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Montag, 30. September 1929

Nr. 229 Zweites Statt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

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Oer Wahlkampf beginnt

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rektor der Deutschen Dank, davon ungefähr fünf Jahre lang der Sprecher auf den Generalver­sammlungen. Ein halbes Jahr vor seinem am 22. 3uni 1924 erfolgten Tod hat er sich dann in den Ruhestand zurückgezogen. Damit ist aber die Zahl der hervorragenden Direktoren dieses Unter­nehmens nicht erschöpft. Rach dem Tode von Georg von Siemens war Arthur von G w i n n e r die repräsentativste Persönlichkeit der Deutschen Dank, der seinerseits der Lehrmeister des Direktors Dr. von Strauß geworden ist. In dem vielköpfigen Aufsichtsrat der Deutschen Dank vereinigen sich die maßgebendsten Persön­lichkeiten der deutschen Wirtschaft.

in Ibis 2 Tagen färbt 80470 juroer Straße 40.

schen Dank. Siemens hatte auch einen anderen Direktionskollegen wesentlich beeinflußt, den schon im Jahre 1874 in die Deutsche Dank ein­getretenen Max Steinthal, der seinerseits wieder Lehrmeister von Mankiewih gewor­den ist. Paul Mankiewitz trat im Jahre 1879, 21 Iahre alt, als kleiner Beamter in die Deutsche Dank ein. Er hatte im Reich gelernt und saß nun unbeachtet in einem Durcau der Groß­bank, eine Rümmer, keine Persönlichkeit. Es war ein besonderer Glücksumstand, daß er eine sehr entfernte verwandtschaftliche Dezichung zu Max Steinthal feststellen konnte, der ihn an die Dörse versetzte, wo er sich zu einem Börsenfachmann ersten Ranges entwickelte. 26 Iahre war er Di-

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Deutschlands größte Bank.

Oasvereinigie Erbe von Hansemann und Siemens. Wo Helfferich,Mankiewitz und Gwinner gewirkt haben.

Don Herbert Ruland.

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Oiejungen" Dichter warten!

Don Hanns Martin Elster.

Seltsame Gegensätzlichkeit dieser Zeit^von Ehr­furcht und Tradition will die deutsche Menscyhell heute nur wenig wissen, ja sie bekampft den Willen zur Tradition, und sie schilt dre Erziehung zur Ehrfurcht. Doch zugleich läuft sie dem großen Ramen nach: sie jubelt dem Ramen auf dem Sportplatz zu, und sie staunt den Namentrager an wo immer sie ihm begegnet. Die Literatur einer Z»ti und ihr Widerhall im Publikum ist von jeher charakteristisch für Leben und Wesen Denken und Gesinnung Wollen und Wünschen einer Generation gewesen Heute herrscht auch bier dir Anbetung des altberuhmten, seit zwei L mehr Jahrzehnten anerkannten Namens vor und hindert, daß man fich-m ruhiger Hingabe, m liebender Aufnahmebereitschaft nur dem. W e r k e widmet, gleichgültig, ob ein Namhafter oder Ramenloser schrieb. Der berühmte Rmne bedeutet den Zeitaenossen Reklame und Empfehlung genug, um seine geistige Produktion fast ^£^9 Schöpfung Ramenloser vorzuziehen: bedenkenlos und verantwortungslos. . . *

So hat sich die in den Iahrhunderten der Kulturentwicklung noch nie Wirklichkeit gewesene Erscheinung herausgebiwet dah der berühmte Dorkriegsname das Feld des Gebens beherrscht. Richt nur in der Literatur und Kunst, sondern ebenso in Politik und Wirtschaft: es ftnd die alter als ,Sechzigjährigen, die beim Ausbruch des Weltkrieges vierzig fünfzig und wehr Iahre zählten und damals durch die gesunden Enttvick- lungstendenzen die Stufenleiter des Ruhmes er­klettert hatten: sie haben heute Ohr und Augen des Publikums. Man braucht nur festzustellen, daß bei allen politischen Parteien, mit Aus­nahme der Deutschvölkischen und Kommunisten, die Führung der Parteien in den Händen^ Sech­zig- bis Siebzigjähriger liegt- ^ird man braucht nur dem Lebensalter der Stratz. Rudolf Herzog, Ganghofer. Ernst Zahn, Clara Dieblg, Lagerlof, Gerhart Hauptmann, Laufs, Schnitzler, Keller­mann. Sudermann, Frensseu kurzum iener Publikumslieblinge, deren alte und neue Werke Hunderttausende von Auflagen erleben, nachzu-

_ Durch ein technisches Versehen wurde in der ^amstagausgabe unter dieser Ueberschrift ein Aufsatz veröffentlicht, der das ThemaIta­lienische Kolonialpol i t i k in Li­byen" behandelte. Verfasser des Aufsatzes war Georg Baron Manteuffel.

Ein sechzigjähriger Kampf um den Dorrang hat sein Ende gefunden. Die Deutsche Dank, die bet ihrer Gründung im Iahre 1870 nicht mit der schon 14 Iahre vorher errichteten Disconto- Gesellschaft verglichen werden konnte, aber bald ihre Dorgängerin eingeholt und in den letzten beiden Iahrzehnten übersl.igelt hat, ver­einigt sich in diesem Augenblick mit der Dis- conto-Gesellschaft und vollzieht damit den größten Dankenzusammenschluh der deutschen Finanz- geschichte. Reben diesem Ereignis verblassen alle Fusionen der letzten Zeit, nicht nur die Ueber- nahme der Osnabrücker Dank im März dieses Jahres und die Aufsaugung der Hildesheimer Dank im Ianuar 1928 durch die Deutsche Bank, sondern auch die Angliederung der Mitteldeut­schen Creditbank an die Commerz- und Privatbank A.-G. vor einem halben Iahr. die überall be­rechtigtes Aufsehen erregt hat: sogar der Zu­sammenschluß der Darmstädter und der Rational- Bank, durch den Jacob Goldschmidts Hausmacht begründet worden ist, wird weit in den Schatten gestellt. Die neue Großbank mit einem Kapital von 285 Millionen und offenen Reserven von mehr als 150 Millionen Mark verfügt über nahezu 41/» Milliarden Mark ihr anvertraute Gelder: selbst bei vorsichtigster Beurteilung stcht damit fest, daß dieser Bant die Vorherrschaft in der deutschen Finanzwelt sicher ist auch ohne das geplante Bündnis mit der Rational City Dank of Reuyork, die eine der bedeutendsten und vielleicht sogar seit ihrer Kapitalserhöhung im September 1926 die größte Dank der Welt ist: dieses amerikanische Unternehmen soll einen be­trächtlichen Teil neu herauszugebendrr Aktien der deutschen Großbank erhalten und dadurch aufs engste mit Deutschlands gewaltigstem Finanz­institut verkettet werden.

Ein Aachener Wollhändler, der im Jahre 1790 geborene David Hansemann, ist der Grün- oer der Disconto-Gesellschaft. Er war ein betriebsamer Mann, der bald den Woll­handel aufgab, eine Feuerversicherungsgesell­schaft gründete. Handelsrichter wurde, sich wegen seiner sozialen Tätigkeit beim preußischen König mißliebig machte, dann aber als Abgeordneter so sehr hervortrat, -daß er schließlich Finanz­minister wurde. Rach seinem Austritt aus dem Kabinett gründete er die Disconto-Gesellschaft, in die ein Jahr darauf auch sein Sohn Adolf eintrat. Dem Kommerzienrat Adolf von Hanse­mann er war im Jahre 1872 geadelt wor­den ist der Aufstieg der Disconto-Gesellschaft in erster Linie zu verdanken. Er war keine blendende Erscheinung: er war von gedrungenem Körperbau, lispelte und machte in Gesellschaft eine schlechte Figur. Als ihn in einer General­versammlung ein Aktionär fragte, wie es um die Geschäfte einer sich ungünstig entwickelnden Tochtergesellschaft stände, erhob sich Adolf von Hansemann mißmutig, sagte:Schlecht!" und setzte sich wieder. Aber in den Direktionssrhungen und den geschäftlichen Konferenzen wußte er das entscheidende Wort zu sagen und die richtige Lösung vorzuschlagen. Als er am 9. Dezember 1903 starb, hatte die Disconto-Gesellschaft ihr Kapital verfünffacht: es betrug nun 150 Mil­lionen Mark. Inzwischen hatte das Unternehmen die Rordde utsche Bank in Hamburg aus­genommen, mit der zusammen im Jahre 1887 die Brasilianische Bank für Deutsch, land und sieben Jahre darauf die Dank s u r Chile und Deutschland gegründet wurde. Die Ausdehnung der Deutschen Dank, das wurde offen zugegeben, zwang dann die Direktion der Disconto-Gesellschaft zu weiteren Expansionen, deren bedeutendste im Mai 1914 die Derschmel-

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Darum kann an jeden, der Deran'twortung für unsere geistige, seelische, menschliche Kultur in sich fühlt und es müssen alle buchliebenden Menschcm sein nur "der Ruf ergehen: Laßt diejungen" Dichter nicht mehr warten! Die jungen Dichter" sind ja gar keine unreife Jugend mehr, sondern reifste Gegenwart. Klebt nicht am Ramen, ob er bekannt oder neu sei, sondern liebt das Werk! Durch diese Liebe $um Werk stärkt ihr eure eigene und der Dichter Liebe zum Leben, zu euch! Ihr vernichtet eure eigene Seele und eures Geistes Kraft, wenn ihr die jungen Dichter durch euer sklavisches Aamen- nachbeten tötet! Dekehrt euch wieder zum freien, lebensvollen Schaffen und werdet auch denjun­gen" Dichtern gegenüber wieder willige, suchende, vorurteilsfreie, liebende Leser, ja werdet ihre Pioniere denn nichts ist schöner, als wenn Freunde der Dichtung den Dichter aus dem Dunkel seines einsamen Schassens ins Licht des Ruhmes führen. Wir gönnen den Alten von Her­zen ihren Ruhm und Erfolg, aber gönne du, Publikum, denJungen" auch die Schaffensmög­lichkeit durch deine Teilnahme und Liebe.

Ein Riesenfernrohr.

Ein wissenschaftliches Institut in Kalifornien plant den Dau eines Riesenteleskops für astro­nomische Zwecke, durch das die Kenntnis des Sternenhimmels beträchtlich erweitert werden soll. Es wird etwa 20 Meter lang sein, einen Durch­messer von mehr als fünf Meter haben und rund 450 Tonnen wiegen. Allein der Hohlspiegel, der zur Erzielung größtmöglicher Unempfindlichkeit gegen Temperatureinflüsse aus geschmolzenem Quarz hergestellt werden soll, wird an die 30 Tonnen schwer und annähernd einen Meter dick sein. Man hofft, mit diesem Teleskop die Zahl der bekannten Rebelsterne, die sich zur Zeit auf rund eine Million beläuft, verachtfachen zu kön­nen und ferner Sterne zu photographieren, deren Glanz etwa hundertmal geringer ist als der­jenige der kleinsten Himmelskörper, die man gegenwärtig mit den stärksten Apparaten wahr­nehmen kann. Das künstliche Riesenauge dieses Teleskops wird über eine mittionmal mehr Licht in sich konzentrieren, als die Pupille de- Menschen.

zung mit dem Schaafshausenschen Bank­verein gewesen ist. Damals sah man in der entscheidenden Generalversammlung im Sitzungs­saal der Disconto-Gesellschaft die bedeutendsten Teilhaber auf Aufsichtsratsmitglieder des Unter­nehmens vereinigt: Emil Kirdorf. Peter Klöckner, den Generaldirektor der Phönix- Gesellschaft, den inzwischen verstorbenen Albert B a 11 i n und den Geheimrat Louis Hagen, der bei dieser Fusion die Rolle des Vermittlers zwischen Berlin und Köln gespielt hatte. Ratür- lich waren auch die Direktoren Dr. Salomon- s o h n und Urbig anwesend. Richts beweist besser als diese Liste, welche Bedeutung das Unternehmen schon damals gehabt hat.

Als im Jahre 1872 Hansemann den Adels­brief erhielt, wurde noch ein anderer Bankier gleichzeitig in den Adelsstand erhoben. Das war Georg von Siemens, ein Detter des be­rühmten Erfinders und Unternehmers Werner Siemens, dessen Laufbahn nicht weniger aben­teuerlich als das Schicksal Hansemanns war. Er wurde im Jahre 1839 als Sohn eines Rechtsanwalts geboren und widmete sich dem juristischen Studium. Dom Dankgewerbe hatte er feine Ahnung. Dennoch beschloß Georg Siemens im Jahre 1871, zusammen mit dem Deutschameri­kaner P laten ius ein Finanzinstitut zu grün­den, das den Ramen Deutsche Dank erhielt, und dessen erste Räume in der Gtagenwohnung eines alten baufälligen Hauses in der Französi­schen Straße lagen. Run saßen die beiden Di­rektoren einander gegenüber uxä mußten sich eingestehen, daß sie von banktechnischer Arbeit nicht das Geringste verstanden. Qtber das war auch nicht so wichtig; das Organisatorische eines jeden Gewerbes erlernt ein fähiger Mensch im Handumdrehen, und es ist viel notwendiger, daß er an der Stelle von Dureaukenntnissen eigene Gedanken und Unternehmungsgeist mitbringt, um das Unternehmen zur Dlüte zu entwickeln. Sie­mens las Bücher über das Bankwesen und stellte einen Dankfachmann ein, dem er bald alles Rot­wendige abgesehen hatte. Dann entwickelte er das Depositengeschäft, verlegte sich aber besonders darauf, dem auswärtigen Handel zu dienen, ein Geschäftszweig, der bis dahin im deutschen Dankgewerbe sehr vernachlässigt wor­den war. Erfolgreich betätigte sich die Deutsche Dank in der Türkei und in Kleinasien, wo sie sich besonders dem Dahnbau widmete und bekanntlich in der Bagdadbahn eine führende Rolle gespielt hat.

Die Deutsche Bank hatte stets den Ruf, über geschickte Direktoren zu verfügen, die sie sich selbst heranzog. 2m Gegensatz zu anderen Unternehmen kannte und kennt sie nicht ine Stellung eines Generaldirektors oder Bankpräsi­denten: vielmehr sind die Direktoren wenigstens dem Wortlaut nach einander gleichgestellt. Wah­rend Hansemann die Disconto-Gesellschaft dikta­torisch regierte, schaltete Georg von Siemens in liebenswürdiger Weise, überzeugte seine Freunde und seine Feinde mit.großer Deredtsam- keit und entwickelte das Institut auf friedlichem Wege zu einem Weltunternehmen. Siemens erzog seine Direktoren, die zu ihm in einem kollegialen Verhältnis standen, zu tüchtigen Mitarbeitern, und aus seiner Schule ging vor allen Dingen Karl Helfferich hervor, der die Direktion der Deutschen Bank nur verlieh, um Reichs- sinanzministcr zu werden. Karl Theodor Helfsercch stammte aus einer Familie von Industriellen, war aber in seiner Jugend nicht geneigt, sich wirtschaftlichen Fragen zu widmen. Er verfaßte u. a. ein Drama, in dem er sich für den Kultur­kampf einsehte. Bald sah er jedoch em, daß seine Begabung auf juristischem und national- ökonomischem Gebiet tag. Rach Beendigung fernes Studiums wurde er Privatdozent, Professor, Le­gationsrat, schließlich Vortragender Rat, ver­zichtete dann aber auf die Deamtenlaufbahn und wurde im Jahre 1906 Direktor der Deut- forschen, um einwandfrei zu erkennen: der Dor- kriegsname fasziniert, der alte Ruhm beherrscht die Welt.

Die Tatsache wäre weniger bedenklich, wenn sie nicht die Folge hätte, daß das Schassen der jün­geren Generation dadurch zur Echolosigkett ver­dammt wird. Ich will gar nicht von der Erfolg- losigkeit sprechen. Cs geht hier ja nicht um mate­rielle Dinge, es geht hier ausschließlich um geistige, kulturelle Rot. Roch immer war es das Raturgesetz aller Zeiten, daß eine Generation die andere ablöste, daß eine Generation, Die die Vergangenheit darstellt, hinschwand, eine neue, die mit ihren Dreißig- b i s n f z i g - jährigen die Gegenwart ist, Die Gegen­wart auch wirklich bildet, und daß eine Schicht junger Menschen unter dreißig Jahren die Zu­kunft vorbereitet. Heute aber beherrscht die Schicht der Vergangenheit die Gegenwart, heute haben die Gegenwärtigen keine Gegenwart und auch keine Zukunft, denn die Zukunfttragendm, die heute wirklich zahlenmäßig Jungen werdenGegen- toart sein, ehe die heute Dreißig- bis Fünfzig­jährigen Gegenwart fein durften Wir kleben die furchtbare Tragik dieser Schicht Menschen tn allen Berufen: es ist die eigentliche Kriegsgene- ration, die hier skrupellos zerrieben wird! Es ist die Kämpfergeneration, die als Zwanzig- bis Vierzigjährige das volle Leid des Feuerkrieges im vordersten Schützengraben aufzufangen hatte. Man opferte sie für die Verteidigung Deutsch- lands. So wird sie heute noch geopfert für die Verteidigung alten Ruhmes, alter Ramen.

Mitleidig nennt man siedie jungen Dichter", die junge Generation". Die wirkliche Jugend, die heute Zwanzigjährigen, empfinden sie zwar schon als alt; aber die berühmten Ramen schauen auf sie herab: sie hätten ja nichts geleistet, sie könn­ten nichts, diejungen" Dichter, die überall mit ihren Werken stehen und warten, daß ihre Werke endlich Widerhall finden, daß das Publikum endlich auch einmal Zeit für sie habe, ihnen Interesse zuwende. Sie warten und warten... Und sie werden über dem Warten grau und still.

Wie alt sind denn die jungen Dichter? Ach, längst über vierzig Iahre hinaus und an^ die vierzig Jahre. Weswegen mußte denn der I u -

Doppelverdiener, dem Arbeitszeitgeseh usw. Er forderte z. D. die Einführung einer mehrwöchi­gen Karenzzeit bei Arbeitslosigkeit: erst wenn die Erwerbslosigkeit länger als etwa vier Wochen dauere, habe die soziale Fürsorge einzusehen. Der Redner gab sodann der Ansicht Ausdruck, daß der Mittelstand auf steuerliche Erleichte­rung durch den Voungplan nicht zu rechnen brauche. Die Verminderung der Reparations­zahlungen durch den Voungplan werde von der Reichsregierung ficherlich dazu benutzt werden, das große Defizit im Reichsetat zu decken und andere Wünsche zu befriedigen, nicht aber dem Steuerzahler Erleichterung zuverschaffen. Wenn die Einfparungen durch den Voungplan aber nicht zu Steuerfenkungen verwandt würden,habe der ganze Voungplan keinen Wert mehr. Ehe über den Voungplan abgestimmt werde, müsse unsere ganze innerpolitische Gesetzgebung grund­legend revidiert werden, damit die jetzigen Lasten der Steuerzahler sich vermindern und dadurch die Möglichkeit geschaffen werde, eigene Mittel freizumachen für die Zahlungen an unsere Kriegs­gegner. Zu diesem Zwecke forderte der Redner noch vor der Abstimmung über den Voungplan die Schaffung eines großen Finanzausgleichs mit dem Ziele der Steuersenkung, die oben schon er­wähnte Wiedereinführung des Zuschlagsrechts der Gemeinden auf die Einkommensteuer und die Beseitigung aller Ausgaben für unnötige Zwecke und überspannte Einrichtungen. Bei den kommen­den Kommunalwahlen solle die Wählerschaft dafür Jorgen, daß Männer gewählt würden, die für steuerliche Gerechtigkeit seien, nicht nur mit Worten, sondern auch mit der Tat im Reichstag, wo die auch für die Gemeinden gel­tenden Gesetze gemacht würden. Mit der Auf­forderung an den gesamten Mittelstand, sich zusammenzuschließen zum Kampfe für steuerliche Gerechtigkeit und Wiederherstellung der wirt­schaftlichen Freiheit des einzelnen, und eine Ein­heitsfront des Mittelstandes zum Kampfe gegen Großkapitalismus zu schaffen, schloß der Redner seine mit lebhaftem Beifall aufgenommene Rede.

Da es mittlerweile nahezu 1 Uhr geworden war, wurde von der Möglichkeit der Aus­sprache kein Gebrauch gemacht, so daß der Vor­sitzende alsbald die Versammlung schließen konnte.

Nationalsozialisten und ssoung-plan.

Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei hielt am Samstag im Uni- versitäts-Cafs eine gut besuchte öffentliche Ver­sammlung ab. Dr. Buttmann, Mitglied des Bayrischen Landtags, spr ach über o u n g - Deuts chland und Jung-Deutschland" Der Redner erläuterte zunächst den Zweck und Ver­laus der Haager Konferenz und kritisiette das Ver­halten der deutschen Delegation, die nach seiner Auf­fassung mehr hätte herausholen können. Er versuchte bann eingehend nachzuweisen, daß der Voungplan unsere Leistungspflicht nicht verringere, daß er im Gegenteil in einzelnen Punkten ungünstiger sei, als der Dawesplan. Wir hätten seither die Reparations- leistungen nur durchführen können durch Aufnahme

Forderungen des Mittelstandes. I

Die Ortsgruppe Gießen der Reichspartei des deutschen Mittelstandes (W i r t - schaftspartei) veranstaltete gestern vormit­tag im Saale des Cafe Leib eine öffentliche Ver­sammlung, die in Anbetracht der ungewohnten Stunde die Versammlung begann kurz nach 11 Uhr gut besucht war.

Rach den Begrühungsworten des Versamm­lungsleiters Kaufmann Schmidt sprach der Vorsitzende der Reichspartei, Bäckermeister Dre­witz, M. d. R. Er wies einleitend auf den schwe­ren Steuerdruck hin, unter dem besonders der Mittelstand zu leiden habe. Wenn auch diese Rotlage des Mittelstandes vor allem mit auf die allgemeine deutsche Wirtschaftslage zurück- zuführen sei, so hätten doch auch die verschiedenen politischen Parteien mit schuld daran, weil sie sich bei ihren Entscheidungen nicht genügend von den Interessen des Mittelstandes bestimmen liehen. Vieles könne schon besser werden, wenn sich der deutsche Bürger nicht immer auf den Staat verlasse, sondern sich zunächst der Ver­pflichtung bewußt werde, daß er in erster Linie für sich selbst zu sorgen habe. Der Redner be- fchäftigte sich bann in eingehender Kritik mit der Tätigkeit der politischen Parteien und der wirt­schaftlichen, finanziellen und sozialpolitischen Ge- fehgebung in den letzten zehn Jahren, wobei er als die herrschenden Faktoren in unserer ganzen Innenpolitik einerseits den Kapitalismus, auf der anderen Seite den Sozialismus bezeichnete. Den allen politischen Parteien auf der bürger­lichen Seite machte er zum Vorwurf, daß bei ihnen nur die großen wirtschaftlichen Mächte, zu denen aber der Mittelstand nicht gehöre, maß­gebend seien. Deshalb sei es auch notwendig ge­wesen, die Rcichspartei des deutschen Mittel­standes als politische Standesbewegung des Mittelstandes zu schaffen. Seit 1918 seien immer neue Gesetze geschaffen worden, durch die die private Betätigung des einzelnen Staatsbürgers unterhöhlt, die Wirtschaft dem Staat und der Gemeinde übereignet und damit der Mittelstand immer mehr enteignet werde. Bei der Besprechung der Steuergesetzgebung forderte der Redner die Wiedereinführung des Zuschlagsrechtes zur Ein­kommensteuer für die Gemeinden, damit endlich der jetzige Zustand beseitigt werde, daß immer mehr Ausgaben von Leuten beschlossen würden, die sie nicht felbst zu bezahlen brauchten. Weiter forderte der Redner eine grundsätzliche Aende- rung unserer gesamten Finanzpolitik nach der Richtung hin, daß die Steuerlast gesenkt werde und die Ausgaben sich nach den dann gegebenen Einnahmen zu richten hätten. Es müsse Schluß gemacht werden mit der heutigen Ueberspannung der Sozial- und staatlichen Devorrnundungspoli- tik, durch die der gesamte Verwaltungsapparat und die Kosten lawinenartig angewachsen seien. Der Redner betonte, er sei nicht der Ansicht, daß der Staat überhaupt keine soziale Für­sorge betreiben solle, im Gegenteil für wirklich Hilfsbedürftige habe der Staat zu sorgen: aber die heutigen Auswüchse auf dem Gebiete der Sozialgefehgebung mühten beseitigt werden; der Redner übte in diesem Zu­sammenhang u. a. Kritik an der Crwerbslosen- fürsorge, an den Penfionsbezügen der grohen

g end Preis der deutschen Buch-Gemeinschaft die Altersgrenze auf vierzig sehen? Weil die Vier­zigjährigen noch völlig unbekannt, unbeachtet waren. Weil das Publikum seine Blicke nur auf die Sechzig- und Siebzigjährigen richtete und blind für ihre Leistung blieb. Und wie in Deutsch­land so in der ganzen Welt. Auch Frankreich muhte jetzt einenIugendpreis" für die Vierzig­jährigen schaffen, weil auch dort die Psychose der Ramensrellame der alten Generation zugewen­det ist.

Es geht hier nicht um Ramen und Personen. Es geht hier um eine tragtierfüllte Entwicklung, die zuletzt alles geistige Leben erschlägt. Kultur ist nur möglich, wenn jedes Werk um seiner Leistungsqualität willen angeschaut und ausge­nommen wird. Wohlgemerkt: jedes Werk! Run, die jungen Dichter, die warten, haben Werke zu bieten- hätten sich sonst H. F. Dlunck, Rudolf Borchardt, Th. Däubler, Alfred Brust, H. E. Busse, Hans Carossa, 21. Döblin, Fr. Eisenlohr, Fr. Schnack, Iakob Kneip, F. 21. Schmid-Roerr. E. Wiechert, um nur einige Ramen als Beispiele zu nennen, in der engeren literarischen Welt mit einer mehr oder weniger großen Zahl von Wer­ken bereits die stärkste, dauernde Anerkennung als werkschaffende Dichter von bleibender Be­deutung erringen können, auch wenn ihr Leser­kreis noch Kein, allzu klein blieb?

Und weiter: um der Leistungsqualität willen! Cs ist Raturgeseh, daß der dreißig- bis fünfzigjährige Mensch sein Höchstes in diesem Alter zu leisten befähigt ist. In einer so be­stimmten Lebensspanne aber erstickt man durch Abkehr von denneuen" Ramen den Schaffenden die Möglichkeit zur letzten Qualität, wenn man seinem Werke nicht Echo gibt. Werk und Qualität werden durch die Aufmerksamkeit des Publikums, durch Echo und Aufnahme gesteigert. Totschwei­gen erstickt das Schaffen! Wenn eine ganze Gene­ration totgeschwiegen wird, wird das Schaffen einer ganzen Generation erstickt. Ein Ausfall von zwei bis drei Schaffensjahrzehnten ist aber ein Kulturverlust, der nie wieder eingeholt wer­den faim. Das wissen wir aus den früheren Jahrhunderten etwa dem mühsamen Wege vom Dreißigjährigen Kriege zu Lessing uno Goethe hin zur Genüge.