Baldwins Wahlrede.
Das Wahlprogramm der Konservativen.
London. 18. April. (WTB.) 3m Drurh Lane Theater hielt heute Premiermini- st er Baldwin vor 2000 Personen in Anwesenheit aller Mitglieder des Kabinetts seine angekündigte Rede, deren Thema das Wohl- Programm der englischen Konservativen war. Baldwin führte u. a. aus: Wir beabsichtigen, den Prozeh, der zurzeit im Gange ist. weiterzuführen, nämlich die allmähliche Rie- derringuna der Arbeitslosigkeit. Wir haben den bestimmten Entschluh gefaßt, alle Pläne zurückzuweisen, die große Anleihen nach sich ziehen würben: denn wir glauben, daß wir dabei Gefahr laufen würden, in Großbritannien eine Inflation zu erzeugen. Ich könnte die Ver- antwortung nicht auf mich nehmen, auch nur die geringfügigste Maßnahme zu wagen, die eine Erhöhung der Lebenshaltungskosten im Gefolge haben könnte.
Baldwin sprach dann über die auf Grund des Washingtoner Arbeitszeitabkom- in e n s abzuschließenden Vereinbarungen und erklärte, die Regierung sei dieser Politik außerordentlich günstig gesinnt: denn eine solche Vereinbarung werde die Lebenshaltung der Arbeiter auf dem Kontinent und. wenn auch in geringerem Maß, in Großbritannien verbessern. Wir werden aber dafür sorgen, so führte Baldwin aus, daß, wenn solche Vereinbarungen geschlossen werden, sie in Ausdrücken abgefaßt werden, über deren Bedeutung keinerlei Auslegungsstreitigkeiten entstehen können. Wir müssen ferner die Ueberzeugung haben können, daß diese Abkommen dem Buchstaben und dem Geist nach auch in anderen Ländern eingehalten werden: denn im entgegengesetzten Falle würden sie unserer Industrie mehr Schaden zu- sügen, als Gutes tun. Schutzzölle für die Landwirtschaft sind auf Grund früherer Entscheidungen von vornherein ausgeschlos- f en. Die Gewährung von llnterstützungsgeldern hat keinen Zweck, solange sie der Landwirtschaft nicht für einen unbegrenzten Zeitraum garantiert werden können. Riemand ist aber in der Lage, eine solche Garantie zu geben. Die Regierung hat deshalb den Weg beschritten, einen Versuch zur Verminderung der allgemeinen BetricbSunkosten in der Landwirtschaft herbeizuführen. Baldwin unterstrich hierbei mit besonderem Rachdruck die Wichtigkeit der Absatzorganisation und der Standardisierung für landwirtschaftliche Produkte. Weiterhin erklärte er, die Regierung beabsichtige nach den Wahlen, ihre ganze Energie für die Beseitigung derElendsviertel in den Großstädten eiruusehen. Ferner werde es eine der ersten Handlungen der Regierung sein, falls die Konservativen nach den Wahlen wieder ans Staatsruder zurückkehrten, einen großen Ausschuß zu bilden, dessen Aufgabe es sein würde, die Frage der Fürsorge für Kinder und werdende Mütter während der Schwangerschaft und bei der Riederkunft durch medizinisch hinreichend vorgebildete Hebanunen zu untersuchen. wobei auch die Gewährung einer Geld- beihllfe bei der Riederkunft in Betracht zu ziehen sei. Außerdem beabsichtige die Regierung, eine unabhängige Kommission zu schaffen, die sich mit der Entwicklung neuer wirtschaftlicher Hilfsquellen in den Kolonien zu befassen haben werde.
Die englisch-russischen Wirtschastsverhandlungen. Moskau. 18. April. (WTD.) Das Komitee der englischen Wirtschaftsdelegation besuchte die Regierungstommiffion, in deren Damen Pja - t a t v f f Dem Komitee ein Memorandum übergab, das ein Programm für Bestellungen der Sowjetunion in England darstellt, falls eine grundsätzliche» Verständigung zwischen beiden Ländern erzielt werden sollte. Das Komitee überreichte sodann der Kommission eine in der Generalversammlung der Delegationsmitglieder angenommene Entschließung, in der es u. a. heißt: Die Delegation ist darin einig, daß der Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern ohne das Bestehen normaler diplomatischer Beziehun- gen unmöglich ist und verpflichtet sich, die britische öffentliche Meinung darüber aufzuklären. Die Delegation stellt fest, daß die Sowjetunion unter den gegenwärtigen Verhältnissen, wo sie Mittel zur Befriedigung dringender innerer Bedürfnisse benötigt, außerstande ist. weitere Verpflichtungen hinsichtlich der Ansprüche britischer Bürger zu übernehmen, falls nicht eine entsprechende wirtschaftliche Lage geschaffen wird. Die Delegation iordert ihr Wirtfchaftskomitee auf, sich in der Frage der Maßnahmen zur Befriedigung der Ansprüche britischer Bürger an die Sowjetregierung zu wenden, da ohne solche Maßnahmen eine weitgehende britische finan- z-ielle Unter ft ü^ung in Form von An- telhen und Kapitalinvestitionen unmöglich ist. Die Delegation legt ihren Mitgliedern die Der- pflichtung auf, das Komitee bei seiner weiteren Tätigkeit in London zu unterstützen.
In seiner Antwortrese wiederholte Pjatakoff, daß die Wiederherstellung normaler diplomatischer Beziehungen allen anderen Verhandlungen vor angehen müßte. Auf die Frage der Delegation. ob die Sowjetregierung sich nicht dazu verstehen würde, in Verhandlungen über Handels- und Finanzbeziehungen einzutreten, falls die englische Regierung ein entsprechendes Komitee schaffen würde, wies Pjatakoff darauf hin. daß bei einem Bestehen normaler diplomatischer Beziehungen die Eowjetregierung bereit sei. Verhandlungen über alle Fragen auf der Dosis des Vertrages von 1 924 zu führen. Die Sowjetregierung glaube, daß der Vertrag von 1924 auch die Regelung der Frage ^r privaten Ansprüche englischer und Sowjetbürger vorsehe.
Keine pockeugefahr für Deutschland.
Der Referent der Medizinalabteilung im Reichsministerium des Innern. Rcgierungsrat Dr. ®u 1 £.1 ui. teilt dem „Vorwärts" auf Anfrage über die Sicherungen des Reiches gegen Pockenge- sahr mit: Man glaubt nicht an Einschleppungs- der Pocken nach Deutschland. Es besteht fein er Ui Grund zu Besorgnissen. Die gesamte deutsche Bevölkerung ist nach dem Reichsunpfgesetz mindestens zweimal ae- impst und daher auch gegen Pvckenerkrankun- gen ziemlich immun. Somit besteht auch keine Ge- fahr für eine Ausbreitung der Seuche in
Sozialpolitische Fragen
Berlin, 18. April. (232)3.) 3m Haushallsausschuß des Reichstages gab Reichsarbeitsminister Wisset! eine Uebersicht über die größeren Gesetzgebungsarbeiten seines Ministeriums nach dem Stande vom 1. April 1929. Im übrigen sind aus der Rede des Ministers folgende Ausführungen hervorzuheben: Zur Reform des Schlichtungswesens verlangen die Arbeitgeber vor allem Beschränkung der Derbindllchkeitserklärung auf Streitfälle in lebenswichtigen Betrieben oder von überwiegenden Allgemeininteresse und Entscheidung über die Berbindlichkeitserklärung durch eine Reichs- schiedsstelle. Bon Arbeitnehmerseite werden diese Wünsche abgelehnt und statt ihrer einzelne weiter» gehende Vorschriften zur Verhinderung von Arbeits- kämpfen beim Dorliegen verbindlich erklärter Schiedssprüche gefordert. Durch die Entscheidung im Falle der Gruppe Nordwest ist der Grundsatz durchbrochen, daß ein Schiedsspruch zustande kommen muß. Die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Tatsache sich nicht abzusehen. Um dem Reichstag die Möglichkeit zu geben, zu den schwebenden Fragen Stellung zu nehmen, wird demnächst eine eingehende Denkschrift über das Schlichtungswesen vorgelegt werden.
Meine erste Sorge gilt dem Ausbau der Arbeitsvermittlung. Da die ländlichen Arbeitsämter sich vielfach den Anforderungen nicht gewachsen zeigten, hat die Reichsanstalt eine Reihe tüchtiger Fachkräfte gerade für die ländliche Arbeitsvermittlung eingesetzt. Dem Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitskräften abzuhelfen, dienen ferner Umschulung von erwerbslosen Industrie, arbeilern zu landwirtschaftlichen Arbeitern, Vermittlung von jugendlichen Arbeitern aufs Land und Bau von Land- arbeiterwohnungen.
Des weiteren bin ich bestrebt, auf dem Gebiete der wertschaffenden Arbeitslosen- f ü r s o r g e vorwärts zu kommen. Wir bemühen uns. durch Rotstandsarbeiten, durch Förderung von Maßnahmen auf lange Sicht. Arbeit zu schaffen. Die Finanzen der R e i ch s a n st a l t für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung müssen auf eine Grundlage gestellt werden, die es der Anstalt ermöglicht. in normalen Zeiten ihre Einnahmen und Lllisgaben — auf längere Sicht gesehen — auszugleichen.
Eine Aenderung der Wohnungszwangswirtschaft ist nicht in Aussicht genommen. Entscheidungen über Aufhebung des Mieterschutzes für gewisse Räume müssen nach wie vor grundsätzlich den Landesbehörden überlassen bleiben. Bei Genehmigung von Lockerungsverordnungen der Landesregierungen werden unbillige Härten vermieden bleiben. Eine Aenderung der zur Zeit geltenden gesetzlichen Miete von 120 Prozent erscheint zur Zeit unzulässig. Eine brennende Frage ist die Beschaffung eines Dauer-
Deutschland, wenn sie tatsächlich eingefchleppt werden sollte. Besondere Maßnahmen werden selbstverständlich von den Behörden bei erhöhter Seuchengefahr in den großen Hafenstädten getroffen. So find besonders die in Hamburg und Bremen einlaufenden Schiffe einer genauen ärztlichen Kontrolle unterworfen. Der Hafenarzt und die Hafenpoli- zei nehmen eine genaue Sichtung der aus den gefährdeten Gebieten ankommenden Reisenden vor. Einen besonderen Schutz an der Landesgrenze gibt es nicht, da nach Meinung der wissenschaftlichen Sachverständigen die Gefahr minimal ist. Zu irgendwelchen Beunruhigungen liegt nach dem Stand der Dinge kein Gr und tror.
Oer „Graf Zeppelin" auf einer Süddeutschlandfahrt.
Friedrichshafen,. 19. April. (WTB. Funkspruch.) Das Luftschiff „Graf Zeppelin" ist heute vormittag um 7,18 Uhr bei prächtigem Sonnenschein und wolkenlosem Himmel zu einer Fahrt nach Süddeutschland aufgestiegen, die etwa acht Stunden dauern soll. Es ist beabsichtigt, auf dieser Fahrt die Orte am Oberrhein bis etwa Frankfurt zu berühren. Den Rückflug wird das Luftschiff über Stuttgart nehmen. Die Leitung hat Kapitän Lehmann. In dem Navigationsraum des Luftschiffes ist zu Versuchszwecken ein Kreiselkompaß der Firma Anschütz eingebaut worden. Der Zweck der Fa^rt ist hauptsächlich, das Arbeiten dieses Kompasses mit dem gewöhnlichen Kompaß zu vergleichen. Das Schiff, das bei völliger Stille flott durch das Wefttor herausgebracht werden konnte, entfernte sich in rascher Fahrt in Richtung Konstanz, das um 7.35 Uhr morgens berührt wurde: um 8.30 Uhr wurde Waldshut a.Rh., um 9.05 Bettingen, um 9.20 Lörrach, kurz darauf Basel überflogen. Um 9.35 Uhr wurde Müllheim und um 9.45 Uhr Freiburg erreicht.
Der Marsch auf Berlin.
Erinnerungen au Marschall Zock.
Paris 18. April. (WB.) Der Schriftsteller Raymond Recouly veröffentlicht in einem Buch, das den Titel trägt „Le Memorial de Fach" eine Anzahl Unterredungen des verstorbenen Heerführers. Ein geschichtlickies Interesse für Deutschland hat ein Bericht über die Demarche, die 1922 kurz ? D r d e r R u hrbesetzung ein nicht genannter französischer Polster, der den Marsä)all besuchte, unternahm. Dieser Politiker habe erklärt: „Wir denken daran, die militärischen Operationen wieder aufzunehmen, unsere Truppen oorrücken zu lassen und nötigenfalls bis nach der Hauptstadt Berlin vorzugehen. Wenn mir erst einmal dort fein werden, dann werden wir schon das Mittel finden, Deutschland zu zwingen, uns das zu geben, was es uns versprochen hat und was es hartnäckig zu geben verweigert. Wie denken Sie dar- uber?" — Der Marschall habe den Politiker daraufhin vor eine Wandkarte geführt und ihn gefragt, ob er sich Rechenschaft darüber abgelegt habe, welche Entfernung zurückzulegen fei. Er habe ihn darauf aufmerksam gemacht, daß ohne die Mobilisierung von drei Iahresklassen diese Operation auch gefährlich sei wegen der Sicherung der Etappenstraßen und die Ernährung der Truppen nicht durchgeführt sei. Der Marschall habe deshalb Ert: „Selbst gefetzt den Fall, daß das Problem gelost ist, daß die Mobilisierung durchgeführt ist und daß unsere Truppen in Berlin eingerückt sind. Was würden Sie dann tun? Welche ernftli»
im SaushMausschuß. kredites, um die bisher gewährten Reichskredite für Siedlungen abzulösen und für neue Siedlungen frei zu machen. Auch die Gewährung von Reichskrediten an Flüchtlingssiedler wird planmäßig fortgesetzt. Besondere Aufmerksamkeit widme ich der Ansiedlung von Landarbeitern. Wenn die geltende Pachtschuhordnung nur noch kurze Zeit in Kraft bleibt, werden wir schleunigst ein Dauerpachtrecht schaffen müssen, das den wirtschaftlichen Bedürfnissen der Pächter und Verpächter gerecht wird. DieJinanzierung des Wohnungsbaus
Die Reichsrichtlinien.
Berlin, 18. April. (V. D. Z.) Der Wohnungsausschuh des Reichstages beschloß nach längerer Aussprache Reichsrichtlinien für die Finanzierung des Wohnungsbaues. Danach soll die öffentliche Hand auch weiterhin bei der großen Mehrzahl der zu erstellenden Wohnungen ausschlaggebend bei der Finanzierung m i t w i r k e n. Diese Beteiligung darf nur unter der Bedingung erfolgen, daß die zu erstellenden Gebäude sich in ihren Mieten den Einkorn- mensverhältnissen der breiten Masse der arbeitenden Bevölkerung anpassen. Die Mieten müssen so bemessen sein, daß sie 1 5 Prozent des Einkommens der kinderreichen Familien nicht über st eigen. Die Förderung von Wohnungsneubauten hat in der Regel durch Gewährung von Daudarlehen zu ermäßigtem Zinssatz zu erfolgen. Soweit es sich um Dersorgungsan Wärter mit besonders beschränkten Einkommensverhältnissen handelt (kinderreiche Familien, Schwerkriegsbeschädigte u. dgl.) soll eine weitere Ermäßigung der Miete, gegebenenfalls durch Zusatzhypotheken oder durch Erhöhung der Zuschüsse erfolgen. Für zahlungsschwache Mieter in Altwohnungen sind Mietsbeihilfen aus dem Hauszinssteueraufkom- men zur Verfügung zu stellen. Bei Begebung von Hauszins st euerhypotheken empfiehlt es sich, gemeinnützige und private Unternehmungen im angemessenen Verhältnis zu berücksichtigen. Zur Unterstützung d:s Wohnungsbau s sind auch Steuer- und G e b ü h r e ne rl e i ch t e r u n- gen zu gewähren. Insbesondere wird auf hinreichende Beteiligung der Sparkassen, der öffentlichen Kreditanstalten und der Träger der Sozialversicherung Gewicht gelegt. Jeder Zufluß von Privatkapital zum Wohnungsbau ist zu fördern. Der Bauherr muh unter allen Um» ständen einen angemessenen Betrag an Eigenkapital beibringen. Die Einführung von Bausparkassen ist nach Kräften zu fördern. Es ist anzustreben, das volle Aufkommen aus der Hauszinssteuer für den Wohnungsbau zu verwenden. In den Ländern ist aus Hauszinssteuererträgen ein Ausgleichsfonds zu schaffen, aus dem Gemeinden, die großen Wohnungsmanael aufweisen, Sondermittel zur Verfügung zu stellen sind.
chen konkreten Vorteile würde dieses Vor- rücken und diese Besetzung der Hauptstadt Deutschlands mit sich bringen? Es ist möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich, daß die deutsche Regierung ihren Aufenthaltsort wechselt und sich — nach dem Beispiel der Russen zur Zeit des Vorrückens Napoleons nach Moskau — s i ch z. B. nach Königsberg zurückzieht. Wollen Sie sie bis dorthin verfolgen'? Wieviel Menschen wütde das wieder kosten! Für eine Operation, deren Nutzen recht ungewiß und problematisch ist, würden Sie ein großes Risiko übernehmen, und dieses Risiko wäre leider ein wirklich unvermeidliches. Wollen Sie die Fehler oder Torheiten Napoleons wieder begehen? Ich meinerseits betrachte diese Operation als die iinvorteilhaf- tefte und gefährlichste: i ch mißbillige sie von vornherein. Ich weigere mich kategorisch, meine Zustimmung zu geben!" — Der Marschall selbst habe dieser Erzählung hinzugefügt: „Diese Worte genügten. Man hat alsdann niemals mehr von einem Marsch nach Berlin gesprochen."
Ein zum Tode Verurteilter des Landesverrats angeklagt.
Berlin, 18. April. (WB.! Vor dem Strafsenat des Kammergerichts hatte sich der frühere Lokomotivführer und Kraftwagcnfahrer Josef Koepp wegen versuchten Landesverrats zu verantworten. Koepp war bereits wegen Mordes zum Tode verurteilt: die Strafe wurde dann in lebenslängliches Zuchthaus um gewandelt. Während der Fran- zosenbesehung des Rheinlandes war es Koepp gelungen, sich zu befreien. Er hatte sich den Separatisten angeschlossen und soll im französischenRachrichtendien st tätig gewesen sein. In diese Zeit fällt die dem Angeklagten zur Last gelegte landesverräterische Handlung. Er war dann wieder ergriffen worden, nachdem er ein Sittlichkeitsverbrechen an einer Krankenschwester verübt hatte, wofür er nochmals zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Die Anklage des Landesverrats stützte sich auf einen Indizienbeweis. Der Strafsenat des Kammergerichts hielt aber nach den Ausführungen von Rechtsanwalt Dr. Walter Riemann eine Schuld des Angeklagten nicht für genügend erwiesen, zumal der Soldat, den er in Berlin am Bahnhof Friedrichs- strahe auszuforschen versucht hatte und den er zur Rachrichtenübermittlung anwerben wollte, ihn nichtwiedererkennen konnte. Koepp wurde daher mangels ausreichenden Beweises f r e i gesprochen.
Aus aller Wett.
Schwere Aetherexplosion auf offener Straße in München.
3n M ünchen wurden durch die Explosion der aus großen Mengen Aether bestehenden Ladung eines Lastautos im Bahnhofsviertel drei Männer und eine Frau schwer und mehrere Personen leicht verletzt. Der Acther wurde in großen Glas- ballons transportiert. Die Ursache der Entzündung ist nod) nicht geklärt. Jedenfalls flammte die ge- fährllche Ladung plötzlich in einer haushohen »ö 11 d) f Ia m m e empor und fast im selben Augen- blid standen die Kleider von vier Perso» nen, die sich zufällig in der Nähe des Wagens befunden hatten, in Flammen. Geistesgegenwärtige Leute aus dem Publikum eilten den Betroffenen, die in panischer Ängst davonstürzten, '
, nach, rissen sie zu Boden und erstickten bai Feuer. Inzwischen hatte der brennende Aeth« den Benzintank des Lastautos ergriffen der ebenfalls explodierte. Durch den Luftdruck wurden die Fensterscheiben des Hauses, vor dem sich das Unglück ereignete, vier große Fenster eines in> der Nähe liegenden Cafss und die Cafshauseinrich- tung zum Teil zertrümmert. Der Chauffeur des Lastkraftwagens erlitt schwere Verletzungen. Die Trümmer des brennenden Wagens wurden dann von der Feuerwehr in kurzer Zeit abgelöscht. Die bei der Explosion in Flammen gesetzten Personen boten mit ihren schrecklichen Brandwunden einen so entsetzlichen Anblick, daß mehrere Zuschauer ohnmächtig wurden. Die Unglücksstelle muhte längere Zeit durch Polizei abgesperrt werden. Von der chirurgischen Klinik wurde am Abend mitgeteilt, daß der Zustand der schwerverletzten Frau lebensgefährlich ist. Auch das Befinden zweier weiterer Verletzter gibt zu Besorgnis Anlaß, während der vierte Verletzte leichtere Verletzungen erlitten hat.
Riesenbrand in Amsterdam.
Donnerstag nacht gegen 3 Uhr brach im Palais voor Volksvlijt, einer 1864 erbauten und spater mehrfach erneuerten Ausstellungs- Halle auf dem Frederik Plein, die mehrere Restaurants und eines der größten Theater Amsterdams enthält, Feuer aus. Der Brand, der aus Holz erbauten 5)aUe war der größte, der sich feit Jahren in Amsterdam ereignet hat. Die Bewohner in der Nachbarschaft flüchteten wegen der sich entwickelnden Glut aus ihren Häusern. Die Feuerwehr mußte sich auf den Schutz der angrenzenden Baulich feiten beschränken. In den Morgenstunden war das Hauptgebäude ziemlich nieder- gebrannt. Inzwischen waren auch die Flügel- bauten von den Flammen ergriffen. Am Freitagvormittag wütete das Feuer, wenn auch in geringerem Umfange, noch immer fort, so daß der gesamte Gcbäudekomklex mitsamt dem Theater als verloren angesehen werden muß. Auch die dahinter gelegene Galerie mit zahlreichen Geschäftsräumen wurde in Milleidenschaft gezogen. Eine gewaltige Menschenmenge umlagerte den Platz, der von der Polizei in weitem Umkreise abgesperrt war. Der Straßenverkehr in der Innenstadt mußte umgeleitet werden. Die Ursache des Brandes ist noch nicht aufgeklärt. Man vermutet eine Explosion. Menschen tarnen nicht zu Schaden» Von dem gewaltigen Bau mit der weithin sichtbaren gläsernen Kuppel, einem Wahrzeichen Amsterdams sind nur verbogene Eisenpfeller und eine einzige Mauer stehengeblieben. Die Bühne ist durch rechtzeitiges Einschalten des künstlichen Regenapparates und Herablassen des Feuervorhanges verschont geblieben. Am Mitt- - wochabend war noch eine Revue außgesührt worden. Die ganze Ausstattung und die Kostüme, die mit 60 000 Gulden versichert waren, sind vernichtet. Etwa 150 Dühnenangestellle sind brotlos geworden. Der Materialschaden beträgt etwa eine Million Gulden, der nur teilweise gedeckt ist.
Rordmärkifchc Bauern vor Gericht.
In dem Prozeß gegen die Beidenflether Bauern, die sich gegen die Pfändung von Vieh wegen rückständiger Steuern aufgelehnt hatten, sprach das Gericht das Urteil. Die Angeklagten Heinrich Koch und Albert Kühl werden wegen Vergehens gegen § 115 Abs.2 StGB, zu je acht Monaten Gefängnis verurteilt. Außerdem werden zu je sechs Monaten Gefängnis mit dreijähriger Bewährungsfrist und Zahlung einer Geldbuße von 150 Mark 23 Angeklagte verurteilt. Der Angellagte Hansen wird wegen Vergehens gegen § 114 StGB, zu einer Geldstrafe von 150 Mark verurteilt, an deren Stelle zehn Tage Gefängnis treten würden. 32 Angeklagte werden freigesprochen.
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Donnerstag,
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Wettervoraussage.
Der Zustrom milder Luftmasien brachte eine allgemeine weitere Erwärmung. In der vergangenen Nacht sind die Temperaturen nicht unter den Gefrierpunkt zurückgegangen. Sie erreichten heute morgen im nördlichen Deutschland schon bis zu 14 Grad (Berlin plus 14 Grad Celsius). An der Rückseite der skandinavischen Störung bringen kühlere Luftmassen fübmärts vor, die auch bei uns wieder einen Temperaturrückgang verursachen werden. Dabei führt ihr Zusammentreffen mit den vorgelagerten wärmeren Luftmassen zu Bewölkung und auch später zu strichweisen Niederschlägen.
W e ttervoraussage für Samstag: Zunächst noch Fortdauer der Wetterlage, später mehr wolkig und etwas kühler.
Wettervoraussage für Sonntag; Wechselnd wolkig, kühl, vereinzelt auch Reigung zu Riederschlägen.
Lufttemperaturen am 17. April: mittags 16,2 Grad Eelsius, abends 8 Grad: am 18. April: morgens 4,7 Grad. Maximum 17,2 Grad, Minimum O Grad. —


