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Roman einer Nacht
Von paut Nosenhayn.
15. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Am Abend des 8. September," begann der Präfekt seinen Bericht, „besuchte Fräulein Er- molieff Herrn Riedinger in seinem Salon: Juni- mer 7. Sie erschien etwa um neun Uhr: Frau- lein Ermolieff war in großer Toilette, Herr Rie- lnnger im Smoking. Um neun Uhr zwanzig bestellte Herr Riedinger durch das Telephon cm Abendessen für zwei Personen. Er wählte nut großer Sorgfalt ein auserlesenes Menu aus, mit Rheinwein. Bordeaux und Sekt. Die Kellner, die die einzelnen Gänge servierten, machten die Beobachtung, daß beide in großer Erregung wa- reu. Es scheint, als ob Fräulein Ermolieff Herrn Riedinger eine Eröffnung gemacht hat, die ihn in tiefe Bestürzung versetzte: der Zimmerkellner hat beobachtet, daß die junge Dame Tränen in den Augen hatte, als er ihr vorlegte: dadurch neugierig gemacht, betrachtete er das Gesicht des Herrn Riedinger: es war blaß: es sah fast aus, als ob Herr Riedinger sich vor etwas fürchtete. Der Zimmerkellner hat versucht, zu lauschen. Er konnte nur gelegentlich ein paar unzusammenhängende Worte vernehmen. Rur einmal hat er Genaueres verstanden: Fräulein Ermolieff sagte: „Warum willst du nicht mit mir abreisen?"
„Berzeihung" — Doktor Iulsrud erhob sich. „Ich möchte gleich an dieser Stelle bemerken, daß alles, was Herr Präfekt Andersen ermittelt hat. außerordentlich zugunsten der Ange- klagten spricht. Ihre Aufforderung, mit ihr ab- zureiscn, läßt darauf schließen, daß Fräulein Ermolieff Herrn Riedinger liebte. Kann man im Ernst annehmen, daß sie den Mann, den s,e liebte, getötet haben soll?"
„Es wäre nicht das erste Mal," entgegnete der Vorsitzende, „daß jemand aus Liebe tötete. Vielleicht weigerte sich Riedinger, mit der Angeklagten abzureisen; ja, diese Weigerung liegt eigentlich schon in der Fragestellung: .Warum willst du nicht mit mir abreifen?‘ Vielleicht liebte Rie- dinger eine andere — wir hören, daß die beiden an jenem Abend außerordentlich erregt gewesen sind: das konnte immerhin auf ein beiderseitiges Geständnis schließen lassen: vielleicht, daß Fräulein Ermolieff Herrn Riedinger erklärte, sie werde nicht von ihm lassen — und daß Herr Riedinger darauf antwortete, er liebe Fräulein Ermolieff nicht."
„Gewiß, Herr Vorsitzender," sagte Iulsrud und warf einen schnellen Blick auf seinen Kollegen, der aus den Augenwinkeln zum Staatsrat Krentz hinübersah, „gewiß Herr Präsident — es wäre möglich, daß es so ist. Aber ich glaube, es wäre auch möglich, daß es anders ist — und ich bin der Meinung, daß ein Zweifel der Angeklagten zugute ..."
„Wollen Sie mit diesen Erwägungen nicht bis zu den Plädoyers warten, Herr Doktor?"
Der Staatsanwalt erhob sich. Sein helles Gesicht leuchtete in den Saal, während er mit leiser Stimme sagte:
„ES sind einige Momente in dieser Angelegenheit, die zu neuen, bisher gar nicht in Betracht gezogenen Gesichtspunkten führen. Ich werde darauf noch zu sprechen kommen: in diesem Augenblick möchte ich nur andeuten, daß manches gegen einen Mord aus Liebe . . ."
Doktor Iulsrud nickte eifrig.
„. . . vielmehr für einen Mord aus politischen Gründen spricht."
Die Photographie.
Die Angeklagte wandte blitzschnell den Kopf zu dem Referierenden, der ihr mit freundlicher Gelassenheit ins Gesicht sah; dann blickte sie hinüber in den Zuhörerraum; die Drei, die beiden Männer und die Frau, sahen sie aus unruhigen Augen an. , . r ,
„Ich denke," sagte der Vorsitzende, „wir folgen zunächst einmal der Darstellung des Herrn Präfekten."
„Ilm elf Uhr abends wurde der Mokka bestellt; der Oberkellner selbst servierte ihn; zugleich brachte er die Rechnung. Herr Riedinger bezahlte mit einer Tausendkronennote: der Oberkellner mußte, um sie wechseln zu können, ins Bureau binuntergehen. Darüber verging einige Zeit. Als er mit dem Wechselgeld zurückkam, war die Tür des Zimmers Rümmer 7 verschlossen. Er klopfte. Herr Riedinger gab keine Antwort."
„Hier ergibt sich eine Frage," unterbrach ihn der Vorsitzende. „Der Oberkellner mußte angesichts der verschlossenen Tür an eine galante Erklärung denken. Erlaubt das Grand Hotel solche Dinge?"
Der Präfekt nickte. „Auch darüber habe ich mich genau erkundigt. Im allgemeinen hält das Hotel auf strengste Ordnung in dieser Hinsicht. Beide Gäste aber, sowohl Herr Riedinger als auch Fräulein Ermolieff, genossen eine Art von Sonderrecht; beide waren jedenfalls nicht das Liebespaar im üblichen Sinne; vielmehr waren sie von einer gewissen Tragik umgeben, die selbst den Dienstboten des Hotels zum Bewußtsein gekommen ist. Riedinger war vor irgend etwas auf der Flucht; man gönnte dem freundlichen Manne die Gefährtin, die er gefunden hatte und die ihn vielleicht tröstete — ihn vielleicht zu schützen suchte."
Aage Lund erhob sich. „Hier ist der Punkt, zu dem ich ein paar Worte sagen möchte. Sie selbst, Herr Präfekt, bestätigen, daß Riedinger vor irgend etwas auf der Flucht war. Wäre es nicht denkbar, ja, wäre es nicht wahrscheinlich, daß der Mord von dieser Seite zu erklären ist? Sie selbst geben zu, daß sogar das Hotelpersonal in Fräulein Ermolieff die Trösterin und Beschützerin Riedingers sah. Steht diese ihre Missetat nicht in greifbarem Widerspruch zu der furchtbaren Beschuldigung, die man gegen sie erhebt?"
„3a, Herr Verteidiger," sagte der Präfekt. „Hier klafft irgendwo eine Lücke. Wenn Fräulein Ermolieff sich entschließen könnte . . ."
Der Vorsitzende hob die Hand. „Bitte, Herr Präfekt."
„Der Oberkellner gab endlich seine vergeblichen Bemühungen auf. Schließlich würde Herr Rie-
Vinger ja auch am andern Morgen zu haben sein."
„Vielleicht war er inzwischen fortgegangen? fragte Doktor Iulsrud.
„Das ist nicht wahrscheinlich. Denn niemand hat ihn seit elf Uhr abends mehr gesehen."
„Wo war Fräulein Ermolieff zu dieser Zeit?" fragte der Vorsitzende.
„Darüber ist nichts Rähcres in Erfahrung zu bringen. Das Hotel war stark beseht; die Leute hatten alle Hände voll zu tun; außerdem uni diese Zeit pflegen kaum Klingelsignale aus den Zimmern zu kommen; die Leute gönnen sich zu dieser späten Stunde gern ein Schläfchen."
„Welches war nun die nächste Wendung?"
„Kurz nach eins in der Rächt kam plötzlich Fräulein Ermolieff die Treppe herunter. Die Halle war leer; sie fiel dem Portier sofort auf."
„Wie war sie angezogen?"
„Sie trug das Dekollete. Während der Portier ihr entgegensah, bemerkte er, daß sie totenbleich war; ihre Hand umkrampfte das Geländer; er hatte den Eindruck, als ob sie ihn um etwas bitten wolle — vielleicht solle er zum Arzt schicken oder dergleichen. Sie ging auf die Rezeption zu, der Portier trat ihr entgegen. Aber zu seinem Erstaunen ging sie an ihm vorüber. ,Wie eine Nachtwandlerin', das sind seine eigenen Worte. Er sah ihr erstaunt nach, während fic durch die Drehtür ins Freie hinaustrat. Plötzlich rief sie draußen ein Auto an.“
„Das ist merkwürdig", sagte der Vorsitzende.
„Sie stieg ein; der Portier war ihr auf die Straße hinaus gefolgt; aber er konnte nicht hören, was sie dem Chauffeur sagte."
„Haben Sie den Chauffeur ermittelt?"
„Ia. ilnb die Auskunft, die dieser Chauffeur gegeben hat, ist seltsam genug: Fräulein Crmo- lieff hat gesagt: .Fahren Sie mich nach der Rord- feldgasse 41'."
„Rordfeldgasse 41?“
„Unsere Recherchen haben sich selbstverständlich sofort mit diesem Hause beschäftigt."
„Fräulein Ermolieff ist also tatsächlich vor dem Hause Rordfeldgasse 41 ausgestiegen?"
„Ia. Im Parterre des Hauses befindet sich ein kleines Restaurant. Das Publikum ist weder gut noch schlecht — eine ausgesprochene Klein- oürgerkneipe."
„Und in dieses Restaurant ist die Angeklagte gegangen? Roch dazu im Dekollete."
„Das Merkwürdigste ist: die Angeklagte ist zwar in das Restaurant hineingegangen — aber niemand kann sich erinnern, sie gesehen zu haben. Trotzdem ist sie fast eine Stunde drinnen geblieben. Der Chauffeur wurde schon ungeduldig. Endlich flieg er ab, um hineinzugehen; aber gerade kam die Dame wieder zurück.“
„Danach muh der Wirt die Unwahrheit sagen, wenn er behauptet, daß er die Angeklagte nicht gesehen hat."
„Auch das glaube ich nicht."
„Sie müssen zugeben, Herr Präfekt, daß hier ein auffälliger Widerspruch ist. Entweder die Dame war in dem Restaurant — dann muß fic der Wirt gesehen haben. Oder sie war nicht im
Restaurant — bann muß sie in einer andern Wohnung des Hauses gewesen sein. Haben Sie in dieser Beziehung recherchiert?"
„Gewiß. Sie ist in keiner der Wohnungen jenes Hauses gewesen; ich habe sämtliche Einwohner vorgeladen und ihnen, das gehört zur Technik der Befragung, ein bißchen Angst gemacht. Fest steht, daß Fräulein Ermolieff in das Restaurant gegangen ist — und daß der Wirt fic gleichwohl nicht gesehen hat."
„Und wie erklären Sie diesen Widerspruch?"
„Hm. Es gibt in der Tat eine Erklärung, Herr Präsident. Das Restaurant hat ein sogenanntes Klubzimmer, das einen separaten Eingang vom Flur besitzt. In dieses Klubzimmer kommen kleine Vereine, um ihre Sitzungen abzuhalten.“
„Ist Fräulein Ermolieff etwa zu einer solchen Dereinssitzung gegangen?"
„Rein. Für diese Rächt hatte ein Fremder bai Klubzimmcr gemietet. Er hatte angegeben, er wolle sich mit einigen Freunden treffen; man wünsche ungestört ein Wiedersehen zu feiern.
Er hat eine Pnnschbowle bestellt, mit sechs Gläsern, hat alles bezahlt; aber niemand ist gekommen. Riemand bis . . . bis auf . .
„. . . bis auf Fräulein Ermolieff?" fragte der Vorsitzende erstaunt.
„Riemand bis auf Fräulein Ermolieff."
„Dann käme alles darauf an, die Person dieses Fremden zu ermitteln."
„Ia," sagte der Präfekt — „und hier ist wieder jene verschlossene Tür, zu der alle Wege dieses Prozesses führen."
„Aber der Wirt muß wissen, wie jener Fremde ausgesehen hat."
„Er war in dunklem Mantel, den Kragen in die Hohe geklappt, den steifen Hut tief ins Gesicht gedrückt, der Wirt kann nicht sagen, ob er jung oder alt, dunkel ober blond gewesen ist."
„Sollte der Wirt nicht in irgendeinem Zusammenhang mit dieser Angelegenheit stehen?"
Der Präfekt zuckte die Achseln. „Jedenfalls in keinem Zusammenhang, der nachweisbar wäre."
„Wann ist jener Fremde fortgegangen?“
„Riemand weih cs."
„Wann hat er seine Zeche bezahlt?"
„Vorher.
„Waren die Gläser benutzt, als man das Zimmer auf räumte?“ »
„Rein. Keins der Gläser war benutzt. Offenbar hat auch der Fremde nicht getrunken.“
„Gott strafe mich," sagte einer der Geschworenen, „ aus dieser Geschichte werde ich nicht klug."
„Sie haben recht, Herr Astrup", sagte der Präsident. „Und Fräulein Ermolieff könnte das alles mit ein paar Worten aufklären."
„Die Portiers haben dann gewechselt; man weiß nicht, wann Fräulein Ermolieff ins Hotel zurückgekehrt ist."
„Geschah in dieser Rächt noch etwas Besonderes?"
„Rein. Erst am anderen Morgen . .
......am andern Morgen fand man . . ."
(Fortsetzung folgt.)
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