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Unterhaltung Erhebung Selehrung

Trostgründe bei dem zunehmenden Mangel des Geldes.

Don Justus Möser.

Aus denPatriotischen Phantasien" Ju­stus Mösers (17201794) geben wir nach­stehend einen Ausschnitt, der wie in unserer Zeit geschrieben anmutet. Man braucht natür­lich nicht allem, waS Möser mit bissigem Hu­mor und doch bitterem Ernst vorbringt, zuzu- stimmen, wird sich aber doch darüber ver­wundern, wieaktuell" um dieses Schlagwort zu gebrauchen seine Ausfüh­rungen heute wieder sind, und zugeben müssen, dah seine Worte für uns erneute und erhöhte Bedeutung haben, wenn er schreibt:

Veld entsetzliche Erfindung! Du bist das wahre liebel in der Welt. Ohne deine Zauberei wäre kein Räuber oder Held vermögend, das Mark zahlreicher Provinzen in eine Hauvtstadt zusam­menzuziehen und unzählbare Heere zum Fluch feiner Nachbarn zu erhalten. Du warst es. wodurch er zuerst die Herden seiner getreuen Nachbarn, ihre Ernten und ihre Kinder sich eigen machte und. zum Anplück einer künftigen Welt, den Schweiß von Millionen armer Untertanen in tiefen Gewölben bewachen ließ. Ehe du erfunden wurdest, waren keine Schahungen und keine stehenden Heere. Der Hirte gab ein Döcklein von seiner Herde, der Wein­bauer von seinem Stocke einen Eimer WeinS und der Ackersmann den Zehnten gern von allem, was er baute; denn er hatte genug für sich und genoß des Opfers mit, welches er von seinem Aeber- fbisse brachte Der Herr war froh, feinen Acker zu verleihen und so viel Korn dafür zu empfangen, als er für sich und seine Freunde gebrauchte. Er würde erstaunt fein, wenn ihm sein Knecht durch die Zauberkraft des Geldes die ganze Ernte von fünfzig Zähren zum AntrittSgelde oder zum Wein- kaufe hätte ovfern wollen. Welch ein grausames und lächerliches Geschöpf würde ein Geizhals zu der Zeit gewesen fein, da man deine Zauberei, die Kunst, daS Vermögen von hundert Mitbürgern tn einer papiernen Verschreibung zu besitzen, noch Atcht kannte! Berge von Korn, unzählbare Her­den hätten seinen Schah ausmachen müssen. Zwi­schen die ei Reich ümern hätte er verhungern, hätte er den Armen nichts mitgeben, hätte er die De- dürfnisle des Staats dem ©eiingern zuwälzen sol­len? Auf seinem Kornhausen würde man den Dösewicht verbrannt haben; und wer hätte seinen Vorrat vor Würmern, seine Herden vor Seuchen und ihn selbst wider die Rache seiner Nachbarn sicherstellen wollen?

Ehe du kamst, war die Wohltätigkeit die ge­meinste Tugend; wenn man es eine Tugend nen­nen kann, waS die natürliche Folge verderblicher Güter war ..Komm zu mir." sprach der Reiche zum Armen,unb labe dich an meinem Viere und von meinem 'Brote. Gs verdirbt ja doch, und die Ernte ist wieder vor der Tür. Soll ich für die Wüi-mer sparen und dich darben lasset?" Sv sprach der Deutsche, wie er noch dem römischen Gelde stuchte; und in der Wohltätigkeit besaß er alle Tugenden.

Ehe du kamst, war der Unterschied der Stände und die Begierde, sich zu erheben, nicht groß un­ter den Menschen. Jetzt hat der Himmel oft Mühe, obnp Wunder einen Reichen arm zu machen, da er seine Früchte In hartes Metall verwandelt und bei unzähligen Schuldnern verwahrt. Damals aber lebte er mit seiner Herde und mit seinen Scheunen unter der unmittelbaren Furcht vor jedem Wetter­strahle; und dankbar und gefühlvoll betete er die C' tiiche Vorsehung bei jeder Landplage, Mich

Geringsten unter seinen Fllirgenossen, an. y- Ehe du kamst, war noch Freiheit in der Welt. Keine Macht konnte unbemerkt und sicher den Schwächere zu Haupte steigen kein Richter konnte Heimlich bestochen werden und brauchte sich nicht 'bestechen zu lassen, kein Zanksüchtiger konnte eine Rechtssache weiter bringen als seine Fütterung reichte, kein Tor mit einem Fuder Korn nach dem Kammergericht reisen und kein Kluger in die Ver­suchung geraten, mehr Prozesse für andere zu füh­ren, als et zu seiner täglichen Notdurft und Nah­rung gebrauchte Größere Feindschaften währten nicht länger, als biS der Kriegsvorrat verzehtt war, und der Hunger war ein sicherer Friedens­bote.

Ehe du kamst, wußte man nichts von fremden Torheiten und Lastern. Deutschland konnte weder in Frankreich verzehrt noch die Ernten auS West­falen für Wein und Kaffee versandt werden. Wer satt hatte, konnte nichts mehr verlangen; und satt hatten alle Länder, denen der Himmel Vieh und Futter gab. Zeder liebte seinen eigenen Older und sein Vaterland, weil er nicht anders reifen konnte als ein Bettler, auf die Rechnung der allgemeinen Gastfreiheit, und, wo er mit einer stolzen Beglei­tung reifen wollte, als ein Feind zurückgewiesen wurde.

Ehe du kamst, toar" der Landbesitzer allein ein Mitglied der Nation. Man kannte e.nes jeden Ver­mögen. und die Anwendung der Strafgesetze ge­schah nach einem sichtbaren Verhältnis. Die Ge­rechtigkeit konnte einem jeden das ©einige mit dem Maßstabe in der Hand zumesten. die Gleichheit der Menschen durch eine sichere Anweisung der Aecker- zahl bestimmen und ewig verhindern, daß keiner zwei Erbteile zusammenbrachte. Man kannte keine geldreichen Leute, diese Verräter der menschlichen Freiheit; das Mittel. Schulden zu machen und -tausend Schuldner zu heimlichen Skiaven zu haben, war ben Menschen unerhört. Die Kinder konnten den väterlichen Acker nicht schätzen lassen und von dem gesetzmäßigen Erben nicht fordern, daß er ihnen den Wert desselben zu gleichen Teilen her- auSgeben sollte. Er gab ihnen Pferde und Rinder. Der Richter oder Gutsherr beurteilte die Billig­keit In diesem Stücke leicht, well sie auf sichtbaren Gründen beruhte, und dc. Staat duldete es nicht, daß der Acker mit jährlichen Olbgiftcn zum Vor­teil der abgehenden Kinder beschwert wurde.

Ehe du kamst, entschieden Klugheit und Stärke, diese wahren Vorzüge der Tiere und Menschen, daS Schicksal der Völker. Die Krämer herrschten nicht mit ihrem Gelds über die Tapfersten, und der Zugang zu den geheimsten StaatSräten konnte für eine Tonne Pökelfleisch nicht so leise als für eine Tonne GoldeS in Wechseln eröffnet werden.

Glückselige Zeiten! Denen wir uns nunmehr wieder nähern können, da die mächtige Zauberin zusehends verschwindet. Wie mäßig, wie ruhig, feie sicher werden wir leben, wenn wir ohne Geld glles mit Korn wieder bezahlen können, wenn der

Steuereinnehmer, der Gutsherr, der Richter unb der Gläubiger nicht mehr nehmen mögen, als sie mrt Gewalt verzehren und vor Würmern bewah­ren können, wenn der Bettler mit seinem täglichen Brote zufrieden sein muß, unb keine Pfänber mehr verkauft werden können!

Bedauert demnach, edle Mitbürger, den Man­gel des Geldes nicht. Bemühet euch vielmehr, den Rest dieses Hebels vollends los zu werden! Werft eure Reichtümer ins Meer oder schickt sie den bösen Nationen zur Strafe zu. die euch mit Wein. Kaffee und neuen Moden versorgen. Hungert die Ein­wohner der Städte, die ohne Olaerbau. bloß einer Torheit, leben, völlig auS, und zwingt sie, euch bei euerer Mäßigkeit zu lasten. Ihr braucht als­dann nichts wie Mausefallen, um euch vor der gefährlichsten Art von Feinden unb Dieben ficher- zustellen.

Tod ist Menschenwahn.

Viele Liebende mit alabasternen Flügeln mer­ken es nicht, bah baS Liebchen, baS sie mit ihren Armen umfangen hält, sich schon im ©tutgenieöen wandelt zum Würgengel. Sie schlafen sich von Wonnen in den Tod.

Olmeisenweibchen werden junge Mädchen biS zu 15 Zähren, während die Männchen nur deine Wochenkinder bleiben und als Babys ft erben. So geht es auf- unb abwärts mit der Zahl der Obern- S die noch auszurechnen sind mit Menschen- m bis zu Summen, die man nicht mehr mit ndeneinheit überschaut.

Das Pferd kann 40 Zähre dem Menschen die­nen und doch nicht verzweifeln im Zoch und Zügel, an Sporn und Peitsche aber sieh nur jedes Pferdeauges Heirnattrauer. wie es träumt von Steppen und von Pampas unb einem seligen Tum­meln seiner Olhnen mit zehntausend Mähnen- brübeml Bär zählt gar 50 Zähre. Löwe ist ein junger Königserbe noch, wenn er mit 35 Getuen sich bettet in die Gruft seiner Olhnen neben Den

Kar! Ludwig Schleich, der bekannte Arzt und Gelehrte, hat es unternommen, un- ser heutiges Wissen vom Weltall in die Form eines für jedes Kind faßbaren Märchens zu gießen und Gefühl und Phantasie mit den nüchternen Tatsachen der Forschung zu einen. Dem schlichten Kinde eines Försters, einer ver­sonnenen Traumelse. wird ein unsichtbares, vielverstehendes Kind der Lüfte. Prinz Alde­baran, als Zaubergeist und Führer bcigesellt. Nicht lehrhaft, sondern nur durch Erschautes und Erlebtes führt Schleich das naive Men­schenkind durch alles Wissen bis hart an die Grenze des modernen Naturerkennens und darüber hinaus und entrollt ein Bild des ge­samten Lebens. Zn dem umfangreichen und äußerst geschmackvoll ausgestatteten Buche: CS läuten die GlockenI Phantasie über den Sinn des Lebens." (Concordia, Deut­sche DerlagSanstalt, Berlin.) fahren die beiden llelnen Helden mit Kant durch die Anendlich­keit, erleben die Tragik Leonardo da Dincis Beethovens und hören Goethe, wie er mit dem Lichtgeist über seine Farbenlehre spricht, und vieles andere mehr. Zn 30 Einzelmärchen wer­den ebensoviele Bezirke des menschlichen Wissens erschlossen und zum Ganzen gerun­det. AlS Probe des köstlichen Buches geben wir den Anfang des Kapitels:Tod ist Men­schenwahn". wieder. daS mit seinen feinen Ge­danken über Vergänglichkeit und Ewigkeit heute zum Totensonntag wohl mit be­sonderer Anteilnahme gelesen wird, das aber auch durch seine lebensfrohe Bejahung für das hohe Ethos des Buches zeugen mag:

Else unb Aldebaran sahen unter einer uralten Eiche, bort, wo ein hoher, vom Gras bestirnter Olbhang sich jäh In bas Oberhaff herabsenkt wie einer Inselfestung mit Moos bewachsener Zinne.Schön ist der Blick hier, sagte Else. , Schau, Lustpeterchen! Hier oben mußt bu blch ja ganz zu Hause fühlen! Sieh einmal, wie schön: dort rechts daS Heine Kirchlein in der Talmulde, von der der Hohlweg tn die Ducht führt, dahinter all die goldwelligen Kornfelder mit ihren grünen Dierecklücken, die mich immer an grobe, vier­kantig geflickte Zacken der Dorfjugend erinnern. Da drüben rechts die weiten, weiten Wiesen mit den vielen Naturkanälen, schilfumwogt dort ein Arm des großen Flusses, links der zweite. Beide umarmen fest die Inselbraut und rollen sehn­süchtig ins Meer. Dor unS daS weite, fast ufer­lose Haff mit seinen Möven. Zachten unb Welten­seglern Rechts weit am Horizont ber große Kie­fernwald mit ben phantastischen Ranbslllwuetten gegen einen hellen Silberstrelfen, bas Meer das Helmatmeer, die See der Balten, Pommern und Skandinavien! Wir ruhen Im Riesenkissen Wald, und darüber das blaue Himmelszelt! Mir ist es so leicht, so hell, als könnte dieses Leben niemals enden!"

OHbebaran schwieg. .Luftpeterchen! Wie alt können Menschen werden? Do um die Hun­dert rum? Nicht wahr?

Könnte nicht einer mal vergessen werden?

Ich möchte wohl die eine fein. Aber fo allein? Nein nein!

Wie alt ist dieser Baurn wohl, Olldebaran?"

Der holte tief Atem und sagte: .Er sah Napoleons Scharen sich um seine Driften lagern. Er sah hier Schiffe landen, die Gustav Adolfs Leiche über diese Insel trugen. Der sah noch VlnetaS Gottestürme dort im Osten sich im Sonnengold färben, er sah noch Wendenfürsten hier im Dickicht Arhirsche jagen, und sah all daS Leben keimen und vergehen zu seinen Füßen, sah's modern und vermooren unb Neues aufer­stehen. sah Vogelmorb unb Raubtiergier unb manch Menschenauge an seinem Altar brechen Was Ist ihm Alter. waS ist ihm Tob? And doch währt auch sein langes Leben noch keinen Atem­zug ber Ewigkeit.

Aus einem Friebhvs bei Madonna beS Tule bei Oaraca in Merikv steht eine Zypresse, die hat noch Ferbinand Eortez und seinem Heinen Heer von menschlichen Raubtieren unb Dluthunben Schatten gespendet, ohne zu ersticken vor Abscheu unb Greuel beim Anblick dieser Mörberbande; sie ist 6000 Zahre alt Zweitausendmal kann diese Eiche jährlich aufs neue grünen; in England sind Eiben, die ebenso all geworden; Im Württem­berger Lande gibt eine Linde Schatten, die Gras Eberhard im Barte noch gepflanzt, der vom Kreuzzug kam und sie blühend wiedersand. Selbst Heine Moose halten sich Jahrhunderte lang.

Wie ungleich lange läuft die Ahr der viel­gestaltigen Wcfen. Von hier geht'S abwärts: eS aibt Pflanzen stocke, die nicht älter werden als der Mensch, und Heine Ollgenpflöckchen, die. kaum ge­boren. verwehen unb alfobalb, wie ihr fo fagt, sterben.

Dort .flattern ihre Defchwisterchen. die Cm- tagSfliegen, bie nur sechs Stunden Zeit haben, alle Lust zu fühlen dieser Erde, während ihre räuberischen Larven mehrere Zahre im Wasser morden unb vernichten.

Die Bienenkönigin trägt drei Zahre ihre Krone. biS sie ber Tob mft weißem Kranze frönt; Ihr Prinzregent, ber sie küssen bars, und ihr die goldenen Schlüssel reichen zum Ohifgang ihr-s ganzen Stammes, ohne selbst ihr Reich zu regie­ret;. büßt dieses Glückes kurzen Augenblick mit 1 Dem Tob,

Grobmälern der Pharonen. Die Wüste ist ein schönes Königsgrab. Elle bort müßte man schlummern wie im Grab der Sterne, wo jedes Sandkorn wie ein 2 rauerflämm eben glüht, um einer Königsseele ewige Schlaflieber zu fingen Schlaf- und Vergessenslieder--und ber Mensch

und wir, wir armen höhem Geister!

Ach, Else, willst bu fragen, was ist Tob und was Leben? Hüte dich vor dem Gedanken!

Die Menschen gleichen Wasserschöpfem, die »um Strome schreiten unb heben den Eimer aus Dem Strom und hallen ihn hoch in die Lüfte und rufen:Siehe, wir schauen "Has Leben, unb was verschüttet torrb. ist tot!

O, ihr blinben Wasserträger, ihr vom gol­denen Eimer allzu stark Geblendeten!

Das Leben ist bort links der Ozean, ber von ben Bergen kommt, unb Tod ist jener Ozean, ber sich rechts aus Meeren bilbet. Unb beide Meere gehen miteinander in bie Höhe! In euem Gimem haltet ihr ein winzig Spiegelbild von beiden. Za, Leben ist ein zeitlich Tor, ein Netz nur. durch das die ewige Welle zieht. Auch ihr Menschen seid nur ein wundersamer Kristall mit vielen Kam­mern, in dem sich alle Lebens strahlen zeitlich bre­chen. Sie gehen durch eure Leiber hindurch, sie sprühen auf zum Strauß der bunten Lebensblumen, ihr suhlt sie eine Frist mit Herz und Seele, doch diese Seele sammelt sie, geht von euch und führt die reinsten Strahlen weiter. Doch sie ist einmal Mensch gewesen. Hineingesenkt nur als Idee in einen atmenden Kelch, den sie selbst gescho.f en, war ihr bei den meisten noch unHar, was sie sollte.

Den Widerstand besiege!" sprach Gott. .And werde meiner Träume Siegel! And mache das Gegenständliche, das zu Durchdringende nur immer feiner, immer seidenheller, daß alle Siegel mei­nen Arnriß geben!

Za, wahrlich Else, Idee und Gegenstand daS ist Gott unb bie dumpfe Finsternis. Sie rin­gen umeinander. Sieh', wie herrlich Ist die Welt, wo dieser Sieg schon jetzt entschieden! Im Ölet her­blau, im blauen Marmorschloß der Nacht mit den hellen Silberadern ihrer Sterne, im Feuer­wagen ber Königin Sonne, bie über Glutfelsen steigt unb versinkt im Purpurportale, im Schatten­spiel ber lichten Wolkenwände wer erkennt da nicht den gigantischen Künstlergeist vieler durch einen gefügigen Schleier hindurchleuchtenden Traume!

In den winzigen Säulenhallen der Kristalle, hn Tropfen, der das Weltall spiegelt, im Feder- flöckchenschnee. tn Farnennadeln, die der Winter spinnt auf helle Scheiben, im Dlütenmeer unb der lieblichen Form aller feinen, fpinnwebendünnen Widerstände da bildet die Idee mit freier Schönheitshand!

Sie hat Millionen Zahre aufgebaut und immer noch Angefüges in ihre Schichtungskunst gezwungen und war durch Millionen Wesen auf dem Marsch auch zu dir. dem Menschenkind, und blieb dieselbe Seele, schuf sich das Ohige, daß es die Sonne streife, das Ohr, daß es ben Mantel ber göttlichen Ideen rauschen höre, bas Tastgefühl, bah es bie Schönheit mit geschlossenem Auge fände und schuf sich endlich auch bas Menschenherz, dah es die ewige Güte aller Schöpfung ahne!

Im Menschenhirn ward endlich so die Harfe unter des MeisterbauerS Dildnerhand, an der er toohl Millionen Zahre fügte unb zur Probe spielte, verwarf unb wieder aufbaute, bis ber Klang was Tüchtiges ergab: den Glauben an unS selbst unb unseren himmlischen Ursprung!

Anb nun, Else, glaubst Du, bah diele Seele, die sich hindurchgewühlt hat den langen Weg von Leonen durch Schlamm und Schutt, Trümmer und Scherben von ihren Vorgestaltungen, sterben könne, wenn , ihre Harfe zerbricht? Nein. Else, ber Tob macht nur bie ewigen Lieber frei von dieser Zei­tenharfe. Sie werden neue schöne Geigen finden, die alles widertönen, was sie einst empfunden. Heiht Leben nicht ein Scho sein von allen Liedern, die Vergangenheit gesungen?

Ich sage dir, glaub' nicht an den Tod! Tod ist nur Wechsel eurer Wohnung. Deine unsterb­liche Seele kann sich, von deinem Leib geschieden, noch höhere Glockenstühle suchen alS Harfe. Zim­beln, Orgel ober Hirne ftnb auch bu bist solch eine von Meisterhand gefügte Wunbergeige.

Enblos zurück reicht dein Anfang, ebenso end­los ist dein Weg nach vorne! Ich habe dir ge­zeigt, Elle: selbst daS rohe, ungefügig Gegenständ- liebe, ber Stoff, die Lebensferne des rein Körper­lichen haben ihren Kreislauf, kein Titelchen kann daran vergeben und etwaS, was fo schön ge­lungert. was schöner ist alS Himmel und Sterne, der geheiligte Kristallspiegel, In dem die Idee sich selbst spiegelt, zum erstenmal sich mit eigenen himmlischen Augen sah unb sich tief erschauernb begriff die Menschenseele die allein sollte ft erben können?

Tod, Elfe, ist ein Menschenwahn I---

Beugungsgitter.

ES Hingt fabelhaft, unglaubhaft, dah eS menschlichem Geist und Können gelungen ist, die Länge eines Millimeters auf mechanischem Weg tn Hunderte von gleichen Teilen zu tei­len. Der geschickteste Gitterkonsttukteur war Rowland in Baltimore. Er stellte auf spiegeln­den Mctallflächen mit Hilfe einer äußerst prä­zis arbeitenden Teilmaschtne Gitter her, bei denen die Striche (also die Stellen, welche die Lichtreslefion vernichten) so dicht nedeneinan- der gezogen waren, daß 1700 davon erst einen

Millimeter ausfüllten. Mit solchen Gitter« läßt sich zeigen, dah das Licht Dellennarur besitzt. Denken wir uns ein schmales Bündel paralleler Sttahlen (etwa Sonnenstrahlen) durch ein auf Glas geritztes Gitter hindurch­fallen, fo gehen die Lichtstrahlen selbstredend' durch die Zwischenräume des Gitters in ge­rader Richtung weiter, werden aber unmittel­bar am Gitter nach allen Seiten jenseits des­selben abgebeugt, und auf einem tn einigem Abstand ausgestellten Schirm kann man daher zu beiden Seiten des direkten Lichtbildes eine symmetrisch angeordnete Lichterregung sehen, die sich bei feinen Gittern auf mehrere Me­ter erstreckt, dabei allerdings nach den Set« ten allmählich an Intensität abnimmt. Beu­gung wird auch an Wasserwellen und Schall­wellen beobachtet; nur ist sie hier etwaSS All« tägliches, denn es nimmt schliehlich nicht wun­der, dah der 6d)all, wie man sagt,um die Ecke herum geht". ES ist das Wesen einer je- ben Wellenbewegung, dah sie nach dJm Durch­gang durch eine mehr oder weniger breite Ocffnung nach allen Seiten sich fortpflanzt, aber bei den Lichtwellcn bedarf es zum Nach­weis ihrer Beugung äuherst schmaler Oeff» nungen, weil die Wellenlänge des Lichte« (Länge von Berg und Tal zusammen) sehr Hein ist (durchschnittlich 5 Zehntausendstel Millimeter), und wegen des Zusammenwirkens der einzelnen Dellenzüge (Interferenz) bei einem breiten Spalt zu beiden Seiten des direkten Lichtes Dernichtung der gebeugten Sttahlen (also Dunkelheit) einttitt. Auch bei feinen Gittern tritt in gewissen Abständen von der Mitte deS aufgefangenen Bildes Dunkel­heit ein, für andere aber wieder Helligkeit (Interfrenzstteifen), so dah man sogar aus der Lage der dunklen und hellen Streifen auf die Wellenlänge der benutzten Sttahlen schliehen kann. Bei rotem Licht liegen die Streifen wei­ter auseinander als bei blauem Licht; rotes Licht hat eine größere Wellen­länge als blaues Licht. Je feiner dast Gitter, um fo prachtvoller wird die Er­scheinung. Bon den vielen DeugungSerschel- nungen, die jeder aus seiner Erfahrung kennt, sei hier nur die genannt, die man beobachtet, wenn man durch daS feine Gewebe eines auf- gespannten Regenschirms am Abend nach einer Laterne blickt; man sieht bann, bem Bau de« Netzes entsprechend, um die Lichtquelle herum ein farbiges Kreuz, das sich dreht, wenn man den Schirm dreht.

Die feinsten Gitter liefert uns die Natur, und zwar in Form des Aufbaues eines Kri­stalls. Der Olbftanb zweier Atome stellt hier die beugende Oeffnunq bar und beträgt etwa 3 Zehnmillionstel Millimeter. Bekanntlich ha­ben diese Naturgitter es ermöglicht, die Beu-t gung der Röntgensttahlen und damit den Eha- rafter auch dieser Aethersttahlen nachzu­weisen.

Eine neue Bahn zmn Arendsee.

Im nördlichsten Teile der Provinz Sachsen, nur eine kleine Wegstrecke von der hannoverschen Grenze entfernt, breitet sich inmitten einer an­mutigen, fruchtbaren Landschaft, umgeben von einem Kranze blühender Dörfer, der Arendsee aus. Einst, als er sich gegen Norden zu noch viel weiter auSdehnte, mögen zahlreiche See­adler auf den alten Daumriesen an seinen Ufer- hängen gehorstet haben. Sie, die man damal« Aar oder Arent nannte, haben ihm den Namen gegeben. Ze teurer das Reisen geworden ist, desto mehr hat der Deutsche sein eigenes Heimat­land kennen und schätzen gelernt So ist es ge­kommen, dah nun auch das ..altmärklfche M e e r". der Arendsee, das Ziel vieler Wan­derer geworden ist, besonders der Jugend, die die eigenartige Stimmung diese- Sees genießen wollen, zumal der Arendsee im westlichen Deut'ch- land nur im Steinhuder Meer ein Gegenstück hat Bisher gab es nur eine Bahnstrecke zum Arendsee; sie geht von Stendal aus. Richt lange aber wird eS dauern, dann wird man auch von Salzwedel auS bis zu der kleinen Stadt Arendfee fahren können, die am Süduser des Sees steht und sich im Laufe der Zahre zu einem von herrlicher Landschaft umgebenen Badeort ent­wickelt hat Es besteht die Aussicht, die neue Bahn bi- nach Geest-Gottberg forUufepen, da« an den linksseitigen Slbdeichen gegenüber der Stadt Wittenberge gelegen ist. Dort ergibt sich der Anschluß an die Magdeburger Dahn, gleich­zeitig würden auch die Berliner über Witten­berge eine bequeme Verbindung zum Arendsee erhalten, dessen Tiefe (am Südufer) bi« zu 53 Metern beträgt. Der 2170 preußische Morgen (etwa 600 Hektar) grobe See friert nur sehr feiten, gewöhnlich im Durchschnitt alle 9 bis 10 Zahre, zu und auch dann erst gegen Ende des Winters und sehr allmählich da warme Quellen im Seegrund sich der Eisbildung ent­gegenstellen. Der Arendsee gilt nicht, wie die Seen der norddeutschen Seenplatten alS lieber- blcibfd der Eiszeit, sondern ist 815 n Ehr. (nach einer anderen Version 822) infolge eines SrdeinsturzeS entstanden, der sich 1635 wieder­holte. Bei dieser zweiten Katastrophe versank ein mächtiges Stück Land In den anftrtmcnben Fluten und auf ihm eine Holländer Mühle und die zugehörigen Häuser und Ställe mit Mann und MauS. Einst war der Arendsee als eines der reichsten Fifchwasser weit berühmt, besonders die Schleien des SeeS, die in unerschöpflicher Zahl vorhanden waren, gehörten zu den gesuch­testen Leckerbissen In den umliegenden gröberen Städten. Auch heute noch gibt es viel Schleien im Arendsee, aber Im allgemeinen ist der Fisch- reichtum des Dees bedeutend jurüd^eganatn. Heute noch wie einst wird auf dem See mit 6cm Flockgarn, dem Senknetz und dem großen Zug- netz gefischt.

1184 gründete Markgraf Otto I. tn dem Städtchen Arendsee en Denediktinerkloster. das biS 1812 bestanden hat und feit 1842 adliges Fräuleinftift war Noch heute steht, umraufcht von alten ehrwürdigen Bäumen, die alte Kloster» I kirche; auch die ileberreftc deS allen urfvrüng» I lichen Kiosterdaues nm See find noch vorhanden.

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