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Nr. <69

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Erster Blatt

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Stettag, 22. Juli (92(

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GietzeimAnzeiger

Seneral-Anzeiger für Oberhefsen

Drud und Verlag: Vrühl'sche Univ.-vuch- und Steinöruderci K. Lange. Zchriftleitung, Geschäftsstelle und Druderet: Zchulstrahe 7.

Wer siegt: England oder Frankreich?

Der ..Druck", den das Kabinett Wirth auf Vie Entschließungen tn London auSzuüben ver­mag, ist höchst gering. Was der Reichskanzler einem ausländischen Journalisten in dieser Beziehung über die durch Frankreich herbei­geführte Schwächung seiner Position gesagt hat, wirkt sogar auch nach einer anderen Rich­tung. und dieFranks. Ztq." hat in diesem Punkte nicht so ganz unrecht, wenn sie meint, die Entblößung des schwachen Willens Dr. Wirths werde vielleicht gar der Gewaltpoli­tik neue Antriebe geben. Es ist und bleibt eben verhängnisvoll, daß das Reichskabinett auf keinem klaren, sicheren Weg sich befindet, daß eS möchte, aber nicht kann, und nur von einem Tag in den anderen hineinzuschauen vermag, aber in seiner Rechnung mit der wirklichen Zukunft gänzlich in der Luft schwebt. Jetzt enthüllt der ..Rew Bork Herald" einige intime Vorgänge aus der Zeit der letzten großen Krise, kurz vor der Annahme des Ulti­matums. Der ..Vorwärts" druckt diese ameri­kanischen Mitteilungen zuerst ab und man sollte Hessen, damit auf die Londoner Beschlüsse einigen Einfluß zu gewinnen. Cs handelt sich um die bekannten Vorfragen des Abg. Dr. Strese- mann. als die Frage der Kabinettsbildung an ihn heranttat. Der englische Botschafter in Berlin vermittelte in dieser Beziehung, und Me englische Regierung hat damals in der Tat Erklärungen abgegeben, die es wohl verdie­nen, daß man heute auf sie aufmerksam macht. Da wurden zum Deisviel folgende Antwor­ten Englands mitgeteilt:

Die am 8. März eingeführten Sanktionen, besonders iene, die die Besetzung Düssel­dorfs. Duisburgs und Ruhrorts und die Errichtung einer rheinischen Zollgrenze enthalten, sollten nach der Meinung der Regie» rung S. M. tm Faste einer Annahme des Ulti­matums aufgehoben werden. Die diesbezüg­liche Meinuna der Regierung S. M. wird der französischen Regierung mitgeteilt

Die deutsche Regierung fartn sich auf den Wunsch der Regierung S. M. verlassen, die wich­tigen deutschen Interessen, die in 0 berIchle - s i e n bestehen, zu berücksichtigen, und ob­gleich es nicht ohne vorherige Besprechungen mit den Alliierten Großbritanniens möglich ist, die Versicherung in dem verlangten Sinn zu geben, so mag die deutsche Regierung die Bersicherung haben, daß die Regierung S. M. zugunsten einer gerechten Lösung auf Grund einer strengen und parteilosen Ausführung des Versailler Vertrages einen Druck ausüben wird.

CS ist jetzt wirklich nutzlos, parteipolittsch darüber zu streiten, warum Stresemann die Kabinettsbildung nicht Übernehmen konnte wichtig und sehr aktuell ist aber die Erinne­rung an diese Festlegung Englands angesichts der jetzt bevorstehenden Entscheidung über die Konferenz in Doulogne.

Neue (Erklärungen des Reichskanzlers.

W a s h i n g t o n, 20. Fuli. Heber die Lage, in der sich die deutsche Regierung infolge der Fort­dauer der Sanktionen und der Haltung Briands in der oberschlesischen Frage befindet, hat Reichs­kanzler Wirth dem Berliner Vertreter der United Preß bemerkenswerte Erklärungen ge­macht, über die der Korrespondent folgendes be­richtet :

Der Reichskanzler hat klar erkennen lassen, daß sein Finanzprvgramm gefährdet und der Zerfall und Sturz des Kabinetts drohe, wenn die Regierung in der Frage Oberschlefiens und der Aufhebung der Sanktionen mit leeren Händen komme Diese Lage Jei dem englischen Gesandten dar­gelegt worden. Darüber sagte er: Dies ist nicht eine Drohung oder ein Druck auf den Verband, sondern die genaue Lage, mit welcher der Ver­band rechnen muh. Die Aufschiebung der Ent­scheidung über Oberschlesien und die Aufhebung der Sanktionen hemmen unsere Ansttengungen sehr. Das freundliche Echo, das unsere Politik rJr&rem beginn jn &cr Welt, Frankreich ein- geschlossen, fand, überzeugte uns, daß wir auf dem richtigen Pfand seien. Alm so mehr war die scharfe Rote Briands über Ober- schleslen für mich ein Schlag in s Ge ° ' lcht. und ich frage mich, ob Frankeich wirklich wünscht, zu einer Verständigung mit uns zu kommen. Ich muh mich daher fragen, ob ich es mit meinem Gewissen vereinbaren kann, diesen Herbst vor dem Reichstag zu erscheinen und diesem zu lagen: ich habe Ihnen die Taschen vergeblich ge= leert und bringe nichts, was ich Ihnen als einen Ausgleich dafür zeigen kann. Ich mühte auf meine eigene Frage antworten, dah ich das nicht konnte. Der Reichstag würde das Finanzpro­gramm niemals genehmigen, und ohne dieses ist das Kabinett Wirth-Rathenau lebensunfähig Ich übernahm die Reichskanzlerschaft nicht der bloßen Ehre ihrer Stellung wegen oder etwa damit em bedeutungsloses Ja an das Alltimalum gehängt würde. Ich bildete die Regierung um das Ultimatum ehrlich zu erfüllen; unsere Auf­richtigkeit ist durch die Tat bewiesen. Wir haben die verlangte Summe lange vor den fest­gesetzten Daten erlegt, und wir sind überzeugt, die erste Milliarde mit Unterstützung der Banken bis Ende August bezahlt fein wird. Dir erfüllten auch promt die zweite Forderung des'

Verbandes, die Entwaffnung. Wir entwaffneten die östlichen Festungen, lösten die Selbstschuh- organisationen auf und sind heute ein Volk ohne Waffen. Wir sind weiter gewillt, Frankreich auf jedem von ihm gewünschten Wege wieder aufzu­bauen. Es kann seine eigene Rechnung schreiben. Wir wünschen ernstlich eine freundschaftliche Ver­ständigung mit Frankreich. Das sind keine blohen Worte, sondern unsere wirklichen Gefühle, da Liebelwollen beiden Ländern schadet und den Weltfrieden verhindert. Das ist kein eigensüchtiges Interesse, sonderst das Interesse der Welt und berührt Frankreich, Amerika und jedermann in der Welt, die Ruhe braucht und die Möglichkeit zu schaffen.

Der Reichskanzler erwähnte bei dieser Ge­legenheit auch flüchtig den guten Fortgang des Finanzprvgramms, das nunmehr fast vollendet sei.

Der britische Standpunkt.

L o n d o n, 21. Juli. (WTB) Wie das Reu- terbureau meldet, verlautet, dah. obgleich Briands Antwort auf die letzte britische Verbalnote, be­treffend Oberschlesien und den Obersten Rat, noch nicht eingegangen fei, die britische Regierung doch mehr oder weniger über den Inhalt der von Frankreich zu erwartenden Antwort unterrichtet ist. Inzwischen ist es durchaus verkehrt, anzu­nehmen, dah der Bericht der alliierten Ober- tommiffare die Ansicht der britischen Regierung irgendwie abändere. Tatsächlich bestätigt sein all­gemeiner Inhalt den britischen Stand­punkt, dah der Oberste Rat die Frage regelt. Driand ist noch immer der Ansicht, dah. solange der gegenwärtige Zustand in Ober- schlcsien andauert, irgendeine vom Obersten Rate getroffene Entscheidung nicht ausgeführt werden könne. Er ist ferner der Meinung, dah eine so wichtige Frage genauere Unterhandlungen er­fordere, die nicht in wenigen Tagen beendet wer­den können. Briand geht Samstag in Urlaub'und ist der Ansicht, dah der Oberste Rat vor August nicht zusammentreten könne.

Eine neue Hetze in Frankreich.

Paris, 21. Juli. (WTB.) Wie die Ha- vas-Agentur mitteilt, hat der Abgeordnete P e h r o u x heute an den Ministerpräsidenten einen Bries gerichtet und ihn an die Erklärung erinnert, die er am 24. Mai auf der Kannner- tribüne abgegeben habe. Ministerpräsident Bri­an d habe erflärt, dah in dem Augenblick, in dem die deutsche Regierung die Verpflichtungen, die sie in Versailles übernommen habe, nicht erfülle und ihren bösen Willen offenbare, Frankreich das Erforderliche veranlassen werde, nachdem es seine Alliierten davon in ÄenntnÜ gesetzt habe. Das bedeute, so schreibt der Abge­ordnete, dah Frankreich das Ruhrgebiet be­setzen werde, wenn hie Versprechungen der deutschen Regierung nicht gehalten würden. Rach dem Abgeordneten Peyroux erfüllte feit a ch t Tagen die deutsche Regierung nicht nur ihre Versprechungen nicht, sondern der Reichskanzler Wirth und auch der Minister Rathenau bewiesen der gesamten Welt, dah sie Frankreich noch einmal betrogen hätten, deshalb.Ttatte er sich, den Ministerpräsidenten an seine Erklärung zu erinnern, da er überzeugt fei, dah nur die Befetzung des Ruhrgebietes Frankreich und feine Alliierten vor unangeneh­men Ereignissen bewahren könne.

Paris, 21. Juli. (WTB.) Ministerpräsi­dent Driand hat beute vormittag den Vorsitzen­den der Interalliierten Kontrollkommission in Berlin. General Rollet, empfangen.

Die Haltung Amerikas in der oberschlesischen Frage.

Washington, 21. Juli. (Wolff.) Reuter meldet: Das Staatsdepartement teilte mit, daß es nicht aufgefordert worden jei. in der ober) ch l efifchen Frage zu intervenieren, und erklärte, dah die Veränderungen in dem umstrittenen Gebiet nicht bedeutungsvoll genug seien, um von sich aus eine Intervention in Er­wägung zu ziehen.

Wirth und Erzberger.

Berlin. 21. Juli. (WTB.) Die ^München- Augsburger Abendzeitung" veröffentlicht eine auch in Berliner Zeitungen übergegangene Rach- richt, dah der Reichstagsabgeordnete Erzb' er - g e r vom Reichskanzler beauftragt worden sei. einen ausführlichen Plan für die bevor­stehende Steuergesetzgebung auszuarbei­ten und dah ihm zu diesem Zwecke zwölf Sach­verständige unterstellt worden seien. Diese Mel­dung ist völlig aus der Luft gegriffen. Es wird MtgefteHt, dah der Abgeordnete Erz- berger von der Regierung keinerlei 2luftrag zur Mitarbeit an der Steuergesetzgebung erhalten hat und dah mit ihm wegen eines solchen Auftrages niemals verhandelt wurde.

Der deutsch-amerikanische Sondervertrag und die Entente.

Paris, 21. Huli. (Wolfs.) DieChicago Tribüne" meldet aus Washington, die letzten Tage hätten zwischen amerikanischen Regierungs­vertretern und den alliierten und assoziierten Mächten inoffizielle Verhandlungen stattgefunden übet Einwendungen von feiten der letzteren be­züglich eines Eondervertrages zwifchen Amerika und Deutschland, in dem für die Vereinigten Staaten dieselben Rechte und Privilegien wie in den wirtschaftlichen und Repa- rationsbedingungen des Versailler Vertrages, vorgesehen wären. Im Augenblick komme nur die Unterordnung unter den Versailler Vertrag mit Vorbehalten in Frage. Falls die alliierten Mächte keine Einwendungen erheben imh keine

gesetzlichen Verwicklungen zu erwarten seien, wür­den die Unversöhnlichen angeblich gegen eine Anwendung des Versailler Vertrages keine Ein­wendung erheben; andererseits seien die veitrags- sreundlichen Elemente zufrieden, weil sie wühten, dah in dem Sondervertrag der Versailler Ver­trag zu etwa 80 Prozent enthalten sein werde. Sollte Deutschland versuchen, die Diskussion über die wirtschaftlichen Bestimmungen des Versailler Ver­trags wieder aufzunehmen, so werde .ihm erklärt werden, dah die Angelegenheit ab­geschlossen sei und keine weitere Aussprache gestattet werden könne. Infolge der Rotwendigkeit einer schleunigen Regelung der zahlreichen in der Schwebe befindlichen Fragen werde allgemein an­genommen, dah ein Sondervertrag mehr oder weniger sicher sei. Das endgültige Zustandeko-n- men eines solchen Vertrages hänge indessen non der Antwort der Alliierten bezüglich der Gültig­keit der amerikanischen Rechte unter einem Son- derabkvmmen ab. Frankreich nehme an, dah die moralische Wirkung der amerikanischen Unter­schrift unter einen abaeänberten Versailler Ver­trag die sein werde, Deutschland davon zu über­zeugen. dah die Solidarität der alliierten Mächte weit davon entfernt sei, sich aufzulösen. In Wa­shington nehme man an, dah einem Vertrag, die praktisch gleiche Bedingungen wie der Versailler Vertrag enthalte, keine Schwierigkeiten entgegen- stünden, und dah' mit der Zustimmung der Alli­ierten gerechnet werden könne.

Die Washingtoner Konferenz.

Paris, 21. Juli. (Wolff.) DieChicago Tribüne" meldet aus Washington von zu­ständiger Seite, Präsident H a r ö i n g werde an der Konferenz über die Abrüstung und die Fragen des fernen Ostens nicht teilneh- men. Amerikas Wortführer werde Staatssekretär Hughes sein.

P a r i s , 21. Juli. (Wolff.) DemReu Pork Herald" wird aus Washington gemeldet, Staats­sekretär Hughes habe Persönlichkeiten, die ihn gesprochen hätten, gesagt, er lege groben Wert darauf, dah die englische Sprache zur o f f i z i e l l e n S p r a ch e auf der Entwaffnungs­konferenz bestimmt werde. Er werde sich dagegen wehren, dah die Aussprache, wie in Versailles, tn zwei Sprachen geführt werde. Man sage sogar, die Einladung zu der Konferenz würde die Auf­merksamkeit der Delegierten auf diese Bedingung hinlenken und das werde zweifellos einen Einfluß auf deren Ernennung haben, da die amerikanischen Vertreter den Wunsch hätten, es nur mit Dele­gierten zu tun zu haben, die englisch sprechen.

Lloyd Georges Zugeständnisse an die Ire«.

London, 21. Juli. (WTB.) Die heutige Besprechung des Premierministers mit Devalera dauerte nahezu eine Stunde. Wie verlautet, umfaßt sie folgende Punkte: 1. H o - merule für Südirland nach dem Vorbild der britischen Dominions, 2. Sicherheiten für Ul­ster, 3. Wichtige Zugeständnisse auf finanziellem Gebiete, 4. Abmachungen, um die Beziehungen her nordirischen und südirischen Republik zu regeln. Rachdam Devalera das Forreign office verlassen hatte, stattete General Smuts dem Pre­mierminister einen halbstündigen Besuch ab.

Herabsetzung des Bergarbeiterlohnes in England.

London, 21. Huli. (Wolff.) Die Berg­arbeiter erklärten sich gestern bereit, vom 4. August an einer L o h n h era b f e h un g von 2 Eh. täglich zuzustimmen.

Der griechisch-türkische Kampf.

Paris, 21. Juli. (WB.) DerTemps" ver­öffentlicht ein Telegramm, das die griechische Ge- farkdtschast in Paris vom Athener Ministerium für auswärtige Angelegenheiten erhalten habe. Am Dienstag sei nach erbittertem Kampfe von den griechischen Truppen Eski- fchehir genommen worden. Der König habe sich gestern mit fernem Generalstab nach Ufd>at begeben. Die griechische Armee letze die rasche Verfolgung des Feindes fort. Rach einem Athener Telegramm, das derTemps" wieder- gibt, ist das griechische Hauptquartier nach Ku- tahia verlegt worden. Die griechischen Verluste vor Kutahia, das inzwischen genommen fei, feien sehr schwer gewesen.

Athen, 27. Juli. (Havas.) General Po - lhmenakos, der Befehlshaber der griechischen Division, die Eskischehir eingenommen hat, fetzte den König telegraphisch von der Einnahme der Stadt m Kenntnis, ebenso von der Beger- ft e r u n g. mit der die ganze Devöllerung ohne Unterschied der Rasse und der Religion die Be­freiung von dem kemalisttschen Ivche feiere.

Paris, 21. Iuli. (Havas.) Rach einer Havasmeldung aus Konstantinopel etlla te Mu­st a p h a Pascha tn einem Aufruf, das Heer ziehe fich auf vorbereitete Stellun­gen zurück. Er fordert die anatolifche Be- völlerung auf, keine Beunruhigung zu hegen. Das Heer werde seine Pfllcht tun.

Ein Friedensangebot der Regierung von Angora?

Paris, 21. Juli. (Havas.) Rachrichten aus Konstanttnopel zufolge ist die R e g i e r u n g von Angora bereit, mit jedem Staate ein Ab­kommen zu treffen, der die von der Ra- tionalbcrfammf-ing ousgestcl ten Grund äze aber­kenne, die niemand in der Türkei abzuändern im­stande wäre, Falls biete Grundsätze angenommen

würden, würden alle Hindernisse verschwinden, die den Abschluß von Vereinbarungen mit den zur Zeit mit der Türkei im Kriege befindlichen Staaten im Wege ständen.

Weihrntdenien Und die Dritte Internationale.

Berlin, 21. Juli. (Wolff.) Ein Funkspruch aus Warschau meldet, Weihruthenien habe an General Zaligowski in Wilna den Krieg erklärt. Das weihruihenische Pressebureau, das die Rachricht verbreitet, erklärt, eine direkte Be­stätigung .liege nicht vor. Die Meldung hänge wohl mit dem Memorandum zusammen, das Weihruthenien an den Kongreß der Dritten In­ternationale' gerichtet hat.

Die Transportierung

des Oberleutnants a. D. Boldt.

Der kürzlich vom Reichsgericht zu vier Iah» ren Gefängnis verurteilte Oberleutnant a. D. Boldt ist. wie erinnerlich, seinerzeit in Ham­burg verhaftet und unter besonderen Sicher­heitsmaßnahmen nach Leipzig in die lln- tersuchuggshaft verbracht worden. Auf eine An­frage, die deshalb von deutschnationa­ler Seite im Reichstag eingebracht wurde, hat jetzt der Reichsjustizminister folgende schriftliche Antwort erteilt:Der Ober­leutnant zur See a. D. Boldt ist im Mai d. 3. auf Anordnung des Untersuchungsrichters des Reichsgerichts von der Hamburger Kriminalpoli­zei verhaftet worden. Die Festnahme erfolgte in feinem Kontor durch zwei Hamburger Kriminal­beamte. Diese führten Boldt dem Hamburger Strafjustizgebäude zu, und zwar auf Wunsch Boldts zu Fuß. Die Beamten nahmen ihn un- gesesselt in ihre Mitte. Durch Schreiben des Untersuchungsrichters des Reichsgerichts vom 21. Mai d. I, wurde die Hamburger Kriminal­polizei ersucht, Boldt nach Leipzig zu überführen. Der Untersuchungsrichter bat. den TranSvort durch einen oder hehrere besonders geeignete Beamte schonend, aber mit aller Vorsicht aus- sühren zu lassen; Boldt sei ein gewandter Mann und wisse, dah er eine hohe Strafe zu gewärtigen habe. Am Morgen des 23. Mai erfuhr der Leiter der Hamburger Zenttalpolizeistelle, daß Boldt geäußert habe, er werde nicht nach Leipzig gehen, vielmehr versuchen, auf der Fahrt aus dem Zuge zu springen. Ferner wurde dem Lei­ter der Zentralpolizeistelle mitaeteilt, daß man in. bestimmten Kreisen der Bevölkerung damit um­gehe, Boldt gelegentlich seines Abtransports zu befreien. Um einen Flucht- oder Befreiungsver- such zu verhindern, wurden drei Hamburger Kri­minalbeamte mit dem Transport beauftragt. Zu­gleich wurde ungeordnet, dah Boldt vor Antritt des Transports mitberfogenannten l a n- g en Kette zwischen einem Hand- und einem Fußgelenk zu fesseln sei. Um den Transport unauffällig zu bewerkftelligen. wurde Boldt am 23. Mai vormittags mit einem ge­schlossenen ©e^angenentoagen ungc-fess-üt vom Un­tersuchungsgefängnis nach dem Stadthause über­führt. Am Abend des 23. Mai wurde ihm in. Stadthause die sogenannte lange Kette angelegt, so dah das linke Handgelenk mit dem rechten Fuß­gelenk verbunden war. Boldt hatte die gefesselte Hand in der Hosentasche, von dort lief die Kette unsichtbar durch das Hosenbein nach dem rechten Fuhgelenk. Mit einem geschlossenen Kraftwagen wurde Boldt dann nach Dergedorf befördert, von wo der Weitertransport tn einem besonderen Abteil des um 11 ^lhr abends nach Berlin ab­gehenden Zuges erfolgte. In Leipzig wurde der Weg nach dem Gefängnis in einem Kraftwagen zurückgeleat. lieber die Vorgänge bet dem Trans­port ist Boldt am 1. Juli d I- durch einen Vertreter des Oberreichsanwalts gehört worden. Er hat zu Protokoll erflärt und untertrieben, dah er sich abgesehen von einer nach seiner Auffassung unzulänglichen Unterbringung tm Hamburger Stadthaus über die Behandlung, die ihm bet feinem Transport zuteil geworden sei, nicht besagen könne, baf) die Beamten durch­weg höflich und entgegenkommend gewesen seien, und dah er sich durch die Fesselung nicht mehr ge­kränkt gefühlt habe, als durch die Tatlache seiner Verhaftung. Angesichts dieses Sachverhalts findet die Reichsregierung zu Mahnahmen wegen deS Verhaltens der beteiligten Beamten keinen Anlaß.

Eine Unterhaus Abstimmung iiber die sogenannten Kriegsverbrecher.

London, 21. Inli. Reuter Das Unter­haus lehnte mit 95 gegen 26 Stimmen den An­trag Bottomlehs, der die Aufmerksamkett des Hauses auf die Weigerung der Regierung len ft, sich dafür einzusehen, dah unmittelbare Schritte unternommen werden, um das Verfah­ren gegen die übrigen angeblichen Kriegsver­brecher sicherzustellen, ab.

Aus dem Reiche.

Em neuer Kredit von 50 Millionen GoldmarL

Berlin, 21. Juli. (WB ) Bet Bekanntgabe des Kredites von 150 Millionen Goldmart wurde mitgeteili, dah die Verhandlungen mit den intet* nationalen Finanzk e f en zwecks Beschaffung wcft ter er Kredite fortgesetzt werden. Wir erfahren heute von der Reichsbank, daß es durch die Ver­mittelung des Bankhaufes Mendelslohn & Co. in Amsterdam gelungen ist, inzwischen einen neuen Kredit von50Millionen Gold­man für die Reichsbank zu beschaffen. Die Ver­hör Ölungen wegen fernerer Kredite schweben noch.