Montag, 4.3uli Ml
M- Jahrgang
Erstes Blatt
Nr. 155
Der 6irH?ner Anzeiger mit der Dienstagsbeilag« ,5por1-Uml-av" er- scher". tagiid), außer Sonn und Feiertags. Lonalliche vezua-preife: Warh 5.- einschließlich Irägerlahn, burdi bie Post bezogen Mark 5.75 einichliehlich Lchellgelb. Fer nipr ech - Anjchlusj«: fürbieSd)riftIeitungll2; für 'Dnufcerei, Strlag unb Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach- richten Anzeiger Oiehen.
pastscheckfento:
Lrantfnrl a. M. 11685.
Hnnahmt von Anzeigen für bie lagesnummer bi» zum Nachmittag vorher ohne jede Verbindlichkeit. Dreis für 1 mm HSHe für Anzeigen v 34 mm Steile örthd) 40 Pf , auswärts 50 Pf.; für Reklame. Anzeigen von 70 mm State 180 Df Sei Platz- Vorschrift 20 Aufichlag. Hauptschriftletter: Lug. Goetz Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Dr. Reinhold Ienz; für ben Anzeigenteil: Hans Seitz, sämtlich in Gießen.
GiehenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
Drsd und Verlag: vrLHI'lche Univ.-Vuch^ und Stein6ruderti R. Lange. Sdjriftleitmtg, Geschästsftellc und vruderel: Schulftrah« 7.
Eine Rede
des Reichskanzlers.
Berlin, 3. Juli tWTB.) Den Abschluß heute in ganz Deutschland begangenen Hifts- tages für Oberschlesien bildete eine grosse Versammlung in der Philharmonie, wobei der Reichs- Lm-ler Dr. Wirth in einer Ansprache u. a. sagte: Beben den ehrenvollen Barben des groben Weltkrieges trägt unter Volkskörper zwei b l u - tiaeWunden. Drüben amBhein ist jene eine Wunde,die unser wirtschaftlicheSBlark teilweise zer- schnitten hat: drüben am Bhein, dort walten noch trotz der Annahme des Ultimatums die sogenannten Sanktionen. Die zweite großeWunde an unserem Volkskörper. diese oberschleftsche Wunde, wenigstens sie könnte sich schlieben, wenn statt des Gedankens der Diktatur, statt des Gedankens der Wacht und der Zerstörung und Schädigung des deutschen Volkes jener Gedanke lebendig würde, der das Streben aller Denker aller Jahrhunderte beherrscht, der Gedanke, dab nicht Macht, sondern Becht allein das unglückliche Europa wieder aufrichten kann. (Bravo!) Ist es nur Schall und Bauch, dab die Völker nicht wie Schachergüter verschoben werden sollen? Soll das demokratische Prinzip der Selbstbestimmung der Völker nur auf dem Papier stehen? Ist das alles Schall und Bauch, was das oberschlefische Volk gesprochen hat, das sich laut zu Deutschland bekannt hat? Glaubt jemand, dab Europa zur Bube kommen kann, wenn dieser Geist des demokratischen Selbstbestimmungsrechtes verhallen sollte, als sollte der Wille des Volkes nichts sein als nur ein Mittel, um getäuschte Hoffnungen wachzurufen Brüder und Freunde aus dem oberschlesischen Lande! Drunten im Schwarzwald, am sonnigen Bhein, drüben in Ostpreuben und Schleswig-Holstein, überall lebt der grobe und machtvolle Glaube, dab die Welt es nicht über sich bringen kann, das oberschleftsche Volk ben Polen zu überliefern. Dieses Volk hat ein Opfer gebracht, wie es grober nicht gedacht werden kann, ftist in den letzten Wochen. Man hat gesagt, labt sie, die oberschlesischen tapferen Männer, die ihrer Heimat Schuh geboten haben, labt sie int blutigen Ringen, im letzten Verzweiflungskampf für ihre heimatliche Erde fechten. Wir haben abgewehrt und gesagt, das Schicksal des Landes wird in der groben internationalen Politik in London, Paris und Bom und in Washington entschieden werden. Wir wissen, was das heibt, und welche Opfer dadurch verlangt werden. Eine gerechte Entscheidung über das Schicksal Oberschieflens verlangt dieses Opfer der Geduld. Die Liebe der Oberschlesier selbst zur Heimat, zu Volk und VolkStum, zu ihrer Kultur und Sprache, zur Sitte und Beligion, die Liebe zum deutschen Geiste, die ist in ihrer Einzigartigkeit und in ihrer monumentalen Gröhe die letzte Ermutigung für uns alle, auszuharren auf dem dornenvollen schweren Weg, der uns wieder aufwärts führen soll, dorthin, wo der Bame Freiheit und Vaterland wieder einen guten Klang hat.
Ein deutsches Graubuch über Oberschlesien.
Berlin, 2. Juli. (Wolff.) Das Auswärtige Amt verfaßte ein G r a u b u ch, das eine Zusammenstellung des bisher vorliegenden Materials über den dritten Auf st and in Oberschlesien von Mai bis Juni 1921 enthält. Die Zusammenstellung bringt Auszüge aus protokollarischen Aussagen, »Llebersehungen von Dokumenten. Bilder vom Aufstand, den Greueltaten und den Zerstörungen und Plünderungen durch die Polen. AuS dem Buch ist auch das einseittge Verhalten der Franzosen gegenüber dem Aufstand zu ersehen. Weiter zeigt es, wie weit die polnische Regierung bei dem Aufstand beteiligt war.
<?in Aufruf des Reichspräsidenten.
B e r l i n, 2. Juli. (Wolff.) Der Reichspräsident erließ zum heutigen Hilfs- tag für Oberschlesien folgenden Aufruf.
Der dritte polnische Aufstand brachte während zweier Monate unendliches Leid und unsagbares Elend über Oberschlesien. Tausende unserer Brüder und Schwestern mußten, um den Bedrohungen und Mißhandlungen der aufrührerischen Banden zu entgehen, HauS und Hof im Stiche lassen. Die meisten konnten auf der Flucht nur das nackte Leben retten. Zehntausende deutscher Oberschlesier haben ihre Beschäftigung verloren und überaus groß ist auch die Zahl, die unter den Plünderungen und dem Raub zu leiden hatten. Wir gedenken in tiefer Ehrfurcht der Toten, die Opfer dieses Aufruhrs wurden, und der tapferen Männer des Heimatschutzes, die ihr Leben in der Verteidigung für die geliebte Heimat lassen mutzten. Das deutsche Volk ist einig in der Hoffnung, dah diese Opfer nicht umsonst gebracht wurden und dah die treue Hingabe und Geduld, mit der Oberschlesien sein schweres Schicksal trägt, in einem schließlichen Triumph des deutschen Rechtes ihren Lohn finden. Die Oberschlesier gaben durch die Absttmmung mit überwältigender Mehrheit ihre" Willen, mit uns vereint zu bleiben, kund, de Abstimmung vom 20. Marz war ein Treuebekenntnis zum Deutschtum. wie es schöner nicht erwartet werden
konnte. Run heißt es für uns: Treue um I Treue! Jetzt ist es an uns, unseren oberschlesischen Brüdern zu danken für ihre Standhaf- ttgkeit und ihr ausdrucksvolles Bekenntnis zum Deutschen Reiche. Die Regierung kann diese, ihre DankeSpflicht nicht besser erfüllen. als wenn sie sich diesem Hilfswerk, zu dem heute ganz Deutschland aufgerufen wird, von ganzem Herzen anschlieht. Sie wendet sich daher an das deutsche Volk, an Alle, ohne Unterschied des Standes, des Glaubens, der Partei und fordert auf, mitzuhelfen, die Wunden zu heilen und die Rot zu lindern, die der Aufstand dem Abstimmungsgebiet brachte. Möge der Tag nicht mehr fern sein, an dem die Regierung, ungehindert durch fremde Einsprüche, sich ganz dem Werke des wirtschaftlichen und kulturellen Wiederaufbaues des alten deutschen Landes widmen kann, zum Wohle Oberschlesiens, zum Gedeihen unseres gemeinsamen Vaterlandes und zum Nutzen des Weltfriedens.
Deutsche Sühueforderuug.
Die vereinigten deutschen Parteien und Gewerkschaften Oberschlesiens übermittelten der Internationalen Kommission eine Erklärung, in der es heißt:
Wir betrachten die Beilegung des Aufstandes als eine Pause vor neuen schweren Ereignissen. So wenig wie wir Vergeltungsmaßnahmen gegen die große Masse der mih- geleiteten polnisch gesinnten Volksteile erstreben, so sehr fordern wir mit allem Nach- durck, dah die für den Aufstand verantwortlichen, und im Aufstand an verantwortlicher Stelle tätig gewesenen Personen zur Rechenschaft gezogen werden, weil sie Schuld an dem furchtbaren Verbrechen tragen, das an Oberschlesien verübt wurde.
*
Berlin, 2. Juli. (WTBI Für das oberschlesischeHilfSwerk sttsteten die Deutsche Bank, die Dresdener Bank und die DiSkontvgesellschaft je eine Million Mark, die Darmstädter Bank 600 000 Mk. Der Reichspräsident Ebert spendete für das oberschlesische Hilfswerk 7* Million.
Derlin. 3. Juli. (WV.) Beim groben internationalen Sportfest im Stadion zogen um 61/2 Ubr die o b e r f ch l e f i s ch e n Vereine zu einer Bief enkundgebung auf, um für das Deutschtum Oberschlesiens zu zeugen. Vor einer tausendköpfigen Menge, die im Halbrund des Stadions versammelt war, ergrifsVizekanzterVauer im Barnen der Reichsregierung, und Ministerpräsident Stegerwald im Barnen der preußischen Regierung das Wort, um die Bot und das Leid Oberschlesiens zu schildern. Das Hoch auf das deutsche Oberschlesien, das Ministerpräsident Stegerwald ausbrachte, wurde mit ungeheurer Begeisterung ausgenommen. Daraus fangen die Versammelten: Ich hab mich ergeben und Deutschland, Deutschland über alles. In feierlichem Zug zogen daraus die Oberschlesier aus der Arena.
Die Greueltaten der Polen.
Berlin, 2. Juli. Laut „Voss. Ztg." ermöglicht die fortschreitende Räumung allmählich einen besseren ileberblid über die Vorgänge während der Insurgentenherrschaft. Die Meldungen über Grausamkeiten der Insurgenten erhalten immer neue Bestätigung. Mitten aus den Städten holten sich die Insurgenten die besonders verhahtenDeut- schen heraus, um sie gefesselt in die in jedem Ort eingerichteten Prügelstationen zu schleppen, w.o sie furchtbar mit Gummiknüppeln mihhandelt wurden. In den Krankenhäusern und Privatwohnungen liegt eine grohe Zahl furchtbar zugerichteter Männer und Frauen. Photographische Aufnahmen der Aerzte belegen diese Tatsachen. Unter den zahlreichen Zeugen dieser entsetzlichen Vorfälle befinden sich auch einzelne Polen und Polinnen, die aus Abscheu fteiwillig zur Bestrafung der Mörder und Folterknechte beitragen wollen.
Das Programm des neuen österreichischen Kanzlers.
Paris 3. Juli. (WTB.) Der neue Kanzler OefWrreichs, Dr. Schober, hat dem Vertreter des „Temps" eine Unterredung gewährt. Er sagte, Oesterreich verlange jetzt Kredite, gewissermaßen Handelskredite auf der Grundlage ernster Garantten, die es dem Geldleiher anbiete. Es handele sich jetzt nicht um eine Hilfsaktion. Nur durch Handelskredite könne die Unabhängigkeit Oesterreichs gewahrt werden. Was die äußere Politik Oesterreichs anbetrifft, so erklärte Dr. Schober, die Lösung der österreichischen Frage sei rein wirtschaftlich. Die Bevölkerung wolle alle Hindernisse beseitigen, die sich der Wiedererhebung des Staates entgegensetzten. Es sei also notwendig, daß Oesterreich jedes Abenteuer vermeide, das durch äußere Verwicklungen den inneren Wiederaufbau des Staates hinauSziehen könne.
Eine Erklärung Japans an Deutschland.
Berlin, 2. Juli. (WTB.) Die japanische Regierung hat dem Auswärtigen Amt davon Mitteilung gemacht, dah ie auch für den Fall, dah Deutschland vor- ätzlich seinen Verpflichtungen nicht nachkomme, nicht beabsichtige, auf Grund des §18 Anlage 2 zum Teil 8 des Versailler Friedensvertrages das Eigentum deutscher Staatsangehöriger mit Beschlag zu belegen. Dieser Verzicht bezieht sich auf alle deutschen Güter, die sich in Japan oder in von ihm verwalteten Gebieten befinden und chließt ausdrücklich Bankkonten sowie Waren, die sich an Bord japanischer Schiffe befinden oder in Konsignation nach Japan gesandt ind, ein. ---
Ddegiertentag des Reichs- verbandes der deutschen Presse.
Hamburg, 2. 3nnt (WTB.) Der Delegiertentag des Beichsverbandes der deutschen Presse begann am Samstag in dem Hamburger Gewerbehaus mit einer Sitzung des Hauptvorstandes. Abends empfing der Senat die Teilnehmer des Delegiertentages in dem goldenen Saal des Hamburger Rathauses. Bei die- em Anlaß hielt Bürgermeister Dr. D i e st e l eine Ansprache, in der er u. a. sagte: Niemand kann die Gefahr verkennen, die gerade gegenwärtig die deutsche Presse bedroht, die Gefahr, dah sie nicht mehr die Führerin des Volkes ist, sondern sich unter den Willen derer beugt, welche geführt werden sollen. Sie sind der Unterstützung aller derer sicher, denen das Wohl unseres Volkes am Herzen liegt, wenn Sie sich zu zielbewutzter Energie zusammen« schliehen und die alten Ideale hochhalten, für die sich die Besten Ihres Berufes immer eingesetzt haben. Wir betrachten in Deutschland die Fre i- beit der Presse als eine der hohen sitt- lichen Forderungen unseres staattichen und kulturellen Lebens. Die höchste Frecheit aber bedeutet auch hier tiefstes Begreifen der Verantwortung, die jeder einzelne gegenüber der Gesamtheit trägt.
Reichskanzler Dr. Wirth richtete an den Reichsverband folgendes Telegramm: Der diesjährigen Verbandstagung wünsche ich einen erfolgreichen Verlauf. Möge es ihr gelingen, die nicht nur im Standesinteresse, sondern im Interesse der gesamten deutschen Politik wichtige Stellung der deutschen Presse weiter zu festigen.
Reichsminister des Aeuhern Dr. Rosen drahtete: Zu meinem lebhaften Bedauern sah ich mich durch dringende amtliche Pflichten genötigt, meine Absicht der Teilnahme an der Hamburger Tagung in letzter Stunde aufzugeben. Indem ich dem Delegiertentag meine besten Wünsche für einen erfolgreichen Verlauf der Verhandlungen auspreche, hoffe ich, bah es dem Wirken des Reichsverbandes der deutschen Presse gelingen wird, die ilnabfcängigleit der geistigen Arbeit auf der Grundlage einer gefestigten materiellen Stellung der deutschen Publizistik mehr und mehr zu festigen. Ich bin überzeugt, daß- damit nicht nur der Sache des in dem Reichsverbande bereinigten Berufes
gebient sein wird, sondern dem allgemeinen vaterländischen Interesse, das mit dem Wohlergehen und dem Hochstand der deutschen öffentlichen Meinung aufs innigste verknüpft ist.
Eine Dantefeier in Berlin.
Berlin, 3. Juli. (WTB.) Eine eindrucksvolle Gedächtnisfeier zum 600- jährigen Todestag Dantes vereinigte heute die pvlittsche und wissenschaftliche Gesellschaft Berlins in der Staatsoper. Unter den Anwesenden befanden sich der Reichspräsident Ebert, der Reichskanzler, zahlreiche Reichsminister sowie preußische Minister, Mitglieder des Reichsrates, des Reichstages und des preußischen Landtages, sowie die Spitzen verschiedener Berliner Gesellschaftskreise. Der italienische Botschafter Frassa11i war mit dem ganzen Personal der Botschaft erschienen. Professor Adolf v. Harnack hielt eine kurze, tiefwirkende Ansprache über die Bedeutung Dantes als eines der Führer der geistigen Kultur des Abendlandes. Professor Ernst Troeltsch hielt die Gedächtnisrede, die sich insbesondere mit der Frage beschäftigte, was Dante uns in der Not der gegenwärtigen Zeit bedeuten könne.
Der Deutsche Konyreh für Volks- und Iugendspiele.
Mannheim, 2. Juli. (WTB.) Der 16. Deutsche Kongreß für Volks- und Zu g e nd f piele fand nach einem Begrü- hungsabend am 1. Juli vormittags im Rosengarten in Mannheim unter Beteiligung von Behörden, Städten und mehreren hundert Tellnehmern statt. Nach den beiden Vorträgen des Oberrealschuldirektors Dr. Neuendor f f-Mülheim über „Die ©efunbung des deutschen Volles durch ßeibedübungen“ und des Direktors Strohmeyer des Kreiswohl- fahrtSrates in Pinneberg, „Wie gewinnen wir das Land für die Pflege der Leibesübungen?" und die Besprechung über biefe Referate nahm der Kongreß folgende beiden Entschließungen an:
Der Kongreß fordert dringend von der Regierung die Sofortige Vorlegung und Verabschiedung des Spielplatzgesetzes. Der Kongreß öittet die KultuSminisir.ien aller deutschen Länder, für die tatsächliche Durch- ührung pflichtgemäßer Spielnachmitlage und der Wandertage, die vielfach nur auf dem Papiere fielen, Sorge zu tragen.
ES wurden dann einige Zufatzanträge geteilt, die inhaltlich angenommen und _ dem Vorstände zur endgültigen Redaktion über* toiefen wurden. Nachmittags fanden Vorführungen der Jugend statt: Volksfpiele und Volkstänze der städtifchen Kinderhorte im Schloßgarten, Freiübungen von etwa 1300 Knaben und Dreikampf der Volksfchule, Spiele und Hebungen der höheren Schulen auf dem neuen großen Sportplatz, des Mannheimer Turnvereins von 1846.
Aus dem Reiche.
Im Hauptausschuß des Preußischen Land» tages
wurde am Samstag der unabhängige An- trag auf eine baldige Vorlegung des Geftt- zeS über die Sozialifierung des deutfchen Dergbau-s nach dem Vorschlag der SozialiSierungskommiSSion gegen die Stimmen der Sozialistischen Gruppen ab* gelehnt.
Eine neue Geschäftsordnung für den preußischen Landtag.
Be r I in, 2. Juli. (WTB.) Der GeschäftS- ordnungSauSSchuß des Landtages beendete heute in feiner dritten ßefung die Neubestimmungen über die Geschäftsordnung und nahm ohne wesentliche Aenderung den Beschluß des Unterausschusses über die Neuaufstellung der Ordnungsbestimmungen an. Danach ist der Präfident berechtigt, den Abgeordneten, der in grober Weift die Ordnung verletzt, von der weiteren Teilnahme an der Sitzung auSzuschliehen. Leistet der Abgeordnete der Aufforderung, den Saal zu oerlaffen, keine Folge, so wird die Sitzung unterbrochen und der Abgeordnete verliert ohne weiteres das Recht der Tellnahme an den folgenden acht Sitzungen. In befonders schweren Fällen kann der Aeltestenrat durch einen mit s/4 Mehrheit der Stimmen gefaßten Beschluß einen Abgeordneten von der Teilnahme an höchstens fünfzehn Sitzungstagen des Landtages ausfchließen. Ein auSgeschlosse- ner Abgeordneter darf an den Ausschuß« sitzungen nicht tei>?bmen. Die Frage, ol dem ausgeschlossene'-^ Abgeordneten die Diäter entzogen werden sollen, wird bei der Aende« rung des Diätengesetzes behandelt werden. Der unabhängige Sozialdemokrat Abg. Meier bemerkte in der Debatte über die AuSfchluhfrage, die neuen OrdnungSbestim- mungea würden nichts nützen, und fügte hinzu: „Wir haben die Macht, Ihnen sogar das Licht auszudrehen." Für die Neuregelung stimmten die Mehrheitssozialisten und die bürgerlichen Parteien.
Die Gesetzgebung in der Wohnungsfrage.
Berlin, 2. Juli. (Wolff.) Zur Gesetzgebung in der Wohnungsfrage wird mitgeteilt: Der Reichstag hat das Reichsmieten, gesetz noch nicht verabschiedet, doch ist die Geltungsdauer des WohnungSmangel« geseyes vom 11. Mai 1920 bis 31. Mär? 1922 verlängert worden. Auch wurden zur Beschränkung von Zwangsvollstreckungen geeignete Maßnahmen für gültig erklärt. Als Solche kommen vor allem Anordnungen in Bettacht, welche bei Räumungsurteilen die Zwangsvollstreckung nur zulasftn, wenn das Mieteinigungsamt fie genehmigt.
Aus Hessen.
Zum Rücktritt deS Ministers Dr. Fulda.
An den aus Seinem Amt als Minister des Innern geschiedenen Herrn Dr. Heinrich Fulda hat Staatspräsident Ulrich folgendes Dank-und Anerkennungsschreiben gerichtet:
Das Gesamtministerium hat in seiner heutigen Sitzung Ihr Schreiben vom Gestrigen, mit dem Sie Ihr Amt als Minister des Innern niederlegen, besprochen. Es bedauert Ihren Entschluß und Sieht sich veranlaßt, Ihnen für die Dienste, die Sie dem Lande gerade in der Schwersten Zeit der Umwälzung in unermüdlicher Tätigkeit und bester Absicht geleistet haben, dankend die vollste Anerkennung auszusprechen. Genehmigen Sie, Ihnen im Auftrage des GeSamtministeriumS die ungeteilteste Hochachtung zu versichern.
— Die diesjährige Herbstprüfung für das Justiz- und Verwal- tungsfach ist auf Wunsch zahlreicher Referendare, die ihren Vorbereitungsdienst erst Ende November oder Anfang Dezember vollenden können, auf Anfang Dezember verschoben worden.


