Samstag, 25. Sebruar 1929
179. Jahrgang
Nr. <6 Erstes Blatt
r
Das Scheitern der Großen Koalition in Preußen
H 3
0;
Die EinschräntuW der Eidesleistung
■£"
c
i
a
V
e
$
->
?ss
3
! 8
5® 2s lül
2-Z SS»
ü o
6 _ U <j> » , • ■= =
3«
3*2.
V3 ® ö'
Annahme oon Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für l mm Höhe für Anzeigen oon 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspiennig: für Reklameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrist 20“ . mehr.
Chefredakteur.
Dr. Friedr Wilh. Lange. Berantworllich iür Politik Dr. Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr H.THynot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein: für den An« zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Giegen.
G i.
^8
3 »
<y 01
8*
h
sC
20.
Ä
°Z
’o 2.2. = V3 r?s =® = bO ~2 3 :=« 3 2®
° = iy e = .
öö 2 2 a - <?5" w
3SL" £2 £5
r.:l _ 0 ttr
•&
«J?,? «3-?:5
2 c-An
3 2 -:c
3 n O_ 01^3
feiten fo stark In den Vordergrund getreten sind und damit die Regelung der preußischen Regie- rungssrage zum mindestens noch längere Zeit in Anspruch nehmen dürste, wird der Zen- tralvorstand sich darüber zu entscheiden haben, ob sein früherer Beschluß weiter aufrechterhalten werden soll.
Das Kaudinische Joch.
Man fordert unbcfclicne Zustimmung der VoltSpartci zum Honlordat.
Berlin. 22. Febr. (£11.) Das Organ der Deutschen Bo.tsxartet, die „Rationallibera.e Korrespondenz". fte.lt das Scheitern der preußischen Verhandlungen ausführlich dar und teilt dabei solgeni.es mit:
„In der Besprechung, die am 21. Februar, mittags 2.45 Uhr, die Unterhändler der Landtags-
Fefigefahren.
Es wär' zu schön gewesen, es hat nicht sollen sein. Wenn nicht alle Zeichen trügen und irgend jemandem noch in zwölfter Stunde ein guter Gedanke einfällt — leider geschieht das in der Potttik
Das Zentrum lehnt ab.
Mintstcrp äfidcni Braun crk'ärt feine Mission für erledigt.
Berlin, 22. Jebr. (VDZ.) miniflcrpräfibcnl Dr. Braun hat, entsprechend feiner Zusage an die volksparteilichcn Unterhändler, den Wunsch der Deutschen Dolkspartei, daß das Zentrum den Pendelminister stellen möge, der zugleich dem Reichskablneit als Ressortminister und der preuß scheu Regierung als politischer Minister an- gehüren sollte, an das Zentrum weiter- geleitet. Die juftär.bigen Araklionsinslanzcn haben jeboch diese Vorschläge glatt abgelehnt. Ministerpräsident Braun Hal daraufhin der Land- tagssraktion der Deutschen Volkspartei d.e Mitteilung gemacht, daß nach Ablehnung seines Vorschlages seine Mission erledigt sei. Aus dis Frage, ob von Seiten der Dolkspartei noch ein vo schlag zu machen wäre, erklärte diese, man muffe nunmehr zunächst die Entwicklung im Reiche abwarten. Damit sind die kioalilionsver- handlungeu in Preußen vorläufig erledigt.
Was nun?
Zusammentritt des Zentralvorstandes der Bolkspartci.
Berlin, 22. Febr. (WB.) Der Partei- Vorstand der Deutschen Dolkspartei beriet die durch das Ausscheiden der Zentrums'-artei aus dec Beichsregierung und das vorläufige Scheitern der Berhandlungen in Preußen beschaffene politische Lage. Angesichts der Entsaieidungen, vor die die Reichspo.itik nicht nur in bezug aus die innere Lage, sondern namentlich auch wegen der zu erwartenden großen außenpoliti- i'chen Fragen gestellt ist, war der Partei- vo.stand der Auffassung, daß eine Verständigung einer großen Mehrheit des Reichstages über Die zu ergreifenden Maßnahmen und die Herbeiführung einer Cin- heitssront gegenüber etwaigen unmöglichen Anforderungen an die Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes gefunden werden müsse. Kerne Zeit sei weniger geeignet zur Herbeiführung von Krisen, Scheu vor der Hebemahme der Verantwortung und Austragen von Partci- kämpfen. Zur Schaffung einer einheitlichen Willenskundgebung der Partei angesichts der gegenwärtigen ernsten Lage beschloß der Parteivorstand, den Z e n t r a l v o r st a n b auf Dienstag nach Terlin einzuberufen.
Ter Zentralvcrstand wird sich mit der Lage zu befassen haben, die sich aus den letzten Verhandlungen über die Umbildung der Regicrun--n im Reich und in Preußen ergeben hat. Cr ha! früher einmal den Beschluß ge aßt, da) der Eintritt der Deutschen Vo Dparlei in das preußische Kabinett die unerläßliche Bedingung für die koalitionsrnäßige ‘Regelung der Regicrungdfrage imRcidjift. Aachlem bei den letzten Verhandlungen in Preußen mit der Konkordalssrage die sachlichen Schwierig-
r
5.952^'*
Rö
*8
sraktion (Abg. Stendel, Heimann, Schwarzhaupt) mit dem preußcxhen Mtni.terpräsidenten hatten, trugen sie d.e Beschlüsse der Landtagssrattion und der Reichstagsfrakton vor. die nach wie vor zwei Ressortminister in Preußen verlangten. Dabei kam die Sprache auch aus die Konkordatssraae. Der Mn.sterpräsitent brachte zum Ausdruck, daß die zukünft.gen preußischen Minister der Deutschen Volkspartei sich auf eine Formulierung über das Konkordat binden müßten, die von dem jetzigen Kabinett entworfen wird. Einzelheiten darüber könne er nicht mitteilen, da sie auch den jetzt in der Regierung befindlichen Parteien nicht bekannt sind. Es wurde also zum Ausdruck gebracht, daß die Deutsche Volkspartei unbesehen und unbefragt sich zu einer Erklärung bereitsinden lassen soll, deren Inhalt ihr nicht bekannt, und an deren
IM
c s £
?;O ] 3^5 : S ? < °-S : ' o :
»e? »Ql
O t* 3 tz-z - c* "3 *z ft).
bereiniriU des Zentrums in das Kabinett Hermani Müller zu kommen. Die Einberufung des Zentral, Vorstandes der Deutschen Volkspartei scheint bet Schluß zu erlauben, daß Strescmann noch nicht all« Hoffnungen aufgegeben hat, doch noch zu Rand« zu kommen, sei es auch unter schweren Prestige« opfern seiner eigenen Partei, die allerdings das ein« Gute mit sich bringen würden, daß sie die recht uw glückliche Taktik der volksparteilichen Preußenfrak, tion wieder wcttmachen würden. Aber so weit sini wir noch lange nicht und vorerst haben wir eine» kleinen Vorgeschmack von dem, was uns blüht wenn die Koalition im Reich ebenfalls nicht zu, stände tarne, in der Sparmahnung des Reichs kanzlers an die seinem Kabinett nahestehende» Parteien, — man wird, als vorsichtiger Mann das herrschende System kaum deutlicher bei zeichnen dürfen, ohne Gefahr zu laufen, die eim ober andere Partei mehr zu binden, als ihr in Augenblick lieb ist. Denn ungebundene Freiheit ifi Trumps und dieses Vollgefühl der Freiheit schein auch auf die bisher sich als Regierungsparteien gs rierenöen Fraktionen abgefärbt zu haben, wenn si, der Reichskanzler ernstlich ermahnen muß, nich ohne Fühlungnahme mit der Regierung oder dei anderen Parteien Anträge ins wilde Iahrhundeo zu stellen, die bei der angespannten Finanzlage det Reiches ohne katastrophale Folgen überhaupt nich durchzuführen seien. Wir dürfen wohl erwarten daß der Reichskanzler mit diesem ersten erfreu licken Schritt nicht halt machen wird, sondern 00» den Parteien seiner Gefolgschaft unbekümmert uni rücksichtslos das mit aller Entschiedenheit verlange« wird, was er verlangen muß: Verzicht auf irgend welche Anträge agitatorischer Art, die auf die gs gebenen finanziellen Möglichkeiten keine Rückfich nehmen, Verzicht auf die vielerlei perfönlichei Sonderwünsche, die Geld kosten, ohne dringend 31 fein, aber tatkräftige, rein sachlich eingestellte M i t arbeit bei den kommenden Etatberatungen mi dem Ziel der denkbar ftärlften Einsparungen uni denkbar geringsten Vermehrung der Steuerlast Gelingt es dem Reichskanzler in gemeinsamer Ar beit, mit den Parteien den Reichshaushalt n a d dem Grundsatz sparsamster offen t kicher Finanzgebarung im Notjahr 1921 zu gestalten, so braucht ihn der festgefahrene Äoalt tionstarren nicht zu genieren.
besonders selten — so find alle Bemühungen, dem deutschen Volke in absetzbarer Zeit eine stabile Regierung zu geben, hoffnungslos gescheitert. Nach dem Austritt des Zentrumsmannes Guärard aus dem Reichskabinett hatte man nach einigem zwecklosen Gercde über die Schuldfrage, den Der- such gemacht, das Koalitionsproblem noch einmal über Preußen in Gang zu bringen. Das war
B e r l i n 22. Febr. (VDZ.) Im Strafrechtsausschuß des Reichstages erklärte Reichsminister der Justiz Koch zur (fitesfrage: Ohne eine gründ- ftürzente Aenderung des bestehenden Zustandes lassen sich die schweren Mißstände, die sich aus der Häufung der Eitecabr.ahme in Deutschland nach allgemeiner Ansicht ergeben haben, nicht beseitigen. Für eine Neuregelung kommen vier Lösungen in Frage. Entweder man behält grundsätzlich den Eid als das Mittel zur Erhärtung der gerichtlichen Aussage bei und begnügt sich mit nebensächlicher Reform. Damit ist es nicht getan. Oder man schafft den Eid grundsätzlich ab und setzt an seine Stelle d i e ft ras bare Bekräftigung. Wir haben uns aber den Bedenken nicht verschlißen können, daß der Eid nach der Anschauung weiter Bevölkerungs- schichten als äußerstes Mittel der Wahrheitsersor- schui g wenigstens zur Zeit noch nicht als entbehrlich c n g e f e 1) e n werten könne. Wollte man nun drittens dazu übergehen, den Eid für wichtige Fälle noch in Anspruch zu nehmen, in allen anderen Fällen es aber bei der Straflosigkeit ter Zeugenaussage bewenden zu lassen, so wird man dem Angeklagten oder den sonst an einer Wahrheitserforschung interessierten Personen nicht gerecht. Es ist möglich, u. U. Personen zu schweren Strafen zu verurteilen oder sie an ihrer Ehre ober ihrem Vermögen au schädigen auf Grund einer Aussage, die ohne die Gesahr einer Bestrafung gemacht wird.
Es bleibt demnach nichts anderes übrig, als in den normalen Fällen eine Form der Vernehmung einzuführen, bei der kein Eid abgenommen wird, bei der aber d i e Unwahrheit strafbar ist. Sie ist in unseren Vorschlägen als „Bekräftigung" bezeichnet. Sie wird als Vergehen, nicht al9 Verbrechen behandelt. Daneben aber muß in allen Fällen, in denen von der Aussage eines Zeu- gen die entscheidende Beurteilung eines Falles abhängig ist, zur äußersten Wahrheitserforschung der Eid zugelassen bleiben. Unsere Vorschläge sehen ausdrücklich vor, daß die beträft’.gte Aussage straflos bleibt, wenn sie unter Eid widerrufen wird.
= 9.= *3?
0 -c CV 3
v 2.2S " 5
In der Hand eines geschickten Richters wird also die neue Bestimmung sich vorteilhaft von der bisherigen Regelung dadurch unterscheiden, daß man in Fällen, wo es auf des Messers Schneide steht, in der Lage ist, nochmals mit Nachdruck auf ein« wahrheitsgemäße Aussage hinzuwirken Indem wir die Strafbarkeit der fahrlässigen Falschaus- sage wesentlich beschränken, erleichtern wir di« Annäherung an die bisherige Österreich sche Gesetzgebung, die, wie die meisten Strafgesetze bei Welt, eine fahrlässige Falschaussage bisher über- Haupt nicht gekannt hat. Es wird darauf ankommen, eine richtige Vernehmungst e ch - n i k zu schaffen und, was vielleicht noch wichtiger ist, den Richtern Gelegenheit und Zeit zu geben, sich mit dem Einzelfall so sorgfältig zu beschäftigen, wie cs der Umstand erfordert, da von der Entscheidung saft jedes Rechtsfalles menschliches Schicksal in weitestem Umfang abhängt.
Abg. Dr. Bell (Z.) bezweifelte die Zweck- mäClgteit einer so gründlichen Aenderung, wie sie der neue Entwurf bringe. Bedenken hatte er besonders gegen das Stufe nsy st em. Wenn die Leute wüßten, daß sie uneiölidj vernommen werden, dann würden sie der Meinung sein, daß sie es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen brauchen. Ter Redner trat dafür ein, es bei den bisherigen Ausschußbeschlüssen zu lassen und im Einführungsgesetz Bestimmungen zu treffen, durch die eine Einschränkung der Eide herbeigesührl wird. Mit der ‘Beteiligung des fahrlässigen Falscheides war er einverstanden.
Der Rclchsjustizminister erklärte, In sehr vielen Fällen sei jedoch der Richter von der absoluten ilnglaubtoürölgfeit des Zeugen überzeugt und wisse genau, daß diesei seine falsche Aussage zu beschwören bereit sei. 2n solchen Fällen müsse der Richter vor di« Frage gestellt werden, ob es nicht besser sei, von der Vereidigung Abstand au nehmen. Und was soll mit den besonders leichten Fällen geschehen, wenn der Eid nut auf die schweren Fälle beschränkt wird?
zu räumen, und um her doch im Grunde recht ernsten Sache willen noch einmal von vorne an- zufangen. Aber das offenbar recht schonungcbedürf- iice Prestige des Zentrums erlaubte ihm angeblich nicht, auf ein vor drei Tagen gemachtes Angebot z irückzukommen, den doch nun einmal schon zu gestandenen Verzicht aus ein preußisches Minister- Portefeuille bestehen zu lassen.
So stand bas Zentrum am Anfang der neuen B-eußenverhandlungen pikiert Gewehr bei Fuß. Man überließ cs dem preußischen Ministerpräsidenten Dr. Braun und ter Deutschen Volks- partei, sich weiter über die Koalitionsbildung zu unterhalten. Das ist denn auch geschehen mit dem Erfolg, daß man der Volkspartei einen Minister- posten und eine Staatssekretärstelle anbot und, als man damit begreiflicherweise nickt sofort begeisterte Zustimmung sand, das Angebot dahin erweiterte, neben diesen beiden einen volksparteilichen Reichs- Minister als Minister ohne Portefeuille in das Preußenkabinett zu übernehmen. Sachlich war dieser Vorschlag bestechend. Wir haben über diese Seite gestern sckon an dieser Stelle eingehend gesprochen. Aber auch taktisch war er vom Standpunkt der ölten Koalition ausgezeichnet, denn gerate der Ge- dan'e, auf diese Weise einen Verbindungsmann zwischen Reichsregierung und Prenßenkabinett zu schaffen, lag ja auf ter Linie, die die Vol'cpartei mit ihrer alten Forderung a"f Homogenität ter Regierungen im Reich und in Preußen verfolgte. Das heue Angebot war deshalb äußerst geschickt, well es zwar keineswegs die alte Forderung der Volkspartei auf zwei Ressort mirifter erfüllte, wohl aber offensichtlich dem Grundgedanken entgegenkam, den die Volkspartei bei ihrem Streben nach Umbildung des Preußenkabinctts stets in den Vordergrund gerückt Haie. Durch diese Taktik war der Volkspartei eine Ablehnung des Vorschlags und ein Festhalten an Ihrer alten Forderung sehr schwer gemacht worden. Man hatte sie in eine Sackgasse hineinmanövriert, aus ter sie nur wieder heraus- konnte, wenn sie das Odium auf sich nahm, jetzt selbst das schwarze Schaf zu sein, an dessen unbegreiflicher Bockigkeit die Koalitionsverhandlungen gescheitert seien.
Soweit im Augenblick die Situation zu überbauen ist, scheint die Volkspartei tatsä^lich auf diesen Leim gekrochen zu fein. Sie mürbe damit die Rolle übernommen haben, in ter das Zentum bei aller Genugtuung über die gewonnene Freiheit von ter Regierungsverantwo-tung. si-b doch vor dem Lande und ter Wählerschaft im Grunde recht unbehaglich fühlte. Die Vol'spartei hat zwar noch einen letzten Schachzug versucht, um sich aus der gefahrbringenden Umklammerung zu befreien. Sie hat Herrn Braun veranlaßt, den ominösen Reichsminister als preußischen Staatsminister ohne Portefeuille doch dem Zentrum anzubieten, natürlich gegen den — im Grunde ja schon zugestantenen — Verzicht auf ein Ressort. Das Zentrum hat dankend abgelehnt. Es zeigt sich auch weiter uninteressiert und kühl bis ans Herz hinan. Nach den uns bis zur Stunde gewordenen Nachrichten sieht ter Ministerpräsident Braun nun seine Mission als gescheitert an und hat seine Bemühungen um das Zustandekommen einer Regierung der Kroßen Koalition in Preußen eingestellt Das Zentrum hat feinen Willen durchgcfetzt. wenigstens soweit, als es seine alte Stellung in Preußen be- baupten und eine ihm derzeit gewiß unbequeme Stärkung des liberalen Elements im Preußenkabinett hintertreiben konnte. Lieber wäre es ihm allerdings wohl noch gewesen, wenn ihm ein günstirersr Ausgang der Preußenoerhandlungen automatisch wieder die etwas eUig zugestoßene Tür in die Reichsregierung geöffnet hätte. Aber alles kann man eben nicht haben, nicht einmal bas Zentrum. Und es bucht jedenfalls noch den nicht gering zu achtenden Erfolg, die Volkspartei neben sich auf das Armsünderbankchen gezogen zu haben. _
Cs taucht nun die Frage auf, ob die Dolkspartei gut beraten war, ab sie den letzten Vorschlag des ^)errn Braun dcm Zentrum zuschob, von dem sie m.t einiger Bestimmtheit wußte, daß es ihn ab« lehnen würde. Sachlich bedarf es keiner (Erörterung, daß der Anspruch der Dolkspartei auf zwei Ressortminister im Preußenkabinett der Stärte und noch mehr der inneren Bedeutung der Partei nach wohl begründet war. Es bedarf nur des Vergleichs mit den Demokraten, um dies darzutun. Eine andere Frage ist es unseres Erachtens indessen, ob es in diesem Augenblick taktisch richtig war, an dem an sich unanfechtbaren Grund- satz s<.stzuhalten und dadurch die Gegenseite der Mühe zu entheben, für das Scheitern ter Koalition einen Sündenbock zu suchen. Mit dcm Märchen von ter engstirnigen, verhandlungsunfähigen Volkspartei wird man nun ungestraft im Lande krebsen gehen. Das Odium des Krisenmachers hätte gut und gern dem Zentrum allein überlassen bleiben dürfen, das sich in diese Rolle schon einge- lebt hatte, anstatt ihm nun die heißersehnte TLg- lichkeit zu geben, vor der Oeffentlichkeit die Derant- roortung für unsere haarsträubenden innerpolitischen Zustände von sich abzuwälzen.
Aber abgesehen von diesen taktischen Erwägungen scheint uns wie überhaupt bei den meisten Regierungsbildungen im jungen deutschen demokra- tisch-parlamentarischen Staatswesen so auch in diesem besonderen Falle das Prinzip der Zahl gegenüber dem Prinzip der Persönlichkeit über Gebühr in den Vordergrund geschoben zu sein. Re- gicrungsbilbungen sind doch schließlich nicht lediglich Rcchenexcmpel, deren Lösung sich sehr einfach gestaltet, wenn man die vorhandenen Ministersessel prozentualiter auf die Fraktionen aufteilt, gleich- gültig, ob diese überhaupt in der Lage sind, für die auf sie entfallenden Ressorts befähigte Männer zu stellen. Diese Art Rechnung dürfte denn doch nicht immer aufgehen. Und daß sie auch in der Praxis der aöerjüngften deutschen Vergangenheit keineswegs immer stimmt, zeigt am besten das gegen- roärtig amtierende preußische Kabinett Braun, in dem die Sozialdemokratie, obwohl weitaus stärkste Fraktion des Landtags, sich doch Fahre hindurch damit begnügt hat, neben dem Ministerpräsidenten nur noch den Innenminister zu stellen, weil sie genau wußte, daß ihre Minister Braun und Seoe.
ring Persönlichkeiten von Format sind, denen es nicht schwer faUcn konnte, dcm ganzen Kabinett, dem ganzen Regierungskurs ihren eigenen, persönlichen Stempel auszudrücken. Gewiß darf dabei nicht übersehen werden, daß die zahlen- mäßige Stärke der sozialdemokratischen Fraktion den beiden Ministern einen starken Rückhalt gab. Das zeigte sich ja, als Seoering durch Grzesinski ersetzt werden mußte. Aber wenn auch die Stellung der Dolkspartei im Preußischen Landtag nicht annähernd so günstig ist, wie die eben geschilderte der Sozialdemokratie, so hätte das Beispiel Braun- Seoering doch vielleicht dazu verlocken können, einen ähnlichen Versuch zu wagen, durch eine starke Persönlichkeit zu ersetzen, was man rein zahlen- mäßig nicht hatte erreichen können. Auch die Stellung oes Staatssekretärs, die der Volks- partei angeboten war, ist so zu bewerten. Es gibt in Preußen wie im Reich genug Staatssekretäre, deren maßgeblicher Einfluß um so mehr wächst,
je weniger ihre oorgejetzken Minister durch den
häufigen Kabinettswechsel Zeit haben, sich m.t der
ihnen anoertrauten Materie gründlich bekannt zu machen. Wir erinnern nur an Popitz, Geib, Schmid
und den verflossenen Hagedorn in Ministerien des Reichs, an Weißmann, Abegg und Lammers in Preußen. So wäre unter biejem Gesichtspunkt die der Volkspartei zugedachte Stellung im preußischen Kabinett noch dazu mit dem Reichswirtschaftsminister Dr. Curtius als Verbindungsmann zum Reich immerhin ernsthafter Erwägungen wert geraden, auch wenn man einmal die Rechenmaschine beiseite ließ. Daß ihr angebotene Handels- Ministerium, das zweifellos keinen übermäßigen Reiz für eine Fraktion bildet, die zahlenmäßig nur beschränkt im Kabinett sich vertreten sieht, hätte allerdings wohl durch ein anderes Ressort von größerer politischer Extensität ersetzt werden muffen. wollte man der Dolkspartei das Angebot ver- lockend machen.
Aber heute ist es anscheinend durchaus müßig, diese und ähnliche Erwägungen an^ufteUen Die Parteien haben gesprochen und die Untertanen haben sich damit adzusinden, daß es auf nicht absehbare Zeit in dem alten Stil weitergehen wird, wenn es nicht in zwölfter Stunde gelingen sollte, im Reich allen Schwierig'eiten und Enttäuschungen zum Trotz, zu einet festen Koalitionsbildung durch Wie»
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhesfen
tTvf rrtüctlce: vriihl'sche Universiläls-Vuch. und Sldnörudcrei R. Lanze in Gletzen. Schriftleltung un) Gefchäftrstelle: 7.
Eriche,n, täglich,außer Sonntags und Feiertags.
Bcllaaen
Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat >m Bild Die Scholle
Bezugspreis für 2 n^en: 1 Reichsmark und 15 Reichspfennig für Träger« lohn, auch bei Nichterscheinen einzelnerNummern Infolge höherer Geaalt. Fernsplechan>chlüs|e: 51, 54 und 112.
Anschri.t für Drahtnachrichten rinieiaer Gießen, posifchecklonto: grvUlfiirtam Main 11686.
ZWA
Ze- 6V .
< A ßl •
z s
g33 STP
-2 7' o3^~3 o tR 4? — ö~ * 1 * o „ = ? •
zu Anfang nicht so ganz leicht, denn auch h er Hatte der Streit der Parteien schon seine Spuren zurück- j gelassen und man nehm keineswegs mehr unbe- | fangen und vorurteilslos, wie cs ter Sache d enlich gewesen wäre, die Verhandlungen wieder auf, die . ja schon in verschiedenen Etappen mit monatelangen , Pausen seit dem vergangenen Frühsommer gespielt I haben. Im Reich war d.e im Endeffekt ergebnislose ; Koalition-:tebatte mit der s.hr merkwürdigen Er- : Öffnung des Zentrums ausgellungen, man sei ja bereit gewesen, auf einen Ministersessel im Preu- ßenkabinett zu verzichten, die Gegenseite habe jedoch daraus keine Folgerungen gezogen. Konnte sie auch nicht ziehen, denn weder ter Reickskanzler Müller , noch einer ter volkcparteilichen Führer Streftmann oder Scholz hatten aus des Prälaten Kaas Pythia- fpruch von den „polittschen Realitäten" entnehmen können, daß das Zentrum entschlossen war,-seiner- feits durch ein faktisches Entgegenkommen in Preu- feen den Weg für eine gleichzeitige Umbildung der Regierungen im Reich und in Preußen freizugeben. Die überdiplomatische Sprache ihres Parteiführers hatte dem Zentrum bei einiger Wahrung tes Gesichts erlaubt, sich in den ersehnten Schmollwinkel zurückzuzichen. Und es war fest entschlossen, das Uebelnchmen fortzusetzen, als die anderen Parteien bereit waren, das „Mißverständnis" ans dem Wege
:11
6825-?
2-2vL 0 2.3
-s 2.' 'X 3 — ©
” S 9 d £3,2 3
5 ‘ " g)


