Ausgabe 
28.12.1929
 
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llch gewesen sei und dem Geschäftsherrn später Nachteil- entstanden seien. Ob dieser Entschei­dung für alle Fälle zu folgen ist. in denen eine Provision an den den Dertragsgegner vertreten­den Angestellten gezahlt worden ist. bedarf keiner Untersuchung. Denn auch sie will einen solchen Vertrag nicht lediglich auf Grund der Provision für nichtig erachtet wissen, sondern nur für den Fall, daß dem Geschäftsherrn auch Wirklich ein Nachteil entstanden ist. (Urteil des 8. Zivilsenats des Reichsgerichts vom 27. 3unt 1929 VIII 222/29; D. R. Z. vom 15. Dezember 1929.)

Nuß man einen eingeschriebenen Vries annehmen?

WEN. Diese Frage wird sehr oft erörtert, und man ist dabei in der Regel geteilter Meinung. Wenig bekannt ist, dah diese Frage schon meh­rere Gerichte beschäftigt hat und luristisch ganz llar liegt. ___

An sich ist bekanntlich niemand verpflichtet, irgendeineunbestellte" Sache anzunehmen. folg­lich auch nicht einen Brief. Da nun briefliche Mitteilungen eine der vielen Formen darstellen, in denen sich unser gesamter gegenseitiger ge­schäftlicher und privater Verkehr abwickelt, so kann man einen Brief nicht ohne weiteres als etwasUnverlangtes" betrachten, am wenigsten dann, wenn ereingeschrieben" ist, wenn man also schon hierauf schließen kann, dah der Inhalt des Briefes sehr wichtiger Ratur sein muh und dah der Inhalt auch ganz sicher zu unserer persönlichen Kenntnis gelangen soll. Lehnt man also die Annahme eines solchen Brieses ab. so hat man dazu das Recht; man ist aber auf alle Fälle haftbar, d. h. man hat die Folgen zu tragen, wenn der Inhalt des Briefes sich auf irgendwelche Rechtsverhältnisse bezog.

So hat das Oberlandesgericht Celle einen Fall entschieden. Jemand nahm einen eingeschriebenen Brief nicht an, angeblich, well auf dem Um­schlag der Absender nicht vermerkt war. Der Brief enthielt die Kündigung eines Arbeits­verhältnisses. Der Absender wies vor Gericht nach, dah die Kündigung Inhalt des eingeschrie­benen Briefes war, auch rechtzellig zur Post begeben, von dieser rechtzeitig dem Adressaten vorgelegt, die Annahme a3er abgelehnt worden sei. Irgendwelche Portokosten usw. wären dem 2ldressaten bei Annahme des Briefes nicht zu- gemutet worden. Demzufolge entschied das Ge­richt, dah der Inhalt des Briefes dem Adressaten gegenüber vollständig zu Recht bestehe.

Oberheffen.

Landkreis Gießen.

u. Klein-Linden, 25. Dez. Ihren dies­jährigen Elternabend gestaltete die hiesige Volksschule zu einer Weihnachtsfeier im Saale des GasthausesZur deutschen Eiche". Der weihnachllich geschmückte Saal war überaus stark besetzt. In dankenswerter Weise hatte sich der hiesige Posaunenchor unter seinem Leiter Kreis- baumwart Germer zur Verfügung gestellt und eröffnete mit lieben alten Weihnachtsliedern die Feier, so dah bald bei jung und alt frohe Weih nach tsstimmung herrschte. Drei lebende Dil- her, die Geburt Jesu darstellend, umrahmt von mehrstimmigem Gesang eines Schülerchors, wur­den dankbar ausgenommen. Und als gar ein richtiger Rllolaus im Saale erschien, kannte die Freude der Jugend kaum noch Grenzen. Weih- nochtsgedichtchen der Kleinen und Kleinsten unter­brachen die Erzählungen des Nikolaus, der die Vortragenden mit kleinen Gaben erfreute. Ein TheaterstückchenChristkindlein weist den Weg", zeigte, wie auch in einer armen Familie das Christkind mit seinen Gaben Freude einziehen lassen kann. Auch der Schneeslockentanz kleiner Mädchen war reizend und gefiel allgemein. Das gemeinsam gesungene LiedO Tannenbaum" unter Posaunenbegleitung beendete die wohlgelungene gemütvolle Feier.

* Leihgestern, 26. Dez. Am Samstag sand in dem Vereinslokal des Turnvereins Frischauf" und des Gesangvereins Liederkranz". Leihgestern, eine gemeinsame Weihnachtsfeier statt. Der 1. Vorsitzende des Turnvereins, Will, begrühte die zahlreich erschienenen Freunde und Gäste beider Vereine. Der im Lichterglanz erstrahlende Weihnachts­baum und das gemeinsam gesungene LiedStille Dacht, heilige Nacht!" schufen die rechte Weih­nachtsstimmung. Prachtvolle Chöre des Gesang­vereins unter der bewährten Leitung des Musit- lehrers Bläh, sowie turnerische Aufführungen unter der Leitung des Turnwarts W. Schmitt, ferner ein lustiges Theaterstück, das von gut geschulten Spielern zur Aufführung gebracht wurde, verschönten den Abend aufs beste. An- schliehend fand eine Verlosung statt. Am Schlüsse des Programms dankte der erste Vorsitzende des Gesangvereins, W. Jung, allen Mit- wirkenden, die zum guten Gelingen der Feier beigetragen hatten. Zur weiteren Verschönerung des Abends spielte eine Musikkapelle, die vorher schon die Gäste mit schönen Musikstücken erfreute, in flotter Weise auf.

V Watzenborn-Steinberg, 25. Dez. Zu einer gemcLnfamen Weihnachtsfeier hatten sich am Abend des vierten Adventsonntages die Mitglieder des hiesigen Kirchengesang- vereins und des evang. Frauenver­eins zusammengefunden. Der Saal imGol­denen Stern" zu Watzenborn war bis zum letzten Platz besetzt, als der Ortspfarrer die Feier er­öffnete. Ihr Grundgedanke war. den Teilneh­mern die Weihnachtstatsache zum Erlebnis zu gestalten, und dieses Ziel dürste erreicht worden fein. Den ersten Teil der Deranstallung eröffnete ein Musikvortrag unb das Lied des Kirchen­gesangvereinsES ist ein Ros' entsprungen". Den Weihnachtsvorspruch sprach Fräulein Hilde Gorr auf Grund des Gerockschen LiedesAm Helligen Abend". Nach dem gemeinsam gelun­genenO du fröhliche" hielt der Pfarrer die Festansprache. Ihren Inhalt nahm der von den Kleinen gestellle Weihnachtsreigen zuStille Nacht, hellige Nacht" auf, das dann von der ganzen Versammlung gesungen wurde. Ein Lied des Kirchengesangvereins beschloß den ersten Teil der Feier. Nach der Pause folgte dann die Auf­führung des gehaltvollen WeibnachtsstückesWie die Zigeunerlies das Christkind erlebte". Alle Mitwirkenden gaben ihr Bestes. EZ folgten noch gemeinsame Gesänge. Vorträge passender Weih­nachtsgedichte und durch Lehrer Philipp (Offenbach a. M.) einer gehaltvollen, sinnigen Fabel aus dem Tierleben der K.D. R. (Kongreh der Regenwürmer). Am Schlüsse der Feier ver- fanunelten sich alle Mllwirkenden auf der Bühne, wo nach dem Dankeswort von Pfarrer Stau­

bach jedem eht passendes kleines Weihnachts­geschenk überreicht wurde.

' r. Lang-Göns, 26. Dez. Genau vor Be­ginn des Frostes sind die Arbeiten an unserer neuen Wasserleitung vollendet worden. In den nächsten Tagen sollen nun noch Puuftie und Motor ausgestellt werden. Durch öie zahl­reichen Niederschläge und durch Beseitigung einiger Storungen ist zwar die alte Leitung voll und ganz in der Lage, das Dorf nut Wasser zu versorgen, doch möchten die hiesigen Ein­wohner nicht noch einmal die knappen Zeiten der Wafserzuteilung des letzten trockenen Som­mers durchmachen. Die Erschließung einer neuen Wasserquelle, die nun die Garantie gibt, dah Lang-Göns auch in ganz trockenen Jahren reich­lich Wasser hat, wird deshalb allseits als eine vorbildliche Tat der Gemeind Verwaltung ernp- sunden. Im Gemeindehaus fand eine Weih­nachtsfeier statt, die in der Hauptsache von dem Evang. Iugendverein veranstaltet wurde. Nach einem Prolog, der von dem Schüler Ernst Klöß vorzüglich gesprochen wurde, erfolgte die Vorlesung einer Christuslegende von Selma Lagerlöf.Der Brunnen". Darauf spielten Mft- glieder des Iugendvereins ein kleines Theater­stückDas Ge^imnis der Mischung", nach der gleichnamigen Erzählung von Ganghofer. Es wurde mit großem Be fall ausgenommen, ebenso das zweite StückDeutsche Weihnacht", das zurückführt in die Zeit der Sachsenbekehrung.

Mit ganz einfachen Mitteln und szenarifchen Darstellungen wurde eine hervorragende Wir­kung erzielt. Die Zuschauer erlebten in voller Anschaulichkeit die Zeit der germanischen Winter- sonnenwendfeier. Die jungen Darsteller gaben ihr Bestes. Umrahmt wurden die Darbiftungen von gemeinsamen Lied.rn, Musikstücken des Po- saunenchorS, eines Quartetts, Einzelgesängen und den Worten des Ortsgeistlichen. Sich/r.ich wird allen Besuchern die erste Weihnachtsfeier im neuen Gemeindehaus unvergeßlich sein.

y Staufenberg, 27. Dez. Die verschiedenen Gottesdienste in der Mutterkirche zu Kirch- berg waren am vergangenen Weihnachtsfefte musikalisch sehr bereichert. Es wirkten mit der Konfirmandenchor und außerdem der Mädchenchor Lollar. (Leitung Lehrer Eberle). Vor allem aber fiel die Darbietung der Weihnachts-Kantllene von 5)an3 W. Roscher durch den Gesangverein und gemisch­ten Chor von Staufenberg im Abendgottes­dienste des ersten Feiertages auf. Das moderne Werk trägt einen ernsten kirchlichen Charakter. Die Weihnachtsgeschichte nach einer Dichtung von Matthias Claudiu; wurde von dem Aufbau­schüler Dietz deutlich und sinngemäß rezita- torisch vorgetragen. Die Chöre (Leitung Herr Rudolph, Launsbach) waren klangrein und von tiefer Wirkung auf die zahlreich versammelte Gemeinde. Sie erreichten ihren Höhepunkt in dem Schlußsätze, der von Kinder- und Gemisch-

Schulkinder in Not!

Don A. Kneipp, Gießen.

der Maßnahmen beobachtet, die die gesetzlich zu­lässigen Strafmittel, ganz besonders das der kör­perlichen Züchtigung, stark in den Hintergrund treten ließen, und sie war drauf und dran, mehr und mehr ganz auf die Anwendung der schroffen Kraftmittel zu verzichten. Das heißt, die Lehrkräfte konnten den entsprechenden Gedanken nähertreten, solange die Klassenstärken die Zah­len 30 bis 35 nicht viel überstiegen, Cinzelbeobach- tung und Einzelbehandlung einigermaßen möglich war. Diese individuelle Behandlung wird natür­lich in starken Klassen außerordentlich erschwert; mehr schablonenhafte Erziehungsmaßnahmen wer­den in vielen Fällen an ihre Stelle gesetzt werden müssen, wlll die Lehrkraft bestimmte, gesetzlich festgelegte Unterrichtsziele erreichen und dabei von einer übergroßen, lebhaften Klasse nicht un­ter die Räder gedrückt werden. Sinken müs­sen trotzdem bei steigenden Klassen­ziffern die Unterrichtserfolge, die Erziehungsmittel aber müssen ver­gröbert werden.

Klagen über Verwilderung und Entsittlichung der heutigen Jugend hört man tagtäglich. Die sittlich gefährdeten Schüler abet rechtzeitig zu erkennen, ist um so schwerer, je größer die Klasse ist. Genaue Kenntnis der häuslichen Verhält­nisse und ihre Berücksichtigung ist bei solchen Kindern ebenso dringend notwendig, als sorg­fältigste Beobachtung und entsprechende Behand­lung des Gefährdeten, und beides wiederum ist fast unmöglich in einer großen Klasse.

Die Wohlfahrtsmaßnahmen der Gemeinden und Verbände, die alljährlich Lausenden und Aber- tausenden von hessischen Kindern in vielwöchigem Aufenthalte in Luftkurorten oder an der See Gesundheit und Kräftigung zu geben vers.uhen, werden zu einem nicht geringen Teil wieder un­wirksam gemacht durch die Schäden, denen diese Kinder nach ihrer Rückkehr aus den schönen Kurheimen in überfüllten Klassensälen ausgesetzt werden, in Klassen, in denen sie zum Teil ganz von selbst sehr bald wieder erholungsbedürftig werden müssen.

Die körperliche Gesundheit unserer Jugend ist gefährdet, die Unterrichtserfolge werden herab­gesetzt, die individuelle Behandlung der Kinder wird verunmöglicht, Wohlfahrtsmaßnahmen ver­lieren einen großen Teil ihrer Wirksamkeit was die städtischen und staatlichen Körperschaften unter großen geldlichen Aufwendungen gutmachen, wird durch Sparmaßnahmen an der Schule auf der anderen Seite teilweise wieder zur Unwirk­samkeit berurteilt solange die Praxis in der Verwaltung unserer Schulen die Klassenziffern in so beträchtlicher Höhe hält oder gar noch an- wachsen läßt. (Auch manche Landschule birgt schon heute Schülermengen in einer Klasse, die unverantwortlich groß sind. Die Nöte einzelner gutbesuchter höherer Schulen in dieser Hinsicht sind ebenfalls bekannt.)

Das Volksschulgeseh sieht nach Art. 3, Abs. 4 als Höchstbesetzung einer Klasse 50 Schüler vor. Cs heißt dort:Die Schülerzahl einer Klasse soll 50 nicht übersteigen. Unter besonderen Umständen können einem Lehrer bis zu 63 Kinder zum Unter­richt zugewiesen werden." Nun haben wir in Gießen jetzt schon unter 61 QtormalHaffen nicht weniger als 25 Klassen mit mehr als 50 Schü­lern. Lag eine derartige Steigerung der Klassen­stärken wirklich in der Absicht der Gesetzgeber von 1921?

Unsere Bevöllerungspolitiker klagen über die Abnahme der Geburtenziffern im Deutschen Reich. Haben sie recht, und die entsprechenden Statistiken des letzten Jahrzehnts geben ihnen recht, dann ist es unverständlich, daß man die kleinen Welt­bürger, die uns zur Zeit noch verbleiben oder werden, nicht nach jeder Richtung hin in Schuh nimmt, sie z. D. gesundheitlich nicht einwandfrei einschult.

Die Finanznot zwingt zu Einschränkungen. Nur sollten sich diese im ganzen Reich gleichermaßen auswirken. Ist dem so? Greifen wir einmal einen deutschen Volksstaat heraus, dessen Finanz­schwierigkeiten ebenfalls nicht gering find. Sach - f e n sieht als Höchstbesetzung einer Klasse 35 Schüler vor, unter besonderen Umständen können einem Lehrer bis zu 40 Schüler zugewiesen wer­den. Die Universitätsstadt Gießen aber hat in 25 ihrer Dolksschulklassen je 51 und mehr Schüler.

Sparen ist sicherlich etwas Gutes, aber das Sparen am Kind und an seiner Gesundheit ist ein Versehen an ihm und am gesamten Volks­tum. Sparen ist etwas Notwendiges, aber die Sicherung und Förderung der körperlichen, gei­stigen und sittlichen Gesundheit unserer Jugend ist notwendiger. Sie zu schaffen ist Sache unterer Volksvertreter und der von ihnen gebildeten Regierung. Haben sie den Willen zur Abhilfe. so werden sich auch Wege dazu finden. Ich glaubte um unserer Kinder willen auf diese ihre Not Hinweisen zu sollen, die unerträglich werden mühte, falls wie man munkelt ein neuer Abbau kommen sollte.

DerGießener Anzeiger" vom 19. Dez. d. I. brachte die Nachricht, daß der hessische Minister für Kultus- und Bildungswe.en in einem Rund- erlaß an die Schulleitungen und Schulämter Richtlinien wie die Gesundheitsfür­sorge in den Volks- und höheren Schulen Hessens zu handhaben sei her­ausgegeben habe.

Wir begrüßen diese Richtlinien. Nur vermissen wir darin, dah sie keine Bestimmung enthalten gegen gesundheitliche Schäden, die sich daraus entwickeln müssen, dah die Klassenziffern in den hessischen Schulen feit Jahren stark in die Höhe gegangen sind und anscheinend noch weiter anwachsen sollen. Von dieser Kin­dernot soll in den nachfolgenden Zeilen die Rede fC3m Frühjahr 1926 erfolgte in Hessen der zweite starke Lehrerabbau an der Volks­schule. Ich schrieb damals in Nr. 53 des Gieß. Anz" vom 16.März 1926 etwa folgende Sähe:Man baut woht hauptsächlich da ab, wo die meisten Junglehrer sind, d. L in den Städten und in den größeren Industrieorten. Dort läßt sich die Maßnahme leicht durchführen. Es scheint dies aber nur so; denn dort sind außer den Sonderklassen, die Dr. Leuchtgens nicht abgebaut haben will, keine aobausähigen Klassen. Wir haben beispielsweise für unsere Normalllassen in Gießen heute schon eine Durch­schnittsbesetzung von etwa 40 Schülern, aber nur bis Ostern 1926. Der Zugang an Ostern 1926 übersteigt den Abgang so stark, daß sich bann eine Durchschnittsstärke von etwa 43 Schü­lern ergibt Bei einem Abbau von nur vier Klassen aber würde sich diese Durchschnitts- besehung erhöhen auf etwa 47 Schüler. Ist das in der heutigen Zeit tragbar? Sehen wir ein­mal von den pädagogischen Bedenken ab, erwäh­nen wir von diesen nur, daß es auch für den tüchtigsten Lehrer in der Zahl der Schüler einer Klaffe eine Grenze gibt, über die hinaus er nicht mehr unterrichten, sondern nur nochhüten" kann. Etwas anderes steht auf dem Spiel, es ist die Gesundheit unserer Jugend, die Gesund­heit der Jugend, die die Volksschule (Grund­schule) besucht. Die meisten Insassen der heutigen Volksschule wurden geboren und aufgezogen unter allen Nöten und Sorgen der Kriegs­und Nachkriegszeit. Sie sind Kriegsopfer, die nur bei besonderer Pflege zu gesunden, lebensfrohen, lebenbejahenden Menschen auf wachsen können. Und an ihnen will man Sparabbauversuche machen? Gerade in der heutigen Zeit des W o h n u n g s e l e n d s sollten kleine Schulklassen mit möglichst guter Be­lichtung und Durchlüftungsmöglich­keit der Säle den vielen armen Kin­dern aus F arnilien, die in ein oder zwei Stübchen zu fünft, sechst und mehr Hausen müssen, einen Aus­gleich bieten gegenüber den Gefah­ren ungenügenden Wohnraums. Wir Lehrer haben volles Verständnis für die Fi­nanznöte des Staates, aber daß gerade die rein zahlenmäßig scheinbar günstig gelagerten Volksschulklassenstärken den Entschluß aufkommen ließen, hier die Sparmaßnahmen zu beginnen, das bedauern wir, weil uns dieses Verfahren als gegen die Interessen der Dollsgesundheit gerichtet erscheint."

So schrieb ich vor drei Jahren. Wie weit sind wir nun heute? Sehen wir uns die Steigerung in der Besetzung der Gießener Volksschulklassen in folgenden wenigen Zahlen an. Eine Normal- klasse in Gießen hatte 1925/26 38,9 Schüler im Durchschnitt, 1926*27 40,8, 1927/23 42,2, 1928/29 45,6 Schüler im Durchschnitt; sie hat 1929/30 47,4 Schüler im Durchschnitt; sie wird 1930/31 etwa 49 bis 50 Schüler'" im Durchschnitt haben, d. h. wenn Gießen keine neuen Schulstellen be­willigt werden.

Es mag sein, daß der Schulabbau 1926 den Finanzen des Staates genutzt hat, es mag sein, daß man unsere Kinder noch enger zusammen­pferchen kann; aber daß die drangvoll fürchter­liche Enge, wie sie jetzt schon in einer ganzen Anzahl Klassen vorhanden ist, der körperlichen Gesundheit der Kinder nicht von Vortell sein kann, wird wohl auch der eifrigste Befürworter deS Sparens in Staats- und Gemeindehaushalt einsehen.

Die neue Schule, die Nachkriegsschule, hat be­wußt in der Erziehung der ihr anvertrauten Kin-

* Die Durchschnittszahl von 50 Schülern be­deutet nun nicht etwa, daß jede Normalllasse im Jahre 1930/31 nur!!! 50 Schuler zählen würde. Die Verteilung in den Jahrgängen läßt sich nicht so schematisch durchführen. Auch Fragen der Er­ziehung und des Unterrichts zwingen zu Ver­schiebungen in der Zahl. Da gibt es dann wohl Klassen mit 40 bis 50 Schülern, aber auch solche mit 52 oder 56 oder gar 60 Insassen und wo­möglich in Sälen, die nach den Forderungen der Schulgesundheftslehre auch nicht entfernt so stark 1 besetzt werden sollten.

tem Chore, VioNne und Orgel vorgetragen wurde Wir wollen seine Krippe schmücken und bei ihm bleiben die ganze Nacht". Die Orgelbeglei­tung war bei Lehrer Rabenau-hier in guten Händen, der auch mit Herrn Leib-Gießen (Violine) das Largo von Händel meisterhaft zu Gehör brachte.

T Saubringen, 26.Dez. In der vergan­genen Nacht wurde ein Bursche aus unserer Gemeinde von einem jungen Burschen aus Stau­enberg durch einen Messerstich so schwer verletzt, daß er auf Anordnung des ArzteÄ der Klinik in Gießen sofort zugeführt wurde. Näheres wird die eingeleitete gerichtliche Unter» uchung ergeben.

v. Londorf, 25. Dez. Am Sonntag beton- taltete das Schülerorchester der Ober­realschule Gießen unter Leitung von Stu­dienrat Dr. Hillebrand hier ein Unterhal­tungskonzert. welches von hohem Können und ehr guter Schulung zeugte. Sämtliche Pro» grammnummem wurden fein und exakt zu Ge­hör gebracht. Das Publikum spendete starken Beifall und veranlaßte das 15 Mann starke Orchester zu mehreren Zugaben.

Ö Beltershain, 27. Dez. Am heftigen Abend fand in unserem Gotteshaus eine Christvesper statt. Die Kinder unter Leitung von Lehrer und Organist M e i ö t erfreuten tafei mit einigen Chören die zahlreiche Festgemeinde. Eine Reihe Lichtbilder über die Weihnacht und eine Ansprache des Ortspfarrers gaben der Feier ihr besonderes Cewand. Die Kinder erhielten wie alljährlich ein Weihnachtsbüchlein als Ge- chenk der Kirche.

o Reinhar dshain, 27. Dez. Unser ev. - kirchlicher Frauenverein hat seine Wintervereinsabende seit einigen Wo­chen wieder eingerichtet, die von dem Ortspfarrer geleitet werden. Letzte Woche hatte der Verein zu einem Fa rn i li en ab e n d die ganze Ge­meinde eingeladen. Der Pfarrer zeigte Licht­bilder von der Adventszeit und über die Win­terweihnacht. Am zweiten Feiertag fand in un­serem Kirchlein ein Festgottesdienst statt, bei dem unser Gesangverein unter Leitung von Lehrer und Organist Müller initwirkte. Der Verein fang zwei Weihnachtschöre, eine zahl­reiche Festgemeinde füllte unser Gotteshaus bis zum letzten Platze.

tz W i r b e r g . 27. Dez. Wie alljährlich, so fand auch dieses Jahr in unserem Gotteshaus auf dem Wirberg eine Christvesper statt. Die Veranstaltung der Feier hatte Lehrer unb Organist Allendörf er. Göbelnrod, mit sei­ner Schulklasse übernommen. Trotz des sehr un­günstigen Wetters und der schwierigen Wege hatte sich eine zahlreiche Gemeinde zur Feier eingefunden. Was die Kinder darboten an Ge­sang und Deklamation war erfreulich; eine Be­scherung für die Kinder schloß sich an. Lehrer Allendörfer und den Kindern gebührt be­sonderer Dank.

5 Saasen, 27. Dez. In der letzten Ad­ventswoche hatten wir eine Adventsweih e- stunde mit Lichtbildern, veranstaltet vorn Orts­pfarrer. Am 1. Feiertage fand, wie alljährlich, eine Weihnachtsfeier unter dem brennen­den Christbaum in unserem Gotteshause auf dem Veitsberg statt. Lehrer und Organist Her be c hatte mit feiner Schulklasse die Feier DorCereiiet Die Zahl der zur Feier erschienenen Gemeinde­glieder war so groß, daß das Gotteshaus über­füllt war. Wort und Weisen der Kinder, in ge­wohnter Exaktheit bargeboten, bereiteren eine rechte Feierstunde, die in einer kurzen Ansprache des Pfarrers ausklang.

Ö Harbach, 27. Dez. Durch die Grund­stückszuteilung in diesem Herbst, die den Abschluß unserer Feldbereinigung bildete, ist auch eine N e uver p a ch t ung desHeiligen Gutes", des Kirchengutes der Kirche Harbach, erforderlich geworden. Auf Beschluß teS, Kirchenvorstandes wird baS Gut in einzelne' kleinere Lose geteilt und auf neun Jahre ver­pachtet. Wan hofft, auf diese Weise mehr Pächter als bisher in den Genuß des KirchenguteS kommen zu lassen.

-r Grünberg, 25.Dez. Die jüngste Ge­meinderatssitzung unter dem Vorsitz von Beigeordnetem Keller fand in Anwesenheit von elf Gemeinderäten statt. Zu der Er­bauung eines Spritzenhauses hat ba6 Hochbauamt Gießen angeregt, das Gebäude so weit zurückzustellen, daß vor der Vorderfront die Straßenbreite 6,50 Meter beträgt Dadurch wird von dem benachbarten Besitzer Heinrich Z i n h e r mehr Gelände benötigt, als er zu der ursprünglich geplanten Stellung zur Hergabe im Austausch sich erboten hatte. Der Gemeinderat ist mit der vom Hochbauamt vorgeschlagenen Stellung einverstanden, und _ der Beigeordnete soll versuchen, das nötige Gelände von dem An­lieger zu erwerben. Eine Eingabe des Kal­kanten um Erhöhung seiner Vergütung von jähr­lich 96 auf 120 Mk. wird abgelehnt Sofern er seine Tätigkeit nicht zu der seitherigen Ver­gütung ausüben will, soll der Frage der An­schaffung eines elektrischen Winderzeugers durch den Orgelbauer Franz Möller, Lich, näfjer* getreten werden. Ein solcher Apparat würde sich samt Einbauungskosten auf 525 Mk. stellen, so dah sich der elektrische Betrieb der Winderzeugung bei Berechnung der Verzinsung der Anlagekosten und der geringen Stromkosten bedeutend billiger stellen würde als der seitherige. Eine ähnliche Erfahrung hat die Stadt mit der Einführung des elektrisch betriebenen Glockengeläutes gemacht, da auch hier sich die Kosten bedeutend gegen früher ermäßigt haben. Ebenfalls der Ab­lehnung verfällt ein gleiches Gesuch der Kirchen­dienerin um Erhöhung ihrer Vergütung. Unter PunktVerschiedenes^ entspinnt sich eine längere Aussprache über den vorn Beigeordneten vor­getragenen Plan, die Stelle des Stadtdieners iRatsschreiberss K r e u ö e r, der 67 Jahre alt ist und damit die Altersgrenze überschritten hat. nicht wieder zu besetzen, sondern durch junge Hilfskräfte, die in Kurzschrift und Maschinen­schreiben ausgebildet sind, zu ersetzen. Da Ge­meinderat S ch e l l h a a s Widerspruch gegen eine Beschlußfassung erhebt, wird die Sache vertagt, Da die Sitzung die letzte des alten Gemeinde­rates ist, schließt Beigeordneter Keller die öffentliche Sitzung mit folgender Ansprache: Nur noch wenige Tage sind es, dann wird das Jahr 1929 mit all seinen Mühen und Nöten in- Meer der Unendlichkeit versunken fein. Mit Ab­lauf dieses Jahres hat auch die Tätigkeit des im Jahre 1925 gewählten Gemeinderates auf­gehört und ihr gesetzmäßiges Ende gefunden. Wie jeder Sachverwalter am Jahresende seine Bilanz zieht, so wollen auch wir noch einmal einen kurzen Rückblick auf unsere hier gemeinsam geleistete Arbeit werfen. Ich glaube in diese» Augenblick nicht zu viel zu f er gen, wenn ich Be*