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Die unmittelbaren Folgen | von Bismarcks Entlassung.
Bismarck hatte, so entnehmen wir wiederum dem Werke Dr. Schühlers „Bismarcks Stur-" (Verlag von Quelle & Meyer, Leipzig), noch keine Gelegenheit gehabt, dem Kaiser über die Erneuerung des Rückversicherungsvertrages Vortrag -u halten. Deshalb war es seines Sohnes Aufgabe — als Staatssekretär des Auswärtigen Amtes —, dem Kaiser am 20. März 1890 abends von der Geneigtheit der Russen zur Erneuerung und den schlimmen Folgen der Ablehnung, d. h. dem sonst sicher -u erwartenden Abschluß des russisch - französischen Bundes. Mitteilung zu machen. Er fügte hinzu, daß Schuwalow nur Instruktion gehabt habe, mit den beiden Bismarck abzuschliehen, daß der Botschafter also, da er, Herbert, ebenfalls seinen Abschied erbitte, nicht weiter verhandeln könne.
Run machten die Ausführungen Herberts, der ja ganz im Sinne des Fürsten schrieb, und die Ausmalung der katastrophalen Folgen. Sie eine Ablehnung der russischen Bitte um Erneuerung des Abkommens nach sich ziehen müsse, auf den Kaiser doch zunächst einen tiefen Eindruck. Sobald wie möglich beschloß er mit dem Botschafter Schuwalow selber zu reden, um nichts zu versäumen.
In der Rächt zum 21. März um 1 Ahr wurde Graf Schuwalow geweckt durch einen Boten des Kaisers, der ihn für den folgenden Morgen um 8 Ahr zu einer Besprechung einlud. Als der erstaunte Vertreter des Zaren erschien — denn er fürchtete, es sei seinem Herrn etwas zugestoßen , begann Wilhelm II. sofort von der Entlassung Bismarcks zu sprechen und fuhr dann fort: „Herbert Bismarck erzählte mir gestern abend, Sie wären durch Ihren Souverän bevollmächtigt, die Verhandlungen wegen Erneuerung unseres Geheimvertrages fvrtzuseyen, Sie hätten sie aber momentan aufzugeben. Weshalb? Ich bitte Sie, Seiner Majestät zu sagen, daß ich meinerseits ganz geneigt bin, unser Abkommen zu erneuern, daß meine Politik die gleiche bleibt und bleiben will, die sie zur Zeit meines Großvaters war. Das ist mein fester Entschluß. Ich werde davon nicht abgehen, und Sie können ihre Verhandlungen mit Graf 'Herbert wieder aufnehmen...." „Richts hat sich geändert," schloß der Monarch, „und ich zähle auf Ihre Freundschaft, die Lage dem Kaiser vorzutragen mit der Versicherung, daß sich nichts geändert habe, weder in meinen persönlichen Gefühlen für ihn, noch in meiner Politik gegenüber Rußland...“
Ganz in diesem Sinne sprach Wilhelm II., während er um 10 Ahr besseren Vormittags den Prinzen von Wales auf dem Lehrter Bahnhof erwartete, zu Herbert: „Rach Ihrem Briefe haben Sie gestern Schuwalow mißverstanden, ich habe ihn vorhin bei mir gehabt, er wird Sie heute nachmittag besuchen, um die Sache zu ordnen." Der Staatssekretär konnte nur erwidern, daß er nicht weiter verhandeln könne, da er um seinen Abschied einfommen wolle und daß infolgedessen der Botschafter feinem Auftrag gemäß die Besprechungen nicht fortsehen dürfe — eine Auffassung, die Schuwalow am gleichen Rachmittag wiederholt bestätigte. Von Herberts Abschied wollte der ängstlich gewordene Monarch nichts hören. „Bleiben müsse er!" Am jeden Preis wollte er auch nur den Anschein einer Schwenkung in der auswärtigen Politik vermeiden: Als ob seine Auffassung der deutschen Bündnisverpflichtungen, die er am 18. März verkündet hatte, nicht den tiefsten und bedeutungsvollsten Wechsel der Politik bedeutete!
Do ernst nahm er das Verbleiben Herbert Bismarcks im Amte, daß er nicht nur dm Prinzen von Wales um seine Einwirkung auf den Staatssekretär ersuchte, sondern sich auch — eine selt- igme Lage — dazu überwand, den alten Fürsten moch einmal anzugehen: er schickte den Grafen ^Dedel mit der Bitte zu ihm, Herbert zum Bleiben zu bewegen! Doch da kannte er den grimmen Hagen schlecht. Es war diesem eine Genugtuung, dem Kaiser die Erfüllung seines Wunsches zu ver- .sagen. Kurzab entgegnete er dem kaiserlichen Boten mit den Worten Octavio Piccolominis: „Mein Sohn ist mündig!"
And Herbert selber war fest entschlossen, zu gehen. „Ich und mein Vater," sagte er am 19. März dem österreichischen Botschafter, „sind gleich zwei Zwillingen: geht der eine, so muh der andere auch gehen!" Troy heftigsten Sträubens, und obwohl er verschiedenen Botschaftern gegenüber beteuerte, Herbert auf jeden Fall festzuhalten, mußte der Kaiser seinen alten Genossen aus früheren Tagen am 26. März den Abschied erteilen.
And so folgte er jetzt ohne Schwanken seinem Vater Ins Exil, trotz aller Bitten des Kaisers. Aber wenn er gewußt hätte, was die nächsten Tage bringen sollten, so wäre er gewiß noch einige Zelt im Amte geblieben, dann hätte gewiß auch der alte Fürst, der geblendet war von Zorn und Leidenschaft, jene kaiserliche Bitte nicht abgeschlagen! Denn dann hätten Herbert und Schuwalow jene „Sache", von der Wilhelm II. sprach, nämlich den Rückversicherungsvertrag, noch weiter verhandeln und wohl zum Abschluß führen können. Ihre Schuld war, daß sie des Kaisers Festigkeit überschätzten und die Arbeit ihrer Feinde mißachteten. Was den beiden Bismarck unmöglich schien, geschah dennoch: der Herrscher wurde in kürzester Zeit gegen das Abkommen gestimmt, von dem er soeben noch dem russischen Botschafter versichert hatte, er wolle es erneuern!
Finkenrode.
Don Wilhelm Raabe.
Wilhelm Raabes Geburtstag jährt sich am 8. September zum neunzigsten Male, und wir geben aus diesem Anlaß die reizende Schilderung einer thüringischen Kleinstadt und ihrer Entstehung wieder, die auf den ersten Seiten des Romans „Die Kinder von F i n k e n r o d e" zu finden ist.
Finkenrode! . . .
Ein Blick überflog meine ganze Kindheits- gegcnfc, soweit es der verhangene Himmel erlaubte.
Die Endung „rode" des Stadtnamens deutet an, daß auf der Stelle, wo heute sieben- bis achttausend Menschenkinder ein ziemlich glückliches und, was man auch darüber sagen mag. ziemlich harmloses Dasein führen, tiefer germanischer Ar- wald war, der sich in alten Zelten von den Harzbergen über die norddeutsche Ebene, bis an das deutsche Meer erstreckte. In der Tat gib» es
auch jetzt rwch Wald genug an den Bergen und um die Berge von Finkenrode.
Wir stehen auf echt cheruskischem Gebiet, wenn gleich die Cherusker selbst lange den Sachsen Platz gemacht haben!
Jedem deutschen Schulknaben wird die Geschichte der Dido eingebläuelt, daß aber auch der deutsche Boden eine ganz ähnliche Sage aufzuweifen hat, weiß und kümmert niemano. Ich halte es für ein Verdienst, die alte Geschichte an dieser Stelle wieder aufzufrischen, obgleich ich an jenem Morgen, an welchem ich die Heimat zum ersten Male wieder erblickte, wahrlich nicht daran dachte. — Den Cheruskern waren die Katten gefolgt, diesen die Thüringer im Besitz des germanischen Jagdgrundes, auf welchem heute Finkenrvde liegt. Letztere saßen hier, als ein Schiff den Fluh heraufkam, welcher so dicht an der Stadt vvrbeiflieht, daß er den Fuß des letzt übrig gebliebenen Bollwerkes der einstigen Ringmauer bespült. Damals war von der Stadt Finkenrvde noch nichts zu erblicken: gewaltige Elchen und Buchen spiegelten sich allein in den gelben Fluten der Weser, und staunend rannten die Bewohner der Wildnis, ob des fremden Anblicks, an dem Alfer zusammen: denn den Thüringern war die Schiffahrt unbekannt, sie waren ein Jäger- Volk, welches seine Bäche durchwatete, seine größeren Gewässer durchschwamm. Riemals war ein solches schwimmendes (5k-bau gesehen hierzulande! Jetzt hielt das Schiff an, ein gerüsteter Krieger trat ans Alfer und grüßte das versammelte Volk zu seinem Erstaunen in einer Sprache ähnlich der ihrigen. Er war blondhaarig und riesenhaften Körperbaues wie sie selbst: aber fein Leib, feine Brust, feine Arme, waren mit allerlei wundersamen, köstlichen Zierraten bedeckt. Schwere goldene Ringe umgaben seine Handgelenke: Ketten von aufgereifreten römischen Kaisermünzen, mit dem Schwert erfreutet auf kühnen Seeräuberzügen, die gallische und hispanische Küste entlang bis tief in das Land hinein, wo damals Shagrius seinen Todeskamps kämpfte, umschlangen seinen Hals.
Den thüringischen Männern gefiel dieser Schmuck, der Glanz des Goldes stach ihnen in die Augen. Gierig fragten sie nach dem Preise aller dieser Herrlichkeiten.
„Gebt mir dafür, was ihr wollt!" sagte der Fremdling, und lachend boten ihm die Besitzer des Landes einen Schoß voll Erde von ihrem Grund und Boden, und lachten noch mehr, als der fremde Krieger bedächtig seine Einwilligung nickte und allen Schmuck, alle Ketten und Ringe, abstreifte. Die klugen Thüringer füllten ihm das Gewand voll Erde, wie sie versprochen. Kaum aber war das geschehen, so sprangen von dem Schiffe waffenilirrend und jubelnd die unbekannten Leute ans Land — eine Kolonie riesiger, vom Meerwind gehärteter Männer und hoher, stolzer Weiber! Der listige Käufer aber bestreute mit der gekauften Erde eine weite Strecke fruchtbaren Bodens, und auf ihm faßte das Volk der Sachsen zuerst festen Fuß in der alten Cheruska! Schiff auf Schiss kam nun den Strom heraus, Ansiedlung nach Ansiedlung entstand: nach langen blutigen Kämpfen wichen die Thüringer zurück, und drängten die Kalten abermals weiter ab gegen Süoen, wo sie freute noch sitzen!
Wo aber Werimar und Mangingelt, die Führer des ersten Sachsenschiffes, ifrre Schwerter zuerst in den Boden gestoßen, da steht freute das Rathaus der Stadt Finkenrvde, und freute noch sitzen ein Bremer und ein Manegvld im Rat der Stadt: der erste ein wackerer Schneider, der andere aber ein sechs Fuß hoher Schmied, der seinen Hammer heute noch vielleicht ebenso gewaltig schwingt, wie fein Vorfahr vor tausend Jahren das Daß, das sassische Schwert.
In unendlichen Krümmungen zieht sich der schiffbare Fluh zwischen den Bergen hin, die sich bald dicht zusammenschieben, als wollten sie ihm den Durchgang verwehren, bald wieder in weiten Flächen und Geländen sich auseinanderlegen. Aus ihrem Wolkenschleier sahen alle die Berggipfel, Höhen, Täler, Wälder mich an, als wollten sie sagen: „Was willst du von uns? Du hast uns so lange verleugnet — du gefrorst nicht mehr zu uns — wir kennen dich nicht mehr!" . . . Aber ich kenne euch! rief es in mir. Das da ist der Sprengberg, und dort ragt der Iunker- stem — dort ist die Pfaffenschlucht und da das Frauenhvlz, aus welchem der Hürlebach noch ebenso lustig frervvrsprudelt wie in alter Zeit! O, ich Tenne euch alle und ihr sollt nicht das Recht haben, mich von euch zu stoßen i Da, wo der leichte Rauch aufwirbelt, ist die Padden- mühle — borch, horch, das Geläut von Sankt Marienstuhl klingt noch, wenn auch die Rönnen selbst lang Vertrieben sind auS dem Mariengarten! Es ist ©ormabenb, deshalb Hingt die Glocke in dem wundervollen Turm dort über dem Wald, und horch, horch — da, die Glocken der Heimat, die Glocken von Finkenrvde! . . . Hals über Kopf rannte ich den Schillingsberg hinunter, mit der einen Hand den Regenschirm, mit der andern den Hut haltend. Was kümmerte mich der stärker werdende R^en, unter mir hatte ich ja die beiden Turmspitzen der Martinskivche meiner Vaterstadt, die freundlich aus dem Rebel und Dunst heraufschauten und winkten! Platsch, platsch, platsch! über Stock und Stein, glitschend, rutschend, springend und stolpernd, daß mir das Wasser und anderes mehr um die Ohren flog, immer hinab ins Tal, jetzt über den Hurlebcuy, an der klappernden Paddenmühle vorbei, durch die Wiesen, die Gärten entlang, bis an das Burgtor der alten Stadt Finkenrvde! Ah . . .
Ein Trupp Gänse zischte und schnatterte mir unter der Wölbung entgegen, ein Kopf, bedeckt mit einer weißen Zipfelmütze, fuhr aus dem Fenster des Steuereinnehmerhauses am Tor, verwundert die so unerwartet herantrabende Erscheinung anstarrend: — langhallendes Kindergeschrei die Straße entlang; Kinder an den Fenstern, Kinder in den Türen, unter den Torwegen, Kinder im Regen, Kinder im Trockenen — wahrlich, ich hatte meine Vaterstadt Finkenrvde erreicht: nicht mit den Gefühlen eines Olympiasiegers, nicht mit den Gefühlen eines Heimwehkranken: aber doch mit recht anständigen, stichhaltigen, naturgemäßen Gefühlen welche von einem nicht allzu verhärtetem und gleichgültig gewordenem Gemüt zeugt. Rach einigen Augenblicken des Verschnaufens schritt ich gemächlicher die Hauptstraße hinab, rechts und links die Häuser entlang blickend. Alle diele alten vorgeschobenen Giebel, diese Winkel ünd Ecken, diese hohen Treppenstufen, diese überdachten Haustüren, diese buntcln Torwege hatten etwas so Bekanntes, freundlich Wirkendes, Heim
liches für mich, daß es wahrhaftig kein Verdienst war, gerührt zu werden und die Wasserströme nicht zu achten, welche die Dachrinnen auf mich heruntergossen. Jetzt schritt ich über den Marktplatz an den sprudelnden Brunnen mit dem Bilde des heiligen Martins, des Schutzpatrons der Stadt, vorbei: — — mein Auge fiel auf ein ziemlich großes, freundliches Haus mit fpiegel- blanfen Fensterscheiben und zwei jetzt kahlen Qßa= zienbäumen vor der Tür.
„O, der alte Oheim FasterlingI" rief ich, und eine ganze Welt von Erinnerungen stürmte auf mich ein. Der Oheim Fasterling war eigentlich nicht mein Verwandter, sondern ein alter, pensionierter Hauptmann, welcher die Befreiungskriege mitgemacht hatte und seit langen Jahren in Finkenrvde allen Heranwachsenden Buben das preußische Exerzierreglement d.ibrachte. Ich war einst sein Liebling gewesen, er hatte mich auf seinem alten Eisenschimmel das Reiten gelefrrt, ich begleitete ihn auf seinen Spaziergängen — der Oheim (Safterling! der Oheim Fasterllng! . .
Jetzt, um die Ecke biegenb, stand ich vor der prächtigen alten Kirche des heiligen Martin, deren Türme man in allen Gassen vvn Finkenrvde über die Dächer ragen sieht. In ihrem Schatten lag noch immer das im Sommer so idyllisch umgrünte Schulhaus, der Schauplatz meiner ersten Iugendtaten: ich machte, daß ich den — Gasthof „Zum goldenen Weinfaß" erreichte.
Der Apfel.
Von Karl Ettlinger (München).
Ich nahm die neueste Dummer des „Garten- und Kleintierboten" zur Hand und blätterte erregt bis zur Rubrik Briefkasten. Hurra, da war schon die Antwort auf meine Anfrage! „Oeko> nom 40. Rein, Hunde klettern nicht auf Bäume." Ich atmete auf.
Gott sei Dank, mein Dackel konnte es also nicht gewesen sein. Aber wer war es ’ dann? — In meinem Vorgarten steht nämlich ein Apfelbaum. Eine sehr edle Sorte, Calville oder Holzapfel oder so was ähnliches. Im Frühjahr steht der Baum alljährlich in herrlichster Blüte, und dann freue ich mich auf die reiche Ernte. Im Juni fangen die Blüten der Reihe nach an abzufallen, und im Herbst trägt der Daum Jahr für Jahr einen einzigen Apfel. Calville oder Holzapfel oder so was ähnliches. And dieser einzige Apfel wird mir jedes Jahr gestohlen.
Ich verdächtige nicht leichtfertig meine Mitmenschen, deshalb fiel mein erster Argwohn auf meinen Dackel. Aber nun hatte ich es schwarz auf weiß: Hunde klettern nicht auf Bäume. Was sollte ich nun tun?
Mein Rachbar hatte ein ganzes Rudel Obft- bäume, abei ward nie etwas gestohlen. Höchstens, daß iq) manchmal — über den Zaun — ich habe da so einen langen Stock mit einem Widerhaken — aber das ist nur Fallobst. Er hat nämlich an seiner Gartentür ein Schild: „Vor dem Hunde wird gewarnt!"
Das leuchtet mir ein. So was hält die Diebe ab. Was mein Rachbar Fann, das kann ich auch. Ich habe zwar nur einen Dackel, und der hat noch niemand gebissen, das heißt neulich mich, aber das ist was anderes: mich kennt er ja.
Also ich malte mir ein Schild: „Vor dem Bulldogg wird gewarnt!" und nagelte es an.
Am nächsten Morgen Hingelte der Briefträger, was er sonst nie tut
„Kommen Sie doch herein!" rief ich ihm vom Balürn aus zu. ,
„Ist der Bulldogg auch angebunden?'' frug er ängstlich.
„Er steckt sogar in einer Zwangsjacke!" erwiderte ich.
And der Briefträger brachte mir drei Rechnungen und eine Nachnahme.
Eine Viertelstunde später kam die Milchfrau und Hingelte, was sie sonst nie tut
„Kommen Sie doch herein, Frau Müller!" rief ich ihr zu.
„Ham S' aa dös Hundsvieh anbundn?"
„Aber freilich."
„Is aa ganz gewiß?"
„Aber wenn ichs Ihnen doch sage!" „Wissen S', i bin halt so vuil schreckhaft" Sie kam mit dem Milchkübel herein, unterwegs piepste ein Vogel, da schrie sie auf, als sei vor ihr eine Mine explodiert, lieh den Milchkübel fallen und lief davon. Ich habe sie nie wiedergesehen und war vier Wochen ohne Milch.
Eine Viertelstunde später kam der Elektrizi- tätämann und klingelte, was er sonst nie tut.
„Kommen Sie doch herein!" rief ich ihm zu.
„Wenn er mich anrührt, schlag ich ihn tot, den Hundskrüppel l"
„Ich werde Ihnen dabei helfen!" versicherte ich.
Der Elektrizitätsmann war kaum zehn Meter Gegangen, da 6eilte im Wohnzimmer mein Dackel, der Elektriker bekommt einen Tofrsuchtsanfall, schlägt mit seinen Instrumenten sämtliche Parterrefenster ein, ich eile herunter, er hält mich für eine Bulldogge, haut mir auf den Kopf, daß die Funken sprühen, und am Abend wurde mir der elektrische Strom gesperrt.
Dann bekam ich ein Schreiben vom Magistrat: wenn ich meine Bulldogge nicht anbände, würde ich schon sehen. Dann kam eine Vorladung vom Finanzamt wegen tzteuerbinterziehung für eine Bulldogge. Dann kamen Schadenersatzllagen von vier Vatern, deren Kinder meine Bulldogge gebissen haben sollte. Auch sollte sie em Schaf geraubt haben.
Wenn schon eine gar nicht existierende Bulldogge solchen Schaden anrichtet, wie gefährlich muß da erst eine wiriliche Bulldogge fein!
Ich wollte daher mit dieser Tiergattung nichts mehr zu tun haben und entfernte das Schild. Statt dessen legte ich Fußangeln und Legebüchsen, denn ich war iruwischen ein Menschenfeind geworden.
Diese Skizze schreibe ich im ftäbtifdjen Krankenhaus. Ich hatte nämlich vergessen, wo ich die Fußangeln und Legebüchsen fringclegt hatte, und wie ich das Radieschen zupfen will, das ich jedes Jahr ernte, trete ich mit dem rechten Fuß in eine Angel und mit dem linken auf mehrere Legebüchsen. Ich kann mich nicht beklagen: es war gute Ware. Die Anfallversicherung kommt für nichts auf. Sie hat einen Paragraphen In der Police, nach dem sie nie für etwas aufzukommen braucht.
Gestern brachte mir meine Haushälterin einen wunderschönen Apfel ans Bett. Calville ober Holz- . apfel oder so was ähnliches. Aber es ist nicht der Apfel von meinem Baum, — der ist mir schon I längst wieder gestohlen
Ein Maskensest im brasilianischen Urwald.
□lur zu oft begegnet man auch freute noch der Anschauung, daß die „Wilden" für minderwertig gehalten werden, weil sie nackt gehen und eine an» dere Hautfarbe haben. Immerhin wird jetzt die Erkenntnis von der Eigenart unb der hohen Bedeutung primitiver Kulturen durch die Verehrung gefördert, die ihre Kunst genießt. Aber auch die Kuttur der Raturvölker verdient hohe Achtung. Das betont Theodor Koch-Grün- b e r g, der bekannte Fvrschungsreisende, in einem schönen, demnächst frei Strecker und Schröder in Stuttgart erscheinenden Reisewerk ..Zwei Jahre frei den Indianern Rordwest-Brasiliens" . in dem ein anschauliches Bild von dem Leben und Trei- fren, den Jagden und Festen, den Sitten und religiösen Anschauungen dieser Stämme im frrafi- lianischen Arwald entworfen wird. Kvch-Grün- frerg will, wie er selbst im Vorwort sagt, weitere Kreise einer gerechten Beurteilung der Indianer näher bringen. Ohne ifrre Anterstützung und Treue in oft gefährlichen Lebenslagen wäre die Reise unmöglich gewesen oder hätte ein plötzliches Ende gefunden.
Die Kultur dieser Indianer offenbart sich mit am eigenartigsten in den religiösen Festen und Gänzen, die sie feiern. Begleiten wir den Verfasser auf einem Maskenfest frei den Kaua-In- dianern. Mit viel Fleiß und Mühe, mit hoher Geschicklichkeit und feinem Geschmack werden schon lange vorher die Maskenanzüge hergestcllt. Der innere Weiße Bast eines Laubbaumes wird vorsichtig vvn dem Stamme gelöst, sorgfältig ausgewaschen unb in noch feuchtem Zustanbe in ber richtigen Form ber betreffenden Tanzfigur mit Radeln aus Affenknochen über biegsame Stäbe genäht. Die Farben, die ber Verfertiger ber Tanzkostüme verwendet, sind mit großer Sorgfalt hergestellt: als Pinsel dienen Holzstäbchen, die an dem einen Ende mit Baumwolle unb Pflanzenlasern umwickelt sind. Beim Bemalen schieben die Künstler mehrere Bananenblätter in den Maskenkörper, um eine feste Alnterlage zu haben. Tie bunten geometrischen Figuren, die auf dem Dast aufgetragen werden, beuten meistens bie Fell- unb Hautzeichnung des Tieres an, bas die Maske darstellen soll. Besonders mühsam ist die Bemalung der Iaguarmasle. Den meisten Masken ist ein Gesicht mit fletschenden Zähnen auf- gemall, manche tragen eine Art Zopf aus gelbem Bast. In den Masken werden teils Tiere bargestellt, wie der Schmetterling, der Herr aller Maskentänze, der schwarze Aasgeier, der Jaguar, Fische, Raupen, Käferlarven usw., teils böse Dämonen in menschlicher Gestalt unb mit menschlichen Tätigkeiten, Riesen unb Zwerge. Auch bie Tier- masken stellen Dämonen bar, bie einzelne Tierklassen repräsentieren: aber sie sind keine natura- listischen Rachbildungen des betreffenden Tieres, sondern sie unterscheiden sich von den menschlichen Masken nur durch einzelne besondere Merkmale und Ornamente.
Beim Maskenfest werden nun die verschiedenartigsten Tänze vorgeführt. Der Tänzer des schwarzen Aasgeiers häll mit beiden Händen einen Stock wider den Racken und afrmt durch Hin- uni> Herschwanken des Oberkörpers den watschelnden Gang des Vogels nach. Der Iguar-Tänzer hüpft mit stark gebeugtem Oberkörper in kahen» artigen Sprüngen wild umher unb entlockt einem Rohr, das der besseren Resonanz wegen in einem Topfe festgebunden ist, dumpfe Laute, die an das Heulen ber gefürchteten Bestie erinnern. Der Tanz der Mistkäfer soll die reinigende Arbeit dieser fleißigen Tiere darslellen. das aus Kot Heine Kugeln dreht und sie als Rahrung in ber Erde vergräbt. Zwei Maskentänzer, die Hand in Hand nebeinander unter Gesang vor- und rückwärts schreiten, wälzen mit ihren Tanzstäben einen die Kvtkugeln darstellenden Stock hin und her. Der Eulen-Tänzer, der als einziger nur einen Maskenkopf aufgestülpt hat, hält in der linken Hand einen brennenden Span, in der rechten einen Stock. Er afrmt das Flattern ber Eule von Daum zu Baum nach und läßt ihren Ruf „Puppu-pu" ertönen. Der brennende Span soll offenbar die glühenden Augen andeuten. Dieser Tanz ist durch die eleganten Bewegungen der schlanken nackten Körper besonders anmutig. Sehl humoristisch ist z. D. die mimische Vorführung einer Alligatorjagd.
„Die tiefere Bedeutung aller dieser Masken» tänze tritt Har hervor", sagt ber Verfasser. „SS sind Zaubermittel. Der Geist bes Toten, dem man wie überall böse rachsüchtige Eigenschiften zuschreifrr soll durch die Tänze und die fortgesetzte Klage versöhnt werden damit er nicht einen der Hinterbliebenen zu sich holt. Die bösen Dämonen, die vielleicht den Tod des Verwandten verschuldet haben und vor deren Tücke man nie sicher ist, sollen vvn weiterem Aebel abgehalten werden. Die Feinde des Jägers, die Schädlinge des Feldes sollen durch mimische Rachahmung ihrer Handlungen magisch beeinflußt und den Menschen günstig gestimmt werden, in gleicher Weise bie Iagdtiere selbst, so bah reiche Jagd unb Ernte werde unb Segen unb Fruchtbarkeit für alles Wachstum. So sehen wir diese Maskentänze vvn denselben Grundmotiven geleitet, wie sie auf der ganzen Welk bei fast allen Maskentänzen religiösen Charakters maßgebend sind: Dä- mvn en Vertreibung unb Fruchtbarkeitserzeugung.
Legt in die Hand das Schicksal dir ein Glück.
Von Wilhelm Raabe.
Legt in die Hand das Schicksal dir ein Glück, muht du ein andres wieder fallen taffen;
Schmerz wie Gewinn erhällst du Stück um Stück, und Tiefersehntes wirst du bittet frassen.
Des Menschen Hand ist eine Kinderhand, sie greift nur zu, um achtlos zu zerstören; mit Trümmern überstreuet sie das Land, und was sie hält, wird ihr doch nie gefrören.
Des Menschen Hand ist eine Kinderhand, fein Herz ein Kinderherz in freft’gem Trachten. Greif zu und halt! ... da liegt der bunte Tand, unb Hagen müssen nun, bie eben lachten.
Legt in die Hand das Schicksal dir den Kranz, so muht die schönste Pracht du selbst zerflücken; zerstören wirst du selbst des Lebens Glanz und weinen über den zerstreuten Stücken.


