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Samstag, 8. Oktober 1921

Erstes Blatt

M- Jahrgang

Annahme »»e Snjelae« für die Ingcsnummer Di« zum Nachmittag vorher odne jede Verbindlichkeit. Sr eis kür l mm HS de für nzeigenv 34 mm Drell» örtkd) 55 Pf., auswärts 65 Pf.; für Reklame» Anzeigen von 70 mm Breite 250Pf. Sei Platz. Vorschrift 20 . Aufschlag. Hauptschriflleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil i D . Aug. Goetz; für den Anzeigenteil: Han«Bedt, sämtlich in Dietzen.

Nr. 236

Der Gtetzener »«zeiaer erscheint täglich, außer Sonn« und Feiertags. Monatliche vezu-spreise: Mk 5.50 einschl. Träger, lohn, durch die Post Md. 6L0 einschl. Bestell, geld, auch bei Nichterschei­nen einzelner Nummern infolge höherer Gewalt. Fern sprech-Anschlüsse: für dieSchriftleituno l 12; für Druckerei, Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach. richteu: Anzeiger Stehe».

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GiehenerAnzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

vntck und Verlag: vrühl'sche Umv.'vuch- und Steindruckerei R. Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Schulstraße 7.

Wochenrückblick.

Das Wiesbadener Wiederher»! ftellungsprograrnm, dessen Wortlaut Dir gestern mitgctetlt haben. Deckt zunächst ein Gefühl überraschend unS ansprechender Zu­friedenheit darüber, daß eS gelungen ist. mit unserem westlichen Nachbar eine so umfang­reiche, nicht mehr auf bloßem Diktat beruhende Vereinbarung überhaupt zu treffen. Allein, darüber sei man sich sogleich klar, Frankreich betritt damit noch keineswegs den Boden einer allgemeinen Verständigungspolitik. ES ist bloß gelungen, die bereit stehenden Schüsseln eines Kapitels des Versailler Vertrages mit Inhalt zu füllen. Das Rezept stammt von Rathe- n a u, dem Wiederherstellungsminister, der sich eines Amtes erfreut, das ihn weniger mit Diensten für unser eigenes Volk betraut, als ihn vielmehr wirklich eher zu einer Art Küchenmeister großen Stiles für unsere frühe­ren Gegner antreten läßt. Wir wollen seinem Werke, svwett es nun in Paragraphen vor uns liegt, unvoreingenommen gegenübertreten und nicht vergessen, daß der Gedanke, mit Sachleistungen dem siegreichen, aber weißgebluteten Nachbar KriegSschLden und Zerstörungen beseittgen zu helfen, mit Rück­sicht auf den unglücklichen AuSgang des Krie­ges uns immer als billig, als unabweisbar, erschienen ist. In zweiter Linie ist dann aber freilich zu prüfen, ob das Werk von Wies­baden zugleich als ein passendes Glied in der Kette unserer auSwärttgen Polittk sich prL- senttert.

Der von Rathenau und Loucheur formu­lierte Vertrag kommt zu einem Zeitpunkt, wo der ErfüllungSvvrsatz von der Wucht der unser Volk schnell in den Abgrund treiben­den Schicksalsmächte fast zerbrochen ist und die feindlichen Länder selbst sich zu fragen be­ginnen. ob ihre Abmachungen zugunsten eines Völkerfriedens nicht Ruten sind, mit denen sie sich selber züchttgen. Wir hätten nichts da­gegen, die dem Wiesbadener Abkommen zu­grunde liegende Anlage IV des Teiles VIII (Wiedergutmachungen) des FriedenSvertrageS einer vernünfttg bemesienen Verwirklichung zuzuführen, wenn man unserer Wirtschaft die nötige Schonzeit gewährt und nicht rücksichts­los dem aussichtslosesten Stande unserer Va­luta uns zugetrieben hätte. Eine stückweise und bedingungslose Erfüllung unserer angeb­lichen Verpflichiungen scheint uns auf diesem Wege kaum möglich zu sein. Auch unsere ReichSregterung ist sich wohl bewußt, daß sie mit ihren Wiesbadener Vereinbarungen ganz und gar ins Ungewisse geht. Wenn wir ein Stück eines unstreitig unausführbaren Ganzen zur Erfüllung übernehmen, so ist dies äußerst unbefriedigend, und es könnte sich in der Bemühung, zu einer Revision des gesamten Friedensvertrages zu gelangen, gar bald als eine Fessel erweisen. In England sind Stimmen laut geworden, uns die drückendsten Zumutungen, die nur einen WirtschaftSnieder- gang der gesamten Welt besiegeln, zu erlassen. Hat man in Berlin danach gefragt und sich verlässtgt, ob Lloyd George mit der Wies­badener Abmachung einverstanden ist? Gegen den Willen Englands sollte man mit Frankreich nichts verabreden. Denn schließ­lich sitzen in London die mächtigsten Ge­stalter der Zukunft, nicht in Paris, und es ist die wirtschaftliche Entwicklung Englands, die sich an das Wiederaufkommen Deutschlands anlehnen muß und am ehesten die Versailler Voraussetzungen umstöht. Die Franzosen sind und bleiben blind und unbesonnen in ihrem DergeltungStaumel und in ihrem Forderungs­dünkel.

Wir gestehen jedoch zu. daß die Trümmer in Nordfrankreich und in Belgien möglichst bald aufgeräumt tyerben müssen. Dann erst werden vielleicht die Quellen des alten Hasses langsam verstechen. Wenn man in London derselben Meinung ist. dann sollte man dort das Wiesbadener Abkommen großzügig be­grüßen und Deutschland die Vorbedingungen gewähren, es überhaupt zu erfüllen. Zweifel­los darf man Frankreich nicht sich selbst über­lassen; sein Zusammenbruch würde Europa ebenso in den Abgrund reißen wie derjenige Deutschlands. Das Wiesbadener Abkommen müßte zum Grundstein eines neuen Geistes der wirtschaftlichen Wiederherstellung gemacht werden! Demgemäß wäre der darin vorge­sehene. sich noch unerbittlich an den Ver­sailler Vertrag haltende Abrechnungsplan mit seinen. Fristsetzungen in manchen Paragraphen zu ändern, und ein auf dem Boden der neuen Erkenntnisse stehender ..WiedergutmachungS- auSschuh" hätte erträgliche Kriegsentschädi­gungen und die dazu erforderlichen Fristen zu bestimmen. Wie kann sich anders die Stabilisierung der so heillos durchein­ander geratenen und für alle Völker verderb­lich wirkenden Währungsverhältnisse voll­ziehen, die Lloyd George in Inverneh als un­umgängliches und nächstes Ziel der inter­

nationalen Politik bezeichnet hat? Künstlich zu züchtende Valutagebilde gibt es nicht, eben­sowenig wie man den Stein der Weifen findet. Eine gesuckde. maßvolle, der Bedrohungen und Vernichtungen sich enthaltende Politik allein ist die Voraussetzung zur Unterbindung des MarksturzeS. Die den Deutschen ursprüng­lich zugedachte Sllavenarbeit unterhöhlt nur, tote man in England und Amerika mit Schrecken gewährt. Den Wohlstand der Herren- völler, deren eigne Arbeitsstätten dabei er­kalten. Es gibt auf die Dauer keine Weltherr­schaft, sondern nur einen friedlichen Wett­bewerb der Völker. Sv wenig wie ein Volk den militäri scheu Pkachtgedanken auf die Spitze treiben kann, so wenig gelingt es ihm. sich wirtschaftlich als Sklavenhaltt". über die Völler zu stellen. 'Die Völler sind aufein­ander angewiesen", gesteht Lloyd George In VersallleS hat er davon noch nichts ge­wußt . . .

Wenn sich letzt in der deutschen Presse kein erheblicher Wloerspruch zu dem Wiesbadener Abkommen kund tut, wenn sich die Bereit­schaft des deutschen Volkes aufs neue zeigt, zu arbeiten, um Die volle Freiheit wiederzuer­langen so muh doch mit größtem Nachdruck daran feftgebalten werden, daß der Erfül- lungsdrang des Kabinetts Wirth im Herzen Deutschlands keine Wohnung hat. RnS empört es nach wie vor, daß die Einleitung zu dem Wiedergutmachungskapitel des ZwangSverttageS wie die Inschrift über Dan­tes Höllentor anmutet:Durch mich geht man zur Stadt, drin fielt) nie endet." ES ist jener Artikel, in dem Deutschland sein Schuld­bekenntnis aussprechen und anerkennen mußte, alsArheber aller Verluste und aller Schäden veranttoorllich zu fein, welche die alliierten und assoziierten Regierungen und chre Angehöri­gen infolge des ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufge­zwungenen Krieges erlitten haben". Auf dieser falschen und erlogenen Voraussetzung beruht das ganze Buch und System jener raffinierten RechtSauSklügelungen, die in Wahrheit doch nur unendliche Willkür darstellen. Der Sach­wert der Leistungen auf Grund des Wiesbade­ner Abkommens soll bis zum 1. Mai 1926 sie­ben Milliarden Gvldmark nicht übersteigen; die Lieferungen dürfen von Frankreich nur für den Wiederaufbau verwendet werden. Daran fin­den also unsere Leistungen ihre natürliche Grenze, ebenso wie unsere Verpflichtungen nur so weit gehen sollen,als sie mit den Prvduk- tionSmögllchkeiten Deutschlands, den Bedin- gungen seiner Rohstoffversorgung und den inneren Bedürfnissen seines sozialen und wirt­schaftlichen Lebens vereinbar sind". Wir wol­len die Erwartung aussprechen, daß diese Ein­schränkungen des Maßes unserer Entschädi­gungspflicht den erforderlichen dicken Strich unter alle Unmöglichkeiten des Versailler Do­kumentes setzen, daß der in diesen Tagen von einem namhaften Engländer bestätigte Wahnsinn der Staatsmänner" eine Ende nimmt. DerWiederherstellungsausschuß" steht noch ganz im Dunstkreis, der Schlachtfel­der. Nach seinen neuesten Berechnungen und Beschlüßen soll Deutschland für die Besetzung des Rheinlandes allein über 100 Milliarden Papiermark aufbringen!

Der Wiesbadener Verttag steht und fällt mit weitblickenden Absichten unserer allgemei­nen auswärtigen Politik, die sich bestimmt noch nicht auf einige Wochen hinaus einenfran­kophilen Kurs" leisten kann, weil weder Lou­cheur noch Briand ohne die Nachhilfe anderer Mächte sich mit dem Gedanken vertraut machen werden, das Buch von Versailles endgültig zu verschließen.

Die Nebenabkommen Rathenaus und Loucheurs.

Wiesbaden. 7. Okt. (WTD.) Die von Rathenau und Loucheur unterzeichneten Neben- ablommen haben folgenden wesentlichen In­hall:

Drei Abkommen beziehen sich auf die Ablö­sung der Frankreich gegenüber geschuldeten Re­stitutionen. Die Rücklieferung von Industrie- material hört am 6. 12. auf. Danach werden lediglich diejenigen Maschinen noch zurückgeliefert, die vorher abgerufen wurden. Uebrigens bleibt das auf deutschem Gebiet noch vorhandene aus Frankreich weggesührte Material endgültig in deutschem Besitz. Dafür liefert Deutfchland an Frankreich binnen 8 Monaten 120 000 Tonnen Industriematerial, die nach Art und Gewicht dem bereits zurückgelieserten Material entspre­chen. Frankreich wählt sich dieses Material unter den Vorräten und in den Lägern der deutschen Regierung aus. Das Material soll nach Möglich­keit neu kann aber auch gebraucht sein, muh je- doch in vollkommen betriebsfähigem Zustande sich befinden. Falls dort entsprechendes Material nicht vorhanden ist. hat die deutsche Regierung neues Material zu liefern. Auf die 120 000 Ton- Inen wirk, das seit dem 1. 5. 1920 zuruckgelieserte Material mengenmäßig angerechnet, desgleichen weitere 20 000 Tonnen "la ora~lei<b für

das in Elsaß - Lothringen verbliebene Material. Außerdem bekennt sich Deutschland Frankreich gegenüber als Schuldner der Summe von 15 8 Millionen Gold- mark. die im ^verlause von fünf Zähren, be­ginnend am 1. Mai 1926, in gleichen Zahresralen im Wege der Aufrechnung gegen die Verpflich­tungen Frankreichs gegenüber Deutschland und in Ermangelung solcher Bei pfltchtungen durch Bar­zahlung zu tilgen sind. Die Restitution von rol­lendem 8i sen da h n ma t e r ia l^wird auf 6200 Wagen beschränkt, die in gutem Unterhaltungs- zustande abzuliefern sind. Zur Ablösung der wei­tergehenden Restitutionsverpflichtungen wird Deutschland an Frankreich 4500 neue Fahrzeuge liefern, deren Typen in den Abkommen im ein­zelnen bestimmt sind. Eine aus französischen und deutschen Sachverständigen bestehende Kommission tritt demnächst in Paris zusammen, um die Einzel­heiten der Lieferfristen und Lieferbedingungen zu vereinbaren. Die Restitution der von Deutschland auS Frankreich nach Deutschland verbrachten Tiere wird durch die Lieferung von 62 000 Pferden. 25 000 Rindern, 25 000 Schafen und 40 000 Bienenvölkern abgelöst. Daneben sind nur diejenigen Tiere zurückzuliefern, die unter na­mentlicher Angabe der deutschen Besitzer in den bereits von der ftanzösischen Regierung über­mittelten Listen aufgeführt sind. Außerdem hat Deutschland gegen Gutschrift auf das Reparations­konto weitere 13 000 Pferde an Frankreich zu liefern. Dafür wird Frankreich keine weiteren Diehlieferungen auf Grund der Anlage IV zu Teil 8 des Friedensvertrages von Versailles ver­langen. In allen drei die Restitution betreffenden Abkommen ist ausdrücklich bestimmt, daß nach der Ausführung der darin vorgesehenen Lieferungen Deutschland Frankreich gegenüber seine Derpsiichtungen aus Artikel 2 3 8 des Friedensvertrages erfüllt hat Frank­reich wird das Personal der im Restitationsdienst verwendeten Kommissionen auf das unbedingt notwendige Maß beschränken urid nach Maßgabe der Durchführung der verbleibenden Lieferungen weiter herabsetzen.

Das vierte Abkommen bezieht sich auf Koh­lenlieferungen und bedarf, da es teilweise auch Lieferungen an Drlgien, Italien und Luxem­burg betrifft, der Zustimmung der Reparations­kommission. Deutschland verzichtet Frankreich ge­genüber für Lieferungen über Rotterdam, Ant­werpen, Gent und andere nichtdeutsche Häfen auf fob-Preise. Es erhält für diese Lieferungen den deutschen Inlandspreis plus Transportkosten. Deutschland hat das Recht der freien Ausfuhr seiner Kohlen, wenn eS die Anforderungen der Reparationskommission erfüllt. Dabei werden jedes Kohlenrevier und jede Kohlenart besonders betrachtet. Werden also Kohlen eines bestimm­ten Reviers oder einer bestimmten Art micht angefordert, so ist Deutschland in der Verfügung über diese Kohlen vollkommen frei. In Höhe des Wertes von so auSgeführten Kohlen, berechnet nach dem deutschen Inlandspreis, wird Deutsch­land ä conto-Zahlungen auf seine Zahlungsver­pflichtungen machen. Die Alliierten ver­pflichten sich, die von Deutschland geliefer­ten Kohlen nur für den eigenen Be­darf und den ihrer Kolonien und Pro­tektorate zu verwenden. Deutschland kann bei etwaiger Ausführung der unter Artikel 299 auf­rechterhaltenen Vorkriegsverträge bis 150 000 Tonnen monatlich der so gelieferten Mengen auf die anderen Pflichtlieferungen an Frankreich an­rechnen. Der Erlös solcher Lieferungen wird auf das Reparationskonto eingezahlt. Außerdem wird das im Iuli zwischen deutschen und französischen Sachverständigen über den Transport von Kohlen auf dem Wasserwege geschlossene Abkommen von den beiden Regierungen genehmigt.

Rathenau über das Abkommen.

Berlin, 8. Okt. Gestern nachmittag erklärte Rathenau Derttetern der Presse zu dem mit Loucheur abgeschlossenen Uebereinkommen u. a.: Seit Iahren sind zum ersten Male Verhandlun­gen zustande gekommen, deren Ergebnis ein fteies, nicht diktiertes Abkommen war. Vielleicht liegt eine symbolische Bedeutung darin, daß die beiden Nationen, die sich in vielen Kriegen bitter be­kämpft haben, zum erstenmal sich zu einem wirk­lichen Friedenswerk vereinigen. Deutschland bringt, um dieses Werk zu ermöglichen, ein schweres Opfer, und gerade dieses wird dem Vertrag von jedem, der nicht tiefer in das Abkommen ein- gedrungen ist, zum Vorwurf gemacht werden. Aber wenn man berücksichtigt, daß die Gold­leistungen schwerer auf Deutschland lasten als irgendeine andere Bürde, und daß mit der Fort­dauer der Goldleistungen die Erttwertung der Mark und damit die Unordnung der Staats­finanzen verknüpft ist. so kommt man zu dem Schluß, daß die teilweisen Vorleistungen von vier Zähren, finanziell betrachtet, das fleinere Hebel sind. Ferner wird auch für die deutsche Produk­tion ein Absatzgebiet erschlossen, das vermullich niemals wieder der deutschen Tätigkeit entzogen werden wird. Es besteht die Hoffnung, daß durch diese erste grundsätzlich auf friedlicher und wirt­schaftlicher Basis zustande gekommene Verständi­gung eine europäische Gemeinschaftsarbeit und das Wiedererwachen der weltwirtschaftlichen Soli­darität eingeleüet werden wird.

Zustimmung in England.

London, 8. Oft. (WTB.)West­minster Gazette" begrüßt in einem Leit­artikel das Wiesbadener Abkommen. Frank­reich handle flug, wenn es sich gegen den mög­lichen Zusammenbruch des alliierten Repara­tionsplanes sichere, den die meisten ftanzö­sischen Sachverständigen erwarteten. England

toerde sich freuen, toenn die Kluft zwischen Deutschland und Frankreich sich zu schließen beginne.

Französische Kritik.

PariS. 7. Okt. (WB.) Zum Abschluß des Wiesbadener Abkommens schreibt der .TempS": Gewiß bedeutet daS Abkommen ein Fortschritt in Frankreichs Beziehungen zu Deutschland, aber es könne in keiner Weise an der ftanzösischen Politik der DertragSausfubrung etwas ändern. Es beweise, daß Frankreich, wenn es jede Sicherheit für die Wahrung feiner In­teressen und seines Rechts habe, keineswegs von vornherein den Anstrengungen entgeqenarbeite, die Deutschland mache, um sich wirtschaftlich wieder zu erheben, und daß Frankreich, in dem Maße wie seine Sicherheit und 'seine eigene Wieder­erhebung es gestatteten, geneigt sei, jeder repu­blikanischen deutschen Regierung, die mttchlosien sei. ehrlich ihre Verpflichtungen zu erf l en, ihre Aufgabe zu erleichtern. An anderer Stelle lagt das Blatt im Hinblick auf gewisse Einwände von englischer Seite, selbst ein betrüge­rischer Bankerott Deutschlands könne die Alliierten nicht bmbem, ihr Guthaben restlos ein­zutreiben dadurch, daß sie sich an den Werten Deutschlands schadlos hielten, deren Kontrolle zu übernehmen sie berechtigt wären. Das Blatt will nicht annehmen, daß es einige alliierte Regierun­gen gebe, Die von vornherein entschlossen wären, auf die Rechte, die im Friedensvertrag festgelegt feien, im Falle eines endgültigen deutschen Dan- keretts. zu verzichten.

Das3ou mal deS D4batS" hält eS für das wichtigste, daß Frankreich -um ersten Male eine greifbare Anstrengung der deutschen Regierung, ihre Verpflichtungen zu halten, gegen- überstehe. Es erscheine schwierig, das Wiesbade­ner Abkommen und seinen praktischen Geist nicht zu billigen. Wer sich in Deutschland dem Ab­kommen widersehe, daS seien die, die den Hinter­gedanken hegten, nie und in keiner Form zu bezahlen. Diejenigen, die eS schief ansehen wür­den, unter Frankreichs Verbündeten, würden den Eindruck erwecken, alS liehe der Wiederaufbau der verwüsteten Gebiete sie zum mindesten gleich- gütig. Aber nichts berechtige zu der Annahme, daß es solche Verbündete gebe. In Frankreich würden diejenigen, die etwa behaupteten, daß die Interessen der nationalen Industrie denjenigen der verwüsteten Gebiete vorgingen, den Protektio­nismus bis zu einem noch nicht erreichten Grade treiben.

Die Schulden streichen?

London, 7. Ott (WTD.) In der Atlantie City hielt Gouverneur Norris von der Phila- delphiq. Federal Reserve Bank eine Ansprache, in der er erklärte, die Nationen Europas schul­deten den Vereinigten Staaten über zehn Milliar­den Dollar, während die Bürger der Länder, die im Kriege Amerikas Derbünd'te tnaren, dem Lande noch weitere drei bis vier Milliarden schuldeten. Meiner Meinung nach, fuhr der Red­ner fort, können wir leichter die Schulden strei­chen, als zusehen, wie Europa dem Bankerott entgegengeht oder unser Außenhandel ruiniert wird.

Die Arbeitslosigkeit in t'knqland.

London. 7. Okt (Wolfs.) In der gestern nachmittag abgehaltenen Kabinettssitzung legte Lloyd George die Pläne des Kabine ttSauS- schusses zur Bekämpfung der Arbeits­losigkeit dar. Sie sehen eine Ausgabe von etwa 15 Millionen Pfund Sterling für unmittel­bare llnterstühungen vor. Die KabinettSsttung faßte keinerlei endgültige Beschlüsse bezüglich der Gesamtvorschläge, die Dem Unterbaufe unterbreitet werden sollen. Laut .Daily Mail" trat im ge­strigen KabinettSrat erneut zu Tage, daß ein Allheilmittel gegen die Erwerbslosigkeit nicht ent­deckt worden ist und auch aus den augen­blicklichen Verhältnissen herauS nichts gefunden werden kann.

Honse über die deutsche Regierung.

London. 8. Oft. (WTB.) Die Oktober» nurnrner der ZeitschriftWorloS Work" ent­hält eine Auslassung des arnerllanischen Ober­sten House über die Lage in Europa int Jahre 1921, in der eS über Deutschland heißt: Deutschland sei der Schlüssel der toirt- schaftlichen Lage. Die augenblickliche deutsche Regierung sei die sicherste und vernünftigste, die Deutschland seit dem Kriege gehabt habe. House hofft, daß Frankreich eS der deutschen Regierung ermöglichen werde, die Unter­stützung des Reichstages dadurch zu gewinnen, daß sie gute Ergebnisse auftoeisen könne.

Eine Konferenz der Eisenbahn» Direktionspräsidenten.

München. 7. Oft (Wolff) Heute vormittag traten unter dem Vorsitz des Reichsvertehrs- ministers G r ö n e r, der heute vormittag auS Berlin hier eingetroffen war, die sämtlichen Präsidenten der deutschen Eisen­bahn direkt», ven im Sitzungssaal des Der- kehrsminifteriums zu einer Konferenz zusammen, um die Lage der deutschen Reichseisenbahnen zu erörtern. Hebet 30 Eisenbahnpräsidenlen waren erschienen zum ersten Male auch die früheren Chefs uno Die leitenden Persönlichkeiten der frü­heren Reichseisenbahnen, die zur Teilnahme an der Konferenz eingeladen waren. Es war beT besondere Wunsch des Reichsverkehrsministers mit diesen Heroen bi Fühlung zu bleiben und ihren