Ausgabe 
20.9.1929
 
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Auch bei seiner Vernehmung durch den Untersu­chungsrichter Landgerichtsdirektor Dr Masur habe er jede Beteiligung an den Attentaten in Abrede gestellt.

Die Fronten im Abrüstungsausschuß.

Frankreich, Italien und Japan gegen England und Deutschland.

Genf, 19.Sept. (WB.) Im Abrüstungsausschuß der Völkerbundsoersammlung begründete Lord Ro­bert Cecil den englischen Entschließungsantrag, durch den der Vorbereitungsausschuß für die Ab­rüstungskonferenz aufgefordert werden soll, bei der Vervollständigung des vorliegenden Entwurfes für die Abrüstungskonvention vier Grundsätze zu berück­sichtigen, die die strittigen Hauptpunkte des Ab­rüstungsproblems betreffen. Lord Cecil stellte fest, daß seit 1927 in der Abrüstungsfrage kein Fort­schritt erzielt worden sei, ja man könne sogar von einem Rückschritt sprechen. Ohne die Herab­setzung des Kriegsmaterials der Land- slreitkräfte sei kein Fortschritt zu erzielen. Auch hin­sichtlich der B e s ch r ä n k u n g der Effektiv­stärken sei kein befriedigender Fortschritt erreicht. Hinsichtlich der Materialbeschränkung sei weder die Forderung der listenmäßigen Beschränkung noch die der budgetmäßigen Beschränkung beibehalten wor­den. Es sei fraglich, ob die Bestimmung über die Veröffentlichung der Budgets allein genüge, die Be­schränkung des Materials zu gewährleisten. Die Ab­rüstungskonvention werde auch unvollständig blei­ben, wenn sie den K o n t r o l l g e d a n'k e n nicht berücksichtige.

Der französische Delegierte M a s s i g l i erklärte in trockenen und eindeutigen Worten, seine Regie­rung sehe nicht ein, warum die Beschlüsse der Vor­bereitenden Abrüstungskommission noch einmal re­vidiert werden sollten. Es sei nicht angängig, wenn ein Land die Regierung wechsele, die Arbeiten v o n-v o r n zu beginnen.

Graf Bernstorff erinnerte daran, daß er schon im Vorbereitenden Abrüstungsausschuß erklärt habe, die deutsche Regierung müsse die Verantwor­tung für die Beschlüsse, die die Vorbereitende Ab­rüstungskommission gefaßt habe, a b l ech n e n. Wenn es so weitergehe wie bisher, dann seien diese Be­schlüsse nichts anderes als ein Vertrag auf zehn Jahre zur gegenseitigen Unter­stützung gegen die Abrüstung. Die deut­sche Delegation sei bereit, dem Vorschlag Cecils z u z u st i m m e n. Es sei zu hoffen, daß die Ver­handlungen in der Kommission zu einem einstim­migen Beschluß führten. Werde dieser nicht erzielt, so wisse er allerdings nicht, wie das Problem der Abrüstung weitergebracht werden könne.

Der italienische Delegierte de M a r i n i s und der japanische Vertreter Sato schlossen sich ohne Einschränkung dem französischen Stand­punkt an.

Oas Saarproblem.

Berlin, 19. Sept. (Priv.-Tel.) Die demnächst mit Frankreich beginnenden Verhandlungen über die Rückgliederung des Saargebie- t e s werden nicht nur von dem außenpolitischen Verhältnis zu Frankreich bestimmt, sondern sind in hohem Maße auch eine äußerst komplizierte Frage wirtschaftspolitischer Ratur. Die Einbeziehung der Saarwirtschaft in das deutsche Wirtschaftsgebiet wird vor allem für die S a a r k o h l e gegenüber dem jetzigen Zustand eine sehr stark fühlbare Mehrbelastung be­deuten. Wie wir von unterrichteter Seite hören, berechnet man, daß die deutschen Sozial­lasten und Steuersätze zu einer Ver­teuerung der Saarkohle führen werden, die pro Tonne eine Steigerung des Preises um den recht beachtlichen Betrag von 2 Mark ausmacht. 3n engem Zusammenhang damit steht die schon vor dem Kriege akut gewesene Frage des Zu­sammengehens der Saarkohle mit der Rühr­te och I e. Hier eine Lösung zu finden, stellt eine schwierige Aufgabe dar, die wohl noch längere Zeit in Anspruch nehmen wird.

Verdun"-em Kriegsfilm.

Lichtspielhaus Bahnhofstraße.

Dies ist der große französische Kriegsfilm, ausgenommen in den Jahren 1927 und 1928 unter der Regie von Leon Poirier auf dem furchtbarsten Schauplatz der Westfront; die Er­eignisse konzentrieren sich auf die unvergeßlichen Kämpfe um den Besitz der Festung Verdun, die auf beiden Seiten mit unerhörter Hartnäckigkeit geführt wurden und auf beiden Seiten Hundert­tausende von Menschenleben gekostet haben.

Die Eindrücke, die dieses Filmwerk hinter­läßt, sind start und ganz ungetrübt von irgend­welchen falschen oder unsachlichen Empfindungen. Obwohl es von Franzosen geschaffen wurde und in erster Linie als ein französisches Dokument vom großen Kriege gedacht war ist es, wie jeder­mann zugebrn muß, von einer unantastbaren Objektivität, ohne die leiseste chauvinistische Fär­bung und Fälschung. Dies vor allem begründet seine tiefe menschliche Wirkung. Die Bilder, welche das Heldentum, das Schicksal und das beispiellose Leiden zweier großen Völker um­schließen, müssen überall verstanden und ge­würdigt werden.

Erstaunlich ist allenthalben die Realität der Darstellung, die oft beklemmende und aufwüh­lende Wirllichkeilsnähe und Wirklichkeitstreue dieses Films, vor dem man ganz vergißt, daß das alles hinterher geschaffen wurde, als die endlose Schlacht längst geschlagen und die un­zähligen Gefallenen längstbegraben" waren, dieEchtheit" oder Richtigkeit der Bilder wird jeder bestätigen, der draußen gewesen ist. Filme wie dieser hier vermögen neben einigen we­nigen Büchern vom Kriege jenen andern, die es nicht selber am eigenen Leibe erfahren haben, am ehesten eine ganz kleine, annäherungsweise Vorstellung davon zu vermitteln, wie das da­mals gewesen ist.

Lind wem etwa beim Hinausgehen der Kopf dumpf war und die Ohren gedröhnt haben vom anhaltenden Paukenwirbel im Orchester, der möge bedenken, daß dies eben nur Paukenschläge waren, harmlos-spielerische Lautmalerei, und daß das Ganze kaum zwei Stunden gedauert hat während damals oft tage- und nächtelang der Orkan des Trommelfeuers tobte, den keine Schilderung, kein Film und kein Buch, beschrei­ben kann.

Der Film erfaßt sowohl die großen, strate- gischen Zusammenhänge seines Themas, wie auch und vor allem die kleinen und kleinsten taktischen Teilhandlungen und Episoden. Don hervorragen­

Die Revision ungleicher Verträge.

Chinas Vorstoß im Völkerbund. Oer Artikel 19 der Völkerbundssahung.

Genf, 19. Sept. (WTB.) 3m Rechts- und Bersassungsausschuß der Völkerbundsversamm­lung wurde der chinesische Antrag auf Ein­setzung eines S tu d i enkomi tees für Artikel 19 des Völkerbundpaktes be­handelt, der die Rachprüfung unan­wendbar gewordener Verträge und solcher internationaler Verhältnisse vorsieht, de­ren Aufrechterhaltung den Weltfrieden gefährden könnten. Der Führer der chinesischen Delegation, Chao Chu Wu, begründete diesen Antrag, in­dem er hervorhob, daß in der Vergangenheit die unter Artikel 19 fallenden Verträge f a st nur durch die Führung eines Krieges abgeändert werden konnten, während jetzt die Möglichkeit für die friedliche Rektifika­tion solcher Verträge gegeben sei. China sei be­sonders interessiert an diesem Artikel wegen der ungleichen Verträge". 3n der allgemeinen Aus- svrache erklärte der frühere Reichsjustizminister Koch-Weser, die deutsche Delegation habe mit Genugtuung von dem chinesischen Antrag Kenntnis genommen. Tatsächlich erscheine es sehr zweckmäßig, den Artikel 19 einer gründlichen Prüfung durch ein besonderes Ko­mitee zu unterziehen. Die Bedeutung des Ar­tikels 19 sei um so größer geworden, als auf dem Gebiete des Verbotes des Krieges sehr erhebliche Fortschritte in den letzten Jahren vor allem auch durch den Abschluß des Kellogg- Paktes erzielt worden seien. Aber es genüge nicht, den Krieg zu verbieten, sondern man müsse auch die Kriegsursachen besei­tigen. Dazu sei es notwendig, von einem rein konservativen Pazifismus zu einem evolutionären Pazifismus überzugehen.

3m weiteren Verlauf der Aussprache, in der sich auch 3ndien für den chinesischen Antrag erklärte, führte der belgische 3ustitiar R o l i n aus, er habe volle Sympathie für den chinesischen Vorschlag; der Ausnahme­

charakter von Artikel 19 müsse aber gewahrt bleiben. Auch bestehe keine dringendeRot- Wendigkeit, ein Studienkomitee einzusetzen. Um aber das Vorhandensein des Artikels 19 allgemein ins Gedächtnis zurückzurufen und die Möglichkeit seiner Anwendung zu unterstreichen, schlage er eine Abänderung des chinesischen An­trages in dem Sinne vor, daß sich die Dölker- bundsversammlung dahin ausspreche, daß jedes -4i ndesmitglied das Recht hat, die Auf­merksamkeit der Völkerbundsversammlung auf solche Verträge zu lenken, die seiner Meinung nach unanwendbar geworden sind oder den Frie­den gefährden können. Der englische Professor Daker erklärte, die englische Delegation hätte nichts gegen die Einsetzung eines Studienkomitees einzuwenden, würde aber auch dem belgischen Vorschlag zustimmen, der ihm im Gegensatz zum theoretischen 3nteresse des Studienkomitees zweck­dienlicher erscheine. Der ungarische Delegierte T a n c z o s beglückwünschte die chinesische Dele­gation äußerst lebhaft zu ihrer 3nitiative und bemerkte: Richts sei beständig auf dieser Welt. Die Lage in einigen Teilen Europas sei un­haltbar geworden. Sie sei heute ungerecht und sei niemals gerecht gewesen. Ungarn sei in den Völkerbund hauptsächlich wegen des Artikels 19 eingetreten, da nur dieser Ar­tikel die Garantie gebe, auf friedlichem Wege unerträglich und unanwendbar gewordene internationale Verträge zu revidieren. Allgemeines 3nteresfe erregte die Erklärung des Vertreters von Abessinien, daß auch Abessi­nien ungerechte Verträge auferlegt worden seien, deren weiteres Bestehen die Existenz Abessiniens gefährden. Um den Frieden aufrechtzuerhalten, müsse der Artikel 19 wirksam gemacht werden. Der Ausschuß beschloß, den chinesischen Vorschlag mit einigen Abänderungsvorschlägen einem Sonderausschuß zur Prüfung und zur Zusammenfassung zu überweisen.

Oer Kampf um die Verfaffungsreform in Oesterreich. Der Warnruf der Heimwehren.

Wer sorgfältig die zahlreichen Wiener Alarm­meldungen registriert und sich noch dieletzte Warnung" der Heimwehren zu Gemüte führt, muß in der Tat den Eindruck gewinnen, als ob Oesterreich am Vorabend gewaltsamer Um­wälzungen steht. Ganz so schlimm liegen die Dinge allerdings nicht, obwohl eine scharfe innerpolitische Spannung unverkennbar ist, die schließlich doch noch der Ausgangspunkt unerfreulicher Vorgänge werden kann. Das weiß auch die Bundesregierung, die sich zur Zeit eifrig bemüht, die im Lande herrschende Erregung zu dämpfen und die Forderungen der Heimwehren, die eine gründliche Verfassungsreform verlangt haben, zu erfüllen. Sie kann natürlich nicht von heute auf morgen dem Parlament einen Gesetzentwurf über die Verfassungsände­rung vorlegen, weil schließlich auch noch die Sozialdemokraten ein Wort mitzureden haben. Von irgendwelchen Kompromihverhand- lungen wollen aber die Heimwehren nichts wis­sen, sie fühlen sich stark genug, um sich auch gegen sozialdemokratische Widerstände durchsetzen zu können. 3n der Tat haben die Heimwehren in den letzten Wochen auch einen ungeheuren Zuzug, nicht zuletzt aus dem sozialistischen Lager erhalten. Welchen Eindruck dieser Machtzuwachs auf die österreichische Sozialdemokratie gemacht hat, geht wohl am besten daraus hervor, daß sie eine recht vorsichtige Zurückhaltung übt

und eher zu Zugeständnissen bereit zu sein scheint. Die nächste Zukunft wird zu zeigen haben, ob es zu einer bedenklichen Zuspitzung kommt oder ob die Regierung Herr der Soge bleibt. Wir können nur hoffen und wünschen,' daß sich die Derfassungsreform in verfassungsmäßi­gen Dahnen vollzieht und daß beide Par­teien, also die sozialdemokratische Schutzwehrund die rechtsgerichteten Heimwehren auf eine ge­waltsame Austragung ihrer Meinungsverschie­denheiten verzichten.

Was tut die Regierung?

Erklärungen des Vizekanzlers Schumy.

Wien, 19. Sept. (TU.) Der Vizekanzler Schumy in seiner Eigenschaft als Innenminister hat heute an ungewöhnlicher Stelle, nämlich i m Rechnungshof des Rationalrates, eine Antwort auf den Warnungsartikel der Heimwehren abgegeben. Schon die Tatsache, daß mit solcher Eile in dem einzigen zur Zeit tagenden Parlamentarischen Ausschuß diese öffent­liche Stellungnahme erfolgt, zeigt, daß es sich um eine wichtige Wendung in der öster­reichischen Innenpolitik handelt. Vizekanzler Schumy war von sozialdemokratischer Seite über die Heimwehrkundgebung interpelliert worden, und zwar vom Äbgeordneten Dr. Deutsch, dem Führer des Republikanischen Schutzbundes.

der Eindringlichkeit erscheinen insbesondere die wechselnden, umspringenden, vor und zurück drän­genden (aber synoptisch, d. h. gewissermaßen von hüben und drüben gleichzeitig gesehenen) Kämpfe um die beiden wichtigsten Forts, Douaumont und Vaux. Artillerievorbereitung, Sturm, Delage- rung, mißglückter Ausfall, Gefangennahme, Ge­genstoß, Patrouillen und die endliche Rückerobe­rung durch die Franzosen .

3m Wirbel der Ereignisse tritt glücklicher­weise die einzelne schauspielerische Leistung ganz zurück. (Mit Drausewetter hat man, nebenbei bemerkt, keinen glücklichen Griff ge­tan: er ist nicht der Typ des deutschen Feld­soldaten, der hier gemeint war.) Cs kam ja über­haupt nicht auf die Entfaltung von Stars und den wirksamen Einsatz von Heldendarstellern an, sondern nur darauf, den grauen und den grau­blauen Soldaten zu zeigen, einzeln, in Gruppen, in Massen, hüben und drüben, unkenntlich fast vor Schmutz, verwahrlost, verwundet, zerfetzt, übermenschlich kämpfend und leidend.

So ist dieser Film ein Denkmal für den un­bekannten Soldaten des Weltkrieges, für die Hunderttausende zumal, die um Verdun gefochten haben, die um Verdun gefallen und verschollen sind. r

Die Lokomotive träumt...

Von Friedrich Schnack.

Die Lokomotive steht auf einer kleinen Eisen­bahnstation. Die Station der schwarzen, öl- schwihenden Maschine ist unscheinbar, von Reisen­den in Tuchen, Fetten und Zigarren kaum be­achtet, und ganz unwichtig für den großen Welt­verkehr, der die Kontinente durchschneidet. Die Sonne brennt stark, die Eisenbahnschinen flam­men im Rachmittagsschein. Die kleine Loko­motive hat nichts zu tun und wartet vor dem verräucherten Maschinenschuppen.

3n den tiefen Gründen schlafen die Dörfer, und die Dauern, die nicht an Reise denken, arbeiten in den Feldern.

Der Lokomotivführer sitzt zu Haus im Kreis seiner Familie an seinem Tisch. Es ist Vesper­zeit. Solang der Lokomotivführer ißt und trinkt, hat die MaschineSchnauferl" nennt sie der Volksmund sanftes Feuer auf ihrem Rost. Sie glost in der prallen Sonnenhitze vor dem ge­schwärzten Schuppen und läßt den Dampf mit schwach siedendem, gackerndem Geräusch durch das Pfeifenventil entweichen. Sie bringt einen melancholischen Ton hervor, wie eine Schar ge­langweilter, in der Sonne dösender Hennen.

Och gehe vorüber und betrachte ble glühende,

mittagschläferige Lokomotive, die nicht in den dämmerigen Schuppen hineingelassen wurde. Der Lokomotivführer hatte es wohl sehr eilig.

Der lange runde Kesselbauch der Lokomotive glänzt. Er trägt an seiner Seite die Zahl 1024, die Erkennungsmarke der Maschine in dem Un­geheuern Maschinenpark der Eisenbahndirektion. Oben, vorn auf dem Röhrenleib, ragt ein bizarr hoher, biedermeierhafter Schlot in die Luft, der wie ein schwarzer Einfülltrichter aussieht. 3n- mitten des komisch langen Kesselrückens befindet sich eine dicke Eisenbeule, eine Art Höcker, als wäre die Maschine ein eisernes Dromedar auf der langen Karawanenstraße der Eisenbahn­schienen. Leicht und dreist, pfiffig und frech tanzt auf dem Führerdach die Pfeife, aus der jetzt der Wasserdampf gackernd entweicht.

So steht die etwas altväterliche Lokomotive da. Und es ist offensichtlich, daß sie träumt.

3hre Räder halten mitten in einem 3dhll, das keine Eisenbahndirektion stört. Rechts und links vom Gleise wächst karges und geduldiges Eisenbahngras, auf dem der schwärzliche Tau des Maschinenöls funkelt. Abgeblühter Klatschmohn reift besonnen, bescheidene Kamillenbüschel blühen und' duften nach Apothekerkasten, und winziges billiges Pfennigkraut überwuchert die bräunlichen Holzschwellen.

Lieber dieser kleinen Pflanzenwelt, die mit zäher Geduld ihr Leben behauptet, träumt die Lokomotive wie ein erratischer Fremdling mit heißer Degierde. Durch ihre Dampfspannungen wanken sehnsuchtsglühende Visionen, die schwer­mütig übersieden. Durch die dreiste, pfiffige Pfeife flöten sie mißgestaltet und mißgelaunt in die blaue Sommerhitze. Am Maschinenwerk zit­tert die Manometersäule. Unten im Rost poltert plötzlich eine feuerflammende Schlacke erschrocken.

Die Lokomotive träumt. Das Oel brennt in ihren Eisengelenken. Es ist nicht gut, träumt die Maschine, ich sollte mehr Bewegung haben. Hier in dieser Enge ersticke ich. ...

3hre blinkenden Laternengläser, in die ein Sonnenstrahl sticht, starren geradeaus. Das Eisen- geleise schießt am roten Bahnhof vorüber, dessen Uhr stehengeblieben ist; das Schienenpaar macht einen Bogen und überschneidet den Damm, sticht ins Wiesengrün und ist tocg.

Wenn ich sb könnte, wie ich wollte! sirrt die brütende Urgewalt des Dampfes. Die Maschine röchelt uni> hört den Dampf brodeln.

Es gibt Länder, summt die Lokomotive, die ich nie durcheilen werde. Blaue Wasserfluten rollen bis an die Eisenbahndämme, und die Züge brau­sen mit wilden Freudenpfiffen auf ihnen dahin. Der kleine Heizer erzählte dies jüngst seinem

Vizekanzler Schumy betonte, die scharfe Spräche, die die Heimwehren führten, beunruhige ihn nicht, zumal im demokratischen Staat jeder das Recht zur Kritik habe. Die Aufforderung an die Regierung, zurückzutreten, wenn sie sich für die Lösung gewisser Probleme zu schwach fühle, sei für die Regierung nicht bestimmend, denn sie stehe auf dem Standpunkt des Parla­mentarismus und fühle sich nur den politischen Parteien und den Wählern gegenüber verant­wortlich. Die Heimatbewegung sei eine so große Bewegung geworden, daß man über sie nicht glatt hinweggehen könne. Er beabsichtige nicht, die Landeshauptleute in der Frage des Verbotes oder der Genehmigung von Aufmärschen zu be­einflussen. Da die Heimwehren am 29. Sep­tember an vier Orten Rieder Österreichs große Aufmärsche angekündigt haben, so bedeutet die Erklärung Schumys, daß diese vier großen De­monstrationen- stattfinden werden.

Der dritte Punkt seiner Erklärungen galt der Frage der Derfassungsänderüng und gipfelte in der Forderung nach einer durch­greifenden Reform der Verfassung, ohne Preisgabe der demokratischen Grundlage. 3ch bin durchaus überzeugt, daß die gegenwärtige Verfassung in mehrfacher Beziehung einer Verbesserung bedarf. Es ist not­wendig, daß auf parlamentarischem Wege diese Arbeit schnellstens zur Beschlußfassung führt. Die Vorbereitung im Schoß eines Ministerkollegiums ist bereits so weit vorgeschritten, daß Aussicht besteht, das Parlament schon in allernächster Zeit damit beschäftigen zu können. Sollte diese notwendige Beschleunigung nicht gewünscht wer­den oder sollte man der Meinung sein, der Zweck sei auch mit formalen Aenderungen schon erfüllt, dann wünsche ich keinen im Zweifel dar­über zu lassen, daß sich die Dinge sehr zuspitzen könnten.

An die Erklärungen des Vizekanzlers schloß sich eine längere Aussprache, in der der christlich-natio­nale Abgeordnete Dr. I e r z a b e l und der groß­deutsche Abgeordnete Dr. Waber nachdrücklich be­tonten, daß die Heimwehrbewegung die natür­liche Reaktion auf die Ueberspitzung des sozialdemokratischen Machtgedan­kens und Machtwillens darstelle und zu einem Ausgleich der im Staate lebendigen Kräfte füh­ren werde. An den politischen Parteien aber liege cs, der programmlosen nur auf eine Aenderung der Zustände gerichteten Bewegung ein Programm zu geben und es zu vertreten. Das Parlament werde auf diese Weise einen Ausgleich der Kräfte herbeiführen, ohne daß es zu einer Vergewaltigung irgendeiner Klasse oder gar zum Bürgerkrieg komme. Zur Beunruhigung sei daher nicht die gerinaste Veranlassung gegeben. Der sozialdemokratische Abgeordnete Dr. Eisler erklärte, die Lösung von entscheidenden und lebenswichtigen Fragen sei nur im Wege der Verständigung und sachlicher Ver­handlungen möglich, nicht aber durch Gewalt. Die Sozialdemokraten wünschten eine Verständigung und Rückkehr zu normalen Verhältnissen. Sie wünschten, daß die öffentliche Ordnung ihre Garantie finde in dem Funktionieren einer im Parlament wur­zelnden ordenlichen öffentlichen Gewalt.

PreffefHmmen.

Wien, 19. Sept. (WB.) Die21 r b e i t e r 3 e i - 111 n g" bezeichnet die unter dem TitelDie letzte Warnung" verbreitete Erklärung von Heimwehrseite va(s ein Ultimatum der Heimwehren. Das Blatt fordert die Parteimitglieder zur Bereitschaft auf und faat: Wenn ein rechtswidriger Angriff auf die Ver­fassung gemacht wird, dann werden wir die Verfas­sung verteidigen, dann werden wir kämpfen. Aus Oesterreich wird kein Italien und kein Ungarn wer­den. Besser ein paar Taae des Kampfes als Jahr­zehnte der Knechtschaft. Aber keine Einzelaktionen, keine voreiligen Schritte, dafür Bereitschaft, Wach­samkeit, Entschlossenheit. Es lebe die Verfassung der Republik. Wehe jedem, der sie anzugreifen wagt!

Die katholischeR e i ch s p 0 ft" bezeichnet die Heimwehrbewegung als Gegendruck gegen den jahrelangen Druck der Sozial­demokratie in Oesterreich und erklärt, daß die

Mädchen, als es ihm eine Blume heraufreichte und ihm gute Reise wünschte. 3ch hörte da vielerlei, denn der Lokomotivführer hatte sich et­was verspätet.

Cs soll auch Länder geben, träumte das dunkle Maschinenwesen, in denen ganz andere Bäume wachsen als bei uns. Ach, ich sehe nur immer Tannen und Fichten, langweilige Eichen und öde Buchen! 3mmer eile ich an den gleichen Dör­fern vorüber, immer sehe ich dieselben Felder und Erdhügel.

Brause ich einmal über die kühnen Brücken donnernder Wasserfälle, von denen der kleine Heizer erzählte? 3age ich auch nur einmal an einem lieblichen See entlang? 3ch kenne nur die 3auchegruben der Dörfer. Rie in meinem Leben bin ich durch die geheimnisvolle Schwärze eines Tunnels gefahren ...

Niemals durfte ich bis zu einer jener großen Städte eilen, wo riesige Bahnhöfe sind und Lo­komotiven aus weiten Reisen kommen, gewaltig und erschauernd ...

Oh, es gibt Städte, in denen die Züge unter der Erde rcchsen. Untergrundbahnen nannte sie der Heizer, den ich gern habe, weil er aufmerk­sam zu mir ist.

Ach, wie armselig ist dieses Leben, das ich fuhren muß. Welche Hoffnungen hatte ich am Be­ginn meiner Laufbahn! Lind jetzt: vier Stunden hin, und vier Stunden her. Das ist alles. Tag­aus, fagein. 3ahr für 3ahr. 3ch kann meine Strecke im Schlaf machen, wie ein Gaul, der im Trott alt geworden ist.

Abenteuerliche Wünsche lodern in meinem In­nern. Wenn es nur ein einziges Mal nach mir ginge ...!

Aber es geht nicht nach den Wünschen der kleinen Lokomotive. Die Eisenbahndirektion hat ihr den Weg genau vorgeschrieben, und der Zug­führer mißt ihr die Kraft zu, mit der sie den Dienstweg zu nehmen hat.

3a! Hort nur: jetzt läutet die Signalglocke grell in die flimmernde Sonnenstille. Der Loko­motivführer ist mit seinem Vesperbrot zu Ende, eilends kommt er gelaufen und besteigt seine Maschine. Der kleine Heizer schwingt sich lachend auf der anderen Seite der Lokomotive herein.

Der Führer wirft einen Hebel. Die Maschine erwacht aus ihrer Reiseträumerei. Dampf zischt, und Tränenstvömen gleich kollert das heiße Wasser aus ihr. Die Schwellen werden davon nah und die gebleichten Grasbüschel. Die Räder drehen sich, und die Maschine rollt übers Geleise.

Dort unten wird sie an einen Güterwagen gekoppelt, in dem ein brüllendes Oechslein ver­frachtet Wird