Ausgabe 
27.12.1929
 
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Jtiftfe fei bisher unternommen worden, alles bleibe noch zu tun, die dritte Rheinlandzone fei noch nicht geräumt. Die Sammer könne alfo fortfahren, das Rheinland zu besehen, entgegen den eingegangenen Verpflichtungen. Das sei noch möglich. Der nach dem Haag fahrenden Zug sei noch nicht abgegangen.

Aber die Regierung wolle etwas anderes als HL orte des Dorwurfes und Nadelstiche. Es sei Zeit, daß das Parlament den Interessen Frank­reichs diene. Gebe es etwa keine Sanktio­nen? Allenthalben seien solche vorhanden. Wenn die Kammer am Kapitel 1 des Budgets eine Kreditherabsetzung Vorschlägen wolle, könne fie es tun, aber er. Briand, lehne das a b, und zwar

unter Einsetzung seines Portefeuilles.

Dor dem Lande müsse jetzt die Kammer die Derantwortung für eine aufbauende Entschlie­ßung übernehmen, und zwar durch eine Ab­stimmung, die der Doktrin des Landes entspricht, der Lehre der Rechtschaffenheit und Ehrlich­keit, wie sie, so bemerkte der Außenminister zum Schluß ironisch, der Abgeordnete Mandel der Regierung habe erteilen wollen.

Die Rede Briands wurde von fast der gesamten Kammer mit lebhaftem Beifall aus­genommen, er selbst von seinen Ministerlollegen und zahlreichen Kammermitgliedern, als er sich auf seinen Platz zurückbegab, lebhaft beglück­wünscht. Die Sitzung wurde hierauf um 7 2Hr unterbrochen.

Rach Wiederaufnahme der Sitzung wurde die Weitcrberatung des Budgets auf morgen vor­mittag vertagt. Der Abgeordnete Franklin- Bouillon kündigte an, baß er auf die Rede Briands antworten werde. Der Kammerpräsi­dent fragte hierauf die Regierung, welchen Zeit­punkt sie für die Diskussion der Interpellationen M out et sSozialist) und Cachin (Kommunist) über die Amnestie Daudets und der wegen politischer Vergehen verurteilten Personen Vor­schläge. Ministerpräsident T a r d i e u verlangte die Vertagung dieser Interpellationen unter Stel­lung der Vertrauensfrage. Dieser Antrag der Regierung wurde schließlich mit 303 gegen 266 Stimmen angenommen.

Der Papst über das italienische Konkordat.

Stadt des Vatikans, 25.Dez. (WB.) Der Papst empfing heute vormittag das Kardi­nalskollegium zur Entgegennahme der Glück­wünsche. Bei dieser Gelegenheit hielt Pius XI. eine Rede, in der er die Ereignisse des Jubeljahres und vor allem den Lateranpakt besprach. Er drückte seine Freude über die durch die Ver­träge und den Königsbesuch entstandene neue Loge aus. Er bedauerte aber, daß die Katholische Aktion nicht so behandelt werde, wie sie es werden müßte und wie der entsprechende Artikel des Vertrages es verlange. Zu behaupten, daß die Katholische Aktion Politik treibe, sei eine Verleumdung. Wenn auch einzelne Politisierende unter den Mitgliedern der Katholischen Aktion sein sollten, so könne man deshalb nicht sagen, daß die Katholische Aktion sich in die Politik msiche. Der Papst erklärte auch, daß er mit der Lage der katholischen Presse unzufrieden sei. Sie werde widerwärtig schlecht behandelt, und das zu einer Zeit, in der Momente angekündigt werden, deren Opportunität anzuerkennen schwer sei und die, wenn nicht nach dem Buchstaben, so doch dem Geiste nach mit den Abmachungen im Widerspruch stün­den: das auch zu einer Zeit^ wo man Erlaubnis und Erleichterung gewähre für Veröffenllichungen, die gegen diesen Geist verstießen, die unehrerbietig und rücksichtslos gegen den Heiligen Vater seien und die Gewissen und Verstand gerade in den Punkten in Aufruhr versetzen wollten, die der Papst richtiggestellt und verurteilt habe.

Oer Erzbischof von Turin f.

T ur i n, 26. Dez. (WB.) Kardinal Giuseppe G a m b a, Erzbischof von Turin, ist im Alter von 73 Iahren plötzlich gestorben.

Kardinal G a m b a ist im Iahre 1857 geboren, wurde 1923 von Pius Xl. zum Erzbischof von Turin ernannt und drei Iahre später zum Kar­dinal erhoben. Gamba stand in besonders nahen Beziehungen zum italienischen Königspaar und zum Kronprinzen. Er hat in der Wiederherstel-

Gießener Gtadttheater.

Lkonkowski und Gilbert: Tie keusche Susanne".

Als heiterer Weihnachtsschlager stieg gestern im Stadttheater O k o n k o w s k i s dreiaktige, immer wieder zugkräftige OperetteDie keusche Susanne". Das Frantfurter Operetten-Ensemble erzielte damit vor ausverkauftem Hause einen starken Erfolg.

Die keusche Susanne" gehört zum älteren Ope­rettenbestand; ihr Libretto ist mit allen Schikanen des erfahrenen Fachmannes geschrieben, die Hand­lung flüssig und spannend bis zum Schluß gestal­tet, die Musik prickelnd, melodienreich und mit wirk­samen «chlagern gespickt. Okonkowski und Gilbert wußten, was sie wollten mit derkeuschen Susanne", und der Bühnenerfolg ist bei einer schmissigen Auf­führung wie gestern immer wieder auf ihrer Seite.

Die Titelrolle derkeuschen Susanne" war bei Ly Ottmar darstellerisch und gesanglich in sehr guten Händen; die Künsllerin schöpfte die reichen Möglich­keiten dieser Rolle bis zum letzten aus. Fritz Beyer, der auch in straffer Weile die Regie führte, spielte den duckmäuserigen Privatgelehrten und geheimen Lebemann Baron des Aubrais in vollendeter Weise. Die Rolle seiner Frau Delphine wurde von Rosel Tresper ansprechend gegeben. Mia Herbe! (Jacqueline) war darstellerisch besser und zufrieden­stellender als gesanglich, da eine gewisse Härte des Organs die Gesamtleistung etwas beeinträchtigte. Eine köstliche Leistung bot Hans Schneider als Hubert, an dem man seine helle Freude hatte. Der RenL Boislurette wurde von Emmerich Müller- Marten flott und gut obgcstimmt verkörpert. Die komische Figur des Parfümfabrikanten Pomarel brachte Aranz M e n a r in wirkungsvoller Weise zur Darstellung. Der Privatgelehrte Eharencey von Fritz Schwab befriedigte. Anneliese K ü st n e r hätte ihre kleine Rolle als Frau Eharencey ruhig ein wenig lebend.ger geben dürfen. Einen schnei­digen Oberkellner /stellte Willy Hartmann hin, einen reizenden Pikkolo schuf Edi Schreiner. Die kleineren Rollen konnten im großen und ganzen gefallen. Die Chöre, die Tänze und das Ballett stir die letzteren zeichnete Rose! Helge, oerant- »örtlich waren gut.

Paris, 26. Dez. (WB.) Die französische Regierung veröffentlicht boS Memoran­dum, das sie an die an der Londoner FIo t - tenkonferenz teilnehmenden vier Mächte überreichen ließ. Es heißt darin, nach Ansicht der französischen Regierung mühte die Flottenkon­ferenz sich über die Grundsätze und Metho­den einigen, die den späteren Abschluß eines allgemeinen Abkommens zur Einschränkung der Rüstungen ermög­lichen. Die englische und die amerikanische Re­gierung hätten den Kelloggpakt zur Grund­lage ihrer Besprechungen gemacht. Der Kellogg­pakt sei auf dem Einfluß der öffentlichen Mei­nung. der gewiß groß sei, begründet, aber seine methodische Anwendung sei noch nicht organisiert. Er regele nicht sämtliche Fragen der gegenseitigen Hilfeleistung gegen den Angriff und gegen den Angreifer, und bei der gegenwärtigen Lage ge­nüge er nicht, um die Sicherheit der Na­tionen zu garantieren. Die französischeRe- g i e r u n g und die übrigen Mitglieds st aa- ten des Völkerbundes hätten sich dagegen verpflichtet, im wesentlichen auf dem Völker­bund s st a t u t die Einschränkung und Herab­setzung ihrer Rüstungen, von denen die See­rüstungen nur einen Teil bilden, aufzubauen. Das Dölkerbundsstatut liefere bereits jetzt die Grundlage für ein vollkommenes Sicherheits-- system, aufgebaut auf der Anwendung von Me­thoden zu einer friedlichen Regelung und der Unterstützung des Staates, der ungerecht ange­griffen sei. So wahr es sei, daß ein allge­meines technisches Abkommen über die Rüstungen ein vorheriges politisches Abkommen voraussetze, so sei es ebenso richtig,

daß ein vollständiges Flottenabkommen eine Verständigung über die Frage der Freiheit der Rleere voraussehe, die Rechte der kriegführen­den und der Neutralen definiere und eventuelle Zusammenarbeit der übrigen Flotten gegen die­jenige eines Angreiferlandes vorsehe.

Trotz dieser Vorbehalte sei die französische Regierung entschlossen, auf der Londoner Kon­ferenz tatkräftig mitzuarbeiten. Die Londoner Konferenz werde ihr Ziel nur dann vollkom­men erreicht haben, wenn sie in G e n f ein voll-

Frankreich und die Abröstung zur See

Das französische Memorandum zur Londoner Flottenlonferenz.

kommenes Abkommen über die Methoden der Einschränkung de. Seerüstungen ermögliche.

Im zweiten Teil des Memorandums werden dann die vier Grundsätze auseinandergesetzt, die für Frankreich bei kommenden Verhandlungen maßgebend fein werden. Es heißt darin, die französische Regierung gedenke, die Herab­setzung ihrer stungen gemäß Art.8 des Völkerbunds st atuts vorzunehmen. Nur auf dieser Grundlage könne ein für sämtliche in London nicht vertretenen Regierungen an­nehmbares Abkommen vorbereitet werden. Die Genfer Vorbercitungsarbeiten hätten ergeben, daß

ein enger Zusammenhang sämtl'cher Rüslungs- arbciten auf dem Lande, zu Wasser und in

der Luft

bestehe. Dies sei ein wesentlicher Grundsatz der französischen Politik der nationalen Verteidigung, dessen Bedeutung sich vor allem aus der geogra­phischen Lage Frankreichs ergebe. Der französi­schen Marine seien daher Aufgaben gestellt, die die französische Regierung nicht aus dem Auge verlieren könne, wenn es sich für sie darum han­dele, Art.8 des Völkerbundsstatuts anzuwenden.

Die Verbindungswege im Mittel- m e e r hätten für das englische Weltreich eine Be­deutung, die die französische Regierung nicht verkenne. Diese Bedeutung sei jedoch für Frank­reich nicht geringer.

Sei es nun möglich, unter den RNttelmeersee- mächten ein Abkommen der gegenteiligen Garan­tie und des Richtangreisens zu verwirklichen, an dem auch diejenigen Mächte teilnehmsn. die auf der Londoner Konferenz nicht vertreten sein würden? Die französische Regierung stelle diese Frage, indem sie sich grundsätzlich für ein der- artiges Abkommen ausspreche.

Sie habe den aufrichtigen Wunsch, zu einer Her­absetzung der Seerüstungen zu gelangen.

Schließlich betont das Memorandum, daß die französische Regierung auf den Erfolg einer Ver­handlung vertraue, die die Wege für die all- gemeine Konferenz über die Einschrän- ttrng und Herabsetzung der Rüstungen vorbereiten werde, entsprechend dem gemeinsamen Wi.len der Völker, den Frieden zu organisieren.

lung der Beziehungen zwischen dem Papst und dem italienischen Königshause eine bedeutsame Rolle gespielt. In diesem Iahre sind bereits acht Kardinäle gestorben. Mit dem Tode Gambas sinkt die Zahl des Kardinalkollegiums auf 62 (29 Italiener und 33 Ausländer).

Falscher Alarm in Brüssel.

Brüssel, 24. Dez. (WTB.) Die^ Belgische Telegrophenagentur teilt mit: Anläßlich dcr Verhaftung zweier Italiener haben die Blätter über ein angeblich von den Festge- nommencn geplantes Attentat gegen die bei gische Königsfamilie gesprochen. Nach Informationen von maßgebender Quelle scheint es, als ob von einem geplanten Attentat gegen die Königsfamilie nicht die Rede ist. Die beiden Italiener wurden hauptsächlich wegen des Besitzes falscher Pässe verfolgt. Die Untersuchung dauert im übrigen noch an.

Der Italiener Pascal Rusconi, der auf Grund der Verhaftung Demeris wegen Paß­vergehens voräb:rg:h.nd ebenfalls festgenommen wurde, ist durch die älntersachungsb.hirde wieder auf freien Fuß gesetzt worden, da sich keinerlei Verdachtsmomente gegen ihn ergeben haben.

Die KirchensemdschastMlanbs.

Kowno. 26. Dez. (T2. Funkspruch.) Wie aus Moskau berichtet wird, wurde im Zusam­menhang mit den neuen scharfen Kampf» Maßnahmen der Sowjetregierung gegen die Kirche in mehreren Städten der Sowjetunion das Weihnachtsfest nicht ge­feiert, so in Moskau, Leningrad und anderen

Großstädten Rußlands, wo in sämtlichen Betrie­ben gearbeitet wurde. In Odessa, Charkow, Kiew und Schietomir 'wurden kürzlich mehr als 9 0 Kirchen geschlossen und ihr Eigentum zu­gunsten des Staates beschlagnahmt. In verschie­denen Gegenden der Sowjetunion kam es zu Zusammenstößen zwischen Gläubigen und Kommunisten, die vielfach versuchten, den Gottesdienst zu stören. Die politische Polizei nahm in verschiedenen Orten Verhaftungen vor. \

Reue Festnahme in der Bombenaffäre.

Altona, 24. Dez. (WB.) Die Ermittelungen in der Spreng st offangelegenheit haben zu einer neuenFe st nähme geführt. Es han­delt sich um einen Expedienten Otto R i e p e r aus Hamburg, der an dem Anschlag auf das Finanzamt Oldenburg in der Nacht zum 3. Iuni beteiligt war. Rieper, der geständig ist, wurde heute der Staatsanwaltschaft zugefüh^t. Vor dem Untersuchungsrichter wiederholte er sein der Po­lizei gemachtes G e st ä n d n i s, worauf Haft­befehl gegen ihn erlassen wurde.

Ausscheiden von Schliebens aus dem Reichsdienst.

Berlin, 24. Dez. (WTB.) DerReichs- anzeiger" teilt mit: Der Präsident des Landes­finanzamtes Magdeburg, Reichsminister a. D. v o n S ch l i e b e n, scheidet mit Ablauf des Monats Dezember 1929 auf seinen Antrag aus dem Reichsdienst aus.

Aus aller West.

Schiffskatastrophen.

Paris, 26. Dez. (WTB.) Nach einer Havas- Meldung aus Maorid ist bei dem Schiffbruch des norwegischen DampfersAs­lan d" unweit bei Bayona an der spanischen Westküste die gesamte Besatzung von 30 Mann ums Leben gekommen. An der­selben Stelle ist vor drei Iahren bereit3 ein an­derer norwegischer Dampfer gestrandet und im September die.es Iahres ein englisches Schiff.

Sofia, 26. Dez. (WTB. Funkspruch.) Das bulgarische HandelsschiffW a r n a" ist infolge eines Zusammenstoßes mit einem griechischen Schiffe im Marmarameer ge­sunken. 25 Mitglieder der Besatzung sind ertrunken, nur vier konnten gerettet werden.

Strandung eines Motorschiffes bei Helgoland.

Helgoland, 25. Dez. (WTB.) Das mit Ge­treide von Hamburg nach Husum unterwegs be­findliche MotorschiffFrisia" ist auf den Seehundsklippen bei Helgoland gestrandet. Die aus drei Mann bestehende Besatzung wurde von Helgoländer Motorbooten gerettet. Das etwa 150 Tonnen große Schiff ist wahr­scheinlich verloren.

Zwei Tankdampfer in der Llbe auf Grund geraten.

Hamburg, 25. Dez. (WB.) Bei dem durch den starken Ostwind verursachten sehr niedrigen Wasser­stand der Elbe lief am Dienstagvoimittaa der 12 000 Tonnen große TankdampferW i l Helm Riedemann" von der Deutsch-Ameri­kanischen Petroleumgesellschaft mit voller Ladung vor Blankenese auf Grund. Drei Stunden später wollt der ebenfalls von See kommende etwa 10 000 Tonnen große TankdampferM e r k - land" aus Norwegen denWilhelm Riedemann" passieren und lief ebenfalls fest. Die Havarie der beiden Tankdampfer hätte beinahe ein weiteres Schiffsunglück verursacht. Als der holländische Damp­ferKieldrecht" und der FischdampferAugusten­burg" die Unfallstelle passierten, gerieten beide zu nahe aneinander. Der Fischdampfer erhielt einen Riß am Rumpf und entging nur mit knapper Not einem größeren Unglück. Beide Dampfer konnten ihre Fahrt fortsetzen. Die festgefahrenen Tank- dampfer bilden eine starke Behinderung der Elbeschiffahrt.

verheerender Sturm über England.

London, 26. Dez. (TU. Funkspruch.) lieber große Teile Englands ging in der Nacht zum ersten Weihnachtstag und in den frühen Morgenstunden ein sehr schwerer Sturm hinweg. Besonders heirnc^esucht wurde das südliche Irland. In den Straßen von Tipperary wurd» durch obgedcckte Dächer, herumgeworfene Ziegelsteine und abgerissene Baumäste bedeutender Schaden ongerichtet. Teile der Stadt sind überschwemmt. Aus Kirkwall wird ge­meldet, daß sämtliche Secdienste wegen der Heftig­keit des Sturmes eingestellt werden mußten. Der Sturm erreichte zeitweise eine Stärke von mehr als 70 Stundenmeilen. Die nördlichen Orkney inseln find ohne Weihnachtspost. Im K a n a l ist die Schiff­fahrt gleichfalls stark behindert. In der Bucht von Plymguth haben zahlreiche Dampfer vor dem Sturm Zuflucht suchen müssen.

Erneuter Frost und Schneefall im Schwarzwald.

Freiburg, 27. Dez. (WTB. Funkspruch.) Nach­dem föhnnrtige Witterung vor und während der Weihnachtsfeiertage, verbunden mit starken Regen­fällen bei erhöhten Temperaturen auf dem Schwarz­wald fast die ganze Schneedecke weggeschmolzen hatte, ist mit dem zweiten Weihnachtsfeiertag ein Witterungsumschlag eingetreten. Die Tem- peratur ist bei ausgiebigen Sch neefäl« l e n stark gesunken. In den höheren Lagen ist wieder eine N e u s ch n e e d e ck e bis zu 50 Zenti Meter vorhanden. Der Temperaturunterschied betrug heute früh gegenüber dem ersten Feiertag 19 Grad.

Drei Tote bei einem Autounglück.

Kassel. 25. Dez. (WTB.) Gestern abend wurde ein Kraftwagen mit fünf Insassen, der sich anscheinend verirrt hatte, auf einem schran­kenlosen, wenig benutzten Liebergang der Strecke PaderbornNord-Lippspringe von einem von Lippspringe kommenden G ü t e r z u g erfaßt, etwa 50 Meter mitgeschleift, gegen eine Drücke gedrückt und völlig zertrümmert. Der Müh- lenbesiher Winkler aus Niedergebra und der Kraftwagenführer Dörfler aus Bleicherode waren sofort tot. Der 14jährige Sohn Wink-

Das Orchester unter Leitung von Max Klier verdient volles Lob, ebenso die gute Gestaltung der Bühnenbilder. Das Haus dankte mit sehr lebhaftem Beifall. B.

Ein hessischer Afrikaforscher.

Don Prof. Or. jur. et Phil. Karl Esselborn.

Einer um die Erforschung afrikanischer Spra­chen sowie um die ehemalige deutsche Kolonie Togo verdientesten Pioniere ist Dezirksamtmann und Regierungsrat a. D. Adam M i s ch l i ch , den der unglückliche Kriegsausgang vor der Zeit aus seiner erfolgreichen Laufbahn heraus- gerissen hat und seitdem in Darmstadt anfäsfig ist. In Nauheim bei Groß-Gerau ist er am 28. März 1864 geboren. Er besuchte zunächst die Volksschule seines Geburtsortes, dann die Realschule in Michelstadt und Darmstadt. 1885 wurde er in das Basler Missionshaus ausge­nommen und bereitete sich dort für den Beruf eines Heidenmissionars vor. Fünf Iahre später wurde er in Nauheim als Missionar ordiniert und begab sich dann, um sich in der englischen Sprache zu vervollkommnen, nach England. Ende 1890 erfolgte seine Ausreise nach der Goldküste. Daselbst erlernte er außer der Ga-Sprache auch das im Hinterland der Goldküste und in ein­zelnen Teilen von West-Togo gesprochene Tschi.

Nach seiner zweiten Aussendung im Jahre 1894 wurde er in Worawora in Togo stationiert. Auf verschiedenen größeren Erkundungsreisen in Mittel- und Nord-Togo, die wegen des stets drohenden Fiebers nicht gefahrlos waren, drang er bis an die Grenze von Französisch-Dahomeh vor. Bei diesen Reisen machte er genaue topo­graphische Aufnahmen, zeichnete Karten und Landschaftsbilder und veröffentlichte Berichte über seine Beobachtungen von Land und Leuten imMissionsmagazin" und in den »Mitteilungen aus den deutschen Schutzgebieten".

Im Iahre 189Z schied er aus der Basler Mission aus unb trat in den Dienst des Gouvernements von Togo. Er wurde dem Leiter der Inland- ftalion von Kete-Kratschi, Grafen von Zech, als Mitarbeiter beigegeben und, als dieser dann Gouverneur von Togo wurde, trat er an dessen

frühere Stelle. An der Hebung des Verkehrs und der Volkswirtschaft seines Amtsbezirks, der an Größe etwa Württemberg gleichkam, arbeitete er unermüdlich. Er erforschte das Gelände durch Routenaufnahmen systematisch und legte breite, fahrbare Straßen an, die z im Teil mit Alleen eingefaßt wurden. Große Versuchspslanzungen, die er ins Leben rief, hatten Mahagoni, Eben­holz, Gerberakazien, Kola, Oelpalmen, verschie­dene Kautschukarien, Sisalhanf, mehrere Baum­wollarten, Mangopflaumen, Orangen, Zitronen, Ananas. Kaffee, Kardamon usw. zum Gegen­stand. Einen deutlichen Begriff von dieser Seite seiner kolonialen Tätigkeit gibt sein eingehender Bericht über die Versuchspflanzungen im Be­zirk Kete-Kratschi" vom Dezember 1928.

Von Anbeginn seiner Tätigkeit hatte er ein scharfes Augenmerk auf das Studium der Volks­kunde. Dor allem aber widmete er sich der Er­forschung ter Hauptverkehrs- und Handelssprache im Zentralsudan und in Westafrika, der Sprache der Haussa, die um 1400 den Islam an­nahmen und, wie die Neger überhaupt, eine sehr lebhafte Phantasie besitzen, aber auch in den Schattenseiten ihres Charakters, in ihrer Hinier- Clist und Verschlagenheit die gewöhnlichen Neger weit übertreffen, wenn auch viele ihrer Stammes» genossen eine verhältnismäßig hohe Dildung und feinte Benehmen besitzen. Außer zahlreichen Auf­sätzen stammen aus Mischlichs Feder u. a. fol­gende sprachwissenschaftliche Veröffentlichungen: Lehrbuch der Haussasprache" (2. Ausl. 1911), Wörterbuch ter Haussasprache. 1. Teil: Haussa» Deutsch" (1926). Das Verdienst der lexikalischen Arbeiten Mischlichs besteht darin, daß sie die Mundarten als gleichberechtigte Glieder des Ganzen vor Augen führen, mit peinlicher Ge­nauigkeit die der gleichen Wurzel entwachsenen Wortstämme verbaler wie nominaler Natur auf­führen und charakterisieren und den Wortsinn auf das bestimmteste feststellen, was bei Sprachen von der Art des Haussa mit besonderen Schwie­rigkeiten verknüpft ist. Alle diese Vorzüge machen feine Leistungen auf sprachlichem Gebiete gerade­zu vorbildlich. Auszeichnungen mancherlei Art brachten ihm diese Arbeiten ein.

Im Iahre 1926 unternahm Wischlich im Auf­trag einer großen Hamburger Firma eine ®r-

kundungsreise in die Haussaländer, wobei er seine früheren Forschungen fortsehte. Ec kam babet tief bis ins Innere des Sudan, in das Herz der Haussaländer und hatte Gelegenheit, feine Grammatik und seine Wörterbücher der Haussa­sprache zu verbessern und zu ergänzen. Außerdem hatte er neben vielen geschichtlichen Texten Über die Völker in dem großen Nigerbogen, wie Mossi, Gurunsi und viele andere, auch Kriegs­lieder und religiöse Gesänge der Haussa in drei noch der Deröfsentlichung harrenden Bänden gesammelt. Auch den Sprichwörtern und der Vollspoesie war er nachgegangen, wie fein Lehr­buch der Haussasprache oder auch die von Carl M e i n h o f herausgegebenen Afrikanischen Märchen" beweisen. Bei der Märchensammb.ng von 1926 war fein Helfer der gelehrte Malam Labaran aus Zaria, der za ihm kam, ihm Mär­chen vorlas, die er sauber wie gedruckt in arabischer Schrift niedergeschrieben hatte, oder ihm Märchen diktierte. Die Märchen sind Aus­geburten der geradezu fabelhaften Phantasie der Haussa. Wie Menschen sprechende und wie Men­schen handelnde Tiere und schreckliche Dämonen sind regelmäßig wiederkehrende Erscheinungew^ in den Märchen, die voll toller UebertreibungeA und älnmöglichkeiten sind, auch häufig vor starken Obszönitäten nicht zurückschrecken, sich in einer außerordentlichen Weitschweifigkeit gefallen und durch die in ihnen enthaltenen Ansätzen zu individueller Charak'erschllderung ein Spiegel afrikanischen Volkslebens sind.

Einen Teil des gesammelten Stoffes, ein hal­bes Hundert Märchen, veröffentlichte er als Neue Märchen aus Afrika" als Band 9 der ersten Reihe derVeröffentlichungen deS Staat­lich-sächsischen Forschungsinstitutes für Völker­kunde in Leipzig". Ein eigentümlicher Reiz geht von den am nächtlichen Lagerfeuer in der Steppe oder im älrwald erlauschten Märchen aus. die die Erzeugnisse einer frischen, kernigen Naturkunst sind. Ein Stück afrikanischer Sonne hat Mischlich darin eingefangen, dem diese Sonne selbst so lief ins Herz geschienen hat, daß das Sonnen­land Afrika das Ziel seiner Sehnsucht ist und bleibt.