Ausgabe 
3.7.1921
 
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Der 6. Leipziger Kriegsprozeh.

Leipzig, 1. Juli. Besonders bemerkens­wert ist die folgende Aussage des Oberstleut­nants L a u l e s , ihm sei zu Ohren gekommen, pah der Zeuge Aeubrecht gestern ausgesagt habe, Hauptmann Schröder habe am 26. August den Befehl zum Erschießen von französischen Ge- . fangenen gegeben. Das könne auf keinen Fall stimmen, da Schröder bereits am 23. August krank nach der Heimat geschickt worden feL <A e u- brecht bleibt demgegenüber bei seiner Behaup­tung. Aeber den Charakter des Majors E r u - s i u s gibt der Zeuge Laules weiter die Aus­kunft, dah die Kompagnie sich an sein strenges Wesen gewöhnt, dah sie für ihn begeistert ge­wesen und an ihm gehangen habe. Der Zeuge K l e h e aus Konstanz schildert, wie Major Cru- sius ihm zwei- bis dreimal hintereinander be­fohlen habe, einen Franzosen, der sich tot stellte, zu erschießen. Der Zeuge habe sich geweigert und den Befehl erst dann ausgeführt, als Hauptmann Müller sein Ansehen mit einsehte. In zahlreichen Fällen sei auf Verwundete geschossen worden, oft mit, oft ohne Grund; dazu könne er nichts sagen. Das Wort Stengers vomHerunter­schießen wie die Spähen" yat auch dieser Zeuge gehört. Darüber, ob General Stenger vonPar­don nicht geben und nicht nehmen!" gesprochen habe, macht der Zeuge widersprechende Angaben.

General Stenger: Ich habe das Wort Pardon in meinem Leben noch nicht gebraucht. In der Dienstsprache ist es nicht üblich. Bureau­hilfsarbeiter Schreiber erzählt, auf dem Felde liegende Franzosen hätten gerufen:Nicht schie­ben! Deutsche Truppen!" Dadurch getäuscht, seien die deutichen Toppen weitergegangen und seien dabei von den französischen Soldaten, die zurück- blieben, beschossen worden. Auf solche Leute sei dann geschossen worden, niemals aber seines Wis­sens auf solche, die ihre Waffen weggeworfen hatten. Crusius sei an dem fraglichen Tage völlig geistesabwesend und nicht mehr Herr seiner selbst gewesen. Zeuge Postgehilfe Lehmann erinnert sich, dah Crusius am 26. August den angeblichen Drigadebefehl Stengers weiterqegeben HÄe. In- staNateur M a l e ck aus Kufstein bezeugt, der angebliche Befehl Stengers sei gesprächsweise weitergegeben worden. Anlaß dazu sei gewesen, dah die Franzosen einem verwundeten Deutschen die Augen ausgestochen hatten. Bei früherenBer- nehmungen und auch in einem an den Major Crusius gerichteten Brief hatte der Zeuge ge- äuhe^t, er habe nicht weit von General Stenger gestanden, als dieser den Tötungsbefehl gegeben habe. Heute berichtigt er sich dahin, dah er nie aus dem Munde des Generals einenx solchen Befehl gehört habe. Wenn er früher anders be­kundet, so habe er unüberlegt gehandelt. Major Mayer, damals Hauptmann in der 5. Kom­pagnie, erklärt, niemals einen solchen Befehl er­halten zu haben. Gefangene seien hinter die Front gebracht worden. Er habe nichts davon gehört, dah gefangenen Franzosen etwas ge­schehen sei. Aehnlich lautet die Aussage von Hauptmann Kaul, Karlsruhe. Freiherr von Lin stow, Berlin, Major in der 4. Kompagnie, weiß nichts von dem Stengerschen Befehl. Er würde ihn auch so nicht weitergegeben haben. Bei einer Gelegenheit habe er Hauptmann Mül­ler das Erschießen verwundeter Franzosen da­mit rechtfertigen gehört, dah unfern Berwun- deten die Augen ausgestochen worden seien; das .sei nur eine Gegenmahregel gewesen. Alle Offi­ziere hätten sich über das Borgehen Müllers t empört ausgesprochen. Die Gefechtslage habe keinen Grund dazu gegeben. Magistratsbeamter, r früher Major, Heesch aus Altona weih eben­falls nichts von dem Befehl Stengers. Gin sol- ' cher habe sicherlich nicht bestanden, wenn auch Major Müller in seiner, des Zeugen Gegen­wart gesagt habe: Es ist Brigadebefehl, dah alles erschossen wird. Ein solcher Befehl sei ihm doch zu kräh vorgekommen, wenn auch Tatsache gewesen sei, dah französische Gefangene feig, hin­terlistig und heimtückisch gehandelt hätten. Der Zeuge erzählt dann, er sei dann schwerverwundet in französische Gefangenschaft ge­raten. Dort habe man ihm gesagt, er werde erschossen werden, wenn er nicht ein Ge­ständnis über die barbarische Behandlung verwundeter Franzosen ablege. ($r fei ni$t ver­bünd n w)ib:n, cbw. hl er täg ich nach einem Arzt rrafltc. Der Arzt sei dann gekommen, habe die Tur seiner Zelle halb geöffnet, habeAh" gesagt, was so viel heißen sollte wie: morgen wirst du doch erschossen^ und fei dann weite gegangen. Die Wunde habe schließlich im Eiter geschwommen. Er habe Berbandzeug verlangt, auch dieses habe er nicht bekommen. Alm endlich aus dieser H ö lle befreit zu werden, habe er dann über seine Beobachtungen in Saarburg einige Aussagen gemacht. Hauptmann Decke r- Berlin, der bei der 1. Kompagnie stand, schildert, wie er gesehen habe, dah anscheinend tote Fran­zosen, als die Deutschen vorbei waren, das Ge­wehr hochhoben und schossen. Beben ihm sei ein Kamerad auf diese Weise gefallen. Der heim­tückische Schütze sei dann von einem anderen Ka­meraden durch einen Schuh erledigt worden. In der 11. Kompagnie habe man nie etwas von dem Befehl Stengers gehört.

Leipzig 2. Juli. (Priv-Tel) Als erster Zeuge wird Dr. Wenge r aus Dörnach im Elsaß vernommen. Er war am 26. August 1914 Führer einer Sanitätskolonne und hatte einen Verbandsplatz hinter der Kampffront des 112 Regiments eingerichtet. Es sind ihm an diesem Tage auch zwei französische Alpenjäger einge- Itefert worden, die den Zeugen baten, dah er sie nicht erschießen lassen möge. Der Zeuge, damals Stabsarzt, hat ihnen erwidert:Was fällt Euch ein! Ihr stebt unter dem Schutze des Roten Kreu­zes!" Am Abend habe General Stenger befohlen alle Verwundeten bald wieder zurücktranspor- tieren au lassen. Als einige Stunden später auch die beiden Alpenjäger mit zurücktransportiert werden sollten, habe ein Unteroffizier gesagt: Die hat Hauptmann Crusius erschiehen lassen.

Major Crusius gibt an, den Zeugen über­haupt nicht zu kennen. Gr könne auch am 26. Aug. unmöglich sich bei ihm krank gemeldet haben denn er sei an diesem Tage in keine Verbandstation gekommen. Oberreichsanwalt Dr. C b e r > meyer: Sie wollen den Stabsarzt gar nicht kennen oder gekannt haben, obwohl er in ihrem Regiment war? Crusius: Ich habe den Zeugen nie beim Regiment gesehen. Da Crusius den Vorgang bestimmt ableugnet, erwidert der Zeuge energisch, dah er ein gutes Gedächtnis habe und damals dem Hauptmann Crusius sofort ge­sagt hätte: Das können Sie nicht verantworten was Sie getan haben.

Geh. Medizinalral Dr. Anton äußert, Major Crusius biete das Bild einer zirkulären!

Neurose. Sein Diener kann nicht verschweigen, dah Crusius schon bis 1912 dem Alkohol mehr­mals erlegen sei. Es sei anzunehmen, dah am 26. August der Zustand des Crusius ein solcher war, dah seine freie Überlegung und Wille ns- entschliehung ausschloh, und dah er sich in einem seelisch krankhaftem Ausnahmezustand befand. Man kann ihm auch ferner glauben, dah er an die Vorgänge keine Erinnerungen mehr habe. Rach allen Aussagen hat sich Crusius am 26. Aug. in einem Zustand geistiger Verwirrung im Sinne des § 51 des Strafgesetzbuches befunden. Es be­steht die Wahrscheinlichkeit, dah er in diesem Zu­stande Befehle unrichtig aufgefaht hat.

Zeuge Oberleutnant Wintermantel er­klärt, daß seine Mannschaften sehr erbittert ge­wesen seien, weil Franzosen, die verwundet hinter den deutschen Linien lagen, wieder zum Gewehr gegriffen hätten. Er habe dann gesehen, dah einige Verwundete, die gesoffen hatten, in Gegenwart des Majors Müller getötet worden feien. Das fei aber eine Maßnahme zur Siche­rung der eigenen Truppen gewesen. Rach seinen Erkundigungen habe ein Brigadebefehl, Gefangene oder Verwundete zu erschiehen, nicht bestanden.

Zeuge Schmerber wiederholt seine Aus­sage, daß am 21. August mindestens 20 bis 30 Deiw ndet: erschösse i worde i fei n Auch Haupt­mann Crusius habe einige getötet Auf diese Aussagen haben sich beim Verteidiger zwei andere Zeugen gemeldet, um zu befunden, daß die Aus­sagen dieses Zeugen nicht wahr seien. Zeuge Lehrer Lüderih sagt aus: Als er und seine Mitgefangenen von einem englischen Offizier und englischen Soldaten bemerkt worden seien, hätten diefe die deutschen Gefangenen sofort völlig aus­geplündert, und der Offizier habe ihm den Re­volver an die Stirn gehalten und abgefchossen. Rur dadurch, daß er den Revolver zur Seite geschlagen habe, sei er gerettet worden. Im Gra­nattrichter habe er gesehen, wie die Engländer eine größere Anzahl deutscher Gefangener in einen Sumpf getrieben und dann Maschinengewehr­feuer auf sie abgegeben hätten.

Aus den Akten wird festgestellt, dah eine französische Militärverordnung be­stand, hinter den französischen Linien keine leben­den Feinde zurückzulassen. Zu diesem Zwecke wurden die sogenannten Rettoheurs geschaffen.

Aus Stadt und Land.

G i e st e n, den 4. Juli 1921.

Der Friedensvertrag von Versailles.

Wohl ist schon unendlich viel über den Frie­densvertrag von Versailles geschrieben worden; aber noch immer nicht ist weiten Schichten un­seres Volkes das Rare Bewußtsein darüber auf­gegangen, dah die Wurzeln unseres jetzigen Elends in diesem Erdrosselungs- und Vernich­tungsfrieden ruhen. Darum muh die Kenntnis der 440 Artikel des Friedensvertrages zum Gemein­gut der Führenden und Geführten im deutschen Volke gemacht werden. Weil nun das Versailler Diktat mit seinen Zusatzverträgen und Anhängen eine viel zu trockene und spröde Materie ist, um zum Verständnis des deutschen Volkes in seiner Gesamtheit zu sprechen, ist man auf den Ge­danken gekommen, die finanziellen, wirtschaftlichen und politischen Folgen des Frie­dens Vertrags bildlich darzustellen, um so mit sinnfälligen Ausdrucksmitteln an den gesunden Menschenverstand und das Lebensgefühl des ein­fachen Mannes und auch des Kindes heranzu­kommen. Dieser Versuch ist erstmalig vom Bürger­ausschuh der Stadt Bremen unternommen worden und darf nach vorliegenden Berichten als gelungen bezeichnet werden. Es ist eine Ausstellung entstanden, welche in Karten, Bildern und Ta­bellen alle Auswirkungen des Friedensvertrages mit erschreckender Deutlichkeit vor Augen führt und die Forderung in jedes deutsche Herz ein- graben muh: Die Revision des Friedensvertrages ist eine Lebensnotwendigkeit für das deutsche Volk. Die Ausstellung hält sich von jeder Be­schönigung und Entstellung zugunsten oder zu un» gunften einer Parteipolitit streng fern; sie stellt lediglich Tatsachenmaterial dar, welches amtlichen Quellen entnommen ist. Jede rein wissenschaftlich wirkende und dadurch dem Verständnis breiter Massen abträgliche Darstellungsart ist in Wort und Bild vermieden worden. Das Ausstellungs- Werk ist vervielfältigt worden und soll möglichst in jeder größeren deutschen Stadt gezeigt werden. Die Handelskammer Gießen hat es nun unter­nommen, die Ausstellung auf die Dauer von 2 Wochen nach Gießen zu bringen; sie wird am Donnerstag, 7. Juli, vormittags, im Amtsgebäude der Hess. Handelskammer eröffnet und ist von 11 Ahr ab dem Publikum zugänglich.

Wie die Franzosen für die Fremden­legion werben.

Herr Walther Friedrich aus Chemnitz gibt auf der Redaktion an:

Och war in Köln tätig. In einem Lokal gesellte sich zu mir ein deutsch sprechender Herr, der sich als Geschäftsreisender ausgab. Wir aßen zusammen Abendbrot und dann lud er mich zu einer Flasche Wein ein. Meine kurze Entfernung aus dem Wirtschaftsraum muß der Fremde benutzt haben, meinem Wein ein Betäubungsmittel zuzusetzen. Denn trotz­dem ick vorher nüchtern war, ist mir von den folgenden Begebenheiten nichts mehr bewußt. Erst während der Fahrt nach Brussel am näch­sten Morgen kam ich wieder zur Besinnung. Mein Begleiter zeigte mir einen von mir un­terschriebenen Vertrag, wonach ich mich zur Fremdenlegion verpflichtet hatte. Jetzt erst wurde mir die Situation klar. Mit zwei an­deren Herren, die das gleiche Schicksal ereilt hatte, wurde ich nach Paris befördert, wo wei­tere 16 Deutsche unserem Transport angeglie­dert wurden.

Am 19. Mai gelangten wir nach Mar­seille, von wo im ganzen 407 Deutsche am nächsten Tage nach Marokko eingeschifft wer­den sollten. Durch Unachtsamkeit der Wache, die den Geburtstag des Kapitäns gefeiert hatte »gelang es uns, zu dritt mit Boot wie­der an Land zu kommen. In Dauermärschen kamen wir in 34 Tagen nach Freiburg, um von dort wieder in die Heimat befördert zu werden."

Derartige Schilderungen finden sich jetzt dauernd in den Zeitungen. Auch dieser Fall zeigt wieder, wie vorsichtig unsere jungen Leute, namentlich im besetzten Gebiet und dessen Nähe, sein müssen.

Briefmarken-, Ansichtskarten- und Notgeld-Ausstellung.

Die von dem Landessekretär der W e k v ver­anstaltete Gießener Briefmarken-, An­sichtskarten- und Rotgeldausstel­lung (Gibana 1921) wurde am Samstag nach­mittag 3 Uhr eröffnet Dem Besucher bot sich eine reiche Auswahl an Marken, Karten und Not­geld aus aller Welt dar. Außerdem waren eine Anzahl Verkaufsstände Gießener und auswärtiger Firmen vorhanden. Besonderes Interesse bean­spruchte die Auslage wertvoller alter Marken (Sachsen 3 Pf., rot, usw.), die Ansichtskartenschau Japan, undbesonders die fast lückenlose Rotgeld- schau des Ausstellungsleiters Josef Schmitt, lln- ftxeitbarer Hauptanziehungspunkt bildete jedoch die sich fast ständig im vollen Betriebe befindliche Wetzlarer Scharfesche Rotgelddruckerei, die eine sehr gute Veranschaulichung der Entstehung des Notgeldes gab.

Zur Erfrischung der Besucher war eine Weko- Weindiele und ein Bierrestaurant vorhanden.

Den Preisrichtern war in Anbetracht der fast durchweg hervorragenden Auslage eine harte Ar­beit beschieden. Es kamen am Abend beim Aus­stellungskommers in der Welodiele eine Reihe Preise und Anerkennungen zur Verteilung, dar­unter folgende Ehrenpreife: Abteilung Notgeld: Jos. Schmitt-Gießen; Abteilung Briefmarien: Karl Forster-Pirmasens; Abteilung Ansichtskar­ten: Adolf Bruh-Gießen. Außerdem erhielt höchste Anerkennung: Scharfesche Druckerei-Weh­lar, Lobende Anerkennung: Druckerei O. Kindt- Gießen;®er Rotgeldmarkt '-Eijenberg und »Das Rotgeld"-München.

Die Preisrichter hätten jedoch in manchen Fällen mehr auf den Wert der Auslage, als auf dir wegen Platzmangel beschränkte Aufmachung, sehen dürfen.

Das von der Leitung verausgabteGibana- Rotgeld" fand starken Abgang. ®te Ausstellung, die auch Sonntag sehr starken Besuch aufzuweisen hatte, wird heute abend 8 Uhr geschlossen.

Der Himmel im Juli.

Obwohl sich die Sonne langsam in ab­steigender Richtung bewegt, d. h. der Sonnen- bcgen täglich um eine Wenigkeit kleiner wird, treten doch im allgemeinen die heißesten Tage in den Monaten Juli und August ein. Am 23. Juli, 12 Ahr mittags, tritt die Sonne in das Zeichen des Löwen. Die Abnahme der Tgeslänge im Juli beträgt 1 Stunde 6 Min. Am 5. Juli, 3 Ahr nachmittags, haben wir Neumond, am 12. 5 Ahr morgens erstes Vier­tel, am 20. 1 Ahr morgens Vollmond und am 2L. Juli 3 Ahr morgens letztes Viertel. Don den Planeten ist zu sagen: Merkur wird gegen Ende des Monats auf kurze Zeit des Mor­gens im Nordosten sichtbar, zuletzt Stunde. Venus, die Dauer der Sichtbarkeit nimmt noch zu bis auf 23/< Stunden. Mars bleibt noch unsichtbar. Jupiter wird mit Ende des Monats ganz unsichtbar. Saturn, die Dauer der Sichtbarkeit nimmt weiter schnell ab und beträgt am Ende des Monats nur noch einige Minuten.

Metiervoraussage

für Dienstag:

Vorwiegend heiter, trocken, tags warm, nördliche Winde.

Das Hoch breitet sich anscheinend wieder stärker über Europa aus, so daß wieder mit meist heiterem Wetter zu rechnen ist.

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** Amtliche Personalnachrich­ten. Am 23. Juni 1921 wurde der Forst­meister Otto Kratz zu Worms zum Forst­meister der Oberförsterei Etchelsdorf ernannt. Ernannt wurden: am 27. Juni der Oberlehrer an der Oberrealschule in Gießen Dr. Eduard Betzendörfer zum Oberlehrer an der Realschule in Wimpfen mit Wirkung vom 16. August 1921 an, und der Oberlehrer an der Realschule in Wimpfen Dr. Ludwig Hillenbrand zum Oberlehrer an der Ober­realschule in Gießen mit Wirkung vom 16. August 1921 an. Aebertragen wurde am 24. Juni dem Schulamtsanwärter Paul G r u n d k e aus Stralsund die Lehrerstelle an der Volksschule zu Gunzenau, Kreis Lau­terbach. Am 24. Juni 1921 wurde der Forstmeister der Oberförsterei Eudorf, Geh. Forstrat Adolf B r t l 1 zu Alsfeld, auf sein Nachsuchen vom 1. Zanuar k. I. ab unter An­erkennung seiner dem Staate geleisteten Dienste in den Ruhestand - versetzt.

° Ernennung. Ve w llungs-Oberin'pek- tor Henkel vorn Reichsvermögensamt Gießen wurde zum Verwaltungs-Dirigenten und Vor­stand des Heeres Anterkunsisamtes Kassel ernannt

Landesuniversität. Im Anschluß an unseren Bericht über die Jahresfeier teilen wir noch die Preisträger der für das Jahr 1920/21 gestellten Preisaufgaben mit: Medizi­nische Fakultät für den Balserpreis cand. med. Otto Gisevius aus Gießen; Philosophische Fakultät für den akademischen Preis: aus dem Gebiet der mittelalterlichen Geschichte Lehramts­referendar Heinrich Bertram aus Mainz, aus dem Gebiet der Kunstwissenschaft stud philos. Curt von Faber du Faur aus Stuttgart, aus dem Gebiet der Physik stud. math. et phys. Heinrich Müller aus Darmstadt aus dem Gebiet der Nationalökonomie cand jur. Dr. rer. Pvl. Heinrich Bausch aus Watzenborn-Stein­berg. Für die Osann-Beulwih-Stiftung ist ferner eine Arbeit über Form und Funktion in der englischen Verbalreflexion eingegangen. Dem Verfasser, Lehramtsaspirant Heinrich Gut­heil aus Mainz, ist ein Preis von 600 Mk. zuerkannt worden.

Ferienarbeit für Studenten. Dem In unserem Blatte erschienenen Aufruf des studentischen Arbeitsnachweises glaubt der Zen­tralverband der Angestellten Bedenken entgegen­setzen zu müssen. Seiner Zuschrift entnehmen wir Folgendes: Es ist eine unerläßliche Pflicht des studentischen Arbeitsamts, unter den Bewerbern um solche Stellen eine besonders sorgfältige Aus­wahl zu treffen und zu prüfen, ob deren wirt- schafllichen Verhältnisse auch wirllich eine Unter­bringung in Arbeitsstellen rechtfertigen, die sonst von anderen Derufskräften eingenommen zu wer­den pflegen, welche aber infolge Mangel an | Arbeit (schlechter Geschäftsgang) nicht beschäftigt!

werden. Die Erfahrung hat gezeigt, daß eS in den letzten Jahren bei Dielen Studenten Aebung ist. sich In irgend einem kaufmännischen Unter­nehmen unter Umgehung des Tarifs gana an­sehnliche Summen zu verdienen (selbst Angehörige farbentragenber Verbindungen), um dann im kommenden Semester diese Gelder in Alkohol und Tabak und sonstigen Lebensbedürfnissen an­zulegen. Wirklich bedürftige Studenten, deren Zahl wohl nicht ins Angemessene geht, dürften durch Uebemahme der Schreib­maschinen Abschriften von Doktorarbeitep usw., die ja heute auch entsprechend bezahll wer­den, einen guten Nebenverdienst finden. Auch werden sich Aerzte, Rechtsanwälte und sonstige Angehörige des Akademllerstandes gerne bereit erklären, ihren künftigen Standeskollegen übet die jetzige Not hlnauszuhelfen, indem sie ihnen Arbeit und damit Verdienst geben. Nicht zuletzt wird die Landwirtschaft gerne Helfer aus der Kreisen der Studierenden aufnehmen. Es ist eine berechtigte Forderung der Kaufleute, daß in kaufmännischen Betrieben in erster Linie die zur Zeit noch stellenlosen Berufsgenossen unter­gebracht werden, bevor die Stellen berufsfremden Kräften angeboten werden."

** Der Schnitt des Roggens wird wohl in 10 bis 14 Tagen beginnen, die Korn­äcker nehmen bereits eine hellgelbe Farbe an, das Zeichen der nahen Reife.

Keine Kreuzottergefahr. Ent­gegen verschiedenen Meldungen der letzten Zeit von angeblichem Aufsinden der gefährlichen Kreuz­otter, erfahren wir von fachmännischer Seite, daß die sofort angenommenen Nachforschungen voll­kommen negativ verlausen sind. Die aufgefunde­nen angeblichen Giftschlangen waren samt und sonders vollständig ungefährliche Schlingnattern. Rach den Angaben ist der ganze Vogels­berg, die Provinz Hessen-Nassau (die Rhön- gegenb ausgenommen), und der ganze Odenwald, einschl e lich der 5 :antiur>Sarmftät t r Waldun­gen, vollständig frei von dieser Giftschlange. Der Ausflügler und Spaziergänger kann sich also ohne Furcht beruhigt in das Moos legen i

* Oeffentliche Bücherhalle. 3m Juni wurden 1487 Bände ausgeliehen. Davon kommen auf: Erzählende Literatur 939, Zeit­schriften 80, Iugendschriften 113, Literaturgeschichte 12, Gedichte und Dramen 46, Lander' und Völker­kunde 49, Kulturgeschichte 28, Geschichte und Bio­graphien 60, Kunstgeschichte 9, Naturwissenschaft und Technologie 69. Heer- und Seewesen 2, Haus- und Landwirtschaft 12, Gesundheitslehre 3, Re­ligion und Philosophie 23, S!aatswislenschaft 18, Sprachwissenschaft 10, Fremdsprachliches 14 Bände. Nach auswärts tarnen 26 Bände.

* Eine Zuschrift des deutschen Es' eratobundes an den Gießener An­zeig. beschäftigt sich mit unserem Bericht über den Lehrgang, der zur Ausbildung von Lehrern in Os cnbach eingerichtet wurde und berichtigt, der erwähnte Lehrgang begann mit einer Teil­nehmer-ahl von rund 20 Personen und nicht mit 6, sondern mit 11 Beteiligten abschloh. Daß nach Ansicht des Bundes trotz der schwindenden Tellnehmerzahl der Eifer auch nach Beendigung des Lehrganges nicht erlahmt ist, soll die Grün­dung der Esperanto-Vereinigung Offenbacher Lehrer beweisen, Heren Zusammenkünfte von 15 Teilnehmern regelmäßig besucht werden.

** Der Opfertag für Oberschlesien findet, wegen dec soeben erst beendeten Sammlung für die Kinderhilfe, Im Freistaate Hessen nicht am 3. Juli, sondern erst am 17. Juli statt.

** Der Gleibergverein hielt am ver­gangenen Samstag seine diesjährige General­versammlung auf der Burg Gleiberg ab. Leider litt der Besuch unter der Angunst der Witterung. Ais Vertreter der preußischen Aufsichtsbehörde war Herr Geh. Deg.-Rat Landrat Dr. Sar­torius von Wetzlar erschienen, für die Stadt Gießen Frau Kramer und für den Kreis­ausschuß Wetzlar Herr Burk. Der 1. Vorsitzende. Herr Provinzialdirektor Geheimerat Dr. A s i n - g e r, erstattete den Geschäftsbericht über das ab­gelaufene Vereinsjahr und konnte die erfreuliche Feststellung machen, dah der Verein im vergange­nen Jahr, dank rührigster Werbearbeit, einen Zu­gang von 38 neuen Mitgliedern zu verzeichnen hatte, dem ein Verlust von 3 Mitgliedern durch den Tod gegenübersteht. Die Rechnung für 1920/21, wie auch der Voranschlag für 1921/22 wurden einstimmig genehmigt. Der Jahresbeitrag wurde, um den Anforderungen der baulichen Unterhaltung gerecht zu werden, von 3 Mk auf 5 Mk. erhöht. Aus den Darlegungen ging weiter hervor, daß dem Gleibergverein leider durch seine finanzielle Lage in den Anterhaltungsarbeiten der Burgruine die engsten Grenzen gezogen sind. Das Interesse an der Erhaltung der dem Glei­bergverein gehörigen Burgruine, dem historischen Wahrzeichen Gießens, sollte immer weitere Kreise ziehen, um dem Verein neue Mitglieder und damit die nötigen Gelder zuzuführen. deren er zur Erfüllung seiner Zweckbestimmung dringend bedarf- Einer Anregung auf Abhaltung eines Gleibergfestes zufolge wurde ein Ausschuß gebildet der sofort mit den Vorarbeiten be­ginnen soll, um dies noch im laufenden Jahr, oder ungünstigsten Falles im nächsten Frühjahr zu verwirklichen. Aus der Mitte der Versamm­lung wurde sodann Herrn Provlnzialdirektor Ge­heimerat Dr. A s i n g e r der Dank der Vereins- mitgllieder für seine ersprießliche Leitung deS Glei- bergverelns ausgesprochen. Sin Aundgang durch die Burg und ein geselliges Beisammensein schloß sich der Generalversammlung an.

* Vom Raturheilverein wird unS berichtet: Wie Im Winterhalbjahr, so ist auch der Raturheilverein im Sommer unermüdlich tätig, sich um die großen Fragen der Volks­gesundheit zu kümmern. Besondere Aufmerksam­keit hat er auch in diesem Jahre wieder (wie schon über 10 Jahre) der Lust- und Lichtbade­sache gewidmet. 3m Monat Mai sand im kl. Kreis unter den Mitgliedern ein Frage- und Aus­spracheabend statt, der zeigte, wie groß daS Interesse für diese Sache unter unseren Mit­gliedern ist. Es wurde über den Zweck, die hohe Bedeutung und die rechte Anwendung des Licht-, Lust- und Sonnenbades gesprochen. Am 20. und 24. Juni sanden zwei praktische Abende im Luft­bad der Müllerschen Badeanstalt statt. An dem einen Abend wurden praktische Atemübungen und am zweiten Abend leichte Gymnastik fürS Zimmer und Luftbad gelehrt. Jeder Besucher sand reichlich Anregung und wird für die Zukunft, sei es daheim oder im Luftbad, von dem Ge­lernten gern Gebrauch machen. Auch Wanden.n- gen wurden wiederholt mit gutem Erfolg gemacht. Besonders zu erwähnen wäre eine wohlgelungene Nachtwanderung auf den Dünsberg.