Nr. 305 Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Dienstag, 3t Dezember (029
Stadt und Land.
Don Or. Gerele-Preffel, Präsidenten des Deutschen Landgemeindetages, M. d. RWR.
3e mehr in den letzten Jahren von der Notwendigkeit einer Volksgemeinschaft geredet worden ist. um so mehr haben wir uns offensichtlich von ihr entfernt. 3e mehr von allen Seiten die Schicksalsverbundenheit zwischen Stadt und Land betont wurde, um so tiefer wurden die Klüfte, die sich zwischen beiden aufgetan haben. Manchmal möchte es fast scheinen, als seien alle theoretischen Erkenntnisse über Zusammenhalt und Zusammenarbeit in Deutschland nur dazu da. damit in der Praxis genau das Gegenteil gemacht würde.
Ein Wort darüber, wie dringend erforderlich die Lleberbrückung politischer, wirtschaftlicher, fo- ziFer und kultureller Gegensätze für unser Volk und Vaterland ist. dürfte sich eigentlich erübrigen. Wichtiger erscheint es im Augenblick, noch einmal die Ansprüche des Landes anzumelden und kurz zu begründen, weshalb heute das Land dasR-cht und diePslicht hat. besondere Ansprüche zu erheben und durchzukämpfen — auch auf die Gefahr hin. daß dadurch vorübergehend die Gegensätze vertieft werden. Es gibt eigentlich kaum ein Gebiet', auf dem das Land gegenwärtig nicht in verhängnisvoller Weise hinter den Städten, vor ollem den Großstädten, zurückgestellt und benachteiligt wird, sowohl wirtschaftlich wie kommunalpolitisch, aber auch allgemein-poli- tisch. Seit 3ahrzehnten betreiben wir eine Wirtschafts- und Bevölkerungspolitik, die im Gegensatz zur weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Lage Deutschlands einer ungesunden äleber- Industrialisierung und Zusammenballung von M en schen m a s sen in der Großstadt die Wege ebnete, statt darauf bedacht zu sein, die Grundlage der deutschen Wirtschaft. die Landwirtschaft, den 3ungbrunnen des Volkes, das Landvolk, die Urzeiten des Staates, die Landgemeinden. leistungsfähig und kraftvoll zu erhalten, d. h. also die bodenständige Wirtschaft, Bevölkerung und Gemeinde. Es ist erstaunlich, welche Unkenntnis heute in weiten Kreisen über den Anteil herrscht, den diese drei Gruppen schon rein zahlenmäßig in Deutschland haben. Gewiß ist es verständlich, daß einer Großstadt imponierende Gröhe rein äußerlich betrachtet Tausend von Landgemeinden in den Schatten stellen kann. Gewiß wirkt ein modernes 3ndustriewerk mit gewaltigen Hallen und ragenden Schornsteinen plastischer als Hunderte von Bauernhöfen. Gewiß sticht rein äußerlich der vielgeschäftige und vielgewandte Großstädter den Mann vom Lande aus — aber diese Vergleiche bleiben, wie schon gesagt, rein an der Oberfläche haften. Trotzdem haben sie sich, begünstigt durch bestimmte politische und wirtschaftspolitische Tendenzen, weit mehr durchgesetzt, als es der deutsche Staat und die deutsche Wirtschaft noch lange vertragen können.
Es ist erst wenige 3ahrzehnte her, seitdem in Deutschland die Stadt — wirtschaftlich wie bevölkerungsanteilsgemäß — das absolute Ueber- gewicht des Landes brach, bis schließlich das Land nur noch in der kommunalen Gliederung einen kleinen Vorsprung behielt, wobei immerhin besonders unterstrichen werden kann, daß die Einwohnerzahl der Landgemeinden heute noch ungefähr die gleiche wie die der Städte ist. Das Anwachsen der Städte, der staunenswerte Auf- bau einer Riefenindustrie waren aber wirtschaftlich weitgehend und in der Arbeitskraft ausschließlich vom Lande her ermöglicht worden. Das Land hat jahrzehntelang wertvollste und beste Kraft hergegeben, ohne dafür entsprechende
Silvester-Notlandung.
Von Or. Friedrich Koch-Wawra.
3ch wollte nach Berlin starten und wartete geduldig im Flughasencafe zu Böblingen. Da endlich kam der Wetterdoktor Daubert von seinem Turm heruntergestiegen und rief durchs Fenster:
„Sie können starten! Das Tief ist westwärts abgezogen. Maintal klar. Thüringerwald 1000 Meter Sicht."
Wir sahen zu dritt am Fliegertisch. Prohaska, der sparsame Tscheche, der eine unversicherte Maschine fliegt, fragte nach dem Böhmerwold.
„ilnb wie stehts in der Rhön?" fragte Sei- bold. der dicke Hannoveraner.
Dr. Daubert tat etwas, was er selten wogt. Er munterte uns auf. Das Wetter wäre überall prima, und es sei durchaus zu empfehlen, möglichst bald abzuschwirren. Ec garantierte sozusagen.
3aro Prohaska, mißtrauisch, wie Tschechen oftmals sind, nannte olle Wetterdoktoren Schießbudenfiguren und riet dem Hannoveraner ab, während er das 'Schachbrett neu besetzte.
3ch aber glaubte; denn ich hatte es eilig. 3ch wollte spätesteps vor Dunkelheit zu Hause sein, um beizeiten die Silvesterbowke zu brauen.
Ich ziehe also meine Maschine auf den Platz, lasse den Motor mit allen Touren laufen, kontrolliere Benzin, Oel und 3nstrumente, verpacke mich gut in Pelz und Leder, stecke zwei Butterbrote und eine Flasche Kassee in Greifnähe, schnalle meinen Körper fest an den Sih und rolle zum Start. Der Luftpolizist sieht das Bordbuch nach.
„Wohin soll ich abfertigen?"
„Berlin — ohne Zwischenlandung."
Ich überprüfe noch einmal den Kompaßkurs, Mißweisung und Deviation, rolle die Korte on und sehe auf die ilhr. 10 ilhr 14. Der Schuhmann hebt die Rechte. Ab dafür!
Meine Maschine geht sehr schnell auf 1000 Meter. Startzeit 6 Sekunden, Steigzeit 5 Minuten. Das heißt: Binnen 6 Sekunden hebt sie sich vom Erdboden ob, in 5 Minuten kann man sie auf 1000 Meter bringen.
So schwebe ich von dannen. Wenn mancher nur wüßte, wie einfach und gefahrlos das Fliegen ist. etwa im Vergleich zum Motorradsport, bei Gott — die deutsche Sportfliegerei wäre um zehn Jahre weiter.
Jetzt sehe ich Heilbronn links im Reckartal liegen und fliege genau kursmähig über den bunten Steinbaukasten Mergentheim an der Tauber. Es ist zwölf ilhr mittags, als ich bei Schweinfurt den Main überfliege. Ich verzehre meine Butterbrote und trinke den heißen Kaffee. Eine überaus zufriedene Stimmung kommt über
Gegenleistungen zu erhalten. Warnend ist vom bevölkerungspolitischen und wirtschaftlichen Stand- punkt immer wieder von Freunden des Staates und des Dolksganzen darauf hingewiesen worden, daß die dauernde Schwächung des Landes d i e Gefahr einer Katastrophe für das Ganze einmal akut werden lassen muß. aber die Warnrufe sind bisher beinahe ungehört verhallt. Dabei sollten doch die dauernd steigenden Arbeitslosenziffern, die Betriebsstillegungen in der Industrie, die sozialen Spannungen in der Stadt, auf der anderen Seite die Unrentabilität der Landwirtschaft, d i e Abwanderung vor allem aus den gefährdeten östlichen Grenzgebieten eine nur allzu deutliche Sprache reden! Diese Schwierigkeiten lassen sich zweifellos nicht alle auf einen Generalnenner bringen, aber sie hängen doch weitgehend zusammen mit der Disparität zwischen Stadt und Land.
Man kann im Augenblick nur der — zwar wenig erfreulichen — Hoffnung sein, daß die in den Großstädten immer mehr spürbar werdenden Folgen des wirtschaftlichen und völkischen Abgleitens des Landes zu einem Umschwung führen. Ein Teil unserer Großstädte hat infolge des rapiden Geburtensturzes schon keinen Geburtenüberschuß mehr, sondern teilweise einen Sterbe
überschuß. Vorläufig liefert das Land noch aus feinem Ueberschuß, der die Großstädte trotzdem weiter wachsen läßt. Aber auch auf dem Lande sind zum Teil die Geburtenziffern erheblich gefallen. Was geschieht bann, wenn bas Land einfach keinen Ueberschuß mehr abgeben kann? Es gibt Bevölkerungspolitiker, die hier Ansätze zu einer Gesundung sehen wollen. Die Sache hat aber eine sehr bedenkliche Kehrseite, und rein wirtschaftliche Rechnungen gehen dabei nicht auf.
Dazu kommt ein anderer Gesichtspunkt, den die Ueberspannung politischer Gegensätze, die sich aufs Wirtschaftliche übertrug, viele völlig vergessen ließ: Die Schicksalsverbundenheit der produktiv schaffenden Arbeit in Stadt und Land, d. h. die Verbundenheit von Arbeiter und Dauer. Arbeiter und Bauer find diejenigen, auf denen am drückendsten die Lasten ruhen, die ein Staat zu tragen hat. Sie sind entweder an den Boden oder an die Grenzen gebunden, denn auch der Arbeiter in der Großstadt kann sich den Lasten nicht entziehen, die innerhalb der nationalen Grenzen zu tragen sind. Wenn je das Wort von der Schicksalsgemeinschaft auf zwei große Gruppen zutreffend war, so ist es heute der Arbeiter uno Bauer. 3n beiden großen Gruppen müßte, wenn vor
wiegend wirtschaftliche Vernunftgründe sprächen, die Erkenntnis sich Bahn brechen, daß die extreme politische Betrachtung und der rein politische Kampf dem klar erkennbaren gemeinsamen Gegner ermöglicht, sie beide politisch und wirtschaftlich zur Ohnmacht zu Verurteilen. Der Bauer ist von Qlatur aus national, weil jeder, der mit der Scholle verbunden ist, einfach national fein muh. Großen Teilen der deutschen Arbeiterschaft wird vorgeworfen, sie seien international eingestellt. Es ließe sich manches dazu sagen; in diesem Zu- sannnenhang genügt es, festzustellen, daß dem an die Grenzen gebundenen, für die nationale Wirtschaft schaffenden Arbeiter eine internationale Gesinnung nicht von benen vorgeworfen werden kann, die in ihrer wirtschaftlichen Betätigung nicht an nationale Grenzen gebunden sind und sie vielfach auch vom nationalen Standpunkt betrachtet. nicht respektieren.
Man redet so oft von dem Vorrecht der Politik über die Wirtschaft. Diese Auffassung i" aber nur bedingt gültig. Sie findet jedenfalls ihre Widerlegung bann, wenn politische Unvernunft die wirtschaftliche Vernunft erschlägt. Das Deifpiel Stadt und Land, besonders aber Arbeiter und Bauer, erbringt heute vielleicht den besten Beweis dafür.
„Wenn ich einmal der Herrgott war.. " Neujahrswünsche für das deutsche Volk.
Selbst für den nüchternsten Menschen kommen mitunter Augenblicke, in denen er wünscht, das Schicksal nach seinem Willen lenken zu können. Die Silvesternacht ist eine Wunschnacht, und das Reich der Phantasie läßt in solchen Stunden Wünsche lebendig werden, die wir klugen Erwachsenen sonst als unerfüllbar gar nicht aus- zusprechen wagen. Und weil gerade unser deutsches Volk eine Anzahl solcher Wünsche auf dem Herzen hat, haben wir einige hervorragende Männer und Frauen gefragt, was sie dem deutschen Volke zum Reujahr wünschen würden, wenn an ihnen der Vers des alten Studentenliedes Wahrheit würde: „Wenn ich einmal der Herrgott wär..."
Krau Katharina von Oheimb,
die bekannte Parlamentarierin:
„Vielleicht habe ich einen gewissen historischen Anspruch darauf, die Silvesterumfrage zuerst zu beantworten, denn ich selbst bin ein Silvesterkind. Ich bin meiner Mutter sozusagen gerade in die Silvesterbowle herein- gefallen, denn als die Glocken des alten Quiri- nusdoms zu Reuh am Rhein das neue Jahr einläuteten und Böllerschüsse von den alten Festungswällen dröhnten, machte ich mich auf den Weg. Ilnb weil ich fo zwischen den Jahren geboren bin, hat sich eine bemerkenswerte iln- sicherheit über mein Geburtsjahr eingeschlichen. Ich stehe im Standesamtsregister noch vom Jahre 1879, im Kirchenbuche aber vom neuen Jahre 1880 her stammend, eingetragen. Vielleicht war der Standesbeamte, als mein Vater mich anmelden ging, noch etwas in rheinischer Silvesterstimmung und die Eintragung wurde darum falsch. Wer kennt die Launen des Schicksals, die so entstehen können? Meine liebe Mutter jeben» falls, die es ja wissen mußte, schilderte immer wieder meine Geburt in Verbindung mit Sil- vesterbowle, Glockengeläute, kurz nach zwölf ilftr. Jedenfalls stehe ich, wie es auch sei, zum Jahreswechsel und Jahresanfang in besonderem Ver
hältnis. — Wenn ich einmal der Herrgott wäre, so würde ich für einige Jahre zunächst einmal wieder der Verbündete Deutschlands werden. Allzulange, so scheint es mir, war Gott der Verbündete der ©läubigerlänber. Als Verbündeter Deutschlands also und als Herrgott würde ich unfern Gläubigern einmal klar und deutlich sagen: „Wenn Ihr ein neues Europäer- tum. einen wirklichen Weltfrieden anstrebt, so seid auch gegenüber den Schuldnern gerecht und gebt ihnen Gleichberechti- gung.“ Den Frauen von Deutschland würde ich befehlen, sich um ihre Rechte zu bekümmern, damit auch Ehefrauen und Mütter in der Familie eine wirkliche Gleichberechtigung haben und nicht eine solche, die auf dem Papier steht."
Siegfried von Kardorff,
der Vizepräsident des Reichstags:
„Wenn ich einmal der Herrgott wär. würde ich dem deutschen Volle endlich beibringen, daß es sich staatspolitisch konsolidieren muß. Den bürgerlichen Parteien würde ich sagen: „Zieht endlich einen Strich unter die Vergangenheit, schafft endlich eine Verbindung zu einander in der Gegenwart, in der wir leben und wirken müssen. 2m Interesse Deutschlands stellt das Trennende in den Hintergrund, das Verbindende in den Vordergrund. Schafft durch Bereinigung und Verfeinerung des politischen Kampfes eine Derlehrsmöglichkeit zwischen Öen bürgerlichen Parteien." Denn nur so können wir Fortschritte machen. Rur so werden wir auch in der Finanzpolitik den innerpolitischen Ausgleich finden und dazu gelangen, die Privatwirtschaft vor Experimenten durch Staat und Kommune zu schützen. Denn nur so können wir die Wirtschaft lebensfähig machen. Der Zusammenbruch der Wirtschaft, welcher unter den jetzigen Verhältnissen ernstlich zu befürchten ist, ist nicht nur unheilvoll für Staat und Unternehmer, sondern in viel höherem Maße noch für die Arbeitnehmer im weitesten Sinne.
Alles das würde ich. wenn ich einmal der Herrgott wäre, versuchen, dem deutschen Volke klar zu machen — hoffentlich würde das Volk auf mich hören. Gott sagt: „Jeder ist Arbeiter" — aber heute will jeder Handel treiben oder Beamter fein — da fehlt die beste Qualität: nämlich durch Arbeit Steuern verdienen für Arbeitnehmer und Beamte."
Prof. Dr. Arthur Kamps, der Direktor der preustischen Akademie für die bildenden Künste:
„Wenn ich einmal der Herrgott wär, würde ich zuerst einmal für öic Gesundung unserer Wirtschaft sorgen. Obwohl mich die Wirtschaft als Künstler an sich eigentlich nichts angeht, liegt es doch auch für mich klar, daß eine gesunde Kunstpflege nur dort gedeihen kann, wo die notwendigsten wirtschaftlichen Lebensbedürfnisse eines Volkes erfüllt sind. Hätte ich diese gesunde Basis für eine neue Blüte der Kunst geschaffen, fo würde ich ferner für folgendes sorgen:
Erstens: daß unsere Künstler etwas weniger nach dem Ausland schielen, daß sie sich weniger abhängig besonders von den Franzosen machen. Daß sie schaffen aus dem eigenen volksmäßig bedingten Empfinden heraus.
Zweitens: würde ich den Künstlern ilar machen, daß Politik nichts mit Kunst zu tun hat. Die Kunst ist um ihrer selbst willen da. Je mehr sie aus sich s e l b st schöpft und aus den Tiefen der wahrhaft künstlerischen Seele, um so mehr wird sie auch die wahrhaften Seelen aller Volksschichten ohne ilnterschied der Partei ergreifen können. In diesem Zusammenhang muß man immer wieder betonen, daß die beste Kunst für das Volk gerade gut genug ist. Die Abhängigkeit aber von zeitlichen Problemen, der Politik, die kollektivistiiche Kunst, wie sie gerne genannt wird, wird ihre Wirkung immer nur auf Zeit, Und zwar auf eine begrenzte Zeit,
mich, als ich satt und warm in den perlmutter- grauen Mittag fliege, aus dem Sonnenstrahlen wie Messerbündel zucken.
Ich begegne einem großen Bussard, der offenbar meinen Kurs kreuzen will. Solche Begegnungen sind nicht sehr beliebt. Denn ein Vogel im Propeller — das kann schweres Unheil bringen. Die rotierende Masse des Propellerholzes wird zentrifugal mit einer solchen Kraft nach außen geschleudert, daß der Propeller sogar an einem simplen Spatzen zersplittert. Ich weiche also bereitwillig dem Vogel aus, gehe gern um fünfzig Meter herunter. Der Vogel gleitet mit. Ich breche nach oben aus, der Bussard hinterher. Ich knalle die Maschine steil gegen den Wind, hänge mit 80 Grad in der Kurve, der Vogel wartet das Manöver ab und kommt wieder zu mir. Ich schieße wie ein Habicht herunter, fliege neben einem O-Zug her; der Herr Bussard folgt mir auf den Fersen. Da tue ich gar nichts mehr und mache dem Tier die Silvesterfreude: es schwebt neben meinem Prvpellerwind gratis mit: ein geflügelter Rassauer. Auf der Höhe von Koburg habe ich den Vogel verloren. ...
Roch gute drei Stunden bis Berlin. Ob ich im vollen Tageslicht noch werde landen können? Ich gebe ein Zähnchen Gas zu. Da plötzlich fängt's an: Brrr-zick, brrr-zick. brrr-zick. ... Ein Zylinder macht nicht mehr mit. Das wohltuende. singende Surren hat unangenehme Zwischentöne. Bald setzt auch der zweite Zylinder aus. Ich werde fürchterlich böse auf Armbracht, den Lausejungen, der sicher gestern abend das Oel nicht abgelassen und heute morgen statt mit angewärmtem Frischöl den Motor mit dem eiskalten, zähen Schmieröl zu Tode geschlaucht hat. Run ist die Bescherung da. Alle Scheußlichkeiten eines zerstörten Lagers können jetzt über mich kommen. Gebrochene Pleuelstangen, heißgelaufene Kurbelwelle, gebrochene V entilfeöem, feftgeHemmte Kolben. Kabelbrüche ... es ist nicht auszudenken. Rur herunter und nachsehen, was los ist!
Fliegen heißt landen können. Wenn ein Flugzeug 1000 Meter hoch liegt und ohne Motorkraft herunter soll, kann es eine zehnmal fo große Strecke, also 10 000 Meter weit gleiten. Liegt der Platz, auf den man aufsehen will, näher als 10_ Kilometer, muß man die Strecke in so zweckmäßigen Kurven ausfliegen, daß man genau in- Öen Platz hineinkommt; Öenn ein Flugzeug kann nur in einem ganz beft mmten Winkel den Erdboden angleiten. Hat man das ein paar hundertmal gemacht, fo ist auch das Landen nicht schwerer als Schwimmen oder Radfahren.
Ich fasse ein längliches Rasenstück ins Auge; das beste, was im ilmkreis von 10 Kilometer zur Verfügung steht. Also los auf das Rasenstück neben dem Häuschen, wo mir der Schornsteinrauch so trefflich die Windrichtung über Grund
angibt! Ich finge den Fliegermarsch, pfeife das Lied vom Vater Radehki und spirale herunter, der Mutter Erde zu und tröste mich mit der Gewißheit: Oben geblieben ist noch keiner! Sie sind alle wieder heruntergekommen. Es fragt sich nur — wie.
Roch 50 Meter, 40, 30, 20... Abfangen, aus- schweben, aussehen! Roch einen Meter weiter, und ich wäre gegen einen Gartenzaun gerollt. Ich springe heraus und stürze an den Motor. Das alte Jahr beschert mir die letzte Freude. Dem Motor fehlt gar nichts. Die Züicdung ist verstellt.
Als ich den Verteiler offne, kommt ein gütiger Mann auf mich zu, ganz Backenbart und graue Koteletten, darauf ein grünes, spitzes Jäger- Hütchen. Ein Hund mit müden Schlappohren schleicht nebenher.
„Kann ich Ihnen helfen?"
„Ja, warten Sie einen Augenblick und helfen Sie mir. die Maschine zurückzurollen bis an die Hecke! Ich muh in der gleichen Richtung starten."
Die grauen Augen messen mit väterlichem Wohlwollen erst mich, dann meine Maschine.
..Hier starten? Sehen Sie mal dort drüben hin auf das Stoppelfeld! Ich werde Leute holen und Ihre Maschine dorthin bringen lassen. Da haben Sie einen halben Kilometer glatten Start. Die paar Büsche werde ich umlegen lassen."
So kann nur ein gewiegter Kenner sprechen.
..Ich muß dringend nach Berlin, Herr Oberförster."
„Sie müssen — man glaubt Vieles zu müssen in der Jugend, wenn der Himmel am blauesten und die Welt am schönsten und die Last öcr Enttäuschungen nicht schwer ist. Ich bin ein alter Kriegsflieger, junger Mann, und möchte Ihnen den guten Rat geben: Bleiben Sie bei mir im Forsthaus bis morgen! Telephonieren Sie nach Hause! Ich werde unterdessen Ihre Maschine zudecken und festbinden lassen. Bewachung für die Rächt bekommen Sie auch. ilnd morgen starten Sie dort drüben. Aber wenn Sie durchaus müssen — ich helfe Ihnen auch dabei."
Es ist. als hätte ein überaus gütiger Vorgesetzter zu mir gesprochen. Verzichten auf ein ganzes Silvesterprogramm — so etwas tut man nicht gern; doch diesem Forstmann zu widersprechen, das würde ich nicht wagen, und wenn ich 100 000 Flugkilometer hinter mir hätte...
Auf dem weißgedeckten Tisch im Försterhaus brennen sieben Kerzen um einen knusprigen Wildschweinskopf. Ein selbstgekelterter Hagebuttenwein gibt der Bowle die solide Basis. Der Forsteleve Cchtermaher spielt Klavier. 3m Ofen prasseln die Duchholzscheite. Ein Geruch von Tannenzweigen und gebackenen Aepfeln hüllt das altertümliche Zimmer in ein würziges Aroma und Sattheit und Wohlbehagen.
Als im Radio die 3ahreswende verkündet Wird, ergreift der Oberförster meine beiden
Hände und läßt die fliegerische Diskussion in einen Reujahrswunsch ausklingen.
„Richt wie ein offenes Rasiermesser durchs Leben rennen, junger Freund! Langsam! Ein tüchtiger Flieger ist ein bedächtiger Flieger. Ein Prosit auf unseren Gast und seine brave Maschine!"
Abergläubisch, wie Flieger nun einmal sind, schleiche ich hinaus in die sternenklare Silvesternacht und gieße meiner wackeren Maschine auch ein bißchen Bowle an den glitzernden Leiv. Etwas auf die Tragflächen, ein bißchen auf den Steuerknüppel und den Rest auf das Sorgenkind, den Zündverteiler.
Oie Gtistsseen.
Eine Silvestergeschichte.
Von Friedrich Freksa.
Winterdämmerung stand in der geweihten Treppenhalle des Altfräuteinstifls. Eine alte Dame in schwarzseidenem Kleid und Häubchen stieg langsam und leise die mit grünem Linoleum belegten Stufen der Muschelkalltreppe hinab, während sich gleichzeitig in der dunkeln Wand des Mittelgeschosses zwei geweißte Türen öffneten, aus denen zwei andere schwarzseidene Fräulein sich über den dunkelgrünen Boden geräuschlos zur Treppe bewegten. Alle drei stießen im gleichen Moment vor der letzten Stufe zu- «sammen.
„Mein liebes Fräulein Klementine! Mein liebes Fräulein Amelie!" klang es von der Treppe herab. — „Mein liebes Fräulein Franziska! Ein fröhliches neues 3ahr!" ertönten zwei dünne Stimmen.
Rach dem Durcheinander der Ramen stiegen die Glückwunschsilben des neuen 3ahres zitternd im Treppenhause empor und verfangen.
Die drei alten Fräulein nickten einander zu.
„Habe eben bei Fräulein Report einen Reu- jahrsbesuch gemacht!" sagte die eine. — „War bei Fräulein Tiburtius!" die andere. „Habe Fräulein Kibusch besucht!" klang es von der Treppe.
ilnd dann nickten alle Drei sich wieder zu.
Die von der Treppe herabkommende Dame verneigte sich und zog geräuschlos dem Ausgange zu. der sich ebenso geräuschlos hinter ihr schloß.
Die beiden zurückgebliebenen Fräulein lächelten einander an.
„Liebe Amelie!" sagte die eine. „Liebe Klementine!" die andere.
älnd sie erhoben die Hande in Brusthöhe, spreizten die Finger und berührten sie tippend. 3m Augenblick reckten sie ihre schwarzen Gestalten. ihre Augen glänzten. Reckend sagten sie gleichzeitig: „Heute werden wir ja sehen, wer recht behalten hat, meine Liebet" faßten cinantet


