Alt-Gießener Iugenderinnerungen.
Don Dr. Fried r. Roa ck.
Dr. R o a d, ber in Diehen geboren ist und auch seine Schub- und Studienzeit hier verbracht hat, stellt uns eine Artikelreihe über seine Iugenderinnerun- gen zur Verfügung, die wertvolle und auch amüsante Beiträge zur Orts-, Zcit- und Kulturgeschichte oer zweiten Hälfte deS vergangenen Jahrhunderts bringen.
I.
3m fünften Gesang der Göttlichen Komödie läht Dante die FranzeSka de Rimini klagen: „Kein gröberer Schmerz alL sich der Zett, der schönen, im Elend zu erinnern.“ Ich bin selbst in diesem Dante-Jubeljahr. da alle Welt, auch wer den groben Florentiner Dichter kaum dem Ramen nach kennt, sich verpflichtet fühlt, ihn zu Preisen, gan) anderer Meinung. 3n der jammervollen ©rmebrigunp, die unserem Volke auferlegt ist. empfinde ich eS durchaus nicht schmerzlich, vergangener glücklicher Zeiten zu gedenken, vielmehr ist es mir eine liebe Erholung, mich in die Tage der sonnigen Kindheit zurückzuversehen. im Geiste nochmals alles durchzuleben was vor 60 Jahren und mehr in der trauten hessischen Heimat das sorglose Kindergemüt erlebt, gesehen und erfahren bat Menschen und Dinge von Anno dazumal vor dem Auge vorüberziehen zu lassen. 3n diesem Erinnern steckt auch eine Belehrung, wenn wir In der Gegenwart, in der wir gezwungen sind, so viele- zu entbehren, woran uns die glücklichen Zähre deS reichen deutschen Aufstiegs nach 18Z0 gewohnt hatten, einen Vergleich ziehen mit der fast dürftigen Einfachheit der äußeren Lebens- verhÄtnisse. die um 1860 in unserer lieben Vater-
"jua enigegeruunehmen. Die Beratungen werden den gangen heutigen Tag dauern. Morgen begeben sich die Herren im Sonderzuge nach Kochel, um daS Dalchenseekraftwerk zu besichtigen.
Staatsministerium für Handel, Industrie und Gewerbe Eduard Rorh ernannt Rortz erklärte sich zur Llebernahme des Amtes bereit
Englands Vertretung auf ter Washingtoner Konferenz.
London , Z. OTt. (W lff.) E ner E change- metbung aus Melbourne zufolge veclas dec Pre- 'niermintster Hughes im ^Präsentantenhause in Tilearamm Lloyd Georges, in den der britische Premierminister erklärt, es fei wünschenswert, daß Australien und Reu-Seeland in der britischen Delegation auf der Washingtoner Konferenz vertreten feien. Lloyd George schlug vor, daß Premierminister Hughes persönlich an der Washingtoner Konferenz teil- nehmen soll oder sich andernfalls mit dem Premierminister von Reu-Seeland, Masseh, wegen einer Vertretung ins Benehmen setzen möch.e. Hughes erklärte, er sei nicht in der Lage, an der Konferenz tLil^unehmen. Weiteren Telegrammen zufolge werde die britische Delegation auf der Washingtoner Konferenz aus sechs Vertretern, darunter drei Vertretern der Dominions, bestehen.; Hughes teilte mit, daß, wenn das Parlament seine Zustimmung erteile, Senator Pearce Austral.en vertreten werde. Auf einen Zuruf, dab Australien ein Recht auf getrennte Vertretung. habe, erklärte Hughes, die Dominions versuchten dies zu erreichen. Das Repräsentantenhaus unterstützte den Vorschlag des Prcmierm nisters Hughes.
Einer „Times"-Meldung zufclge teilte Lord E u r z o n dem britischen Botschafter in Washington mit, dab Lloyd George wegen dringender innerer Fragen nichtin der Lagesei, Ena- landzuverlassen. Grobbritannien walle vis zu sechs Vertreter nach Washington entsenden und werde den Vereinigten Staaten ihre Ramen sobald als möglich mitteilen. Gs müsse sich jedoch zuerst mit den Dominions und Indien ins Benehmen sehen. Lloyd George teilte dem britischen Botschafter in Washington mit, eS sei auf der letzten britischen Reichskonferenz rereinbart worden, datz die britische Regierung das Gesamtreich in Washrndton vertreten solle. Die britische Regierung wurde jetzt gern auch dem Standpunkt der Dominions Geltung verschaffen. Lloyd George erklärte, dah seiner Ansicht nach die britische Delegation aus Balfour und zwei weiteren Mit- aliedern bestehen soll. Bei der Verlesung dieses Telegramms erflärte Premierminister Hughes, dah ein anderes Mitglied der Delegation auf der Washingtoner Konferenz der erste Lord der Admiralität, Lord Lee, fein werde.
London. 8. Oft. (WTB.) Reuter glaubt zu wissen, dah in der heutigen Kabinetts sitzung ein starker Druck auf Lloyd George ausgeübt werde, seinen Entschluß, nicht nach Washington zu gehen, zu ändern.
Aus dem Reiche.
®hu sozialistische Regierung in Thüringen.
Berlin, Z. Oft Wie der „Vorwärts" meldet. wurde heute vormittag im Thüringer Landtage unter scharfen Protesten der bürgerlichen Parteien eine rein sozialistische Regierung gebildet Iustizminister und Ministerpräsident wurde Frhr. v. Brandenstein (SPD.), Wirtschaftsminister Fr ö h l i ch(ä!SPD.), Finanzminister Hartmann (SPD.), Innenminister Hermann (USPD.) und Kultusminister soll D r a i t - Gera werden. Die sechs kommunistischen Abgeordneten gaben eine Erklärung ab, dab sie die Regierung in loyalster Weise stützen werden.
Druckerstreik in Flensburg.
Hamburg, 7. Oft. (WTD.) Das Dach- -tchtenblatt der grvbhamburgischen TageS- .zeitungen meldet auS Flensburg: Das Druckerpersonal der bürgerlichen Zeitungen ist An den Ausstand getreten. Die vom Streik betroffenen bürgerlichen Blätter geben ein ge- 'meinsames Rachrichtenblatt heraus.
Empörte Kellner und Köche.
Berlin, 7. Oft. (WTB.) Ausständige Kellner und Küche demonstrierten heute abend im Berliner Zeitungsviertel und versuchten getoaltsam in die Redaftivnen e im zudringen, die aber die Tore geschlossen hatten. DaS Zeitungspersonal wurde von den Ausständigen verhöhnt Die Maschinisten der Druckereien wurden aufgefordert, aus Sympathie mit den Kellnern zu streiken.
Der neue Münchener Polizeipräsident
München, 7. Oft (Wolff.) Die Korrespondenz Hoffmann meldet: Zum Polizeipräsidenten von München wurde Ministerialrat im
Aus Hessen.
Aus dem Finanzausschuß.
Darmstadt, Z. Ott Der Finanz ausschuh setzte heute seine Beratungen über die B e- soldungsvorlage fort Der Ausschub beschloß, die bisherige Bestimmung über die Kinder- Zulage dahin abzuändern, dah diese an Kinder im Alter von 21—24 Jahren nur vergütet werden soll, wenn Bedürftigkeit vorliegt Eine lebhafte Aussprache veranlahte die Vorstellung betr. die Einstufung der Oberlandesgerichtsräte in Gr. 13. Die Vorstellung fand Ablehnung. da diese Frage durch die Annahme der DIoldungsorbnung geregelt sei. Die Regierung wird aber ersucht, nach Prüfung der Wünsche der Kammer eine Vorlage zugehen zu lassen, wonach die Einstufung in Gr. 13, namentlich soweit die Dctrcfe .den Mit l eder tes Vcrwaltungsgericht:- bofes sind, sowie in der Folgerung dieser Anwendung eine Einstufung der Oberstaatsanwälte und Landgerichtsdirettoren durchgeführt wird. Damit sind alle strittigen Punkte zur Befoldungsord.iung für den Ausschuh erledigt. Die Vorlage kann nun im Laufe der nächsten Woche im Plenum verabschiedet werden. — Zu dem Antrag des A^g. Lux betref end die Erhöhung der Stempel e ühren für Iagdwaffenpässe teilt die Regierung mit. dah durch eine neue Verordnung der Iagbstempel sich auf etwa hundert Mark erhöhen soll, doch will man zunächst Fühlung mit den Nachbarländern nehmen.
Aus dem besetzten Gebiet.
Dach der Aufhebung der Sanktionen.
fpd. Frankfurt a. M., 7. Okt. Sett der Aufhebung der Sanktionen hat der Eisenbahnverkehr bzw. Güterverkehr nach dem besetzten Gebiet einen kaum gesehenen Umfang angenommen. Der Andrang von Gütern ist so gewaltig, dah manche Stationen sich weigern, für die nächsten Tage Eisenbahngüter zur Versendung anzunehmen. Firmen und industrielle Werke, auf deren Erzeugnisse ein besonders hoher Zoll ruhte, hatten mit dem Versandte so lange zurückgehalten, bis die Entscheidung über die Aufhebung der Maßnahmen getroffen war.
Aus Stabt und Land.
Giehen. den 8. Oft 1921.
Altweibersommer.
Heber die Stoppeln weht ein herbstlicher Wind die reifen Distelsamen. UeberaK schweben sie an silberglänzenden Fallschirmen. Der Landmann schllt die Disteln „Unkraut" und freut sich über die bunten Stieglitze, die in dichtem Schwarm die Distclköpfe plündern. In ihrer Gefellschaft fingen ein paar Bluthänslinge im warmen SonnenfcAin deS RachsvmmertageS. — Ueber ein abgeernte.es Kartoffelfeld hoppelt ein Hase waldwärts und üer- anlaht den auf Maufe wartenden Bussard zum Aufstiegen. Hoch in die klare Oktvberluft schwingt sich mit weittlasternden Flügeln der Mäuse-Aar. — Der hohe Hvlzbirnbaum an der Landstrahe ist daS Hauptquartier der Stare. Bon ihm aus saust daS hundertköpfige Starenheer über die Wiesen, wo die Dorsjugend das Vieh weidet, schraubt sich empor, stürzt jählings herab, schwenkt rechts, dreht sich links, und das alles so taktmähig wie ein Regiment auf dem Kasernenhof. Plötzlich e lt das ganze Vogelvolk dem nahen Dorfe zu, wo es lärmend in die fruchtbeladenen Bäume und Büsche einfällt. Haben die Starmähe ihren Hunger gestillt, so fliegt der Schwarm auf den Kirchturm, um dort zu fingen, als sei heute ein Frühlingstag.
Die Gehölze und Hecken verll.een ihr he bstlich buntes Blattwerk. Unter dem welkenden L .ub rerbringen Käser, Raupen und anderes lleines Getier die kühle Jahreszeit. Die Frosche, Eidechsen und Schlanaen fallen unter Gestein und Gestrüpp in einen todähnlichen Winterfchlaf, Siebenschläfer und Eichhörnchen haben sich im Herbst eine wärmende Fettschicht angefressen, die sie vor der Winterkalte schützen wird. Die leichtbeschwingten Vögel aber wandern meist in wärmere Länder, jetzt im Oktober folgen den zarteren Sängern die wetterfesten Drosseln. Lerchen und Kraniche, deren laute Trompetenrufe die Stille der Herbstnächte unterbrechen.
Frühherbstmvrgen. Das Drau des Rebels weicht nur langsam den Sonnenstrahlen. Im Frühschein glitzern Millionen von Tauperlen an Gras und Kraut. Ueber den Wiesen fliegen neben
stabt herrschten. Viele konnten sich heute ein Beispiel an der genügfamen Zufriedenheit nehmen, mit welcher die (Siebener Bürgerschaft damals durchs Leben ging, als die Stadt kaum mehr als 10 000 Einwohner hatte und in allen ihren öffentlichen Zuständen noch den Charakter eines weitab vom neuzeillichen Fortschritt gelegenen Landstädt- chenS tru(r in dem manche ©traben noch ganz dörfliches Aussehen hatten mit ihrem Kühwagen- verkehr und ihren Misthaufen.
Als der Metzger Vogt des Bürgermeisteramtes waltete nach dem im Stadtrat ausgesprochenen Grundsatz: „Mir sein die Mächer mir Han die Aecker un die Hämmel". da waren die Giehe- ner Strahen durch ihren Schmutz und ihr schlechtes Pflaster berüchtigt, und Professoren, die von brauben an die Ludwigs-Universität berufen wurden, rümpften die Rasen über solch ein „Drecknest". Enge krumme Gassen mit meist niederen alten Häusern, die zum Teil bedenklich schief standen, und stink.nden Winkeln dazwischen, kennzeichneten das Bild der Stadt, die im wesentlichen sich noch auf den Raum innerhalb der alten Umwallung beschränkte, deren Linie durch die ringsum lausenden Daumreihen der sogenannten „Schuren" und dem daneben träge dahinfliebenden trüben „Schurgraben" bezeichnet war. Davon sind heute nur noch spärliche Reste in dem Ring der Anlagen zu erkennen. Rur vor dem SelterStor hatte sich nach dem Bahnhof hin in den fünfziger Jahren ein ansehnlicher neuer Stadtteil entwickelt: dort ragte jenseits der Wieseckbrücke das rote Müllersche Haus auf dem grünen Hintergrund ausgedehnter Gärten hervor, neben dem Gail- scken Palast in der Reustadt und dem Kunhardt- scyen (später Schwanschen) Haus im Seltersweg daS stattlichste neue Prlvalhaus (Siebend. Mit dem Anfang der 60er Jahre erst begann vom Selters- zum Reuweger Tor die Reihe schmucker
Löwenzahnsamen lange zarte Fäden sehr Heiner Spinnen, die der Witck) durch die herbstlich frische, nach Kartvffclleuerqualm riechende Lust weht: die Fäden sind so schwach und grau wie die Haare einer Greisin: über die Flur fliegt der .Altweiber- sommer". Karl Fischer.
Wochenmarktbericht.
Ter heutige Wvchenmarkt bot wieder das übliche Bild der Herbstmärtte. Die Preise für O b ft sind immer noch unverhältnismäßig hoch. Aepfel kosteten 1,30—2 Mk., je nach Sorte. Ebenso Birnen 1—1,50 Mk. Für Kartoffeln wurden 90 Pf. für das Pfund verlangt; wohl ein unerschwinglicher Dreis für Minderbemittelte. Weißkraut kostete 1 Mk. und Rotkraut 1,20 Mk. das Pfund. Gelbe Kvhl- raben 35 Pf., gelbe Rüben 1,20 Mk.. Spinat 2 Mk. und Meerrettich 3 Mk. das Pfund. Butter kostete 30 Mk. und Eier 2,30 Mk. das Stück. Gänsebraten kostete 7,50—9 OHL das Pfund.
Wettervoraussage
für Sonntag:
Frühnebel, vorwiegend Heller und trocken, Tag warm. Rächt lühl: wechselnde Winde.
_ Rachdem gestern über die Rvrdsee ein ausgeprägtes Tief gezogen ist, ist über Frankreich und Süddeutschlano das Barometer wieder im ©.eigen begriffen. Das Wetter wird sich morgen aufoei- lern. Riederschläge sind nicht zu erwarten.
** Oberhessischer Kun st verein. Die graphische Ausstellung, in der Werke bekannter Künstler vertreten sind, und die seit ihrer Eröffnung eifrig besucht wird, bleibt nur noch morgen Sonntag, am Montag, Dienstag und Mittwoch von 11 bis 2 Uhr aus- gestellt.
Die Volkshochschule, deren neues ©emefler bald beginnt, bittet uns, da hie und da noch immer Unklarheiten über ihr Wesen und ihre Ziele zu bestehen scheinen, um den Abdruck ihrer folgenden Leitsätze: 1. Die Volkshochschule will jedem Höherstrebenden ermöglichen, dah er in freier Arbeit und Kritik zu den Grundlagen aller Gebiete menschlicher Erkenntnis sich durchringe und durch ©elbstnachdenken die Zusammenhänge in Ratur und Kultur erfasse. — 2. Die Volkshochschule ist keine verwässerte Universität. Aber als Hochschule hat sie volle Lehr- und Lernfreiheit zur vornehmsten Bedingung. — 3. Die Vollshochschule kann keine Fachschule sein. Sie dient der Vertiefung der Allgemeinbildung. Sie bekämpft die Halbbildung. Ihr Ziel sind geistig bewußte, selbständige Persönlichkeiten, die von Achtung vor der Arbeit und der ehrlichen Meinung deS Mitmenschen erfüllt sind. So will sie eine neue geistige Volksgemeinschaft herbei- führen helfen. — 4. Die Volkshochschule dient nicht einer Partei, ©ie ist als Ganzes auch nicht auf eine irgendwie gerichtete Weltanschauung festgelegt. ©ie ist politisch und religiös neutral. — 5. Die Volkshochschule bietet Vortragsreihen und besonders Arbeitsgemeinschaften, d. h. Vereinigung Heiner er Kreise, die sich durch gemeinsame Gelbfiarbeit unter der Leitung eines sachverständigen Lehrers gegenseitig fördern. Zur Ergänzung wird sie auch Unterricht in den grundlegenden Fächern erteilen lassen. (®Icmentarfurfe.) Diesen Leitsätzen entsprechend wird auch der gesamte Unterricht so gestaltet, dah jedermann auch ohne besondere Vorbildung mit Erfolg teilnehmen kann. Alles Weitere über die Darbietungen, Gebühren usw. ist dem Verzeichnis der Arbeitsgemeinschaften. Vortragsreihen und Elementarkurse zu entnehmen, das in allen Buchhandlungen zu haben ist. (©. Anzeige.)
*• Eirrbruchsversuck). Am Hellen Tage, in den Nachmittagsstunden bis 6 Uhr, versuchte ein Einbrecher in eine parterre gelegene Wohnung am S ch i f f e n b e r g e r Weg durch ein offenstehengebliebenes Fenster einzusteigen. Durch die Wachsamkeit eines im Nachbargrundstück befindlichen Hundes und durch Hinzukommen eines Mannes wurde er jedoch gestört; leider gelang es chm, zu entkommen. Schließen der Fenster beim Verlassen der Wohnung, auch wenn eß sich nur um kurze Zeit handelt, ist dringend zu raten.
' ©teuermahnung. Laut Bekanntmachung im heutigen Anzeigenteil wird das dritte Ziel Kanalgebühren für das Rechnungsjahr 1921 gemahnt. Die 3a o hing der Rückstände kann noch bös zum 22. Oktober ohne Kosten erfolgen. Am 24. Oktober beginnt die Beitreibung, wobei die dorgeschriebenen Kosten erhoben werden.
*• Der Wiederbeginn der Quäke rspeisung ist auf den 17. Oktober festgesetzt worden. Für werdende Mütter sind noch einige Sveisestellen frei. Wer sich dar
um bewerben will, wolle sich am Montag,- 10. Oktober, nachmittags zwischen 6—7 Uhr, in der Sprechstunde der Fürsorgeschwesteru, Gattenstraße 2, Obergeschoß, Zimmer Rr. 16, einfinden.
•• Die WarenausgabetabellL des Lebensmittelamtes für die nächste Woche ist tm heutigen Anzeigenteil veröffentlicht, ebenso die übliche Wochenbekanntmachung des Brenn st vffamtes.
•• Zur Preiserhöhung der Fri« teure erhalten wir eine Zuschrift des I n - nungsmeisters der Frifeur-wangsinnnng, die sich gegen die Mitteilung des Arbeitnetzmerverdan- des bä FriseurgewerdeS' in der letzten DonnerS- tag-Rummer wendet. Wir entnehmen der Arbeitgeber-Zuschrift folgende sachlich^ Feststellungen, mit denen wir die Debatte abschlieden moch:en: „Der Vorstand der Fttseur-Innung stellt hiermit fest, dah die letzte Lohnerhöhung der Angestellten am 1. August d. IS erfolgte und zwar in Höhe der bereits im April vom Reichs- kommissar abaelehnten ©ätze, wozu noch ein zehn- prozentiger Zuschlag kam. Der letzte Preisaus- schlag der Friseure erfolgte dagegen bereits im März d. IS. Besonders durch c'u fortwährend steigenden Betriebskosten und die allgemeine Notlage des Berufs sind die Friseure nunmehr zu einem neuerlichen PreiSauf'chlag gezwungen "
Vornotizen.
— T a g e s ka le n d e r für Samstag. Hotel Einhorn, 6 und 8 Uhr, Frauenvottrag. — Hotel Einhorn, 8 Uhr, Ringkämpfe und Variete
— Tageskalender für Sonntag ©tadttheater, 3 Uhr, „©o ein Madel", und 7 Uhr «Liebe und Trompetenblasen". — Stabt Mainz 3 Uhr, Besprechung der ehemaligen 25er Pio ntere. — Hotel Einhorn, 4 und 9 Uhr, Ring' kämpfe und Variete.
— Aus dem ©tadttheaterbureau Die beiden Gastspiele, die morgen, Sonntag, in Szene gehen, nachmittags „So n Mäbe l" und abends „Liebe und Trompetenblasen“ zählten im Sommer zu den erfolgreichsten Ausführungen des Kurtheaters in Bad-Rauheim. Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dah die beiden Stücke für Aufführungen tm Abonnement nicht vorgesehen sind.
— Verein ehemaliger 116er Gießen Die Herbst-Mitgliederversammlung deS Vereins findet am 22. Oktober, abends 8 Uhr. im Deieinslokal zum „Postkeller" statt.
— Dienstagabends Uhr veranstalte im Gemeindehaus. Kirchstraße 9. die Männer- und Frauengemeinde derMatthäuS gemeinde einen Vortragsabend Prof. D. © chian wird über den Kampf um b t c neue hessische Kirchenderfasjung sprachen. Die Parteien unb ihre Stellung im Berfas ungs ausfchuh, bie Schwierigkeiten in ber Durchführung einer Dolkskirchr werden von dem Vvrt.aa enden, der ein hervorragendes Mitglied des Deifassunzs auSschusses ist, eingehend besprochen w:rde,i. Dem hochinteressanten Vortrag soll sich eine allgemeine Aussprache anschließen. damit der Gemeinde Gelegenheit wird, sich zur neuen Kirchenverfassung zu äußern.
— Frau Schuster wird am. 12. Oktober, nachmittags 4 Uhr, im Cafs-Restaurant „Hotel Einhorn" (Parterre) einen Vortrag halten über Rleschels Patent-Grudeherde, die Feuerung und Heizung der Zukunft, an den sich praktische Vorführungen mit Probe Kochen, -Braten und -Backen anschliehen
Landkreis Gießen.
* ® r ü n b e r g, 7. Oft. Die Stadtverwaltung mußte die Arbeiten im Stadtwald für dieses Jahr einstellen, da der im Voranschlag dafür vorgesehene Betrag von 9030 Mark bereits die dreifache Höhe erreicht hat. Infol ge' essen tmißic drei Arbei.em gekündigt werden. Liese wandten sich an den Schlicktungsausschuh der Provinz Oberhessen und erzielten einen Schiedsspruch, nach dem der eine als ständiger städtisch?r Arbeiter, die beiden anderen als RotstandSarbelter weiter zu beschäftigen sind. Der Gemeinderat erkennt diesen Schiedsspruch nicht an.
Kreis Schotten
b. Schotten. I. Okt. Die Stad* ist upr eine Schule reicher geworden. Der Landtag genehmigte die von ber Regierung für Schotten vorgesehene Försterschule, mit beren Reubau in landschaftlich schöner Lage am Schiehhorst alsbald begonnen wird. — Gestern fand die Iahresrnit- gliederversammlung der hiesigen Bezirks- sparkasse im Rathaus statt. Der von ihrem Direktor, Kaufmann Rockemer, erstattete Sah- resbericht legte Zeugnis ab für die auSgezei^- nete umsichtige Leitung für die gute Fundierung und Solidität der Kasse. Bei dem sich im Hotel zur Post anschließenden Essen sprach Kreisdirektor Boeckrnann in trefflichen Worten auf das deutsche Vaterland
Deubauten sich zu erheben, die an der „Schönen Anlage" jetzt Süd-Anlage genannt, die vornehmste Straße bildete, für die Begriffe ber (Siebener von dazumal der Höhepunkt städtischer Eleganz. Der Bauunternehmer Felsing war der erste, der dvtt ein villenartiges Wohnhaus mit einer Veranda aufsühren ließ.
Aber wie vieles, was heute als unentbehrlich für gesundes und bequemes Wohnen gilt, fehlte damals selbst in diesem aristokratischen Viertel! Das junge Geschlecht von heutzutage vermag sich in seiner anspruchsvollen Verwöhntheit nicht vor- zustellen, wie man standesgemäß in einer Stadt leben konnte, die ohne Wasserleitung, ohne Kanalisation, ohne Straßenbahn, elektrische Beleuchtung und Fernsprecher war, in der es noch keine erhöhten Bürgersteige, keine Autos und nur zwei oder drei Droschken gab, kein Theater und kein Kino, eine Stadt, deren äußere S:rahen te.lS gar nicht, teils nur dürftig mit Petroleumlatemen beleuchtet waren, in ber es keine öffentlich« Straßenreinigung unb keine Strahenbesprengung gab, wo bas „ Anzeigungsblättchen“ nur zwei- ober breimal wöchentlich erschien unb man Sonntag- morgens frische Brötchen nur bei zwei Bäckern haben konnte, ba die Bäckereien mit dem Frischbacken in der Samstagnacht abwechselten. QHUttär lag damals in (Sieben nicht, ausgenommen eine Avtellung Gendarmerie unb ein Heiner Trupp Infanterie zur Bewachung beS Gefängnisses; bie alte Kaserne, ehemaliges Zeughaus, am Brand diente als Lagerhaus für Tabakballen und dgl., das Zollamt lag schräg gegenüber in dem Häuschen mit der Vorhalle an ber Ecke ber Dranbgasse. Die (Schäube ber Unioerfltät, die Heuer mehr als ein Dutzend prächtiger Reubauten in verschiedenen Stadtteilen umfassen, beschränken sich auf die alle Aula am Botanischen Garten mit der dahinter gelegenen Frauenllinik, auf die ehe-1
malige Kaserne auf dem SelterSberg. worin sämtliche Kliniken, die älniversitätsbibliothck und die Antekensammlung untergebracht waren, mit dem benachbarten chemischen Laboratorium, während das physikalische Kabinett den unteren Stock des Privathauses deS Professors Buff neben dem verschwundenen „Hofmannns-Drünnchen“ an der Frankfurter Straße einnahm. Gin Iustizpalast war noch nicht vorhanden, die Themis waltete an vier verschiedenen Stellen. Das Landgericht hatte seinen Sih im Erdgeschoß der Königschen Brauerei am Walltvr, das Stadtgericht, wo der Veteran von 1813—14 Theodor Muhl daS Zepter führte, war mit dem Polizeiamt, wo der alte Rover thronte, in dem ehemaligen Schloß am Kanzleibery neben dem Heidenturm untergebracht, und auf feinem Schornstein wohnte ein Storchen- paar: gegenüber, wo heute die Markthalle steht, lag im Schatten aller Linden das Hofgerichl. unt die „Asslsen", ©chwurgerichtSsihungSn. tagten In dem Festsaal des Gasthofs „Prinz Karl“ am ©el- tersweg. DaS © ch a s f o t stand hinter hohen Mauern versteckt im Hof des Gefängnisses heute Zollamt, an der Bahnhofstraße. Das Postwesen war bis 1866 in den Händen der Thum und Taxisschen Derwaltuna. und ihr Amtssitz befand sich in der „alten Post“ an der Ecke ber Drau- gasse. wo noch in der jüngsten Zelt ein vor- springender ©tein alS Stufe die Stelle deS in ber Mauer darüber angebrachten BriefeintourfS bezeichnet hat. Die Paketzustellung geschah durch einen -wciräderigen Handkarren. Es gab allerdings auch eine Posthallerei in der Walltorstrabe; die Pferde, die der alle Herr Kempfs dort hielt, dienten aber nur für die Fahrpostverbin- dungen über Land nach dem Vogelsberg hin unb nach dem sogenannten „Hinterland" (Gladenbach— Biedenkopf), wohin noch keine Eisenbahnen führten (Fortsetzung folgt.).


