Man dürfe die Bedeutung der Besprechungen nicht übertreiben. Essei auch wohl übertrieben, wenn man in dem Abgeordneten Sei)« naud einen Vertrauensmann, wenn nicht gar Abgesandten Poincares erblicken wolle. — Der Ami d u Peuple wendet sich gegen die französische Linkspresse, der er künstliche Aufregung und verworrenes Denken vorwirft. Er schreib: Jedermann in Frankreich wünscht den Frieden, aber wenn man daran geht,' ihn zu suchen, dann kehren ihm diejenigen den Rücken, die nur "durch Verzichte und sonstige Entäußerungen ihn glauben Herstellen zu können. — Der S o i r druckt einen Artikel des sozialistischen Abgeordneten Fressard ab, in dem es heißt' Es wird behauptet, daß der Abgeordnete Reynaud revanchelustigen Deutschen, also denen, die Briand in seiner Genfer Rede anklagte, die öffentliche Meinung zu vergiften, die Rückgabe des Danziger Korridors und, wenn man Rechberg Glauben schenken dürfe, die Wiederher st ellung der deutschen Militärmacht angeboten habe. Wir wollen wissen, ob das wahr ist, wir wollen wissen, ob Reynaud uns zu einer Entente führen will, in der Frankreich über das Ohr gehauen wird und für die Frankreich und der Friede die Kosten tragen würden. Eine Entente mit den Deutschen, die für den letzten Krieg verantwortlich sind und die die entschieden st en Vorbereiter des nächsten Krieges sind (I). Sind diese Fragen indiskret?
Oer Gtrafparagraph im Volksbegehren.
Sachlich nichts geändert. — Die Berant- Wörtlichkeit des Reichspräsidenten.
Berlin, 24. Sept. (Priv.-Tel.) Der Reichs- ausschuß für das deutsche Volksbegehren hat sich wider Erwarten doch entschließen müssen, den sogenannten „Zuchthausparagraphen" a b - zuändern, der den Reichskanzler und die Reichsminister sowie Bevollmächtigte des Deutschen Reiches mit Strafverfolgung bedroht, falls sie sich herbeilassen sollten, Verträge abzuschließen, deren Bekämpfung sich der Ausschuß zur Aufgabe gesetzt hat. Die gewählte Formulierung hatte bekanntlich beim Reichslandbund und bei den christlichnationalen Bauern starken Widerspruch gefunden, weil man sich mit Recht sagte, daß auch der Reichspräsident unter diesen Paragraphen fällt, da er nach der Verfassung verpflichtet ist, durch seine Unterschrift Verträge mit auswärtigen Mächten in Kraft zu setzen. Soll das neue Haager Reparationsabkommen Gültigkeit erlangen, dann muß es also mit der Unterschrift Hindenburgs versehen werden. Am Samstag hat es nun innerhalb des Reichsausschusses für das deutsche Volksbegehren einen oielstündigen erbitterten Kampf gegeben. Man ist schließlich darauf abgekommen, eine Formulierung zu wählen, wonach „Reichskanzler und Reichsminister und deren Bevollmächtigte" bedroht werden sollen. Im Grunde genommen ist dadurch aber nicht viel geändert worden, denn nach der Verfassung ernennt und entläßt der Reichspräsident die Reichsminister. Ist er mit ihrer Außenpolitik nicht einverstanden, dann kann er also auf ihre weitere Mit- •arbeit verzichten. Bisher hat er das nicht getan, woraus man wohl schließen darf, daß er gegen unsere Außenpolitik keine grundsätzlichen Bedenken zu erheben hat. Der Landbund und die christlichnationalen Bauern vermögen auch in der neuen Formulierung eine Rettung aus den Schwierigkeiten nicht zu erblicken, sie sind aus ihrer Oppositionsstellung nicht herausgegangen, wenn sie auch zunächst sich gegen die im Kommunique des Reichsausschusses enthaltene Feststellung nicht gewehrt haben, daß sie gewillt seien, Schulter an Schulter mit den anderen Verbänden für die gemeinsame Sache zu kämpfen. Mitte der Woche will das Präsidium des Reichslandbundes zu einer Sitzung zusammentreten. Es wird sich dann zu zeigen haben, ob der
Oie neue Winterspielzeii des Gtadttheaters.
Vom Dramaturgen Or. Karl Witter.
Die Winterspielzeit des GießenerStadt- theaters wird am I. Oktober mit Lion Feuchtwan g e r s „Vasantasena" (nach dem Indischen des Sudraka) eröffnet. Gleichzeitig ist das die erste Vorstellung des Abonnementsbeginns und der „Klassischen Theaterabende". Als Rachdichtung eines klassisch-antiken Werkes stehen noch Werfels „Die Troerinnen" (nach der Tragödie des Euripides) auf dem Spielplan, die infolge der Erkrankung des Intendanten Dr. P r a s ch , der das Stück inszenieren wird, in der vergangenen Spielzeit nicht herausgebracht werden konnten. Von Goethe ist „TorquatoTasso", von Shakespeare das Lustspiel „Wie es Euch gefällt" ausgewählt worden. An einem Theaterabend werden die zwei größten dramatischen Fragmente der deutschen Klassik zusammen gegeben: Kleists „Robert Guiskard", hierauf Schillers „Demetrius". Aus Büchners Werken ist „Wohzeck" oder „Dantons Tod" in Aussicht genommen.
Der größte Teil der Aufführungen ist wieder den zeitgenössischen Dichtern zugedacht. Schauspiele: Fritz von Anruh: „Louis Ferdinand, Prinz von Preußen": Jules Romain: „Der Diktator": W. S. Maugham: „Die heilige Flamme". Das stärkste und gleichzeitig vornehmste Kriegsstück sowohl in menschlicher als auch' in kultureller Beziehung ist wohl „Die andere Seite" von R. C. Sheriff. Die Presse aller Länder und aller Parteien hat dem Autor dieses jeder Politik fernstehenden Stückes Dank und Anerkennung gezollt. Auch das Gießener Stadttheater wird dieses Werk im kommenden Winter herausbringen.
Dei Ästspielen und Komödien sollen wiederum nur Stücke mit literarischem Riveau gegeben werden. Paul Frank, Ludwig Hirschfeld, Julius Der st l, Ugo Fa lena , Mathews imb Richols sind u. a. als Lustspielautoren mit folgenden Stücken vorgesehen: „Grand Hotel" (Frank), „Die Frau, die jeder sucht" (Hirsch, fold), „Scribbys Suppen sind die besten" (Derstl), „Der letzte Lord" (Falena), „Hochzeitsreise" (Mathews und Richols).
Die gute Salon- und Konversationskomödie hat gerade hier in Gießen viel Freunde gefunden und soll deshalb wie bisher in erstklassiger Besetzung gepflegt werden.
Die Gestaltung des urwüchsigen und gesunden Menschen wird mehr und mehr eine Theaternotwendigkeit. Das bluthafte Volksstück wird
Landbund bereit ist, eine Schwenkung im Sinne der Mehrheit der im Reichsausschuß vertretenen Organisationen oorzunehmen.
Poincare und Paneuropa.
Etappenweise Konsolidierung des europäischen Friedens.
P a r i s, 23. Sept. (WTD.) Der „Temps" veröffentlicht einen in der „Racion" in Buenos Aires erschienenen Artikel Poincarös, den dieser kurz vor dem Abschluß der Haager Konferenz geschrieben hat. Poincare beschäftigt sich darin u. a. mit dem Problem der Vereinigten Staaten von Europa und weist vor allem.auf die Schwierigkeiten einer Definition des Begriffes Europa hin, wobei er die Frage der Zugehörigkeit Rußlands und der Türkei als Beispiel erwähnt. Die Wahl der der Aufnahme in die europäische Föderation würdigen Staaten, so fährt Poin- care fort, hätte also ihre Schwierigkeiten. Außerdem ist es auch wahrscheinlich, daß große Rationen von unbestreitbar europäischen Charakter große Bedenken tragen würden, sich an einer derartigen Gruppierung zu beteiligen. Die Kombination würde die Gefahr in sich schließen, als gegen gewisse Staaten gerichtet zu erscheinen und sich in eine Art Liga Europas gegen andere Völker zu entwickeln. Wenn die Vereinigten Staaten von Europa mit diesem heimlichen Gedanken gegründet würden, so würden sie vielleicht keinen sehr wirksamen Beitrag zum Werke des Weltfriedens liefern. So schwerwiegend diese Bedenken auch sein mögen, so sei er weit davon entfernt, zu dem Schluß zu gelangen, daß man darauf verzichten müsse, zwischen den europäischen Staaten bessere politische, zollpolitische, kommerzielle, industrielle und landwirtschaftliche Beziehungen herzustellen. Eine rationellere Verteilung derPro- d u k t i o n, eine wissenschaftliche organisierte gegenseitige Wirtschaftshilfe, ein regerer und engerer geistiger Austausch und ein durch die wachsende Interessengemeinschaft gestärktes gegenseitiges Vertrauen: das seien Fortschritte, die nicht nur erwünscht, sondern notwendig seien. Auf diesem Wege müsse man allmählich in Etappen zur Konsolidierung des europäischen Friedens gelangen. Es ist, so führt Poincare aus, unsere Aufgabe, ein solches Werk durchzuführen: aber wir hüten uns, es Träumereien von magischen Umwandlungen und paradiesischen Zuständen zu opfern.
Oie Saarverhandlungen.
Günstiges Ergebnis der Vorbesprechung in Heidelberg.
Heidelberg, 24. Sept. (TU.) Die letzten Besprechungen vor den Pariser deutsch-französischen Saarverhandlungen am Montag in Heidelberg haben einen durchweg befriedigenden Verlauf genommen und in den wichtigsten Fragen Ueber- einstimmung zwischen den Regierungsvertretern und den Saarbeauftragten ergeben. Besonders wertvoll war es für die deutsche Abordnung und ihren Wortführer, Staatssekretär o. S i m f o n , sich über die Auffassung der Bevölkerung des Saargebietes zu unterrichten und deren einmütige Haltung, wie sie in den Ausführungen der Vertreter aller Saarparteien zum Ausdruck kam, kennenzulernen. Diese Auffassung des gesamten Saargebietes läßt sich folgendermaßen zufammen- fassen:
Die Saarländer wollen keinen Zoll breit deutschen Landes opfern und den Saargrubenbesitz gleichfalls ohne Einschränkung Deutschland erhalten. 2luf diese Grundforderungen haben sich sämtliche Parteien des Svargebietes festgelegt. Sie sind eher bereit, bis 1935 auszuharren, als auch nur einen
die nervenaufpeitschende Revue überholen. Unter einer besonderen Spielplanrubrik sind daher Volks st ücke und Legenden zusammen- gefaht: Bernhard Blumes „Feurio", Carl Zuckmahers „Straßburg" oder „Schinder- Hannes", Gerhard Hauptmanns „Der arme Heinrich", Eugen Ortners „Tobias Wunderlich", Diehenschmidts „Vom lieben Augustin" gehört auch zu dieser Kategorie und wird von Intendant Dr. P r a s ch mit der Musik von Krenek in Szene gesetzt werden. Weiterhin werden Eichendorffs „Die Freier" mit der Musik von Lahusen und Gilberts Singspiel „Dorine und der Zufall" einstudiert.
Operngastspiele: Hessisches Landestheater Darmstadt und Mainzer Stadttheater.
Operettenga ft spiele: Direktor Hans Baars, Frankfurt a. M. Hans Baars, der zu der Leitung des Reuen Operettentheaters in Frankfurt gehörte, ist dem Gießener Publikum durch mehrere Inszenierungen bekannt. Vor allem sein „Mikado" war ein erstklassiger künstlerischer Crfoig. Nachdem das Reue Operettentheater Frankfurt sich im kommenden Winter aufgelöst haben wird, darf man den künstlerischen Leistungen des Ensembles Baars mit großem Interesse entgegensehen. Baars war den Sommer über im Karlsruher Konzerthaus im Sommerspielplan des Karlsruher Landestheaters verpflichtet.
Es sind wieder verschiedene Prominenten- G a st s p i e l e vorgesehen, darunter Albert Basser mann mit „Herr Lambertier" und Hermine Körner mit Ensemble („Die große Katharina". „Weihnachtseinkäufe").
Es werden incher Spielzeit 1929/30 32 Abon- nementsvorstellungen stattfinden. Die Abonnementskarten sind gegenüber den Tageskarten wesentlich (bis 30 Prozent) billiger. Bei Richtbenuhung der Abonnementskarten können wie seither für Schauspiel und Operette Gutscheine gegen Entrichtung einer Gebühr gelöst werden, die für die ganze Spielzeit, auch für die Sonntagsvorstellungen. Gültigkeit haben. Bei Gastspielen, soweit sie nicht im Abonnement gegeben werden, haben die Abonnenten eine wesentliche Vergünstigung. Die Logen-Rückplätze sind verbilligt worden. Die Ausgabe und Bezahlung der Abonnementskarten erfolgt in acht Raten. Die erste Ratenzahlung verpflichtet zur restlosen Abnahme des bestellten Abonnements. Die Anmeldungen zum Abonnement sind schriftlich bei der Verwaltung des Stadttheaters lTheaterge- bäude) unter Angabe des Abonnementstages einzureichen.
Die Intendanz beabsichtigt auch in diesem Winter sogenannte „Fremdenvorstellungen" (Sonntagnachrnittag) zu veranstalten, in denen
Finger breit nachzugeben. Sie wünschen, daß die Gruben in die Hände der deutschen Staatsmacht übergehen und für alle Zukunft vor dem Zugriff der Franzosen gerettet werden. Auf handelspolitischem Gebiet verlangen die Saarländer die Rückkehr des Saarlandes ins deutsche Zollgebiet, doch halten sie eine Uebergangszeit für notwendig, um wirtschaftliche Härten zu vermeiden, da das Saargebiet elf Jahre in besonders enger wirtschaftlicher Beziehung zu Frankreich gestanden hat. Die Fran- zosen verlangen eine noch längere Uebergangszeit, die von den Saarländern nicht unbedingt abgelehnt wird, da die begünstigte Ausfuhr saarländischer Waren und Roherzeugnisse nach Frankreich für das Saargebiet von großem Vorteil ist.
Abschließend sei erwähnt, daß der am Montag eingesetzte Saarausschuß, der die deutsche Abordnung beraten soll, vor allem als Organ gedacht ist, das der saarländischen Bevölkerung gegenüber die Verantwortung für die Verhandlungen in Paris übernehmen soll.
OieVölkerbundsversammlung
Annahme der wirtschaftspolitischen Entschließungen
Genf, 23. Sept. (WTD.) Die Völkerbunds- Versammlung genehmigte den von Dr. 'Breit- scheid erstatteten Bericht über die Wirtschaftsprobleme und die dazu vergelegten elf Entschließungen, die eine völlig neue Methode der Verwirklichung eines allgemeinen Zollabbaues und Wirtscha f tsf riedens vorsehen, z. B. die Vorbereitung und den Abschluß eines zwei- bis dreijährigen zollpoli - tischen Waffen st ill st andes. Während dieses Zollfriedens sollen Verhandlungen über Kollektivverträge geführt werden, deren Ergebnis von einer neuen Weltwirtschaftskonferenz in drei Jahren sanktioniert werden könnte. Genehmigt wurde ferner ein Bericht über den Flugzeugverkehr im Dien st e des Völkerbundes in Krisenzeiten, eine juristisch und politisch sehr interessante Frage, die auf deutschen Antrag nicht mehr dem Internationalen Luftsahrausschuß allein überlassen wird. Angenommen wurden auch verschiedene Beschlüsse zur Verbesserung der Tagungsverhältnisse, die im wesentlichen auf eine Anregung von Reichsaußenminister Dr. Stresemann zurückgehen. Zu dem Bericht über die r ü ck st ä n d i - gen Beitragszahlungen in Höhe von etwa acht Millionen Schweizer Franken, wovon über die Hälfte auf China, der Rest auf einige südamerikanische Staaten entfallen, haben die-englische und die norwegische Delegation erklärt, daß sie bei der nächsten Dölkerbundsversammlung auf öffentlicher Behandlung dieser Frage bestehen würden, falls bis dahin nicht eine wesentliche Aenderung eingetreten wäre.
Oie Aussichten für ein Reichskriminalgesetz.
Berlin, 24. Sept. (Priv.-Tel.) Die seit einigen Jahren im Gang befindlichen Bestrebungen zur Schaffung eines Reichskriminalgesetzes, durch das eine gewisse Vereinheitlichung in der Kriminalistik, die bekanntlich gegenwärtig noch Sache der Länder ist, und zu deren Kompetenzen gehört, hatten vor längerer Zeit tatsächlich zur Ausarbeitung eines Gesetzentwurfes geführt, der seinerzeit auch vor dem Reichstage zur Behandlung stand. Der Gesetzentwurf, der die Annahme durch den Reichstag mit der Einschränkung gefunden hatte, daß die Regierung von ihm nur im Notfälle Gebrauch machen sollte, sieht eine Zusammenlegung verschiedenartiger Kompetenzen- unter eine einheitliche, vom Reich zu schaffende Verwaltung vor, und fordert u. a. auch die Schaffung eines Reichskrimi n a l a m t e s, das insbesondere bei der Auf- vornehmlich Stücke, die nicht durch das Äbonne- ment gehen, zu ermäßigten Preisen gegeben werden.
Oas blaue Pferd.
Von Liesbet Dill.
Meine Münchener Freundin nennt sich nicht mehr Katharina, den Aamen kann sie nicht mehr hören: seit sie in Schweden war, nennt sie sich Karin. Als Karin hörte, daß ich nach Schweden führe, erteilte sie mir einen Auftrag. Karin erteilt gern Aufträge, besonders solche, die nicht leicht auszuführen sind. Meist handelt es sich darum, ihr etwas irgendwohin mitzunehmen oder mitzubringen, einen Pelzmantel, eine Schreibmaschine oder etwas, was man „nur in Paris" unö nur in Florenz oder in Holland findet. ... Karin gefallen nur Dinge, die man unter Schwierigkeiten und im Ausland kauft. „Bei uns gibt es eben so etwas noch nicht", sagt sie dann.
Diesmal war's ein blaues Pferd. Jawohl, blau, zwischen Türkis und dem fahlen Grün, das die alten Aegypter benutzten. Im „Britischen Museum" in London hatte sich Karin für diese Farbe erwärmt, und in Stockholm hatte sie im Dorbeifahren (sie hatte damals keine Zeit gehabt, auszusteigen) so ein wundervolles springendes Pferd aus blaugrüner Fayence im Schaufenster eines kleinen Ladens gesehen, der zwischen einem öffentlichen Garten und einer Schwimmanstalt lag, in einer Straße, deren Ramen Karin vergessen hatte.
„Ein Pferd?" fragte ich entsetzt, „wie soll ich denn das transportieren?"
„Transportieren?", sagte Karin, „du sprichst, als ob sich's um einen Renngaul handelte. Das Pferd ist nur einen halben Meter hoch. Das läßt man sich in ein ^Kistchen packen, unterwegs wird's verzollt, die Transportkosten trage ich natürlich."
Das wird ein nettes Vergnügen werden, dachte ich. Dieses blaue Pferd würde wahrscheinlich mehr Zoll und Verpackung und Transport kosten, als das ganze Pferd wert war.
„And weshalb mußt du denn dieses Pferd ausgerechnet in Schweden kaufen?" erlaubte ich mir zu fragen.
Aber da prasselte es auf mein Haupt.
„Siehst du, so etwas kannst auch nur du fragen. Du bist doch im Lande des Porzellans. Dort wird es doch gemacht. And da du nicht über Kopenhagen fährst und gerade in Stockholm bist, wo das Pferd noch vor einer Woche im Laden stand, ist es doch sehr einfach, es von dort mitzubringen. Rachher kann man lange danach umherlaufen. Mein Grundsatz ist, immer
klärung politischer Verbrechen und Der- gehen in Aktion zu treten hätte. Gegen die Ausführung des Gesetzes wurde feinerfeit schon von dem damaligen Finanzminister im Kabinett Luther Einspruch erhoben. Das Gesetz hat seitdem unbe- achtet und undurchgeführt in den Akten der Behörden gelegen. Da sich jedoch auf Grund eingehender Feststellungen jetzt seine Undurchführbarkeit erwiesen hat, ist damit zu rechnen, daß es in Kürze völlig unter den Tisch fällt.
Oie Finanzreform.
Hilferding noch bei prinzipiellen Erwägungen.
Berlin. 24. Sept. (Priv.-Tel.) In der Oesfentlichkeit wird in diesen Tagen immer wieder beanstandet, daß der Reichsfinanzminister noch nach keiner Richtung hin Einzelheiten über seine Finanzref.orm bekanntgegeben hat. Dor allem möchte man wissen, wie sich der Reichssinanzminister die Verteilung der Reparationseinspa- rungen gestalten wird. Dazu hören wir aus zuverlässiger Quelle, daß dem Reichsfinanzminister bis zur Stunde derartige Veröffentlichungen noch nicht möglich gewesen sind, da er sich noch nicht mit den Einzelheiten der Finanzreform befassen konnte, sondern bis jetzt nur prinzipielle Erwägungen anstellen ließ. Der genaue Plan der Finanzreform und der Verteilung der Reparationseinsparungen wird erst aufgestellt werden können, sobald der Voungplan endgültig angenommen worden ist. Vor allem müssen aber auch die Ergebnisse der Verhandlungen in den einzelnen Voung-Ausschüssen vorliegen, da diese doch wie z. B. im Falle der Verkehrssteuer der Reichsbahn von ausschlaggebender Bedeutung für die endgültige Festlegung der deutschen Finanzpolitik sind.
Aus aller Welt.
Tumullfzenen vor einem Berliner Bankgeschäft.
Ein Bankzusammenbruch hat viele kleine Geilte im Zentrum und im Osten Berlins geschädigt. Das Bankgeschäft des Berliner Spar- und Kreditvereins in der Schicklerstraße 7 verweigerte ihren um Geld kommenden Einlegern die Auszahlung der geforderten Beträge mit dem Bemerken, sie habe kein Geld flüssig. Die Rachricht hiervon verbreitete sich rasch unter der Kundschaft der Firma und in den Mittagsstunden hatte sich bereits eine große Menschenmenge angesammelt. Schließlich erklärte der Leiter des Geschäfts sogar klipp und klar, die Firma sei zusammengebrochen und werde den Konkurs ansagen. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem Banlleiter und dem Publikum. Ein Mann, der 1500 Mark abheben sollte, griff dem Geschäftsleiter in die Brusttasche, um ihm von dort seine Geldtasche zu nehmen. Der Geschäftsleiter zog plötzlich den Revolver und hielt sich damit die Leute vom Leibe. Die Erregung des Publikums ist um so größer, als die Bank noch Samstag und auch noch heute Einlagen angenommen hat. Die Kriminalpolizei wurde von den Vorgängen verständigt.
Schwere Skurmschüden in der Nordsee.
Aus dem Gebiet der Unterelbe und der Provinz Schleswig-Holstein laufen aus zahlreichen Orten Meldungen über durch den Sturm und eine Springflut angerichtete schwere Schäden ein. Die Insel Sylt wurde von einer Hochwasserkatastrophe heim- gesucht; auch die Eiderdeiche sind wieder an verschiedenen Stellen gebrochen und haben zur Ueber- Hutung weiter Ländereien geführt. An der Nortorfer Kirche, an der gegenwärtig Re- pgraturarbeiten ausgeführt werden, hat her oturm bedeutende Zerstörungen angerichtet. Empfindlich wurde die Elbinsel K r a u t f e n b betroffen. In der Gegend von Stade wurde mehrfach Vieh abge-
die Dinge, die mir gefallen, an Ort und Stelle zu kaufen."
Weshalb Karin damals in Stockholm von ihrem Grundsatz abgewichen war und dieses blaue Pferd nicht selbst mitgenommen hatte, erklärte sie mir: „Ich war damals nicht bei Kasse." Das kommt manchmal vor bei Karin.
Ich trabte also durch Stockholm und suchte nach dem Pferdeladen. Da ich die Straße nicht wußte, fragte ich die Schutzleute. Aber die verstanden weder mein Deutsch noch mein Englisch. Rach blauen Pferden kann man Schutzleute nicht fragen. Ich versuchte es mit Kindern. Die starrten mich an, als ob ich nicht ganz bei Verstand sei. Ich fragte alte Herren, aber die hatten nie etwas von einem Laden mit einem blauen Pferd — nein, wirklich nicht. And sie gingen rasch weiter, indem sie mir einen mißtrauischen Blick zuwarfen. Ich irrte lange in den Geschäftsstraßen Stockholms umher, denn öffentliche Gärten und Schwimmanstalten gibt es in dieser gesunden Wasserstadt genug. Die Leute wichen scheu vor mir zurück, wenn ich sie nach einem blauen Pferd fragte.
Endlich fand ich das Geschäft durch einen Zufall. Ich kam aus einer Schwimmanstalt und — stand vor einem kleinen Laden, in dessen Schaufenster das springende Pferd stand. Es war blau, türkisblau, und sehr wirkungsvoll. Ich ging in den Laden und kaufte es. Ich fand noch eine Menge anderer schöner Gegenstände in Kupfer, Bronce und Fayence, und suchte mir noch ein paar hübsche Dinge aus. die nicht gerade so umfangreich waren wie das Pferd. Eine Madonna, einen Leuchter und eine sehr feine Schokoladentasse.
Als das Pferd eingepackt war und ich meine Reiseerinnerungen bezahlte, fragte ich: „Woher kommt denn die Madonna?" —
„Aus München", sagte das Fräulein, das die Pakete einschnürte.
„And dieser Leuchter?" fragte ich.
„Der kommt aus Sachsen", war die Antwort.
„And diese Tasse?"
„Aus Berlin" — —
Rach dem blauen Pferd wagte ich nicht mehr zu fragen. Cs schien aus derselben Familie zu kommen wie die Madonna. Aber als dann das blaue Pferd mit mir über das Meer und in l)-Zügen mit mir durch die Lande reifte, und ich den Zoll dafür entrichtete, bildete ich mir ein, ein gutes Werk getan zu haben. Erstens an dem Zoll, der denselben Gegenstand zweimal bezahlt bekam, zweitens an den vielen Gepäckträgern, die das Kistchen schleppen durften, drittens an Karin, die glücklich ist, weil sie sich einbildet, ein blaues Pferd aus Stockholm zu besitzen. ...
Es steht in ihrem „Studio" in München, woher es höchstwahrscheinlich kam. ,


