Ausgabe 
17.10.1929
 
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- uneben bleibt aber für körperschaftssteuerpflichtige ^rroerbsgesellschaften die Vorschrift über die Äbzuas- fähigkeit der Unterbilanz bei den Veranlagungen für die in den Jahren 1929 bis 1931 endenden Steuer, abschnitte weiterhin in Kraft. Die Anwendung beider Vorschriften nebeneinander bei der gleichen Veran­lagung, die ja überhaupt nur hinsichtlich verschiede­ner Teilbeträge desselben Verlustvortrags denkbar wäre, dürfte nicht zulässia sein.

Die beiden Abzugsoorjchriften lassen nur den Ab- zug von Beträgen zu, die zur Beseitigung eines Verlustoortrags oder einer Untcrbilanz verwendet werden. Verlultoortrag und Unterbilanz sind also nur insoweit abzugssähig, als sie tatsächlich abgedeckt werden. Der Gewinn des auf ein Verlustjahr fol­genden Steuerabschnitts muß daher, wenn der Dor. jahrsverlust von ihm abaeaoaen werden will, im Betriebsvermögen der Gesellschaft verbleiben. Wird er ganz ober zum Teil ausgeschüttet, so kann er in- soweit nicht zur Tilgung des Verlustes verwendet werden, und insoweit entfällt bann auch die Mög­lichkeit des Derlustabzugs.

Da taucht nun sofort die Frage auf, welche von den beiden Abzugsoorschriften im einzelnen Fall für körperschaftssteuerpflichtige Erwerbsgesellschaften an­zuwenden ist. Die Antwort wird sich häufig ohne weiteres daraus ergeben, daß es in dem einen Fall an einer besonderen Voraussetzung für den Abzug der Unterbilanz (Angriff des Grund- oder Stamm­kapitals), in dem anderen an einer besonderen Vor- Aussetzung für den Abzug des Verlustvortrages (Zeit der Entstehung des Verlustes) fehlen wird Dann kann natürlich stets nur die Abzugsoorlchrift ange- wendet werden, für die die mangelnde Voraus» setzung nicht vorgeschrieben ist. Sind aber in einem Falle sämtliche Voraussetzungen beider Abzugsoor- schriften gegeben, so wird, da die praktische Aus­wirkung ihrer Anwendung durchaus nicht immer völlig übereinstimmt, dem Steuerpflichtigen die Wahl zusiehen, welche von beiden Vorschriften er ange- wendet wissen will.

An der Hand von zahlenmäßigen Beispielen er­läuterte der Referent seine Ausführungen. Er stellte dabei mit allem Nachdruck den offenbar weit ver­breiteten Irrtum richtig und zerstörte damit viele Hoffnungen, die man an die Einführung des Ver­lustvortrags geknüpft hat. Die Ansicht und die Hoff- nung weiter Wirtschaftskreise geht nämlich dahin, daß nun jeder Verlust, der im Laufe eines Wirt- schaftsjahres im Geschäftsbetrieb entstanden ist, ab- zugsfähig sei. Dies ist aber Durchaus nicht der Fall. Abzugsfähig sind vielmehr nur die Beitrage, welche zur Beseitigung des Verlustoortrags verwendet worden sind. Dies heißt, um es noch einmal mit anderen Worten zu sagen: Für die Abzugsfähigkeit bildet entweder die Tilgung des entstandenen Verlustes durch Gewinn, der im Betriebsvermögen oerblie- hen ist, oder durch sonstiges Einkommen, das dem Betriebsvermögen zugeführt worden ist, die uner» läßliche Voraussetzung. Die durch den Verlust her- beigeführte Minderung des Betriebsvermögens muß also unter allen Umständen wieder beseitigt sein. Durch die Einführuna des Verlustoortrags soll die Erhaltung des Betriebskapitals und damit die Leistungsfähigkeit der wirtschaftlichen Unterneh­mung als solches gefördert werden. Diese Voraus- setzungen werden nur in vereinzelten Fällen gege­ben sein. Die wohltätigen Folgen des Gesetzes wer­den daher nur einem eng umgrenzten Kreis von Ge­werbetreibenden zugute kommen, und zwar nur solchen Personen, die in der Lage waren, nicht nur im Verlustjahre, sondern auch im Jahre darauf vom Kapital zu leben und den Gewinn unerhoben zu lassen. Es sind infolgedessen auch bereits Bestre- düngen im Gange, welche auf eine Aenderung des Gesetzes in dem Sinne hinzielen, daß auch den un­bemittelten Unternehmern, die den Gewinn haben aufzehren müssen, die Vergünstigung des Verlust- vortoags zuteil wird.

Erst mit einer solchen Gesetzesverbesserung wür- den alle Hoffnungen welche man auf die Einfiih. rUng des Verlustoortrags gesetzt hat, erfüllt werden.

Liebe in Kelten.

Vornan von Hans Mitteweider.

Copyright by Martin F uchtwanger, Halle (Saale).

14 Fortsetzung. Nachdruck verboten

Da wandte Käthe sich um. Ihr Gesicht war vollkommen farblos, ihre Lippen zuckten und ihre Augen waren weit geöffnet. Sie faltete die Hände, als sie nun stammelnd fragte: »Tante er ist tot?"

»Kind! Olein, nelnl Aber schwer verwundetI" Dann wird er sterbenI"

Käthe, ich begreife dich nicht! Olein, er lebt noch, und er hat dich gerufen. Der Arzt schickt, du sollst kommen! Von dir wird es abhängen, ob er am Leben bleibt oder nicht..

Von mir?"

Käthe, hast du denn vergessen...

Da schoß jäh daS Blut wieder in das Herz deS armen Kindes zurück und von dort aus in ihre Wangen. Käche konnte nicht fassen, was sie da horte Und doch erfüllte ein Glücksempfinden ohnegleichen auf einmal ihre Drust.

Felix hatte sie gerufen!

Olichts weiter wußte sie. Die Schatten der Qkr- gangenheit wichen zurück wie Olebel, die von der siegreichen Sonne zerstreut werden, rkvd mit beiden Händen umklammerte Käthe die Hände der Tante.

Wo, wo ist er? Tante, wir wollen zu ihm - gleich!"

.3d> wußte eS," erwiderte Frau Adelheid. Ja, wir fahren gleich. Ich will nur dem Voten Bescheid sagen."

Sie eilte fort. Käthe horte den Oteiter wieder fortsprengen. Dann ließ sie sich von der Tante inS HauS führen.

Eine halbe Stunde später fuhren -beide schon im Auto davon. Käthe wußte noch nicht einmal, wohin eS ging, sie wußte nur, daß sie ihn Wieder­sehen sollte ihn!

Und er war schwer verwundet! Aber er hatte sie gerufen i

Dor einem prächtigen, schloßähnlichen Gebäude, dessen beide Seiten von schlanken Türmen be­grenzt wurden, hielt der Wagen.

Eine sehr vornehm aussehende Dame tarn die Treppe der Rampe herab und umarmte Frau Adelheid, um sich dann sogleich Käthe zuzu- w enden

Fräulein von Bernsbruck?"

Weine Richte, liebe OHanon," erklärte Frau Dottrup.

Da erfaßte die Dame beide Hände Käthes, schaute ihr bittend in die blauen Augen und sagte

Don Ihnen wird das Leben meines Lohnes abhängen."

Das also war feine Mutter!

Für die Ende dieses Jahres vorzunehmenden Ersah- und Reuwahlen

in Gießen und Schlitz wird Termin auf Donners­tag, 21.November, bestimmt. Es find zu wählen: ein Ersatzmann für den durch den Tod aus- geschiedenen Fabrikdirektor Friedrich May, das zehnte Mitglied für den Wahlbezirk Gießen (Stadt) und das Mitglied für den neuen Wahl­bezirk Schlitz.

Oderheffen.

öer Grünberger Gatlusmarkt.

+ Grünberg, 16. Oft. Zum heutigen Gal - lusmarkt waren aufgetrieben: 694 Schweine, 40 Stück Rindvieh, ein Fohlen. Folgende Preise wurden erzielt: Ferkel bis zu 6 Wochen kosteten 30 bis 35 Wk., 6 bis 8 Wochen alte 35 bis 45 Mark, 8 bis 13 Wochen alte 45 bis 60 Mk.. Läufer 60 bis 80 Mk. Tendenz: flott, Markt geräumt. Beim Viehmarkt war der Handel eben­falls flott. Jungvieh von 6 Monaten an und älter kostete 150 bis 200 Mk., Kalbinnen 400 bis 500 Mk. Die Marktkommission kaufte für die Verlosung als 1. Gewinn ein trächtiges Rind für 450 Mk.

Landkreis Gießen.

is. Steinbach, 16. Oft. In einer Versamm­lung der Ortsgruppe Steinbach des Hessischen Bauernbundes, in der man zu der bevor­stehenden Gemeinderatswahl Stellung nahm, war beschlossen worden, an den Ar­beiterverein wegen Aufstellung einer ge­meinschaftlichen Gifte nach dem Verhält­nis 8:4, wie bei den vorhergehenden Wahlen, heranzutreten. Der Arbeiterverein lehnte diesen Antrag a b, so daß der Bauernbund nun in einer erneuten Versammlung am Sonntag be­schloß, eine eigene Liste aufzustellen.

* Llch, 16. Oft. Der Männergesangver- einCacilia", der älteste und stärkste Chor un­serer Stadt, konnte gestern abend seinem alten Sän­ger, Ehrenmitgliede Karl Schäfer, zur 50- jährigen aktiven Mitgliedschaft gratu­lieren. Mächtig erklangen die vom Jubilar gewähl­ten Chore des Vereins, die unter der sicheren Lei­tung des vortrefflichen Chorleiters E r n ft Ilge mächtig zur Entfaltung gelangten. Ehrenvorsitzen­der Heinrich Schmidt VIII., ein ebenfalls al­ter Getreuer der Sangeskunst, der auch noch aktiv im Chor steht, brachte die Glückwünsche der- cilia" in bewegten Worten zum Ausdruck. Wie sei­nem Bruder, Ehrenschriftführer Friedrich Schä­fer, der dieses goldene Jubiläum vor Jahren be­gehen konnte, werden dem alten Huldiger des Lie­des derEhrenbrief des Deutschen Sängerbundes", sowie die Ehrennadeln des Lahntalsängerbundes und des Vereins Überreicht werden. DieCacilia" kann mit berechtigtem Stolze auf ihre stattliche Zahl alter Mitglieder blicken, die über 40 und wie diese beiden Alten, über 50 Jahre aktiv als Sänger tätig sind.

-li- Hungen, 16. Oft Rach dem die Orts­durchfahrt Hungen, sowie die Dahn­st o f st r a ß e dem Verkehr wieder Übergeben sind, zeigen sich die Dor,üge der neuen Straßen- befestigung im besten Lichte. Die Staub­plage, unter der die Anwohner sehr zu leiden hatten, ist so gut wie beseit'gt. Gegenwärtig wer­den die Bürgersteige neu hergestellt. In die Mitte der verbreitert:n Fußsteige wird ein Zementplattenbelag hergericht t. Hier herrscht in diesem Jahre eine verhältnismäßig geringe Bautätigkeit. Es wurde nur ein Haus neu erstellt und das Dienstgebäude der hiesigen Spar­und Leihkasse im Innenausbau vollendet. In letzter Zeit ist noch mit dem Rohbau eines Einfamilienhauses begonnen worden- 2e ein Bau­vorhaben wurde mit Hilfe der Bausparkasse der Gemeinschaft der Freunde und der Deutschen

Die niedrigen Braugerstepreise.

Eine Aussprache im hessischen Wirtschafisministerium.

WSR. Darmstadt, 16. Oft. In der vor kur­zem zwischen der hesfischen Regierung und Ver- tretem der Landwirtschaft stattge.-abten Unter­redung war auch die Frage des niedrigen Preises für Braugerste angeschnitten worden. Am Dienstag hatten sich nun auf Ein­ladung des Ministers für Arbeit und Wirt­schaft K o r e l l die Vertreter hessischer Braue­reien, Mälzereien und des Braugerste- Handels im Ministerium eingefunden. Der Minister unterstrich in seinen einleitenden Wor­ten die seinerzeit ausgesprochene Behauptung, daß bei dem seitherigen niedrigen Preis für Braugerste die Landwirtschaft nicht auf ihre Kosten komme.

Dazu äußerten sich die Teilnehmer in längeren Darlegungen. Schuld an der auch von ihnen zugestandenen schwierigen Lage des heimischen Gerstenbcu.'s sei nicht die Brauindustrie, sondern die allgemeine ungünstige Lage. Die Überproduktion, die auch im Aus­land festzustellen sei, sei die Hauptursache dafür, daß gleich nach der Ernte die Preise sehr niedrig lagen. Insbesondere werfe z. B. die Tschecho­slowakei große Mengen von Qualitätsgerste zu niedrigen Preisen aus den Markt. Die rnch Menge u.ib Güte vor)Ügliche deutsche Ernte ^es Vorjahres bewirkte, daß man sich über Be­darf eingedeckt u.ib Vorräte in das neue Jahr herübergenommen habe. Rachdem nun die durch den langen Sommer verzögerte Malz- kampagne eingesetzt habe, sei eine nicht unwesent­liche Besserung der Preise zu verzeichnen. Die

flotte Abnahme bewirke, daß nach der letzten Baisse heute gute Posten mit 22 bis 24 Ml. be­zahlt werden. Der gegenwärtige Preis liege um 30 bis 40 Prozent höher, als der Durchschnitts­preis vor dem Kriege. Besonderer Rachdruck müsse aber daraus gelegt werden, daß als Braugerste nur Qualitätsware mit mindestens 95 Prozent Keimfähigkeit in Frage komme. Der Qualitätserzeungungmüsse im Interesse der Landwirtschaft die größte Be­achtung geschenkt werden. Als unmöglich, un­wichtig und abwegig wies man die Behauptung zurück, daß die Drauindustrie statt Gerste Reis verarbeite. Auch vor einer Ueberproduk- tion im Gerstenbau und vor dem augenblick- lichcn Ueberangebot des In- und Aus­landes wurde gewarnt. Reben diesen Fest­stellungen und Ratschlägen war von besonderem und aufmunterndem Werte die Versicherung meh­rerer Sprecher, daß sie für ihre Betriebe keine ausländischeGerste lez.ehen, sondern ihren Bedarf ausschließlich aus Hessen, der Pfalz und dem Rheingau eindecken. Anerkannt wurde auch die fördernde Arbeit der Braugersteringe verschiedener Landwirtschaftsämter. Von größtem Wert für die Absatzfrage seien die Verwendung ru: besten Saatgutes, geeignete Düngungs- und Pflegemaßnahmen und zweckmäßige Herrichtung der Erzeugnisse.

In seinem Schlußwort dankte der Minister für die offenen Darlegungen und kündigte an, ge­gebenenfalls die Aussprache auch über andere Dinge fort'u'etzen.

Wie geht es ihm?" fragte Käthe mit ver­sagender Stimme.

Ein Achselzucken war die Antwort. Dann sagte die Baronin:

Darf ich Sie gleich zu dem Arzte führen, Fräulein von Dernsbruck?"

Ach ja - bitte..."

Sie traten ins Haus. Käthe hatte keinen Blick für ihre Umgebung. Minuten später stand sie in einem Raune allein einem Herrn gegenüber.

Mainwald!" sagte er.

Käthe hatte den Ramen noch nie gehört, und wußte nicht, daß sie dem berühmtesten Arzte des Landes gegenüberstand, von dessen Kuren man sich Wunderdinge erzählte. Sie schaute nur in sein Gesicht und suchte in seinen Augen zu lesen ein Urteil über all ihr Glück, über sein Geben!

Auch der Arzt musterte sie prüfend. Er war noch gar nicht alt, vielleicht Mitte der Vierziger, und sah selber aus wie ein vornehmer Herr, der er ja auch war ein Fürst auf dem Ge­biete seiner Wissenschaft.

Fräulein von Bernsbruck", sagte er halblaut, ich danke Ihnen zunächst, daß Sie unserer Ditte so rasch entsprochen haben. Das Leben Herrn von Turnaus ist ernstlich bedroht. Meine Kunst würde zu Ende sein; und wenn ich trotzdem nicht alle Hoffnung aufgebe, dann geschieht es, weil ich viel von Ihrer Rähe erhoffe. Der Ver­unglückte ruft immer wieder Ihren Rainen. Er sehnt sich anscheinend nach Ihnen er liebt Sie. Und nun bin ich gezwungen, Sie zu fragen, ob Sie ...

Käthe hatte nur eins gehört!

Er liebt Sie!"

Weiter gab es für sie nichts, gar nichts. Und leise, kaun hörbar, sagte sie:

Ich liebe ihn!"

Da erhellte sich das Gesicht des Professors.

Welch ein Glück, das ich nicht zu hoffen wagte!" murmelte er.Ich fürchtete schon

Führen Sie mich zu ihm, Herr Professor," bat Käthe, ihn unterbrechend, und hob bittend die gefalteten Hände.

Gleich, gnädiges Fräulein," erwiderte Main­wald.Ich muß mich nur erst überzeugen, wie es um ihn steht. Aber ehe ich gehe, möchte ich Ihnen noch zweierlei sagen: erstens, daß Ihr Herzensgeheimnis bei mir wohlverwahrt ist, und zweitens, daß ich kaun einen Mann kenne, den ich für so geeignet halte, seine Frau glücklich zu machen!"

Ec berbcujtc sich tief und ging.

Käthe aber stand da, beide Hände auf das Herz gepreßt, das so voller Glück war und so voller Sorge! Sie wagte nicht au atmen, doch in ihren Augen war der Widerschein dessen, was sie empfand.

Die schrak zusammen, als eine Stimme an ihr | Ohr klang eine Frauenstimme Und sie wich erschrocken ein wenig zurück, als sie eine Gestalt

in Pflegerinnentracht vor sich sah.

Wer war das nur? Dieses Gesicht kannte sie doch? Und da hörte sie auch schon die Worte:

Kennen Sie mich wirklich nicht wieder, Fräu­lein von Dernsbruck? Ich bin Isolde Kletten. Da ich mich im Kriege als Pflegerin habe aus­bilden lassen, so habe ich mich sofort der (Baronin zur Verfügung gestellt, als ich von dem schweren Unfall horte. Sie brauchen sich nicht zu ängstigen, ich habe schwerere Fälle gehabt. ..."

Käthe stand regungslos.

Dieses Mädchen sollte Felix pflegen, sollte ständig um ihn sein? Hatte Tante nicht gesagt, daß sie Felix geliebt hatte? Wollte Isolde von Kletten ihn nun zurückgewinnen?

Doch nein, nein! Er hatte ja sie gerufen! Der Arzt hatte gesagt, daß Felix sie liebte!

Und Käthe richtete sich auf. Sie erwiderte nichts, sie neigte nur leicht das Haupt und wußte nicht, daß sie dadurch Isolde Kletten um den erhofften Triumph brachte.

Doch noch hatte diese andere Pfeile in ihrem Köcher. Sie hob wieder an:

Uebrigens, Fräulein von Dernsbruck, wir hatten während meines De uchs in Ronnen- werth, der mir durch die Güte Ihrer Frau Tante ermöglicht wurde, keine Gelegenheit, ein­ander näherzukommen. Ich habe schon damals eine Frage an Sie richten wollen. Sie kamen mir sehr bekannt vor. Haben wir uns nicht schon früher einmal irgendwo getroffen. Mir ist, als wäre es in einem Cafe gewesen. ..."

Käche sah die lauernd auf sie gerichteten Qlupen der anderen, sah ein hämisches Leuchten darin und wußte, daß chr hier eine tückische Feindin gegenüberstand, daß Isolde von Kletten, die ja damals in jenes Cas6 gekommen war, sie wiedererkannt, aber bis jetzt geschwiegen hatte.

Und sie wußte auch, daß Isolde noch immer Felix liebte und die Hoffnung noch nicht auf- gegeben hatte, ihn doch noch zu gewinnen.

Mochte fiel Sie fürchtete dieses Mädchen nicht. Und daß sie Kellnerin gewesen war, das konnte ihr niemand als Schmach anrechnen.

Rur das andere! Rlemals, niemals durfte Isolde Kletten etwas davon erfahren!

Käthe beherrschte sich so weit, daß sie lächeln konnte. Etwas von oben herab erwiderte sie leichthin:

Sie werden sich irren, Fräulein von Kletten. Und ich wundere mich, daß Sie diese Frage an mich richten, obwohl meine Tante selbst Ihnen gesagt hat, daß ich erst kürzlich aus Java ge­kommen bin.

Roch einmal fu ckelten die Augen ihres Gegen­übers, das indes keinen neuen Giftpfeil absenden konnte, feindselig auf, Da trat der Arzt ein, der, ohne Isolde zu beachten, sagte:

Wenn Sie mir jetzt gütigst folgen wollen, gnädiges Fräulein?"

Sofort eilte Käthe zu ihm. Auch Isolde Kletten wollte ihm folgen, doch er winkte fast barsch ab:

Dau- und Siedlungsgesellschaft Darmstadt auS- geführt.

i. Ettingshausen, 16. Oft. Gestern abend fand in der hiesigen Kirche eine k i r che n m u s i k a- lische Abendfeler zum Besten des Krüppel- Heims in Nieber-Rarnstadt statt. Die Feier wurde veranstaltet von Pfarrer K a l d h e n n und Sohne aus Großen-Buseck, dem bekanntenHornquartett Kalbhenn". Zum Vortrag kamen zwölf Programm- nummern, die Stücke echter, aller Kirchenmusik zu Gehör brachten. Die Meister: J.S. Bach, Heinrich Schütz, Phil. Nikolai und andere sprachen zu uns. Sehr dankbar wurde es auch begrüßt, daß Pfarrer Kalbhenn etwas schwerer zu verstehende Sätze vorher erläuterte. Das Gotteshaus war dicht gefüllt von andächtigen Hörem, die eine wirkliche Feier­stunde erleben durften. Für den guten Zweck konnte über 70 Mark den selbstlosen Veranstaltern des Abends mitgegeben werden.

Kreis Schotten.

Laubach, 16. Olt. In der gestrigen Sitzung des Gemeinderats wurde zunächst eine Eingabe von Witwe Anna Schott vom Laubacher Wald besprochen. Frau Schott beab­sichtigt, etwa 620 Quadratmeter Gelände von der Gemeinde zu kaufen zwecks Anlage eines Schuhparkes für ihre Hühnerfarm. Die Ge­meinde verlangt 50 Pf. für das Quadratmeter. Die Kosten des Verkaufs trägt die Käuferin. Die auf dem Gelände eingepflanz en Fichten soll die Käuferin der Gemeinde unentgeltlich überlassen. Rachdem das Erdreich durch die in letzter Zeit eingetretenen Riederschläge er­weicht worden war, konnte man mit der Aus­saat derWlnterfrucht anfangen. Mon­tag gegen 5 Uhr abends wurde von demRoten Derg" (1,5 Kilometer südlich der Stadt) eine stattliche Kette von Schneegänsen beobachtet. Die Vogel flogen in einem Haken. Ihre Zahl konnte nicht bestimmt festgestellt werden; es waren jedoch über 25 Stück. Sie kamen aus der Gegend von Freienseen und flogen in südlicher Richtung durch das Horlofftal gegen Gonterskirchen und Ulfa.

* We11erfeld, 17. Ott. Am kommenden Sonntag findet die Einweihung unserer wiederhergestellten Kirche statt, so daß unsere Gemeinde bann für ihre Gottesdienste wie­der eine stimmungsvolle Andachtsstätte besitzt. Zu der Feier hat Der Superintendent von Ober­hessen. Oberkirchenrat Wagner aus Gießen, fein Erscheinen zugesagt. Er wird im VormittagS- gottesdlenst zu der Gemeinde sprechen, die ihm als Sohn des früheren hiesigen Pfarrers keine fremde ist. Im Rachmittagsgottesdienst sprechen Dekan Schmidt von Grünberg und der be­kannte Volksschriftsteller Heinrich Raum an n von Ranzhausen.

Kreis Büdingen.

rL Büdingen, 16. Oft. Am 18. und 19. Ok­tober veranstaltet Prof. Dr. R o a ck aus Darm­stadt in der Aula des Wolfgang-Emst-Gym- nasimnS einen Stimmbildungskursus für Lehrer und Lehrerinnen des Kreises. Der Stun­denplan wird sich zusammensetzen aus Vorträgen über Atmung, Stimmbildung, Stimme der Schul- kinÄer, Männer-, Frauen- und Kinderstimmen, Lied- und Chorliteratur und über die Ziele des Schulgesangs, weiter aus Hebungen im Singen von Vokalen, Sätzen, Liedern, im Vomblattsingen und im Chorgesang. Außerdem finden Bespre­chungen unb Aussprachen statt.

Kreis Alsfeld.

L Rieder-Ohmen, 16. Oft. Anläßlich seines 82. Geburtstages erhielt bet Landwirt Iohs. Keil von bem Reichspräsidenten ein Glückwunschschreiben nebst Bild mit eigenhändiger Unterschrift. Der Jubilar ist einer der wenigen noch lebenden Veteranen von 1870/71 und noch verhältnismäßig rüstig. Auch der Krieger-

Ihre Gegenwart ist jetzt nicht vonnöten, Fräu­lein von Kletten!" sagte er.

Isolde wurde blaß vor Zorn; aber sie durfte ja nicht wagen, sich gegen diese Zurückweisung aufzulehnen. Käthe jedoch atmete auf, als Mainwalb ihr unterwegs sagte:

Wir haben eine erfahrene Schwester aus mei­ner Kllnif hier. Und nun, gnädiges Fräulein, darf ich Sie wohl bitten, daran zu denken, daß das Leben des Kranken einzig unb allein von Ihnen abhängt. Wenn Sie sich noch einmal prüfen wollen. ...

Da schüttelte Käthe den Kopf unb schaute ihn an, unb er wußte genug.

Schweigend öffnete er eine Tür unb ließ sie an sich vorübergehen.

Käthe sah in einen tierbunfelten Raum, sah ein Bett unb in ben Kissen ein blasses, ach, so blasses Gesicht, bas Haupt von Weißen Dinben blcht umhüllt.

Leise, leise trat sie näher, Schritt für Schritt, Immer noch beibe Hänbe auf bas unruhig klopfenbe Herz gepreßt.

Unb bann ...

Sie sah ble Augen, bie sie so liebte, sah sie leuchten wie damals, als Felix sie, bas arme, frembe Mäbchen so ritterlich betreut hatte unb sie horte seine Stimme, leise unb matt, aber so freudevoll, so rührenb in ihrem Zittern:

Käthe! Liebe, liebe Käthe!"

Lautlos entfernten sich Arzt unb Pflegerin. Käthe bemerkte es nicht.

Voll unendlicher Liebe schaute sie auf ben Mann nieber unb küßte ihn zärtlich, leise, ganz leise auf ben Munb.

Mühsam u ..schlang er ihre Schultern unb hielt sie an sich gepreßt; aber sie loste sich aus seinen Armen und streichelte ihm linb bie Wangen. Während sie vor dem Lager nicbcrfniete, unb inbem sie bann seine Hänbe mit ben ihren umschloß, raunte sie ihm zu:

Felix, ich hab' bich lieb!"

Käthe!" jauchzte er.

Da legte sie chm ihre Hanb auf ben Munb.

»Still, ganz still! Werbe erst gesunb, Liebster, ganz geu.ibl Willst bu?

Ob ich will, Käthe?!"

Dann ist alles, alles gut, unb nun schlafe, Felix, träune von mir. ...

Sie stand auf, strich ihm noch einmal über bie Wangen, schaute ihn noch einmal zärtlich an unb ging leise hinaus, rückwärts, so baß sie ben Blick seiner Augen bis zuletzt auf sich gerichtet fühlte.

Der Arzt, ber sie braußen erwartete, richtete keine Frage an sie. Er hatte es nicht nötig: er las ja auf ihren Zügen alles, was er zu wissen brauchte.

Er erfaßte Käthes rechte Hand unb drückte sie fest.

DankeI" sagte er leise.

(Fortsetzung folgt)