Ausgabe 
5.10.1921
 
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Mittwoch, 5. Oktober 1921

Erstes Blatt

M- Jahrgang

Nr. 253

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck und Verlag: vrühl'sche Univ.-Vnch- und SLeindruckerei H. Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Schulstratze 7.

Die Besatzungsdenkschrist.

Don Dr. Hermann Pachnicke, Mitglied des Reichstags.

3m Hauptausschuh des Reichstags war bei Der letzten Etatsberatung angeregt worden, eine Liebersicht über die bisher durch die fremde Be­satzung entstandenen Kosten und über die von der Gegenseite verübten Rechtsbeugungen zu geben. Diese Arbeit liegt jetzt in Form einer Denkschrift des Reichsschatzministers, gezeichnet Walther, vor. Der Eindruck, den sie hervorruft, ist geradezu erschütternd.

Bis Ende Dezember 1920 haben die Aus­gaben, für welche .die Besatzungsmächte vom Deutschen Reiche Erstattung erwarten, nicht weniger als 3528 Millionen Goldmark betragen. Legt man diesen Betrag anteilmäßig für Drei weitere Monate zugrunde, so sind es 3936 Millionen Goldmark, Die unS die Besatzung kostet. Das soll ein Dolk tragen, dessen Währung mit jedem Tage tiefer sinkt, und dessen Haushalt völlig zerrüttet ist. Zu solcher Höhe schwoll die Summe an, weil man anfängliche Versprechungen nicht gehalten und klares Recht gebrochen hat.

S2 o u d> e u r führte bei den Versailler Ver­handlungen auS, Dah die Besatzung im Rhein­land die frühere deutsche Friedensbelegung nur wenig (Itgdrcment) übersteigen werde. Die deutsche Belegung betrug 70 000 Marrn, die feind- lidje Besatzung ist dagegen bet vorsichtiger Schätzung jetzt mindestens 120 000 Mann stark. Alle Beschwerden über diese UnbiHigleit verhallen wirkungslos. An Stelle der vertragsmäßig vor­gesehenen 4 Mitglieder der Rheinland kommissivn ist tatsächlich ein Personal von rund 1300 Köpfen anwesend. Die Ansprüche, welche die Offiziere, die Kommissionsmitglieder, ja selbst deren Frauen stellen, gehen inS Maßlose. Der Begriff der Einquartierung, der eine glewisse Beschränkung vorauSseht, wird nicht festgehalten, auf'die Hilfs­quellen deS besetzten Gebietes wird entgegen Der Haager Landkriegsordnung k in.riet^sicht ge­nommen. Die Einheimisch«! sind nicht davor ge­sichert, jede Stunde ihre Wohnung und Woh­nungsausstattung zu verlieren und der Gemeinde rbdachlos zur Last au fallen. Selbst für Bor­delle werden Privarwohnungen gefordert. Die Gemeindeverwaltungen sechen sich einer Zwangs­lage gegenüber, sie müssen zahlen und erwarten nun vom Reich die Erstattung ihrer Ausgaben. Die Verhältnisse sind unerträglich geworden, und geradezu fürchterlich wirkt der Ge- anke, dah dieser Druck noch viele Jahre dauern soll.

Sieht denn Frankreich nicht, dah auch die deutsche Leistungsfähigkeit ihre Grenzen hat? Sieht es nicht, dah es durch cm Uebermaß der Belastung sein eigenstes Interesse verletzt? Treten zu den ohnehin unerschwinglichen Re­parationssummen noch derartig hohe Be- sahungskosten, so muh die Stunde des Zusam­menbruches kommen. Es ist wie auf handels­politischem Gebiete: Etwa 6,2 Milliarden Mark beträgt jetzt die deutsche Jahres-Ausfuhr, 8A, die Einfuhr. Rur wenn sich diese passive Handels­bilanz in eine aktive umwandcln würde, wäre eine denkbare Möglichkeit zur Erfüllung unserer Zahlungspflicht. Aber eben diese Umwandlung wird bewußt verhindert, indem man Antidurn- pfnggesetze schasst und sonstige Erschwerungen der deutschen Ausfuhr bereitet. Genau so ist die finanzpolitische Praxis der Gegner. Statt an irgendeiner Stelle den Druck zu mildem, wird er an allen Stellen verstärkt. Frankreich will nicht, daß der niedergeworsene Feind sich erhebt; es fürchtet die Erhebung. Faß und Furcht bestim­men seine Politik. Hätte nicht England ein In­teresse daran, das Emporkommen eines über­mächtigen Rebenbuhlers in Europa zu verhindern, weil es an Amerika und Japan schon genug Ri­valen besitzt, so würde jeder Zügel für die Herren Foch und Poincarä fehlen.

Deutschland gibt sich redlich Mühe, das ge­gebene Wort zu halten. Es belastet seine Steuer­zahler in einer noch nie dagewesenen Schwere, es zieht die Kräfte der Industrie, der Dankwelt und der Landwirtschchaft heran, um die Zahlungs­termine einzuhalten, es sch eckt gegebenenfalls vor einem Eingriff in die Sachvermögen nicht zurück. Die vorgeschlagenen Steuern genügen kaum, um den Haushalt ins Gleichgewicht zu bringen, ge­schweige beim um die Reparationssummen zu decken. Der Gesamtbedarf nähert sich bei dem jetzigen Kursstand der Reichsmark dem Betrag ü_on 200 Milliarden. Ist es da zu verantworten, für die Durchführung des Friedensvertrages einen Posten von 21 Milliarden Mark aufzu- zwingen? Wer weiß, ob bei Fortdauer der Ver­gewaltigungen dieser ungeheure Betrag über­haupt ausreichen wird! Dor äleberraschungen sind wir keineswegs gesichert.

Man schlägt Konferenzen vor, um eine inter­nationale Sanierung herbeizuführen. In London wollen Privatleute von heroorragender Stellung zur Erörterung der Valuta- und Weltwirt­schaftsfragen zusammentreten. Churchill gab der Meinung Ausdruck, daß man die Schulden gegeneinander aufrechnen, vielleicht streichen sollte. Aber was nützen alle wohlgemeinten Anregungen, wenn die Entente und namentlich Frankreich die Gelegenheit behalt, die Schuldsummen weiterhin ins üngcmeffcnc zu steigern! Herabgesetzt müssen sie werden, daraus kommt es an. Amerika scheint mit der Verminderung, möglicherweise der Zurückziehung seiner Truppen den Anfang machen zu wollen. Möge England ihm folgen. Dann steht Frankreich ganz allein da mit seiner Dcckrückungspraxis, und das grellste Licht der Oeffentlichkeit fällt auf das von ihm begangene Hnrccfrt.

Die Denkschrift des Reichsschayministeriums verdient die weiteste Verbreitung. Dis in das

letzte deutsche Dorf hinein soll die Kunde bringen, I wie man unsere Riederlage mißbraucht. Der fernste Staat der Welt soll erfahren, was es aus | sich hat mit dem französischen Edelsinn. Dann regt sich schließlich doch das Weltgewissen, und Frank­reich wird genötigt, mildere Saiten aufzuziehen, wenn es vor dem Richterstuhl der Zukunft beste hen will, vor den wir alle einmal treten müssen.

Der Nachcdnrft in Frankreich.

Paris, 4. Oft. (WTB.) 5>;r Abgeordnete Bonnet hat den Ministerpräsidenten benachrich­tigt, daß er die Absich: habe, die Regierung über die Strafmaßnahmen zu interpellieren, bie gegen den .hauptsächlich verantwortlichen Urheber des Krieges", den vorrnaligenKaiserWil- belm II. und die zivilen und militäri­sch e n C h c f s , bene i Verstöße . egen baS 1 öl er* recht und die Kriegsgebraucye zuzuschreiben seien, zu ergreifen sind.

Die amerikanischen Truppen am hein.

Paris, 4. Olt (Wolff.) Rach einer Meldung der .Chicago Tribüne" sollen die Truppen der amerikanischen Desahunasarmee am Rhein, die sich gegenwärtig zu Ehren des .un­bekannten Soldaten" mit General Pershing in Paris 'aufhalten, nicht, wie ursprünglich beab­sichtigt, heute nach Koblenz zurückbesördert werden, sondern auf Anweisung Pershings in Pa­ris bleiben.

Das Wiesbadener Abkommen im Auswärtigen Ausschuss.

Berlin. 4. CIL (Wolfs.) De. Auss chuß für auswärtige Angelegenheiten be- schästigte sich in einer vertraulichen Sitzung unter dem Vorsitz des Adg. Stresemann mit dem Wiesbadener Abk ommen Lvucheur-Ra- thenau. Von der Reichs reg ierung waren außer dem Wiederaufbauminister, der Minister des Aeu- ßeren Dr. Rosen, Staatssekretär im Auswärtigen Amt v. Haniel, sowie Beamte des Wiederaufbau­ministeriums, des Finanzministeriums und des Auswärtigen Amtes anwesend. Rach einem aus- sührlichen Vortrag des Reich-Ministers Rathenau trat der Ausschuß in eine Besprechung ein, bie gegenwärtig noch andauert.

Die Heeresftärken der Völker.

London, 4. Olt. (Wolff.) Wie der Wa­shingtoner Berichterstatter derChicago Tri­büne" berichtet, steht nach amtlichen Ziffern Frankreich mit einer aktiven Heeresstärke von 1 034 000 Mann an zweiter Stelle in der Welt ua, China an erster mit 1370 000, Deutschland mit 100 000 an letzter Stelle. Englands Heereöstärke beträgt 740 000 Mann, die Bereinigten Staaten kommen mit 140 000 Mann an vorletzter Stelle. Diese Ziffern sollen von der Washingtoner Konferenz im Rovem- ber erörtert werden.

Eine Zusammenkunft zwischen Lloyd George und Briand.

Paris, 4. Oft. (Wolff.) Der diplomatische Berichterstatter der .Chicago Tribüne" will wis­sen, daß Lloyd George bemüht sei, mit Briand eine Unterredung über die Teilnahme der beiden Premierminister an der Washing­toner Abrüstungskonferenz herbeizu» führen. Er wird demnächst unter dem Vorwand einer Besprechung über die oberschlesische Frage, Briand entweder in Hythe, Boulogne ober Paris sprechen. Wenn der Bericht des Volkerbundsrates über Oberschlesien dem Obersten Rat zugehe, sei beabsichtigt, eine Tagung des Obersten Rates abzuhallen, an ber nur Englanb, Frankreich und Italien teilnehmen sollen

Eine Rede Lloyd Georges.

London, 4. Oft. (WTB.) In seiner Rede inInverneß erklärte LlohdGeorge der.West­minster Gazette" zufolge: Wenn wir auf die Wa­shin g t o n er Konferenz gehen, so wirb dies ein Ereignis sein, das bie Geschichte für Jahrhunderte berühren wirb. Der Pre­mierminister sagte außerbem, bie Regierung werbe auf die irische Konferenz in London mit ber In­verneß-Formel gehen; bie Konferenz könne nur Erfolg haben, wenn man sich entschließe, auf den gesunden Menschenverstand der verschiedenen Völ­ker zu vertrauen und nicht versuche, Extremisten miteinander zu versöhnen. Lloyd George ertlärte außerdem, die heutige Arbeitslosigkeit sei nicht eine gewöhnliche Handelsdepression, sondern sie sei auf die anormalen Verhältnisse und zerrüttenden Folgen des Weltkrieges zurückzuführen. Sie sei ein Wellproblem; man könne kein Geschäft be­treiben, wenn die Schwanrungen des Wechselkurses fortbauern, es wäre dasselbe, als wenn man ver­suche, bei bewegter See auf einem Ozeandampfer Billard zu spielen. Des ferneren sagte Lloyd George, der Kredit Eng­lands sei unendlich hoher als der irgendeines anderen am Kriege beteiligten Landes in Europa; er sei zuversich I ch, daß die Lage stabllisiert we.br, wenn die Rationen einsehen, daß gute Besprech­ungen mit den Rachbarn heute wesentlich stnd für die allgemeine nationale Wohlfahrt. Bezüglich les Arbeitslosenproblems sagte Lloyd Ge­orge: Bisher sei kein Plan festgesetzt worden; wenn bie Regierung ihren Beschluß gefaßt habe, würbe sie bem Unterbaute Bericht erstatten, bas befugt sei, ein Urteil darüber zu fällen Männer, die arbeitswillig seien, würden nicht hungern, solange noch eine Brotkruste im Speiseschrank der Ration vorhanden sei.

London, 4. Oft. (WTB.) Der .Manchester Guardian" fordert in einem Leitartikel eine R e u- regclung ber internationalen Schul- den als Mittel zur Behebung ber Erwerbslosig­keit. Churchill sehe ein, daß es zum Vorteil Eng­lands sein werde, wenn es einen größeren Teil der von Deutschland geschuldeten Rechnung nicht eintreibe. Sogar in Frankreich dämmere endlich die äleberzeugung, baß bie Wohlfahrt in Frank­reich in großem Maße von einer Art inbuftrieJer Gemeinschaft n\it Deutschlanb abhänge, unb baß sie bestimmt vernichtet werbe, wenn man versucht, das iUnmoglichevonDeutschlandzu er­zwingen. Durch eine Stab.l.sierung ber deut­schen Finanzen würbe England mehr gewinnen, als es je aus den Reparationen herauözubekom- men hoffen fönne. Wenn jedoch bie deutsche Mark den Weg ber polnischen Mark gehen würde, wür­den bie Hanbelsbeziehungen Englands mit bem Festlande noch mehr in Anordnung gebracht, als dies bereits der Fall sei.

Die Völkerbundsversammlung.

Genf, 4. Oft (WTB.) Heute vormittag be­schloß die Völkerbundsversammlung die gestern abend unterbrochene Debatte über die wirtschaftliche Blockade. Aus Wunsch des Berichterstatters der Blockade-Kommission Schanzer (Italien) zog die holländische Delegation ihren Antrag auf die Vertagung der gesamten Blockadefragen auf die nächste Völkerbundsver­sammlung zurück.

Auf Grund des gestern angenommenen neuen Abstimmungsmodus für Paßabänderungen tritt sie artikelweise in die Abstimmung ein. Die Ver­sammlung nahm die verschiedenen Kommissions­anträge über die neue Fassung des Artikels 16 an. Danach steht dem Rate das Recht zu, ein Gutachten darüber abzugeben, ob ein Bruch des Paktes vorliegt oder nicht, wobei die des Pakt- bruches angeflagten Völkerbundsratsmitglieder und die Mitglieder, gegen die sich die kriegerische Aktion richtet, nicht mitstimmen dürfen. Der Rat hat den Mitgliedern den Zeitpunkt für den Ein­tritt der wirtschaftlichen Maßnahmen mitzuteilen, jedoch kann er gewissen Mitgliedern eine Ver­schiebung der Maßnahmen gestatten, falls damit der Zweck besser erreicht wird. Schließlich wurde ber Kommissionsantrag* angenommen, wonach ber Abbruch der Beziehungen nicht mit den Staats­angehörigen des paltbrüchigen Landes, überhaupt gleichviel, in welchem Lande sie (eben, sondern nur mit den Bewohnern des betreffenden Staates gefordert wird, entgegen dem Anträge des fran­zösischen Delegierten Rechnaull. Vor der Ab­stimmung wies besonders eindringlich der schwei­zerische Delegierte Graf Motta auf die Unmöglich­keit hin, dem französischen Antrag Folge zu leisten.

Der französische Delegierte legte zwar von neuem grundsätzlich die französische Ausfassung dar, betonte aber in einer vielbemerkten Wendung seine vollständige Heberclnftimmung mit ber großen Rede von Roblemaire vorn letzten Sams­tag. Bei der Abstimmung enthielt sich dann die französische Delegation der Stimme. Rach der neuen Fassung des Artikels 26 sind bie Beschlüsse ber Versammlung nach ber Ratifikation spätestens innerhalb von 22 Monaten gültig. Dis dahin sollen bie wirtschaftlichen Sanktionen im Geiste ber heutigen Beschlüsse gehandhabt werben.

Genf, 4. Oft. (WTB.) In ihrer heutigen Sitzung nahm bie Dölkerbunbsversammlung nach Erledigung bes Blockadeartikels den Antrag der ersten Kommission (Rechts- und Verfassungs­fragen) an, der die Beratung des argentinischen Antrags auf Abänderung des Artikels 1 des Pattes auf das nächste Jahr verschiebt. In der Debatte sprachen die Delegierten von Uruguay, Chile unb auch von Spanien. Sie drückten der argentinischen Republik ihre Sympathie und die Hoffnung aus, baß Argentinien künftig wieder an dem Völkerbundswerke teilnehmen werde. Gleich­zeitig verliehen sie ihrem Verständnis für das Ideal Ausdruck, das dem argentinischen Anträge zugrunde liege, und bekannten sich zu dem Ge­danken der Universalität des Völkerbundes. Cs wurde jedoch hervorgehoben, so von Bianco- Uruguay, daß man nicht die besonderen Umstände vergessen dürfe, unter denen der Völkerbund ge­schaffen worden sei. 3m Zusammenhang mit dem Fernbleiben Argentiniens berührten bie Delegier­ten der südamerikanischen Staaten auch die Frage des Beitritts der Vereinigten Staaten, welcher, gleichviel in welcher Form, ein erstrebens­wertes Ideal sei. Diese Verschiebung des Eana- dllchen Antrages auf Streichung des Artikels 10 zeigt, wie Bianco-Uruguay weiter ausführte, kaum ein Hindernis, da es offenbar den Vereinigten Staaten nicht auf irgendeinen Artikel des gegen­wärtigen Paktes ankomme.

Schließlich erledigte die Versammlung in ihrer Dormittagssitzung die von der vorjährigen Versammlung aufgeworfene Frage, in welcher Weise kleinere Staaten, die nicht in der Lage sind, bie Döikerbundsbedingungen innezuhalten und daher nicht Mitglieder werden können, oder auch sonst bem Völkerbund fernstehende Staaten in die Arbeiten beö Völkerbundes eingeschlossen werden können, z. D. in den verschiedenen Kom­missionen des Völkerbundes. Da keine Aufnahme- gesuche von Heineren Staaten zur Zeit vorliegen, auf die die entsprechenden neuen Bestimmungen Anwendung finden formten, verzichtet die Kom­mission auf ihren Abänderungsantrag und will die Ergebnisse ber bereits bestehenden praktischen Zusammenarbeit von Richtmitgliedern mit dem Völkerbünde abwarten. Die Versammlung bil- ligte diese Auffassung der Kommission.

Eine Abordnung der Laarbevölkerung in (Senf.

Genf. 5. Oft. (WTB.) Die frier weilend* Abordnung der Saarbevölkerung gab beute in einer Unterredung mit Pressevertretern übet den Zweck der Mission Erklärungen ab. Sie legte ausführlich bar. warum bie Einführung bet Frankenwährung das Saarg b.ci wirt­schaftlich vernichte unb in einen aussichtslosen Kampf um bas französische Absatzgebiet bringen muffe. Die G.klärungen würben von den Presse­vertretern mit Mi,all ausgenommen.

Polnischer Terror

Berlin, 5. Oft. Rach einer Melbung beS Lokalanzeigers aus Ratibor warf in O dchc zle- w i tz (Kreis Rybnik) ein Pole eine Hand­granate in ein Gasthaus, in dem bie Hoch­zeit eines zurückgekehrten deutschen Flüchtlings gefeiert wurde. Acht Personen wurden schwer und vier leicht verletzt.

Rach einer Mellmng deS Lvkal-AnzeigerS aus Pleß entstand heute früh am Kriegerdenkmal eine sehr heftige Entladung von Spreng­stoffen, bie zur Folge hatte, baß ber Krieger von bem Denkmal heruntergeschleudert würbe unb zerbrach Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß Der Anschlag von einem Polen verübt wurde.

England und Rußland.

London, 4. Oft. (Wolff.) Dem .Daily Te­legraph" zufolge ist die Kreditgewährung an Rußland von der Haltung der Sowjetregie­rung in der Frage der Anerkennung ber russ Ischen Schuld abhängig gemacht worben.

Die Frage der Regierungsneubildung.

Berlin, 4. Oft. (Wolff.) Die .Rational- liberale Korrespondenz" teilt mit, bie Deutsche Volkspartei fei für ein Zusammengehen mit den Unabhängigen zwecks Herstellung einer Regierungsfront von Stresemann biS Breitscheid nickt zu haben. Eine Möglichkeit, die Ver­handlungen durch Hinzuziehung der Unabhängi­gen zu erweitern, bestehe nur, wenn gleichzeitig aus die Teilnahme der Deutschen Volkspartei ver­zichtet werde.

Berlin, 5. Oft. Wie die Dlätter melden, haben die Demokraten und das Zentrum ihre Zustimmung zu einem etwaigen Eintritt der Unabhängigen in die ReichSreglerung von folgenden drei Bedingungen abhängig gemacht: 1. müssen sich die Unabhängigen auf Den Boden der Weimarer Verfassung stellen, 2. müßte eine Einigung über ein gemeinsames Reylerungspro- gtamm erzielt werden, 3. müsse die Koalition auch die Deutsche DolkSpartei umfalfen.

Das Frauenstimmrecht in Belgien.

Brüssel, 4. Olt. (WTB.) Die Senats- kommission für innere Angelegenheiten hat heute nachmittag den DergleichSvor- schlag angenommen, der bezüglich des Frauenstimmrechts vorgelegt worden war. Da­nach werden die Frauen zur Stimmab­gabe bei den im Rovember stattfindenden Ersatzwahlen der Provinzräte zu­gelassen.

Die Lage in Marokko.

Melilla, 4. Oft. (HavaS.) Die letzten Rachrichten melden, daß im ganzen Ge b i e t e R u h e herrscht. Die Operationen wer­den morgen wieder ausgenommen. Die spani­schen Truppen haben in den genommenen Stel­lungen große Mengen Getreide und Munition gefunden. Schätzungsweise standen im letzten Kampf den Spaniern, deren Zahl 25 000 be­trug, 30 000 Aufständische gegenüber. Der Kö­nig und die Regierung haben den Oberkom­missar zu dem glänzenden Sieg, den er errun­gen hat, beglücftoünscht.

Aus dem Reiche.

Das Wohnungsbauprogramm.

Berlin, 4. Oft. (Wolff.) Irn Reichstag--- ausschuß für Wohnungswesen wurden bie Richt­linien zu bem verstärkten Wohnungs- Programm für bie Jahre 1922/23 in - ihren wesentlichen Tellen angenommen. Abgllehnt würbe bie Bestimmung, baß ein bem Reichswirtschafts­ministerium anzugliebernbes Reichs kommissaricu für Wohnungs- unb Sieblungswesen begrünbet werben soll. Eine wesentliche 2unberung ber Vor­lage trat ferner Darin ein, baß nicht, wie in ber Vorlage vorgesehen, neben bet gemeinschaftlichen Detwenbung ber Mittel zu 25 vom Hunbert bie privatwirtschaftliche Verwendbarkeit vorgesehen wird.

Der WohnungSauSschuß des Reichstages yat noch 2 Anträge angenommen: 1. der Ausgleich zwischen den Mieten in alten unb neuen Wohnungen ist alsbalb herbeizuführen, 2. bie Wohnungsluxus st euer muß seitens ber Gemeinden und gemeinnützigen Verbände zur Förderung des Kleinwohnungsbaues verwendet werden.

Die Steigerung der Postgebühren.

Berlin, 4. Oft. (Priv.-Tel.) Dem .Lokal- anzeiger" zufolge wird sich der Beirat der Reichspostverwaltung in den nächsten zwei Wochen mit bem ®edu frrenenttourf befassen, ber eine Steigerung der bisherigen -atze auf etwa das Zehnfache vorsieht. Künftig sollen