brachte eine Generation die andere hervor. Da floh diese Frau zu uns her und verbesserte die ganze matte Rasse.
Sie ging vorüber, und die Männer blieben stehen auf dem Weg zu ihren Geschäften: sie fetzten ten Weg rascher fort und dachten nicht mehr so ganz ausschließlich an ihre Geschäfte. Sie hatten eine fördernde Unruhe im Blute, sie saßen ein bißchen weniger ängstlich auf ihren Drehstühlen, reckten die Arme, lachten, verspürten leichtsinnige Gefühle von ter Herrlichkeit des Daseins und Freute am Risiko, und schlossen ein Geschäft ab, bei dem es gleich einmal um ein paar Tausente ging. Aber das war das wenigste, nicht wahr?
Man begegnete ihr ja auch sonst. Sie kehrte vielleicht an einem Sommerabend von ihrer Spazierfahrt zurück, und man sah sie aufrecht im Wagen sitzen, mit leuchtenden grauen Augen und ganz ungebeugt unter ter Last ihrer goldenen Krone. Alle aber, die sie so erblickten, wurden ja zu derselben Stunde irgendwo erwartet: die Bürger zu Hause von ihren Frauen und die jungen Leute da und dort. Und alle setzten wiederum ihren Weg rascher fort, mit entzündetem Blut und verändertem Herzen. Die Frauen daheim waren an diesem Abend nicht weniger häßlich als sonst, und die jungen Mädchen so gewöhnlich wie immer, aber sie mochten sich verwundern . . , Rur hätten sie alle miteinander Unrecht gehabt, stolz zu fein, man trug ein Feuer zu ihnen, das sich anderswo entfacht hatte. Richt s t e wurden umarmt, nicht fiel Doch was sonst aus langer Weile entstanden war, das entstand jetzt in frischen Impulsen, gesegnet von ihr!"
„Sehen Sie hin," sagte er beinahe heftig zu mir und wies auf die städtischen Gebäude und und Anlagen, an denen wir vvrbeirollten, „sehen Sie, was da alles steht! Kurbad, Kurpark, Großes Kasino, Reues Schauspielhaus. Seit wann ist das alles da? Cs sind ihre Kinder, die es hingestellt haben."
Er hielt einen Augenblick inne. „Ich weih ganz gut, Brvtersen," sagte er dann mit einer Art von Lachen, „daß Sie mir jetzt den Ruf ruinieren können. Wenn Sie es wollen, bin ich in ein paar Stunden erstens ein Rarr und zweitens ein . Aber sehen Sie, was ist in meinen Zähren ter gute Ruf! Die Würmer nehmen sogar ten, ter aus gewissen Grünten ohne Kopf bei ihnen ankommt. Und übrigens, ich glaube, Sie sind gar nicht so."
Ich entgegnete etwas.
„Eben, Drvtersen, eben. Und da werten Sie vielleicht auch begreifen, warum ich das alles erzähle. Ich habe mich geärgert, es war doch recht niederschlagend da draußen. Fast kein Mensch außer ten Lieferanten."
I„Das ist wahr."
„Ich meine übrigens auch, man könnte einverstanden mit mir sein. Woher stammt denn die so
unermeßlich erhöhte Detriebsamkeit in diesen letzten Zähren, das Verlassen aller kleinlichen Traditionen im Gewerbe und im Handel, ter Zug ins Weltbürgerliche? Etwa vorn allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung? Aber das ist ja das Seltsame, daß die Stadt nie teilgenommen hatte an ter allgemeinen Entwicklung, daß sie vor fünfzehn Zähren noch ein Stiefkind war, beinahe lächerlich. Und heute — sie ist beinahe eine Metropolis. Wo anders als bei uns entsprangen zum Deispiel die Kanalpläne, die für die ganze Provinz und für halb Rorddeutschland von so ungeheurem Rutzen zu sein versprechen! Cs ist nicht der Zug ter Zett, es sind die Kinder von Frau Cornelius, die nun erwachsen sind."
Er lächelte mich an.
„Das ist nicht alles, Drvtersen. Hat man je davon gehört, daß diese Stadt einen ,Geist' hervorgebracht hätte, einen selbständigen Gelehrten meine ich, einen Künstler, einen Autor von Ruf? Za, Eberhard Hengstenberg war hier ansässig, ter alte Silhoueitenschneiter. Run, ich habe nichts von ihm gesehen. Und dann hat ein schwindsüchtiger Schulmeister bei uns gelebt, mit Rainen Krummholz, ter Anno 1747, als das Sterben war, ein Carmen auf die Pest verfaßte, fünfundneunzig lateinische Strophen. Das waren unsere großen Söhne.
Und jetzt, seit ein paar Zähren I Da haben wir den jungen Tieffenbach. Er ist noch keine dreißig, aber seinen Dichtungen gesteht man heute schon den höchsten Rang zu, überall. Ich will ja nicht tun, als verstünde ich etwas von diesen Dingen, ater er hat Liebeslieder, die wahrhaftig etwas vollkommen Reues sagen. Und dann Hugo Steinhart, ter Seemaler, das ist doch ein Genie, nicht wahr, ich denke, Sie müssen mir beistimmen? Ah, wir sind vor Ihrem Hause — Franz!!"
Der Wagen hielt. Ich öffnete den Schlag und schickte mich an zu danken.
„Ditte, gar keine Ursache. Uebrigens, daß ich es nicht vergesse: Ihr Trauerchor draußen hat mir Eindruck gemacht. Wirklich stimmungsvoll, wirklich feierlich. Wie alt sind Sie jetzt, Drvtersen? Reunundzwanzig? Ah, Auf Wiedersehen also, und empfehlen Sie mich bestens Ihrem Herrn Vater!"
Die Igelei/)
Von Toni Rothmund.
gelacht worden. So kicherte nur Malchen ein wenig hinter ihren Stacheln.
Der Fuchs wischte sich mit feinem Schwanz das Dlut vom Gesicht und fuhr fort, mit einer liebenswürdigen Stimme zu reden: „Soviel ich gehört habe, wollen die Mäuse ja heute Hochzeit halten: es sind dreißig Glühwürmer bestellt, und die sämtlichen Grillen sind aufgeboten, um zum Tanz aufzuspielen. Frau Irmels älteste Tochter oll sich mit einem altadeligen Mausbock vermählen. Die weihen Mäuse haben ihr Erscheinen eben- alls zugesagt. Ich fing neulich eine, die schmeckte ausgezeichnet. Man merkte, daß sie mit Zuckerbrot und Weizen fett gemacht worden war. Und dabei sind sie leicht zu kriegen, weil sie ein bißchen dumm sind." Der Fuchs wartete die Wirkung einer Worte ab und beobachtete die Igel aufmerksam. Vater Troll seufzte, als er so von Mäusen reden hörte, daS Wasser lief ihm im Munde zusammen, aber er wickelte sich nicht auf.
„Uns hat man natürlich nicht eingelaten zum Fest," fuhr der Fuchs fort. „Und wir brauchen uns das eigentlich gar nicht gefallen zu lassen. Ich hörte schon, dah sich auch Amalie, die-F.edcrmaus, beklagt hat, daß sie keine Einladung bekommen habe. Ich habe nun eine Schrift aufgesetzt, in ter ich mich beim Mausekönig gant entschieden über diese Richtachtung beschwert habe. Ich sammele Unterschriften, und möchte auch um Ihren werten Namen bitten. Vielleicht darf ich Ihnen die Schrift einmal vorlesen?"
Der Igel grunzte etwas, was „meinetwegen" heißen konnte, und ter Fuchs begann. Ein Papier hatte er aber gar nicht, er sagte alles auswendig. „Und hier käme dann Ihre Unterschrift hin: Troll, der Igel," schloß der Fuchs.
Der Igel rührte sich nicht. Heide guckte.
„O weh, o weh, o weh, Herr Troll ist ohnmächtig geworden!" rief nun der Fuchs mit geheucheltem Mitleid. „Ich dachte es mir gleich, dah es ungesund sei, wenn man sich bei diesem warmen Wetter so fest zusammenrollt. Zum Glück habe ich die erste Hilfe bei Unglücksfällen gelernt. Ohnmächtige müssen mit kaltem Wasser begossen werten. Leider ist keines hier, ich werde daher den Kranken vorsichtig in den Dach rollen."
Der Igel rührte sich noch immer nicht. Der Fuchs aber begann nun wirklich, ihn fortzurollen, und Heide stand auf und schlich hinter den beiden her, gefolgt ten fünf Igelchen, die in ihrer Unschuld meinten, Papa fei es wirklich schlecht geworden, und ter Fuchs wolle ihn wieder gesund machen. Sie waren eben noch sehr dumm. So
Die Rächt war schwül. Die kleine Hette hatte sich schon lange im Dett herumgewvrfen, jetzt stand sie auf, öffnete die Tür und trat vor das Haus. Es war eine weihe Rächt und so still, dah man das leise Rascheln der Insetten hören konnte. Die Dlumen und die Gräser, der Ginster und das Brombeergeranke waren nah vorn Tau. Heide ging zu ihrem großen Stein in ter Mitte ter Halde und streckte die Glieder auf die kühle Platte. Sie lieh sich ganz vom Mondschein überrieseln und durchleuchten. Ueter ihr prangten die vielen glitzernden Sterne, unter ihr in ter Ebene glänzten die Lichter von Dörfern und Städten.
Auf einmal hörte sie neben sich ein kleines Husten, und gleich darauf sagte jemand: „Seid ihr alle da?"
„Za!" schrien mehrere Stimmen. Heide beugte sich vorsichtig über den Rand des Steines und sah Herrn Troll, ten Igel, mit seinen fünf Zungen im Mondschein spazieren gehen. Gerade etwas unterhalb des Steines machten sie halt, und Herr Troll sagte: „Wo blieben wir das letztemal stehen?"
„Deim Fuchs!" schrien die fünf Igelchen. Sie hatten sonderbar schrille Stimmen, und was sie sagten, Hang wie ein scharfes Pfeifen. „Ganz recht, beim Fuchs!" wiederholte Herr Troll. „Also, ich sagte euch, daß er an ter Spitze unsrer Feinde steht. Wie retten wir uns vor dem Fuchs, Malchen?"
„Indem wir, intern wir —" stotterte Malchen und blieb stecken, denn sie war ein etwas leichtfertiges Igelchen und hatte das letztemal nicht ordentlich aufgepaht. Dafür wurde sie nun von ihrem Vater mit einem Stachel in die Schnauze gepickt und schrie: „Autsch!" Herr Troll aber sagte: „Das geschieht dir ganz recht. — Hans, mein Igel, antworte du!"
„Indem wir uns zusammenrollen und die Stacheln sträuben," sagte Hans. „Richtig!" lobte Vater Troll. „UeberHaupt sind wir allen Geschöpfen gegenüber im Vorteil, denn wir haben Stacheln. Richt mal ter Mensch hat Stacheln: er hat nur Haare, die ihm nichts nützen, denn er kann sie nicht sträuben und nicht damit stechen."
In diesem Augenblick sagte eine höfliche Stimme: „Ci, guten Abend, meine Herrschaften! Sieh da, sieh da, welche Freude! Die ganze Igelei auf einem Haufen!" Es war der Fuchs, ter so sprach, und Heide schob sich bäuchlings vorwärts, so daß sie mit dem Kopf über den Rand des Steines fortgucken konnte, stützte das Kinn in die Hände und schaute zu.
Troll stteh einen Pfiff aus, und sogleich rollten sich alle Igel zu runden, von Ganzen starrenden Knäueln zusammen. Der Fuchs fetzte sich zu ihnen Hin, denn solange sie nicht aufgerollt waren, konnten sie ihm auch nicht davonlaufen. „Schöner Abend heute!" sagte ter Fuchs und schielte die sechs Stachelkugeln nach ter Reihe an. „Recht so ein Igelwetter zum Spazierengehen. Die Luft so angenehm, ter Mond so hell, und alle Schnecken und Würmer unterwegs. Wenn mich nicht alles täuscht, sehe ich gerate dort eine allerliebste, saftige Schnecke in einem knusperigen .gelbgeringel- ten Häuschen."
Hier konnte sich das vorwitzige Malchen nicht länger bezähmen, es rollte sich ein klein wenig auf uni) blinzelte unter seinem Stachelwald hervor und hielt nach der Schnecke Ausschau. Darauf hatte ter Fuchs nur gewartet, er sprang wie ter Dlitz auf Malchen zu, so daß sie knapp noch Zeit hatte, die Schnauze einzuziehen. Der Fuchs ater biß auf Stacheln und bekam Rasenbluten. Gr tat aber, als ob nichts geschehen sei, denn wenn die andern Igel etwas gemerkt hätten, wäre er aus
kam der Fuchs an den Dach, der von den (Bergen kommend neben ter Halde hersprang und sich weiter unten in das Tal stürzte. Der Fuchs redete die ganze Zeit tröstend auf den Igel ein. „Cs wird Ihnen jetzt vielleicht etwas schwindelig fein. Herr Troll: das kommt aber nur vom Herumgekugelt- toerten, und es gibt sich im Wasser, wenn Sie erst den Kopf unter dieser ungesunden Decke heraus- strecken und wieder Luft schnappen können. Sic verstehen doch zu schwimmen? Za? Dann ist di« Sache für Sie ja ganz ungefährlich. Hoppla!"
Cs plumpste was: Troll fiel ins Wasser Was vorauszusehen war, geschah: jetzt muhte ter Igel mit feinem Kopf und seinen Füßen heraus- kornmen, um zu schwimmen, wenn er nicht ertrinken wollte. Daraus hatte ter Fuchs nur gewartet. Wie ein Pfeil schoß er auf ten armen Troll los und — hätte ihn gewiß erschnappt, wenn er nicht im selben Augenblick hinten am Schwänze feftge- halten worden wäre. Wütend fuhr er herum und schaute in Heides funkelnde Augen. „Schämen Sie sich, Sie alter Lügenbold!" rief Heide entrüstet. „Sie haben gar keine Schrift gehabt, es war alles Schwindel, ich habe es wohl gesehen! llnb nun wollen Sie den armen Troll fressen und seine Kinder zu Waisen machen!"
„Lassen Sie mich los oder ich beiße Sie!" fauchte der Fuchs.
Troll war mittlerweile wieder ans Land gekrochen und hatte sich eilig davongetrvllt, gefolgt von den fünf kleinen, dummen Igelchen. Als die tapfere Heide sah, daß sie in Sicherheit waren, ließ sie den Schwanz los, und toeil, es etwas plötzlich geschah, fiel der Fuchs auf feine Olafe und Heide setzte sich etwas gewaltsam ins GraS, und ter Fuchs bekam zum zweitenmal an diesem Abend Rasenbluten. „Sie haben mich um meinen Sonntagsbraten gebracht. Sie unverschämte Person!" bellte er wütend. „Run müssen meine armen Kleinen verhungern."
„Den Igel hätten sie doch nicht vertragen können," erwiderte Heide, „ter hätte ihnen nur den Magen zerstochen mit seinen spitzen Stacheln!"
„Die Stacheln ißt man nicht mit, Sie einfältiges Ding! Man dreht ten Igel herum und ißt ihn wie ten Ruhkern aus der Schale. Igelbraten ist etwas Köstliches, und selbst ihr Menschen verschmäht ihn nicht. Was wollen Sie, man will doch leben! Ich habe sagen hören, daß Sie einem immer in die Quere kommen, wenn man auf die Zagd geht. Wir sind nun einmal Zäger, und wir leben von ter Zagd. Sollen wir vielleicht ver- hungern, ist das Ihre Absicht?"
„Ach," sagte Heide traurig, „es ist so entsetzlich, "daß immer ein Geschöpf vom andern leben muh I“
„Das ist nun einmal so. Wollen Sie die Welt anders machend
„Rein, nein, aber ich kann nicht anders: wo ich ein Geschöpf in Rot sehe, weil ein Größeres, Stärkeres es fressen wlll, da muh ich dem Bedrängten beistehen. Wenn Sie einmal in Rot sind, dann würde ich Ihnen ebenso helfen."
„Es wäre mir lieber, Sie liehen mich meiner Wege gehen, dann komme ich nicht in Rot. Was soll ich nun meinen Kleinen zu essen bringen?"
„Ich will Ihnen ein Stück Brot holen," erbot sich Heide schüchtern. „Brot fressen sie nicht," raunzte ter Fuchs „Wenn Sie nicht unter dem Schutz ter Perle stünden, die sie um ten Hals tragen, dann würde ich mich an Ihnen selbst schadlos halten. So ist es leider unmöglich. Sie haben eben Glück!" Mit diesen Worten lief der Fuchs eingezogenen Schwanzes davon.
Langsam ging Heide durch das taufeuchte Gestrüpp und tes weihe, rieselnde Mondlicht zu dem Stein zurück und streckte sich daraus nieder, ein Liedlein vor sich hinsummend:
„Was soll ich Glück bellhen?
Bin nur ein Findelkind!
Mein Dett ist Moos und Heide, Mein (Brüter ift der Wind — “
*) Rachstehente Dichtung ist teb soeben im Verlage von Levy & Müller in (Stuttgart erschienenen Märchenerzählung „D ie Dernstein- perle" von Toni Rothmund entnommen. Prachtausgabe in 4"- Format mit acht farbigen Vollbildern und zahlreichen Tertillustrationen von Ernst Kutzer. Das Duch zählt zum Vesten auf dem Gebiete ter neueren ZugendliLeratur.
Still lag sie da, mit dem Kopf auf dem zurück- gebogenen Arm. und schaute in ten Himmel bin- Iauf, bis ein Schlaf herunterfiel und sie zudeckte. Lind die Sternlein hielten mit hunderttaufend Augen über ihr Wache.


