Nr. 247 Erstes Blatt
179. Jahrgang
Montag, 21. Oktober 1929
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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyiiot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.
WassMieResorminSesterreich?
Von Dr. Paul Rohrbach.
Am 17. Oktober begannen im österreichischen Nationalrat in Wien die Arbeiten zur Reform der Verfassung, der Abgeordnetenwahl und der Finanzordnung. Die erste Vorlage ist die wichtigste. Cs handelt sich bei ihr um ein ganzes Bündel von Einzelvorlagen: Geschworenengerichte, Pressegesetz, Ausnahmezustand, Stellung der Gemeinde Wien, Vergrößerung der Rechte des Bundespräsidenten. Sn engem Zusammenhang mit alledem steht ein beim Rationalrat bereits eingebrachtes Gesetz, um das der Kampf mindestens ebenso heftig gehen wird, wie um alle übrigen Punkte, denn hier handelt es sich um einen entscheidenden Angriff auf die jetzige Machtstellung der Sozialdemokratie in Oesterreich. Es ist das sog. Antiterror-Ge- s e tz. Das Wichtigste aus den übrigen Teilvorlagen ist, daß der Bundespräsident ein Rotverordnungsrecht erhalten soll, ferner das Recht, den Rationalrat aufzulösen und den Ausnahmezustand zu erklären; außerdem, daß Wien nicht mehr Bundesland sein soll, sondern unmittelbare Bundesstadt, in der die Polizei Bundessache bleibt und keine besonderen Gemeindewachen, wie sie zur Zeit bestehen, mehr aufgestellt werden dürfen.
Die Gesamtheit dieser Forderungen wird von der jetzigen Regierung Schober vertreten. Daß der frühere Bundeskanzler Streeruwih vor kurzem zurücktrat und Schober an seine Stelle kam, hatte seinen Grund weniger in Meinungsverschiedenheiten über die Reform, als darin, daß Streeruwih sich nicht zutraute, die plötzlich und drohend aufgetauchte F i n a n z k r i s e zu beschwören, die durch den Zusammenbruch der Wiener Bodenkreditbank bedingt war. Schober hat das durch verschiedene radikale Maßnahmen, nicht ohne Verluste öffentlicher Mittel, getan, Uebri- gens steht noch keineswegs fest, wie groß die direkten und indirekten Opfer von staatlicher Seite dabei noch sein werden.
Die Heimwehrbewegung ist nicht eigentlich Träger des Reformverlangens, denn ihre Forderungen gehen in mancher Beziehung noch weiter, aber sie ist ein Ausdruck dafür, daß die jetzigen Zustände, die eine Folge der Machtstellung des Austromarxismus sind, in den bürgerlichen Kreisen in Oesterreich als unerträglich empfunden werden. Die Heimwehr macht nicht die Reformen, aber sie steht hinter denen, die sie machen wollen.
Die austromarxistische Stellung hat drei starke Pfeiler: die Herrschaft in der Gemeinde Wien, die fast ein Drittel der Gesamteinwohnerschaft Oesterreichs umfaßt, das österreichische M i e t e n r e ch t und den tatsächlichen Terrorismus, der gegen diejenigen Arbeiter geübt wird, die sich dem Gewerkschafts- und Streikzwang nicht fügen wollen. Am merkwürdigsten steht es mit den Mieten. Dis vor kurzem waren sie überhaupt nur nominell, da sie auf einer Berechnung der alten Krone zur Zeit der vorgeschrittenen Snflation beruhten. Reuerdings ist soviel durchgesetzt worden, daß die Miete in Schillingen 20 Prozent des früheren Goldkronenbetrages auszumachen hat. Das sind 14 Prozent der Friedensmiete, gegenüber 120 Prozent, die zur Zeit in Deutschland gezahlt werden. Da die Sozialdemokratie unbedingte Gegnerin einer Heraufsetzung der Mieten ist, so ist es leicht zu erklären, daß ihr auch solche Mieterstimmen zufallen, die innerlich nichts mit dem Austromarxismus zu tun haben. Sm Gespräch mit Oesterreichern wird man sogar dahin belehrt, daß Großindustrielle sozialdemokratisch stimmen, weil die niedrige Miete eine Niedrighaltung der Löhne erlaubt. Smmer- hin werden das Ausnahmen sein.
Sn Wien wird die sozialdemokratische Mehrheit nicht zu erschüttern sein. Wenn aber Wien aus einem Bundeslande unmittelbare Bundesstadt wird, so verschwindet der Posten des Landeshauptmanns, der bisher für die Sozialdemokraten ebenso sicher war, wie der des Bürgermeisters, und der Snftan-.entDeg geht vom Bürgermeister direkt zum Bundesministerium. Außerdem soll, wie gesagt, die sozialdemokratische polizeiliche Rebenorganisation der Gemeinde- wachen ausgehoben werden. Wichtiger als diese Verfassungsfrage ist das Antiterror-Ge- s e h. Für die Annahme wird eine Mehrheit vorhanden sein. Durchzusühren ist es aber nut, wenn man entschlossen ist, im Konfliktsfall es auf den bewaffneten polizeilichen Schuh derjenigen Arbeiter ankommen zu lassen, die sich vom Partei- und Gewerkschaftsbe ehl unabhängig machen wollen. Die Vorgänge bei dem Straßen- ausstand in Wien im Suli 1927, als bewaffnete Haufen den Sustizpalast in Brand steckten, haben gezeigt, daß die österreichische Polizei durchzugreisen imstande ist. Schöbe r, damals Polizeipräsident von Wien, hat die unaufrichtige und hetzerische Haltung der Wiener Stadtregierung nach der Revolte damit quittiert, daß er mit dem Bürgermeister Weih zwei Sahre lang kein Wort sprach. Seht hat er diesen Kriegszustand formell aufhören lassen. Seine Energie steht außer Frage. Es wird aber darauf ankommen, ob an andern Plätzen die Polizei ebenso zuverlässig und ebenso stark sein wird, falls ' Lage kritisch wird, tote damals in Wien. Mischt sich erst die H^mwehr in einen sozialen Konvikt, so ist der Bürgerkrieg da.
Das Antiterror-Geseh heißt offiziell Gesetz zum Schuh der Arbeitsfreiheit, und es wird durch ein Gesetz zur Sicherung der Versammlungsfreiheit ergänzt. Der Snnenmimfter Schumy hat am 13. Oktober in Klagenfurt eine
Für und wider das Volksbegehren.
Oer Reichskanzler über das Volksbegehren.
Nürnberg, 19. Okt. (WB.) Reichskanzler Müller sprach auf dem Gautag der Sozialdemokratie für Unterfranken über die politische Lage. Er behandelte u. a. auch das Volksbegehren, mit dem seine Urheber nur inne, -olitische Ziele verfolgten. Daß die außenpolitischen Forderungen undurchführbar seien, müßten die Macher wissen. Es sei bedauerlich, daß die Haltung der nationalistischen Opposition die deutsche Stellung gegen das Ausland schwäche, während eine vernünftige Opposition, wie die englischen Konservativen z.B. sie der Regierung Macdonald machten, dem englischen Interesse dienlich fei. Die Auseinandersetzungen über den Doungplan, die das Volksbegehren n so starkem Maße provoziert habe, würden draußen vielfach den falschen Eindruck erwecken, als ob in Deutschland weite Kreise den Aoungplan an sich befürworteten. Die Frage sei vielmehr, ob der $)oung= plan gegenüber dem Duwesplan das kleinere U e b e l fei. Der Aoungplan bedeute für Deutschland die schwerste B e l a st u n g. Die letzte Entscheidung über den Doungplan könne erst getroffen werden, wenn das Ergebnis der zur Zeit arbeitenden Kommissionen vorliege. Das besetzte Gebiet erkenne die frühere Räumung dankbar als Erfolg an. Die Räumung sei vielleicht die Voraussetzung einer dauerhaften europäischen Friedenspolitik. Wenn die Haager Schlußkonferenz nicht ein Abkommen bringe, würde nach dem Dawesplan weiter gezahlt werden müssen. Eine Daweskrise würde allenfalls einige Großkapitalisten gesund machen — daher der Name Gesundheitskrise — während Fertigindustrie, Landwirtschaft, Handel und Arbeiterschaft Leiden entqegengeführt würden, wie wir sie aus der Zeit der Ruhrbesetzung noch in Er- innerung haben. Die Reparationslast sei eine Folge des Kriegsoerlustes und nicht des Kriegsschuldparagraphen des Versailler Vertrages.
Die Gegner des Voungplanes ließen außer acht, daß neben der direkten finanziellen Schul- denerlcichterung auch der im Dawesplan vorgesehene Wohlstandsindex fallen würde. Eine Ueberfremdung der Sndustrie sei schon unter dem Dawesplan stark eingetreten. Richts spreche dafür, daß sie sich unter dem Voungplan verschärfen würde. Das Volksbegehren sei ein Hohn auf die Sdee der Volksgemeinschaft. Es führe nicht nur zur weiteren Zersetzung des Volles, sondern auch zur Zerreißung des Zusammenhanges der bürgerlichen Parteien. Es richte sich vor allem aber gegen die Arbeiter, Beamten und Angestellten, denen die sozialpolitischen Errungenschaften geraubt und die Löhne und Gehälter gekürzt werden sollen. Sn einer Zeit, in der Steuerreform und Der- waltungsreform durchgeführt werden sollen, was nur auf ganz breiter Dasis möglich fei, ist eine Propaganda, wie sie die Dolksbegehrler treiben, ein Verbrechen am Volk.
Keine Stellungnahme der evangelischen Kirche. Eine Erklärung des Öberkirchcnrals.
Berlin, 20. Okt. (Priv.-Tel.) Die „Voss. Ztg." hat sich unter Hinweis auf die Stellungnahme des katholischen Episkopats, die insbesondere in einer Cr- Üärung des Fürstbischofs von Breslau, Kardinal Bertram, zum Ausdruck kam, an den Evangelisch en Oberkirchenrat gewandt und ihn um Auf^ärung über seine S'.e.lung zum Volksbegehren gebeten. Der Präsident des Evangelischen Oberkirchenrates, D. Dr. Kapier, und
Rede gehalten, in der er sagte, die Heimwehren müßten sich in den Dienst der Reformarbeit stellen unter Verzicht auf toevergehende Bestrebungen, und auch die Sozialdemokrat.e müsse „eine starke Einsicht bewähren". Damit wiro es nicht sehr weit her sein; es wäre auch viel verlangt. Die Sozialdemokratie hat aber das Gefühl, daß sie durch den sinnlosen Straßenaufstand vor zwei Sahren und durch die skandalöse Vernichtung des Sustizpalastes moralisch an Boden verloren hat, und daß ihr infolge der Heimwehrbewegung nicht mehr ein schlaffes und entmutigtes, sondern ein zum Konflikt bereites Bürgertum ge- genübersteht. Diese Tatsache ist wichtiger, als es die Mehrheitsverhältnisse im gegenwärtigen Rationalrat sind.
Unter den neuen Vollmachten des Bundes- Präsidenten soll auch die sein, daß er die Sni= tiative zu einem Plebiszit oder Referendum (Volksentscheid) ergreifen darf. Zusammen mit dem Rotverordnungsrecht und mit dem Recht zur Auflösung des Rativnalrats würde das aus einer bisherigen Schattenfigur einen starken Politischen Faktor machen. Es will viel sagen, daß in Oesterreich, auf dessen innere Energien man bisher nicht viel gegeben hat, doch ein solches Reformprogramm entworfen wurde, und daß der Mann daneben steht, dem man zutrauen kann, daß er es durchsetzt.
Oie Wiener presse zur Verfaffungsnovelle.
Wien, 20. Okt. (WTB.) AUe bürgerlichen Zeitungen stimmen der Dersassungsresorm im großen und ganzen zu, wenn sie auch einzelne
der geistliche Vizepräsident des Oberkirchenrates. D. Durghart, haben einen Mitarbeiter des Dlattes empfangen und ihm mitgeteilt, daß der Evangelische Oberkirchenrat sich mit der Frage einer Stellungnahme der Kirche zum Volksbegehren eingehend beschäftigt habe.
Der Gesetzentwurf, für dessen Beurteilung nicht die Deutungen maßgebend sein könnten, die er auf der einen oder anderen Seite gesunden habe, sondern lediglich sein Wortlaut, sei nach den Grundsätzen zu prüfen gewesen, die für die ganze Arbeit der evangelischen Kirche maßgebend seien. Der Ober- kirchenrat sehe die Frage des Volksbegehrens als eine Frage an, deren Bejahung oder Verneinung sich nach der Ueberzeugung richte, wie jeder Bürger glaube, seinem Vater lande am besten dienen zu können. Das Volksbegehren sei daher eine politische Frage, deren Entscheidung die evangelische Kirche pflichtgemäß dem einzelnen überlasse. Sie könne nur alle Uebertreibungen und
Mahlosigl.eiten bedauern, die sich im Kampf um das Volksbegehren geltend machen, und den dringenden Wunsch hegen, daß Wahrheit, Gerechtigleit und gegenseitiges Verstehen bei diesen Auseinandersetzungen zu ihrem Recht kämen.
Eine Rede Hugenbergs.
Der Reichspräsident und § 4 des Volksbegehrens.
Karlsruhe, 20. Okt. (Tel.-Un.) Der deutschnolionale Parteivorsihende Dr. Hugen- berg, führte hier in einer Kundgebung für das Volksbegehren u. a. folgendes aus: Der Kampf gegen den früher auch von führenden Regierungsmitgliedern als unannehmbar bezeichneten Voungplans ist ein Rotwehrrecht des deutschen Volkes. Wer die Mitverantwortung für das den ungeborenen Geschlechtern mit dem TZoungplan zugedachte Schicksal nicht über
Pos« Kamps gegen die deutsche Minderheit
Neue Haussuchungen, Beschlagnahmen und Verhaftungen.
Warschau, 20. Oft. (1DB.) wie dem Expreß Poranny aus Bromberg gemeldet wird, sind die Haussuchungen bei Führern der deutschen Winder- hcit fortgesetzt worden. So wurde gestern in Dirschau eine Revision in dem Lokal des dort erscheinenden „Pommereller Tagbtatts" und in der Wohnung des Chefredakteurs War- t i n i, wie auch in der Wohnung des dort lebenden Kaufmanns 6 i f e n a 31 vorgenommen. Auch das in Dirfchau befindliche Bureau des Deutschtum-Führers, Senator Hatzbach, wurde durchsucht. 3n Pofen wurde, dem Expretz Poranny zufolge, im Bureau des Senators Hatzbach eine genaue Revision vorgenommen. Zahlreiche Dokumente, u. a. die Tätigkeit des Deutschen Landbunds betreffend, wurden
beschlagnahmt. Gestern morgen erschienen in Bromberg in der Wohnung des Beamten der deutschen Sejmfraftion, Günther v. Rühen, polnische Polizeibeamte. Sie durchsuchten die Wohnung mehrere Stunden lang und nahmen dann Rühen, der Danziger Staatsbürger ist, auf das Untersuchungsgericht mit, wo er den ganzen Tag über verhört wurde. Der verhaftete Leiter des Bromberger deutschen Sejm-Bureaus, Schulrat heidelck, wurde aus dem polnischen Arrest in das Untersuchungsgefängnis gc- schafft, wo sich übrigens schon seit einigen Tagen Dr. Burtjarbt, der Führer des deutschen Psadsinderwesens in Polen, und Wilke, der Führer der Bromberger deutschen Pfadfinder, befindet.
Neuer Kampf um Hankau.
Japanische Blätter berichten von einem großen Sieg General Fengs über die Nankingtruppen.
Tokio, 20. Okt. (TU.) Die japanische Telegraphenagentur Simbun Rengo teilt mit, daß die Kämpfe zwischen den Truppen Dschiangkaischeks und der Armee Fengs in der Nähe von hankau noch nicht beendet sind. Samstag haben die chinesischen Regiemngstruppen eine starke Offensive gegen die Fengtrnppen eröffnet, die aber nicht gelang. Die Armee Feng hat die Regie- rungstrnppen vollkommen zurückgeschlagen, wobei sie grotze Verluste erlitten. Der Oberbefehlshaber der chinesischen Regiemngstruppen, General W a s u n , der den Kampf gegen General Feng leitete, wurde dabei getötet. Die Fliegergeschwader des Generals Feng haben hankau bombardiert. Wie die japanischen amtlichen Kreise mitlcilen, besteht hier die Ansicht, datz es General Feng gelingen wird, hankau zu besehen. Das japanische Kriegsministerium läßt die japanische Presse unterrichten, datz die Truppen des Generals Feng sehr gut ausgerüstet seien und eine
starke Propaganda in den chinesischen Regierungstruppen gegen die Diktatur des Warschalls Dschiangkaischeks trieben. Der Oberbefehlshaber der chinesischen Rordarmee, General I e n s i s ch a n, hat in der chinesischen Zeitung „Peipin Sanbaö“ eine Erklärung abgegeben über seine Stellung zu dem russisch-chinesischen Streitfall. Er erklärte, datz er mit der Politik des Warschalls Dschiangkaischeks gegenüber Woskau unzufrieden fei. Entweder müsse Dschiangkaischek einen scharfen Angriff gegen die Russen unternehmen, um die Kriegsgefahr im Fernen Osten zu beseitigen, oder Nanking müsse Frieden mitWoskau schlichen. Pensischan erklärte, datz der russisch-chinesische Streitfall, der sich mehr als vier Wonale in die Länge gezogen habe, in der chinesischen Wirtschaft großen Schaden angerichtet habe. Er sei für die Aufhebung der mfsischen Rechte an der chinesischen Ostbahn.
Aenderungen für wünschenswert halten. Die christlich-soziale „Reichsp 0 st" schreibt: Die Vorlagen sind Vielleicht im einzelnen verbesse- rungsfähig und bedürfen gewissenhafter und ruhiger parlamentarischer Arbeit. Möge auch die Opposition nunmehr ihren Willen zur Mi ariei ertoe.fen und ernennen, daß der Wun ch
nach einer Gesundung unserer versafsungsmäßi- gen Zustände bis in die proletarischen Schichten hineinreicht und daß die Mandatsziffer der Opposition in dieser Frage längst nicht mehr Ausdruck des Tolkswillens ist. — Die groß- deutschen „Wiener Reuesten Rachrich- t e n“ meinen, daß ein abschließendes Urteil noch
nicht ausgesprochen werden könne. Das Reformwerk müßte sich durchsetzen, auch wenn
es in weniger wesentlichen Einzelheiten
auf dem Wege parlamentarischer Bera
tungen geändert werden könnte. — Sm „Extrablatt" erklärt das Mitglied des Landbundes Professor Schönbauer: Sollte die Opposition die Rotwendigkeiten der Stunde nicht erkennen, dann ist eine Entscheidung möglich,
welche die besonnenen Vertreter der parlamentarischen Mehrheit sicherlich nicht wünschen. — Die „Arbeiterzeitung" wendet sich mit aller Schärfe gegen die Verfafsungsvorlage, die eine geradezu lückenlose Ansammlung reaktionärer Anschläge gegen Recht und Freiheit des Volkes darstelle und über welche nicht ernsthaft verhandelt werden könne. Wenn die Urheber des Derfasfungsprojektes solche Ungeheuerlichkeiten wollten, dann müssen sie Reuwahlen ausschreiben und versuchen, ob sie die Zweidrittelmehrheit für ihren Plan gewinnen. — Von den liberalen Zeitungen schreibt die „Reue Freie Presse",
nur die größte Sachlichkeit werde imstande sein, das große Reformwerk zu bewältigen. — Das „Reue Wiener Tagblatt" ist der Ansicht, daß der Entwurf der Regierung eine gemäßigte Mi t t e einhalte, Ruhe für die Wirtschaft schaffe und auch Lebensinteressen der Arbeiterschaft gerecht werde.
Sozialdemokratie und Verfassungsreform.
Wien, 19. Okt. (WB.) Sn einer Versammlung der Wiener sozialdemokratischen Vertrauensmänner erklärte Abgeordneter Danneberg, die Verfafsungsvorlage bedeute eine wesentliche Schwächung und Entrechtung der Arbeiterklasse. Das zeige sich namentlich in den Bestimmungen über die Länder und Gemeinden, insbesondere bezüglich Wiens. Daß die Sozialdemokraten freiwillig für die Vorlage stimmen werden, können wohl auch die Gegner nicht annehmen. Ebenso erklärte in der heute eröffneten Reichskonferenz des Republikanischen Schutzbundes Dr. Otto Dauer, die Verfafsungsvorlage sei eine Kriegserklärung an das Proletariat und werde auf gesetzlichem Wege d i e faszistische Diktatur ermöglichen. Der Schutzbund werde wie bisher besonnen und diszipliniert den Kampf der Arbeiterschaft mit geistigen Mitteln auf dem Boden der Demokratie unterstützen, solange die Gegner ihm diesen Boden lassen. Wenn man aber diesen Boden zerstöre, werde der Bund die Republik, die Verfassung und die Arbeiterklasse mit allen Mitteln zu schützen wissen.


