Ausgabe 
18.5.1929
 
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den entsprechenden europäischen an die Seite zu stellen wären. Eine Lleberlegenheit der deut­schen älniversitäten über die amerikanischen auf dem Gebiet der Natur- und Geisteswissenschaften ist unbestreitbar. Ich wünsche ernsthaft, daß die amerikanischen Universitäten auch hierin allmäh­lich folgen werden. Die Größe der deutschen ilni» versität in der Forschungsarbeit möchte ich etwas außerhalb der Universität Liegendem zuschreiben: dem deutschen humanistischen Gym­nasium, das freilich wie die fesselnden Ab­schnitte in Willarnowitz-MöllendorfsLebens­wanderungen" über seine Schulzeit zeigen, eine gewisse Einseitigkeit aufwies, da die Naturwissen­schaften in ihm keinen Platz fanden. Aber das alles hat sich gewandelt. Heute werden außer Latein (10 Iahre), Griechisch (8 Iahre), mo­derne Sprachen, Physik (2 Iahre) und Chemie lzwei Iahre) gelehrt. Hinzu kommt, daß der deutsche Gymnasiast durchschnittlich zwei Iahre in der Ausbildung im Vergleich mit den ameri­kanischen Verhältnissen gewinnt. Daher beginnt man jetzt an die High-Schools Junior Colleges anaugltebern oder den Kursus der High-Schools auf sechs Iahre auszudehnen.

Ich hoffe, daß die Erziehungsarbeit auch ferner­hin beim amerikanischen Volk Anterstühung und Verständnis finden wird. Denn der Glaube des Amerikaners an Erziehung ist geradezu rührend und man bringt für sie große Opfer. Bedeutende Aufgaben sind noch zu bewältigen, besonders wie ich noch einmal unterstreichen möchte auf dem Gebiet der Natur- und Geisteswissenschaften. Aber wir hoffen, der Enfluß des deutschen Gym­nasiums wird uns wieder helfen. Wir sind alle dankbar für das, was Deutschland auf dem Ge­biet der Erziehung und Wissenschaft geleistet hat.

Aus der provinzialhauptfladt.

Gießen, den 18. Mai 1929.

Ahndung geringfügigerLlebertretungen

Nach § 153 der Strafprozehordnung werden älebertretungen nicht verfolgt, wenn die Schuld des Täters gering ist und die Folgen der Tat unbedeutend sind, es sei denn, daß ein öffent­liches Interesse an der gerichtlichen Entscheidung besteht. Ist bei einem Vergehen die Schuld des Täters gering und sind die Folgen der Tat un­bedeutend, so kann die Staatsanwaltschaft mit Zustimmung des Amtsrichters von der Erhebung der öffentlichen Klage absehen.

Diese gesetzlichen Bestimmungen sind im all­gemeinen recht wenig bekannt. Im ersten Satze, der die Llebertretungen, also sog. Bagatellsachen betrifft, werden hauptsächlich Polizeianzeigen be­kämpft, die an Stelle einer Verwarnung, die erteilt werden könnte, erhoben werden. In einem an die Kreisämter, die staatlichen Polizeiämter und die Oberbürgermeister von Mainz und Worms gerichteten Ausschreiben macht der hessische Innenminister auf den genannten § 153 der Strafprozehordnung aufmerksam, sowie darauf, daß es die ihm unterstellten Verwaltungsbehör­den in der Hand haben, die Verfolgung der­artiger geringfügiger Llebertretungen gegebenen­falls zu verhindern, weil der Grundsatz der be­sagten Gesehesvorschriften nicht nur für die Ge­richte, sondern auch für die Polizeibehörden gelte. Der Minister empfiehlt deshalb den Polizei­behörden, vor der Weitergabe der bei ihnen zur Vorlage kommenden polizeilichen Strafanzeigen zunächst zu prüfen, ob die Voraussetzungen des $ 153 Str.-Pr.-O. gegeben sind und ob die Poli­zeibehörden ein öffentliches Interesse an der Angelegenheit haben und deshalb die Verfolgung der Angelegenheit wünschen. Sind diese Vor­aussetzungen nicht gegeben, so bedarf cs einer Weitergabe derartiger Strafanzeigen nicht: cs genügt vielmehr, wenn in derartigen Fällen eine polizeiliche Verwarnung erteilt wird, die mündlich oder schriftlich gegeben werden kann. Bei der Verwarnung kann noch zum Ausdruck gebracht werden, daß die gerügte Handlungsweise die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährdet und daß der älebertreter in Zukunft gehalten sein

Lch fliege zum Pfingstfest.

Von Friedrich Koch-Wawra.

Am Pfingstmorgen stehe ich ganz früh auf. 3ch denke so um drei, halb vier. Ich werde meine Frau nicht Wecken, denn die drei belegten Brote liegen am Abend schpn in der Blechbüchse, und der Kaffee in meiner selbsterfundenen Thermos- flasche dürfte Weihnachten noch warm sein. Wei­ter brauche ich nichts, außer Gottes Segen, an dem allerlei gelegen, wenn man in die Pfingsten fliegt.

Dann gehe ich durch nachtdunkle Vorstadtstraßen zum Flugplatz hinaus. Ich hole meineGras­mücke" aus dem Schuppen und schmiere den Motor im Morgengrauen. Ich fülle das beste Benzin in ihren Tank, mische ein bißchen Weihes Nizinusöl hinein und lasse den Propellerim Stand" laufen, erst eine Weile auf Leerlauf, dann mit Vollgas. Ich lege zwei schwere Klötze vor die Räder, damit mir die gute Mücke nicht weghopst und gehe zur Luftpolizeiwache hinein.

Der schlaftrunkene Lupo es ist Otto, der Bayer blinzelt durch müde Lider und greift zum Journal.Wohin?"

ein bißchen nach Thüringen fliegen. Frühstück vielleicht in Erfurt, einen strammen Schoppen in Bayreuth, zum Mittagessen wieder hier."

Was heißt, ein bißchen nach Thüringen? Wo- hin soll ich abfertigen?"

(Jedes Flugzeug muß beim Start irgendwohin abgemeldet werden.)

Also sagen wir Erfurt!"

Schön! Sportflugzeug Grasmücke D 1139 Type 1928, Pilot siehe oben, ohne Fluggast, be­triebsfertig, startet um 4,53 nach Erfurt."

Otto, der Bayer, klopft seinem Kollegen von nebenan, und ich bekomme die Wettermeldung: Klare Sicht bis HalleLeipzig. Weißenfels leich­ter Tiefnebel. Apolda 300 Meter Sicht. Weimar etwa 250, Erfurt allright...

3ch rolle die Karte auf, schnalle den Höhen­messer um den Schenkel und ziehe die Gurte fest. Otto nimmt die Klötze von den Rädern weg. Start! Die Mücke rollt über den Boden. Immer schneller fegt sie über den Grasteppich. 100 Meter, 150, 200... immer schneller, wie ein Rennwagen von 1000 Pferdestärke. Da nimmt der Luftstrom die Grasmücke auf seine Fittiche und hebt sie himmelan. Die Erde schwindet wie Kielwasser hinter einer jagenden Barkasse. Ich fliege, fliege in den Pfingstmorgen...

Auf dem Berliner Kurfürstendamm sehe ich die letzten Nachtomnibusse fahren und erkenne ganz

muh, die gesetzlichen Bestimmungen einzuhalten. Ebenso kann für den Fall einer Zuwiderhand­lung unnachsichtliche Weiterleitung der Straf­anzeige in Aussicht gestellt werden. Jedoch hat die Verwarnung den Umständen des Falles und der beteiligten Personen entsprechend sach­gemäß und taktvoll zu erfolgen.

Es steht zu erwarten, paß der dankenswerte Erlaß des hessischen Innenministers viele un­nötige Anzeigen verhindern wird. Gerade auf den letzteren Satz werden aber die oberen Polizei­behörden besonderes Gewicht zu legen haben, denn mancher wird die Zahlung einer kleinen Buße der Ladung oder gar Abrüffelung durch ein polizeiliches Organ vorziehen. Das Publikum möge sich auch daran gewöhnen, im gegebenen Falle die Polizei selbst zu unterstützen und in ihr einen Helfer, nicht einen Widersacher zu erblicken.

Oie Rückstrahler an Fahrrädern und Krastfahrrädern.

Eine für die Benutzer von Fahrrädern und Kraftfahrrädern wichtige Verordnung hat der Reichsvcrkehrsminister soeben erlassen, welche die sog. R ü ck st r a hl c r z.ir Einführung bringt. Nach dieser Verordnung m. jedes Rad bei Dunkelheit oder starkem Nebel mit einem Hinteren Leuchtzeichen von gelbroter Farbe versehen sein. Dieses Leuchtzeichen, dessen wirksamer Durchmesser nicht größer als 5 Zentinieter sein darf, muß an der Rückseite des Rades angebracht und darf niemals verdeckt sein.

Für ein normalsichtiges Auge muß das Hintere Leuchtzeichen bei Dunkelheit auf eine Entfernung von 150 Meter in einem Streuwinkel von je 30 Grad nach beiden Seiten von der Längs­richtung des Rades aus deutlich erkennbar fein; bei einem Rückstrahler wird hierbei vorausgesetzt, daß er nach den technischen Vorschriften beleuchtet wird. Fahrräder der Polizei- und Zollbeamten sind bei dienstlicher Benutzung von den vorstehen­den Bestimmungen insoweit befreit, als die Be­folgung dieser Bestimmungen die Durchführung besonderer Aufgaben des Dienstes in Frage stellen würde. Als Räder im Sinne dieser Verordnung gelten die zweiräderigen Kraft- und Kleinkraft­räder, sowie Fahrräder. Als Hintere Leuchtzeichen im Sinne der Verordnung gelten Schlußlichter und Rückstrahler. Ein Rückstrahler muß mit dem Prüfzeichen und außerdem mit dem Namen und Wohnort (Sih) des Herstellers, bei ausländischen Herstellern der deutschen Hauptvertretung, ver­sehen sein. Für die technische Beschaffenheit und für die Prüfung der Rückstrahler sind besondere technische Vorschriften erlassen. Der Fahrer ist dafür verantwortlich, daß sich das hintere Leucht­zeichen stets in vorschriftsmäßigem Zustande be­findet. Er hat den Rückstrahler dem Polizeibeam- ten auf Anfordern zu Ilnterckuchungszwecken aus­zuhändigen. Für Räder der Wehrmacht und der Reichspost gilt dies nicht.

Die neue Verordnung tritt mit dem 1. Juli 19 2 9 inKraft. Die oberste Landesbehörde be­stimmt diejenigen Stellen, die für die thpenmäßige Prüfung der Rückstrahler zuständig sind. Zu­widerhandlungen gegen die neue Verordnung werden entsprechend mit Geldstrafe oder mit Haft belegt.

Gictzener Wochenmarktpreise.

Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 200, Matte 30 bis 35, Wirsing 20 bis 30, Weißkraut 20 bis 30, Rotkraut 20 bis 30, gelbe Rüben 20 bis 25, rote Rüben 20 bis 25, Spinat 25 bis 35, Spargel 50 bis 120, grüne Erbsen 50 bis 60. Feldsalat 150 bis 200, Tomaten 80 bis 100, Zwiebeln 20 bis 25, Meerrettich 50 bis 120, Schwarzwurzeln 40 bis 80, Rhabarber 20 bis 25, Kartoffeln (alte) 6, Kartoffeln (neue) 30, ausländische Aepfel 40 bis 70, inländische Aepfel 30 bis 40, Dörrobst 35 bis 40, Kirschen 100 bis 120, Erdbeeren 200, Nüsse 70 bis 80, Honig 40 bis 50, junge Hähne 120 bis 130^ Suppenhühner 100 bis 120 Pf. das Pfund; Käse (10 Stück) 60 bis 140 Pf.; Tauben 70 bis 90, Eier 12, Blumenkohl 70 bis 150, Salat 20

deutlich ein Häufchen Menschen, die von einer Feier kommen. Gin Grüppchen Wandervögel mar- schiert mit einer blauen Fahne ins Grüne...

Ich ziehe mich hoch auf gute 500 Meter und fliege südwärts. Jüterbog, ein Begriff aus dem Militärischen, liegt tief unter mir. Das Schienen­band BerlinHalle bient zur Orientierung.

Im Osten glüht der erste Sonnenstrahl und hängt ein rötliches Fahnentuch über die Häuser von Wittenberg. Diese Stadt, von oben gesehen, ist die steingewordene Illustration des deutschen Menschen. In streng gemessener Straffheit stehen klelne Bürgerhäuser Reihe an Reihe in engen Strahenzügen. Alte Linden umgeben niedere Gotteshäuser, deren Türen zu so früher Stunde schon weit offenstehen. Diese Stadt träumt den Traum jenes Mannes weiter, der hier die Frei­heit eines Christenmenschen an die Kirchentür heftete...

Fehlzündung. Fehlzündung. Der Motor spuckt. Er hustet... Hast du genug Oel, mein braver Dreizylinder? So, da kommt er wieder... und läuft regelmäßig wie auf dem Bremsstand. Das ist gut so. Bliebst du jetzt weg, der Teufel sollte dich holen, am hellen Pfingstmorgen! Denn hier rst das Gelände aufgeteilt in Quadrate der Nutz­barkeit, von Zäunen und Drähten durchzogen, mit Fabriken und Kanälchen beschwert. Zum Not­landen könnte ich mir besseres vorstellen...

Dort fließt die Elbe. Auf dem Buckel lauter Frachtkähne, Leichter und Schlepper. Sie schuftet von morgens früh bis abends spät, von der Quelle bis zur Mündung. Die Elbe ist die Musterschülerin unter den Flüssen.

Bitterfeld: Häßlich der Name, häßlich der Ort, von oben gesehen, Lind doch ist diese Stadt vielen anderen, großen und schönen, in einem Punkte weit voraus: Bitterfeld hat die Bedürfnisse un­serer Zeit erkannt. Wer mit dem Wagen von Berlin nach Leipzig will, braucht nicht durch die Stadt hindurch. Eine breite Verkehrsstrahe führt um sic herum, ilnb die großen, nachts beleuchteten Wegweiser sind schon aus weiter Ferne zu er­kennen. Wer nach Süden fliegt, lobt diese Stadt im stillen. Ein weißer Pfeil auf grünem Felde: Dort nach Halle«

In Halle dampft ein v-Zug aus dem Bahnhof, mit mächtig geballten weißen Rauchwolken, die über dem Glasdach in8 Nichts zerfließen...

Siet fängt schon Thüringen an, die gemalte Geschichte unseres Reiches (von oben gesehen). Dort drüben der Harz, das trutzige Vorzimmer zur Unendlichkeit; schräg in der Tiefe Eisleben, Europas Doktorhut, geradeaus Sangerhausen mit oem breiten Dom und dem rosa Tüpfchen aus dem göttlichen Pinfelkasten (das Rosarium!).

bis 35, Salatgurken 70 bis 100, Ober-Kohlrabi 30 bis 40, Lauch 10 bis 20, Rettich 25 bis 30, Sellerie 20 bis 100 Pf. das Stück; Radieschen 20 bis 25 Pf. das Bund; Kartoffeln 5,50 Mark der Zentner.

Daten für Sonntag, 19. Mai.

Sonnenaufgang 4.04 Uhr, Sonnenuntergang 19.50 Uhr. Mondaufgang 15.20 Uhr, Monduntergana 2.48 Uhr.

1762: der Philosoph Johann Gottlieb Fichte in Rammenau geboren.

Daten für Montag, 20. Mai.

Sonnenaufgang 4.03 Uhr, Sonnenuntergang 19.51 Uhr. Mondaufgang 16.34 Uhr, Monduntergang 3.01 Uhr.

1798: der Stenograph Wilhelm Stolze in Berlin geboren- 1799: der Schriftsteller HonorL de Bal­zac in Tours geboren.

** Vorsicht beim Pilzcsammeln! In der Zeit der Pilzernte werden alljährlich zahl­reiche Erkrankungen und Todesfälle durch den Genuß giftiger Pilze verursacht. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen um den Genuß selbstgesuchter Pilze. Iedern Pilzsammler kann nicht dringend genug empfohlen werden, nur Pilz- arten zu verwenden, die ihm zweifellos als eßbar bekannt sind. Als Pilzkenner, die den Sammlern mit Rat und Auskunft zur Seite stehen, haben sich zur Verfügung gestellt: Lehrer Sprengel, Bel­lersheim; Lehrer Keller, Lollar; Dergwerks- direktor i. R. Schiffmann, Hungen; Studien­rat Dr. Blank, Gießen; Gartenbauinspektor i. R. R e h n e l t, Gießen.

** Eine Siebzigjährige. Die Pensions­inhaberin Frau L. Grünewald Wwe. kann am 20. Mai in körperlicher und geistiger Frische ihren 70. Geburtstag begehen.

** Polizeipersonalien. Ernannt wurden die Polizeihauptwachtmeister Karl D i t t m a r und Friedrich Münch zu Bad-Nauheim, Wil­helm Michel zu Darmstadt und Christel R ü h - mann zu Friedberg zu Kriminalhauptwacht- meistern, sämtlich mit Wirkung vom 1. April 1929 an.

** Aus dem Gießener Standesamts- register. Es verstarben in der Zeit vom 1. bis 15. Mai: 1. Mai: Elisabeths Weber, geb. Schom- ber, Witwe, 69 Iahre alt, Lahnstraße 3. 3. Mai: Emma Dauernheim, geb. Preuschen, Witwe, 74 Jahre alt, Ludwigstratze 18. 5. Mai: Luise Diehl, geb. Petri, Witwe, 77 Iahre alt, Asterweg 53. Wilfried Müller, 3 Monate alt, Am Kugel­berg 75. Marie Lenz, geb. Lyncker, 49 Iahre alt, Bahnhofstraße 91. 6. Mai: Gustav Arnold Muel­ler, Fabrikant, 69 Iahre alt, Marburger Str. 35. Emma Maria Luise Brunow, Haushälterin, 39 Iahre alt, Liebigstrahe 67. 7. Mai: Franz Martin Heim, Werkhelfer, 56 Iahre alt, Buddestcaße 7. Frieda Karoline Katharine Büttner, ohne Beruf, 26 Iahre alt, Landgraf-Philipp-Platz 10. 10. Mai: Friedrich Karl Blick, Eisenbahnvberfekretär i. R., 61 Iahre alt, Gnauthstraße 20. Eleonore Hannes, Wäscherin, 82 Iahre alt, Asterweg 48. 13. Mai: Katharine Oberhäuser, geb. Lepper, 57 Jahre alt, 3m Gartfeld 7. 14. Mai: Lina Schäfer, geb. Mvm- berger, 36 Iahre alt, Arn Kugelberg 57. Mar­garete Decker, geb. Zecher, Witwe, 74 Iahre alt, Löwengasse 28.

Eine Schweinezwischenzählung findet am 1. Iuni statt. Die Gießener Stadt­verwaltung macht die Interessenten in Gießen durch eine Bekanntmachung im heutigen Anzeigen- teil auf diese Zählung aufmerksam.

provinzialausschuß und Kekoga.

WSR. Darmstadt, 16. Mai. Der Pro­vinz i a la u s schu ß der Provinz Star­kenburg, der sich heute mit der Frage der Ferngasversorgung befaßt hat, beschloß einstimmig, dem Provinzialtag der Provinz zu empfehlen, die Vertreter der Provinz Starken­burg in der Hekvga zu beauftragen, nur einer Lösung der Frage der Gasversorgung zuzustim­men, welche die gemeinwirtschaftliche

Dies Land am Pfingstmorgen ist eins der schönsten Erlebnisse (alles das von oben gesehen, versteht sich): Nicht bezaubernd auf den ersten Blick wie der Rheinstrom, nicht gefällig kokett wie die grünen Neckarberge; es hat auch nichts von der weinbekränzten Heiterkeit der Pfalz, nicht diese bräunlichen Schwaden und schiefer­blauen Florstreifen der Mosel, nicht die leben­digen Feldquadrate von Niederhessen, die ge­mahnen an Bauernkirmes und erdige Heiterkeit. Es ist auch keine herbe Schöne von so seltenem Reiz wie das wundersam dunkelgrüne Ostpreußen, dieser köstliche Fliegerteppich mit den hellgrünen Wiesenmustern... Es ist Geschichte, hingemalt mit himmlischem Pinsel. Städte, wie lustige Ge­bilde aus einem Steinbaukasten der Kinder, auf­fallend rot und grün und fein ziseliert: Dort steht das Rathaus, man erkennt cs auf den ersten Blick, dies hier ist die Kirche, dort wohnt gewiß der Küster und dort, wo die Betten aus den Fenstern hängen, der Herr Lehrer. Dort haust ein reicher Drotgeber, und in jenen kleinen Gäß­chen riecht es nach armen Leuten, die aber zu­frieden sind. Denn hinter den Häuschen liegen grüne ©arten...

Glockenklang in Erfurt. Menschen gehen zur Kirche. Ich nehme das Gas weg, fliege die Gleit­bahn aus und sehe die Maschine genau aufs Landekreuz hin. Keine verpönte Radlandung mit fünf, sechs Hopsern hinterher, sondern Schwanz­landung, ideale, weiche, schleifende Spornlandung

Die Mücke steht. Ich steige aus, ziehe sie bei­seite, klopfe mich ab, trinke den Kaffee und esse das Brot... und mache mich fertig zum Pfingst- gottesdienst in Erfurt...

Romanfiguren.

Von Max Brod.

Geschrieben anläßlich der Vollendung des RomanesZauberreich der Liebe". Die abschließenden Seiten eines Romanes der Dichter nimmt Abschied von seinen Geschöpfen. Es ist ein Augenblick, der mit Abschiednehmen im realen Leben die Traurigkeit gemeinsam, aber außerdem noch etwas besonders älnheimlichcs hat: Menschen, von denen man Abschied nimmt, leben irgendwo in der Ferne weiter, der Tote lebt in der Erinnerung, wo aber werden die erdachten Figuren weiterleben? 3m Nirgendsraum. Viel­leicht in einigen Herzen, aber im Moment des Abschieds ist das ja so ungewiß.

Dumas konnte die vielen Hunderte, ja Tau­sende von Figuren seiner vielbändigen Romane

Erzeugung und Verteilung sicherstem und die Beteiligung Hessens an der Produktion zur Voraussetzung hat.

*

WSN. Darmstadt, 17. Mai. Der Landes- vorstand der sozialdemokratischen Partei Hessens befaßte sich in seiner gestri­gen Sitzung mit der Haltung der He k o g a in der Gasfernversorgung Hessens. Der Lan- desvorstand sprach sich in allen Teilen ent­sprechend der Entschließung, die vor kurzem in einer Konferenz sozialdemokratischer Gemeinde- Vertreter gefaßt wurde, entschieden für eine ge­meinwirtschaftliche Lös ung aus, die die Sicherheit der Beteiligung Hessens an der Produktion bietet. Der Landesvorstand verlangt von allen sozialdemokratischen Funktio­nären in Staat, Gemeinde und Gemeindever- bänbcn, daß sie sich cntschieben gegen jede Aus­lieferung der Gasfernversorgung an die Ruhr und für die Gemeinwirtschaft einfehen.

Wiedereinweihung der paulskirche in Worms.

WSN. Worms, 17. Mai. In Anwesenheit der Bischöfe von Mainz und Speyer fand gestern die Weihe der wiederhergerichteten Kirche St. Pauli statt, die seit Iahrzchnten als Museum gedient hatte. Am Abend fand im Theatersaal des Städtischen Festspielhauses die weltliche Feier statt, bei der u. a. Finanzminister Dr. Kirnberger, Ministerialrat Diehl, Oberschulrat Hoffmann (Darmstadt) und Ober­bürgermeister Rahn ihre Anerkennung für das geschaffene Werk aussprachen.

Preußen.

Kreis Marburg.

II Marburg, 17. Mai. Gestern fam im chemi­schen Universitätsinstitut ein Student, der eine Flasche Blausäure trug, dadurch zu F a l l, daß er auf einer am Boden liegenden Apfelsinen- schale a u s r u t s ch t e. Durch die ausftrömenbe Blausäure der bei dem Sturz zerbrochenen Flasche zog er sich so schwere Vergiftungen zu, daß er nach kurzer Zeit in der Medizinischen Klinik st a r b. Der gestrige Schweine markt brachte steigende Preise. Bei flottem Gesä)äft kosteten vier bis sechs Wochen alte Ferkel 30 bis 40 Mark, sechs dis acht Wochen alte 40 bis 45 Mark, acht bis drei­zehn Wochen alte 45 bis 50 Mark; Läufer 60 bis 90 Mark das Stück. Angefahren waren 540 Stück einschließlich 20 Läufern.

Kreis Biedenkopf.

JC Wallau, 17. Mai. In vorletzter Nacht entstand im Anwesen des Postinhabers K. Bal­zer vermutlich infolge Kurzschluß Feuer, das trotz sofortigen Eingreifens der Feuerwehr in kurzer Zeit Wohnhaus und Scheune in Asche legte. Mit großer Mühe konnte man in letzter Minute einen Knecht vorn Feuer- tode retten, der im Schlafe vorn Brand über­rascht wurde und bereits bewußtlos war. Das anschließende Postgebäude, dessen Dachstuhl bereits vorn Feuer ergriffen war, konnte ge­rettet werden.

Tumen, Spott und Spiel.

Leichtathletik der Sp.-Vg. 1900.

o. An Stelle des geplanten leichtathletischen Iu- gendklubkampfes gegenAlemannia" Aachen, der für Pfingsten von den Aachenern abgesagt wer­den mußte, tragen die 1900er am ersten Feiertag einen Kampf gegen die Iugend vonSport­freunde" Siegen aus. Die Siegener Iungens dürften der Gießener Leichtathletikgemeinde von ihren früheren Starts bei den nationalen und Iugendwettkämpfen der Spielvcrcinigung noch in bester Erinnerung sein. Inzwischen hat dec Sie­gener Verein eine weitere große Aufwärtsent­wicklung in Leichtathletik und Handball genom-

nicht im Kopse behalten. Wer verübelt es ihm? Nun hatte er ein Mittel erdacht, um sein Ge­dächtnis zu unterstützen. Er ließ sich für jede seiner Romangestalten eine Papierpuppe anfer­tigen. Die Serie hing an der Wand, über dem Schreibtisch. War einer der Helden tot, flog die Puppe unter den Tisch. Die Gefahr, einen schon gestorbenen Mann in der Romanhandlung wieder auf leben zu lassen, war damit für Dumas ge­bannt. Einer seiner Freunde, der diesen Ar­beitstrick ' kannte, machte sich den Spaß, fein säuberlich eines der unter den Tisch verdonnerten Papiermännchen auszuheben und wieder in die lange Reihe der Lebenden einzufügen. Sofort ereignete sich das Wunder: In einer der nächsten Fortsetzungen lebte Herr Andr6 oder Charles in luftiger Unbefangenheit, wiewohl ihn die Leser bereits Wochen zuvor beweint hatten. Dumas kam nicht in Verlegenheit. Durch Anfragen auf­merksam gemacht ließ er in der nächsten Fort­setzung den Tod dieses Andrö für einen Scheintod erklären, die Handlung kräuselte sich ein wenig, ehe sie Andre dem vorbestimmten Schicksal bann doch noch zuführte; aber die sogenannte Ryman- Logik (falls es so etwas gibt) war nicht ange­tastet. Nicht jeder Autor hat dieses beneidens­wert leichte, unverbindliche Verhältnis zu seinen Geschöpfen. Flaubert wurde tagelang den Ge­schmack des Giftes nicht los, mit dem seine Do- vary sich vergiftet hatte.

Der Roman ist abgeschlossen, eine imaginäre Welt versinkt, leidenschaftliches Gestammel und erregte Gebärden erlöschen mit einem Schlage, gleichzeitig, wie die vielen elektrischen Lichter eines großen Saales. Durch die Fenster bringt Morgengrauen ein. Wirklichkeit. Aber es ist dieselbe Wirklichkeit, die man verlassen hat, ehe man sich in den dunklen Schacht der Arbet ge­stürzt hat, besinnungslos Träumen hingegeben? Es könnte licht geschehen, daß man die Konti­nuität nicht wiederfindet, wenigstens nicht sofort. Freundlich begrüße ich einen alten Bekannten, er toeufct zurück. Ach so, wir haben uns ja im letz­ten Moment, ehe ich mich dem Endspurt der Handlung auslieferte, empfindlich gezankt. Ich habe cs vergessen, Pardon. Ich dachte, bah wir zuletzt gut miteinander gestanden sind. Eine Le- benswoche war dem Bewußtsein entschwunden, langsam nur taucht sie wieder auf. Sollte ich nun in überstürzter Weise Schulden zu zahlen be­ginnen, die in den Büchern meiner Gläubiger bereits gestrichen sind, so werden diese Menschen­freunde hiermit ersucht, mich auf meinen Irrtum aufmerksam zu machen, die doppelte Zahlung redlich zurückzuweisen.