Ausgabe 
2.7.1921
 
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38. Fortsetzung.

(Nachdruck verboten.)

weil Deutschland die Verpflichtungen nicht er­füllen kann.

Abg. Dr. Deermann (D. Vp.) schlieht sich dem Protest gegen die Sanktionen an. Die Fran­zosen betrachten die preußischen Beamten ledig­lich als Störenfriede ihrer Politik. Er schildert insbesondere die Zustände in der Pfalz und hebt hervor, dah eine Tagung katholischer Jugendlicher nur dadurch zustande gekommen sei. daß 30 fran­zösische Tank- In den Festzug ausgenommen wur­den. Zweck und Ziel der Franzosen sei. den Rheinländern weih zu machen, daS Vaterland habe sie vergessen.

Abg. Dr. Most (D. Dp.) stellt in seinem Schlutzwort die einmütige Ansicht des Reichs­tages fest, dah uns Hnrecht geschehen ist. Damit schlieht die Aussprache.

Morgen vormittag 11 Hhr, Interpellation, kleine Vorlagen, Interpellation über Mont Cenis.

Dchluh 8 ilfcr.

Herrn Collins Abenteuer

Roman von Frank Heller.

len. dah Mr. Lavertisse plötzlich vollständig -u- sammenbrach. Hm nicht umzusinken, muhte er sich krampfhaft an die Klinke klammern, mit der andern Hand griff er sich an die Kehle, als oo er irn Begriffe wäre, zu ersticken, und endlich ge­lang es ihm. zu stammeln:

..Der Herr ist ... der Herr hat ... der arme Herr . . ."

..Was ist denn los?" Drüllte Kenhon und packte ihn an der Schulter.Heraus mit der Sprache, Lavertisse I Was ist mit dem Herrn?"

Er hat sich das Leben genommen," schluchzte Lavertisse endlich, während grohe Tränen über seine Wangen rollten.Gerade letzt ... ich kam eben nach Hause . . . und sand ihn tot. tot . . . der halbe Kops mit einem Rasiermesser abgeschnitten . .

Starr vor Heberraschung lieh Kenhon die Hand von seiner Schulter sinken und starrte Fräu­lein Holten an. Sie hatte sich mit einemmal em- porgerichtet, aufrecht, stumm, totendlah stand sie vor ihm. während ihr Inneres ein Gewirr von Gedanken war:

. . sich das Leben genommen . . . konnte er geahnt haben? Das ist nicht möglich . . . was habe ich getan? Gott, was habe ich getan. Rein, eS ist nicht möglich . . ."

Endlich regten sich ihre Lippen, und mit einem flehenden Blick aus Kenhon. mitzukommen, ging sie an dem schluchzenden Lavertisse vorder in die Wohnung. Kenhon folgte ihr, eine Beute widerstreitender Gedanken. Was steckte hinter dieser Sache? Früh morgens hatte er den Be­such dieser entzückenden sungen Dame erhalten die mit blassem Antlitz, aber kaltem, klarem Blick ihr Anliegen vorgebracht hatte. ES handelte sich um eine Arretierung. Zufällig hatte sie in London einen durchgegangenen schwedischen Hochstapler qx-

Aus dem Flur des dritten Stockwerkes bite­ben sie stehen, und die blasse, junge Dame stützte sich mit der Hand aus die Balustrade. Ihre Augen waren unnatürlich geweitet und ihr Atem ging keuchend. Sie schien die Deute einer unge­wöhnlichen Gemütsbewegung zu sein. Einen Augenblick formte sie die Lippen, wie um etwas zu sagen, aber kein Laut kam darüber. Schliess­lich beherrschte sie ihre Erregung und warf einen um Entschuldigung bittenden Blick aus ihren Be­gleiter.

Sie sind sicher, dah Sie alle Papiere haben, die zur Arretierung nötig sind, Mr. Ke- nhvn?" fragte sie.

3a, Mih Holten, ganz sicher. Soll ich Ihn- geln?*-

Ditte." sagte sie matt und lehnte sich wieder an die Balustrade. Wenn Mr. Kenyon Schwe­disch verstanden hätte, er würde gehört haben, wie sie zu sich selbst flüsterte:

O Gott, was habe ich getan? ©oli ich es mir noch überlegen? Rein, nein, es ist zu spät, und es war doch recht von mir ..."

Das Klingeln der Glocke klang ganz ferne und hatte kaum aufgehört, als die Türe auf- gerissen wurde und ein leichenblasser Mann den Kopf heraussteckte. Als er die Fremden erblickte prallte er zurück, aber bevor er noch etwas sagen konnte, tarn ein Ausruf von Kenhon:

.Lavertisse! By Hove, ist das nicht Laver- tisse, wie in aller Welt . .

Aber seine Frage wurde dadurch abgeschnit-

Aus Stadt und Land.

G i e h e n. den 2. Zull 1921.

Uuiverfitäts-Stiftungsfeft.

Hm 11 Hhr 15 war die Feier angesetzt, aber schon eine Stunde vorher wurde es lebendig vor der alten Ludoviciana. Bunte Mützen und feier­lich schwarze Anzüge versammelten sich zu starken Gruppen. Kurz darauf begannen die Fahnen und Chargen ihre Anfahrt. Wagen auf Wagen kam, feierlich flatterten die schweren Seiden über den Iünglingsgesichtern. Die Menschen strömten ge­radezu durch die Tore, und man muhte zeitig fein, wollte man einen Platz erwischen. Es scheint, als werde die Aula von Jahr zu Hahr kleiner. Die Feier war einfach. Hnter den Klängen eines Fest­marsches zogen langsam die Dozenten ein, den In­signien der Hniversität folgend. Stehend ehrte daS Haus die deutsche Wissenschaft in ihren Vertretern. Der akademische Chor eröffnete die Feier mit einem Choral. Der Rektor. Prof. Dr. v. Eicken, betrat bann den Rednerstuhl. Nachdem er kurz des letzten Rektors magnificentisstmus Grohherzog EmstLud- wig, gedacht hatte, führte er in ein Gebiet aus seiner wissenschaftlichen Tätigkeit und entwarf einen geschichtlichen Abriß von der Entdeckung des Kehlkopfspiegels, seine technische Vervoll­kommnung, sowie der Larhngologie und Endoskopie der Luft- und Speiseröhre. Gr gab damit ein Bei­spiel. tote sich aus einer zufälligen Entdeckung durch hartnäckigen Fleih, technische Vervollkommnung der Instrumente und virtuoses Können in ihrer Verwendung sich ein theoretisch und praktisch be­deutungsvoller Zweig der Wissenschaft entwickelt hat. Chronik und Preisarbeiten haben wir gestern mitgeteilt Rach dem Schluhchor des Gesangver­eins begleiteten die schweren Klänge des Pilger- chorS ausTannhäuser" den Abgang der Dozen­ten. Fahnen und Chargen waren für die schau­lustigen Bürger an den Toren des Gebäudes will­kommener Gegenstand des Staunens.

Sonntagskarten.

Die von morgen ab zur Ausgabe kommen­den Sonntagskarten tragen als augenfälliges Hnterscheidungsmerkmal in ein Drittel Kar­tenbreite einen blauen LängSstreifen. Zur Nachlösung dürfen Sonntagskarten übrigens nicht benutzt werden. Die einzelnen Verkehrs­ämter haben über den Hmfang und die Ab­wicklung des durch die Wiedereinführung her­beigeführten stärkeren Verkehrs den Eifen- bahnoirektionen bis zum 25. Juli Bericht zu erstatten.

Wettervoraussage

für Sonntag:

Wolkig bis bedeckt, schwache Niederschläge, kühl, nördliche Winde.

Die Wetterlage bat sich nicht verändert. Die Trübung und das kühle Wetter halten infolge der nördlichen ßuftftromung auf der Rückseite deS skandinavischen Tiefes weiter an.

** Beförderung. Die Postschaffner WUHelm M o o tz und Wilhelm Henh wurden heute zu Oberpostschaffnern befördert.

** Der Oberhessische Kunstver- ein bringt dieses mal seinen Kunstfreunden eine Ausstellung mit überwiegend graphi­scher Kunst. 20 Mitglieder des Verbandes bildender Künstler Hessens haben sich an die- er Ausstellung mit ganz besonders guten Ar­beiten beteiligt. Auch Prof. Frank-Berlin ist nach langer Pause wieder mit einer Neuen Sammlung Original-Radierungen, die erst vor kurzem bei der graph. Ausstellung in der Akademie der Künste gezeigt wurde, vertre- ten. ArminuS H a s e m a n n -Berlin, der hier zum erstenmal ausgestellt, zeigt zwei Auswah­len aus seinen vor kurzem erschienenen Wer­ken, Fimmel und Hölle auf der ßanb-

Wendigkeit der Wrfrechterhaltung der Sankttonen -um Schuhe des Kabinetts Wirth be­tont. Zum Schuhe deS Kabinetts Driand wäre verständlicher gewesen. Herr Briand verlange eine Erklärung über die demokratischen Anschau­ungen der deutschen Regierung, denn die Auf­hebung der Sanktionen werde nur von pangerma­nischen Elementen verlangt. Wer ihm das erzählt hat, hat ihm einen Bären aufgebunden, denn alle Parteien find sich In der Sanktionsfrage einig. Der Gedanke der Vereinigten Staaken von Europa wird nicht mehr von der Bildfläche verschwinden. .Voraussetzung dafür ist unsere vollkommeneGleich- stellung mit den anderen Volkern und die Frei­gabe Oberschlesiens.

Abgeordneter Dr. Reichert (Deutschnat) schildert das Jahrhunderte währende Drängen Frankreichs nach der Rheingrenze, und was wir heute In den Rheinlanden erlebten, sei nur schlecht verhüllte Annektionspolitik. Am gefähr­lichsten ist die französische Handels- und In­dustriespionage, welche Einblick in unser wirt­schaftliches System gewinnt und das im Wett­bewerbe mit dem Ausland zu verwerten bemüht ist. Der Redner stellt dann den DiSmarckfrieden, bet Frankreich in zwei Jahren die vollkommene Handlungsfreiheit wiedergab, dem jetzigen Frie­den gegenüber und ironisiert die französische Angst vor dem PangermaniSmus. Diese Angst sei der wahre Grund für die Beibehaltung der Sanktionen. Was Briand von der Demokratie erzähle, sei Spiegelfechterei! Er pfeife auf die Demokratie, wenn es dem Chauvinismus zu dienen gelte. Hnsere Regierung solle nicht auf diesen Leim kriechen. Sie habe schon den Fehler begangen, nicht Zug um Zug zu. verhandeln, närnllch hier Hnterzeichnung, dort Aushebung des Hlttmatums, dort Aufhebung der Sanktionen und Oberschlesien. So aber habe die Regierung ein völliges Fiasko erlitten. (Bravo rechts.)

Die Weiterberatung wird jetzt hier ab­gebrochen.

SS wird jetzt die

Abstimmung über den StaatSgerichtShof borgenommen, dis vor einigen Tagen auSgeseht werden muhte.

Der Entwurf wird gegen die Stimmen der Kommunisten und Unabhängigen angenommen.

GS folgt die Fortsetzung der Interpellattons- besprechung.

2Ibg. Breitscheid (H) schlieht sich dem Protest der unersö tei G^walttatei im Rh ei lande an, schildert die Hnhaltbarkeit deS gegenwärtigen Zustandes für Handel, Industrie und das tägliche Geben in einem Lande, dessen deuttcher Charakter von niemanden in Zweifel gezogen werden kann und legt die Schwierigkeiten dar, welche die Zoll­linie geschaffen hat. Der Redner spricht vom Skan­dal vom Kyffhäuser und dem Rummel mit Zagow. Alles Momente, die drüben den Glauben auf­kommen liehen, als sei die Reaktion auf dem Marsche. Die Chauvinisten beider Länder arbei­teten sich in die Hände.

Abg. Dr. Koch (Dem.): Wir wollen uns heute nicht mit gegenseitigen Vorwürfen befassen, sondern mit dem Verschulden fremder Völker. Un­ser Parlament muh erst lernen, waS es gemein­sam fühlt, auch gemeinsam zum Ausdruck zu brin­gen hat. (Zustimmung.) Auch der Gegner hat durch unsere Unterschrift Verpfsiichtungen und Bindun­gen übernommen, ohne sie zu erfüllen. Ich er­innere nur an Oberschlesien, und nur daran, dah im Waffenstillstand die Besetzung der rheinischen Brückenköpfe vorgesehen sei. Die Absicht, dieRhein- lanbe mit sranzösischer Kultur zu durchbringen und somst für Frankreich zu erobern, wird in franzö­sischen Blattern offen zugestanden. Französische Pryseunternehrnungen, die in diesem Sinne Pro­paganda treiben, werden aus deutschen Mitteln erhalten, der Provinziallandtag in seiner Freiheit beschränkt und die Bürger wurden mit Geldstrafen in Höhe vieler Tausender belegt, als ob noch das Kriegsrecht bestehe. Am aefährlichsten aber ist die systematische wirtschaftliche Durchdringung des Landes. Man kann unser Vaterland wohl ruinie­ren, aber nicht zerreihen. (Bravo.)

Abg. H ö l I e i n (Kom): Dem Interpellan­ten kam es nicht auf die Interessen deS bedrängten Landes an, sondern nur auf die Ausrottung eines nationalistischen Rummels, denn was über die Frage zu sagen war. hat der Reichskanzler bereits mehr als einmal getan. Gerade diese Kreise, die den belgischen Neutralitätsvertrag als einen Fetzen Papier behandelten, die jeden anderen Vertrag nach Belieben während deS Krieges je nach Wunsch brachen oder veränderten, sprechen von Vertragstreue. Was in Leipzig jetzt vor sichgehi ist ja nur ein schwacher Abglanz ihrer Sünden. (Zuruf: Du Lump!) Den Hölz will man auf dem Transport nach Dresden nur ermorden, daher die Gerüchte, dah geplant sei, ihn zu be­freien. (Der größte Teil der Abgeordneten hat bereits den Saal verlassen.) Die Rechte hat im Kriege nur für sich selbst gesorgt, sei es auch nur, um einige arbeitslose Hohenzollern zu versorgen. Wir müssen mit weiteren Sanktionen rechnen.

strahe", undDer ZrrkuS", wovon auch voll­ständige Mappen aufliegen. Gemälde, und zwar ganz neue Arbeiten, haben Prof. Pel- lar-Darmstadt, E. Toepfer-Frankfurt, und H. Koberstein-Berlin auf nur kurze Zeit ausge­stellt. Von unseren einheimischen Künstlern haben noch Dlldhauer Ködding, Marie Zeich­ner, H. Heckroth. H. Steinbach, und W. Noelke mit einigen sehr interessanten künstlerischen Arbeiten die Ausstellung bereichert. Die Aus­stellung ist täglich von 11 bis 1 Hhr, außer Samstags, geöffnet. f

* Marktbericht. Bei überreichlicher Be­schickung des Marktes mit Obst und Gemüse sowohl wie mit Eiern und Butter hallen sich die Preise auf der alten Höhe. Möglichste Zurückhal­tung im Einkauf ist zu empfehlen und dürfte preisdrückend wirken. Die Preise für Butter be­trugen 1923 Mk. Einer Frau, die 25 Mk. für das Pfund forderte, wurde 1 Korb voll beschlag­nahmt und zu einem billigeren Preise verkauft. Es gibt eben viele Leute, denen scheinbar jedes moralische Gefühl entschwunden ist und auch Ver­braucher, die stillschweigend solche übermäßigen Preise bezahlen, anstatt die Aufsichtsorgane so­fort davon in Kenntnis zu sehen. Nachstehende «werden sich ohne Zweifel zum Ende des es bedeutend ermäßigen, da mit einem er­heblichen Heberstand bei allen Sachen zu rechnen ist. Es kosteten gelbe Rüben im Pack 80 Pf. bis 1,20 Mk., Oberkohlrabi 90 Pf. bis 1,20 Mk. das Stück, Wirsing 1.40-2,00 Mk.. Weißkraut 2Mt das Pfund, Blumenkohl 59 Mk. das Stück. Erbsen 1,802,00 Mk.. neue Dohnen 44.50 Mk.. Mischgemüse 5080 Pf., Rhabarber 80 Pf. bis 1 Mk., Sier 1,60 Mk.. Käse 6580 Pf., Stachel­beeren 23,50 Mk.. Johannisbeeren 2,80 bis 3.50 Mk.. Heidelbeeren 3,50.

"DieBelieferungderLebenS- mittelmarken Nr. 22 und 23, sowie der Zuckermarken für Monat Juni erfolgt |nur noch bis einschließlich 5. Juli 1921.

** Von der Vereinigung der Wo h n u n g S l o se n und -suchenden wird uns folgendes mllgeteilt: Auf unsere Ein­gabe an die Stadtverwaltung und durch ver­schiedene persönliche Besprechungen mit dieser Behörde erreichten wir, daß uns mit Wirkung vorn 1. Juli 1921 ein Vertreter für die Woh­nungszuweisungskommission und ein Vertreter für die WvhnungSbeschlagnahmekommission zugesprochen wurden. Die Stadtverwaltung hat den Gedanken der Mitarbeit von unserer Seite freudig begrüßt, und wir wollen hoffen, daß nunmehr das große Wohnungselend ge­lindert werden kann.

** Zu dem Selbstmord eines Mäd­chens aus Lüdenscheid durch Herabstürzen vom Gleibergturm wird unS mitgeteilt, daß das Mädchen nicht in der hiesigen Heil- und Pflege­anstalt, sondern in derHeilstätte für Nerven­kranke" untergebracht war. Beide Institute lie­gen wohl räumlich nahe zusammen, stehen jedoch in bezug auf .Unterbringung und Behandlung ihrer Kranken unter vollständig getrennter Lei­tung. Wie wir weiter erfahren, war das Mädchen gemütskrank und wollte sich in ihrem Zustande von ihrer Mutter, an der sie sehr hing und die sie besuchen wollte, nicht sehen lassen, um ihr keinen Schmerz zu bereiten. Hm daS Zusammen­treffen zu vermeiden, stürzte sie sich m Einern Augenblick geistiger Umnachtung in den Tod.

D i e Walderdbeeren sind tn diesem Sommer tn den Wäldern des Vogelsbergs so gut geraten, daß ein fleißiger Sammler täglich einen Eimer voll pflücken kann. Da das Pfund Erdbeeren mit 5 Mk. bezahlt wird, ist das Beerensammeln eine sehr loßnenbe Beschäftigung.

Bornottzen.

Tageskalender für SamStag: Turnhalle, Oswaldsgarien, Notgeldausstellung. Liebigshöhe, 8 Hhr, Gausommerfest deS Rad- ahrervereins 1885. Lichtspieltheater, wie gestern.

Tageskalender für Sonntag: Turnhalle, OsTaldsgar'en. Notgeldausstellung. Liebigshöhe, Gausommerfest deS Radfahrervereins 1885. Lichtspieltheater, wie gestern.

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Für das einmalige Gast- piel deS Mainzer Stadttheaters mit Osk. Strauß' neuester OperetteDer letzte Walzer am kommenden Mittwoch, gibt sich lebhaftes Inter­esse kund, daß Interessenten gut tun werden, ich noch durch Vorbestellung Plätze zu sichern Die Vorbestellungen werden nach der Reihenfolge des Eingangs berücksichtigt.

Kirchenkonzert. Nächsten Dienstag in bet in der Stadtkirche ein Orgelkonzert tatt, das von Angehörigen der Familie Kruse zu Gunsten des hiesigen Studenten­heimes veranstaltet wird. Der Name Kruse

tannt, einen Landsmann, der mehrere Danken um große Summen betrogen hatte, er wurde schon lange gesucht, und eine Belohnung war auf seine Ergreifung ausgesetzt, aber mit unglaublicher Kühnheit hatte er bisher allen Nachstellungen getrotzt. Kenhon hatte einige Einwendungen er­hoben das lag nicht in feiner Branche, bester, die Scotland Darb aufzusuchen, aber sie war sehr bestimmt gewesen, geradezu hartnäckig. Die Scotland Darb sei zu langsam, sagte sie, woraus sie unmittelbar mit naiver Ironie gefragt hatte, ob er denn auch ein richtiger Detektiv sei der Leute arretieren könne? fügte sie hinzu. Pikiert und von ihrer Schönheit gefesselt, war Kenyon, wenn auch mit Zögern, aus ihren Wunsch ein­gegangen. Der ganze Tag war damit verstrichen, sich Die erforderlichen Papiere zu verschaffen dank seiner Energie, von ihrem Eifer angespomt, war es in dieser kurzen Zeit gelungen. Sofort nachdem sie die Arretierungsorder erlangt hatten, waren sie im Auto nach Jnverneß Crescent ge­fahren, wie sie die Adresse des Verbrechers erfahren hatte, wollte sie nicht angeben. Mit einem scharfen Blick ahnte Kenhon, daß hinter der Sache mehr steckte, als sie Wort haben wollte. Hnb jetzt als sie herlamen, fanden sie. daß das Opfer sich ihnen entzogen hatte durch Selbst­mord. Seltsame Geschichte, murmelte Kenhon, während er der schlanken Gestalt in das Ar­beitszimmer des Verstorbenen folgte.

Viel Luxus hat er sich jedenfalls nicht ge­gönnt, Jagte Kenhon halblaut.

Der Raum war groß, mit Fenstern nach bei­den Seiten deS HauseS, aber er enthielt nur einen Schreibtisch, ein paar kleine Rauchtischchen, ein halbgefülltes Bücherregal und einige Stühle. Die Rvulcau waren an allen Fenstern herabgelassen und daS Licht matt. Auf einem der Stühle am

ist ja jedem Musikfreund in Gießen bekannt und bürgt dafür, daß wir ein genußreiches Konzert erwarten dürfen. Das Programm ist sehr reich- haltig und vietteitig. CH. Kruse ist Organist an der Friedenskirche in Altona und befindet sich augenblicklich auf einer Reise zu den bekannten Gürzenich-Konzerten in Köln. Hnterstützt wird er von H. Kruse (Biolincello), der Konzertmeister in Kastel ist. Ferner wird ein Streichquartett zusammengestellt au8 Mitgliedern der Familie Kruse Mitwirken. Es wird für viele Gießener eine freudig begrüßte Gelegenheit fein, die Ange­hörigen einer altangefeffcnen hiesigen Familie tn einem Konzert hören zu können. (Siehe heutige Anzeige.)

Die ,Gibana (Gießener Brtef- marfen-, Ansichtskarten- und Notgeld-AuSstel- lung) teilt .noch ergänzend mit daß reichhaltige Sammlungen sowohl aus dem In- tote auch Aus­land zur öffentlichen Schau gestellt werden. In der Abteilung Briefmarken sind u. a. altdeutsche Briefmarken, darunter die so seltene sächsische Dreipfennigmarke und.schwarze 1-Kreuzer-Marke von Bayern, tn mehreren Exemplaren vertreten. Mauritius ab 1848 ist ebenfalls zu sehen. Die zur Schau kommenden Sammlungen tn der Ab­teilung Notgeld werden den Besuchern der Aus­stellung einen Heberblick über die Wahrzeichen der gegenwärtigen Zeit gewähren. Ganz beson­dere Erwähnung .verdient noch dieNotgeld- druckeret in Betrieb". Die Herstellung mehr­farbigen Notgeldes, insbesondere die Äthogra- phiesteine und -Platten, der Druck ufto. kann aus nächster Nähe besichttgt werden. Zur AuS- Sabe kommt ein fünffarbigeS ErtnnerungSnvtgeld erGibana", das Im wesentlichen unseren großen Chemiker Zustus von Liebig, sein ßaboratortum. Inneres und AeußereS, und daS Denkmal zeigt.

Die DezirkSgruppe heimat- treuer Oberfchlesier. Gießen, veranstaltet am Montag, 4. Zuli, abend« 8y* Hhr, im Postkeller eine Generalversammlung.

Der Verein für daS Deutschtum i m A u s l a n d hat die Veranstaltung eines Som­merfestes tn Aussicht genommen. Aus Textvr« Hardt sott am Samstag, 16. Zull, eine Reih« von musikalischen und rezitatorischen Darbietungen ftattfinben. Ein starker Besuch darf um so mehr er­wartet werden, als der Reinerttag den bedrängten Ausländsdeutschen, besonders auch den Oberschle- fiern, zugute kommen wird. (S. Anzeige.)

Die Ortsgruppe Gießen bei Bundes für anthroposophische Hoch- s ch u 1 a r b e 11 veranstaltet am Dienstag, 5. Zull, einen Vortrag, in dem Herr W. SalewSkl über Die geistigen Grundlagen der Haaß-Der- kow - SPiele" sprechen wird. Del dem tiefen Eindruck, den die Spiele auch hier hervorgerufen haben, ist eS vielleicht für manchen von Intereste, etwas von den In ihnen waltenden Kräften ken­nen zu lernen. Der Vortrag findet um 8^ Hhr pünktlich im Hörsaal 44 statt. (S. Anzeige.)

* Heber Steuerfragen deS ge­werblichen Mittelstandes fpttcht am Dienstag, 5. Zull, 81/e Hhr abends, Steuershn- dikus HolthauS- Essen. Herr HolthauS wird, da zur Zeit keine Steuererklärungen abzugeben sind, hauptsächlich die Frage der Steuerrellama- ttonen behandeln. ES dürfte für jeden, der In die Lage kommen kann, gegen die demnächst zu er­wartenden Steuerbescheide vorgehen zu müssen, äußerst wichtig sein, sich in dem gebotenen Vor­trag eine kurze Vorstellung der RellamattonS- mittel geben zu lassen.

Landkreis Gieße«.

Grvßen-Duseck, 1. Zull. Morgen nachmittag 4 Hhr findet hier in der Wirtsc^ft zum Dusecker Tal eine Desprechung über Milch­wirtschaft zwischen Erzeuger und Verbraucher statt, toDÄU auch die Herren vom LebenSmlltel- amt Gießen eingeladen sind.

i Nleder-Dessingen, 1. Zull In der Nacht vorn Mittwoch auf Donnerstag wurde bet den Landwirten G. Hau und H. Roth IV. ein­gebrochen und Lebensmittel, sowie Pferde­decken und Geschirre, auch Kinderwäsche, entwen­det. Die entzweigeschlagenen leeren Käsetöpfe, sowie die Kinderwäsche wurden In den Baum­stücken vor dem Dorfe gefunden. Die Einbrüche durchs Kellerloch scheinen sich zur Spezialität zu entwickeln, denn erst vor zirka 14 Tagen wurde einer älteren Frau in Abwesenheit sämtlicher Apfelwein bis auf zwei Flaschen auf diesem Weae geholt. Nun konnte der bzw. die Diebe bei Land­wirt Hau den Im Keller liegenden Apfelwein auch nicht unversucht liegen lassen. Ermittelungen und Haussuchungen durch die Llcher Polizei haben bis jetzt zu keinem greifbaren Resultat geführt.

KreiS Friedberg.

fpd. Bad-Nauheim, 1. Zull. Der 50jährige Maler und Silhouettenfchneider Karl Friedmann aus Wien ist nach Hnter*, schlagung von 15 000 Mk. und nach Be­gehung eines ausgefeimten HetratSschwtndett flüchtig gegangen.

Ende deS ZirnmerS, einem großen Fauteuil, faß eine undeutlich erkennbare Gestalt, deren Kopi unheimlich schlaff auf die eine Veite herabhing, er war von ihnen abgewandt und dem Fenster zugekehrt, an dem er laß ganz alS hätte er in feinem letzten Augenblick noch einen Schimmer deS Tageslichts auffangen wollen, dem er ent­floß. Eine Fliege summte in der Totenstille deS Zimmers, und tn furzen Zwischenräumen drang LaoertisseS Schluchzen herein. Plötzlich, während sie noch stumm in die wunderlich suggesttve Szene versunken waren, fuhr Kenhon bet einem Laute zusammen, den er nicht recht agnoszieren konnte, gleich darauf erbleichte er: es war daS Plätschern eines Tropfens, der langsam von dem hängenden Kopf auf die Wachstuchmatte gefallen war. Die schwüle Lust des ZimmerS wurde ihm mit einem- mai unerträglich was war daS auch für eine Idee von Lavertisse, die Fenster zu schließen und die Rouleau herabzulassen? In der Befürch­tung. daß Miß Holten ohnmächtig werden könnte, eilte er zu dem nächsten Fenster und schleuderte das Rouleau in die Höhe. Selbst war ihm tn dem wunderlichen Halblicht des Zimmers nichl weniger als wohl zu Mute, und das schwere Aus. schlagen des Tropfens auf die Matte hatte ihn mit unbeschreiblichem Ekel erfüllt. Als er daS Fenster aufgebracht hatte und sich umwendete, um zu sehen, tote es Miß Holten ging, starrte sie noch immer die undeutliche Gestalt tn dem Älubfauteuil an. Als er einen Augenblick Öen Blick von ihr wandte, fiel er auf den Schreibtisch, wo ein weißeS Kuvert an einen Photographie- ftänöer gelehnt stand. Er nahm es, und ein leiser Ausruf weckte Fräulein Hollen aus ihrem dumpfen Schweigen.

(Fortsetzung folgt)