Nr. 226 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Donnerstag, 26. September 1929
Das abgeschleudette Flugzeug.
Von Karl Ammon.
3n den Zeitungen ist in letzter Zeit viel von dem Flugzeug „Reuyork" die Rede gewesen, das die Post der „Bremen" lange vor ihrer Landung übernahm und sie, dem Dampfer vv- auseilend, in das Bestimmungsland brachte. Dabei ist bann auch meistens erwähnt worden, dah das Flugzeug mit einer sogenannten Katapultanlage von der „Bremen" abgeschleudert worden ist. Mancher Leser wird vielleicht gern erfahren, warum eigentlich eine solche Flugzeugschleuder notwendig ist, und wie sie aussieht.
Ein Flugzeug kann bekanntlich in der Luft nicht stehen blewen, denn wenn es stehen bliebe, so würde es abstürzen wie eine bleierne Ente. Es kann nur dadurch fliegen, dah die Flügel immer wieder über neue Luft kommen, ehe die Luft, aus der sie vorher geruht haben, Zeit gehabt hat. wesentlich abwärts auszuweichen. Die Luft, auf dec die Flügel ruhen, muh etwa in V20 Sekunde von den Flügeln überschritten sein. Da dies so ist. kann sich natürlich ein Flugzeug der jetzt üblichen Bauart auch nicht aus dem Stand in die Luft erheben: Es muh zunächst — einerlei ob es ein Land- oder ein Wasserflugzeug ist — einen Anlauf nehmen, bis es eine so grohe Geschwindigkeit hat, dah die Flügel schnell genug über neue noch ruhende Luftschichten kommen. Da ein Flugzeug aber ein peinlich grohes Gewicht hat, das durch seinen Motor und seine Schraube nur allmählich beschleunigt werden kann, so dauert es immer eine beträchtliche Zeit, bis die erforderliche Geschwindigkeit erreicht ist. Wir wissen ja auch aus Erfahrung. wenn wir beim Abflug von Flugzeugen zugesehen haben, dah diese zunächst oft mehrere hundert Meter auf der Erde entlang rollen oder auf ihren Schwimmern — seien es besondere Schwimmer oder der Körper eines Flugbootes — durch das Wasser fahren, bis sie sich erheben können. Eine so lange Dahn steht aber auf einen, Schiff nicht zur Verfügung.
Man hat sich deshalb dadurch geholsen. dah inan das Flugzeug aus dem Schiff aus eine Schleudermaschine seht und ihm durch diese auf einer ganz kurzen Strecke die erforderliche Geschwindigkeit erteilt. Auf der „Bremen" ist hier
Gaisongewerbe und Arbeitslosenversicherung.
Dom Baugewerbeverband Sieg- Lahn wird uns u. a. geschrieben:
Die 00m Reichskobinett und von der Preußischen Regierung beschlossene Erhöhung der Arbeitslosen- Versicherungsbeiträge im Baugewerbe um 50 d. $)., ebenso wie die durch die Tagespreise bekanntge- roorbenc Zustimmung des Reichsrates zu diesen Beschlüssen hat das Baugewerbe in größte Bestürzung verseht. Durch die geplante Erhöhung der Beiträge würden die Cr- zeugungs kosten des Baugewerbes eine sprunghafte Erhöhung erfahren, die im krassesten Gegensatz zu dem gerade für diesen Wirtschaftszweig in erster Linie gebotenen Erfordernis der äußersten Viedrighaltung der Erzeuaungskosten steht. Die Verteuerung durch die Erhöhung der als Zuschlag zu den Löhnen aufzubringenden Ar- beitslosenversichcrungsbeiträgen ist für das Baugewerbe um so fühlbarer, als bekanntermaßen gerade bei diesem Wirtschaftszweig der Anteil der Lohnkosten an den Gesamterzeugungskosten besonders hoch ist. Die Erhöhung der Erzeugungskosten in der Bauwirtfchaft verbietet sich aber allein schon aus ihrem Einfluß auf die künftige Wietge Haltung der Aeubau- Wohnungen, läßt sich also weder mit dem Auf der Oeffentlichkeit nach neuen Wohnungen mit wirtschaftlich tragbaren Mieten, noch mit der behördlichen Zusicherung durchgreifender Maßnahmen zur Behebung des Wohnungsmangels in Liebereinklang bringen. Dieser Gesichtspunkt drängt sich bei der Betrachtung der drohenden Gefahr um so mehr in den Vordergrund, als derjenige Teil der Bevölkerung, der auf den Bezug von Aeubauwohnungen angewiesen ist, von 3ahr zu Jahr gegenüber der Zahl der Altwohnungs- Mieter in beträchtlichem Wachsen begriffen ist. Abgesehen von dem Wvhnungsneubau kann aber auch die Erstellung öffentlicher und industrieller Bauten mit Rücksicht auf die Finanzlage der öffentlichen Körperschaften und der Gesamtwirtschaft eine so sprunghafte Erhöhung der Erzeugungskostcn nicht vertragen, ohne daß sich schwere Rückschläge auf den Auftragbestand ergeben, dio eine weitere Arbeitslosigkeit der Bauarbeiter'nach sich ziehen und zur Llrnkehrung des eigentlichen Zweckes der geplanten Maßnahmen führen würden. Wirtschaftlich untragbar erscheint für den einzelnen Bauunternehmer die plötzliche Beitragserhöhung außerdem deshalb, weil es ihm bei den bestehenden, üblicherweise sehr langfristigen Festverträgen rechtlich nicht möglich ist, die erhöhten Beiträge dem Bauherrn mit in Rechnung zu stellen.
Lieber das Ausmaß der durch die geplante Erhöhung der Arbeitslosenversicherung dem Baugewerbe entstehenden Mehrbelastung mag folgende Lieberlegung unterrichten: Bei einem angenommenen Dauarbeiterstundenlohn von durchschnittlich etwa 1,10 Mark würde der mit % vom Hundert anzusehende erhöhte Anteil der Arbeitgeber ein Mehr von 9/10 Pf. je Arbeitsstunde bedeuten. Bei Annahme von 2000 Arbeitsstunden im Jahre ergäbe sich daraus eine Erhöhung von 18 Mk. je Arbeiter! unter Zugrundelegung einer Beschäftigungszahl von rund 1 Million würde sich also die Mehrbelastung des Baugewerbes allein aus den Arbeitgeberanteilen der erhöhten Arbeitslosenversicherungsbeiträge auf rund 18 Millionen Mark jährlich belaufen.
Das Risiko des Llnternehmertums für das höhere Arbeitsverlustrisiko seiner Arbeiter hat bereits in Der Lohngestaltung des Baugewerbes selbst, in den „Saisonlöhne n", ihren Ausdruck gefunden, die die Bauarbeiterschaft weit- Jiehend instand setzt, aus ihren hohen Sommer- öhnen Rücklagen für die Wintcrzeit zu machen. Eine außerdem noch aufgebürdete 0 o n 6 e r - belastung mit erhöhten Arbeitslosenversicherungsbeiträgen würde eine völlig ungerechte Doppelbesteuerung der Bauarbeitgeber- schoft bedeuten. Als seinerzeit das Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung unter Einbeziehung der Bauarbeiter in die Arbeitslosenversicherung in Kraft trat, ohne daß deshalb eine grundsätzliche Aenderung in der
Lohngestaltung des Baugewerbes erfolgte, erfuhr Die Bauorbeiterschaft eine wesentliche Besserung ihrer Wirtschaftslage. Dieser erst in der Auswirkung des Gesetzes zutage getretene Fehler darf deshalb nicht auf dem Rücken der Bauwirtschaft wieder gutgemacht werden, sondern es entspricht der wirtschaftlichen Gerechtigkeit, die notwendige Reugestaltung der Arbeitslosenversicherung für Bauarbeiter lediglich in der Weise vorzunehmen, daß die Leistungen der Arbeitslosenversicherung für die Bauarbeiter a u f ein solches Maß gebracht werden, daß sie in derHauptsache gestützt auf Rücklagen aus dem hohen Sommerver
dienst über die regelmäßige Aussehzeit ohne Rot Hinwegkommen.
Ernsthaft wäre hierzu in Betracht zu ziehen, dah den Bauarbeitern Gelegenheit verschafft würde, sich während der Saison einen Mehr- verdienst zu sichern, aus dem sie ohne fühlbare plötzliche Minderung ihrer Lebens,rwglichkeiten Rücklagen für den Winter machen können. Dies könnte unschwer geschehen durch die Verlängerung der S0mmer0rbeitsze i t im Baugewerbe um eine Stunde aus Grund des § 6 der Arbeitszeitverordnung und späterhin durch entsprechende Reuregelung im Arbeitsschuh- geseh.
Berliner Zigeunerdörfer.
Zigeuner Invasion im Berliner Norden. — Wie man Pferde um 10 Jahre ^verjüngt". — Interviews mit Berliner Zigeunern.
Von Richard Nieburg.
In der letzten Zeit sind zahlreiche Zigeuner in Berlin eingewandert, die sich im Rorden der Reichshauptstadt niedergelassen haben. Linser Mitarbeiter hat die größten Berliner Zigeunersiedlungen besucht. Das „Afrikanische Viertel" in Berlin liegt merkwürdigerweise nicht im Süden der Reichshauptstadt, sondern im hohen Rorden, dort, wo die Afrikanische Straße und Kameruner Straße sich in der Aähe von Laubenkolonien entlang- ziehen. Bisher wohnten dort biedere Berliner Bürger: aber in den letzten Tagen hat die Gegend, ihrem Ramen entsprechend, doch einen etwas exotischen Anstrich bekommen, da sich dort zum Mißvergnügen der umwohnenden Bevölkerung einige Hundert Zigeuner mit Sack und Pack niedergelassen haben. Die „Siedlung" besteht nun aus einigen Gruppen zu- sammengeschobener Wohnwagen, wie man sie von kleinsten umherziehenden Zirkusunternehmen oder von Schaubudenbesihern kennt. Berlin hat jedoch außer diesem jüngsten Zigeunerdorf noch eine ganze Reihe entsprechender Siedlungen aufzuweisen, meist an den Randgebieten der Stadt. 3n Weihensec, in Reukölln, an der Grenze zwischen Reinickendorf und Wittenau, in der Rähe der Hochbahnstation Rordring und — das ist wohl die bekannteste Zigeunerniederlassung — in Spandau haben sich die braunen, feingliederigen Männer mit ihren meist recht breiten und runden Frauen niedergelassen.
Ein solches Zigeunerdorf, mitten in der Großstadt, bietet einen traurigen Anblick. Wohnwagen, Bretterhütten, das Ganze meist mit einem Zaun aus Stacheldraht umgeben, liegen abseits der Straße, und man gelangt nur auf Hinwegen in die primitiven Behausungen. Die Zigeuner sind mißtrauisch gegen jeden Fremden und lassen ihn nicht gern nahekommen — vielleicht, weil sie vieles zu verbergen haben. Rie sind sie sicher, dah der wißbegierige Llnbekannte, der sich ihnen nähert, nicht ein Spitzet oder ein Kriminalbeamter ist. Sie ziehen es deshalb auch vor, grundsätzlich die Behörden nie mit ihren Zwistigkeiten zu behelligen. 3eder Stamm hat seine eigene Gerichtsbarkeit: oberster Richter ist der Vorsitzende des Stammes, meist Baron oder in neuerer Zeit Präses genannt. Diesem Oberhaupt ist unbedingt Folge zu leisten: er schlichtet alle Familienstreitigkeiten, und er entscheidet auch über Leben und Tod — wenn die Aufsichtsbehörden nichts davon merken.
Berlin war die erste Stadt, die den Zigeunern erlaubt hat, sich in ihrem Weichbild festzusetzen, und so sind allmählich die erwähnten Siedlungen entstanden, in denen annähernd zweitausend Menschen dauernd wohnen. Die genaue Zahl ist nicht au ermitteln, da die Zigeuner es mit der Anmeldung von Geburten und Todesfällen, von Zuzug und Abwanderung nicht sehr genau nehmen. Sie kümmern sich auch sonst nicht sonderlich um die Vorschriften der Behörden. Dennoch bezeichnen sie sich eilfertig als „alte deutsche Zigeuner", um sich auf diese Weise vor einer Ausweisung als lästige Ausländer zu
schützen. Rach Papieren darf man diese braunen Romaden, die Abkömmlinge eines wanderlustigen indischen Pariastammes, freilich nicht fragen, denn sie haben keine, oder zeigen sie wenigstens nicht vor, weil sie stets in der Furcht leben, daß die eine ober andere Fälschung entdeckt wird. Da die Zigeuner ziemlich oft mit den Gesehen in Konflikt geraten, erscheint es ihnen nicht ratsam, sehr lange mit demselben Ramen und demselben Ausweispapier herumzulaufen. Die ansässig gewordenen Sippen haben zwar miteinander eine Art Burgfrieden geschlossen; doch lebt in gewissen Abständen die uralte Sitte der Blutrache wieder auf, und dann folgt Mord auf Mord. Auch ihre Handelsgeschäfte führen die Zigeuner oft vor den Richter: besonders in ihrem Hauptgewerbe, dem Pferdehandel, wird ihnen mancher Betrug zur Last gelegt. Die Zigeuner sind hervorragende Pferdekenner — aber sie sind auch vorzügliche Roßtäuscher. Mit großer Geschicklichkert bringen sie es fertig, einen Gaul um zehn 3ahre zu „verjüngen". Sie scheren dem Pferd an den Fesseln die Haare, sehen ihm falsche Zähne ein, geben ihm eine Einspritzung mit Arsen, um es kräftiger und nicht asthmatisch erscheinen zu lassen, stecken ihm auch Pfefferkörner oder 3ngtoer unter den Schwanz, damit es diesen Schmuck recht hoch und stolz trage. Reben dem Pferdehandel betreiben sie den Handel mit kleinen Teppichen, mit sog. bulgarischen und ungarischen Blusen, und mit „Brüsseler" Spitzen: aber kaum ein Stück dieser Ware stammt aus dem Ausland, das meiste beschaffen sie sich in Berlin in kleinen Geschäften zu niedrigen Preisen, um es dann teuer wieder loszuschlagen, indem sie damit von Haus zu Haus, von Tür zu Tür ziehen. Die Frauen verdienen ihren Lebensunterhalt als Kartenlegerinnen und Wahrsagerinnen, die gelegentlich neben dem Honorar für die Hellseherei auch noch ein paar silberne Löffel oder ein anderes Wertstück einstreichen.
Llnterhält man sich nun mit ein paar alten Zigeunerinnen aus den Berliner Zigeunerdörfern, so erfährt man, daß dieses romantische und abenteuerreiche Leben nur notgedrungen geführt wird, ohne die Reize zu besitzen, die man dem Dagantenleben oft nachfagt. „Dor einem 3ahr", erzählt mir eine Alte, „hatten die Zigeuner in Berlin recht schlimme Zeiten. Damals war die kleine Elly Reinfeld spurlos verschwunden. Wochenlang suchten die Polizeibeamten täglich alle Zigeunerlager durch, in der Hoffnung, das Kind doch noch zu finden; denn man nahm als feststehend an, daß Zigeuner die Kleine gestohlen hätten. Wir Zigeuner haben aber, weih Gott, selbst genug Kinder und wissen kaum, wie wir sie ernähren sollen. Wozu sollten wir noch fremde Kinder stehlen?" Lind dann klagt die alte Frau weiter, daß man die Zigeuner überhaupt für alles verantwortlich macht, was nicht sofort aufzuklären ist.— Wer viel Llnheil anrichtet, kann fich eigentlich nicht darüber wundern, daß ihm noch weit mehr in die Schuhe geschoben wird.
zu ein 27 Meter langer eiserner Gitterbrücken- ttaget angebracht, und zwar auf dem höchsten Deck zwischen den beiden Schornsteinen. Auf diesem Träger befindet sich am Hinteren Ende ein Schlitten, auf den d as Flugzeug gesetzt wird. Rachdem dies geschehen ist. wird der Schlitten mit Druckluft bei laufendem Motor des Flugzeugs gegen das andere Ende des Trägers hin geschleudert. Er beschleunigt sich dabei so, daß er und somit auch das Flugzeug nach zwanzig Meter eine Geschwindigkeit von HO Kilometer in der Stunde erreicht; dann wird der Schlitten gebremst, so daß er am Ende des Trägers zum Stehen kommt; das Flugzeug wird aber nicht mitgebremst, sondern saust infolge der ihm erteilten Geschwindigkeit und unter dem Zug seiner Schraube weiter, da ja die Geschwindigkeit von 110 Kilometer in der Stunde groß genug ist, dah die Flügel das Flugzeug tragen können.
Run handelt es sich bei der Geschwindigkeit, die das Flugzeug erreichen muß, um sich selbst zu tragen, nicht um die Geschwindigkeit des Flugzeugs gegen das Schiff, sondern um feine Geschwindigkeit im Bezug auf die Cuft; denn wenn das Flugzeug bei einem Wind von 110 Kilometer in der Stunde in der Windrichtung abgeschleudert würde, so hätte es gegen die Luft überhaupt keine Geschwindigkeit und würde am Ende der Schleudermaschine abstürzen. Man muß also das Flugzeug immer gegen den Wind abschleudern, wie ja jedes Flugzeug auf einem Flugplatz immer gegen den Wind abfliegen muß.
Rum könnte man ja das ganze Schiff etwa mit seiner Spitze gegen den Wind stellen und das Flugzeug in der Richtung nach der Spitze zu abschleudern; aber ein so ungeheuer großes Schiff wie die „Bremen" würde bei einer solchen Rich- tungsLnderung unter Llmständen sehr viel Zeit verlieren, und das ist natürlich nicht der Zweck der Hebung, die ja gerade eine Zeitersparnis bringen soll. Man hat deshalb den Träger um sein hinteres Ende schwenkbar gemacht, etwa wie den Zeiger einer wagerecht liegenden Llhr. So kann man das Flugzeug ohne Aenderung des Schiffskurses in jeder beliebigen Richtung abschleudern.
Es ist immerhin eine recht umfangreiche Anlage. wiegt doch die Schleudermaschine allein 24 000 Kilogramm, die auf der ganzen Reise der „Bremen" mitgeschleppt werden müssen, nur
damit das Flugzeug einmal auf jeder Fahrt abgeschleudert werden kann, was natürlich nur Bruchteile einer Minute erfordert. Das Flugzeug „Reuyork", ein Wasserflugzeug mit Schwimmern. dessen Betrieb die Deutsche Lufthansa übernommen hat, ist ein zweisitziger Heinkel- Tiefdecker mit einem Hornettrnotor von fünfhundert Pferdestärken. Seine Spannweite beträgt 16,83 Meter, die Länge über Alles 11,16 Meter, die Gesamthöhe 4,50 Meter. Es wiegt leer 1570 Kilogramm. Bei einem Gesamtfluggewicht von 2600 bis 2800 Kilogramm einschließlich Flugzeugführer und Bordfunker kamt das Flugzeug 300 Kilogramm Post mitnehmen.
Es ist zweifellos ein großer Fortschritt für die geistige Verbindung zweier Völker, wenn die Post von den Vereinigten Staaten schon nach sieben bis acht Tagen in die Hände des Empfängers gelangt, wie dies bei der letzten Lieberfahrt der „Bremen" der Fall war, während sie bisher nach Deutschland zwölf bis vierzehn Tage brauchte. Ratürlich stellt die ganze Einrichtung nur einen Llebergangszustand dar, denn es deutet alles darauf hin, dah es gelingen wird, mit gewaltigen Flugschiffen einen regelmäßigen Verkehr zwischen Europa und Amerika einzurichten. Dann wird die Post in einem Tage von einem Staat über das Weltmeer in den anderen gelangen: Das wird freilich nicht von heute auf morgen geschehen, aber es wird geschehen: Hat sich doch gerade die Fliegerei in weit kürzerer Zeit zu einer großen Vollkommenheit entwickelt, als dies bet fast allen anderen Zweigen der Technik der Fall war. Geht die Entwicklung in diesem Schrittmah weiter, so werden wir auf die Erfüllung unserer Voraussage gar nicht mehr so lange zu warten haben!
Knabenbörse für Wassermelonen.
Man muh sich zu Helsen wissen, und die 3ungens aus Enterprise im Staate Oregon scheinen nicht aus den Kopf gefallen zu sein. Sie hatten sich nämlich darüber geärgert, daß während der letzten großen Hitzewelle, von der Amerika befallen wurde, die Wassermelonen, mit denen man so famos den Durst löschen kann, immer mehr im Preise stiegen. Schließlich, als das Pfund bereits 31/2 Cents kostete, schritten sie zur Tat. Auf dem Markt, wo fast jeder zweite
Dein neuen Zigeunerlager Im „Afrikanischen Viertel" hat die Polizei nun seit zwei Tagen notgedrungen wieder ihre Aufmerksamkeit zu- wenden müssen, denn sie befürchtet, dah dort blutige Kämpfe bevorstehen. Den Anlaß zu den Händeln bietet der Aberglauben der Zigeuner. 3hnen gilt das lebende Pferd als heiliges Tier, aber das tote Pferd ist unrein. Darum wird ein Zigeuner niemals das Gewerbe eines Pferdeschlächters betreiben und es oermeiöen. mit einem Schinder in Berührung zu kommen; er wird auch niemals den Laden eines Pferde- schlächters betreten. Run wollte es der Zufall, dah eine besonders vornehme Zigeunerfamilie — es gibt auch unter diesem Romadenvolk edelste Geschachter - vor knapp zwei Wochen nach Berlin zog und sich dort als Schloh eine Laube aussuchte, in der vorher ein Pferdeschlächter gewohnt hatte. Dadurch wurde diese Familie unrein und hätte nach Zigeuneraeseh aus der Sippe ausgestoßen werden müssen. Der Ael- testenrat der Sippe lieh zwar in diesem Fall noch Gnade für Recht ergehen, weil die Familie nur in LlnkenntniS des Sachverhalts in diese Wohnung gezogen war. Das Haus selbst wurde jedoch als unrein gekennzeichnet, indem man auf seinem Dach einen Besen mit einem Schuh anbrachte: das ist das Zeichen der Verfluchung. Die Zigeuner, die schon länger in der Laubenkolonie ansässig sind, werden nun aber von der neuhinzugezogenen Sippe beschuldigt, den Ankömmlingen den Tatbestand absichtlich verschwiegen zu haben, um die vornehme Familie unrein und damit in der besseren Zigeuner- gesellschaft unmöglich zu machen. Das ist eine schwere Beschuldigung, die leicht blutige Auseinandersetzungen nach sich ziehen kann.
So sehr die Zigeuner noch im finstersten Aberglauben befangen sind, so gut verstehen sie es anderseits, aus der neuesten Mode Ruhen zu ziehen. Da wohnt in dem Zigeunerlager in der Seeloferstrahe in Berlin ein Z ige uner ba r o n aus Oesterreich, von dem feine Mutter erzählt, er sei früher einmal Offizier gewesen. Dieser Mann mit dem schönen deutschen Ramen Richter befaßt sich mit der Zucht von Barfoys, von denen er zeitweise acht bis zehn Stück in seinem Zimmer hat. Es sind Prachttiere, von denen er ab und zu einige verkauft; in der Hauptsache aber zieht er sie, um sie bei Windhundrennen laufen zu lassem Da dieser Sport sehr modern geworden ist, zählt der Züchter zu den wohlhabendsten Zigeunern. Aber die Mode hat im Grunde genommen den Zigeunerstämmen sehr geschadet. „Früher," sagt eine alte Zigeunerin, „waren wir nicht weiß genug, und jetzt sind wir nicht schwarz genug, denn die Reger haben uns mit ihrer 3azzmusik fast vollständig verdrängt". Zigeunerkapellen waren einst die Attraktion der eleganten Lokale, und das unbestrittene große musikalische Talent aller Zigeuner sicherte den braunen Männern stets eine gute Einnahmequelle. Aber die Reger sind ebenso interessant, ebenso romantisch, ebenso musikalisch — und noch viel exotischer!
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
CO Klein-Linden, 24. Sept. Die Versteigerung des Obstes an der Provinzial- strahe von Klein-Linden nach Dutenhofen wurde heute vormittag vorgenommen. Die Beteiligung aus Gießen war verhältnismäßig stark. Es gelangten an Aepfeln zum Ausgebot große Mengen Landsberger Reinetten, viele gut behangene Bäume Schöner von Boskoop, Gold- peping, Rheinische Bohnäpsel und in größeren Mengen Goldparmänen. Cs kamen der Zentner geringere Qualitäten auf 4 L is 8 Mk., Goldparmänen und Schöner von Boskoop auf 8 bis 12 Mk. Auf der Straße nach Lützellinden kamen nur Birnen zur Versteigerung: einige Oute Luise, wenige Pastorenbirnen und Six- Butterbirnen. Der Zentner Birnen, meist waren es mehrere Bäume, die zu einem Los bereinigt waren, kam auf 3 bis 6 Mk., je nach Qualität. Auf der Straße nach Grohen-Linden, wo die Versteigerung anschließend vorgenommen
Händler während der heißen Tage diese Früchte anzubieten hat, gingen sie hin und strichen bei einigen Händlern die Ziffer „x/2“ durch, so dah die Melonen bei diesen auf 3 Cent pro Pfund „sanken". Es dauerte tatsächlich nicht lange, und andere Händler bemerkten den Preissturz. Rasch entschlossen boten sie ihre Ware zu 2'/s Cent an, und ehe eine halbe Stunde vergangen war, verkauften sie alle miteinander ihre Wassermelonen für einen Cent- Das war ein Dörsen- coup, der sich mal gelohnt hat!
Hochschulnachrichten.
Der Ordinarius der systematischen Theologie an der Marburger Universität, Professor D. Dr. Rudolf Otto, begeht am 25. September seinen 6 0. Geburtstag. Professor Otto, ein geborener Hannoveraner (geboren 1869 zu Peine, Kreis Hildesheim), war nach Absolvierung seiner Studien zunächst Vikar der deutschen Gemeinde in Cannes, später Inspektor des Theologischen Stiftes in Göttingen, erwarb hier den theologischen Lizentiaten- grab und habilitierte sich für systematische Theologie mit einer Schrift „Die Anschauung vorn Heiligen Geiste bei Luther". Den Dr. phil. erwarb Otto ebenfalls in Göttingen. 1906 wurde er hier Extraordinarius mit einem Lehrauftrag für Religionsphilosophie in Verbindung mit vergleichender Religionsgeschichte. Ostern 1915 kam Otto als Ordinarius nach Breslau, von wo er zwei Jahre später nach Marburg als Nachfolger von Professor D. W. Herrmann berufen wurde. Im Jahre 1910 ernannte ihn die G i e ß e n e r theologische Fakultät zum Ehrendoktor. Einen Ruf nach Berlin als Nachfolger von I. Kaftan hat der Gelehrte abgelehnt. Ostern 1929 wurde Professor Otto von den amtlichen Verpflichtungen entbunden. Der Gelehrte ist Begründer der Sammlung der „Quellen der Religionsgeschichte" und Sekretär der religionsgeschichtlichen Kommission bei der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften. Der Deutschen Akademie gehört Otto als Senator an. Von 1914 bis 1918 war Otto Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses. Seine Sondergebiete sind systematische Theologie und Religionsgeschichte. Seine Werke Schleiermachers Reden über die Religion", neuherausgegeben, „Leben und Wirken Jesu nach historischkritischer Anschauung", „Naturalistische und religiöse Weltansicht", „Religionsphilosophie" und „Das Heilige" sind in mehreren Auslagen verbreitet.


