Haushaltsplanes zuwiderlaufenden Weise verfügt werde. Das Auswärtige Amt hat in den Rechnungsjahren 1925 und 1926 die ihm durch den Haushaltsplan bewilligten Ausgabemittel bei einer Reihe von Titeln zum Teil sehr erheblich überschritten. Das bedeute, dah die Veranschlagung und Bewilligung von Mitteln im Reichshaushaltsplan ihres Wertes wesentlich entkleidet werden.
Kommt es zur Stillegung -er Kinotheater?
Der Kampf gegen die Lustbarkeitsstcuer.
Berlin, 29. Mai. (Priv.-Tel.) Der Protestkampf gegen die Lustbarkeitssteuer, der seinen Höhepunkt in der Androhung der Schließung sämtlicher Kinotheater des Reiches erreicht hat, dürfte bereits in den nächsten Tagen zur Entscheidung kommen. Die Lichtspieltheaterbesitzer halten an ihrem Standpunkt fest und alle Anzeichen deuten darauf hin, daß sie in ihrem Vorgehen auch die Llnterstühung anderer Vergnügungsunternehmen, also Varietes, Kaffeehäuser usw. finden werden. Es hat bereits eine Umfrage bei den zuständigen Organisationen stattgefunoen, ob sie sich einmütig mit den Lichtspieltheaterbesitzern solidarisch erklären. Diese Umfrage ist bereits in zustimmendem Sinne beantwortet worden. Besonders kritisch ist die Situation im Augenblick für die Reichshaupt st a d, t, da zunächst hier mit der Schließung begonnen werden soll und erst wenn sich dieses Vorgehen den Behörden gegenüber als nicht nachdrücklich genug erweisen sollte, ist auch an eine Schließung der Betriebe im Reiche gedacht.
Lieber die Haltung, die bei diesen Kampfmaß- nahmen die Behörden einnehmen, verlautet noch nichts positives, es muh abgewartet werden, wie sie sich zu den angedrohten Kampfmahnahmen verhalten. In unterrichteten Kreisen herrscht allerdings die Auffassung, dah das Vergüügungs- gewerbe seine angedrohten Mahnahmen nur schwer wird durchführen können, da es wirtschaftlich nicht leistungsfähig genug ist, um auf Wochen oder gar Monate hinaus den beträchtlichen Einnahmeausfall tragen zu können. Immerhin verhehlt man sich auch dort keineswegs, dah, falls es tatsächlich zur Durchführung des „Streikes" kommen sollte, eine Situation heraufbeschworen wird, die sich auf die Gesamtwirtschaft sehr nachteilig auswirken wird. Die Geneigtheit der Behörden, dem Vergnügungsgewerbe entgegenzukommen, scheint aber vorläufig noch nicht so weit zu gehen, dah an eine Aufhebung der Vergnügungssteuer zu denken ist.
Aus dem Gesehgebungsausschuß des Hessischen Landtags.
Darmstadt, 28. Mai. 3m Gesetzgebungsausschuß stand ein Antrag der Abgeordneten Hamann und Genossen (Komm.) zur Beratung, der die Abschaffung der Prügelstrafe in den hessischen Schulen wünscht. Die Ausschußberatung zeigte, daß man allgemein auf dem Standpunkte steht, daß eine Aenderung des bestehen- 'den Volksschulgesetzes, das diese Strafe noch aufführt, angezeigt ist. An eine Aenderung der in Frage kommenden Paragraphen kann aber nach Mitteilung der Regierung erst bei einer künftigen Neuregelung des ganzen Gesetzes gedacht werden. Nach Mitteilung der Regierung sind die Strafen in den Schulen außerordentlich zurück« aegangen. Der Ausschuß erklärt den kommunistischen Antrag mit sechs gegen vier Stimmen durch die Regierungsantwort für erledigt.
Der Fall Jakubowski erneut vor Gericht.
Der Neustrelitzer Mordprozeß gegen die Gebrüder Rogens.
Reustrelitz, 28.Mat. (WTB.) Heute vormittag begann vor dem Schwurgericht Reustrelitz der Prozeß gegen Rogens und Gen. wegen Mordes. Den Brüdern Fritz und August Rogens aus Palingen legt die Anklage zur Last, daß sie den kleinen unehelichen Sohn des Landarbeiters Jakubowski, Ewald Rogens, umgebracht haben. Wegen des Mordes an diesem Kinde ist Jakubowski vom Schwurgericht Reustrelitz am 26. März 1925 zum Tode verurteilt und trotz der Beteuerung seiner Llnfchuld am 15. Februar 1926 in Strelih-Alt hingerichtet worden. In der Voruntersuchung sollen die beiden Angeklagten Rogens ihre Beteiligung an der Mordtat zugegeben haben. Aus der Anklagebank erscheint weiter Frau Kähler (verwitwete Rogens), die Großmutter des Ermordeten, die das Verbrechen b e g ü n st i g t haben soll. Diese und die beiden Angeklagten Rogens sind weiter wegen Meineides angeklagt. Der Frau L ü b k e, geborene Kreutzseldt, wird zur Last gelegt, daß sie die jetzt Angeklagten nach der Tat begünstigt habe. Der Pferdeknecht B ö ck e r ist auf Grund seiner Aussagen im früheren Jakubowski-Prozeß wegen Meineides angeklagt. Es sind insgesamt 128 Zeugen geladen. 28 Pressevertreter aus allen Teilen Deutschlands haben sich angemeldet. Den Vorsitz führt Landgerichtsdirektor Dr. Peters (Rostock), die Anklage vertritt Oberstaatsanwalt Dr. Weber (Reustrelitz).
Dor Eintritt in die allgemeine Beweisaufnahme fragte der Derhandlungsleiter die Angeklagte Frau Kähler, ob sie sich schuldig fühle, den Mord begünstigt und einen Meineid geschworen zu haben. Frau Kähler bejahte diese Fragen in vollem Umfange. Der wegen Mordes angeklagte Fritz N o g e n s wurde vom Borsitzenden befragt, ob er bekennen wolle, daß er einen F al scheid geschworen, und ob er eingestehen wolle, oei dem Mord an dem kleinen Ewald Nogens Beihilfe geleistet zu haben. Der Angeklagte antwortet mit 3 a. Aüch den wegen Mordes angeklagten August Nogens aber Vorsitzende, ob er sich schuldig fühle.
,'t Nogens gibt nur den Meineid zu, entgegen seinem früheren Geständnis aber bestreitet er nachdrücklicy, beim Morde an Ewald Nogens Hilfe geleistet zu haben. Die Angeklagte Frau Kähler, verwitwete Nogens, schilderte den Hingerichteten 3akubowski als einen gutmütigen Mann, der mit seinen Kindern und dem Vieh gut umgegangen sei. Nebenkläger Rechtsanwalt Dr. Brandt: „Sie haben Jakubowski in früheren Verhandlungen geradezu entgegengesetzt geschildert." Für diesen Wider- svruch kann die Angeklagte keine Erklärung geben. Vorsitzender: „3akubowski soll gesagt haben, er würde, wenn er nur ein Kind statt zwei hätte, sich leichter verheiraten können." Angeklagte Kähler: „3a, das hat er gesagt."
Es werden bann bie verschiebenen Heiratspläne bes 3akubowski erörtert. Auch ber Angeklagte Blöcker erklärte auf Befragen, baß er von einem Unterbringungsversuch der Kinder wisse. Der Angeklagte Fritz 91 o g e n s gab auf Befragen an, daß der Hingerichtete 3akubowski über die lieber« nähme der Kinder Ewald und Anni Nogens mit ihm gesprochen und ihm angeboten habe, er könne alle Sachen von ihm bekommen, wenn er für Ewald sorge. Auf bie Frage bes Vor- sitzenden: „Haben Sie in dieser Aufforderung 3a- kubowskis, Ewald zu übernehmen, eins verschleierte Anbeutuna gesehen, baß Sie Ewalb ermorden sollen?", antwortete der Angeklagte mit 91 ein.
Auf bie weitere Frage des Vorsitzenden an den Angeklagten August Nogens, wer zum ersten- mal davon gesprochen habe, daß Ewald Nogens von ihnen umgebracht werden solle, er oder 3a- kubowski, antwortete dieser, daß 3akubowfki zum ersten Male am Pfingsttag den Mord angeregt habe. August Nogens verwickelte sich aber im Laufe der weiteren Verhandlung in Widersprüche. Er sagt auf die Frage des Vorsitzenden: „Haben Sie nicht gesagt, daß man mal sehen wollte, ob man den kleinen Ewald nicht los würde?" — „3a!" August Nogens — einer der früheren Hauptbelastungszeugen im 3afu« bowski-Prozeß — wurde hieraus gefragt, ob er noch andere Personen des Mordes beschuldigt habe. Als er schwieg, wurde festyestellt, daß der jetzt wegen Meineides angeklagte Böcker und andere von August Nogens des Verbrechens beschuldigt worden sind. Weiter stellte ber 91ebenfläger Dr. Brandt folgende Fragen an Fritz Nogens: „Sie haben früher zugegeben, Sie hätten mit Ihrem Bruder eine Unterredung gehabt, und damals hätten Sie den Mord genau durchgespro- ch e n. August Nogens hat auch bei dieser Unterredung gesagt, daß Jakubowski noch allein der Tatzeuge sei und daß man vereinbaren müsse, alles auf Jakubowski abzuschieben, da er ja tot fei. Sie haben doch dabei abgemacht, daß Sie sich gegenseitig möglichst schonen wollen bei den Aussagen vor Gericht/' Fritz Nogens gab zu, daß dies« Vereinbarungen in der von Dr. Brandt geschilderten Art getroffen worden sind. August Nogens bestritt das ganz entschieden. Fritz Nogens blieb jedoch bei feiner Behauptung.
Lieber ihr Verhalten am Mordtage erklärte Frau Kähler: „Ich hatte Angst vor Jakubowski, daß er mir ein Leid tun würde, wenn ich nicht seinem Willen entsprach, am Mordtage zu verreisen. Jakubowski bedrohte mich, dah er sowohl mich tote das Kind kaputt machen werde." — Oberstaatsanwalt Dr. Weber stellt dazu fest, daß die Angeklagte früher gesagt hätte, sie habe aus Not gehandelt. Der Vorsitzende legte Frau Kähler die folgende Frage vor: „Frau Kähler, waren Sie nicht auch damit einverstanden, daß Ewald wegen der großen Rot verschwinden sollte oder war es die Drohung des Jakubowski, die Sie veranlaßte, am Mordtage fortzureisen?" Frau Kähler: „Das habe ich nur wegen der Drohungen Jakubowskis getan." Vorsitzender: „Wenn Sie solche Angst vor Jakubowski hatten, warum haben Sie dann gesagt, Sie würden dafür sorgen, daß er hingerichtet würde. Das läßt sich doch schlecht mit der Angst vor Jakubowski vereinbaren. Können Sie dafür eine Erklärung abgeben?" — Die Angeklagte schwieg.
Die pariser Konferenz.
Paris, 28. Mai. (WTB.) Havas berichtet: Die Sachverständigen haben heute neue Besprechungen über die Zahlenfrage und die Annuitäten staffel abgehalten. Voung hatte eine lange Unterredung mit Dr. Schacht. Die Delegierten suchen vor allem 1. nach neuen Mitteln, um die Fortführung des Da - wesplanes zu ermöglichen, ohne dah durch das Inkrafttreten des Voung-Planes eine Zahlungssteigerung eintritt, 2. eine Formel dafür, dah mit dem Zeitpunkt des Inkrafttretens des Boungplanes nicht die Kosten für das Besatzungsheer fortfallen, und zwar, um die Regierungen in dieser Hinsicht nicht zu binden, 3. die durch den Houngplan notwendige
Deckung der Schulden sicherzustellen Uit» ter Sicherung des Betrages für die Reparativ-» neu, und zwar unter Anwendung des Systems, das eine progressive Mobilisierung ermöglicht. Andererseits werden die Besprechungen zwischen den verschiedenen Delegationen übe» oie den Vorbehalten von Dr. Schacht zu gebende Fassung und die verschiedenen, dadurch aufgeworfenen Probleme fortgesetzt. Die Sachverständigen bemühen sich, dieses Studium so schnell wie möglich zu erledigen, damit es bereits beendet ist, falls eine Einigung über die Zahlenfrage erfolgen sollte. Die .Information" verzeichnet als Ausdruck eines Sachverständigem „Wir sind auf einer Rasierklinge. Jedermann beginnt über die nimmer endende Diskussion müde zu sein.
Eine sensationelle Verhaftung in China.
Haussuchung im sowjetrussischen Generalkonsulat in Charbin.
London, 28. Mai. (WB.) Wie Reuter aus Peking meldet, hat die chinesische Polizei eine Haussuchung im s o w j e t r u s s i s ch e n K o n- fulat In Charbin (Mandschurei) veranstaltet und das ganze Personal einschließlich des Generalkonsuls f e ft genommen. Die Polizei war auf der Suche nach Beweisstücken gegen den nun für Empörer erklärten „christlichen" General F e n g y u h s i a n g. Die Haussuchung wurde von etwa hundert chinesischen Polizisten vorgenommen, die unvermutet in das Gebäude eindrangen. Die verriegelten Türen wurden erbrochen, worauf die russischen Beamten versuchten, eine groß« Menge von Schriftstücken zu verbrennen. Hierbei geriet auch die 3nneneinrichtung in Brand, und die Feuerwehr mußte gerufen werden. Die Polizei nahm alle Anwesenden, darunter 45 Russen, fest. Unter den Festgenommenen befindet sich der sowjet- russische Generalkonsul in Charbin, Mer i ul off und der Generalkonsul von Mukden, Riznechoff ferner drei russische Frauen. Die chinesische Polizeibehörde in Charbin veröffentlicht eine Erklärung, in ber es heißt, baß bie Haussuchung vorgenommen worden fei, weil der Verdacht bestanden habe, daß eine geheime Zusammenkunft der Dritten Internationale im Konsulat abgehalten worden fei. Ferner wird erklärt, daß man auch Waffen und Opium oorgefunben habe.
Oie Beisehungsfeierlichkeiten für Sunjoisen.
London, 29. Mai. (WTD.- Funkspruch.) „Times" meldet aus Schanghai: Gestern traf der in weißen, blauen und goldenen Farben gehaltene Sonderzug mit der Leiche Su nj a t - s e n s, des ersten großen Führers der jung- chinesischen Rationalpartei Kuomintang, der 1911 zum ersten Präsidenten der Republik China gewählt war, in Pukau gegenüber "Nanking ein. Familienangehörige und Staatsminister trugen den Sarg auf den Bahnsteig, wo ein Altar errichtet war. Cs folgte eine kurze Zeremonie, die aus den üblichen Verbeugungen und einem drei Minuten währenden Schwelgen bestand. Die Witwe Sunjatsens war anwesend. Später wurde der Sarg auf einem Kanonenboot über den Vangtse geführt, während die Forts 101 und die ausländischen Kriegsschiffe 21 Kanonenschüsse abfeuerten. Die Leiche wird jetzt drei Tage lang im Hauptguartier der Kuomintang aufgebahrt bleiben. Etaatsminlster werden die Ehrenwache halten, und das Publikum wird zugelas- fen werden. Dann erfolgt die endgültige Beisetzung.
Vr. Coround und Methusalem, der Hecht.
Von Otto Ehrhart, Dachau.
Dr. Coround aus Iärvadal am Faellesfoß war Arzt. Ein kleiner, kräftiger, blonder Herr, mit roten Backen, blonden Haaren und gutmütigen Kornblumenauaen, der einer guten Praxis im Iärvada-Kirchspiele Vorstand. Er besaß eine verhängnisvolle Vorliebe für die Fischerei, die ihn weit über die Grenzen des Landes hinaus berühmt machte. Wer ihm einmal nur beim Angeln zugesehen hatte, erkannte sofort, daß es sich bei ihm nicht um simples „Fischefangen" handelte, sondern daß er diese Art Beschäftigung zu einer ungemein spannenden, virtuosen Kunstfertigkeit erhoben hatte. Ob er nun gerade im Fjaeldbaek auf Oerret, im Gundelf auf Lachse oder, anläßlich seiner Sommerferien, von Bord eines Fischdampfers aus, auf Hochfeeraubfifche angelte: man fühlte sofort einen merkwürdigen Kontakt zwischen ihm und seinen Deutetieren, deren eigenartig-wildes, gieriges, launenhaftes oder auch kühles Wesen er wohl wie nie ein Mensch 'vor ihm erfaßt hatte. Wenn sich Dr. Coround auf einen bestimmten Fisch kaprizierte, konnte man mit Bestimmtheit sagen: der Fisch war sein.
Mit Methusalem, einem kapitalen Hecht unschätzbaren Alters, der vornehmlich in den Gum- pen und Wirbeln des Faellesfoß ein wahres Herrscherdasein führte, verhielt es sich freilich anders. Richts beweist wohl mehr die Leidenschaft des Doktors, als wenn ich sage: er habe sich bloß jenes Hechtes wegen nach Iärvadal versehen lassen: und nichts bezeichnet dann besser den Charakter Methusalems als die Tatsache, daß es ihm fast fünfzehn Jahre lang gelungen war, sich den gerissenen Fallen und Listen seines Feindes immer wieder zu entziehen. In dieser Zelt, in der Dr. Coround dem Hecht oft wochenlang nachgespürt hatte, lernten die beiden sich und ihre Gepflogenheiten genau kennen. Methusalem wußte genau, was er von dem zweibeinigen Wesen, das dem Rest seiner alten Tage wie ein Schatten anhing, zu erwarten hatte, und Dr. Coround war oft wie krank nach dem seltenen, mit unerhörter Klugheit begabten Fisch.
Wo der Faelleself seine breiten Wassermassen dröhnend in das Iärvadal hinunterschieht, wo der den Faellesfoß bildet, hat er gewaltige, vielmetertiefe Gumpen in den felsigen Boden gewühlt. Din ewiger Rebel steht über den dampfen- den Gründen, durch den die ganze Umgebung — Bäume, Büsche und Felsen — wie mit sprühendem. funkelndem Diamantstaub beschlagen sind. Der Lärm der stürzenden Wasser ist so laut, daß sich Dr. Coround jedeSmal, wenn er hier fischte, imprägniert» Watt« in die Ohren tat Anders
hätte er wohl kaum das Schwingen der unaufhörlich erschütterten Luft ertragen.
An einem kühlen Maimorgen hängt der Himmel noch grau über den Wassern. Die diesige Luft hat alle Konturen mit weichen, milchigen Schleiern verhüllt. Zwischen den Erlen, die am Rande der felsigen Gumpen geistern, hockt reglos — wie ein Baumstumpf, den die Wasser- massen dorthin gespült haben — ein Mensch. Der schmale Ausschnitt des Gesichtes, der unterm Südwester hell hervorleuchten müßte, ist mit feiner, grüner Watte verhüllt. Aehnlichen Schuh tragen auch die Hände, die die starke, grau» lafierte Angelgerte halten.
Dr. Corounds Augen bohren sich steil in die glasklare, von silbernen Perlen durchzogene Tiefe, umfangen saugend einen straffen, gut anderthalb Meter langen, dunklen Körper, der zwischen Sand und wehenden Wasserpflanzen wie verankert über dem Grunde liegt. „ Fünfzehn Jahre", denkt Dr. Coround, „muß ich dieses sehen: den grausamen Kops mit den falten, schneidend scharfen Lichtern, diese gefräßige Krokodilschnauze vor dem harten, stahlnervigen Leib, der nichts als eine einzige, ungeheure Falle ist. . .
Ob er fühlt, daß ich heute da bin? LInsinn — dann würde er grinsend abstreichen. Ich kann mir seine hämische Visage gut vorstellen, wenn er mich in dieser meiner neusten Verkleidung wieder entdeckte. Dann legt er sich schräg auf die Seite, gerade so, daß ich die leicht geöffnete Flucht feiner fängigen Kinnladen bewundern könnte: und in seine Augen käme jenes infame Licht, das mich allmählich rasend machen kann. Langsam, oh, nur nicht schnell, wie um mir meine Bedeutungslosigkeit zu zeigen, schwömme er fort. Run, ich will mich nicht aufregen lassen. Man muß vor allem ruhig bleiben . . . Der Ruhigere siegt. . ."
Der Coround, wieder ganz kühl, taxiert sach- llch: wenn der Hecht hier steht, hat er Hunger. Gestern und vorgestern hat er wenig gefangen. Er wartet darauf, dah Forellen oder Bauche stromaufwärts ziehen . . . Etwas anderes nimmt er heute wohl kaum an . . . Ich will es mit einem fettigen, pfündigen Barsch versuchen . . ."
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Es ist heller geworden. Die Wasser beginnen golden zu sieden. Goldene Pfeile durchfliegen den Himmel, und hoch über den Wäldern beginnt es blau und fern zu tagen. Der Baumstumpf zwischen den Erlen ist ganz Nein geworden. Run ist er fort . . .
Sprüngig, überspannt von Hunger und Gier, lauert Methusalem in der Tiefe. Wenn er ein Paar Tage in den Gumpen gejagt hat, scheinen diese von allen Lebewesen verlassen. Aber er weiß genau, daß unter den großen Steinen, unter die er nicht gelangen kann, Hunderte von guten Fischen stehen. Er muß warten, geduldig warten, bis sich irgendwo eine unvorsichtige iSl^Qe regt.., Methusalem» Flanken jind noch
lange nicht so prall wie im letzten Herbste, und er wird noch oft sein eigenes Gewicht an Fischen fressen müssen, bis er wieder auf der Höhe ist.
Ein blankes Stück Holz treibt vorüber, er fährt darauf zu, stoppt enttäuscht und bleibt dann reglos in der Strömung liegen. Richts! Seine Augen schimmern giftig, denn irgendeine trübe Erinnerung vergällt ihm das Blut. War es nicht erst im letzten Frühjahr gewesen, als ihn der Hunger ebenso grausam quälte, wo er an der Angel des ekelhaften Zweibeins hing? Damals riß die Leine, und die Haken konnte er bann an einem gesunkenen Baumstamm abstoßen. Seit dieser Zeit beißt er vorsichtig, aber doch zähe an, und erst, nachdem er die Deute genau gesehen hat, hackt er gierig reihend nach. Er könnte jetzt gut ein Dutzend pfündiger Forellen vertragen und schielt böse unter das Wasser- wurzelwerk der Erlen hinüber, wo die Heinen, blitzenden Karauschen spielen. Wehe, wenn sich eine vergessen sollte! — Er sieht vieles, der alte Hecht, eines aber scheint er nicht bemerkt zu haben: dah oberhalb der Gumpe wieder ein Baumstumpf angeschwemmt worden ist, der langsam wächst und schier unmerklich höher steigt...
Der Hunger ist groß. In den Augen Methusalems leuchtet nichts als blanke Gier...
*
Eine Weile später schnellt hinter der Gumpe ein Fisch in die Luft. So sieht es wenigstens aus. Wie wenn er von einem Raubfisch verfolgt würde. Dann stößt er schnell gegen die Gumpe vor, um dort bei den Erlentourzcln Schutz und Llnterstand zu suchen. Man sieht es ihm ja an, der dicke Barsch ist krank, er taumelf!
Das Ufer soll er nicht gewinnen! Kurz vor den Wurzeln wird er hitzig von hinten ersaßt, zurück- gerissen und eine Sekunde lang wie überlegend festgehalten. Dann schlägt der Hecht zu ... schluckt, reißt und fühlt dabei plötzlich, daß sich ber Köder mit kräftigem Ruck nach vorn bewegt. Er will ihn sofort wieder ausstoßen und erreicht damit nur, daß ihm Dutzende scharfer Widerhaken in bie Eingeweide bringen. Methusalem hängt fest. Dr. Corounds letzter Kniff mit den versteckten, automatifchen Angelhaken hat geholfen! Steil schnellt ber Fisch in bie Luft, um sich mit einem gewaltigen Schlage von ber Angel zu befreien, aber es hilft nichts — ber ihn gefangen hat, ist Meister in solchen Dingen, und es gibt jetzt nur noch eines für ihn — den Tob!
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Drei Stunben lang kämpfen die beiden an den Wassern des Faelleself auf und ab. Jedesmal, wenn der Arzt die Leine einholen will, um den tödlich Verwundeten an Land zu drillen, trotzt der Hecht aufs neue und fährt ab. Er muh über ungeheure Kräfte verfügen!
Dr. Coround ist dann nicht etwa ärgerlich, sondern eher froh. Wenn er überlegt, daß das heiße Spiel, das er volle fünfzehn Jahre erwartet hat, bald vorüber ist, kann er sich einer bitteren Aejignativn nicht «wehren. Wenn u dtesen.
den ältesten Recken der nordischen Gewässer, gefangen hat, wird es nichts mehr geben, daS ihm die Wasserwald begehrlich macht. Mit diesem Fange, fühlt er, hat ein Lebensabschnitt seine Erfüllung gefunden. Der Faellesfoß und seine Leidenschaft wird ihm nichts mehr zu bieten haben, der Elf ist tot für ihn.
«
Breit und träge rollen die Wogen des Faelleself. Willig nimmt er, waS man ihm droben im Hochland auf die Schultern bürdet, und führt es in das Tal hinab. Tausende von Stämmen kann er so tragen, und die Leute des IärvadalS brauchen das Holz nur dort, wo sie es benötigen, aufzusangen.
Daß der Doktor das vergessen hat! Dah man jeden Mittwoch und Freitag die Sperre löst, um die gestapelten Hölzer abzulassen! Er ist so bet ber Sache, daß er es sicher ganz vergessen hat. Fest steht er, den Rücken ben Fällen zugewendet, bis zu ben Hüften int reihenden Wasser und müht sich lässig, ben matten Hecht gegen das Land zu ziehen. Er würbe am liebsten den ganzen Tag so stehen. Man versteht es ja. Aber so kann er natürlich nicht sehen, baß broben unter der blauen Höhe bereits bie ersten Stämme über bie Kimmung schnellen, sich überschlagend tiefer stürzen und Hatschend gegeneinander stohend in den Elf hlnauStreiben.
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Dr. Coround ist nicht feige... Wie er den ersten Stamm zischend an sich vorüberschiehen sieht, erbleicht er wohl ein wenig. Dann aber wirst er rasch die Gerte beiseite, kappt die Leine und befestigt sie an seinem Gürtel. Mutig wirft er sich in den Strom, um vor den Stämmen schwimmend das Land zu erreichen. Er ist ein guter Schwimmer, und alles ginge gut, wenn sich Methusalem, gleich nachdem er bie schlaffe Leine verspürte, nicht stromaufwärts gewendet hätte. Rur so ist es möglich, daß sich ber Arzt, mitten im Strome, durch den immer noch trotzenden Fisch festgehalten fühlt. Er sucht nach seinem Messer, um bie Leine zu durchschneiben, unb sieht dabei, mit starrem Blick, fast visionär, wie nahe vor ihm ber Körper bes Hechtes aus den schäumenden Wogen ersteht. Verwirrt schließt er bie Augen — er hat die giftigen Lichter, bas hämisch grinfenbe Maul bes Viehes ganz nah« vor sich —. dis ihm ber schwere Baumstamm mit dumpfem Krachen vor die Stirn schlägt...
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Zwei Tage später fanden Fischer, bie singend In ihren Booten blitzende Netze vom Grunde eines Altwassers lösten, Dr. Corounds Leiche. Don der Angelleine wie verschnürt, mit halbem Blicke nach oben, so lag er im Schlamme der stillen Buch^ Auf seinem Leib aber hockte — wie wenn ihn das Untier also spinnenhaft gefesselt hätte — ein böses, hämisch grinsendes Wesen, daS sie zu Tode erschreckte, und in dem dann einer von ihnen endlich Methusalem, den alten Hecht vom Saelltfe tii «danntih v)


