Samstag, 8. Oktober 1921
Erstes Blatt
M- Jahrgang
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Nr. 236
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Wochenrückblick.
Das Wiesbadener Wiederher»! ftellungsprograrnm, dessen Wortlaut Dir gestern mitgctetlt haben. Deckt zunächst ein Gefühl überraschend unS ansprechender Zufriedenheit darüber, daß eS gelungen ist. mit unserem westlichen Nachbar eine so umfangreiche, nicht mehr auf bloßem Diktat beruhende Vereinbarung überhaupt zu treffen. Allein, darüber sei man sich sogleich klar, Frankreich betritt damit noch keineswegs den Boden einer allgemeinen Verständigungspolitik. ES ist bloß gelungen, die bereit stehenden Schüsseln eines Kapitels des Versailler Vertrages mit Inhalt zu füllen. Das Rezept stammt von Rathe- n a u, dem Wiederherstellungsminister, der sich eines Amtes erfreut, das ihn weniger mit Diensten für unser eigenes Volk betraut, als ihn vielmehr wirklich eher zu einer Art Küchenmeister großen Stiles für unsere früheren Gegner antreten läßt. Wir wollen seinem Werke, svwett es nun in Paragraphen vor uns liegt, unvoreingenommen gegenübertreten und nicht vergessen, daß der Gedanke, mit Sachleistungen dem siegreichen, aber weißgebluteten Nachbar KriegSschLden und Zerstörungen beseittgen zu helfen, mit Rücksicht auf den unglücklichen AuSgang des Krieges uns immer als billig, als unabweisbar, erschienen ist. In zweiter Linie ist dann aber freilich zu prüfen, ob das Werk von Wiesbaden zugleich als ein passendes Glied in der Kette unserer auSwärttgen Polittk sich prL- senttert.
Der von Rathenau und Loucheur formulierte Vertrag kommt zu einem Zeitpunkt, wo der ErfüllungSvvrsatz von der Wucht der unser Volk schnell in den Abgrund treibenden Schicksalsmächte fast zerbrochen ist und die feindlichen Länder selbst sich zu fragen beginnen. ob ihre Abmachungen zugunsten eines Völkerfriedens nicht Ruten sind, mit denen sie sich selber züchttgen. Wir hätten nichts dagegen, die dem Wiesbadener Abkommen zugrunde liegende Anlage IV des Teiles VIII (Wiedergutmachungen) des FriedenSvertrageS einer vernünfttg bemesienen Verwirklichung zuzuführen, wenn man unserer Wirtschaft die nötige Schonzeit gewährt und nicht rücksichtslos dem aussichtslosesten Stande unserer Valuta uns zugetrieben hätte. Eine stückweise und bedingungslose Erfüllung unserer angeblichen Verpflichiungen scheint uns auf diesem Wege kaum möglich zu sein. Auch unsere ReichSregterung ist sich wohl bewußt, daß sie mit ihren Wiesbadener Vereinbarungen ganz und gar ins Ungewisse geht. Wenn wir ein Stück eines unstreitig unausführbaren Ganzen zur Erfüllung übernehmen, so ist dies äußerst unbefriedigend, und es könnte sich in der Bemühung, zu einer Revision des gesamten Friedensvertrages zu gelangen, gar bald als eine Fessel erweisen. In England sind Stimmen laut geworden, uns die drückendsten Zumutungen, die nur einen WirtschaftSnieder- gang der gesamten Welt besiegeln, zu erlassen. Hat man in Berlin danach gefragt und sich verlässtgt, ob Lloyd George mit der Wiesbadener Abmachung einverstanden ist? Gegen den Willen Englands sollte man mit Frankreich nichts verabreden. Denn schließlich sitzen in London die mächtigsten Gestalter der Zukunft, nicht in Paris, und es ist die wirtschaftliche Entwicklung Englands, die sich an das Wiederaufkommen Deutschlands anlehnen muß und am ehesten die Versailler Voraussetzungen umstöht. Die Franzosen sind und bleiben blind und unbesonnen in ihrem DergeltungStaumel und in ihrem Forderungsdünkel.
Wir gestehen jedoch zu. daß die Trümmer in Nordfrankreich und in Belgien möglichst bald aufgeräumt tyerben müssen. Dann erst werden vielleicht die Quellen des alten Hasses langsam verstechen. Wenn man in London derselben Meinung ist. dann sollte man dort das Wiesbadener Abkommen großzügig begrüßen und Deutschland die Vorbedingungen gewähren, es überhaupt zu erfüllen. Zweifellos darf man Frankreich nicht sich selbst überlassen; sein Zusammenbruch würde Europa ebenso in den Abgrund reißen wie derjenige Deutschlands. Das Wiesbadener Abkommen müßte zum Grundstein eines neuen Geistes der wirtschaftlichen Wiederherstellung gemacht werden! Demgemäß wäre der darin vorgesehene. sich noch unerbittlich an den Versailler Vertrag haltende Abrechnungsplan mit seinen. Fristsetzungen in manchen Paragraphen zu ändern, und ein auf dem Boden der neuen Erkenntnisse stehender ..WiedergutmachungS- auSschuh" hätte erträgliche Kriegsentschädigungen und die dazu erforderlichen Fristen zu bestimmen. Wie kann sich anders die Stabilisierung der so heillos durcheinander geratenen und für alle Völker verderblich wirkenden Währungsverhältnisse vollziehen, die Lloyd George in Inverneh als unumgängliches und nächstes Ziel der inter
nationalen Politik bezeichnet hat? Künstlich zu züchtende Valutagebilde gibt es nicht, ebensowenig wie man den Stein der Weifen findet. Eine gesuckde. maßvolle, der Bedrohungen und Vernichtungen sich enthaltende Politik allein ist die Voraussetzung zur Unterbindung des MarksturzeS. Die den Deutschen ursprünglich zugedachte Sllavenarbeit unterhöhlt nur, tote man in England und Amerika mit Schrecken gewährt. Den Wohlstand der Herren- völler, deren eigne Arbeitsstätten dabei erkalten. Es gibt auf die Dauer keine Weltherrschaft, sondern nur einen friedlichen Wettbewerb der Völker. Sv wenig wie ein Volk den militäri scheu Pkachtgedanken auf die Spitze treiben kann, so wenig gelingt es ihm. sich wirtschaftlich als Sklavenhaltt". über die Völler zu stellen. '„Die Völler sind aufeinander angewiesen", gesteht Lloyd George — In VersallleS hat er davon noch nichts gewußt . . .
Wenn sich letzt in der deutschen Presse kein erheblicher Wloerspruch zu dem Wiesbadener Abkommen kund tut, wenn sich die Bereitschaft des deutschen Volkes aufs neue zeigt, zu arbeiten, um Die volle Freiheit wiederzuerlangen — so muh doch mit größtem Nachdruck daran feftgebalten werden, daß der Erfül- lungsdrang des Kabinetts Wirth im Herzen Deutschlands keine Wohnung hat. RnS empört es nach wie vor, daß die Einleitung zu dem Wiedergutmachungskapitel des ZwangSverttageS wie die Inschrift über Dantes Höllentor anmutet: „Durch mich geht man zur Stadt, drin fielt) nie endet." ES ist jener Artikel, in dem Deutschland sein Schuldbekenntnis aussprechen und anerkennen mußte, als „Arheber aller Verluste und aller Schäden veranttoorllich zu fein, welche die alliierten und assoziierten Regierungen und chre Angehörigen infolge des ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungenen Krieges erlitten haben". Auf dieser falschen und erlogenen Voraussetzung beruht das ganze Buch und System jener raffinierten RechtSauSklügelungen, die in Wahrheit doch nur unendliche Willkür darstellen. Der Sachwert der Leistungen auf Grund des Wiesbadener Abkommens soll bis zum 1. Mai 1926 sieben Milliarden Gvldmark nicht übersteigen; die Lieferungen dürfen von Frankreich nur für den Wiederaufbau verwendet werden. Daran finden also unsere Leistungen ihre natürliche Grenze, ebenso wie unsere Verpflichtungen nur so weit gehen sollen, „als sie mit den Prvduk- tionSmögllchkeiten Deutschlands, den Bedin- gungen seiner Rohstoffversorgung und den inneren Bedürfnissen seines sozialen und wirtschaftlichen Lebens vereinbar sind". Wir wollen die Erwartung aussprechen, daß diese Einschränkungen des Maßes unserer Entschädigungspflicht den erforderlichen dicken Strich unter alle Unmöglichkeiten des Versailler Dokumentes setzen, daß der in diesen Tagen von einem namhaften Engländer bestätigte „Wahnsinn der Staatsmänner" eine Ende nimmt. Der „Wiederherstellungsausschuß" steht noch ganz im Dunstkreis, der Schlachtfelder. Nach seinen neuesten Berechnungen und Beschlüßen soll Deutschland für die Besetzung des Rheinlandes allein über 100 Milliarden Papiermark aufbringen!
Der Wiesbadener Verttag steht und fällt mit weitblickenden Absichten unserer allgemeinen auswärtigen Politik, die sich bestimmt noch nicht auf einige Wochen hinaus einen „frankophilen Kurs" leisten kann, weil weder Loucheur noch Briand ohne die Nachhilfe anderer Mächte sich mit dem Gedanken vertraut machen werden, das Buch von Versailles endgültig zu verschließen.
Die Nebenabkommen Rathenaus und Loucheurs.
Wiesbaden. 7. Okt. (WTD.) Die von Rathenau und Loucheur unterzeichneten Neben- ablommen haben folgenden wesentlichen Inhall:
Drei Abkommen beziehen sich auf die Ablösung der Frankreich gegenüber geschuldeten Restitutionen. Die Rücklieferung von Industrie- material hört am 6. 12. auf. Danach werden lediglich diejenigen Maschinen noch zurückgeliefert, die vorher abgerufen wurden. Uebrigens bleibt das auf deutschem Gebiet noch vorhandene aus Frankreich weggesührte Material endgültig in deutschem Besitz. Dafür liefert Deutfchland an Frankreich binnen 8 Monaten 120 000 Tonnen Industriematerial, die nach Art und Gewicht dem bereits zurückgelieserten Material entsprechen. Frankreich wählt sich dieses Material unter den Vorräten und in den Lägern der deutschen Regierung aus. Das Material soll nach Möglichkeit neu kann aber auch gebraucht sein, muh je- doch in vollkommen betriebsfähigem Zustande sich befinden. Falls dort entsprechendes Material nicht vorhanden ist. hat die deutsche Regierung neues Material zu liefern. Auf die 120 000 Ton- Inen wirk, das seit dem 1. 5. 1920 zuruckgelieserte Material mengenmäßig angerechnet, desgleichen weitere 20 000 Tonnen "la or—a~lei<b für
das in Elsaß - Lothringen verbliebene Material. Außerdem bekennt sich Deutschland Frankreich gegenüber als Schuldner der Summe von 15 8 Millionen Gold- mark. die im ^verlause von fünf Zähren, beginnend am 1. Mai 1926, in gleichen Zahresralen im Wege der Aufrechnung gegen die Verpflichtungen Frankreichs gegenüber Deutschland und in Ermangelung solcher Bei pfltchtungen durch Barzahlung zu tilgen sind. Die Restitution von rollendem 8i sen da h n ma t e r ia l^wird auf 6200 Wagen beschränkt, die in gutem Unterhaltungs- zustande abzuliefern sind. Zur Ablösung der weitergehenden Restitutionsverpflichtungen wird Deutschland an Frankreich 4500 neue Fahrzeuge liefern, deren Typen in den Abkommen im einzelnen bestimmt sind. Eine aus französischen und deutschen Sachverständigen bestehende Kommission tritt demnächst in Paris zusammen, um die Einzelheiten der Lieferfristen und Lieferbedingungen zu vereinbaren. Die Restitution der von Deutschland auS Frankreich nach Deutschland verbrachten Tiere wird durch die Lieferung von 62 000 Pferden. 25 000 Rindern, 25 000 Schafen und 40 000 Bienenvölkern abgelöst. Daneben sind nur diejenigen Tiere zurückzuliefern, die unter namentlicher Angabe der deutschen Besitzer in den bereits von der ftanzösischen Regierung übermittelten Listen aufgeführt sind. Außerdem hat Deutschland gegen Gutschrift auf das Reparationskonto weitere 13 000 Pferde an Frankreich zu liefern. Dafür wird Frankreich keine weiteren Diehlieferungen auf Grund der Anlage IV zu Teil 8 des Friedensvertrages von Versailles verlangen. In allen drei die Restitution betreffenden Abkommen ist ausdrücklich bestimmt, daß nach der Ausführung der darin vorgesehenen Lieferungen Deutschland Frankreich gegenüber seine Derpsiichtungen aus Artikel 2 3 8 des Friedensvertrages erfüllt hat Frankreich wird das Personal der im Restitationsdienst verwendeten Kommissionen auf das unbedingt notwendige Maß beschränken urid nach Maßgabe der Durchführung der verbleibenden Lieferungen weiter herabsetzen.
Das vierte Abkommen bezieht sich auf Kohlenlieferungen und bedarf, da es teilweise auch Lieferungen an Drlgien, Italien und Luxemburg betrifft, der Zustimmung der Reparationskommission. Deutschland verzichtet Frankreich gegenüber für Lieferungen über Rotterdam, Antwerpen, Gent und andere nichtdeutsche Häfen auf fob-Preise. Es erhält für diese Lieferungen den deutschen Inlandspreis plus Transportkosten. Deutschland hat das Recht der freien Ausfuhr seiner Kohlen, wenn eS die Anforderungen der Reparationskommission erfüllt. Dabei werden jedes Kohlenrevier und jede Kohlenart besonders betrachtet. Werden also Kohlen eines bestimmten Reviers oder einer bestimmten Art micht angefordert, so ist Deutschland in der Verfügung über diese Kohlen vollkommen frei. In Höhe des Wertes von so auSgeführten Kohlen, berechnet nach dem deutschen Inlandspreis, wird Deutschland ä conto-Zahlungen auf seine Zahlungsverpflichtungen machen. Die Alliierten verpflichten sich, die von Deutschland gelieferten Kohlen nur für den eigenen Bedarf und den ihrer Kolonien und Protektorate zu verwenden. Deutschland kann bei etwaiger Ausführung der unter Artikel 299 aufrechterhaltenen Vorkriegsverträge bis 150 000 Tonnen monatlich der so gelieferten Mengen auf die anderen Pflichtlieferungen an Frankreich anrechnen. Der Erlös solcher Lieferungen wird auf das Reparationskonto eingezahlt. Außerdem wird das im Iuli zwischen deutschen und französischen Sachverständigen über den Transport von Kohlen auf dem Wasserwege geschlossene Abkommen von den beiden Regierungen genehmigt.
Rathenau über das Abkommen.
Berlin, 8. Okt. Gestern nachmittag erklärte Rathenau Derttetern der Presse zu dem mit Loucheur abgeschlossenen Uebereinkommen u. a.: Seit Iahren sind zum ersten Male Verhandlungen zustande gekommen, deren Ergebnis ein fteies, nicht diktiertes Abkommen war. Vielleicht liegt eine symbolische Bedeutung darin, daß die beiden Nationen, die sich in vielen Kriegen bitter bekämpft haben, zum erstenmal sich zu einem wirklichen Friedenswerk vereinigen. Deutschland bringt, um dieses Werk zu ermöglichen, ein schweres Opfer, und gerade dieses wird dem Vertrag von jedem, der nicht tiefer in das Abkommen ein- gedrungen ist, zum Vorwurf gemacht werden. Aber wenn man berücksichtigt, daß die Goldleistungen schwerer auf Deutschland lasten als irgendeine andere Bürde, und daß mit der Fortdauer der Goldleistungen die Erttwertung der Mark und damit die Unordnung der Staatsfinanzen verknüpft ist. so kommt man zu dem Schluß, daß die teilweisen Vorleistungen von vier Zähren, finanziell betrachtet, das fleinere Hebel sind. Ferner wird auch für die deutsche Produktion ein Absatzgebiet erschlossen, das vermullich niemals wieder der deutschen Tätigkeit entzogen werden wird. Es besteht die Hoffnung, daß durch diese erste grundsätzlich auf friedlicher und wirtschaftlicher Basis zustande gekommene Verständigung eine europäische Gemeinschaftsarbeit und das Wiedererwachen der weltwirtschaftlichen Solidarität eingeleüet werden wird.
Zustimmung in England.
London, 8. Oft. (WTB.) „Westminster Gazette" begrüßt in einem Leitartikel das Wiesbadener Abkommen. Frankreich handle flug, wenn es sich gegen den möglichen Zusammenbruch des alliierten Reparationsplanes sichere, den die meisten ftanzösischen Sachverständigen erwarteten. England
toerde sich freuen, toenn die Kluft zwischen Deutschland und Frankreich sich zu schließen beginne.
Französische Kritik.
PariS. 7. Okt. (WB.) Zum Abschluß des Wiesbadener Abkommens schreibt der .TempS": Gewiß bedeutet daS Abkommen ein Fortschritt in Frankreichs Beziehungen zu Deutschland, aber es könne in keiner Weise an der ftanzösischen Politik der DertragSausfubrung etwas ändern. Es beweise, daß Frankreich, wenn es jede Sicherheit für die Wahrung feiner Interessen und seines Rechts habe, keineswegs von vornherein den Anstrengungen entgeqenarbeite, die Deutschland mache, um sich wirtschaftlich wieder zu erheben, und daß Frankreich, in dem Maße wie seine Sicherheit und 'seine eigene Wiedererhebung es gestatteten, geneigt sei, jeder republikanischen deutschen Regierung, die mttchlosien sei. ehrlich ihre Verpflichtungen zu erf l en, ihre Aufgabe zu erleichtern. An anderer Stelle lagt das Blatt im Hinblick auf gewisse Einwände von englischer Seite, selbst ein betrügerischer Bankerott Deutschlands könne die Alliierten nicht bmbem, ihr Guthaben restlos einzutreiben dadurch, daß sie sich an den Werten Deutschlands schadlos hielten, deren Kontrolle zu übernehmen sie berechtigt wären. Das Blatt will nicht annehmen, daß es einige alliierte Regierungen gebe, Die von vornherein entschlossen wären, auf die Rechte, die im Friedensvertrag festgelegt feien, im Falle eines endgültigen deutschen Dan- keretts. zu verzichten.
Das „3ou mal deS D4batS" hält eS für das wichtigste, daß Frankreich -um ersten Male eine greifbare Anstrengung der deutschen Regierung, ihre Verpflichtungen zu halten, gegen- überstehe. Es erscheine schwierig, das Wiesbadener Abkommen und seinen praktischen Geist nicht zu billigen. Wer sich in Deutschland dem Abkommen widersehe, daS seien die, die den Hintergedanken hegten, nie und in keiner Form zu bezahlen. Diejenigen, die eS schief ansehen würden, unter Frankreichs Verbündeten, würden den Eindruck erwecken, alS liehe der Wiederaufbau der verwüsteten Gebiete sie zum mindesten gleich- gütig. Aber nichts berechtige zu der Annahme, daß es solche Verbündete gebe. In Frankreich würden diejenigen, die etwa behaupteten, daß die Interessen der nationalen Industrie denjenigen der verwüsteten Gebiete vorgingen, den Protektionismus bis zu einem noch nicht erreichten Grade treiben.
Die Schulden streichen?
London, 7. Ott (WTD.) In der Atlantie City hielt Gouverneur Norris von der Phila- delphiq. Federal Reserve Bank eine Ansprache, in der er erklärte, die Nationen Europas schuldeten den Vereinigten Staaten über zehn Milliarden Dollar, während die Bürger der Länder, die im Kriege Amerikas Derbünd'te tnaren, dem Lande noch weitere drei bis vier Milliarden schuldeten. Meiner Meinung nach, fuhr der Redner fort, können wir leichter die Schulden streichen, als zusehen, wie Europa dem Bankerott entgegengeht oder unser Außenhandel ruiniert wird.
Die Arbeitslosigkeit in t'knqland.
London. 7. Okt (Wolfs.) In der gestern nachmittag abgehaltenen Kabinettssitzung legte Lloyd George die Pläne des Kabine ttSauS- schusses zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit dar. Sie sehen eine Ausgabe von etwa 15 Millionen Pfund Sterling für unmittelbare llnterstühungen vor. Die KabinettSsttung faßte keinerlei endgültige Beschlüsse bezüglich der Gesamtvorschläge, die Dem Unterbaufe unterbreitet werden sollen. Laut .Daily Mail" trat im gestrigen KabinettSrat erneut zu Tage, daß ein Allheilmittel gegen die Erwerbslosigkeit nicht entdeckt worden ist und auch aus den augenblicklichen Verhältnissen herauS nichts gefunden werden kann.
Honse über die deutsche Regierung.
London. 8. Oft. (WTB.) Die Oktober» nurnrner der Zeitschrift „WorloS Work" enthält eine Auslassung des arnerllanischen Obersten House über die Lage in Europa int Jahre 1921, in der eS über Deutschland heißt: Deutschland sei der Schlüssel der toirt- schaftlichen Lage. Die augenblickliche deutsche Regierung sei die sicherste und vernünftigste, die Deutschland seit dem Kriege gehabt habe. House hofft, daß Frankreich eS der deutschen Regierung ermöglichen werde, die Unterstützung des Reichstages dadurch zu gewinnen, daß sie gute Ergebnisse auftoeisen könne.
Eine Konferenz der Eisenbahn» Direktionspräsidenten.
München. 7. Oft (Wolff) Heute vormittag traten unter dem Vorsitz des Reichsvertehrs- ministers G r ö n e r, der heute vormittag auS Berlin hier eingetroffen war, die sämtlichen Präsidenten der deutschen Eisenbahn direkt», ven im Sitzungssaal des Der- kehrsminifteriums zu einer Konferenz zusammen, um die Lage der deutschen Reichseisenbahnen zu erörtern. Hebet 30 Eisenbahnpräsidenlen waren erschienen zum ersten Male auch die früheren Chefs uno Die leitenden Persönlichkeiten der früheren Reichseisenbahnen, die zur Teilnahme an der Konferenz eingeladen waren. Es war beT besondere Wunsch des Reichsverkehrsministers mit diesen Heroen bi Fühlung zu bleiben und ihren


