Nr. 198 Erster Blatt
179. Zahrgang
Samstag, 24. August 1929
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Die Illustrierte Gießener Familienblätter
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GietzenerAnzeiger
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Verworrene Lage im Haag
telbar mit der deutschen QI b p r b ivy n g
Vorschläge zu dem von den vier übrigen Gläu- bigermächlcn heule vormittag durch Jaspar der eng
lischen hätte, weder Mark
Delegation überreichten Angebot gemacht ist festzustellen, daß die deutsche Delegation in der Frage der Summe von 300 Millionen aus der lleberschneidung von Dawcsplan
und Poungplan noch in derjenigen der Ansprüche aus vesahungsschädcn oder mit Bezug auf irgendwelche Verschiebung der geschützten und ungeschützten Annuitäten des Poungplanes ihrerseits An
n a n z i e l l e n Fragen sowie das Vergleichsverfahren.
Anschließend an die Finanzbesprechung der fünf Mächte statteten die Beichsminisler Dr. L u r t i u s und Dr. hi l s e r d i n g dem englischen Schahkanzler Snowden einen Besuch ab. Gegenüber den Vermutungen, die sich auf eine E r - Hütung Loucheurs vor der französischen Presse stützen, daß die deutsche Delegation bei dieser Gelegenheit von sich aus ergänzende
ist also nicht viel geringer als das Interesse Deutschlands und wir sehen keine zwingende Notwendig- keit, bei den Gläubigern nun auf den Knien um die Gewährung des Noungplans zu betteln. Gibt uns doch das Dawesabkommen das Recht, ein Moratorium zu fordern, wenn die Aufbringung der Reparationszahlungen Währung und Wirtschaft in Gefahr bringen. Daß dieser Fall eintreten wird, dafür liegen leider Anzeichen genug vor. Ein Moratorium jedoch bedeutet, daß die' Gläubiger kein Geld bekommen, auf das gerade Frankreich nach Ratifizierung des Schuldenabkommens mit Amerika bestimmt rechnet.
Wir wissen nicht, ob die deutsche Delegation im Haag auf diesen Eventualfall aufmerksam gemacht hat, bevor sie die Anregung zu einem Provisorium gab, das die Ziffern des 9)oungplans, wie von den Pariser Sachverständigen vorgesehen, am 1. September in Kraft treten läßt, ohne Rücksicht darauf, ob die Haager Konferenz mit einer Einigung über den Poungplan endet. Man sollte d i e großen Gefahren, die eine solche provisorische Lösung in sich birgt, nicht unterschätzen. Der 9)oung= plan ist doch, wie wir oben zeigten, keineswegs ein einseitiges Geschenk der Gläubiger an Deutschland, sondern gewährt auch ihnen sehr handgreifliche Vorteile. Nach den bei früheren Gelegenheiten leider zur Genüge gemachten Erfahrungen sollte man doch langsam kopfscheu geworden sein, finanz- und wirtschaftspolitische Zugeständnisse zu machen, wie sie die von Deutschland erstmals aus freien Stücken zu vollziehende Bindung an den Poung- plan enthält, bevor nicht von der Gegenseite eine eindeutige Erklärung über die politischen Forderungen vorliegt, von denen Erfüllung Deutschland seine Zustimmung zum Poungplan abhängig gemacht hat. Aber was soll man dazu sagen,'wenn der „V 0 r w ä r t 5", das Zentralorgan der stärksten deutschen Regierungspartei, in geradezu rührender Selbstgenügsamkeit schreibt, die Haa- der Konferenz bleibe trotz ihres Fiaskos für Deutschland immer noch ein Erfolg, als sie gezeigt habe, daß die Minderung der Daweslasten im Sinne des Poungplans und die Räumung des besetzten Gebiets grundsätzlich überhaupt gar nicht mehr bestritten würden, Terminfragen — wann geräumt werde und wann der Noungplan in Funktion gesetzt werde — blieben Fragen zweiten Ranges, zumal es sich ja nur um Verschiebungen für ganz kurze Frist handeln könne. Nun die Fristen, mit denen Briand und seine Pariser Generalstäbler für die Räumung spielen, zählen immerhin nach vielen Monaten, ja Jahren, und auf die grundsätzliche Anerkennung des deutschen
zupauken.
Vierzehn Tage hatte die deutsche Delegation diesem Kampf der Gläubiger um die Verteilung der Quoten als stummer Zuschauer beigewohnt. Kein anderes Problem konnte vorangetrieben werden, die Besprechungen über die Räumung stockten, die Kontrollfrage, die für uns keine Frage ist, wurde in dem von Locarno und Genf her sattsam bekannten Juristenkomitee Hearst-Gauß-Fromageot^ begraben; Erörterungen über das Saargebiet kamen über den Austausch von Denkschriften nicht hinaus, alles wurde von Briand von der Annahme des Poungplans abhängig gemacht, und von dem selber wurde kaum noch gesprochen. So ist es psychologisch verständlich, daß die deutsche Delegation, angesichts der wachsenden Gereiztheit um sich herum, die täglich zum Abbruch der Konferenz hätte führen können, die Initiative ergriff, um die Konferenz von der Behandlung geringfügiger Nebenfragcn nun endlich zum Hauptthema, der Debatte über den Poungplan selber und seine politischen Voraussetzungen hinzuführen. Wir würden es für glücklicher gehalten haben, wenn diese deutsche Initiative schon mindestens acht Tage früher eingesetzt hätte, wo die Gläubiger sich noch nicht so in den Quotenstreit verbissen hatten, wie heute, wo die Konferenz auf des Messers Schneide steht und der deutsche Schritt fast den Anschein erwecken könnte, als wolle Deutschland sich zur Tragung der K 0 st e n aus dem Quotenstreit selber in empfehlende Erinnerung bringen, um überhaupt nur zur Besprechung der ihm selber dringend am Herzen liegenden Fragen zugelassen zu werden, bevor die Konferenz ohne greifbares Ergebnis auseinanderlaufe. Daß dies jedenfalls die Auffassung in den Kreisen der Gläubiger war, bewies die Zumutung, mit der Frankreichs Ministerpräsident die deutschen Wünsche prompt quittierte. Er begleitete die Einladung an die deutschen Delegierten Curtius und Hilferding zur Teilnahme an den bislang intern gepflogenen Gläubigerbesprechungen mit der Erklärung, es sei in der Tat notwendig, „daß Deutschland sich an den Opfern beteiligt, welche die vier Gläubigermächte Großbritannien eingeräumt haben, um dessen Zustimmung zur Inkraftsetzung des Poungplans zu erreichen". Deutschland müsse verstehen, daß es in seinem Interesse sei, alles Mögliche tu tun, um die Verwirklichung dieses Planes nicht in Frage zu stellen, eines Planes, der ihm unbestreitbar politisch und finanziell Vorteile bringe und der für es die Liquidierung des Krieges und gleichzeitig eine Politik der europäischen Annäherung überhaupt bedeuten werde. Soweit Herr Aristide Briand. Wenn nun auch über den Umfang dieser „Opfer", die man franzöfischerseits Deutschland über den Poungplan hinaus zumutet, im Augenblick die verschiedensten Versionen
Kein deutsches Angebot.
Snowden lehnt
den neuen Gläubigervorschlag ab;
Haag, 23. Aug. (WB.) Die heule nachmittag um 16 Uhr begonnene Besprechung der vier an der Besetzung des Rheinlandes infer- essierken Mächte, an der für Deutschland wieder die Reichsminister Dr. Stresemann und Dr. Wirth teilnahmen, wurde nach etwa einstündigem Verlauf auf morgen vormittag 10.30 Uhr vertagt. Erörlerungsgegenstände bildeten die mit der Besetzung im Zusammenhang stehenden f i -
Englands Räumungsenischluß.
Ein Schreiben Hendersons kündigt die Räumung für Mitte September an
England soll sich an Deutschland halten. Die Gläubiger wollen sich aus der Affäre ziehen.
Haag, 23. Qlug. (TLI. Funkspruch./ Der französische Arbeitsminister L 0 u ch e u r hat am Freitagnachmittag der französischen Presse mitgeteilt, Frankreich, Belgien, Italien und Iapan hätten in ihrem Angebot an England das letzte noch tragbare Zugeständnis gemacht. Die deutsche Abordnung verlange eine Mitbctet- I i g u n g bei der Verteilung der 300 Millionen Mark, welche sich aus dem üebergang des Dawesplanes zum Boungplan ergeben. Aach Ansicht der vier Gläubigermächte habe Deutschland kein Anrecht auf eine derartige Beteiligung. Die vier Mächte würden jedoch keinen Einspruch dagegen erheben, wenn dieser Betrag England zugewiesen würde. Sie hatten der englischen Olbordnung daher den Vorschlag gemacht, sich hierüber unmittelbar mit Deutschland zu verständigen. In gleicher Weise hatten die vier Mächte England empfohlen, sich mit Deutschland über den englischen Anteil an dem ungeschützten Teil der Tributzahlungen auseinanderzusehen, die aus dem Dienst der Dawesanleihe frei würden.
Die Abordnungen bon' Frankreich, Belgien und Italien, also diejenigen Länder, die an den S achlief erungen ein direktes Interesse haben, hatten die englische Olbordnung ersucht, ihre Forderungen wegen einer endgültigen Regelung der Sachlieferungen schriftlich bekanntzugeben. Hierauf habe der Präsident des Board of Trade, Graham, den drei Mächten einen schriftlichen Vorschlag unterbreitet. Obwohl dieser Vorschlag für die drei Mächte nicht gün- st i g sei, würde man doch bereit sein, ihn anzunehmen unter der Voraussetzung, daß sich die englische Abordnung dieserhalb unmit-
nächsten Jahres zu beginnen, da nicht gewünscht werde, die Räumung im Winter vorzunehmen. 3m Falle der Richtratifizierung des Poung- planes werde Belgien ersucht werden, an der Besetzung der dritten Zone leilzunehmen.
Oie Vergleichsksmmission.
Unstimmigkeiten in der deutfchcnDelegation.
Berlin, 24. Qlug. (TLI.) Wie der „Vorwärts" aus dem Haag berichtet, steht einstweilen das Problem der neuen Vergleichskommission im Vordergrund, die auf Grund eines gemeinsamen Entwurfs der Iuristen geschaffen werden soll, doch seien neue Schwierigkeiten aufgetaucht, und zwar vor allem innerhalb der deutschen Delegation. Von Wiesbaden aus benutzte der Partei- Vorsitzende des Zentrums, Dr. K a a s , den Reichsminister Dr. Wirth als Sturmbock gegen den neuen Vorschlag, den Stresemann und die übrigen Delegationsmitglieder offenbar als durchaus erträglich ansahen, vorausgesetzt natürlich, daß er eine wirklich bal- d i g e G e s a m t'r'ä u m u n g zur Folge habe. Der Entwurf sehe die Vereinigung dec beiden in Locarno geschaffenen deutsch-belgischen und deutsch-französischen Schiedsgerichte in eine einzige Schiedskommission vor, in der drei Neutrale gegen einen Deutschen, einen Franzosen und einen Belgier unter neutralem Bors ih tagen würden. Aach einer Meldung des „Lokalanz." soll der deutsche Kronjurist Ministerialdirektor Gaus aus der verantwortlichen Besprechung dieses Vorschlags ausgeschieden sein, da er darauf beharrte, sich in keine dieser Erörterungen einlassen zu wollen, weil die Rechtsgrundlage zu ihnen fehle. Man habe daraufhin die Weiterführung einfach dem Iutistenkomitee entzogen.
Paris, 23.Aug. (WB.) Der havasvertreker berichtet aus dem Haag: Wie ich aus Kreisen der Konferenz erfahre, hat der englische Außenminister Henderson an Dr. Stresemann ein Schreiben gerichtet, in dem er die Absicht der britischen Regierung hestätigt, die britischen Truppen aus dem Rheinland in allernächster Zeit und unabhängig von dem endgültigen Schicksal des Poungplanes zurückzuziehen. Das Schreiben behandelt außerdem gewisse Fragen, die sich auf die praktische Durchführung und die finanzielle Liquidierung der Besetzung beziehen, und erklärt zum Schluß, daß, wenn diese Fragen gelöst wären, die Räumung des Rheinlandes durch die britischen Truppen Mitte September beginnen und innerhalb dreier Monate durchgeführt sein könne.
Wann räumt Frankreich?
Briands Räumungspläne.
London, 24. Aug. (WTB. Funkspruch.) Rach £ ^bvv<i ’WUttn schemrn-tz^ WorstMge der vier Mächte ungefähr 50 v. h. der 48 Millionen Goldmark zu gewähren, die Großbritannien durch die Richtanwendung der Spaprozentsühe verliert. 3n der Frage der Sachlieferungen soll vergangene Rächt eine Vereinbarung erreicht worden sein. Bei den politischen Verhandlungen soll B r i a n ~ sich bereit erklärt haben, die RäumungderzweitenZonescho n Mitte September zu beginnen und Ende Dezember zu beendigen. Rach Ratifizierung des 9 0 ung- planes würde Frankreich bereit fein, mit der Abbeförderung des Ma terials aus der dritten Zone sofort und mit der Zurückziehung der Truppen Anfang April
Rechts auf Räumung brauchten wir nicht bis zur Haager Konferenz zu warten, ohne daß auch nur der Anfang gemacht wurde, die praktischen Folgerungen daraus zu ziehen. Das ist gewiß keine glückliche Rückenstärkung für die deutschen Unterhändler und noch weniger ist es das Bemühen, den Wunsch nach einem Provisorium für den 1. September mit Deutschlands gegenwärtiger Finanzlage zu begründen. Wir sehen darin eine durchaus unzulässige und in ihren Folgen höchst verderbliche Verquickung parteipolitischer Sonderinteressen mit der Lösung außenpolitischer Probleme, die für Generationen des deutschen Volkes eine Existenzfrage bedeuten wird. Gewiß, die Lage der Reichsfinanzen ist mehr als prekär, leider nicht ohne schwere Schuld der für unsere öffentliche Finanzgebarung verantwortlichen Stellen. Aber ist es erlaubt, unter dem Druck momentaner Schwierigkeiten sich für Generationen hinaus auf einen Zahlungsplan festzulegen, ohne die politischen Zusicherungen in der Hand zu haben, ohne die auch die Pariser Sachverständigen ihren eigenen Plan für unerfüllbar hielten? Und diese Eilfertigkeit im Grunde nur, weil der hilflose Leiter der Reichsfinanzen ohne den Unterschied zwischen Poungplan und Dawesabkommen seinen Etat nicht zu balancieren vermag und seine Freunde im Kabinett über den Rest auch bereits in ihrem Sinne im voraus verfügt haben?
Wir müssen erwarten, daß die deutsche Delegation im Haag eine solche Politik auf kurze Sicht nicht m i t m a ch e n w>rd. Es geht hier um mehr, als um eine momentane Auffüllung der Reichskassen, damit die alte Mißwirtschaft mit öffentlichen Geldern ruhig weitergehen kann. Es wäre leichtfertig, aus diesen Verlegenheiten für Deutschland eine Zwangslage konstruieren zu wollen, in der die deutschen Unterhändler zu allem unbesehen Ja und Amen sagen müßten, was man ihnen im Haag zu- mutet. Die Haager Konferenz hat sich die kommende Woche als Galgenfri st gesetzt, in der man zu greifbaren Ergebnissen kommen oder endgültig die Koffer packen will. Von seinen Beauftragten erwartet das deutsche Volk, daß sie, ohne sich von der Nervosität der Gläubiger anstecken zu lassen, in diesen letzten Stunden mit ruhiger Entschlossenheit ihren Weg gehen und ohne Rücksicht auf inner» wie außenpolitisches Prestige sich Folgerungen versagen, die für Deutschland neue finanzielle Opfer bedeuten. Deutschlands Vorausleistungen find erschöpft. Es erwartet von seinen Gläubigern d i e politischen Rückwirkung en, ohne die der neue Zahlungsplan für Deutschland unannehmbar ist.
kursieren, — über die im einzelnen zu sprechen, verfrüht erscheint — so steht doch das eine fest, daß Deutschland sich selber in den Quotenstreit eingeschaltet hat und nun größte Mühe haben wird, ungerupft davonzukommen, ohne daß man ihm eilfertig die Rolle des Karnickels zuschiebt, dessen Widerstand gegen das Opfermesser allein an dem Abbruch der Konferenz die Schuld trage. Die deutsche Delegation im Haag ist sich jedoch, wie wir hoffen, darüber im klaren, daß sie auch dieses Odium mit in Kauf nehmen muß und lieber mit leeren Händen heimkehrt, als Verpflichtungen übernimmt, die für Deutschland untragbar sind.
Wenn die Reichsregierung seinerzeit den Reparationsplan der Pariser Sachverständigen keineswegs als solchen, sondern nur als brauchbare Verhandlungsgrundlage annahm, so bedeutete dies noch nicht, daß Deutschland bereit und in der Lage sei, Zahlungen über diesen Plan hinaus zu leisten. Wir haben den Kabinettsbeschluß jedenfalls so aufgefaßt, als ob die deutsche Delegation für die Haager Konferenz den Auftrag hätte, für den Poungplan noch wesentliche Verbesserungen, sei es der Zahlungen selber, sei es der Zahlungsmodalitäten zu erwirken. Nun scheint es im Haag allerdings zu einer Diskussion des Gesamtplans in dem eben skizzierten Sinne gar nicht gekommen zu sein, obwohl Snowdens Vorstoß gegen die England nicht genehmen Bestimmungen einen ähnlichen deutschen Schritt schon in der Generaldebatte der ersten Konferenztage geradezu herausforderte. Man hat davon leider nichts vernommen. Die deutsche Delegation hat vielmehr die Gläubiger sich in den Quotenstreit verbeißen lassen und sich im wesenitlichen darauf beschränkt, die politischen Voraussetzungen für die Annahme des Poungplans durch Deutschland zu diskutieren mit dem zweifelhaften Ergebnis, daß Briand erneut Proben feiner berüchtigten Verschleppungstaktik gab und wir also heute noch nicht wissen, ob Frankreich überhaupt geneigt ist, sich vor dem Inkrafttreten des Poungplanes auf bestimmte Räumungstermine festzulegen. Es scheint uns, als ob durch diesen Verlauf der Konferenz Deutschland in eine recht schiefe Lage gekommen ist. Mag auch der Voungplan vielleicht gegenüber seinem Vorläufer, dem Dawesabkommen, für Deutschland finanzielle Erleichterungen bringen, so sind diese doch durch sehr wesentliche Zugeständnisse an die Gläubiger teuer erkauft. Frankreich will schnell Geld sehen, der Poungplan gibt ihm durch die Lockerung des Transferschutzes hierzu die Möglichkeit gegen den Preis herabgeminderter Annuitäten. Frankreichs Interesse an dem Zustandekommen des ^oungplans
Die Galgenfrist.
Bald drei Wochen sitzen nun schon die leitenden Staatsmänner Europas in der holländischen Residenz beisammen, um angeblich die „Gesamtliquidation" des Krieges in die Wege zu leiten. Ein hohes Ziel, die Befriedung der Welt, des Schweißes der Edlen wert. Doch von der Friedensatmosphäre des Haag keine Spur, vom „europäischen" Geist, den Briand in seinen Genfer Reden oft und gerne zu bemühen pflegt, nicht ein Hauch. Sollte das Odium des Ortes, der genius loci, die beiden verunglückter Haager Friedenskonferenzen der Vorkriegszeit, so nachhaltige Wirkung haben? Der Generalangriff auf die letzten Bollwerke des „Krieges
nach dem Kriege" ist schon in den Fallgruben und Verhauen des Vorfelds fterfengeblieben, und es ist im Augenblick kaum zu übersehen, ob es möglich sein wird, die Truppen der europäischen Diplomatie nach einmal zum Sturm zu sammeln. Weniger bildlich gesprochen: der Kampf um eine in Ansehung der Bedeutung des Paungplans und der mit ihm verknüpften politischen Probleme für Gesamteuropa lächerliche Nebenfrage, die Verteilung der Quoten aus den Reparationszahlungen unter Deutschlands Gläubiger, dieser Streit um ein paar Millionen ist zum Angelpunkt der Konferenz geworden, auf der es in Wahrheit um ganz andere Dinge gehen sollte. Alles andere, der youngplan selber, die Rheinlandräumung, das Schicksal des Saargebiets, ist beseitegeschoben, ist in Abhängigkeit gebrächt worden von dem Ausgang dieses Streites um die Quoten, der die Gegensätze klaffend aufgerissen und jene überreizte Stimmung geschaffen hat, die die Konferenz von Krise zu Krise trieb. Wir wissen, daß es England, dessen Schatzkanzler mit seinem Angriff auf den Verteilungsschlüssel des Poungplans den Streit heraufbeschwor, um mehr geht, als um das Geld, das es nach dem Wunsche der Pariser Sachverständigen und der Absicht seiner ehemaligen Alliierten auf dem Altar der Befriedung Europas opfern soll. Wir wissen, daß Snowdens Offensive im Haag den außenpolitischen Kurswechsel des Labour- kabinctts dokumentieren soll, das England aus dem Fahrwasser der Pariser Politik wieder aufs freie Meer führen will. Aber dieser Grundgedanke, so willkommen er an sich auch grabe Deutschland sein muß, das in den vergangenen Jahren Chamber--. lainscher Schaukelpolitik unter der englisch-französischen Entente schwer hat leiden müssen, ist für uns doch nur ein schwacher Trost, wenn wir als erste Rückwirkung dieses Kurswechsels ein Zerplatzen der Haager Reparationskonferenz und eine weitere Verschleppung aller der Probleme feststellen müssen, die für Deutschland Lebensfragen bedeuten. Denn darüber sind sich wohl nach den Ereignissen der letzten Tage auch diejenigen klar geworden, die allzll naiv und unbekümmert, augenzwinkernd und händereibend von dem häuslichen Zwist im Lager der Entente sich besondere Vorteile für uns versprachen, daß man nur allzu schnell bereit sein würde, den Streit um die Poungmil- lionen schließlich auf unserem Rücken aus-


