auSLden En nett Wenn fat Berlin die Freie deutsche Volksbühne am Silvesterabend für die vielen Hunderte ihrer Hörer Jahr für Jahr Beethovens 9. Symphonie aufführt, so tut sie es doch nicht um des Schluhchorcs willen, den man bei einiger Sophisterei als politisch ansprechen könnte, sondern zweifellos aus dem Gefühl heraus. daß diese Kunst eine ewige Wirkung haben wird.
Drittens' würde ich den Künstlern sagen, daß sie ihre Kunst nicht gar so problematisch auffassen, daß sie sich nicht verstandesmäßig so beschweren mögen, sondern daß sie mehr auf das eigene Gefühl und die eigene Seele lauschen mögen.
Viertens: unserer Jugend, soweit sie sich der künstlerischen Laufbahn widmet, würde ich sagen: Laßt euch in eurer Arbeit, die if)t_ mit genau so viel Hingebung leistet wie früher, nicht allzu sehr verwirren von all den vielen Strömungen, die euch fortzureißen und zu verschlingen drohen. Lernt auf euch beharren, lernt, daß Ruhe und innere Sammlung für die künstlerische Entwicklung unerläßlich sind — denkt immer an das Dichterwort: „Bilde Künstler, rede nicht."
Fünftens: Wenn ich einmal der Herrgott wäre, würde ich unser Ausstellungswesen reformieren. Die Ausstellungen in ihrer jetzigen Form mit ihren Hunderten von Bildern zerstreuen und ermüden den 'Betrachter eher, als daß sie ihm eine Stunde der Sammlung schaffen. Als es noch keine Ausstellungen gab, so ungefähr vor zweihundert Jahren, stand die Kunstpflege in viel höherer Blüte. Der Kunstliebhaber ging in das Atelier des Meisters und sah sich das geschaffene Kunstwerk an, das er vielleicht bestellt hatte, er konnte in Ruhe sehen und genießen. Seitdem um IZZO die ersten Kunstausstellungen in Paris erfunden wurden, sind wir au immer größeren Ausstellungen gekommen, die ja sehr häufig nicht der Qualität, sondern der Quantität dienen müssen. Eine solche Bilderausstellung kommt mir vor, wie wenn ich Hunderte von Orchestern zu gleicher Zeit spielen lassen würde.
Sechstens: Wenn ich einmal der Herrgptt wär, würde ich für ein Weilchen einmal die Grenzen sperren für jene törichte Einfuhr von fremden Bildern, die nicht gekauft werden, weil sie gut, sondern weil sie ausländisch sind. Ich würde nur Meisterwerke herein- lassen, ich würde den Deutschen begreiflich machen, daß sie fremde Kunst importieren, aber kaum deutsche Kunst exportieren. Man sieht in Frankreich beispielsweise im Verhältnis sehr wenig deutsche Bilder.
Siebentens: Wenn ich einmal der Herrgott wär, würde ich jene alten Partrizierfamilien wieder schaffen, die in dem Deutschland Bodes die vornehmsten Kunstsammler gewesen sind. Ich würde weiter unseren Aristokraten des Geldes und der Geburt raten, einmal in England etwas zuzuschauen, wie außerordentlich die englische Aristokratie die englische bildende Kunst durch Sammlungen und Mittel unterstützt."
Dr. jur. u. phil. Erich Frey,
der bekannte Berliner Strafverteidiger:
„Wenn ich einmal der Herrgott wär, würde ich folgendes wünschen:
1. ein in wirklichem Deutsch geschriebenes Strafrecht:
2. ein Strafrecht, das gerecht wird dem Schaden, welchen der Täter durch feine Tat der Allgemeinheit zugefügt hat:
3. ein Strafrecht, welches gerecht wird der Stärke des Bewußtseins, mit dem der Täter , das Recht übertreten hat:
4. Richter, welche gerecht werdet: den Straffolgen, die zu übersehen sie imstande fein sollen:
5. die Lösung der Frage: Warum man straft?
Summa summa rum: Ein gerechtes Straf - R e ch t."
Prof. Or. Hermann Zondek,
der bekannte Berliner Arzt:
„Wenn ich einmal der Herrgott wär. würde ich auch im neuen Jahre nur eines tun: Medizin studieren. Spezialfach: Heilung des kranken Körpers der deutschen Wirtschaft. Ich bin nämlich der Ansicht, daß diese Gesundung der deutschen Wirtschaft das Fundament bildet für die körperliche und geiftigc Gesundheit des gesamten Volkes.
Walter von Molo,
der Präsident der Tichierakademie:
„Wenn ich einmal der Herrgott wär, ich würde, würde, würde ... und würde vermutlich ebenso beschimpft und mißverstanden werden von „Anbetern" und „Verächtern" ... und ich hielte es nicht so gut aus, wie er.
Wenn ich also einmal der Herrgott wär. würde ich dafür sorgen, daß ich es gleich nicht mehr wäre."
Earl Diem,
der Generalscktetär des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen:
„Ich würde die .T ä g l i ch e T u r n st u n d e" einführen, und zwar für Schüler u n d L eh - r e r , ich würde für jedes Dorf einen Spielplatz bauen und in jedem Städtchen einen Sportplatz, eine Schwimmbahn. — Ich würde bei der H e i - ratserlaubnisdaZDeutscheTurn-und Sportabzeichen fordern, und dann wäre ich gewiß, dah wir ein gesundes deutsches Volk bekämen."
Daten für Dienstag. 31. Dezember.
Sonnenaufgang 8.05, Sonnenuntergang 16.01. Mondaufgang 9.02, Monduntergang 15.56.
1747: der Dichter Gottfried August Bürger in Molinerswend am Harz geboren; — 1877; der französische Maler Gustave dourbet in La Tour de Peiltz gestorben; — 1899: der Operetenkomponist Karl Millöcker in Baden bei Wien gestorben.
Daten für Mittwoch, 1. Januar.
1484: der Reformator Ulrich Zwingli in Wild» haus, Schweiz, geboren; — 1618: der spanische Maler Bartoloms Esteban Murillo in Sevilla geboren.
Mademoiselle Docteur im Kriege.
3m französischen Feldlazarett.
V.
Aus dem neuen Buche: „Spionage!* von H. R. B e r n b o r f f. Verlag Dieck & To., Stuttgart.
In Deutschland aber holte man zum großen erfolgreichen Schlage gegen die feindliche Spionage aus.
Annemarie Lesser arbeitet wieder in Berlin. Die Erlebnisse der letzten Jahre sind nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Sie hat sich ein seltsames Leben anoewöhnt. Tagsüber bekommt sie niemand zu Gesicht. Auch Matthesius ist es nicht möglich, sie aus ihrem stillen Zimmer im dritten Stock des Hauses in der Könitzgrätzer Straße herauszulocken. Die wichtigste Nachricht erreicht sie nicht sofort, wenn sie am Tage einläuft.
Wenn der Abend dämmert, wenn die Lampen im brüten Stock des Hauses entzündet werden, erscheint sie. Sie kommt dann über die mit tiefen Teppichen belegten Korridore und setzt sich still an ihren Platz. Ihre Augen leuchten, ihr Teint glüht, Morphium und Kokain haben ihre Wirkung auf diesen Menschen nicht verfehlt, dessen Gehirn in diesen Nächten scharf, präzise und fast hellsichtig funktioniert. Sie ißt fast nichts mehr, ein paar Scheiben Toast mit Kaviar, den sie mit schwerem Burgunder aus großen eiförmigen Gläsern herunterspüll, ist ihre einzige Nahrung tagaus, tagein. Selten gelingt es Matthesius, der den Verfall dieser immer noch bildhübschen Frau mit Entsetzen sieht, sie zu bewegen, noch ein paar weiche Eier ihrem Menü beizusügcn.
3n dieser Verfassung empfängt sie in den Nachtstunden die in Berlin eintreffenben Agenten, nimmt ihnen ihre Meldungen ab, vergleicht sie, zeichnet, rechnet und ist unermüdlich in ihrer oerantwortungs- schweren Arbeit.
Die Schachfiguren auf dem großen Brett des Weltkrieges werden zum Endkamnf bereitgrstellt. Die Frühjahrsoffensive des Jahres 1918 durchschlägt die Front des westlichen Gegners. Was kommt nun? Das hängt zu einem nicht unerheblichen Teile von der Stimmung unter den Truppen des französischen Heeres ab, das hängt mit der Frage zusammen, wo wollen die Franzosen den Schlag, den sie erhalten haben, parieren und wieviel Kräfte stehen ihnen zur Verfügung? Wo wollen sie den Hebel zum Gegenstoß ansetzen?
- Flucht auf Tod und
Das zu erkunden, ist unendlich schwer. An den bedrohten Stellen, überall da, wo die deutschen Trup- pen die feindlichen Linien durchbrochen haben, ist das Heer des Gegners so weit zurückgezogen, daß nur die vorgeschobenen Posten beider Armeen eine flüchtige Fühlung miteinander haben. Diese vorgeschobenen Posten sind beim Gegner besonders stark, ein dichter Schleier verhüllt die Marschoperationen bert eigentlichen Truppe, die deutsche Oberste Heeresleitung befindet sich im unklaren, was der Gegner vor hat. Diese Unkenntnis wiegt um so schwerer, als man nun befürchten muß, daß man bei einem Großangriff des Feindes an einer bestimmten Stelle, erst zeitraubende Truppenoerschiebungen vornehmen muß, um ihm mit Erfolg begegnen zu können. Die neuen Agenten in Frankreich schlafen zwar nicht, man erhalt aber nur Nachrichten aus vereinzelten Abschnitten, aus denen man die Gesamtlage nicht kombinieren kann.
Da holt Mademoiselle docteur zu ihrem letzten großen Schlage aus. Sie gelangt zuerst nach Spanien. Es ist unbekannt, und es laßt sich heute schwer nachprüsen, ob die Fama recht hat, die behauptet, daß sie borüjin an Bord eines Unterseebootes gekommen ist. Ihren Weg in dieses Land weiß man nicht genau, sie selbst kann darüber auch keine Auskunft mehr geben.
Fest steht aber, daß sie im späten Frühling des Jahres 1918 in Barcelona erschien. Sie war in der etwas auffallenden Tracht einer Südamerikanerin, sie war die Gattin eines Plantagenbesitzers aus den amerikanischen Südstaaten, die sich den fpanifdjen Stellen des Roten Kreuzes zur Verfügung stellte und große Summen von ihrer heimallichen Plantage mit- brachte, die dazu dienen sollten, die Wunden des Krieges zu mildern.
Sie entfaltete eine zielbewußte, umfangreiche Tä- tigkeit. Ihrer Energie gelingt es, ein paar Frauen zu veranlassen, um die Erlaubnis der Reise einer spanischen Roten-Kreuz-Delegation durch die Feldlazarette der französischen Armee nachzukommen. Nur aus Frauen wird diese Delegation bestehen, diplo- malische Beziehungen werden in die Waagschale geworfen, Vorstellungen werden erhoben, es dauert geraume Zeit, aber schließlich wird den Spanierinnen die Erlaubnis zu dem Plane gegeben.
Leben
Niemand tum den sieben Frauen, die außer Anne«- Marie Lesser an dieser Fahrt teilnehmen, ahnt auch nur im entferntesten, was es mit der vornehmen, aber etwas exaltierten und reichen Südamerikanerin, die jetzt in ihrer Mitte weilt, wirklich für eine Be< wandttns hat.
Man stellt eine Autokolonne zusammen. Lebensmittel, Wäsche und Genußmittel werden auf zwei große Lastautomobile verladen, zwei schwere Personenkraftwagen werden besorgt und die Fahrt beginnt
Die Reise geht die Westfront entlang. Don Feldlazarett zu Feldlazarett, von Etappenort zu Etappenort fährt die Kolonne der mUbtätigen spanischen Damen, von den franMschen Offizieren ritterlich empfangen und geleitet. Von Süden nach Norden geht die Reise zurück von Norden nach Süden, immer ein paar taufend Meter hinter den vordersten Feldlazaretten entlang. Auf der Rückreise kommt man eines Abends, es ist jetzt schon in der Mitte des Monats August, in ein kleines Feldlazarett an der Marne, das die Offiziere und Krankenschwestern „St. Marie de Notre Coeur" getauft haben.'
In dieses Lazarett sind im Laufe des Tages eine große Anzahl Verwundeter eingeliefert worden, Offiziere und Mannschaften, die bei einem plötzlichen Angriff der Deutschen verwundet wurden. Das Feldlazarett ist überfüllt. Auf die Frage der spanischen Damen an den Chefarzt, was sie für die Verwundeten tun könnten, erwidert der Arzt lakonisch: „Mit anfassen". Die Damen lassen sich das nicht zweimal sagen, die Automäntel fliegen herunter, weiße Lazarettkittel treten an ihre Stelle, und die Schwesternschaft dieses Lazarettes hat eine plötzliche, aber erwünschte Verstärkung erhalten.
Annemarie Lesser wird der Oberschwester zugeteilt, sie erhält die Aufgabe, die Verwundeten, die von den Dperations* und Verbandstischen der Aerzte kommen, in einem großen Zell zu betten. Mehr als 100 Feldbetten stehen bereit, um die Unglücklichen aufzunchmen.
Aus dem Operationsraum bringen die Träger zwei Offiziere. Einen französischen Generalstabskapitän, der bei einer Autofahrt hinter der Front eine Schrapnellkugel in die Schulter erhielt, und einen belgischen Sappeuroffizier, der zu Jnformattons- zwecken einem französischen Infanterieregiment zugeteilt war, und der jetzt mit einem Jnfanterie|chuß im Bein daliegt. Die Träger bringen die Bahren mit den beiden Offizieren in das Zell, die Oberschwester bemüht sich um den Kapitän und Annemarie Lesser faßt mtt an, um den belgischen Oberleutnant zu betten.
Sie schiebt ihm die Stiften unter dem Stopf zurecht, und der Offizier, trotz seiner Verwundung völlig wach und bei gutem Verstand, bittet um eine Zigarette, die man ihm aus der Tasche seines Waffen- rockes reichen solle. In dem Augenblick, in dem Annemarie Lesser sich über ihn beugt, um ihm Feuer zu geben, in diesem Augenblick stutzt der belgische Offizier. Die Farbe weicht aus seinem Gesicht, er starrt die Krankenschwester an, schlägt ihre Hand mit dem Streichholz zur Seite, ruft:
Ordonnanz, Kameraden, schnell her, es ist eine deutsche Spionin —
Der französische Generalstabskapitän ruft ihm unter Schmerzen zu: „Wer ist es denn? Wo ist die Spionin?"
Der Belgier zeigt auf Annemarie Lesser. Sie ruft:
„Reden Sie doch keinen Unsinn, ich bin ein Mitglied des Roten Kreuzes, ich bin aus den Südstaaten von Amerika hierher gekommen/ Sie ruft das mit einem gutmütigen Lachen und sie fügt hinzu: „Sie sehen Gespenster, mein Lieber!"
Aber ihr Herz krampft sich zusammen. Sie weiß, wer der belgische Offizier ist, der sie erkannt hat. Es ist Renä Austin, damals belgischer Leutnant, mit dem sie in Brüssel geflirtet, der sie schon einmal entlarvt und dem sie mit knapper Not an Bord eines holländischen Schleppkahns enttarn.
Der Belgier läßt fid) nicht täuschen. Er richtet fid) hoch in feinem Bett auf und schreit, daß das ganze Personal zusamn^enläuft und die Verwundeten unruhig die Köpfe drehen: „Ich weiß es ganz genau.
unter, und siehe, da, die beiden allen Fräulein schienen über die Stufen hinwegzuschweben, ohne sie zu berühren, aber das mochte ein Geheimnis der Winterdämmerung sein.
Im zweiten Stock vor dem Zimmer Rr. 57 machten sie halt. Fräulein Amelie schloß mit einem kleinen Messingschlüssel die Weiße Tür auf und sagte: ..Run, Clementine, riechen meine Zwiebeln nicht gut? Ich lasse sie noch ein wenig nachdünsten. Geschmorte Zwiebeln sind doch ein wahres Himmelsfutter!" — And sie öffnete die Tür der Heinen Gasküche, schaute in den Topf, rührte um, während Fräulein Klementine ein schwarzes Lorgnon hervorzog und einen schnellen Blick in den Aluminiumkochtopf warf.
Fräulein Amelie ging zur Tür, schloß ab und zog den elektrischen Draht der Klingel aus einer Kupferschlinge. ..Run, meine Liebe," sagte sie, „sind wir von dem Profanen des Tages verschont," ,
Beide glitten in das kleine Wohnzimmer, das mii zierlichen Möbeln des Spätrokokos eingerichtet war. Ganz unwirklich war dieser Raum mit seinen vergoldeten Stühlen, bem geschwungenen, rosadamastenen Sofa, den chinesischen Vasen auf kleinen Konsolen, einem ovalen Stand- spiegel, der fast Menschengröße besaß und ein wenig zu feinen Gelenken hin- und herschaukelte. Zwei Bilder zeigten zwei sehr schöne Damen in der Tracht der Zeit, die eine in Gold-, die andere in Silberbrokat gekleidet. Fräulein Klementine schaute aus und nickte.
„Damals galten wir noch etwas," sagte sie, „damals nahmen uns sogar die Erwachsenen ernst, und das alles verdankten wir unferm lieben Poeten Perrault!"
Qh, Klementine, die Menschen von heute zaubern mit Elektrizität, haben das Fliegen gelernt, musizieren rund um die Erde herum!" Und dabei wies sie auf ein paar Kopfhörer, die in einem seidengeflochtenen lila Körbchen lagen.
Fräulein Klementine nickte. „Gewiß, meine Liebe, wir sind abgedankt, sitzen im Fräulein- stift, haben es warm und gemütlich, lesen die Zeitungen, vernehmen vom Leben unb haben den heimlichen Stolz, doch etwas anderes zu fein als diese Menschen!"
Bei diesen Worten tarn aus ihrem weiten Qlermel eine Hand hervor, die man sicherlich für die Hand einer Fünfundzwanzigjährigen gehalten hätte.
Fräulein Amälle lächelte. ..Wachen wir es uns beide bequem," sagte sie, öffnete einen Schrank und entnahm ihm einige Kleider. Die Damen gingen in das Schlafzimmer. Eine Leine Rokokouhr, die ein porzellanene« Posthaus bar- ftellte, öffnete sich. Viermal läutete sie Hing, kling, kling, Hing! und heraus fuhr der Postillion, und eine Spieluhr fang: „Malborough s’en va-t-en guerrc!“
Wieder öffnete sich die Tür. In zwei chinois- seidenen, rot- und goldgewebten Oetoänbern, mit weißen Turbanen, die mit Diamantagraffen geschmückt waren, traten die beiden Damen wieder ein. Ihre Bewegungen waren leicht beschwingt. Das waren nicht mehr die alten Fräulein aus dem Stift, das waren zwei junge maskierte Wesen aus einer andern Zeit. Beide lächelten einander an. Amelie hatte eine Mouche über der linken Augenbraue, während Klementine die Mouche im Grübchen der rechten Wange trug.
„Run wollen wir zaubern!" sagten sie unb hoben die Hände. Da sprangen die grünen Zweige aus der grünen Tapete lebendig hervor und wölbten sich über dem Zimmer zu einer Gartenhecke. Sommerrosen blühten, die kleinen Paradiesvögel hüpften aus dem Rand der Tapete hinauf in die Zweige, Meisen gefeilten sich dazu und zwitscherten. Zwei Kakadus wiegten sich in Ringen.
Don einer schwarzen Marmorsäule schwang sich ein kleiner schwarzer Sklave mit Goldkrone herab, kreuzte die Arme vor den Damen und fragte: „Befehlen Ihre mächtigen Hoheiten Kaffee oder Tee?"
..Kaffee!" befahlen die Damen. Der kleine Sklave eilte hinaus in die Küche. Bald hörten sie eine Mühle knarren.
„Also meine liebe Feekusine," fragte Klementine, „was hast du gestern abend für einen Sll- vesterscherz den Menschen mitgebracht?"
Amelie zog aus der Tasche einen Spiegel heraus, einen dieser kleinen runden Spiegel, wie sie die Damen brauchen, wenn sie die Gesichtstoilette au machen pflegen.
„Wie merkwürdig!" tief Klementine. „Dasselbe habe ich auch den Menschen mitgebracht!" Und sie zog einen ähnlichen Spiegel hervor.
Beide schauten sich an und fragten gleichzeitig: „Was hat dein Spiegel für eine geheime Kraft?"
Amelie zwinkerte ein wenig mit den Augen, sc» daß die Mouche auf der Stirn hin und her hüpfte, und sagte: „Mein Spiegel hat die Cigen- tümlicbfeit, daß er dem Menschen ein Traumbild erstehen läßt, in dem er alles sieht, was im nächsten Jahre geschehen soll, so wie er es wünscht. Ich habe große Erfolge gehabt. Ich war zuerst bei Fräulein von Rasch Sie ist dir doch bekannt als die lustige Lautensängerin, die im letzten Winter so beliebt geworden ist. Und sieh, ich versetzte dies Mädchen, als es ausgehen wollte, in Schlaf, nahm feine Gestalt an und begabte eS zu träumen von dem, was es unternehmen wollte, ging in die Gesellschaft des Herrn Generaldirektors Botheim. Als um 12 Uhr die Silvester scherze begannen und Blei gegossen wurde, begann cch mit meinem Spiegel zu kokettieren, und ich sage dir. es war eine fröh
liche Märchenstimmung, in die die ganze Gesellschaft hineingeriet. Fünfzig Leute fühlten, das neue Jahr würde ihre Wünsche erfüllen, unb die kleine Rasch wird sehr glücklich werden. DaS ist das Feengeschenk für sie ins nächste Jahr."
Klementine wiegte den Kopf, schürzte ihre Lippen und sagte ein wenig herb: „Halte ich für bedenklich, liebe Amölie. Ich habe in meinem Spiegel das Geheimnis gebannt, daß die Menschen ihre Zukunft wirklich sehen. Zuerst war ich bei dem Herrn Staatsminister, als er sich gerade rasierte, und schob meinen Spiegel vor den seinen. Als er sah. was das nächste Jahr ihm bringen würde, schnitt et sich vor Schreck. Aber innnerhin, er weiß, was ihm bevorsteht. Dann schwang ich mich in meinem bewährten Zauber- mantel durch die Straße und kam in eine Dar. wo die Menschen schrien und johlten. Ich lieh den Widerschein meines Spiegels in die große Fensterscheibe fallen. Sie starrten in den Hellen Fleck und sahen dort alles, was ihnen geschehen würde. Und die einen weinten und die andern lachten. Ich bin emsig gewesen die Rächt über, war in der Reujahrsstunde bei vielen, denn ich meine, die Menschen müssen früh genug die Wahrheit erkennen."
Amelie schüttelte den Kopf. „Du bist sehr bitter geworden, Klementine," sagte sie.
„Soll man nicht bitter werden," murrte Klementine, „wenn man nur einmal im Jahre die alte Feenkraft bewähren kann? Ich bin viel zu tätig gewesen in meinem Zauberleben, und ich bin sehr ungern alte Stiftsdame, um überhaupt noch unter den Menschen weilen zu können."
„Wer wird nun wohl das Bessere gestiftet haben mit feinem Spiegel?" fragte Amelie. „Ein ganzes Jahr müften wir darauf warten."
Klementine schüttelte den Kopf. „Rein, wozu finb wir Feen? Befragen wir die Kanzlerin."
„Sie könnte uns nach den Regeln des Bundes abberufen," meinte Amelie, „so daß wir nicht mehr unter den Menschen weilen dürfen. Und wie schön es auch auf unferm Feenstern ist. die Menschen sind doch sehr interessante Geschöpfe."
Älementinc richtete den Kopf auf. erhob sich, schritt zu dem ovalen Spiegel, legte beide Härrde auf die glatte Fläche, und siehe da, der Spiegel riß und öffnete sich und zeigte den Eingang in ein zierliches Rokokoportal. Alsbald erklangen Glöckchen, und von weih- und silbergekleideten Pagen geleitet kam in einem hellblauen Gewand, mtt einem goldenen Krönlein auf dem Kopf, die Kanzlerin des Feenreichs hereingeschritten.
Sie lächelte etwas überlegen und sagte: „Weine lieben Feen, ich wußte, daß ihr mich heute berufen würdet, um mich zu befragen, wer den Menschen das bessere Geschenk gebracht hat. Klementine, kannst du denn niemals deine sonst so liebenswerte Eigenschaft verleugnen, die Erzieherin zu fein? Glaubst du beim. Menschen
können erzogen werden? Ebensowenig wie dir das bet der kleinen Feenprinzessin Pürpüse gelungen ist, ebensowenig gelingt es dir bei den nieöern Menschenwesen. Sehen sie ihre Zukunft, so erschrecken sie, aber sie glauben nicht daran.
Du, Amälie verstehst dich auf das Geschlecht, unter dem du lebst, besser. Alle deine Menschen haben einmal im Leben Erfüllung ihrer Wünsche für das nächste Jahr gesehen unb wenigstens eine gute Stunde gehabt. Qlbet vor der Enttäuschung vermagst du sie nicht zu bewahren. Würden wir die Spiegel vereinen, dann wäre es ein rechtes Feengeschenk. Der Mensch könnte dann selbst zwischen Wunsch und Schicksal wählen. Aber wer unter den Menschen wäre dieser Wahl gewachsen?
Darum befrage ich euch im Ramen meiner Gebieterin, der Königin, wollt ihr mit mir zurück- wandeln und euch ausruhen von diesem Erdenleben, oder darin weiter beharren? Die Menschen der Tage brauchen Feen nicht, und Ujr selbst lebt doch sehr mühsam dahin."
Im Augenblick schwanden die Feengewänder, die Blumen kehrten in die Tapeten zurück, der kleine Mohr stand wieder auf feiner Säule-
Zwei alle Fräulein saßen kopfnickend auf dem Sofa. Ein wenig abgeblaht sah der Samaft der Möbel aus, nut die Spiegelpforte stand noch offen.
„Wolll ihr mit mir kommen?" fragte die Kanzlerin. Da wackelten die beiden alten Damen mit den Köpfen und sagten: „Liebe Fürstin Rid Es Sün, lassen Sie uns noch ein Weilchen hier, es ist sehr schwer, einen so behaglichen Ort. an bem man lange gelebt hat, zu verlassen." Und Arnölie fügte hinzu: „Auch haben wir ben Rundfunk. bet uns mit allen Orten ber Erde verbindet."
„Lebt so glücklich ihr könnt im neuen Jahr!" sagte die Feenkanzletin. „Wenn es vorüber ist, komme ich wieder!" Unb das Tor des Spiegels tat sich zu.
An ber Tür klopfte es. — „Herein!" riefen die beiben und sagten: ..Wie gütig, Fräulein v. Siebenspeer, uns aufzusuchen!'^
„Ich muh den beiden Kusinen doch zum neuen Jahr gratulieren!“ und sie schüttelten einander die Hände.
Fräulein v. Siebenspeer schnüffelte in 6er Lust. „Was haben Sie hier für einen feinen Geruch?" fragte sie.
„Ein Reujahrsgeschenk!" sagte Amalie.
Lochschulnachrichten.
Ernannt wurde Professor Dr. Andreas D- Schwarz von der Universität Zürich zum ordentlichen Professor für römisches und deutsches bürgerliches Recht an der Universität Freiburg i.D.


