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1.1.1921
 
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«r. 308

Der Siebener Hnjelaer erscheint täglich, außer Sonn, und Feiertags.

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poftscheüloMo:

Sranlfurt a M. ums

Erster Blatt

KO. Jahrgang

Zreitag, 5s. Dezember 1920

GiehenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

eil. Dr.

vrvck » Verlag: Vröhl'sche Univ.-vuch- und 5teindruckerei R. Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Schnlstrafse 7.

kür Politik: Aug Goetz, für den übrigen T "

Reinhold Fenz: für den Anzeigenteil h. Pedt, sämtlich in Giehen.

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Jahreswende.

Ein Kampfjahr, ein Jahr des Leides, ist bcrthingen. Es gehörte noch ganA zur Tragö­die der Niederlage und Revolution und war vielleicht ind>t einmal der letzte Akt. Von der Minen Menschlichkeit, die alle irdischrm Gebre­chen sühnen soll, haben wir noch nichts ver­spürt. Die erste Hülste war freilich noch lauter und polternder von Kämpfen unb Krämpfen erfüllt, als die letzten Monate. Als am 10. Januar die Ratifikationsurkunden aus­getauscht wurden und derFriede" nicht wie ein lachender Knabe, sondern wie ein rechtes Sinnbild unserer unterernährten Ju­gend scheu bei uns einschlich, da ertönten nur dünne Glöckchen Mir Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen in den Gesandt­schaften aber sie verhallten gar bald unter Lösen Stürmen von außen und innen. In der Meichshauptstadt setzte der Januaraufruhr toegen des Betriebsrätegesetzes ein, es gab erbitterte und blutiye Kämpfe vor demReichs- tagsgebäude, an die sich eine Eisenbahner­bewegung anschloß, von der der Minister der öffentlichen Arbeiten mit Recht sagen konnte, sie sehe es auf den Umsturz der Regierung ab. In denselben Tagen forderte die Entente von Holland die Auslieferung des Kaisers. Ein freundlicher Lichtblick in dunkelster Zeit: das rechtschaffene Holland lehnte ab, und der damalige Notenwechsel gereicht den Mcrcht- haberii in London und Paris zur dauernden Blamage. Clömeneeau, der Deutschenfresser, verschwand zwar in dem ereignisreichen Ja- Innar von der politischen Bildfläche, aber bar» 'aus erwuchs uns wenig Trost. Sein Nach­folger Milleranb an ber Seite bes neuge- ttväylten Präsibenten Deschanel zeigte bas- Jetbe Zähnefletschen wie derTiger" selbst. «Die schreckliche Kette der Drangsalierung des fwehrlosen Deutschland zog sich durch alle iMonate hindurch. Wenn auch Frankreich in­folge des Stirnrunzelns seiner Bundesge- ftiossen genötigt war, die Besetzung des Main- Uieber aufzugcoen, jo ijat es doch bis »auf den heutigen Tag trotz aller Konferenzen 'von Sau Remo, Hythe, Bouloane und Spa jes verstanden, England im Schlepptau seiner '.Gewaltpolitik zu behalten. Allerdings, Eng­land folgt ihm nicht aus Schwachheit und Unselbsländigkeit, sondern in der wohlberech- neten Absicht, das sich selbst zerfleischende Europäische Festland zugunsten einer anglo- iameritänischen Weltbeherrschung dauernd »auszuschalten. Vielleicht wird der neue Präsi­dent Harding an Wilsons Statt etwas glimpf- ilicher mit uns verfalfren, nicht aus Herzens- 2cührung, sondern weil eben der zweck­wollen Rache wohl genug geschehen sei. iSchließlich werden wir nicht als Menschen, sondern als Abnehmer, Posten des Handels, behandelt, und Deutschland und Frankreich haben sich damit abzusinden, daß Recht so­wohl wie Siegerdurst durch eine höhere, den atlantischen Ozean überbrückende Zweckord- nung abgelöst werden.

Wir wollen hier nicht allen Daten der schlimmen Erfahrungen dieses Jahres folgen; wir wissen ja, wie sich gerade in den letzten .Tagen die Lage wieder in der schärfsten und ernstesten Weise zugespitzt hat. Trotzdem die Ausführung des Friedensvertrages uns in diesem Jahre allein an barem Gelbe über 41 Millionen gekostet hat, trotzdem wir wert­volle Reichsteile int Norden, Osten und Westen haben abtreten müssen, trotzdem un­sere Unterhändler angesichts des Jammers unserer Kinder dennoch zur Hingabe weiterer -unentbehrlicher Milchkühe sich entschlossen .haben sind wir noch nicht am Ende. Wir ioffen unsere spärlichen Polizeitruppen auf» lösen, sollen bis auf den Buchstaben des Friedensvertrages entwaffnen und der Gegner nestelt darob schon an dem Damokles­schwert der Besetzung weiterer deutscher San- desteile. Rücksichtslose Zerstörung unseres Besitzes und Hemmung aller Wiedergesun­dung Deutschlands scheint die Losung werden >tU sollen.

Und wie stand und steht es im I n n e r n des Reiches? Aus der trübseligen Chronik des Jahres leuchten zwei Ereignisse mit roten Lettern hervor: Der Kapp-Putsch im März und die Reichstaaswahlen im Juni. Der Lapp-Putsch mit dem Gegenschlag der Auf- ständigen im Ruhr gebiet und in Mitteldeutsch land hat bei all seinen bösen Wirkungen uni gerade infolge der schlechten Erfahrungen, die dabei gemacht wurden, eine heilsame Folge gehabt: Die Weckung von Vernunft, Klarl)ei! und Mäßigung in der Mehrheit des Volkes. Wir wollen behutsam und sicher, von Stufe zu Stuse, aus den Trümmern wieder aufftei gen. Die grimmigen Streiche, die von draußen auf uns niederfielen, hatten ebenfalls den re­volutionären Rausch einigermaßen verflüch­tigt. Wir bekamen infolge der Wahlen im Reiche die bürgerliche Koalition, die denn auch Fuf manchem Felde bereits aufgeräumt hat.

Der Geist der Ordnung begann zu walten. Der Wille zur Arbeit richtete sich im Volke allmäh­lich wieder auf. Die Zwangswirtschaft konnte zum Teil abgebaut werden. Der vorläufige Reichswirtschaftsrat verrichtet neben dem Reichstag eine vernünftige unb förderliche Tä­tigkeit. Freilich: viele, vielleicht die wichtig­sten, großen Fragen sind iwch ungelöst. Die Finanzmisere sitzt ber Reichsregierung fast ebenso fest unb unerbittlich im Nacken wie bie brutale Faust oer Entente; aber bie richtige Erkenntnis des Notwendigen ist doch im Fort­schreiten. Illusionen sind herabgedämpft: es glaubt niemand mehr recht an die Wunder ber Sozialisierung unb Gleichmacherei. In wach­sendem Maße regt sich ber Wunsch nach einer Läuterung des geistigen Deutschlanb, nach einer Befreiung des Geistes von nieberdrücken- bem Materialismus, unb ganz besonbers nach ber Wiebergewinnung des ehrfühlenben, schlackenfreien, nationalen Gebankens in allen Klassen. Die Landtagsivahlen in Thüringen und Sachsen brachten gleichfalls den gesunden Trieb einer breiteren Volksmitte hervor, der freilich bei der Regierungsbildung in Sachsen unberücksichtigt bleiben mußte.

Und nun schreiten wir, lichtlos, ohne Ge­sang und Sprache, über die Schwelle des Jahres 1921! Die Krisis der Beamtenbesol- dungsfrage ist unsere finstere Begleiterin, die leider noch einmal in vielen unbesonnenen Köpfen die unedlen Instinkte des Gewalt­mäßigen geweckt hat. Wie ein Chor von Er- innyen aber, fackelschwingend, )türmen die französischen Gewalthaber gleich die finsteren Hallen der 15 Besatzungsjahre voraus und rufen uns tfu, daß sie uns auch dort noch nickt freigeben wollen. Was wird bie englisch- amerikanische Zweckmäßiakeitsordnuna bat- Über bestimmen? Von braunen fallt kein Lichtstrahl in unser Land, aber wir wollen uns die Herzen dennoch mit Hoffnung er­hellen. Mit Hoffnung, bie sich an ben Stab des politischen Wirklichkeitssinnes hält, der uns atmen läßt, irgend ein Faktum würde den Franzosen einmal hatr gebiet«, i mit Vertrauen aber auch darauf, daß der Geist des deutschen Volkes sich den Körper bauen werde, mit einer neuen Kultur wirklichen Fortschritts. Kein Ausland blendet uns mehr, da wir bie Wirklichkeit kennen gelernt haben. Der Idealismus ist kein besonderes Vorrecht der Pazifisten, unb ber nationale Gedanke hat wohl mit Realismus etwas, nichts aber mit Materialismus zu schaffen. Illusionen haben in der Politik keine Geltung, aber im Leben bringen sie eine aufmunternde Auf Höhung der Wirklichkeit, sie erhebendes Lebens flach alltägliche Gestalten" und bringen Frohheit und Mut des Wirkens. In der Volks gern ein de sollen wir die Ueber- spannung des Eigennutzes allmählich wieder verlernen und etwas Besseres als Geldver- dieneii zum Zweck des Lebens machen. Und wenn wir auch nicht mit Hölderlin, dem milden und rührenden Sänger der Nacht, entfliehen können ins Land des Olymps, wo mit den Himmlischentiefschattend aus den Schatten herab unter die Menschen ihr Tag gelangt", so dürfen wir in der Neujahrsnacht doch einiger seiner herrlichen Strophen ge­benden, womit er bie Wonne ber himmlischen Musen beschwor, das Chaos der Zeit zu besänftigen:

Ordne ben tobenden Kämpf mit Friedenstönen des Himmels, Bis in der sterblichen Brust sich das Entzweite vereint.

Bis der Menschen alte Natur, die ruhige, große, Aus ber gahrenden Zeit mächtig und heiter sich hebt!

Kehr' in die borstigen Herzen des Volks, leben­dige Schönheit, Kehr' an den gastlichen Tisch, kehr' in die Tempel zurück!

In solchem Walten würde wohl auch die Schärfe der parteipolitischen Gegensätze gemil­dert iverden, und wir durften uns eines eini- g c n Volkes freuen, das im praktischen Sinne und Schaffen auch im neuen Jahre als oberstes Ziel die Revision des Gewalt­vertrages von Versailles erstrebt!

Wir rufen nachstehend einige Hauptdaten des abgelaufenen Jahres in die Erinnerung: 10. 1. Ter Austausch der Ratifikationsurkunden. 12. 1. Linksraditaler Aufruhr in Berlin. Delri^s- rätegesetz im Reichstag unb Blutvergießen vor dem Reichstag.

15. 1. Auslieferungsforderung des Teutschen Kai­sers an Hollatck.

16. 1. Ernennung deutscher Geschäftsträger im Ausland, auch im ehemalig feindlichen.

17. 1. Wabl Tesrhanels zum Präsidenten der fron* zösischen Republik.

18. 1. Rücktritt des Kabinetts Elemenceau.

16. 1. Erste Sitzung des Völkerbundsrates in Paris.

19. 1. Bildung des Kabinetts Millerand

Beginn des Helfferich-Ersberger-Prozefses. 22^ 1. ZemiAwsparleüaL m ScÄ -

23. 1. Hollarck lehnt die Auslieferung des Kaisers ab.

26. 1. Attentat auf Erzberger.

28. 1. Ter erste KriegsgefangenentranSport trifft auf deutschem Boden ein.

3. 2. Ueberreichung der Ausliescrungsliste der Entente.

11. 2. Abstimmung in der ersten nordschleswigscken Zone (V* lür Deutschland, 3/< für Däne­mark).

16. 2. Uebevgabe des Memelgebietes an dieEntente.

13. 3. Kapp-Putsch.

15. 3. Abstimmung in der zweiten nordschleSwia- schen Zone (mehr als 85 Pvoz. für Teulsch- land).

19. 3. Ter Versailler Friedensvertrag vom ameri­kanischen Smat zurückgewiesen.

22. 3. Rücktritt Noskes.

26. 3. Rücktritt des Reichskabinetts Bauer.

27. 3. Bildung des Kabinetts Müller.

Bildung des neuen preußischen Kabinetts.

6. 4. Besetzung des Maingaues durch die Fran-

7. 4. Blutige Zusammenstöße mit ben Franzosen in Frankfurt a. M.

7. 4. Erste , Forderung Frankreichs nach Aus­lösung der Einwohnerwehren.

12. 4. Pwiest ber Nationalversammlung gegen die Besetzung des Vlaingaues.

22. 4. Englisch-italienischer Vorschlag auf Ver­tretung Deutschlands in San Remo.

26. 4. Konferenz von San Remo; offizielle Ein­ladung an die deutsche Regierung nach Spaa.

11. 5. Ueberreichung einer Namensliste der Kriegsverbrecher".

16. 6. Konferenz von Hythe.

17. 5. Räumung deS Maingaues durch die Fran­zosen.

6. 6. ReichstagSwahl.

9. 6. Temission des Kabinetts Nitti.

21. 6. Ernennung Fchrenbachs zum Reichskanzler.

22. 6. Konferenz in Boulogne.

28. 6. Programmrede Fehrenbachs im Reichstag.

4. 7. Beginn ber Spaaer Konferenz.

10. 7. Dünaburg von den Bolschewisten beseht.

11, 7. Abstimmung in Ost- und Wcstpreußen (West- Preußen 92 Proz. für Deutschland; Ost­preußen : 98 Proz. für Deutschland).

16. 7. Schlußsitzung ber Spaaer Konierenz.

7 Annahmc. b<5 polnischen Wassmsttils! ^ds- angebots durch Rußland.

26. 7. Entführung Törtens.

28. 7. Konferenz in Boulogne.

29. 7. Annahme des 200-Millionen-Kredits für Teutichland in ber holländischen Kammer.

2. 8. Die fremden Gesandtschaften verlassen Warschau.

9. 8. Konferenz in Hythe.

11. 8. Der bolschewistische Vormarsch erreicht die oflpreußische Grenze.

12. 8. Anerkeimung der Regierung Wrangels durch Frankreich.

13. 8. Eindringen der Bolschewisten in den polni­schen Korridor

16« 8t Beginn der Waffenstillstandsverhandlungen in Minsk.

16. 8. Beginn der Unruhen in Oberschlesien.

19. 8. Bekanntgabe der russischen Waffenstill-- standsbänngungen.

20. 8. Beginn des Rückzuges der russischer Nord­armee; die Polen besetzen Brest-Litowsk.

27. 8. Englisch-deutsche Ernährungsbonserenz in London.

5. 9. Beginn ber Unruhen in Italien; Betriebs- besetzungen.

23. 9. Rücktritt Teschanels: Millerand wird Prä­sident der stanzösischen Republik.

24. 9. Neubildung d. stanzösischen Kabinetts durch LeygueS.

24. 9. Eröffnung der Brüsseler Finanzkonferenz.

7.10. llnteneiamirng des russisch-polnischen Waf­fenstillstandsvertrages.

10.10. Volksabstimmung m Kärnten (zugunsten Teutsch-Oesterrerchs).

12.10. Unterzeichnung des Vorstiedens zwischen Polen und Ittrßland in Riga

13.10. Sozialdemokratischer Parteitag in Kassel.

16.10. Spaltung der unabhängigen sozialdemv- krarischen Partei auf dem Parteitag in Lalle.

26.10. Tod des Königs Alexander von Griechen- lanb.

2.11. Wahl Hardings zum Präsidenten von Amerika

14.11. Landtagswahlen in Sachsen.

14.11. Wählen in Griechenland.

14.11. Wrcmgel räumt die Stirn.

16.11. Beginn der Dölkerbundstagung in Genf.

2.12. Ueberreichung der englischen Note über die Abstimm'mg der reichsdeutschen Oberschle­sier in Köln.

2.12. Parteitag der Deutschen Volkspattei in Nürnberg.

5.12. Volksabstimmung in Griechenland Über die Rückkehr des Königs Konstantin.

11.12. Demokratischer Patteitag in Nürnberg.

16.12. Beginn der Brüsseler Sachverständigenkon- strenz.

28.12. Unterwerfung d'Armunzios unter die Be­stimmungen des Vertrages von Rapallo.

(Ein Nolemoechsel mit General Rollet.

Berlin, 30. Dez. (WTB.) Der Vorsitzende der interalliierten Militärkontrollkommission, General Noll et hat an den Direktor der Frie- densabteilung im Auswärtigen Amt am 23. d. M. folgende Note gettchttt: .

Zwei Monate nach Ablaus der sür bte Aus­lösung bei Sichcrheüspolizei beftimnuen Frist ist

die interalliierte Mllitärkontrvllkommisfion noch nicht im Besitze aller Verfügungen, welche bie be­teiligten Länder des Reiches behufs der Auflösung zu erlassen hatten. Außerdem erhielt sie keine Kenntnis, bau irgendeine Ausführuitasmaßnahnu zur Anwendmig ber ihr mitgcteilLcn Berftlgimg-n, getroffen wäre An keiner Stelle bes Reichs Iteilt.* die Kontrolle fest, baß die Aufhebung b c u Sicherheitspolizei burdjgeführt ober mich nur im Gange wäre. Sie stellt-' im Gegenteil fest, hau die gegenwärtige Oidu gS v.i .et r.i Ls an­deres ist als die Sicherheitspolizei, verstärkt um einen Teil ber früheren blauen Polizei, unb daß die Stärke der Polizei in Zivilkleidung eine Ver­mehrung erfahren hat, die ich nach den Bestim­mungen des Artikels 162 des FriebensvettrageS nicht rechtfertigen läßt.

Tie int.ralliievte Militärkontrollkommission nimmt Akt von der Verletzung des Fr le­be usvertrages unb ber Not? von Bou.vg-ie, bie sich aus ben oben wiedergegebenen Tatsachen ergibt. Sie beehrt sich, zu verlangen^ daß die Siche» hcrtspolizei sofort vollständig aufgelöst wird und bie Gesamtstärke der Beamten und An- gestellten ber verfd:ebenen Ar.en von Pvliz.-i aut das Maß mrückgefühtt wird, das sich aus ber An­wendung ber Bestimmungen des Friedensvertrages ergibt.

Ich bitte außerdem, anschließend an mein Schreiben vom 17. öftrer Nr. 1176, daß sobald als möglich ber Kommission mitgrteiit werde der Bestand aller Polizeibeamten unb -Angestellteir in Zivil unb Uniform, nach Klassen a ordne!, ber in den verschiedenen Staaten des Reichs einerseits im Budget von 1913, anderseits im Budget von 1920 vorgesehen ist.

Aus die Note wurde vorn Auswärtigen Amt

folg ende Borantwort am 24. Dezember gegeben:

Ich beehre mich, den Empfang der Note vom 25. 12. Nr. 1266 betr. die Auslosung ber Sicher­heitspolizei zu bestätigen. Im Namen ber brutschen Negierung protestiere ich gegen die Festste!» stellung, daß Deutschland bie Bestimmungen deS Vertrages von Versailles unb die Note von Bou­logne über bie Polizei verletzt hat. Tie beutfd'e Regierung erhebt Anspruch auf eine gcred/tere Be­urteilung. Eine eing.hende B:anttvott mg der Note behalte itch mir 'vor und bemerke l>nitc nur Tot- -'i:be5: T-ie deu-sck-e Regiemmg er!. >1* Ansang Oktober nach langn>ierig:.i Unte lnntTimne-i mit ben von Ihnen beauftragten Oftiziercn Klarheit, was nach Ansicht der Mittrollkommission zu ge­schehen hätte, um den Anforderungen der Note von Boulogne zu genügen. Erst tarni Tonnten bi? grinblcgmben Versügunsen erlassen und bie Turch- sührungsbestimmmtgen ausgcarbcitct wer' en. Tre getroffenen Anordnungen rmtsprechen in jeder Hin­sicht dem Fttedensvert ag und der Note von Bou- logue. -Selbstverständlich erfordert die UmLvbimfl* eines so großen Beamtenkörpers Ivie die l.euischcPo-- lizei es ist, gewisie Zeit, so daß es nur natürlich ist, weim das Ergebnis noch nicht überall für die Kon­trolle erkennbar wurde. Wie wenig bie Behanp- tuns, baß die gegenwättige Ordnm^svolizci nichts anderes als bie nodj vefftärkte Sühnheitspolizel sei, ben Tatsachen gerecht tvirb, erg.bt sich aus ber Beunruhigmig, die in der öffentlichen Mei­nung durch bie tief eingreifenden Reorganisations- maßriahmen hervorgxrufen worden ift In weiten Kreisen entstcmb die Befürchtung, daß die Polizei in ihrer neuen veränderten Gestalt ihren Ausgaben nicht gewachsen sein würde.

Der Botschafterkonferenj ist bie deutsche Note übermittelt worden, in ber n^en die Unterstellung protestiert wirb, baß Den schänd den Fttedensverttag in ber Poltzeifrage verletzt habe. Die deutschen Botsckjafter wurden angewiesen, bie Angelegenheit mündlich mit den Regierungen der Ententeländer zu bespreckMi.

(Ein Entscheid der Entente in Ser oberschlefischen 8rage.

Berlin 30. Dez. (Wolff.) Dem Vorsitzende» der Friedensdelegation in Paris ift folgende vom 22. Dezember datierte Note über* reicht worden:

Tie Botschafterkonferenz ist davon verständigt worden, daß die deutsche Regierung es a b l e h n t, das von den oerbünbeten Regierung gen angeregte Verfahren bei der BollSabicimmung m Oberschlesien anzunehmen. Tie verbündeten Mächte hatten mit ihrem Vorschlag kein anderes Ziel im Auge, als eine Lage zu schaffen, die es gestattet, die Bolksbefrlmung in Rui)e und OIn­nung vor sich gehen zu lassen. Um ein so überaus wichtiges Ziel zu erreichen, schien es den Ver­bündeten, das Ernvetttändnis der unmittelbar be­teiligten Slegierungen vorausgesetzt, möglich, den Arttkel 88 des Fmedensoettrages in dem Sinne stmzuwenden, von dem die Note vom 30. November sich hatte leiten lassen.

Da diese Lösung von den beteiligten Regie­rungen nicht angenommen worden ist, feben sich die verbündeten Mächte genöttgt, den Att-kel 88 schlechthin zur Llnwendung zu bringen, dem Bestreben jedoch, bei der Volksabstimmung Die Ordnung aufrechterhalten Jll sehen, für bie sie vercmtwottlich sind, haben sie die P, licht, die iriter- alüierte Kommission in Ober ch.e ien zu ermächti­gen, Ausführungsbeftimmungen zu er- lassen, die geeignet erscheinen,.die öffentliche Ruhe am wirksamsten zu gewährleisten.

Die Botschasterkonserenz hat daher, nachdem sie von den Antworten der deutschm und der polnr. schen Regierung Kemttnis genommen hat, be­schlossen, die Abstimmung ber nickt im Abstrm- mungsgtt»iet cmsüs igen Stimmberechtigten spä ter als die Abstimmung der einheimischen Stimmbe­rechtigten ftattiutiö i» lassen u»d »war an enter