Nr. 228 Erstes Blatt
179. Jahrgang
Samstag, 28. September 1929
Erscheint läglich,außer Sonntags und Feiertag». Beilagen:
Die Illustrierte Gießener Familienblätler
Heimat im Bild Die Scholle.
Monatr-Vczugrprelr: 2.20 Reichsmark und 30 Reichspscnnig für Trägerlohn, auch bei Richter- scheinen einzelnerRummern infolge höherer Gewalt.
Zernsprechanschlüfle unterSammelnummer2251. Anschrift für Drahtnachrichten : Anzeiger Gießen.
Postscheckkonto: Srantfurtam Main 1168«.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Vrvck und Verlag: Vrühl'sche Unlversltüts-Vllch- Mld Sleindnrckerei R. Lange in Gießen, ächrlstlettnng und Geschäftsstelle: Zchulstraße 7.
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für \ mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re- klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorfchrift 20°/« mehr.
Ehefredakteur:
Dr. Friedr. Wilh. Lauge. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blurnfchein und für den Anzeigenteil Mar Filter, sämtlich in Gießen.
Zurück zur Sachlichkeit.
Der Reichskanzler ist soeben, von langer, schwerer Krankheit genesen, wieder in Berlin eingetroffen. Auch der Außenminister hat nach längerer Abwesenheit von der Reichshauptstadt die Dienstgeschafte wieder ausgenommen. Rach wohl mehr als vier Monaten ist das Reichskabinett wieder einmal vollzählig beisammen. Das Interregnum ist der Politik denkbar schlecht bekommen. Die heimkehrenden Minister finden eine Lage vor, die sich nur als Sam pfaller gegen alle charakterisieren läßt. Das darf nicht wunder nehmen, wenn man schaudernd miterlebt hat, wie die amtierende Reichsregierung feit dem Frühjahr alle Zügel schleifen ließ und schließlich sogar, wie bei der Reform der Arbeitslosenversicherung, freiwillig auf jede Führung verzichtete. Von den feineren Graden politischer Führung, von der zielbewußten Zusammenfassung des politischen Willens der Ration, wie sie der Augenblick erfordert hätte, ganz zu schweigen. Die Regierung insgesamt und jeder Minister im einzelnen sind froh, wenn ihr Ressort möglichst weit aus der Schußlinie der öffentlichen Kritik bleibt. Läßt sich das nicht vermeiden, so ist man empfindlich über jedes scharfe Wort, ohne das es nun einmal in der Politik nicht abgeht. Man wünscht seine Ruhe und leistet zweifellos nach bestem Wissen und Gewissen fleißig und eifrig seine nicht leichte Ressortarbeit. Jeder tut an seiner Stelle sein Bestes oder wenigstens das, war er dafür hält. Aber von einer überlegenen, planmäßigen Führung der Reichsgeschäfte, wie sie dieser Sommer erfordert hätte, hat man beim besten Willen auch gar nichts gespürt. So tritt nun in wenigen Tagen der Reichstag zusammen, um über die Reform der Arbeitslosenversicherung zu beraten, aber heute noch stehen sich die Anschauungen der Parteien über die Art dieser Reform unvermindert schroff gegenüber, und niemand weiß im Grunde zu sagen, warum man gerade dem Plenum des Reichstags zutrauen soll, die Patentlösung zu finden, die alle befriedigt. Und kommt cs darüber zu einer Regierungskrisis, fällt die Große Koalition auseinander, auch dann wird niemand sagen können, was geschehen soll. Das Zentrum zwar bereitete sich unter Führung von Kaas schon darauf vor, in einer veränderten Situation die ihr gemäße Stek- lur.a zu beziehen. Aber Volks pari ei und De^ütschnationale haben sich mit einem Eiser, den man wohl nur im deutschen Bürgertum für einen Streit im eigenen Lager aufzubringen den Mut hat, ineinander verkeilt, daß man heute jedenfalls nicht weiß, wie beide wieder nebeneinander auf die Regierungsbank zu bringen wären, wenn die politische Situation dies einmal erfordern sollte.
Als die Deutsche Dolkspartei im vergangenen Jahre sich nach langem Zögern entschloß, zum zweiten Male mit den Sozialdemokraten die Große Koalition zu bilden, da geschah es doch wohl mit der Absicht, den Versuch zu machen, die Sozialdemokraten zumindest auf eine mittlere Linie herüberzuziehen und sie zu größerer Beachtung der Interessen des Bürgertums zu zwingen. Man kann nicht behaupten, daß ihr dies gelungen sei. Die Volkspartci hat es weder erreicht, daß sie zum Mit- rcgicren in Preußen zugelassen wurde — einstmals als Voraussetzung oder wenigstens selbstverständliche Folge ihres Eintritts in die Große Koalition im Reich gedacht — noch vermochte sie die seit Jahren geforderte und vor der Pariser Sachverständigenkonfe- renz unaufschiebbar gewordene Reform der öffentlichen Finanzwirtschaftdurchzusetzen. Die Früchte dieser Versäumnis mußten wir in Paris und auf der Haager Konferenz ernten, auf der wir reparationspolitisch kaum so mäßig abyeschnitten hätten, wäre unsere finanzielle Rüstung stärker gewesen. Aber dabei blieb es leider nicht. Run soll die Volkspartei in offenbarer Verkennung ihrer eigentlichen Aufgabe in dieser Koalition anscheinend auch noch dazu mißbraucht werden, die Propaganda der Linken zu besorgen.
Wir haben kein Hehl daraus gemacht, daß wir das Volksbegehren des Reichsausschusses für- unzweckmäßig, ja innen- wie außenpolitisch geradezu für gefährlich halten. Wir haben keinen Zweifel darüber gelassen, daß unsere Ansicht über Aufgaben und Methode einer „nationalen Opposition" von der des Herrn Geheimrat Hugenberg erheblich abweichen. Wir freuen uns, heute seststellen zu können, daß diese abweichende Auffassung offenbar auch von weiten Kreisen derer geteilt wird, die man eigentlich hinter dem Reichsausschuh für das deutsche Volksbegehren hätte vermuten müssen. 3n der Christlich-nationalen Bauernpartei, im Reichslandbund und sogar im Stahlhelm hat der sog. Zuchthausparagraph starke Dedenken erregt, ein in seiner vaterländischen Gesinnung gewiß unverdächtiger Mann, wie Graf Westarp, Vorsitzender der dcutschnatio- nalen Reichstagssraktion, schweigt sich über das Volksbegehren aus und der „Jungnationale Ring", hinter dem wir wohl die Kreise vermuten dürfen, die einst der Wahl Hugenbergs zum Parteivorsihenden widerstrebten, greift in einer vielbeachteten Flugschrift „Der Riedergang der nationalen Opposition", die Taktik des neuen Kurses scharf an. Er verlangt nicht mehr und nicht weniger als den Sturz Hugenbergs als ein Hemmnis der nationalen Sammlung. Die künftige nationale Opposition werde nicht mehr Rebellion und Egoismus, nicht mehr Hatzgesang und Ressentiment, sondern Einordnung und Gemeinschaftsgefühl sein. Werde die nationale Opposition nicht bald neue Träger finden, dann werde Deutschland in den wichtigsten Jahren ohne nationale Opposition dastehen. Die Kampffront des Reichsausschusses für das Volksbegeh- te" ift also keineswegs so umfassend und in sich geschlossen, wie man nach den großzügigen Vorbereitungen annehmen müßte. Immerhin ist es
Oie Forderungen der deutschen Städte.
Ausbau der Selbstverwaltung. - Finanz- und Steuerreform. - Kein Verzicht auf Aufnahme von Anleihen. — Oer preußische Innenminister über die kommunale Eigenwirtschaft.
Frankfurt a. M., 27. Sept. (WTV.) Im Festsaal des Palmengartens wurde heute früh die Jahresversammlung des Deutschen Städte- tages eröffnet. Präsident M u I e r t begrüßte die Vertreter der Reichs- und Staatsbehörden und erstattete sodann sein Referat über „Sinn und Form der Selbstverwaltung". Die Selbstverwaltung ist nur denkbar, wenn sie von dem Vertrauen aller Kreise der Bevölkerung getragen wird. Aktive Mitarbeit der Bürger in der Gemeinde, verantwortungsbewußte Führung der Aufgaben der Gemeinde wird am besten dieses Vertrauen erhalten und kräftigen. Selbstverwaltung bedeutet Selb st Verantwortung. Einer einheitlichen Regelung der Grundzüge der Verwaltung muß eine örtliche Bewegungsfreiheit für die praktische Durchführung der Aufgaben entsprechen. Rur dann ist es möglich, das Ziel jeder Reform zu erreichen, die gesamte örtliche Verwaltung in der untersten Instanz in der Hand der Gemeinde zusammenzufassen. Die lebendige Kraft der Selbstverwaltung wird wesentlich bestimmt durch die Lage ihrer Finanzen. älnzusarnrnenhängende Teillösungen des Finanzausgleichs brachten den Gemeinden, als den politisch Schwächsten, weitere Verschlechterungen ihrer finanziellen Lage.
Die jüngsten auhenpolilischen Verhandlungen werden hoffentlich den Weg frei machen, um nunmehr die dringend notwendige systematische Neuregelung der Finanzfragen durchzuführen, hierbei müssen auch die Mängel der jetzigen Regelung für die Gemeinden, die sich auch für die Volkswirtschaft nachteilig ausgewirkt haben, beseitigt werden.
Die Einkommensteuer, bas Rückgrat jeder modernen Steuer- und Finanzpolitik, muß weiterhin Reich, Ländern und Gemeinden gemeinsam zu- stchen, wobei es Aufgabe dec- Reiches als b?c Unparteiischen sein muß, die Abgrenzung des Anteils von Ländern und Gemeinden einheitlich und gerechter als bisher durchzuführen. Dor einer erheblichen Senkung dieser Steuer müssen deshalb die Rückwirkungen auf Länder und insbesondere auf Gemeinden besonders sorgfältig geprüft werden. Die Frage der Deckung der Ausfälle muß in einem solchen Falle vorher gelöst sein, damit nicht unvorhergesehene Schwierigkeiten und schwere Schäden erwachsen. Eine bewegliche, von eigener Verantwortlichkeit getragene Gemeindepolitik verlangt, daß die Gemeinde auch das S e l b st b e stimmungsrecht und damit die Verantwortlichkeit für die Bereit st ellung der Einnahmen hat. Für das Zuschlagsrecht zur Einkommensteuer muß eine richtige Form gefunden werden, die dem Steuersystem und den praktischen Erfordernissen entspricht. Dadurch wird am besten der jetzt auf die Gewerbe st eue r ausgeübte finanzielle Druck erleichtert.
Die Nachteile einer teilweisen Ueberfpannung der Realsteuern dürfen nicht zu der Forderung führen, sie ganz abzuschafsen. Noch heute bildet die Gewerbesteuer die gerechtfertigte Abgeltung der besonderen Lasten, die der Gemeinde durch die Gewerbebetriebe auf fast allen Gebieten der öffentlichen Arbeit erwachsen. Die Städte wünschen aber auch ihrerseits die Gewerbesteuer überall dort zu vermindern, wo sie zu hoch angespannt ist. Sie sind dazu bereit, aber aus eigener Kraft nicht in der Lage. Das Ausmaß des Abbaues wird also von der höhe der Betrage abhängen, die das Reich auf Grund finanzieller Erleichterungen den Gemeinden zu diesem Zweck überweist.
Wohnungsnot und Wohnungselend bedingen eine Festlegung der Hauszins st euer auf längere Zeit. Diese Steuer mutz alsdann von den Härten befreit werden, die ihre
jetzige Form noch vielfach aufweist. Eine Erleichterung der direkten Steuern wird eine Erhöh ungeinzelnerindirekterSteuern nach sich ziehen. Hierbei kann man an der © e - tränke st euer nicht vorübergehen. Angesichts der Bedrängnis unserer wirtschaftlichen und finanziellen Lage ist hier eine Desteuerungsmöglich- feit gegeben, die für die Wirtschaft am erträglichsten ist. Die öffentliche Finanz- und Steuerpolitik mutz als eine Einheit betrachtet und beurteilt werden. So kann es auch zu keinem Ergebnis führen, wenn gelegentlich die Höhe der Beiträge kritisiert wird, die die kommunalen Werke zum städtischen Haushalt abliefern. Solange der Finanzausgleich die Gemeinden zu dieser Einnahmequelle nötigt, können d i e Tarife, so erwünscht es an sich wäre, nicht herabgesetzt werden.
Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Gestaltung des kommunalen Anleihemark
tes. Bleibt auch der Jahreszuwachs an kommunalen Anleihen'hinter den entsprechenden Zahlen der Friedenszeit nicht unerheblich zurück, so macht doch die Gesamtlage unseres Geldmarktes größte Zurückhaltung auf diesem Gebiete zur kommunalpolitischen Pflicht. Die allgemeine Finanzlage und die besonders schwierigen Verhältnisse der Städte haben schon im letzten Jahre zu erheblichen Einschränkungen auf den meisten Gebieten kommunaler Arbeit geführt. Gleichwohl werden die Städte auch weiterhin ernsteSpar- samkeit üben. Sie bekunden damit ihre enge Verbundenheit mit der gesamten Wirtschaft, von der sie zugleich ein wichtiger Teil sind. (
Der preußische
Innenminister Grzesinski
übermittelte der Tagung die besten Wünsche dec preußischen Staatsregierung. Auf programmatische Ausführungen könne er diesmal verzichten, weil er
VorIufammentn'tt des Reichstags.
Reichskanzler Müller bereitet die Versicherungsdebatte vor.
Das Defizit der Arbeitslosenversicherung.
Eine halbe Milliarde aus Reichsmitteln.
Berlin, 28. Sept. (Priv.-Tel.) Das Reichs- arbeitäminifterium hat dem Reichstag nunmehr die Begründung zum Entwurf eines Gesetzes zur Aenderung des Gesetzes über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung und die Begründung zum Entwurf eines Gesetz« s über befristete Qlenbe- t u n g e n der Arbeitslosenversicherung vorgelegt, lieber die Aufwendungen des Reiches für die Arbeitslosenversicherung wird in der Begründung u. a. mitgeteilt, daß die Ausgaben in dem zweiten Haushaltsjahre der Arbeitslosenversicherung ihre Einnahmen um 479 Millionen Reichsmark überschritten haben. Dabei sind die Aufwendungen des Reiches und der Reichsanstalt für die Sonderunterstühungen mit eingerechnet. Die starke Beanspruchung von Reichsmitteln — 265 Millionen Mark in der Versicherung, 105 M llionen Mark in der Sonder- fürsorge, zusammen rund 370 Millionen Mark — hat wesentlich dazu beigetragen, die ohnehin schwierige Kassen läge des Reiches in den Winter- und Frühjahrsmonaten des Jahres 1929 zu v e r s ch ä r f e u. Es besteht weitgehendes Einverständnis darüber, daß sich das nicht wiederholen darf. Die Darlehnshilfe des Reiches kann nur für Fälle ernster Rotlage oder zur Befriedigung vorübergehender Geldbedürsnisse in Anspruch genommen werden. Zu den hier angeführten Zahlen kommen noch die Beträge, die das Reich für die Krisenfürsorge hat zahlen müssen, so daß die gesamten Aufwendungen an Reichsmitteln für die Arbeitslosigkeit rund eine halbe Milliarde Mark betragen.
Anhaltende Ebbe in der Reichskaffe.
Berlin, 28. Sept. (Priv.Tel.) Wie wir aus guter Quelle hören, hat sich die Lage der Reichskasse auch in den letzten Wochen nach keiner Richtung hin gebessert. Da keine neuen Einnahmen hereingekommen sind und die Ausgaben in der letzten Zeit sogar noch größer wurden, kann man vielleicht eher von einer gewissen Verschlechterung der Kassenlage des Reiches sprechen. Der kommende Quartalsultimo wird reibungslos befriedigt werden können. Trotzdem arbeitet man im Reichsfinanzministerium
aber ununterbrochen an der Finanzreform, um den sonst nicht ausbleibenden schwierigen Situationen der Reichskasse nach Möglichkeit vorzubeugen.
Oie Volkspartei beharrt auf ihrem Standpunkt.
Reform ohne Beitragserhöhung.
Berlin, 27. Sept. (Priv.-Tel.) Die Reichstagsfraktion der.Deutschen Dolkspartei billigt nach eingehender Besprechung der Vorschläge zur Reform der Arbeitslosenversicherung einmütig die Haltung ihrer Vertreter im Sozialpolitischen Ausschuß. Sie hält an der Auffassung fest, daß ein Ausgleich der Einnahmen und Ausgaben der Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung unter Wahrung aller berechtigten sozialen Gesichtspunkte ohne Beitragserhöhung und ohne neue Belastung des notleidenden Reichshaushaltes möglich ist, wenn die von der Deutschen Volkspartei wiederholt gegebenen Anregungen zur Grundlage der Reform gemacht werden. Sie erblickt in der Sanierung der Arbeitslosenversicherung die erste notwendige Maßregel zur Herbeiführung einer Gesundung der deutschen Wirtschaft und der Wiederherstellung geordneter Rcichssinanzen. Sie beauftragt ihre Vertreter, die Verhandlungen in diesem Sinne weiterzuführen.
Oer Reichskanzler nimmt die Besprechungen aus.
Berlin, 27. Sept. (Privat.) Reichskanzler Müller hat iin Laufe des Tages die angekündigten Einzelbesprechungen über die politische Lage abgehalten, und zwar zunächst mit den Ministern Wissell und Dr. Hilfer- ding, ferner mit Reichsjustizminister von Guerard und später mit Reichsauhenminister Dr. Stresemann. Außerdem empfing der Kanzler Vertreter der sozialdemokratischen Fraktion. Der Sinn der Besprechungen ist, daß der Kanzler sich nach seiner langen Abwesenheit zunächst einmal über die politische Lage und bte Auffassungen der Koalitionsparteien informieren will. Dabei liegt es auf der Hand, daß die Frage der A r b e i t S- lofenref orm stark im Vordergrund aller Un* terhaltungen steht, die natürlich auch der Vorbereitung der morgigen Ministerbesprechung gelten.
durchaus begreiflich, daß die in dem Volksbegehren scharf angegriffene Regierung und die hinter ihrer Politik stehenden Parteien zur Abwehr schreiten, wenn sie es eben nicht daraus ankommen lassen wollten, die uneinheitliche Stimmung im gegnerischen Lager sich auswirken zu lassen. Daß nun allerdings d i e „Enthüllungen" der Rationalliberalen Korrespondenz, über die wir ausführlich berichteten, dazu das geeignete Mittel waren, möchten wir bezweifeln. Das parteiosfiziöse Organ der Deutschen Dolkspartei wird inzwischen selbst einigermaßen überrascht sein über die Wirkung seiner Veröffentlichungen, die an sich keineswegs den sensationellen Charakter trugen, zu dem ihnen erst eine sensationslüsterne Presse mit viel Eifer verhalfen hat.
Man wollte mit den Enthüllungen über Gespräche deutschnationaler Politiker mit Franzosen offenbar beweisen, daß die Deutschnationale Dolkspartei eine Politik mit doppeltem Boden treibe, wenn sie coram publico gegen die offizielle Verständigungspolitik zu Felde zog und Männer des Jungdo und der Linksparteien wegen ihrer Besprechungen mit dem „Erbfeind" anprangerte, hinter den Kulissen jedoch es selber nicht verschmähte, in Paris ihre Fühler auszustrecken und sich mit dem „Erbfeind" an den Verhandlungstisch zu sehen. Man wollte ferner beweisen, daß diese außenpolitischen Gespräche
mit Leuten von jenseits der Grenze hinter dem Rücken des Auswärtigen Amts geführt worden seien und geeignet gewesen wären, die Politik der Reichsregierung Empfindlich zu stören. Aber wenn diese Offensive der Rationalliberalen Korrespondenz das Volksbegehren treffen sollte, so hatte man wieder einmal eine falsche Front. Wir wollen ganz absehen von der Person des Herrn Arnold Rech berg, der sich politisch zur Linken zählt, und in heller Begeisterung über den deutsch-französischen Kali- und Eisenpakt schon seit Jahren in unzähligen Artikeln in deutschen wie französischen Blättern mit dem Gedanken eines analogen Militärbündnisses krebsen geht. Aber auch Herr Dr. Klönne ist nun einmal nicht Hugenberg. Der Dortmunder Industrielle, den man zum gemäßigten Flügel der Deutschnationalen Volkspartei rechnen muh, ist ein WirtschaftsMrer von Rang, der sein Ansehen als ernst zu nehmender Politiker in seinen Besprechungen mit Wirtschaftlern und Abgeordneten der Gegenseite durch törichte Vorschläge oder zu weitgehende Konzessionen kaum aufs Spiel gesetzt haben dürfte. Und warum sollte cs grundsätzlich Politikern der Rechten versagt sein, die gleiche deutsch-französische Verständigung, die die amtliche Politik der Reichsregierung sich zum Ziel gesetzt hat, in Gesprächen mit Leuten ihrer Interessensphäre auf a n d e re Weise anzustreben, noch dazu, wenn
sie versuchen, dabei mehr herauszuschlagen, als es dem Auswärtigen Amt gelungen ist? Ist es vielleicht ein Vorrecht der Herren Breitscheid und ®eorg Bernhard, in schwebende Verhandlungen des Außenministers hineinzupfuschen? Davon kann doch offenbar bei Klönne gar nicht die Rede sein, der noch dazu, ohne daß er dazu! verpflichtet war, das Auswärtige Amt entgegen jetzt erhobener Beschuldigungen über das Ergebnis seiner Gespräche mehrmals eingehend unterrichtet hat. Der Begeisterungssturm der Linken, das Frohlocken Hugenbergs, der von der Cnthüttungsaklion eine Entlastung von der gemäßigten Opposition in der eigenen Partei erhoffen darf, und das toenig' entzückte Echo, das! die Veröffentlichungen der Äationalliberaleni Korrespondenz in der Presse gefunden hat, die der Volkspartei nahesteht, sollten doch zu denken geben, ob dieser Feldzug klug war. Wir jeden- salls versprechen uns nichts von einer Fortsetzung dieser Art des Kampfes. Wenn des politische Gegner gelegenllich gleiche Methoden beliebte, so ist das noch lange kein Beweis dafür, daß diese Methoden gut und nachahmenswert sind. Kehren wir nicht bald auf allen ©eitert auf den Boden sachlicher Politik zurück, so müssen wir in eine Krisis hineinschlittern, aus der heute noch niemand weiß, wie wir wieder herauskommen sollen.
i?»- _ ___।


