Samstag, 22. Zunr (929
119. Jahrgang
Nr. H4 Erstes Blatt
M Geueidemonopol vorläufig abgelehnt
Oesterreich mit einer solchen Regelung keine be-
fcste Absicht hat, unbedingt zu einer befriedigenden
ren Beratungen doch zu dem Entschluß gekommen
kündigen. Wie wir erfahren, ist allerdings ein
in die Luft.
es
nicht auf die diesjährige Ernte auswirken kann, wird man für dieses Jahr zu einem Interim greifen müssen, das an und für sich ganz gut in den sog. gleitenden Zöllen gefunden werden könnte. Wenn dabei behauptet wird, daß die Kündigung des Schweden-Vertrages auf den Reichspräsidenten zurückzuführen sei, der auf eine s o f o r -
all diese Pläne ja schon seit langem im Wittelpunkt der Erörterungen stehen, und daß man erst dann die endgültigen Entscheide fällen kann, wenn die derzeitigen Verhandlungen im Sachverständigenausschuh, die, da die Verhandlungen von Staatssekretär Heukamp mit der Stockholmer Regierung ergebnislos verlaufen find, ja jetzt einer klaren Situation gegenüberstehen.
zwischen vom Reichstag sein ganzes Finanzprogramm zusammengestrichen wurde, ohne daß er dagegen gemuckt hätte. Erinnern wir uns endlich, daß er auch jetzt nur immer in schönen Worten von der kommenden Fmanz- reform spricht, aber auch im kleinsten Kreise nicht andeuten will, wie er sich diese Reform vorstellt — offenbar aus Angst vor dem Widerstand in seiner eigenen Partei —, dann ergibt sich aus diesen wenigen Einzelheiten schon das Bild eines Finanzministers, wie er nicht sein soll.
Sein Kollege und Parteigenosse W i s s e l l dagegen kämpft wie ein Löwe gegen die Umorganisation der Arbeitslosenversicherung. Er hat sich noch vor wenigen Wochen verpflichtet, ein Sofort-Programm, das wenigstens die dringendsten Reformen enthält, vor der Sommerpause im Reichstag durchzubringen, hat aber schleunigst vor seiner Fraktion kapituliert, weil sie trotz der Notlage der Wirtschaft eine Erhöhung der Beiträge der Arbeitslosenversicherung verlangte. Und zuguterletzt hat die ganze Fraktion sich bei dem Wehretat die Extratour geleistet, daß sie nicht allein für das Wahlrecht der Reichswehrsoldaten, sondern auch für den kommunistischen Antrag auf Streichung des Panzerkreuzers stimmten, im Vertrauen darauf, daß die Deutfchnationalen schon die erforderliche Mehrheit würden schaffen helfen. Und das, nachdem im Ausschuß die Sozialdemokraten eine Ablehnung des Kreuzers dadurch verhindert hatten, daß im ent-
tige Behebung der Not der Landwirtschaft dränge, so muh demgegenüber doch festgestellt werden, dah
scheidenden Augenblick einige ihrer Mitglieder der Abstimmung fernblieben. Das find alles Dinge, die sich mit Koalitionstreue und Koalitions- difziplin schlechterdings nicht mehr in Einklang bringen lassen. Kein Wunder, wenn deshalb eine starke Koalitionsmüdigkeit im Reichstag herrscht. Sie wird jetzt noch nicht zum Ausbruch kommen. Aber wenn die Entscheidung über den Young-Plan, über das Finanzprogramm und jetzt auch über die Arbeitlosenversicherung fallen muß, läßt sich mit Kompromissen nicht mehr arbeiten. Dann muß das Kabinett Müller fein Gesellenstück ablegen, und wenn es damit nicht zustande kommt, fliegt
sen wieder gestrichen werden könnte. Damit würde man der vorn Reichsernährungsminister vor-
Keine Einigung im Sachverständigenausschuß. - Aus der Suche nach anderen Möglichkeiten. - Gleitende Zölle. - Kündigung des Schwedenvertrags.
sonders günstigen Erfahrungen machte. Der Ausschuß wird deshalb naturgemäß auch noch a n - de re Pläne ins Auge fassen müssen, wobei er die
endgültiger Entscheid noch nicht gefallen. Da die Kündigung des Schweden-Vertrages sich aber noch
Lösung zu kommen.
In diesem Zusammenhang gewinnt die Nachricht
geschlagenen Preisausgleichsgebühr näherkommen. Allerdings darf man nicht vergessen, dah
sein soll, den Schweden - Vertrag am ZI. Juli für den 31. Dezember dieses Jahres zu
Berlin, 22. Juni. (VDZ.) Der Sachverständigenausschuh der Regierung für das landwirtschaftliche Notprogramm hatte in der vergangenen Nacht nach langen Debatten den Vorschlag eines Reichsgetreidemonopols zunächst mit 6 gegen 5 Stimmen abgelefjnt. Die Beratungen über die Frage der Getreidepreisbildung werden jedoch heule nachmittag fortgesetzt.
Das negative Ergebnis der nächtlichen Sitzung ist im wesentlichen darauf zurückzusühren, dah sich auch die für ein Wonopol eintretenden Sozialdemokraten und Deutschnationalen nicht über ben Preis einigen konnten, der durch das Wonopol stabilisiert werden oll. Die Agrarvertreter verlangten einen Preis von 27 Wart für den Doppelzentner Weizen statt bisher 21,5 Wark, während die Sozialdemokraten nur einem solchem von 25 Wark zustimmen woll- fen. Die vorläufige Dauer des Wonopols spielte dagegen eine untergeordnete Rolle. Den Ausschlag für eine Ablehnung des Wonopols gaben die Differenzen über die Zusammensetzung des Reichsgetreiderates.
heute nachmittag soll eine Verständigung über die Preisfrage versucht werden, wenn das gelingt, würde zu erörtern sein, auf welchem Wege — durch ein Wonopol oder auf andere weise — die Preis st abillsierung erreicht werden soll. U. a. soll dabei auch der Gedanke bestehen, eine Behebung der Notlage der Landwirtschaft durch die Einführung von sog. gleitenden Zöllen, ähnlich wie -es in Oesterreich versucht worden ist, herbeizuführen. Nach dieser Regelung würde bei einem Tiefstand des Getreidepreises ein Zollaufschlag erhoben, der bei angemessenen Prel-
B er l in, 21. Juni. (TD 23.) Unter der Leitung des Reichsauhenministers, der anstelle des erkrankten Reichskanzlers den Vorsitz führte, sand heute vormittag eine Kabinettssihung statt. In ihr berichtete der Reichsaußenminister über die Tagung des Völkerbundsrates in Wadrid und über die dort und in Paris geführten politischen Besprechungen. 3m An- schluh an diese Aussprache nahm das Kabinett Stellung zu dem Bericht des Sachverständi- genausfchufses vom 7. Juni dieses Jahres. Als Ergebnis dieser Beratungen sahte das Reichskabinett folgenden Beschluß:
Die Reichsregierung ist bereit, den am 7. Juni d. I. in Paris von den Sachverständigen unterzeichneten Plan für die Lösung des Reparationsproblems als Grundlage für die Konferenz der Regierungen anzunehmen. In notwendigem Zusammenhang hiermit ist gleichzeitig die Liquidation der noch schwebenden Verpflichtungen aus dem Weltkrieg herbeizuführen.
(fine Friedenskundgebung des Weltbundes der Frauen.
Berlin, 21. 3uni. (WTB.) Heute abend veranstaltete der Weltbund für Frauenstimmrecht und staatsbürgerliche Frauenarbeit in den Festsälen bei Kroll eine Kundgebung für den Weltfrieden und den Völkerbundsgedanken. Cs sprachen Graf Bernstorfs, Reichsminister Dr. Wirth, die Vertreterin des Völkerbundes Rachel Crowdy (Großbritannien), Frau Dr. Bakker van Bosse (Holland), Fräulein Gourd (Schweiz), Frau Dr. Gertrud Bäumer, M. d. R. Eine andere Kundgebung vermittelte der großen Oeffentlichkeit in der Hauptsache die Ergebnisse und Entschließungen des Sonderausschusses für Frieden und Völkerbund
an Bcöeutung, nach bet bas Kabinett nach länge-
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Dr. Friede. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.
Stil weitergehen.
Aber statt besser ist es eigentlich schlimmer geworden. Wir sehen ganz davon ab, daß Herr Dr. Hilferding, dessen Unfähigkeit zum Finanzminister sich eigentlich schon 1923 schlagend erwiesen hatte, inzwischen neue Proben seiner mangelnden Qualitäten erbracht hat, die eigentlich längst hätten genügen sollen, auf seine Mitwirkung an leitender Stelle zu verzichten. Denn die Steuersenkung war ja nur einer seiver Fehlgriffe. Erinnern wir uns, daß er Wochen und Monate verlor, weil er nut seinem Finanzprogramm nicht fertig wurde und darüber den Etat viel zu spät vorlegte. Erinnern wir uns, daß er mindestens schon seit dem Januar wissen mußte, welche ungeheuren Summen die Arbeitslosenversicherung aus der Reichskasse sog, daß er aber dazu schwieg und die Gefahr eines finanziellen Zusammnbruchs gerade in dem Augenblick heraufbeschwor, wo während der Pariser Verhandlungen die Unerschütterlichkeit unseres Finanzsystems den Franzosen hätte vor Augen geführt werden müssen. Durch dieses Versagen ist der auch der Mißerfolg der deutschen Sachverständigen nicht unwesentlich beeinflußt piorden. Erinnern wir uns weiter, daß ihm in-
Auch ein Jubiläum.
In der kommenden Woche jährt sich der Tag der Gründung des Kabinetts Mül- ler-Strefemann, sicherlich kein Anlaß zu Festartikeln; dazu sind die Ereignisse des vergangenen Jahres nicht angetan. Aber doch ein Grund, zurückzublicken und den Punkt, zu bestimmen, auf dem wir im Augenblick stehen. Hermann Müller hat es damals gewiß nicht leicht gehabt, fein Kabinett zustande zu bringen. Das war zum guten Teil feine Schuld, weil er nach einem kurzen energischen Anlauf allzubald die Zügel schleppen ließ und sich auf Verhandlungen mit den Fraktionen einließ, die im Gegensatz zu dem klaren Wortlaut der Reichsverfassung bisher stets die Bewegungsfreiheit des Kanzlers eingeengt haben. Zum Teil aber auch, weil bei den bürgerlichen Parteien, vornehmlich der Volkspartei, nach den traurigen Erfahrungen aus dem Jahre 1923 berechtigtes Mißtrauen bestand, ob mit den Sozialdemokraten überhaupt praktische Arbeit in der Regierung zu leisten sei. Aus endlosen Verhandlungen entstand schließlich ein Notbehelf, ein Kabinett, in dem das Zentrum nur durch einen Verbindungsoffizier vertreten war, der später wieder zurückgezogen wurde, bis es schließlich doch in einer Stärke von drei Mann in das Kabinett zurückkehrte. Das unerfreuliche Zwischenspiel, das ja auch durch die Verbindung nach Preußen hin noch kompliziert wurde/ist nicht abgeschlossen. Es hat — das muh doch gesagt werden — nicht gerade dazu beigetragen, die Freude an der Koalitionsarbeit zu erhöhen, das Mißtrauen gerade bei der Nolkspartei ist gestiegen, und der einzige Grund, weshalb das Kabinett bisher nicht aufgeflogen ist, wäre wohl darin zu suchen, daß die Kombination von der Volkspartei über das Zentrum, die Bayern und die Demokraten bis zu den Sozialdemokraten die einzig mögliche Mehrheitsbildung in diesem Reichstag bedeutet.
Aber schließlich, die Voraussetzung für eine solche Koalition ist ja nicht Liebe, sondern das Pflichtgefühl dem Staate gegenüber. Und wenn sich im Rahmen einer derartigen Regierung das herausholen läßt, was jede Partei ohne Opfer ihrer Ueberzeugung für gerade noch tragbar hält, dann hat auch diese Zweckge- meinfchaft ihre innere Berechtigung. Aber gerade damit sieht es recht trübe aus. Die Sozialdemokraten haben sich ein Voraus zu verschaffen gewußt, indem sie unter der Verantwortung ihres Genossen Hilferding eine Steuersenkung für die niedrigsten Einkommen vornahmen, die für den einzelnen Steuerzahler nur sehr wenig bedeutete, das Reich aber rund hundertfünfzig Millionen kosteten und dadurch den letzten Anlaß zu den bestehenden Kafsenschwierigkeiten gaben. Wie denn überhaupt die Taktik der Sozialdemokraten darauf angelegt war, die Politik des doppelt en Bodens fortzuführen, die sie feit der Revolution betrieben haben: daß sie nach außen hin ihre Opposition fortsetzen und dadurch ihre Wählermassen beisammen halten, gleichzeitig aber die Vorteile der Regierungsmaschine für sich beanspruchen und möglichst stark im Kabinett vertreten sein wollen. Die bürgerlichen Parteien haben diesem Spiel gegenüber eine erstaunliche Langmut bewiesen. Sie haben sich mit Recht gesagt, daß die Sozialdemokratie eine Uebergangszeit ' braucht, um sich in die neuen Verhältnisse hin- einzufinden, daß man also nicht alles auf einmal von ihr verlangen kann. Aber allmählich brennt nun doch das Feuer auf den Nägeln, auf die Dauer kann es nicht in diesem
die Konzentration der Opposition folgen, Forderungen aus dem eigenen Lager, bis schließlich die dritte und entscheidende Phase erreicht sein wird: Entweder die Forderung nach Rechenschaftslegung vor dem Vollzugsrat (bei ungünstiger Entwicklung der innenpolitischen Fragen) oder die Aufnahme der liberalen Forderung auf Wahlrechtsreform. Es ist -heute noch unsicher, wann und in welcher Form sich die Regierung mit dieser Lage auseinanderzusehen. haben wird, aber ziemlich gewiß ist, dah Anfang * nächsten Jahres die -Zeit beginnt, zu der sie auch de facto wieder zur Minderheitsregierung mit allen ihren Beschränkungen und Gefahren herabsinken wird.
Diese Stellung der arbeiterparteilichen Regierung muh man sich vergegenwärtigen, um namentlich auch einen richtigen Mahstab für ihre außenpolitische Aktivität zu erhalten. Hier ist das englisch-amerikanische Verhältnis von alles überragender Bedeutung. Die ersten Ansätze für den Ausgleich, die bereits auf die Regierung Baldwin zurückgingen, sind günstig und vielversprechend. Aber im weiteren Verlauf der Dinge werden die Admiralstäbe auch ein Wort mitzureden haben. Seit dem noch in frischer Erinnerung stehenden Genfer Fehlschlag des Jahres 1928 hat sich auf englischer Seite manches geändert, die Anhänger der Verständigung mit Amerika sind stärker, ihre Argumente überzeugender geworden. Flotteneinigung
Das Reichskabinett zum Aoung-plan. i JÄÄ.
, , , . _ r «.• Großbritanniens ist mit so großen Hoffnungen
Das pariser Sachverständigengutachten als Beryandlungsgrunolage für Die empfangen worden, daß die Enttäuschungen mcht Konferenz der Negierungen angenommen. V1“'
- , die schärfste Verurteilung der Politik der äln-
Reichsauhenrninisier Dr. Stresernann hatte tätigfeit Baldwins dar; ob es gleichzeitig eine am Freitagabend eine Besprechung mit den F ü h - Billigung der starken Aktivität 'm Sinne der tern bet Regierungsparteien, in bet neuen ■Regierung toat, wirb erst die Zukunft bie Züfpofitionen für bie am Samstag beginnest lXSt'rMniät?gOtei?Uäu ftätlster Mtiuftä ° eine Aussprache jum Stal bes Auswartl- ungewöhnliche Lage gefchaften mit allen Tot- gen Amts festgelegt wurden. Danach wird ^ilen auf feiten der neuen Regierung. Ihren Reichssinanzminister Dr. hilferding das Wort Gegnern sind vorläufig die Hände gebunden, nehmen zum Kriegslastenetat, hiernach ist beabsich- Macdonaldhat seine Regierung so zusammen- kigt zunächst die Vertreter der Opposition zu gestellt, dah personelle Einweichungen fast un- Lich»in?ster^' 5t"fem^^mi^ÄÄ gleichzeitig die notwendigen Ausführungen zu seinem Ä Ha7sogar
Etat machen. Ein näheres Eingehen aus gIei(^ beginn eine deutliche Konzession an die die Reparationssrage soll nach Möglichkeit bürgerliche Seite gemacht und sein Kabinett ganz v e r m i e d e n werden. Auch die Regierungsparteien, Gegensatz zu den Satzungen seiner eigenen die dann das Wort nehmen, wollen sich in dieser Partei, in voller Unabhängigkeit, ohne 'Trage Zurückhaltung auferlegen. Am Wontagabend Zustimmung und ohne Befragung des Vollzugs- foll die Aussprache zu Ende geführt werden. Die rates gebt (bet Der Sozialist Ramsah Mac- Regierungsparteien ^nen An- ^^her^des Persönlichkeitswertes und als Ver-
trag einbringen, wonach der Reichstag den Be- ^xxxtr des Parteidiktates. Seine Autorität ist schluh derReichsregierung zurkennt- vorläufig stark genug, um sich für eine Weile in nis nimmt. I dieser auch von der eigenen Partei stark unab-
---------- I hängigen Stellung erhalten zu können.
Aber was ihm persönlich möglich fein wird, ist nicht auch für die Regierung als ganzes der Fall. Sie verkörpert eine Gruppe solider und zuverlässiger Männer, gegen die im einzelnen nichts eingetoanbt wird und von denen mehrere überall sehr großes Ansehen genießen, aber keiner von ihnen hat in einem auch nur ähnlichen Ausmaß wie Macdonald die innere Unabhängigkeit von parteimäßigen Gebundenheiten. Die Regierung wird getragen von den Führerqualitäten Macdonalds, dessen Stellung in England lange nicht mehr die des Führers der sozialistischen Arbeiterpartei ist, sondern die eines Politikers von bedeutendem Format, der sich von jenen sozialistischen Schlacken befreit hat, die überall Anstoh erregen. Daraus erklärt sich die günstige Aufnahme der Regierung, die soviel persönliches Ansehen genießt, wie nur irgendeine bürgerliche Regierung. Vorläufig ist diese Regierung daher nicht sozialistisch, sondern ein starkes Kabinett der Linken, dem Konservative und Liberale abwartend gegenüberstehen. Obwohl im Parlament in einer Minderheit, ist das Kabinett ganz ungefährdet. Die Konservativen werden zunächst auch gar keine Gelegenheit zur aktivem Opposition finden. Sie find für eine Tleber- gangszeit nichts anderes als aufmerksame Wächter und stille Mahner, alle sozialistischen Experimente zu unterlassen. Geschieht das, dann werden sie so etwas ähnliches wie freundschaftliche Opposition treiben; ihre Haltung ist der Regierung sogar günstiger als die der Liberalen, deren Bitterkeit Lloyd George beredten Ausdruck gab. Aber auch sie vermögen zunächst nichts gegen die Regierung zu unternehmen, wenn sie nicht ihre eigene Vernichtung beschleunigen wollen.
Eine Gefahr für die nächste Zukunft droht der Regierung daher nicht von beiden Oppositionsparteien, sondern aus dem eigenen Lager heraus. Die Anhänger des Gedankens „Sozialismus in unserer Zeit" sind vorläufig machtlos; aber sie können sich immerhin darauf berufen, dah sie im Wahlkampf bedeutende Erfolge errangen (von 43 Bergarbeiterkandidaten sind 43 gewählt worden) und sie werden auf längere Sicht gar nicht dazu imstande sein, auf alle sozialisti- | schen Forderungen zu verzichten. Die Behandlung der Forderungen der Bergarbeiter wird bereits ein Prüfstein für die kommende innere Auseinandersetzung sein. Die Aktivität dieses linken Flügels wird zeitlich zusammenfallen mit dem Ende der gegenwärtigen Lethargie der bürgerlichen Opposition; denn der Kampf wird beginnen. Die Stellung der Regierung wird sich daher ohne ihr eigenes Zutun im Laufe der Zeit wesentlich ändern. Einer völlig ungefährdeten Uebergangszeit, die man wahrscheinlich mit mindestens sechs Monate ansetzen darf, wird
Erscheint täglich,außer Ä
(Mener Anzeiger
lohn, auch bei Richter- wW
scheinen einzelnerRummem •
General-Anzeiger für Oberhessen
richten: Anzeiger Gießen. v w 1
$ranihKtamCmoin<>ii6S6. Druck und Verlag: vrühl'fche llniverfitätr-vuch- und Stelndruckerei K Lange in «letzen. Schristlettung und Geschäftsstelle: Schulstratze 7.


