gen verunstalteten Haussuchungen noch an. Go wurde in Driesen die Wohnung des Fabrikbesitzers Dahner durchsucht. Sein 17jähriger Sohn, der der deutschen Pfadsinderschaft in Polen angehört und schon am 13. Oktober verhaftet werden sollte, halt sich angeblich seit dieser Zeit verborgen. — 3n Dawitsch wurden in den Wohnungen von vier Deutschstämmigen Durchsuchungen vorgenormnen, weil deren Söhne und Töchter an von den deutschen Pfadfindern bet Berlin veranstalteten Llebungen teilgonommen haben.
Neue polonisierungsgefahr im deutschen Grenzgebiet.
S ch n e i d e m ü h l, 23. Okt. (TU.) In der Grenzmark Posen-Westpreußen droht eine neue Poloni- sierungsgefahr. Im Süden der Provinz gelangt das Rittergut Groß-Dammer zur Aufteilung. Das Gut umfaßt 5500 Morgen. Bis jetzt find die Verkaufsaufträge noch nicht endgültig abgeschlossen. Die Kaufinteressenten setzen sich f a st ausschließlich aus Polen zusammen, die infolge der staatlichen polnischen Unterstützung hier mehrere hundert Siedlungs st eilen au kaufen gedenken. Es besteht noch Hoffnung, daß der Aufteilungsplan umgeändert und nach deutschen Gesichtspunkten aufgestellt wird, wenn es gelingt, für das Gut deutsche Siedler au bekommen. In den Jahren 1927 und 1928 ist es den Polen gelungen, aus deutschen Händen in der Grenzmark Posen-Westpreußen über 10 0 0 Morgen zu erwerben. Um so größer ist die Gefahr, die jetzt in Groß-Dammer droht. Die polnischen Interessen- tcn verfügen über Kapitalien, die den Deutschen nicht zur Verfügung stehen. Es wird daher vom Staat seitens des Grenzlandes gefordert, die Aufteilung des Gutes Groß-Dammer mit der aller- größten Aufmerksamkeit zu verfolgen und der Gefahr, daß deutscher -.Gi-undbesitz in polnische Hände übergeht, durch wirtschaftliche Unterstützung bzw. Ankauf des Gutes vom Staat selbst aus zu begegnen.
OieMmderheitenbehandlunginEstland
R e v a l, 23. Okt. (TU.) Eine wichtige Entscheidung über den Gebrauch der Minderheitensprache im behördlichen Verkehr ist in Estland erfolgt. Im allgemeinen Ausschuß des Parlaments wurde der Gesetzentwurf über die Benutzung der Muttersprache durch die Minderheiten im behördlichen Verkehr durchberaten, wobei man zu dem Ergebnis kam, daß die Minderheiten ihre Sprache vor Ge richt und in mündlichen und schriftlichen Eingaben an die Zentralbehör- den des Staates anwenden können. Im Interesse der Rechtsprechung könne das Gericht, falls es sich als notwendig erweisen sollte, bei Gerichtsverhandlungen ganz oder zum Teil die Sprache derbetreffendenMinderheitbenutzen.
Der Diebstahl in der französischen Botschaft.
Spionage bolschewistischer Agenten ?
Paris. 24. Okt. (WTD. Funkspruch.) Der Berliner Korrespondent des „Journal" wiU berichten können, daß die Diebstahlsaffäre in der französischen Botschaft in Berlin inWahrheit eine Spionageaffäre sei. Der des Diebstahls von Schmucksachen beschuldigte bisherige russische Portier Michailow, ein ehemaliger Oberst der zaristischen Armee, sei niemand anders als der Schwiegervater eines der aktivsten Spione der Bolschewisten von Pfeil, der lange Zeit in Frankreich und in Deutschland tätig gewesen sei. Auch Michailow sei in den Sowjetspionagedienst getreten und habe den Auftrag erhalten, sich um den freigewordenen Posten eines Portiers der frawMschen Botschaft in Berlin zu bewerben. Er sei dem französischen Botschafter durch einen Beamten des tschechoslowakischen Gesandten, einem intimen Freunde Pfeils, warm empfohlen
Gießener Giavtiheater.
Gerhart Hauptmann: „Ter arme Heinrich".
„Ein Kindl — Welt, Helden: alles dorrt zusammen,
Und auf der Schädelwuste steht ein Kind."
Es sind nun siebenundzwanzig Jahre her, seit diese- Schauspiel in Versen, eine deutsche Sage, zum ersten Male aufgeführt wurde. Obwohl In den fünf Akten vom naturalistischen Hauptmann wenig zu spüren war, stieß man sich anfangs am Stoff.
Man hielt für unerträglich, für typisch naturalistisch, was vor Jahrhunderten schon ein mittelalterlicher Dichter in einer schlichten Erzählung geschildert hatte: man beschimpfte das Stück, es kräftig mißverstehend, als „Lazarettpoesie" mit happy end — wobei man zwinkernd auf Denedix deutete und hämisch feststellte, daß „sie" am Ende des fünften Aktes „sich kriegen".
So geht eS natürlich nicht. Schon Schlenther, Hauptmanns Biograph, der vom „Armen Heinrich" gerühmt hatte, er habe die deutsche dramatische Dichtkunst des neuen Jahrhunderts In kroßer Art eröffnet, ist jenem zeitgenössischen Urteil mit dem Hinweis auf die Grimmschen Märchen begegnet: die schließen oft genug mit lieb- gewordener Formel: und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch: sollte dieser Ausklang für eine Sage oder Legende minder gelten?
Und wer sich am Stoff stieß oder noch stößt, sieht am Ueberstofflichen vorbei: er empfindet nicht die Frömmigkeit, Gläubigkeit, Kindlichkeit dieser einfachen Ereignisse. Wer hier nur einen erschreckenden Bericht von Aussatz und Kurpfuscherei vernimmt, überhört die Legendenstimme von oben, die tröstlich, heilend und segnend ins vermeintlich naturalistische Elend des Schauspiels hineinklinat. Und eS verschlägt wenig, wenn sich der Freude über den einfältig frommen Köhlerglauben des Mittelalters auch ein Schaudern vor dem tiefeingewurzelten Aberglauben seiner grausamen Dollsmedizin beimischt, der uns heute unfaßbar geworden ist.
Der Stoff ist uralt: zwar wurde darauf aufmerksam gemacht, daß Hauptmann die älteste Fassung, eben jenes mittelhochdeutsche Epos des höfischen Hartmann — .Dienstmann war er zu Aue" —, erst auf dem Umwege über ein Gedicht Cbamissos kennengelernt habe: aber Hartmann blieb doch wohl dl« beste unb reinste Quell« für
worden. Während des Aufenthaltes des französischen Botschafters in Paris habe Michailow für seine Auftraggeber das G-eheimpult des Botschafters aufbrechen und nach kostbaren Dokumenten fahnden sollen. Der ehemalige Oberst habe sich lange gesträubt, dem fortwährenden Drängen feiner Auftraggeber aber schließlich nachgegeben. Der Einbruch sei jedoch so schlecht ausgeführt worden, daß das Schloß des Geheimpultes stark beschädigt worden sei. Er habe daran gedacht, es reparieren zu lassen. Als Botschafter de Mar- gerie von der Teilnahme an der Beisetzung Dr. Stresemanns vorzeitig zu rückkehrte, habe man in aller Eile den Schmuckdieb stahl v o r g e t ä u s ch t, um die Spionageaffäre zu vertuscht.
Verlängerung -er Gieuernoi- veror-nungen in Preußen.
Der Preußische Landtag lehnt alle Anträge zum Volksbegehren ab.
Berlin, 23. Okt. 3m Preußischen Landtag wird der deutschnationale Antrag, der das Staatsministerium ersucht, im Deichsrat gegen den Boung-Plan zu stimmen, in einfacher Abstimmung mit großer Mehrheit abgelehnt. Für den Antrag stimmten die Deutschnationalen, Rationalsozialisten, Wirtschaftspartei und die Deutsche Fraktion. Der deutschnationale Antrag auf Gewährleistung des Rechts der Beamten auf Eintragung beim Bolksbegehren und auf Einstellung des Verfahrens gegen solche Beamte, die im gegenteiligen Sinne wirken, wird mit 241 gegen 160 Stimmen abgelehnt. Dagegen hat auch die Deutsche Volkspartei gestimmt. Abgelehnt wird auch der deutschnationale Antrag, der sich gegen die Auflösung des Stahlhelms in DHeinland-Westfalen wendet. Bei der nun folgenden namentlichen Abstimmung über den M i ß- trauensantrag der Deutschnationa- len gegen das Gesamtkabinett stimmen für den Antrag mit den Deutschnationalen die Dationalsozialisten, die WirtschastLpartei und die Deutsche Fraktion. Die Deutsche Volkspartei und die Kommunisten enthalten sich der Stimme. D.ie übrigen Parteien stimmen dagegen. Der Mihtrauensantrag mit mit 218 gegen 114 Stimmen abgelehnt.
Es folgt nun die gemeinsame Beratung der Steuernotverordnungen der Regierung. Dazu gehört die Verordnung, durch die die Gewerbesteuer mit einigen Milderungen für kleinere und mittlere Betriebe bis zum 31. März 1930 verlängert wird. Der Hauptausschuß hat dieser Verordnung zugestimmt, ebenso der Verordnung, durch die das geltende Grundvermögenssteuergesetz unb die Hauszinssteuerverordnung um ein weiteres 3ahr verlängert werden. Bei der Hauszinssteuer ist für kinderreiche Familien eine gewisse Erleichterung eingeführt worden.
Abg Dr. Reumann (D. Vp.) hält es für unvereinbar mit der Verfassung, einen R o t - st a n d als Begründung für eine Rotverordnung schon dann anzuneßmen, wenn der Landtag nicht versammelt ist. Die Dollspartei werde deshalb den Rotverordnungen nicht zustimmen. Rach Annahme des Voungplans werde doch eine Reureglung des gesamten Steuerwesens in Reich, Ländern und Gemeinden erfolgen müssen. Da komme es darauf an, an welcher (Stet le die Steuersenkung so konzentriert werden fann? daß sie wirklich fühlbar wird. Es fei wichtiger, auf diese Weise größere Arbeitsgelegenheit zu schaffen, als den schon beschäftigten Arbeitern kleinere Erleichterungen zu bringen.
Abg. Donners (Wirtsch.-P.) verlangt energischen Abbau der Gewerbesteuer. Der demokratische frühere Reichsfinanzminister Dr. Reinhold habe wiederholt auch in der Öffentlichkeit betont, daß auch bei Abschaffung der Gewerbesteuer der Etat sehr wohl zu bilancieren sei. Solange die Gewerbesteuer fortbestehe, müsse sie
das Schauspiel, welches ja Hartmanns eigne Erscheinung als Rebenfigur unter seine Gestalten aufnahm.
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Die Fabel: Heilung eines vom Aussatz geschlagenen Mannes durch die gläubige Opferbereitschaft eines unschuldigen Mädchens. Daß dieser Mann ein Ritter war, und das Mädchen ein Dauemlind — ist ein schon in der ältesten Fassung einaesührtes Motiv: so wird der ursprüngliche Konflikt durch den schroffen sozialen Gegensatz vertieft, und eben dieses Motiv mag gerade den damaligen Hauptmann, wie Schlenther bemerkt hat, besonders gereizt haben.
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Der Ritter Heinrich hat sich von der Welt zurückgezogen, von schwerem Leid bedrückt auf einen Meierhof sich geflüchtet, wo er bei guten Leuten ein Unterkommen fand. Ottegebe, des Pächters jungfräulich-kindliche Tochter, „ein seltsamliches Ding", mit einem „Heiligenschein aus Flachs und Seide", ist dem Ritter innig zugetan — von Jugend auf. Heinrich hat sie als Kind schon zu sich aufs Pferd gesetzt und im Scherz fein „klein Gemahl" genannt.
2lber dem Mädchen ist es ernst. Sie liebt ihn mit einer überirdischen Liebe, und wie sie eines Morgens, den hohen Gast mit Honig zu bewirten, einen Bienenstock plündert und sich dabei jämmerlich zerstechen läßt, so ist sie auch — ein wenig später — zu dem größeren Opfer bereit, das dem Ritter Leib und Leben retten soll.
Endlich gesteht^er selbst sein fürchterliches Gebrechen, entrinnt in den dichtesten Wald, als Einsiedler zu leben und sich selbst das Grab zu graben. Alle Abgesandten der Außenwelt, auch Ottegebe, die ihm verzweifelt Hilfe bringen möchte, weist er von sich.
Ottegebe glaubt das Mittel zu wissen, womit allein dem Geliebten zu helfen wäre. 3hr hat ein wirres Volksgerücht von jenem Salemer Arzt berichtet, der sich anheischig mache, mit dem Herzblut eines reinen Mädchens Miselsüchtige Au heilen. Sie ist bereit, den Opfertod zu leiden.
Heinrich, der sich lange weigerte, das Opfer anzunehmen, wird immer elender und hängt doch verzweifelt am armseligen Leben, ist schließlich auch bereit, mit dem verzückten Mädchen die Wallfahrt nach Salem anzutreten.
3m letzten Augenblick, da schon das Messer des Arztes tödlich auf Ottegebes Brust gerichtet ist laßt der Himmel das Wunder der Heilung ge- Ichehen. Und beiden hat der Glaub« des Mäd-
auch die öffentlichen Betriebe restlos erfassen. Die Hauszinssteuer müsse endlich verschwinden.
Abg. Conradi (Dntl.) verlangt gleichfalls Abschaffung oder wenigstens wirksamen Abbau der Grundvermögens- und der Hauszinssteuer. Die Gewerbesteuernövelle müsse dem Landtag schleunigst vorgelegt werden.
Die Rotverordnung über die Verlängerung der Gewerbesteuer wird mit 180 gegen 158 Stimmen, die Verlängerung der Gmndvermögens- steuer mit 187 gegen 162, die Verlängerung der Hauszinssteuer mit 194 gegen 166 Stimmen angenommen. 3m Hammelsprung wird mit 195 gegen 151 Stimmen ein Antrag des Hauptausschusses angenommen, der das Staatsministerium ersucht, auf Antrag aus DilligkeitSgründen bei der Grundvermögenssteuer Ermäßigungen in denjenigen Fällen zu gewähren, in denen die Erhebung des veranlagten Betrages mit Rücksicht auf die Höhe der Verschuldung zu erheblichen Härten führen würde.
Oie Sklareks in Moabit.
Lebensmittel, Spirituosen und Schreibmaterial in die Zellen geschmuggelt.
Berlin, 23. Okt. (WB.) Im Untersuchungsgefängnis Moabit ist man einem neuen Fall von Spirituosenschmuggel an die Gebrüder S k l a r e k auf die Spur gekommen. Die Skla- refs hatten Zellen erhalten, die als besonders sicher galten und von erprobten Beamten bewacht wurden, um neue Durchstechereien zu verhindern. Diese Hoffnung der Justizbehörden hat sich nicht erfüllt. Beamte stellten fest, daß die Sklareks sich im Besitz von Kognak, Wein und von gewissen Medikamenten befanden. Der Fall erhält eine besondere Bedeutung, daß die Schließer beobachtet haben wollen, daß einer der Verteidiger, und zwar Rechtsanwalt Robert P u n g e in der Aktentasche seinem Mandanten diese Dinge i n d i e Zelle gebracht habe. Die Staatsanwaltschaft wurde benachrichtigt und eine sofortige Durchsuchung der Untersuchungszellen ergab, daß die Brüder Sklarek tatsächlich über Kognak und Wein sowie über Medikamente verfügten. Dem Rechtsanwalt Punge ist bis zum Abschluß der Untersuchung das Betreten des Untersuchungsgefängnisses verboten worden. Der Ueberwachungsdienst vor den Zellen der Gebrüder Sklarek hat außerdem eine weitere Verschärfung erfahren, und die Zusammenkünfte der drei Gefangenen mit ihren Ehefrauen, den Verteidigern usw. sollen unter besondere Kontrolle gestellt werden. Wenn die Angaben der Gefängnisbeamten zutreffen sollten, würde Rechtsanwalt Punge sich nicht nur vor der Anwaltskammer, sondern auch vor den Justizbehörden zu rechtfertigen haben.
Dr. Punge hat bereits eine Erklärung vor seiner Standesorganisation zu Protokoll gegeben, in der er im wesentlichen die ihm gemachten Vorwürfe bestätigt. Er gibt zu, daß er den Sklareks gelegentlich einer Sprecherlaubnis Lebe n s m i 11 e l gegeben habe, und zwar ein Gläschen mit eingemachten Kirschen, eine Flasche mit Mundwasser, ein Originalpäckchen Karlsbader Salz und etwas Fleisch. Dagegen bestreitet er, daß er den Sklareks auch die in der Zelle gefundenen Spirituosen zugesteckt habe. Die Verteidigung Dr. Punges geht dahin, daß er hauptsächlich Zivilanwalt sei und mit den Verhältnissen in Moabit nicht genau Bescheid gewußt habe. Es sei ihm nicht bekannt gewesen, daß er als Strafverteidiger nicht seinen Mandanten in der Untersuchungshaft derartige Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände habe geben dürfen. Rechtsanwalt Dr. Punge hat gegen das Verbot, in Zukunft das Llntersuchungsgefängnis zu betreten, Beschwerde eingelegt..
3m Untersuchungsgefängnis ist es Leo Sklarek gelungen, sich in den Besitz eines Füllfederhalters zu setzen, der jetzt bei ihm anläßlich einer körperlichen Untersuchung gefunden unb beschlagnahmt worden ist. Diese Tatsache dürfte eine neue, ausgedehnte Untersuchung nach sich ziehen, denn die Sllareks haben, als
chens und sein Wille zum Opfer geholfen, noch ehe es vollzogen werden konnte.
Der Ausklang: Heimkehr und Vermählung eines glücklichen Menschenpaares ... wie im Märchen. —
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Man hat Ottegebe nicht mit Unrecht den beiden andern Fürstengespielinnen an die Seite gestellt, Gersuind und Sidsellll, die Hauptmann in „Kaiser Karls Geisel" und in „Schluck und 3au“ auf die Bühne brachte. Man wird sich auch, beim Lesen besonders, nicht selten an ein anderes Schwaben- kind in einem andern Ritterschauspiel erinnert ühlen: an jene Heilbronnerin bei Kleist ...; reilich werden über solchen Anklängen Unter* chied und Abstand nicht zu verkennen fein; und man braucht nicht Kleist zu bemühen, um die Undramatik dieses Werkes zu beweisen, das fast ganz von Erzählung und Bericht, von Lyrik und Legende lebt. Aber es wurde — wenn auch kein Theaterstück — doch eine Dichtung geschaffen, die heute noch unveraltet ist ... auch in der äußeren Form: nicht immer hat Hauptmann so gute Verse geschrieben wie hier vor nun bald dreißig 3ahren.
Man empfindet bei jeder neuen Begegnung mit dem Stück — im Buch und im Theater — wieder, ein wie unendlich spröder Stoff hier dem nachschaffenden Spielleiter in die Hände gegeben ist. Und in einem älteren Bericht über eine der ersten Aufführungen im Wiener Burgtheater ist au lesen, daß selbst ein Spieler und Sprecher wie Kainz (der damals den armen Heinrich gab) dem Publikum nicht über eine gewisse Ermüdung in der großen Einsiedlerszene des dritten Aktes habe hinweghelfen können.
Das Schauspiel hat unbestreitbare Längen und sehr geringe bühnenmäßige Akzente. Hier kann der Spielleiter nur streichen und raffen und im übrigen versuchen, die Dialogszenen und die lyrischen Glanzstellen zu möglichster Bühnenwirkung zu steigern. In diesem Sinne bewährte sich T a n - fierte Inszenierung vor allem im ersten, zweiten und fünften Akt. Im dritten und vierten hätte doch manches noch gekürAt werden können.
Das Bühnenbild (Löffler) war durch alle Akte in einen Spitzbogenrahmen gefaßt, was eine an sich sympathische Einheitlichkeit ergab, im dritten und fünften Auf zu g aber Bewegungsfreiheit und Ueberfichllichkeit etwas behinderte.
T a n n e r t selbst bewaltwte auch die große unb nicht immer dankbare Rolle des Heinrich hinge- bungsooll und mit einer oft bemerkenswerten Wand- lungsfahiakeit. Im ganzen wirkte er in der milden Melancholie der Expositionsakte und in der befrei» tep Heiterkeit des zuletzt dem Leben Wiedergegebenen
sie in das Untersuchungsgefängnis ein geliefert wurden, kein Schreibmaterial besessen. Wan nimmt an, daß die gestrigen Haussuchungen in engem Zusammenhang mit dem Verdacht stehen, daß Leo Sklarek noch im Untersuchu ngs- gesängnis gewisse Beweisstücke an- fertigen wollte oder angefertigt hat, durch die andere in die Affäre verwickelten Personen entlastet werden sollen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß in den nächsten Tagen im Zusammenhang mit diesen Dingen eine neue überraschende Wendung der Affäre eintritt, wenn die Urrtersuchun- gen, die augenblicklich im Gange sind, bestätigen sollten, daß Urkunden, die dem Datum nach vor längerer Zeit ausgestellt sein sollen, vielleicht erst vor wenigen Tagen angeiertigt worden sind.
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Die Deutschnationale Pressestelle teilt mit: 3n der Angelegenheit der gegen den Abgeordneten Bruhns schwebenden Untersuchung wegen seiner Beziehungen zu den Gebrüdern Sklarek war ihm von Seiten des Landesverbandes Berlin mitgeteilt worden, daß e i n Ausschlußverfahren gegen ihm eingelei- tet fei. Daraufhin hat der Abgeordnete Bruhns dem Vorsitzenden der zuständigen Parteiorganisation ein Schreiben gesandt, in dem er feinen Austritt aus der Deu ts ch na tion a- len Dolkspartei erfiärt.
Winterbeihilfe in Hessen.
Aus dem Finanzausschuß des Hessischen Landtags.
Darmstadt, 23. Okt. (Wolff.) Der Finanzaus- schuß des Hessischen Landtags befaßte sich mit den vorliegenden Anträgen auf Gewährung einer W i fite r b e i h i l f e. Der Minister für Arbeit und Wirt- schäft erklärte eingangs, daß eine Pflicht der Regierung zu diesen Winterbeihilsen nicht bestehe, sondern daß es sich um eine Sonderfürsorgemaß- fiahme handle. Die Regierung sei gewillt, soweit es bei den finanziellen Verhältnissen Hessens möglich sei, zu helfen. Nach längerer Debatte wurde mit 9 gegen 4 Stimmen folgender Antrag Weber (Soz.) angenommen: Die Negierung soll auf die B e - zirksfürsorgeverbände und Gemeinden einwirken, an alle Personen, die von den Bezirksfürsorgeverbänden und öffentlichen Arbeits- Nachweisen unterstützt werden, deren Einkorn- men (abgesehen von dem bei Festsetzung der Unterstützung nicht in Ansatz Gebrachten) die Richtsätze der gehobenen Fürsorge zuzüglich des Wertes der Winterbeihilfe nicht übersteigt und nach den Richtlinien des Ministers für Arbeit und Wirtschaft Anspruch auf Erlaß der Mietzinssteuer haben, eine Winterbeihilfe im Durchschnitt von 4 0 Mark zu gewähren. Die Auszahlung der Beihilfe erfolgt unter Berücksichtigung der Kopfzahl der Familie und soll nach Möglichkeit In Form von Lebensmitteln oder Brennmaterialien gewährt werden. Die Beihilfe kann auf die laufende Monatsunterstützung vom 1. Dezember 1929 bis 30. April 1930 umgerechnet werden. In Abänderung des zweiten Absatzes des Antrages beschließt der Ausschuß, die Regierung zu ermächtigen, den Bezirksfürsorgeverbänden statt der Hälfte der hierdurch entstehenden Aufwendungen aus Landesmitteln „einen angemessenen Betrag" Zu geben, der der Finanzlage Hessens entspricht. Mit dieser Entscheidung waren weitergehende Anträge der Kommunisten und der Volksrechtpartei erledigt.
Ein sozialdemokratischer Antrag, Z i n s Zuschüsse des Reichs und der Länder für öffentliche Notftandsarbeiten zu gewähren, wird der Regierung als Material überwiesen. Zum Schluß werden einstimmig Anträge des Bauern- bundss, der Demokraten und des Zentrums angenommen, in denen zur Linderung der Futtermittel- not der Landwirtschaft Waldstreu aus ftaat- lichen Waldungen abgegeben werden soll. Außerdem wird die Regierung ersucht, als weitere Hilfsmaßnahme in größtmöglichem Umfange Waldweiden im kommenden Frühjahr zu ermöglichen und die entsprechenden Anweisungen rechtzeitig an die Forstämter ergehen zu lassen.
stärker, als voll wilder Verzweiflung und an der Grenze des Wahnsinns in der Waldszene und später vor dem Altar.
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Ingeborg Scherer war eine zarte blonde Otte- gebe, still und demütig erst, bann in ekstatischer Opferbereitschaft, ganz zuletzt aus dem Widerstreit zwischen himmlischer und irdischer Liebe sanft erlöst, zu einer freundlichen Wirklichkeit erweckt als eine Märchenprinzessin und ein Dornröschen im Burghof zu Aue.
*
In Nebenrollen wirkten Volck und Fuhrmann als biederes Pächterehepaar, F a f { o t als milder Pater, Zingel (Hartmann) und Hub (Ot- tacter) als Heinrichs Gefolgsleute.
Etliche Textunebenheiten mögen sich in späteren Wiederholungen abschleifen. Der Erstaufführung ward eine freundliche Aufnahme zuteil. Dr. Th.
Reinacher und Brust erba ten den Kleistpreis 1929.
Dr. Wilhelm v. Scholz, der diesjährige Vertrauensmann der Kleist-Stiftung, hat zwei Preise und drei ehrende Erwähnungen erteilt. Die Preise finb Eduard Re inach er und Alfred D r u st, die ehrenden Erwähnungen Peter Flamm, Erich K ü st n e r und dem rumänisch-deutschen Erzähler Walter Ci sek zuaefallen.
Wilh. o. Scholz begründet seine Entscheidung wie folgt: „Ich verleihe den Preis zwei Dichtern, die mir beide eine starke, ursprüngliche Begabung, beide Persönlichkeit und Weltgefühl zu haben scheinen, zwei Dichtern, die noch nicht publikumsgerecht sind, n>as sie, wie ich hoffe, erst auf der Stufe errungener Bedeutung roerben mögen.
Der eine ist der Elsässer Ebuarb Reinacher, bem ich den Preis für seine dramatische Ballade „Vauemzorn" verleihe. Wie hier mit den Schauern eines oberdeutschen Totentanzes alte Aufruhrkraft des Volkes in rhythmisch-lebendiger Sprache, zur wirkenden Gewalt gebändigt, aus- bricht, das verheißt viel.
Der andere Dichter, bem ber Kleist-Preis zuteil wirb, ist Alfred Brust für seinen Roman „Die verlorene Erde". Auch in diesem Werke ist die Nahe zu Volk unb Scholle der Quell aller Größe und Bedeutung. Gewiß, Alfred Brust, der DftpreuBe, Hot hier seine Fülle, seine Kraft, seine wilde und grausame Stürmer- und Drängerphantasie noch nicht zum Ebenmaß bändigen können ober auch nur motten. Aber er hat in seinem gegensatzreichen pruz- zischen Grenzland im Osten eine Gabe empfange^ große erschütternde Versöhnungen pus^ubenl«^*, a


