Ausgabe 
30.9.1929
 
Einzelbild herunterladen

uon Auslandanleihen: dies sei auf die Dauer un- haltbar. Außerdem werde die Möglichkeit der Sach­leistungen durch den Youngplan wesentlich ver­ringert. Der Redner kam dann auf die Möglichkeit des zweijährigen Zahlungsaufschubs zu sprechen und zeigte dessen ungünstige Auswirkung. Weiter unter­zog er die im Poungplcm vorgesehene Aufsichts- rontrolle einer eingehenden Kritik, besprach die ge­plante Einrichtung einer Bank für internationalen Zahlungsausgleich und erläuterte das von einzelnen Finanzkreisen erstrebte Ziel der Weltwirtschaft. Das Ziel des deutschen Volkes sei, sich wirtschaftlich völ­lig frei zu machen. Deutschland müsse für sich selbst sorgen. Der Redner kam dann auf die Kriegsschuld­lüge zu sprechen und klagte darüber, daß die poli­tischen Parteien sich hier nicht genug wehren. Im Haag sei die Leistungsmöglichkeit Deutschlands über­haupt nicht erwogen worden. Im Reichstag blieben

die außenpolitischen Fragen durch innerpolitisches Gezänks unbeachtet. Wir müßten wieder zur Macht kommen, denn ohne Macht gäbe es keine Politik. Es müsse ein einheitlicher Wille des Volkes vorhanden sein, wir brauchten einen Führer. Es fehle das Ideal der Selbsthingabe in dem Gedanken an unsere Kin­der, wir müßten uns wieder wert und würdig ma­chen. Wenn wir uns wieder als Schicksalsgenossen fühlen würden, dann werde Deutschland auch wieder auferstehen. r,, ,

An den etwa zweistündigen Vortrag schloß sich eine sehr lebhafte Aussprach«, an der sich außer Studienrat Dr. Blank auch zwei sozialdemokra­tische und ein kommunistischer Redner beteiligten. Die Versammlung verlief teilweise recht stürmisch, doch konnte die Veranstaltung dank dem besonnenen Vorgehen des Ueberwachungsbeamten bis zum Schluß durchgeführt werden.

Turnen, Sport und Spiel.

Oie süddeutschen Fußballspiele.

Sn Süddeutschland ruhten gestern die Ver- bandsspiele vollständig. Es war im ganzen Ver- bandsgebietOpfertag", die gesamten Einnahmen aus den 700 mc£r oder weniger wichtigen Ote- präsentativ- und Städtespielen, die in großen und kleinen Zußballzcntren abgehalten wurden, flössen Humanitären und ähnlichen Zwecken zu.

Auch das Revanchespiel Süddeutschland gegen Westdeutschland im Frankfurter Sta­dion war in den Rahmen des Opfertages mit» hereinHenommen worden. Bei herrlichstem Wetter vor 12 000 Zuschauern schlug der wesentlich bessere Süden seinen ehemaligen Bezwinger aus dem Vorspiel in Duisburg (2:5) mit einem überlegen 7:3, Halbzeit 3:0. Das Treffen wickelte sich vor­bildlich fair ab und zeigte namentlich auf Sud» deutschlands Seite gute Leistungen, aber auch der Westen war keineswegs schlecht.

In dem Münchener Spiele Rordbahern gegen Südbayern war wohl der Rorden mit seiner Elf aus den bekanntesten Spielern als Sieger erwartet worden. Der Sieg desSüdens mit 4:3 Toren kommt daher durchaus über» raschend. Die bessere Stürmerlcistung der Mün» chener gab den Ausschlag.

Augsburg gewann gegen Münchens rest­liche Auswahlelf einen moralischen Erfolg mit seinem 2:2. Ulm ließ sich von einer weiteren Münchener Mannschaft 2:3 besiegen.

Sn Stuttgart gab es ein Treffen zwischen Stuttgart und Frankfurt. Hierbei zeigten die Frankfurter ein wunderbares Feldspiel, in dem die überleaene Läuferreihe zugunsten von Frankfurt den Ausschlag gab. 3:2 lautete der verdiente Sieg der Frankfurter. Germania Dröhingen schlug Phönix Karlsruhe 5:4, der K. F. V. Karlsruhe erlag dem ö. C. Pforzheim erneut mit 1:2 Toren. Das Städte­spiel Rastatt gegen Baden-Baden endete 3:0 S. C. Freiburg gegen Sportfreunde Freiburg 0 ' V Offenburg gegen F. C. Freiburg 1:1.

Fußballkampf

Oüffeldorf- Paris 4 :1 (1:0).

Die 12 000 Zuschauer dieses Spiels in Düssel­dorf waren von den mäßigen Leistungen der sehr schwach aufgestellten französischen Mann­schaft sichtlich enttäuscht. Rur der Torwart der Gäste, der bekannte Lozes, zeigte gutes Kön­nen, konnte aber auch nicht die berechtigte Riederlage verhindern. Immerhin konnte er bis zur Pause das Spiel auf 0:1 halten, dann aber erzielten die Deutschen noch drei weitere Tore, während die Gäste nur einmal einschießen konn­ten. Zunächst führten -;e Düsseldorfer mit 4:0, erst kurz vor Schluß kamen die Franzosen durch ' ihren Internationalen Dufour zum Ehrentore.

Fußball Länderkamps

Norwegen-Schweden 2:1.

Norwegen schlug gestern Schweden zur allge­meinen und größten Ueberraschung mit 2:1. Da es in diesem Jahre bereits Dänemark und

Finnland schlagen konnte, wurde es durch seinen erneuten Ländersieg skandinavischer Fußball­meister im laufenden Jahre. Von den seitherigen 31 Spielen zwischen den beiden Ländern ge­wannen die Schweden 19, unentschieden endeten? und nur 5 gingen verloren.

Deutsch-englischer Schwimmländerkamps.

Ein unentschiedenes Ergebnis.

Auch der zweite Teil des deutsch-englischen Schwimmländerkampfes, der am Samstag im Rahmen der englischen Mererschaffen in London ausgetragen wurde, endete unentschieden. Zwar konnten die Deutschen in der 4X200-Vards-Frei- stilstaffel mit 8:51,6 Minuten eine glänzende Zeit heraue chwimmen und die Engländer mit einem Vorsprung von 7 Sekunden schlagen, dafür fiel aber der Sieg im Wasserballspiel an die dabei vom Glück begünstigten Engländer. Beide Parteien lieferten sich einen harten und span­nenden Kampf, der mit 1:0 (0:0 endete. Die deutsche Mannschaft war dabei ihrem Gegner vollkommen ebenbürtig und hätte mit etwas Glück auch den Sieg erringen können.

Floreitwettfechten in Bensheim.

Das alljährliche Iunioren-Floretturnier der Gruppe III des Deutschen Fechterbundes wurde am gestrigen Sonntag in Bensheim mit großem Erfolg von dem dortigen jungen Fechtklub durch­geführt. In den drei Vor- und sechs Zwischen­runden wurden die Endrundenteilnehmer er­mittelt. Don diesen stellten Mainz und Wies­baden allein fünf, während drei Offenbacher und ein Frankfurter den Kreis schlossen. Als beste Junioren zeigten sich Stark FC. Offen­bach, Iewarowski Hermannia Frankfurt und Werbert, Mainz, der allerdings von den beiden anderen schließlich überflügelt wurde. Die beiden ersteren muhten um den Endsieg einen Stichkampf ausiragen, den Stark gegen Iewa­rowski mit 5:4 Punkten knapp gewann. Vierter blieb Adam Wiesbaden, 5. Cron, Wiesbaden, 6. Schickert, Mainz, mit je vier Siegen. 7. Vetri, Wiesbaden, mit drei Siegen vor den Brüdern R. und I. Kirth, Offenbach, mit je einem Sieg. Letztere kamen als Anfänger beträchtlich weit nach vorne.

Motorradrennen in Frankfurt.

Die gestrigen Motorradr'nnen auf der Frank­furter Stadionbahn erfreut : sich wieder eines überaus starken Besuches. 10 -00 Zuschauer waren Zeuge spannender Kämpfe, die sich zu einem Duell zwischen dem Meisterfahrer Hans S o e - nius (Köln) und seinem alten Widersacher Joseph Klein (Waldkirchen) zuspihtcn. Den Stadionprcis über 10 und 15 Kilometer gewann im Gesamtklassement Klein, nachdem Soe- nius den 1. Lauf über 10 Kilometer an sich gebracht hatte. Da. Rennen um dasBlaue Band" über insgesamt 25 km sah am Schluß S o e n i u s in Front. Ergebnisse: Preis vom Stadion 10 Kilometer: bis 250 ccm: 1. Soenius, Köln (Ut/Jap), 5:31,0 QUin.; 2. Klein, Waldkirchen (DKW); 3. Wemhöner,

Hannover (Goericke); 2. Lauf: = 15 Kilo­meter: 1. Klein (DKW), 7:55 Min.; 2. Soe­nius 300 Meter; 3. Bartels 700 Meter. Ge- samtergebnis: 1. Klein, Waldkirchen auf DKW 8 Punkte; 2. Soenius (Ut/Jap) 8 Punkte; 3 Bartels, Waldkirchen (DKW) 3 Punkte. Das Blaue Band 1. Lauf = 10 Kilometer: bis 350 ccm: 1. Soenius (Indian) 4:59Min. (120 Stundenkilometer); 2. Dertua, Italien auf Frera 130 Meter; 3. Wemhöner, Han­nover auf Goericke (320 Meter); 4. Klein (DKW) 900 Meter. 2. Lauf =15 Kilo­meter: 1. Soenius, Köln, 7:34,2 Min.; 2. Klein, Waldkirchen, 850 Meter; 3. Wemhöner, Han­nover, 1550. Gesamtergebnis: 1. Soenius, Köln, auf Indian, 10 Punkte; 2. Klein (DKW) 4 Punkte; 3. Wemhöner (Goericke) 4 Punkte. In den Grasbahnrennen, die zum ersten Male auf der Stadionbahn zum Austrag gelangten, siegten Irion, Karlsruhe, Steinweg, Münster, und Franke, Frankfurt a. M.

Oberheffen.

Obstausstettung in Lich.

} Lich. 30. Sept. (Eigener Drahtbericht des Gieß. Anz.) Die von dem Obst- und Garten­bauverein Lich in Verbindung mit dem Kirch- w e i h m a r k t im Rathause veranstaltete O b st - ausftellung mit Prämiierung kann als wohlge­lungen bezeichnet werden. Die Eröffnung sand gestern vormittag 11 Uhr in Anwesenheit eines gro­ßen Interessentenkreises statt. Geöffnet ist die Aus­stellung bis heute abend. Der erste Ausstellungstag hatte bereits einen großen Besuch aufzuweisen, am heutigen Haupt-Kirchweihmarkttage wird ein noch größerer Besuch erwartet. Die Ausstellung ist sowohl in Tafelobst, wie auch in Wirtschaftsobst von hervor- ragender Qualität und außerordentlich reichlich be­schickt. Es sei nochmals auf die außerordentlich gün­stige Kaufgelegenheit für Konsumenten hingewiesen. Es konnte bereits gestern eine rege Nachfrage, teil- weise von auswärts, festgestellt werden. Ausführ­licher Bericht folgt.

Landkreis Gießen.

X Wieseck, 29. Sept. Das Turmkreuz unserer Kirche hatte sich in der letzten Zeit bedenklich geneigt. Eine unter Leitung von Bau­inspektor Kögel vorgenommene Prüfung des Sachverhalts durch die Firma Lapp in Gießen zeigte, daß es höchste Zeit zum Eingreifen war. Der bereits 1925 neuvergoldete Turmhahn wurde gereinigt und heute wieder glücklich auf seinen hohen Standort gebracht. Da das Gerüst nun ein­mal aufgeschlagen, wird auch die Reubeschieferung einiger Teile des Turmhelms vorgenommen, die sich als notwendig erwies. Aus einem durch Rost teilweise zerstörten Kästchen kamen einige früher eingelegte Schriftstücke zum Vorschein, die teilweise stark unter dem Zahn der Zeit gelit­ten haben und daher nicht mehr vollständig zu entziffern waren. Glücklicherweise wurde ein Be­richt desSchuldieners und Gemeindeschreibers" Johann Melchior Sommeriad vom 17. Ok­tober 1765 über die Schicksale der Gemeinde im Siebenjährigen Krieg, in ein Kästchen des Kir­chenknopfes eingelegt, früher schon abgeschrieben und bei unserer Ortschronik aufbewahrt. Die älteste Urkunde vom 9. Juli 1736 besagt, daß das Kreuz damals neu gemacht worden ist. Eine weitere, von Pfarrer 5>r. Jochem unterzeich­net, vom August 1867 meldet, daß nach Zer­störungen durch Bliheinschlag vom 24. Juni jenes Jahres u. a. der alte Hahn durch einen neuen, mit einem Rumpf versehenen, erseht wurde,um künftig besser als Wetterfahne zu dienen". Eine Urkunde vom 14. September 1894, unterzeichnet von Dekan Wahl, meldet die Herabnahme des wackelnden Hahnes und seine Reuvergoldung; ein gleichzeitiges Schriftstück seiner Kinder und derer des damaligen Lehrers Wehl streift die Zeitereignisse und bittet, beigelegte Münzen und Briefmarken aus der Zeit von 1871 bis damals nach Auffindung wieder an ihren hohen Auf­bewahrungsort zu bringen. Dieser Bitte wurde entsprochen, mit einer neuen Urkunde Münzen und Briefmarken der neueren Zeit beigelegt und alles in einer von der Firma Lapp gelieferten und verlöteten Kupferrolle verwahrt.

/ Mainzlar, 30. Sept. Am morgigen 1.Ok­tober tritt unsere Krankenschwester Elisabeth Grölz nach 34jähriger Dienstzeit in den wohl­verdienten Ruhestand. Schwester Grölz, deren Mutterhaus das Elisabethen-Stift zu Darmstadt ist, trat am 1. Oktober 1895 in den Dienst, und zwar zunächst als Dekanatsschwester für bie Ge­meinden Mainzlar, Daubringen und Staufen­berg. Als Gemeindeschwester wurde sie im Jahre 1923 von den Gemeinden Mainzlar und Daubrin­gen übernommen. Der Entschluß, vorzeitig in den Ruhestand zu treten, dürfte ihr sicherlich schwer gefallen sein Schwester Grölz steht erst im 55. Lebensjahre, denn sie hing mit großer Liebe an ihrem der Allgemeinheit dienenden Be­rufe. Ein körperliches Leiden, das sich schon seit der Kriegszeit und dann infolge einer Grippe in immer stärkerem Auftreten zeigte, zwangen jedoch die immer nur um das Wohl ihrer Mitmenschen Besorgte, ihren -Dienst nun­mehr aufzugeben.

z Aus dem Busecker Tal, 28. Sept. Das Ende dieser Woche bringt für die Kartoffel­ernte den Abschluß. Sie kann als eine vorzüg­liche in bezug auf Qualität und Quantität be­zeichnet werden. Die Güte der Kartoffeln wäre sicher noch eine viel bessere, wenn die Ernte nächt zu früh eingesetzt hätte. Die Obst­ernte ist noch im Gange. Späte Apfelsorten sind noch zu ernten. Die Aepfel sind z. T. etwas kleän geblieben. Diele wurmstichige gibt es darun­ter; diese sind aber durch den starken Wind kürzlich geschüttelt worden. Die Rachfrage nach Winterobst ist nicht sehr stark; viel Obst wird ge­keltert. Zwetschen gab es reichlich; sie find in diesem Jahre besonders süß. Hier und da wird schon mit der Einkellerung der D i ck - Wurz begonnen; obwohl die Zeit dafür noch nicht gekommen ist. An Gartenerzeug- nissen stehen die Tomaten an erster Stelle; ihr Behang war vorzüglich, und sie reiften sehr gut aus. Grüne Dohnen konnten nur kurze Zeit geerntet werden; aber seine Saatbohnen kann jeder selbst pflücken. Im übrigen kommt es im Garten darauf an, ob fleißig gegossen worden ist oder nicht.

dt. Orünberg, 29.Sept. In unserer Stadt ist die seltene Tatsache zu verzeichnen, daß 5 5 Per­sonen im Alter von 7 5 und mehr Jah­ren zusammen ein Alter von 4 4 0 0 Sati­ren repräsentieren. Es sind alt: eine Person 88 Jahre, zwei je 87, eine 86, zwei je 85, drei je 84, zwei je 83, drei je 82, drei je 81, drei je 80, fünf je 79, sieben je 78, sechs je 77, fünf je 76 und zwölf je 75 Jahre. Unter diesen hochbetagten Mitbürgern befinden sich auch vier Ehepaare, die zusammen 631 Jahre zählen, nämlich Etiepaar G ö r n e r t 164, Ruhl 158, Lang 155 und Pfeffer 154 Jahre.

# Aus der nördlichen Wetterau, den 29. Sept. Die Kartoffelernte ist beendet. So schnell wie in diesem Jahre sind wohl selten die Kartoffeln eingebracht worden. Die vermehrt in Tätigkeit getretenen Kartoffelerntemaschinen im Ver­ein mit der trockenen Witterung ließen die Arbeit gut vorankommen. Wenn auch der Ertrag nicht die Höhe der beiden letzten Jahre erreicht hat, so wird die fehlende Menge doch durch die Güte der Knollen mehr als ausgewogen. Faule Kartoffeln gab es dieses Jahr überhaupt nicht. Bereits hat man hier mit der Bestellung der Wintersaat begonnen; das erste Korn wurde gesät. Zur Streckung des Grünfutters beginnt man schon jetzt mit dem Einfahren der Dickwurz. Das Kraut und die übrigen Wintergemüse haben sich noch nicht so entwickeln können, daß mit einer ganz knappen Ernte gerechnet werden kann. Der Handel mit schleswig-holstei- nischem Kraut hat erneut eingesetzt. Während ein Zentner vor drei Wochen noch 20 Mark kostcle, ist der Preis jetzt über 12 auf 4,80 Mark gefallen.

Kreis Büdingen.

-T- Ridda, 28. Sept. Sein 60. Geschäfts­jubiläum kann in diesen Tagen das Schuh- haus Lampas begehen. Aus kleinen An­fängen entstanden, konnte es sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem größeren Unternehmen ent­wickeln, das sowohl bei der hiesigen Geschäfts­welt, als auch in Verbraucherkreisen eine beacht­liche Stellung einnimmt.

SerFavpompejuspym.

Hon Paul Rosenhayn.

4 Fortsetzung Nachdruck verboten

Lilian Stone schien die Frage überhört zu haben.Am 14. Juni erhielt ich einen Brief von Frau Mac Comb. Darin flehte sie mich an, Wilbur Perry freizugeben. Sie wolle mir alles, was sie' habe, zu Füßen legen."

Das war vermutlich die übliche Phrase," lächelte O'Sarbigan.

Der Himmel ist also mit Ihnen im Bunde gewesen," nahm der Verteidiger das Wort.Denn in jener Rächt ist Ihre Rebenbuhlerin ums Leben gekommen, und Ihr Verlobter war Ihnen zurückgegeben?"

Lilian Stone schloß die Augen. Leise schüttelte sie den Kopf.Ich muß das Letzte sagen," murmelte sie.Ich darf es nicht verschweigen, vielleicht... vielleicht... 2n jener Rächt ist mein Verlobter mit Manuela Mac Comb verbrannt."

Der Staatsanwalt und der Verteidiger spran­gen auf.

Eine völlig neue Wendung!" sagte O'Cardigan atemlos.

Der Richter sah auf Lilian Stone, die bleichen Gesichts in ihrem Stuhl lehnte.

3oe Senkins zog ein Zeitungsblatt.2ch finde hier einen interessanten Artikel in derSun". Er ist betitelt:Die Kassandra von Reuyork."

Gelächter antwortete; Richter Higgins sah den Detektiv erstaunt an.Ich kenne den Artikel," sagte er.Zufällig sah ich vorhin, daß er unter den Geschworenen zirkulierte. Wollen Sie im Ernst vor diesem Forum von der Kassandra von Reuyork sprechen?"

3a, sagte 2oe Jenkins freundlich.

Der Richter zog nervös die Uhr und warf einen schnellen Blick auf Lilian Stone.Also bitte.

Ich höre, daß einige von Ihnen," sagte Joe Jenkins,von jener Kassandra wissen. Gleich­wohl möchte ich ein paar Worte über sie sagen: für die, die sie nicht kennen. In der Fünfund- vierzigsten Straße, Ost, irgendwo im fünften Stock/ wohnt eine Frau. Sie teilt ihren Beruf mit vielen Tausenden in dieser Stadt: sie ist Wahrsagerin. Das wäre an sich kein Grund, von ihr zu sprechen. Auch daß die Frauen der Wall-Street-Prominenten ihre täglichen Gaste sind, ist vielleicht nichts Besonderes. Aber diese Dame hat Aussprüche getan, die von einer selt­

samen Begabung zeugen: sie beschäftigt sich in täglichen Sitzungen mit dem Fall Pompejus Phm."

Aus dem Zuhörerraum kam Kichern; der Rich­ter hob unmutig die Hand.

Der Fall Pompejus Phm." fuhr Jenkins fort, ist, ich brauche es Ihnen nicht zu sagen, das Tagesgespräch von Reuyork. Jeder will erfahren, wie dieser Prozeß ausgehen wird; die Autos der vornehmen Kundinnen parken bis zur Queensbvro Subway-Station."

Haben Sie sie befragt?" erkundigte sich Hig­gins schmunzelnd.

Ich habe ste befragt, entgegnete Jenkins. Sie hat mir manchen Humbug erzählt..

Sehen Sie wohl!"

Und sie hat mir ferner einige Auskünfte ge­geben, die mich ein paar Stunden meiner Racht­ruhe gekostet haben. Ich will mich kurz fassen. Die Kassandra wie sie heißt, weiß ich nicht versank in Trance und schilderte mir unter Zuckungen und Stöhnen alle Einzelheiten der Unglücksnacht vom 13. auf den 14. Juni 1919.

Die hat sie in der Zeitung gelesen," sagte ein Geschworener.

Sie behauptet mit Bestimmtheit, Pompejus Pym sei unschuldig. Frau Mac Comb sei das Opfer eines tödlichen Unfalls geworden."

Der Staatsanwalt verschränkte die Arme mit verhaltenem Lachen.Ich konnte mir denken, daß es auf etwas Derartiges hinauslaufen würde. Die Partei des Angeklagten sieht ihre Sache verloren: jetzt versucht man es mit einem Appell an den Aberglauben."

Fast fürchte ich, es ist so, Mr. Jenkins," nickte Higgins.

Ich bitte um die Erlaubnis, die Kassandra von Reuyork hierherzubringen. Und ich bitte Sie, ihr jede Frage vorzulegen, die Sie für zweckmäßig halten."

Die einzige Frage, die ich für zweckmäßig halten würde," antwortete Staatsanwalt O'Car­digan,wäre die nach der Höhe der Summe, die man ihr für ihreProphezeiungen" gezahlt hat."

Ich muß die Sitzung unterbrechen," sagte der Richter, indem er nach dem Zeugenstuhl hinüberwies.Mrs. Lilian Stone ist ohn­mächtig geworden."

Die Lust im Gerichtssaal war dumpf und schwer. Draußen lagen schon die Schatten des frühen Abends. Wassertropfen perlten an den Fensterscheiben, das Licht der Glühlampen bohrte

sich flimmernd durch graue Dunstschwaden. Reue Kombinationen gingen flüsternd von Mund zu Mund; Richter Higgins, der eben mit den Ge­schworenen eintrat, war nervöser als am Vor­mittag. Er gab dem Gerichtsdiener einen Wink; die Tür ging auf, ein Mann in blauem Anzug, der Typ eines Seemanns, trat mit wiegenden Schritten an den Richtertisch.

Ich höre, daß Sie sich gemeldet haben, um eine wichtige Aussage zu machen."

Ja, Herr Richter. Zufällig liest mir mein Schlafbaas heute morgen was aus der Zeitung vor. Ich höre plötzlich: Clayton... Pompejus Pym... Halt, sage ich, was heißt das: Clayton ... was ist das für ein Feuer... ich habe näm­lich selbst in Clayton gewohnt, müssen Sie wissen, Herr Richter, ich kenne Pompejus Pym, und ich weiß auch von dem Feuer."

Was wissen Sie von dem Feuer?"

Der Zeuge wandte sich herum, zu dem Reger.

3a ... das ist er," sagte er nickend. ,,3ch entsinne mich ganz genau: er hatte eine Fackel in der Hand. Durch das Fenster des Haus­boots sah ich es: mit der Fackel ging er in der Pantry herum und setzte die Holzteile in Brand."

Das ist ganz unglaubwürdig," rief der Ver­teidiger erregt.Da kommt irgendein Fremder daher und behauptet etwas Ungeheuerliches. 3ch bestreite seine Angaben!"

Das Feuer loderte so verdächtig schnell auf, daß ich sofort sah: hier ist vorgearbeitet wor­den. Mit Petroleum, taxiere ich."

Und Sie wissen genau, daß es der Ange­klagte war?"

Wieder wandte sich der Zeuge zu dem Reger herum.So genau wie ich meinen Kopf kenne. Es war Pompejus Phm, der das Schiff in Brand gesteckt hat."

Was dieser Zeuge sagt, ist Wahnsinn! schrie der Verteidiger.

Der Richter wies gebieterisch auf den Reger. Was haben Sie dazu zu sagen?"

Der Reger erhob sich mühsam, die zitternden Hände auf die Barriere gestützt; im Saal wurde es totenstill. Langsam sagte er:

Dieser Mann sagt die Wahrheit."

Erregtes Murmeln schwirrte durch den Saal und erstarb plötzlich wieder, als der Richter mit heiserer Stimme fragte:

Sie bekennen sich also schuldig, Pompejus Phm?"

Zum Erstaunen de- Saales antwortete der Reger:

Olein.

Dann will ich 3hnen etwas sagen die Stimme des Richters schwoll zornig an:Dann erkläre ich Sie für schuldig. Und jeder Mensch in diesem Saal ist meiner Meinung. Dafür lege ich meinen Hut in den Ring."

Der Verteidiger, totenbleich, sichtlich außer sich vor Erregung, trat auf den Zeugen zu.Wie kommt es, daß Sie sich erst heute melden?"

Das will ich Shnen sagen, Doktor: an jenem Abend, am 13. 3uni 1919, war ich auf dem Wege nach Reuyork; ich hatte mich um einen Tag ver­spätet, mein Dampfer lag schon am Pier. Am nächsten Tage fuhr ich nach Australien; die ganze Zeit über habe ich im Dusch gelebt."

Sie haben diesem Prozeß," sagte der Richter, die entscheidende Wendung gegeben. Rehmen Sie dort drüben Platz."

Der Seemann nickte und schaukelte, nickt ohne selbstbewußt um sich zu blicken, gemächlich puf die Zeugenbank zu. ,

Eben wollte sich der Staatsanwalt zum Plä­doyer erheben, als die Tür aufging und 3oe Senkins eintrat.

Dringen Sie etwas Reues?" fragte der Rich­ter, ein wenig unmutig.

3a. Einen Zeugen, sagte 3oe ScnfinS,bet immerhin einiges weiß, was mir nicht unwicht.g scheint." Und indem er die Tür öffnete, winkte er einem Mann in Chauffeurkleidung herein.

3ch kenne Pompejus," sagte der Ankömmling, während er sich in den Zeugenstuhl niederlieh; ich kannte auch die verstorbene Frau Mae Comb; ich stand zu jener Zeit als Chauffeur in ihren Diensten. Die Sache ist die, daß Frau Mac Comb eine Feindin hatte; sie wohnte in der Siebenten Avenue, West,Rümmer 325; ich habe Frau Mac Comb drei- oder viermal vor das Haus gefahren."

Was für eine Feindin war das?" fragte O'Cardigan.Wie hieß sie?"

Das weih ich nicht."

Der Staatsanwalt zuckte geringschätzig die Ach­seln; aber der Verteidiger fiel ein:3ch glaube, daß dieser Zeug« mindestens so wichtig ist wie der vorige."

Vielleicht war es gar keine Feindin?" fragte der Staatsanwalt lächelnd.Vielleicht war es ein Freund? Vielleicht war es Mr. Wilbury Perry?"

Der Chauffeur schüttelte den Kopf. ,^jd) weih schon, was ich sage. Cs war eine Dame/Sie hat Frau Mac Comb selbst ans Auto gebracht."

Und woraus schließen Sie, daß es ein Fein­din und nicht eine Freundin war?"

(Schluß folgt.)