Ausgabe 
29.10.1929
 
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tersuchungsausschüsse -ur Aufdeckung von Verstößen gegen Gesetz und Verfassung zu beantragen, die bei der Durchführung des Volks­begehrens von den Regierungen und den verschie­densten Dienststellen begangen worden seien. Die Untersuchung werde sich nicht nur auf die an­geblich widerrechtlichen Verbote und Behinderungen erstrecken, sondern auch auf behauptete Unregelmäßig feiten bei der Auslegung und Führung der Ein­zeichnungslisten.

Oie Sklareks im Gefängnis.

Entlastung des Verteidigers.

Berlin, 28.Okt. (WB.) In der Angelegenheit Sklarek ist dieser Tage, da der Verdacht entstanden war, daß zwei von einem Beschuldigten überreichte Urkunden aus dem Jahre 1927 wahrscheinlich erst im Gefängnis heryestellt worden seien, eine gründliche sachverständige Unter­suchung sämtlicher den Sklareks im Gefängnis unter Umständen erreichbarer Schreibmaterialien er­folgt. Der Verteidiger der Sklareks, Rechtsan­walt Punge, hatte zur Ermöglichung dieser Prü­fung seinen Füllfederhalter freiwillig aus­geliefert, jedoch ist, wie sich ergeben hat, die Tinte dieses Halters nicht dieselbe wie die zur Ab­fassung der Dokumente benutzte. Die chemische Unter­suchung der von Rechtsanwalt Punge seinerzeit ohne Wissen der Gefängnisverwaltung mitgebrachten Gegenstände hat nach Mitteilung der Justizpresse­stelle nichts für den Verteidiger Be° l a st e n d e s ergeben.

Bei Bürgermeister Scholz fand eine Besprechung statt, die sich mit der Forderung des Oberpräsiden­ten wegen der Abberufung der Stadtverord­neten Bunge, Müllmann (SPD.) und R o senthal (Demokrat) aus dem Kreditaus - schuß der Stadtbank beschäftigte. Die drei Stadt­verordneten erklärten:Für uns liegt feine Ver­anlassung vor, das uns von der Stadtverord­netenversammlung übertragene Amt niederzulegen. Wir haben nach bestem Wissen und Ge- wi'sen unsere Pflicht getan und immer im Einverständnis mit dem gesamten Kreditausschuß gehandelt. Wir wünschen, daß die Stadtverordneten- Versammlung über die gestellte Forderung unseres Ausscheidens aus dem Kreditausschuß die Entschei- düng fällen soll."

Finanznot und Versorgungsetat.

Kein Geld für die Kapitalabfindungen der Kriegsbefchädigten.

Berlin, 28. Oft. (V.D.Z.) 3m Reichs- tagsausschuh für Kriegsbeschädig- tenf ragen sollten Sparmaßnahmen im Versorgungsetat besprochen werden. Aus Ausführungen von Vertretern des Reichsar­beitsministeriums und des Reichsfinanzmini­steriums ergab sich, daß die katastrophale Kassenlage des Reiches jetzt schon zu einer Sparmaßnahme gezwungen habe, die von den Ministerien selbst für bedenklich gehal­ten wird. Die Zahl der rentenberechtigten Kriegsbeschädigten sei von 775 000 auf 814 000 gestiegen. Das Reichsfinanzministerium sei aber infolge der schlechten Kassenlage nicht im­stande gewesen, die Anforderungen des Reichs­arbeitsministeriums zu erfüllen. Darum habe das Arbeitsministerium zunächst diejenigen Aus­zahlungen sperren müssen, auf die kein Rechtsanspruch vorlag (die Kapitalabsin- Lungen), obwohl diese Auszahlungen schon zum Teil bewilligt waren. Die Reichsversorgungs­behörde sei in manchen Fällen genötigt gewesen, die Hilfe der Länder und Gemeinden in Anspruch zu nehmen. Das Reichsfinanzministerium habe nach und nach 30Millionenflüssig machen können, aber auch dieser Betrag reiche nicht a u s, um die Mehranforderungen zu erfüllen, die

Gießener Stadttheater.

Bafferrnann-GastfPiel: Herr Lamberthier".

Man hat nun also hier in Gießen den Schau­spieler auf der Bühne gesehen, welcher den Iffland-Ring trägt. Wer den 3ffland-Ring trägt, ist auserwählt, die erlauchteste Tradition in Deutschland fortzuführen, das Erbe der Haase, Döring, Devrient schöpferisch zu verwalten.

Es ist nicht leicht, heute noch, wenn man den mehr als sechzigjährigen Bassermann wie­der gesehen hat, jene Anekdoten mit feinem (Ka­men in Verbindung zu bringen, die aus der Anfängerzeit über ihn im Schwange sind.

Wie er z. B. mit einer seiner ersten Rollen es war wohl der 3ago bei Shakespeare einen stürmischen Heiterkeitserfolg erzielte; einer sei­ner damaligen Direktoren soll von ihm gesagt haben: Iott, Kinder, der tleene Bassermann een Talent. Aber bet Organ eenfach scheuß­lich!

Richt leicht vorzustellen heute, aber man ver­steht, wie ungeheuer schwer dieser Schauspie­ler es gehabt haben muh, sich durchzusetzen und sich hochzukämpfen bis zu diesem Gipfel. Denn noch heute merkt man von der ersten Szene an, daß er kein Blender ist noch je gewesen sein kann, keiner, der, wie Moissi etwa, ein ganzes Parkett einfach mit der Melodie feiner Stimme in Atem halten konnte von der schauspiele­rischen Leistung nicht zu reden.

Das Stück ist von Louis Verneuil drei Akte und nur zwei Personen. Man hat in anderen Städten, wo Bassermann jetzt ga­stierte, bedauert, daß er sich ausgerechnet dieses Stück ausgesucht habe - diesen Reißer. Möglich, daß es em Reißer ist. Jedenfalls ist es von Verneuil der bisher harmlos-amüsante Lust­spiele schrieb, mit Bett, und ohne Bett das beste, das wir kennen.

Wir hätten Bassermann auch lieber in einem anderen Stück gesehen, bei Ibsen etwa, als Hell­mer. Ober als Wallenstein gar, ober als Eg- mont. Aber wenn man sich genügend darüber aufgeregt hat, daß er hier einen Reißer spielt, sollte man einen Augenblick darüber nachden- ken, wer heute bei uns in Deutschlanb abge­sehen von Kaiser! so ein Stück,... ein Stück so zu schreiben vermag.

Bassermann hat ja bte Wahl. Er kann sich ja aussuchen, was er spielen will. Hnb er spielt ja, wie seine Tewunderec lagen» alles, einfach alles.

sich aus der Steigerung der Zahl der KriegS- beschäbigten ergeben.

Von Den Vertretern aller Parteien wurde be­tont, die berechtigten Ansprüche der Kriegs­beschädigten mühten unter allen Umstän­den erfüllt werden. Es fei bedauerlich, daß die schlechte Finanzlage zu allzu weitgehenden Sparmaßnahmen geführt habe, aber die Kriegs­beschädigten Dürften auf keinen Fall unter dem Ressortstreit zwischen Arbeitsministerium und Fi- nanzministerium leiden.

Don den Vertretern des Reichsfinanzministe­riums und des Reichsarbeitsministeriums wurde erfiärt, daß die Versorgungsbehorden schon in den nächsten Wochen in der Lage sein würden, alle restlichen Verpflichtungen, auch auf Dem Gebiete der Kapitalabfindung, einzulösen. Ob und in welchem Ilmfange etwa neue Ka- pitalabsindungen bewilligt werden könnten, hänge allerdings völlig von der Gestaltung eines Nach» tragsetats ab. Alsdann wurde einstimmig fol­gende Entschließung angenommen:Der Aus­

Zum Ableben -es Fürsten Bülow.

Des Deutschen Reiches Kanzler.

Mit dem Hinfcheiden des Fürsten Bülow ist der letzte deutsche Reichskanzler der Vorkriegszeit gestorben. Auch die Kanz­ler, die Deutfchlarrds Politik während des Krieges betraut haben, sind nicht mehr alle am Leben. Dethmann-Hollweg und Graf Hert- l i n g, der damals schon als ein alter und leiden­der Mann zwischen Michaelis und dem Prinzen Max von Baden die Reichs­geschäfte führte, weilen nicht mehr unter Den Lebenden. Auch aus der Rachkriegszeit sind schon zwei deutsche Reichskanzler vom Tode ereilt worden. Zuletzt war es Stresemann und vor wenigen Jahren der süddeutsche Zen­trumsführer Fehrenbach, der vom Sommer 1920 bis 1921 knapp ein Iahr als Vorgänger von Wirth das Reichskanzleramt innebatte.

Von den deutschen Rachkriegsreichskanzlern ist Der Zentrumsabgeordnete Dr. Marx mit mehr als dreijähriger Dienstzeit wohl zweifellos der Amtsälteste. 1923/24 und dann noch einmal vom Sommer 1926 bis zum Sommer 1928 führte er die deutsche Reichsre^ierung. Dr. S t r e s e - mann hat als Reichscanzler nur etwas länger als ein Iahr amtiert, während es der ehe­malige Essener Oberbürgermeister Dr. Luther immerhin auf V/2 Iahre brachte. Sehr kurz war die Amtszeit von Cuno, der im Winter 1922 die Führung übernahm und sie rund 9 Monate behielt. Auch die erste Amtsperiode des jetzigen Reichskanzlers Hermann Müller im Iahre 1920 war außerordentlich klein und hält mit nur 2Vz Monaten wohl den Rekord der kürzesten Reichskanzlerschaft, während feine zweite Amts- Periode nunmehr bald l1/* Iahr dauert. Auch Scheidemann, der als erster Reichskanzler oder wie es damals hieß, Reichsministerpräsident, nach der Periode der sogenannten Volksbeauf­tragten im Iahre 1919 die Führung der da­maligen Regierung übernahm, hat mit rund vier Monaten eine sehr kurze Amtszeit zu ver­zeichnen. Don allen Parteien hat zweifellos das Zentrum mit beinahe 5V« Iahren am längsten den Reichskanzler gestellt, während die Sozia l- demokraten es bis jetzt auf nicht ganz drei Iahre brachten.

Zn der Villa Malta.

Rom, 28. Okt. (TU.) Die Aufbahrung der Leiche des Fürsten v.Bülow erfolgt am 31. Oktober in der Villa Malta. Anschließend findet eine schlichte Trauer­te i e r statt; die lleberfübrung des Sarges von Rom nach Klein-Flo ttbeck bei Ham­burg beginnt am 1. Rovember. Von den Ver­wandten des Verstorbenen sind zur Zeit an­wesend: Die Witwe seines ältesten Bruders, geborene Gräfin von der Schulenburg und deren Tochter, Gräfin Waldersee, ferner feine Reffen, Gesandtschaftsrat Dankwarth v. Bülow von der deutschen Botschaft in Rom und Fürst v. Castelci- cala; Legationsrat Bernhard v. Bülow aus dem Auswärtigen Amt wird in den nächsten Tagen erwartet. In der Billa Malta find in den Vormittagsstunden bereits zahlreiche Bei­

leidstelegramme eingegangen. Ferner ha­ben Mitglieder der deutschen Kolonie und Der römischen Gesellschaft ihre Anteilnahme durch Eintragung in ein aufliegendes Buch zum Aus­druck gebracht. Der letzte Wille des verstorbenen Fürsten ist noch nicht bekanntgegeben. Die Presse bringt die Todesmeldung mit einer ausführlichen Lebensbeschreibung des Fürsten. DerPiccolo" fügt hinzu: Sein ausgeglichener und fein ge­bildeter Geist haben ihm in seiner Heimat und im Auslande großes Ansehen verschafft.

Oie Teilnahme des (Reichspräsidenten.

DerReichskanzler an den Bruder desFürsten

Berlin, 28. Okt. (TU.) Anläßlich des Ab­lebens des Fürsten Bülow hat Der Herr Reich s- Präsident Dem Bruder deS Verstorbenen in herzlichen Worten telegraphisch sein Beileid aus- gedrückt. Der Reichskanzler hat an Herrn von Bülow das folgende Beileidstelegramm ge­richtet:Mit schmerzlichem Bedauern habe ich Die Rachricht von Dem Ableben Ihres Drmders, des Fürsten von Bülow, erhalten. Ich spreche Ihnen und Den übrigen Angehörigen zugleich i m (Kamen der Deichsregierung mein herz­liches Beileid aus. Der Verstorbene hat das ge­segnete Alter von mehr als 80 Iahren erreicht. Bereits in jungen Iahren in den diplomatischen Dienst des Reiches eingetreten, hat er bald auf verantwortungsvollem P ost e n unserer auswärtigen Vertretungen für Deutschland ge­wirkt, dann an Der Sp ihe des Auswär­tigen Amtes die deutsche Außenpolitik be­treut, bis er, im Iahre 1900 zum Reichskanzler berufen, d ie Politik des Reiches neun Iahre lang geleitet hat. Mit dem Fürsten Bülow ist ein Politiker aus dem Leben geschieden, dessen Arbeit die Geschichte würdigen wird, von dem aber schon heute festgestellt werden muh, daß er in heißem Bemühen stets feine ganze Kraft für das Wohl des Vater­landes eingesetzt hat. Roch während des Welt­krieges trat ec aus dem wohlverdienten Ruhe­stand, um auf wichtigem Posten erneut das Interesse des Reiches wahrzunehmen. Ich weih, daß der Verstorbene volles Verständnis für die Schwierigkeiten hatte, unter denen in Der Rach­kriegszeit die deutsche Politik zu arbeiten hat, daß er aber stets auch unerschütterlich an Deutsch­lands Zukunft glaubte."

Bülows Memoiren.

Berlin, 29.Okt. (Priv.-Del.) Fürst Bülow hat in den letzten Iahren seines Lebens an der Riederschrift feiner Lebenserinne­rungen gearbeitet und hat gerade noch vor wenigen Wochen den letzten Band druck­fertig in Verwahrung gegeben. Letztwillig ist bestimmt, daß frühestens ein Viertel­jahr nach seinem Tode mit der Veröffent­lichung begonnen werden darf. Der Wunsch des Fürsten, daß seine Memoiren zu feinen Lebzeiten ungedruckt blieben, ist aus Der Absicht hervor- | gegangen, von keiner persönlichen Rücksicht bei der Riederschrift beeinflußt zu werden.

Er wird es sich wohl überlegt haben. Und wenn man sich erinnert, daß er der bedeutendste Ibsen- Spieler ist, Den wir heute noch besitzen, Dann wird man vielleicht verstehen, warum er sich dieses Stück ausgesucht hat, das nach der un­fehlbaren Art Ibsens gebaut ist.

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Mag es tausendmal ein Reißer sein, es ist ein glänzendes Theaterstück. Es hat unerhörte Span­nungen, und es hat bravouröse Rollen. Rur zwei. Aber in Den beiden ist beschlossen, was ein Schau­spieler sich wünschen mag, aus ihnen ist alles herauszuholen, was ein Virtuose irgend entfalten kann.

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Die Dritte Rolle spielt Das Telephon. InsTele- phon spricht, am anderen Ende, Herr Lamber­thier, der Dem Stück Den Ramen gibt, Der es beherrscht in jedem Akt, in jeder Szene, fast in jedem Wort. Er ist Der große Unsichtbare im Kriminalstück, der verhängnisvolle Dritte im Ehe­st ück. Sein Schatten fällt, ungesehen, zwischen Die beiden auf Der Bühne; feine Stimme spricht mit, ungehört in jedem Gespräch Der beiden; sein Tod bricht, von ferne, von außen her, die Gemeinschaft der beiden auseinander.

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Die beiden sind Maurice und Germaine. Sind Mann und Frau geworden, ein richtiges bürger­liches Ehepaar, nachdem Germaine zuvor ganz unbürgerlich, Maurices Geliebte war. Maurice aber war nicht der erste Freund, den sie hatte. Andere waren vor ihm in der Gnade. Einer von ihnen. Der letzte von ihnen, ist Herr Lamber­thier gewesen. Gewesen? Ach, das ist hier Die Frage, an Der das Stück sich entzündet, an der es schwelend, glimmend, aufzüngelnd, wlld lo­dernd weiterglüht und weiterbrennt bis zum düsteren Ende.

Gewesen oder noch? Roch immer? Die ewige, peinigende Frage für Maurice. Maurice ist der Mann, der seine geliebte Frau und sich selber ins Verderben stürzt aus Liebe, der einen Mord begeht aus Eifersucht. Und Germaine ist die Frau, Die aus Liebe lügt, der aus jeder Luge eine neue Lüge erwächst, die selbst zu lügen be­reit ist, sie habe den Mord begangen, den ihr Mann beging.

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So ein Stück ist das. Man wird nicht verlangen, daß wir es in allen Einzelheiten hier wieder- erzählen. Man hat gesagt, daß es eine Qual sei, eine Rervensolter; man müsse sich auf etwas ge­faßt machen, und man habe etwas auszuhalten. Aber man sollte gerecht sein und augeben, Daß man auf eine theatralisch und buhnentechnisch ausgezeichirete unD imponierende Weise auf Die Folter gespannt wird langweilig und un­anständig sein, dazu gehört fein Talent, und

man sollte sich auch erinnern, was man in ge­wissen Stücken von Ibsen und von Strindberg hat aushalten müssen.

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Soll man den Eindruck über Bassermann zusammenfassen, so könnte dies vielleicht, ganz betoußt, am ehesten mit Dem einen Wort: Vir­tuosität, geschehen. Man begreift wiederum, auch wenn man vielleicht selber anders gewählt hätte, daß gerade er, aus erlauchten Händen, jenen Ring erhielt, mit dem gleichsam eine absolut anerkannte Meisterschaft besiegelt wird.

Man erlebt hier auch, daß er wirklich und ohne Einschränkung alles spielen kann. Selbst Dinge, die man ihm früher nicht zutraute. Es gibt Leute, welche sagen: Bassermann kann alles nur keinen Liebhaber; da versagt er. Er ver­sagte nicht. Er kann auch das. Er hat es, wenn es nötig gewesen wäre, gestern bewiesen. Viel­leicht nur mit einigen Sätzen, mit ein paar un- zusammenhängenden, abgebrochenen Worten, Rein, mehr: er spielt ja diese ganze große Cisersuchtskatasirophe drei Akte hindurch im Grunde nur als Liebhaber als was Denn sonst. Andere spielen ihre Liebesszenen mit Schwüren, Küssen lyrischen Tiraden, Ancetung und Kniefall. Er spielt sie hinter Der Maske, indirekt, transponiert, verdrängt, verzerrt aber immer doch, in jeder Steigerung, jeder Stockung, jedem Ausbruch und jedem Schrei spürt man, wie diese ins Wahnwitzige sich überschlagende Manie aus dem Urgrund einer großen und tiefen Leiden­schaft des Herzens hervorbricht.

Wir sahen Bassermann zuletzt in Frankfurt, in SchnitzlersEinsamem Weg". Was Da durch vier Akte rein schauspielerisch gegeben wurde, war hier nach dem ersten Vorhang schon überboten. Was dort einen Abend lang unverständlich blieb, war hier nach ein paar Minuten klar: Der Grund für die Wahl des Stückes.

Weil es alle Möglichkeiten der Entfaltung bietet, ein rechtes Kabinett-Stück für Virtuosen. Diese Rolle umspannt eine riesige Gefühlsskala, von der Zärtlichkeit bis zum Wutanfall, von Der Güte bis zum Iähzom, von kindlicher Weichheit und Hilfsbedürftigkeit bis zum männlichen Starr­sinn Ausdrucksmöglichkciten vom Lächeln bis zum heiseren Schrei, vom sorglosen Plauderton bis zur knirschenden Raserei, vom Trällern und Pfeifen bis zum stummen Schluchzen.

Wan muß gesehen haben, tote Der erste, leise, flüchtige Verdacht in ihm aufsteigt, verscheucht wird, wieder Da ist, stärker wird, sich festsetzt, einnistet, einbohrt bis zur Gewißheit, bis zum erpreßten Geständnis. Man muß gesehen haben,

schuß nimmt mit Befriedigung von Der Erklärung Der Reichsregierung Kenntnis, Daß die Dersor- gungsbehörden nunmehr in Die Lage gesetzt wer­den, alle rechtlichen Verpflichtungen auch auf dem Gebiete der Kapital­abfindung zu erfüllen. Der Ausschuß gibt der Erwartung Ausdruck, daß der Räch­te a g S e t a t die Gewähr bietet, daß Die Ver­sorgung im bisherigen Umfange auf­rechterhalten wird, ein Abbau also nicht ftattfinöet

Die Räumung der zweiten Zone.

Koblenz, 28. Oft. (TU.) Das französische Oberkommando in Mainz hat dem General­vertreter der Reichsvermögens-Derwaltung auf Anfrage mitgeteilt, daß der Abtransport der zur Zeit noch in der zweiten Desetzungszone stehenden Truppenteile usw. in nachstehender Reihenfolge vor sich gehen werde. Es werden zurückgezogen: aus Koblenz die Derwaltungs- dienststellen, Soldatenheime, Offizierkasino ujw. des 30. Armeekorps und Der 38. Infanterie-Division in der Zeit vom 22. bis 31. Oktober 1929, die Stäbe des 30. Armeekorps und der 38. Infanterie- Division, sowie des Rest des 39. Artillerie- Regiments in der Zeit vom 4. bis 9. Rovember 1929, das von dem Infanterie-Regiment Ar. 23 zurückgelassene Wachbataillon für die Rheinland- kommission bis 30. Rovember 1929. Aus Dü­ren und Euskirchen werden zurückgezogen das 15., 17. und 30. Alpenjäger-Bataillon in der Zeit vom 27. Oktober bis etwa 25. November 1929. Die Gendarmerie-Stationen in Düren, Euskirchen, Rheinbach, Koblenz, (Ahrweiler, Co­chem, Mainz, Andernach, Reuwied Boppard, Oberlahnstein und Montabaur werden b i s 2 5. R o vembe r 1 9 2 9 aufgehoben. Die Uebergabe-KommandoS werden bis 3 0. Ro­vember 1929 abgerückt fein. Die vor­stehende Meldung läßt erkennen, daß die zweite Desetzungszone am 3 0. Rovember d. I. end­gültig von den französischen Trup­pen geräumt sein wird. Allerdings trägt Die zweite Besetzungszone nach den Beschlüsien bet Haager Konferenz den Charakter der Be­setzung bis 8 um 15. Dezember.

Der Kreis Lülich geräumt

Iülich, 28. Oft (WB.) Heute früh ver­ließen zusammen mit der Gendarmerie die bel­gischen Pioniere als letzte Desat­zungstruppen Iülich. Die Truppen zogen mit Musik zur Dahn, wo sie nach Aachen ver­laden wurden. Rur zwei Offiziere sind noch zurückgeblieben zur Uevergabe Der Kaserne. Mit Der Stadt Iülich ist der ganze Kreis Iü­lich freigetoorbex Am 13.Rovember soll eine große Defreiungsseier veranstaltet werden.

Oer Kampf des polnischen Westmarkenvereins.

Gegen die deutsche Kultur.

Kattowitz, 28. Okt. (T.U.) Auf Der Ge­neralversammlung des polnischen West- markenvereins sprach u. a. Der Wojwode Graczynski, der sich seiner Verdienste im Kampf gegen das Deutschtum rühmte. Unter Hinweis auf die Bedeutung der Woiwodschaft Schlesien für die nationale Großmacht Polen behauptete er, daß der westliche Rach- bar seine Hände nach Pommerellen und Schlesien aus st recke. Dank der auf­opferungsvollen Arbeit des Verbandes habe man nicht nur die Angriffe auf die pol­nische Seele des Volkes abgewehrt, sondern die Plattform für diesen Angriff beseitigt durch den vollen Sieg im Kampf um d ie Seele des polnischen Kindes. In mehreren Entschließungen wurde u. a. gefordert,

wie dieser Maurice seiner Geliebten Wort um Wort ihre Lüge abringt, ihr Geheimnis enthüllt, ihre Deichte ertrotzt. Wie es in ihm arbeitet, wie er weiter denkt und weiter verdächtigt, wie er sich verrät, selber gesteht, sich beruhigt und be­täuben will und gleich wieder hoch gejagt wird vom Wirbel wirrer Empfindungen, wie er keinen Ausweg mehr weiß und zum Geständnis davon- stürzt: virtuos.

Wir brauchten das Wort mit Bedacht, nicht nur zur Kennzeichnung des Schauspielers, son­dern auch auf die Auswirkung auf den Zuschauer bezogen: man bewundert Die Leistung aber man wird gefühlsmäßig nicht von ihr überrumpelt, man vergißt das Theater nicht, man erlebt thea­tralische Gestaltung in letzter Steigerung aber sie bringt nicht bis ans Herz. Man verläßt das Theater, ohneergriffen zu fein.

Bassermann spielt nicht oder nur ganz selten ohne seine Frau. Wir sahen sie mehr­fach, aber nie so gut wie hier, so als Gefährtin und Schülerin des Gatten, so verbunden mit ihm und so gewachsen an seiner großen Leistung. Und vielleicht hätte auch keine andere Rolle, als eben diese Germaine, so alle Möglichkeiten in ihr entfalten und ihr dieses Format geben können, das sie in manchen Szenen ganz ebenbürtig neben dem berühmten Gemahl stehen läßt.

Spielleitung: Ludwig Mayr; wir begnügen uns mit der Feststellung. Die Leistung der Regie ist in einem Falle wie diesem hier kaum kritisch abzuschähen. Im Personenverzeichnis ist ein Fehler unterlaufen, der Verwirrung stiften konnte: stattHerr Lamberthier" muß esMaurice" heißen. Uebrigens wurde ohne Souffleur gespielt.

Das Haus war ausverkauft. Dr. Th.

Lochschulnachrichten.

Der durch den Weggang des Prof. W. Schade- waldt an der Universität Königsberg er­ledigte Lehrstuhl der klassischen Philologie ist Dem PrivatDozenten Dr. Harald Fuchs in Der- l i n angeboten worden. Der Lehrstuhl der roma­nischen Philologie an der Greifswalder Universität (an Stelle von E. Lommatzsch) ist Dem PrivatDozenten Dr. Eduard von Ian in Würzburg angeboten worden. Der Privat- Dvzent in Der Berliner Juristischen Fakultät Gerichtsassessor Dr.Jur. et phil Gerhard 2etb- hvlz hat einen Ruf auf den Lehrstuhl für Staatsrecht in Greifswald als Nachfolger von Pros. G. Holstein erhalten.