Rr. 75 Erster Blatt
179. Jahrgang
Samstag. 30. März 1929
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Biestener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.
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Ausblick an Ostern.
Von Llc. theol. Dr. phil. Heinrich Adolph, a. o. Professor an der Universität Gießen.
Ts ist von tiefer fhmbolifcher Bedeutung, daß baS christliche Osterfest in den Frühling fällt, und daß die Botschaft von der Auferstehung durch die neuerwachende Natur mitgepredigt und sinnfällig veranschaulicht wird. Für viele erschöpft sich der (Sehalt des Festes denn auch in einer Art Lenzes- glaube: trotz Winternacht und Frostesstarre arbeitet sich das junge Leben zum Licht empor; die die Sonne siegt; „es muh doch Frühling werden!". Indes kann ein solches Haltmachen bei einem bloßen Naturvorgang doch auch Bedenken erwecken. Der Wechsel von absinkenden und wieder aufsteigenden Lebenssäften, den wir im Wandel der Jahreszeiten beobachten, findet sich so nur in der Natur. Das Reich des Geistes und der Geschichte weih von dieser Regelmäßigkeit des Neuwerdens nichts. Sin Mensch kann mitten in der Blütenpracht innerlich zusammenbrechen und in der strengsten Winterkälte eine geistige Erneuerung erleben. Das Schicksal eines Volkes mag sich während der Auferstehungsfeier der Natur dem Niedergang zuwenden und im Herbst, wenn die Blätter fallen, einen Aufschwung zur Höhe nehmen. Der Geist ist an die gesetzmäßige Notwendigkeit des Naturverlaufs nicht gebunden. Trotzdem wird im Menschen, der als geschöpf- liches Wesen tief in das Naturleben eingebettet ist, im Frühling eine heimliche Hoffnung wach, die Sehnsucht nach Erneuerung schwillt übermächtig an und der Auferstehungsglaube ge- winnt Raum.
Für uns Deutsche hat es im letzten Jahrzehnt nur einen beherrschenden Gedanken gegeben, der wie ein Leitstern über dem allgemeinen Leben stand und alles andere verblassen ließ: den Gedanken an den Wiederaufbau des Volkes. Gr bildet Grund, Mitte und Ziel alles Denkens und Strebens. Er ist das tägliche Brot, die Sorge und der Ansporn der Besten. In diesem Kamps um den Wieberanstieg der Nation sind wir alle irgendwie hineingestellt; der politische Führer, der Wirtschastler, der Lehrer, der Mann am Schraubstock und am Pflug. Diele letzte Aufgabe, diese unbedingte Lebensnotwendig- leit hält uns alle irgendwie zusammen. And vielleicht ist eS gut so und ein Segen für unser Volk, daß eS einen solchen gemeinsamen Mittelpunkt hat, um den sich alle scharen können: das Werk der Wiedererneuerung.
Freilich, die Ausgabe ist groß; sie hat sehr verschiedene Seiten, und nicht jeder faßt am selben Ende an. Die meisten vielleicht denken, wenn vom Wiederaufbau die Rede ist, an die Lockerung des wirtschaftlichen Drucks, die Kräftigung der Kapitalgrundlage und die Verbreiterung der Gelddecke, lind in der Tat, wenn irgendwann, dann sind heute diese materiellen Dinge Schicksal. Wir haben tiefer als frühere Geschlechter erkannt, wie sehr das Geistige von ökonomischen Voraussetzungen abhängig ist; wie sehr das sittliche Leben im allerweitesten Sinn gesunder wirtschaftlicher Grundlagen bedarf; wie das Glück des Menschen, das ost so karge Gluck, das er sich in diesem Dasein erringen darf, mitgetragen wird von dem, was edle Seelen fo gern als das Gemeinste empfinden: vom Geld. Wie soll sich bei herrschender Wohnungsnot die Familie entfalten? Wie kann der Arbeiter zu berechtigtem Selbstbewußtsein und freudigem Mit- fchaffen am Staat kommen, wenn er ohne Verschulden als Erwerbsloser auf der Straße sitzt und um Arbeit betteln muh? Wie kann em Mensch am Leben des Geistes teilnehmen und Liebe empfinden, wenn ihm die Alltagssorgen wie Mäuse die Lebenskraft zernagen? Ganze Stände seufzen heute unter wirtschaftlichem Druck und werden trotz angestrengten Fleißes. Verzichtens und Sparens ihrer Hände Arbeit nicht froh.
Deshalb ist es in der Tat eine große Sache und eine eminent ethische Angelegenheit, an der wirtschaftlichen Wiedergesundung des Volkes mit- zuarbeiten. Gerade jetzt werden in Paris Dinge entschieden, die über das Wohl und Wehe von Generationen bestimmen. Wie wird die Reparationskonferenz ausgehen? Wir stehen da und warten, wie man auf ein Schicksal wartet, das kein einzelner abwenden kann. Werden wir ganz zu Boden gedrückt werden? Werden wir etwas Luft zum Atmen bekommen? Wir wissen es nicht, noch nicht. Wir wissen, daß unsere Führer zähe kämpfen in diesem Spiel der Zahlen, Rechnungen und Machtintereffen. Wir wollen uns geschloffen hinter sie stelleii und ihren Willen stutzen, daß sie nichts unterschreiben, was über unsere Kraft geht. Daß wir bereit find, Opfer zu bringen, weih die Welt. Jetzt ist es wichtiger, daß wir uns wappnen, nichts zu übernehmen, was die Zukunft unterer Kinder erdrücken kann. Sind wir dessen willens, entschlossen und klar, dann dürfen wir auch Mut fassen zur Hoffnung auf Aufstieg und Wiedererstarkung der deutschen Wirtschaftskraft und, soweit es von dieser abhängt, aus cm lieu- erwachen des deutschen Lebens.
Die Wirtschaft spielt heute eine ungeheure Rolle. Freilich, letzten Endes entscheidet nicht sie, sondern d e r G e i ft. Auch die Gestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse ist weithin von geistigen Zielsetzungen abhängig. Der Geist, nicht der Stoss ist Herr des Lebens. Auch der nationale Wiederaufbau kann nicht nur eine ökonomische Angelegenheit sein, keine bloße Frage der Steuern, Zölle, Anleihen, Kapitalbildung, Verzinsung usw. Wir Deutsche wissen, daß unsere Geschichte in höherem Maße als die anderer Völker eine Geschichte des Geistes ist, daß der Feucrstunn des Genius durch sie hindurchgebraust ist und Spuren in ihr zurückgelassen hat, die unver-
Oie Notlage Hessens durch die Besetzung.
Eine Oenkschrist der Hessischen Regierung über den Rückgang der hessischen Wirtschaft und über die kulturelle Rot im besetzten Gebiet.
Der Wunsch des Reichstags nach Vorlage einer Denkschrift über die wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse im besetzten Gebiet und in den Grenzgebieten gab Hessen willkommene Gelegenheit, dem Reichstag in Form einer zusammenfassenden Ausarbeitung die Not des Hessenlandes und seines besetzten Gebiets darzustellen.
Die hessische Denkschrift liegt feit längerer Zeit der Reichsregierung zur Weitergabe an den Reichstag vor. Die Denkschrift gliedert sich in eine Darstellung der heutigen wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse und in Vorschläge für Hilfsmaßnahmen zur Erhaltung und Förderung der Wirtschaft und zur Behebung der kulturellen Notstände.
l.
Sine Schilderung der heutigen hessischen Verhältnisse ist gleichbedeutend mit der Darstellung einer wirtschaftlichen und kulturellen Notlage von besonderem Ausmaße. Es fällt schwer, für den Rückgang des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens einen einwandfreien z ahlenmüh igen Nachweis zu erbringen. Es ist auch nicht möglich, zahlenmäßig genau festzustellen, wieweit dieser Rückgang verursacht ist durch die neue Grenzziehung im Westen des Reiches, durch Ruhrkampf und Besetzung einerseits, oder durch die allgemeine Not der Zeit, unter der alle deutschen Gaue leiden. Trotzdem kann das Ergebnis der Ermittlungen dahin zusammengefatzt werden, daß
der wlrtschafklichc und kulturelle Niedergang in Hessen in feinem Ausmaße und in seinen Auswirkungen ganz außergewöhnlich groß ist, und es ist kein Zweifel darüber berechtigt, daß Hessen mehr als die übrigen deutschen Länder, und in einem die wurzeln seiner Existenz berührenden Maße unter der Not der Zeit zu leiben hat.
Diese Tatsache könnte auch ohne eine zahlen- mäßige Beweisaufnahme feine Begründung schon in folgenden Ueberlegungen finden:
1. Der Umfang und die Bedeutung des hessischen besetzten Gebiets im Rahmen des hessischen Gesamtgebietes sind außerordentlich groß. Es ist hinreichend bekannt, daß über ein Viertel des Staatsgebiets und 36,1 v. h. der hessischen Gesamtbeoölkerung auf das besetzte Gebiet entfallen und, daß das be- setzte hessische Gebiet der wertvollste Teil des Landes gewesen ist. Es handelt sich um den fortgeschrittensten, den am dichtesten bevölkerten und früher leistungsfähigsten Teil des Landes.
2. Der Umfang und der Wert des besetzten Gebiets, die räumlich und wirtschaftlich sehr enge Verbundenheit des hessischen besetzten und unbesetzten Gebiets haben zur Folge, daß das ganze Land unter den Folgen der Befetzung und des Ruhr- kampfes zu leiden hat. Man muß sich den hierdurch hervorgerufenen großen Unterschied der hessischen Verhältnisse gegenüber den preußischen und bayerischen, wo die besetzten Gebiete nicht annähernd diese Bedeutung haben, immer wieder vor Augen führen.
Die Kräfte und Hilfsquellen des hesienlanbes finb in ihrer Gesamtheit betroffen unb gelähmt, fo baß Hessen seinem besetzten Gebiet kaum helfend beistehen kann.
3. Die Folgen der Besetzung find in Hessen besonders groß, weil das hessische besetzte Gebiet die stärk st en Besatz ungsla ft en zu tragen hat. Fast 28 v. h. der gesamten Be
satzungstruppen stehen in Hessen, gegenüber einem Anteil des hessischen besetzten Gebiets an der (3c- samtbevölkerung der besetzten Gebiete von nur 13,1 v. h. Auf 10 000 Einwohner kommen im besetzten Hessen 385 Besatzungsangehörige, in der Pfalz deren 160 und im preußischen besetzten Gebiet 137. Noch stärker ist der hessische Anteil an den Beschlagnahmungen. Denn es entfallen z. B. 30 v. h. der sämtlichen beschlagnahmten Bürgerwohnungen auf das besetzte hessische Gebiet. Geradezu katastrophal sind bekanntlich die Folgen der Besetzung für die größte hessische Stadt, für Mainz. Keine andere besetzte Stadt hat so stark gelitten, ist in gleichem Maße auf Jahrzehnte zurückgeworfen worden, wie diese Stadt. Zu diesen Besatzungsnöten gesellen sich die durch die neue Grenzziehung im Westen des Reiches verursachten schweren wirtschaftlichen Schädigungen. Hessen muß als Grenzland betrachtet werden, wenn es auch keine Reichsgrenze besitzt, und die bekannte Nichtberücksichtigung des Landes an den Grenzfondsmitteln des Reichs wird mit Recht als eine große Ungerechtigkeit empfunden.
4. Das unbesetzte Hessen gehört zu einem großen Teil in die sogenannte 50-Äilometcr- Zone, die Art. 42ff des Vertrags von Versailles geschaffen hat. Auf die Folgen dieser Zugehörigkeit ist in der Denkschrift kurz- hingewiefen worden; sie können heute noch nicht annähernd übersehen werden, wirken sich aber zum Teil schon heute aus.
5. Das hessische besetzte Gebiet gehört ganz der dritten Besahungszone an. Die Räumung der ersten Zone hat für Hessen Nachteile gehabt und noch mehr wird dies bei Räumung der zweiten Zone zu befürchten sein, da die Besahungstruppen unter einen gewissen Mindeststand nicht heruntergehen werden, der Raum für die Truppen sich aber immer mehr verengt. Am Ei ' "* unb int Umkreise des Oberkommandos Mainz werden die stärksten Truppenmassen konzentriert sein, bis der letzte fremde Soldat den deutschen Boden verlassen hat.
Die vorstehend skizzierten Tatsachen treffen für kein anderes deutsches Land zu. wenn schon die übrigen an bet Befetzung beteiligten Lcin- bet die Schädigungen der Befehung zu spüren haben, wieviel mehr muh dies für Hessen der Satt sein.
Um den Nachweis auch zahlenmäßig zu erbringen, hat die Denkschrift alles erreichbare und verwertbare Material zufammengetragen. Hier sollen nur einige wenige Beweisstücke Erwähnung finden.
1. Der hessische Anteil an der Reichsauswanderung ist erheblich gestiegen. Auf 100 000 Einwohner kamen in Hessen im Jahre 1927 sechsmal soviel Auswanderer als im Jahre 1913, während im Reichsdurchschnitt die Zunahme nur das zweieinhalbfache beträgt.
2. Die Zahl der selbständigen Erwerbstätigen ist von 1907 bis 1925 um 6,2 Prozent zurückgegangen, in Baden um 2,3, gegenüber einer Zunahme in Württemberg und Bayern um etwa 0,7 Prozent.
3. Interessant ist ein Vergleich der Zahl der gewerblichen Betriebe in Hessen bei den drei Betriebszählungen 1895, 1907 und 1925. Don 1907 bis 1925 ist ein Rückgang zu verzeichnen, während im Reichsdurchschnitt eine Zunahme von 15,5 Prozent festzustellen ist. Diese rückläufige Bewegung ist für Hessen etwas neues, denn von 1895 bis 1907 hat die Zahl der gewerblichen Betriebe in Hessen um 20 Prozent zugenommen, gegenüber einer Zunnahme im Reichsdurchschnitt von 8,5 Prozent.
4. Einen weiten Raum nimmt in der Denkschrift die Betrachtung der st e u e r l i ch e n Verhältnisse und ein Vergleich zwischen heute und der Vorkriegszeit ein. Denn hier weisen sich die Wirkungen des wirtschaftlichen Niederganges zahlenmäßig am deutlichsten aus. Aus dem umfangreichen Material feien einige, markante Zahlen hervorge- hoben.
a) An staatlicher und kommunaler Einkommen ft e u e r wurden im Jahre 1914 in Hessen auf den Kopf der Bevölkerung 25,65 Mark erzielt, gegenüber nur 22,74 Mark im gesamten Reich. 1925/26 jedoch waren es an Reichseinkommen- und Körperschaftssteuer einschließlich Steuerabzug vom Arbeitslohn im Reich 43,50 Mark, in Hessen aber nur 34,50 Mark auf den Kopf der Bevölkerung. Zwei Zahlen aus der Einkommensteuerstatistik beleuchten die furchtbaren Wirkungen des Ruhr- kampfes: Nach den Ergebnissen der Steuerveranlagung des Jahres 1922 betrug der hessische Anteil an dem Aufkommen der Einkommensteuer 2,28, der nächste, sich auf die gleichgearteten Unterlagen des Jahres 1925 gründende Anteil war nur noch 1,86, das bedeutet für das Jahr 1928 einen Ausfall von 5 Millionen Mark.
b) Vermögens ft euer: Auf den Kopf der Bevölkerung entfiel an steuerbarem, schuldenfreiem Vermögen im Deutschen Reich 1913 2808 Mark, in Hessen 3307 Mark, dagegen 1925 in Hessen 953 Mark, im Reich 1026 Mark. Das Vermögen hat 1913 in Hessen berechnet auf den Kopf der Bevölkerung den Reichsdurchschnitt um 17,8 Prozent überschritten, heute steht es um 7,1 Prozent unter ihm.
c) Auch bei einer vergleichenden Betrachtung der Umsatz st euerergeb nisse zeigt sich deutlich der besonders große wirtschaftliche Niedergang in Hessen. Hessen hat im Jahre 1927 nur 1,8 Prozent des Reichsaufkommens an Umsatzsteuer aufgebracht gegenüber einem Bevölkerungsäntell Hessens von 2,16 Prozent. In Württemberg wurden im gleichen Jahre 4,2 Prozent des Jahresaufkommens erzielt gegenüber einem Bevölkerungsäntell von 4,16 Prozent, in Sachsen waren es 10,5 Prozent gegenüber 8 Prozent Bevölkerungsanteil.
Die in der Denkschrift enthaltenen Beispiele ergeben, daß auf wirtschaftlichen und steuerlichen Gebieten vor dem Kriege Hessen mit in der ersten Reihe der deutschen Länder unb deshalb über dem Reichsdurchschnitt gestanden hat. heute müßte bei gleichen Einflüssen in den verschisdenen Ländern das Verhältnis das gleiche fein.
Wenn aber Hessen, wie nachgewiesen ist, nicht nur nicht mehr über dem Reichsdurchschnitt steht, wie es vor dem Kriege der Fall war. sondern erheblich darunter, wenn sogar in Hessen eine starke Auswärtsbcwegung vor den, Kriege sich im Gegensatz zum Reich und anderen Ländern in eine Abwärtsbewegung verwandelt hat, fo müssen zu den überall wirksamen Schwierigkeiten und Hemmungen für Hessen noch besondere Umstände hinzukommeu. Und das können nur die mit dem Jtiebens- vertrag zusammenhängenden Einwirkungen sein: neue Grenzziehung, Besetzung, Ruhrkampf.
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Das bisher wiedergegebene Zahlenmaterial bezieht sich auf das ganze Land Hessen. Mit dem Land in feiner Gesamtheit beschäftigt sich der erste Abschnitt der Denlschrift. Im zweiten Abschnitt wird das hessische besetzte Gebiet für sich betrachtet. Naturgemäß zeigen die Nachweise allgemein ein noch ungünstigeres Bild.
wischbar finb. Wir lassen uns immer noch mit einer i gewissen Selbstbefriedigung bas Volk der Dichter unb Denker nennen unb feiern fortiaufenb Erinnerungsfeste unserer großen Männer. Wir haben ein Dürer-, Schubert-, Lessingjahr gehabt unb werben biefe kalendarische Perlenschnur weiterhin verlängern. Dies kann aber nicht darüber Hinwegtäuschen, daß die geistige Schöpferkraft merklich geschwächt erscheint, baß auf die schweren Anstrengungen der Kriegs- unb Inflationsiahre eine tiefe Abspannung gefolgt ist, baß wir den Glauben an den Geist weithin verloren haben. Wir sind stumpf geworden. Wir haben keine großen Gedanken mehr. Es fehlt der sittliche Schwung.
Wohl sind noch einige Ideen aus der Vorkriegszeit da, für die wir uns ehedem begeisterten. Aber sie gleichen alten Ladenhütern, die sich fo leicht niemand aufhängen läßt. Man denke an die Fortschrittsidee. Damals schwur man auf sie. Man meinte, daß das einfache Vorrücken der Zeit ohne weiteres einen Aufstieg bedeute, daß es, je länger wir lebten, immer mehr bergauf gehen werde, daß geheimnisvoll wirkende Gesetze uns ganz von selbst einem idealen Ziel entgegenführen würden. An diese Wunder der Entwicklung glaubt man heute nicht mehr. Man sieht die Dinge anders an. Man weiß, daß es auch absteigende Lebenskurven gibt. Sind wir auf einer solchen angelangt? Mancher ernste Beobachter der modernen „Kultur" stellt sich angesichts der zahllosen Verfallserscheinungen bangen Herzens diese Frage. Wir glauben nicht an den endgültigen Niedergang. Dazu war die Kraftentfaltung des deutschen Volkes im Kriege trotz allem, was
nachher folgte, zu groß. Dazu regen sich nach langer Ermattung zu viele neue Kräfte in der Tiefe des Volkstums. Von der Dölkerbundsidee, die trotz der praktischen Verunstaltung, die sie erfahren hat, höchst wertvoll fein kann, wollen wir heute nicht reden. Einmal brennt sie uns angesichts der allgemeinen Aufrüstung nicht gerade auf den Nägeln, und dann geht der Weg zur Völkergemeinschaft nur über die Volksgemeinschaft.
Erst gilt es, den Staat im Inneren organisch auszubauen, ehe er als gesundes Glied in die Völkerfamilie eintreten kann. Erst müssen die inneren Gegensätze kastenmäßiger, klassenhafter und parteiischer Art überwunden sein, ehe wir hoffen dürfen, das volle Gewicht unseres Volkstums in die Wagschale des neuen Europas werfen zu können. Glücklicherweise geht ein frischer Zug nach echter volkhafter Einheit, ein wenn auch noch zaghafter schöpferischer Gestaltungswille durch unser Volk. Die Parteien selbst .erkennen, daß ihre alten Programme und Schlagworte nicht mehr ziehen, daß sie den Dienst am Ganzen stärker betonen und die enge Selbstsucht zurückstellen müssen. Die volkssoziale Welle schwillt. Sie durchflutet die Herzen der Besten innerhalb und außerhalb der Parteien. Wohl ist alles noch in den Anfängen. Die neue Saat muh erst keimen. Aber die deutsche Zukunft hängt davon ob, ob sie reift. Es ist Frühling. Hoffen wir, daß es Volksfrühling werde.
Wir werden Deutschland aufbauen müssen durch wirtschaftliche Arbeit und dir Kraft des Geiste-.
Ohne den rechten Geist geht es auf keinen Fall. Aber wir können ihn nicht erzwingen. Der Geist weht, wo er will. Er muß aus göttlichen Tiefen durchbrechen, die jenseits aller menschlichen Möglichkeiten liegen. Wir können nur eins tun: an den ©ei ft glauben, ihm treu sein, wo er sich regt und ben Willen schulen, daß er ein williges Organ des neuen Lebens werde. Wir wollen auf das neue Leben warten und uns ihm offen halten, daß es in unsere Seelengelaffe einströmen kann, wenn es mit mächtigem Schwalle kommt. Wir wollen uns zurüsten auf die hohe Zeit, auf die Hochzeit der deutschen Seele mit dem ewigen Geist. And wir wollen es Gott Überlassen, ob er uns eine solche Zeit noch erleben läßt. Die nächsten Jahre allerdings werden ängefüllt fein mit mühseliger Kleinarbeit. Es wird ein Kämpfen und Ringen um die nächstliegenden Dinge fein, und wir werden froh sein, wenn wir nur wenige Schritte vorwärts gekommen sind. Wir werden noch viel über uns ergehen lassen müssen, aber hindurchdringen, wenn wir das Göttliche festhal- ten, das in uns gelegt ist. Es ist Ostern, und Ostern kündet: die Ehristuskraft schreitet öurdj Opfer und Tod zur Auferstehung. Mit diesem göttlichen Geschehen ist nichts in der Geschichte vergleichbar. Aber wir dürfen es als Sinnbild unseres eigenen Schicksals fassen. Möchte die deutsche Vollskraft, ihrer tiefsten Bestimmung gewiß, hindurchbrechen, durch die lastende Druck- schicht der Not zu neuem Leben. Möchten wir dereinst deutsche Ostern feiern können.


