Aus Natur und Technik.
Petroleum und Erdgas.
Von Or. Emil CarthauS.
Mag sich das Erdöl, wie man früher annahm, aus organischen Substanzen, hauptsächlich durch Zersetzung von Lierleichen unter Luftabschluß gebildet haben, mag es, wie Prof. M o i s s a n auch auf experimentellem Wege gezeigt hat, aus Metallkarbiden, woran der Eisenkern der Erde sehr reich zu sein scheint, entstanden sein, jedenfalls liegt es in der Erdentiefe zwischen wasser- und luftdichte Tonschichten eingebettet. Mit den schwereren Kohlenwasserstoffen, aus denen sich Rohpetroleum zusammensetzt, kommen aber auch immer gasförmige vor, und diese bilden das sehr entzündliche Erdgas oder Naturgas, wie es die Amerikaner nennen. Natürlich lagert dieses Gas, wo sich genügend Raum bietet, immer über dem Erdöl. Wo das nicht der Fall ist und das Erdöl unter starkem Gebtrgsdruck steht, wird das Gas in das Petroleum hineingepreht wie Kohlensäure in Sodawasser. Naturgemäß sammelt sich das Erd- oder Oelgas besonders in den oberen Teilen der porösen ölführenden Gesteinsschichten an. und da diese wie alle älteren Gesteinsschichten Sättel und Mulden bilden, so sammelt cs sich vornehmlich in ersteren an, wahrend die Mulden vorwiegend Wasser in sich schließen. Deshalb sucht man auf den Oelfeldern besonders die Sättel im Schichtenprofil des Untergrundes anzubohren. Hier sieht man auch, weil sich in der tonigen Deckschicht durch Erdbeben oder Verschiebungen im Gebirgsbau bisweilen Risse bilden, nicht selten kleinere Mengen von Oel und Oelgasen als Anzeichen von größeren Lagerstätten in der Tiefe erscheinen. Beginnt man auf einem vielversprechenden Sattel mit dem Niederbringen eines Bohrloches, so wird mit seiner Tiefe die Menge des Rohöles und Erdgases meist nur sehr langsam zunehmen, so daß Ankundige leicht glauben könnten, die Menge der in dem Sattel angesammelten flüssigen und gasförmigen Kohlenwasserstoffe sei gar nicht groß. Der erfahrene Bohrmeister aber läßt sich nicht irreführcn. Weiß er doch, daß erst, wenn der Bohrmeißel die Deckschicht völlig durchstoßen hat, dem Oel und Oelgas der Weg zur Erdoberfläche wirklich geöffnet ist. Stehen die Kohlenwasserstoffe eines so erschlossenen Erdöllagers unter hohem Druck, dann brechen sie explosionsartig aus dem Bohrloch und entzünden sich sofort, -wenn sie über Tag mit brennenden Gegenständen in Berührung kommen. Auf diese Weise sind namentlich in früherer Zeit häufig riesenhafte Erdgas- und Erdölbrände entstanden, die enorme Werte an Heiz- und Leuchtmaterial vernichteten und außerordentlich schwer zu löschen waren. Trotz aller Vorsicht entstehen aber Brände bei heftigen Ausbrüchen von Erdgas aus den Bohrlöchern, oft ganz von selbst. Wird doch dabei zuweilen das schwere Bohrgestänge samt dem Bohrturm hoch in die Luft geschleudert. Da aber die Dohrapparatur aus Stahl und Eisen ist, wie leicht kann da durch starke Reibung oder heftiges Aneinanderprallen ein Funke entstehen und so das mächtig hervorbrechende Gas und Oel zur Entzündung kommen!
So soll auch der riesenhafte Gasbrand bei dem 75 Kilometer südöstlich von Bukarest gelegenen rumänischen Dorfe Moroni, über den kürzlich zu lesen war, ganz von selbst entstanden sein. Für die Heftigkeit des am 30. Juli plötzlich erfolgten Gasausbruches spricht schon die Tatsache, daß sich das Bohrloch unter dem gewaltigen Auftrieb des Oelgases sofort erweiterte und zwei Zentner schwere Steine aus ihm hoch in die Luft geblasen wurden. Das unter donnerndem Getöse sich aus dem Bohrloch entladende Gas war so stark zusammengepretzt, daß es infolge seiner plötzlichen Ausdehnung auf die durch den Druck verflüssigte Luft wie eine Eismaschine wirkte, die das unmittelbar am Bohrloch angesammelte Wasser schnell zum Gefrieren brachte. Dadurch erklärt es sich auch, daß das Oelgas erst in zwei Meter über dem Erdboden sich wieder so weit erwärmte, daß es entzündbar wurde, dann aber eine 15 0 Meter empor- lodernde Feuersäule bildete. Bis zu dem 40 Kilometer entfernt liegendes Dorf Plösti hin verwandelte sie das nächtliche Dunkel in Tageshelle, und die 1200 000 Kubikmeter Gas, welche sie stündlich verschlang, wären hinreichend gewesen, um Großberlin zwei Nächte hindurch taghell zu erleuchten.
In seiner Großartigkeit und Furchtbarkeit steht dieser Erdgasbrand einzig da: aber auch in anderen Erdölgebieten Haven solche Brandkatastrophen einen Sachschaden von vielen Millionen angerichtet. Wie ost sind über den Bohrlöchern der amerikanischen Oelselder riesenhafte Mengen von Erdgas in Flammen aufgegangen! In unserem eigenen Lande machte besonders ein im Oktober 1910 wahrscheinlich durch Unvorsichtigkeit entstandener Erdgasbrand bei Neuengamme unweit Hamburg viel von sich reden, ebenso wie in Oesterreich-Angarn zwei Jahre früher der von Kis Sarmas, welcher viele Monate hindurch Tag für Tag 90 000 Kubikmeter Oelgas verschlang.
Wo Crdgasbrände von so großen Ausmessungen auf den in Ausbeutung begriffenen Oelfeldern entstehen, sucht man ihnen aus finanziellen Gründen möglichst schnell Einhalt zu tun. Anders ist es jedoch bei den sogenannten „ewigen" Feuern — in Brand geratenen natürlichen Erdgasquellen, die schon seit undenklicher Zeit oder Jahrhunderte fortbrennen, aber mit kleiner, wenig Gas verzehrender Flamme. Zu diesen gehört vor allem das berühmte „ewige Feuer von Baku" auf der Halbinsel Apscheron des Kaspischen Meeres, welches heute noch wie vor tausend Jahren von den Parsen (Feueranbetern) für etwas Göttliches angesehen wird. Schon Aristoteles, Strabo und Plinius erwähnen ein nie erlöschendes und deshalb heiliges Erdfeuer in Albanien. Auch ein japanischer Bericht aus dem Jahre 615 vor Ehr. spricht bereits von einem solchen unter dem Namen der „Brennenden Wasse r". Noch weit größeren Sach- schaden als die Erdgasbrände der Oelselder ver- Ursachen die Flözbrände in den Stein- und Draunkphlenrevieren. Kaum eines ist verschont geblieben, und solche Brände sind schwerer zu löschen als die Erdgasbrände, obgleich bei dem mangelnden Luftzutritt die Kohlen in der Erdentiefe nur langsam fortglimmen und in Koks verwandelt werden. Drechen die Flözbrändr in Kohlenbergwerken aus, so sucht man die brennenden Strecken durch feuerfeste Mauern möglichst abzudichten, doch muß auch dann meistens der
ganze Grubenbetrieb wegen des massenhaften Kohlenoxyds und anderen giftigen Gasen völlig oufgegeben weLen. Den größten Amfang haben diese Kohlenbrände in den Steinkohlengebieten der Vereinigten Staaten angenommen. So sind — wie man sagt, durch streikende Bergleute — bei New Straitsville im Staate Ohio vor 45 Jahren sieben verschiedene Kohlenflöze in den Gruben in Brand gesteckt worden. Obgleich man ohne Rücksicht auf Ankosten alle Hilfsmittel angewandt hat, brennt das Feuer fort: es hat sich über mehr als 2000 Quadratkilometer — ein Gebiet, welches mindestens fünfzigmal so groß ist wie das eigentliche Stadtgebiet der Neunmillionenstadt London — ausgedehnt. Milliardenwerte von Dollars hat die unterirdische Feuersbrunst bis heute vernichtet, und ihr Ende ist noch nicht abzusehen. Einen im Staate Kentucky ausgebrochenen Brand von Steinkohlenflözen auszulöschen, gelang erst nach mehr als fünfzig Jahren unter Aufbietung riesen
hafter Geldsummen dadurch, daß man das Bett eines Flusses auf einer weiten Strecke verlegte und sein Wasser in die brennenden Gruben hineinleitete. Auch der deutsche Kohlenbergbau hat wiederholt mit Flözbränden zu kämpfen gehabt. Nutzen davon haben nur einige findige Gärtner im Zwickauer Kohlenrevier zu ziehen gewußt. Sie bedienten sich nämlich von 1837 bis 4865 der Wärme, welche infolge des über hundert Jahre anhaltenden Brandes der Kohlenflöze bei Planitz der Erde entströmte, zum Heizen ihrer Gewächshäuser.
Daß Stein- und Braunkohlen auf ihrer unterirdischen Lagerstätte auch durch Selbstentzündung in Brand geraten können, sieht man im nordbohmischen Draunkohlenrevier. Besonders an seinem Ost- und Südrand erscheinen alle die Kohle überlagernden Tonschichten, unverkennbar infolge einer teilweisen Verbrennung, gefrittet, sogar stellenweise geschmolzen.
Ringförmige Sonnenfinsternisse.
Von Professor Or. Küstermann.
Nachdruck verboten!
Am 1. November findet eine ringförmige Son- nenfinsternis statt, die als solche freilich nur auf einem sich durch den Atlantischen Ozean, Afrika und den Indischen Ozean hinziehenden Streifen in die Erscheinung tritt. Doch fällt ganz Afrika Vorderasien und der größte Teil von Europa wenigstens in das Gebiet der unvollständigen, nicht ringförmigen Verfinsterung.
Für die Zwecke der wissenschaftlichen Forschung sind ringförmige Verfinsterungen der Sonne nicht so wichtig wie vollständige, ihr Anblick aber mutz in höchstem Grade staunenerregend sein und an Seltsamkeit den einer vollständigen Sonnen-
es freilich auf die des Mondes art; denn seine Bahn um die Erde weicht von einer Kreisform stärker ab als die Bahn der Erde um die Sonne, die Folge davon ist, datz die Gröhe seiner Scheibe stärker veränderlich ist als die der Sonne. Während der Sonnenhalbmesser höchstenfalls etwa 16 Minuten und 18 Sekunden, mindestens aber 15 Minuten und 44 Sekunden beträgt, kann der Mondhalbmesser bis auf etwa 16 Minuten und 43 Sekunden anwachsen und auf 14 Minuten und 43 Sekunden herabsinken. In jedem Monat nimmt der Mond diesen Wechsel vor, und zu allen Jahreszeiten sind deshalb bei Erdnähe des Mondes vollständige, bei Erdferne ringförmige
Sonne
Erde
jMond
Bild 1. Ist die Erde von der Sonne und der Mond von der Erde so weit entfernt, daß der Mond für einen Beobachter B genau die scheinbare Größe der Sonne hat, so entsteht eine kurz dauernde vollständige Sonnenfinsternis, wenn sich der Beobachter in der Verlängerung der Verbindungslinie des Sonnenmittelpunktes mit dem Mondmittelpunkt befindet. — Rechts die Finsternis von der Erde aus gesehen.
Sonne
Bild 2. Ist der Mond weiter von der Erde entfernt, so daß er kleiner erscheint als die Sonne, so entsteht unter denselben Bedingungen eine ringförmige Sonnenfinsternis, deren Entstehung noch besonders begünstigt wird, wenn sich die Erde in Sonnennähe befindet, so daß die Sonne groß erscheint. Eine ringförmige Sonnenfinsternis kann aber auch für einen Beobachter A entstehen, wenn für den Beobachter B eine vollständige Sonnenfinsternis entsteht, nämlich dann, wenn der Beobachter A weiter vom Monde entfernt ist als der Beobachter B (Bild 1, gestrichelte Linien).
Bild 3. Ist der Mond sehr nahe an der Erde, so entsteht eine länger dauernde Sonnenfinsternis, die noch verlängert wird, wenn sich die Erde in Sonnenferne befindet.
Bilb 4. Steht der Mond nur teilweise zwischen Erde und Sonne, so entsteht eine unvollständige Sonnenfinsternis. Auch bei vollständiger oder ringförmiger Finsternis tritt für den weitaus größten Teil der Erde unvollständige Verfinsterung der Sonne ein. Der Streifen vollständiger oder ringförmiger Finsternis ist stets sehr schmal. Aus den Bildern geht dies deshalb nicht hervor, weil die Himmelskörper im Verhältnis zu ihren Entfernungen ganz vergrößert werden mußten. Bei richtiger Wiedergabe der Größenverhaltnisse wäre bei bem verfügbaren Raum die Sonne nur noch eben sichtbar, wenn die Erde und natürlich erst recht der Mond für das bloße Auge unsichtbar blieben.
sinsternis womöglich noch Übertreffen. Bei jeder ringförmigen Verfinsterung gibt es ja auf der Erde einen allerdings nur sehr schmalen Gürtel, streng genommen sogar nur eine Linie, für die der Mond ganz genau vor die Mitte der Son- nenscheibe tritt, allerdings nut für einen Augenblick, dann wandert er nach links weiter. Die Dauer der ringförmigen Verfinsterung beträgt für diese Linie diesmal drei bis vier Minuten. Schon in einer Minute wird man also die Wanderung des Mondes - wohlgemerkt, seine Verschiebung gegen den Sternhimmel, nicht feinen 2luf- oder Untergang — mit bloßem Auge feststellen können: denn sofort nachdem die Mitte der Finsternis überschritten ist, wird das schmale als Kreislinie leuchtende Band, als das uns die Sonne erscheint, links schmäler und rechts breiter- Ein merkwürdiges Schauspiel, und man möchte schon eine kleine Reise nach dem Kongostaat unternehmen, um seinen Anblick genießen zu können.
Voraussetzung für das Zustandekommen einer ringförmigen Finsternis ist natürlich, daß die Scheibe der Sonne größer erscheint als die des Mondes. Dies wird im Winter häufiger der Fall sein als im Sommer, weil uns die Sonne I un Winter näher steht und folglich auch eins grotzere Scheib? zeigt als im Sommer. Noch 1 '"ehr als auf die Stellung der Sonne kommt
Sonnenfinsternisse möglich, wenn auch die vollständigen im Sommer, die ringförmigen aber im Winter überwiegen werden. Dm Umstand, daß der Unterschied der scheinbaren Größe von Sonne und Mond unter allen Umständen gering ist, ist es zuzuschreiben, daß die Dauer sowohl einer vollständigen als auch einer ringförmigen Finsternis niemals groß ist und im Höchstfall etwa acht Minuten betragen kann. Aber das wird natürlich äußerst selten eintreten, weil dazu größte Sonnennähe mit größter Mondferne z ifammentreffen muß oder umgekehrt. Finsternisse, wie die vom 9. Mai d. I., deren Dauer über fünf Minuten betrug, sind schon sehr selten.
Der Umstand, daß sich die Sonnen- und die Mondscheibe immer nur wenig an Größe unterscheiden, hat noch eine weitere merkwürdige Folge. Mitunter können nämlich selbst die kleinen Entfernungen auf der Erde entscheidend ins Gewicht fallen; denn für die näher an Sonne und Mond liegenden Erdteile wird der verhältnismäßig nahe Mond größer erscheinen, während dies der weit entfernten Sonne gegenüber utchts ausmacht. Für diese Teile kann dann eine vollständige Sonnenfinsternis sein, für die toeiter entfernten Erdteile aber eine ringförmige. Dieser merkwürdige Fall wird in der Tat am 28. April nächsten Jahres eintreten.
Rund um den Gibraltartunnel.
Don (5. von Llngern-Sternberg.
In Tarifa haben die Vorarbeiten für den Tunnelbau begonnen.
Ein technisches Wunderwerk ist im Entstehen: unter die Meerenge von Gibraltar soll ein Tunnel gegraben werden, der das europäische Festland mit Afrika verbindet und der es ermöglichen würde, wenn sich auch der Tunnelbau unter dem Kanal verwirklicht, im Schnellzuge von London über Marokko und die Sahara ohne umzufteigen die Urwälder des Kongo und Kapstadt zu erreichen. Der Phantasie ist ein weiter Spielraum gelassen, Traum- aebilde häufen sich für die nahe Zukunft, Raum und Entfernungen werden als Barrieren im Verkehr der Menschheit überwunden, und das, was gestern noch unmöglich und widersinnig erschien, ist.heute Tatsache geworden und wird morgen überholt und durch neue Wunder erweitert. Von Unterseebooten und von interplanetarischen Raketenflügen phantasierte Jules Verne, aber ein Gelehrter hätte gelächelt, wollte jemand den Verfasser ernst nehmen und an die Möglichkeit der Reisen von Remo denken. Auch der Tunnelbau unter dem Kanal und unter der Straße von Gibraltar, die schon lange als Wunschgebilde aufgestellt wurden, wurden von Fachgelehrten als technisch undurchführbar bezeichnet und mit den Phantasien Jules Vernes verglichen. Run soll aber der Tunnelbau unter der Meerenge doch Wirklichkeit werden.
In Tarifa haben, wie die spanischen Zeitungen berichten, die Vorarbeiten für den Tunnel begonnen. Eine Kommission ist dort eingetroffen, nimmt Messungen vor, untersucht die geologischen Verhältnisse, berechnet Kostenanschläge, macht Bohrungen und will bereits in den nächsten Monaten mit Grabungen im großen Stile beginnen. Die Meerenge ist zwischen Gibraltar und dem gegenüberliegenden afrikanischen Festlande etwa 30 Kilometer breit. Man kann von Europapoint in Gibraltar bei klarem Wetter deutlich die Häuser von Ceuta erkennen, man sieht die Schluchten und Felsen der Rifberge, die sich unwirtlich und steil aus dem Meere erheben. Aber nicht dort an der engsten Stelle soll der Tunnel gegraben werden, die Mündung wird vielmehr nach Tarifa verlegt, wo die Bedingungen günstiger find und wo das gegenüberliegende Afrika weniger wild und ungastlich ist. Seit die Phönizier und Römer ihre Legionen an die Ufer des Atlantischen Ozeans entsandten, feit die alte Maurenherrlichkeit in Fez entstand, haben alle, Eroberer und Kulturträger, es vermieden, die Rifberge zu kreuzen, die sich etwa 300 Kilometer lang und 80 Kilometer tief längs der Mittelmeerküste dahinziehen, und die auch heute noch von fanatischen Kabylenstämmen bewohnt werden, die jeden Europäer und Christen als Feind betrachten und zu deren Gebirgsdörfern nur unzulängliche Maultierpfade führen. So soll denn auch der Gibraltartunnel das Rifgebiet umgehen und zwischen Tanger und Tetuan am afrikanischen Ufer münden.
Heute endet in Gibraltar, ober richtiger in Algeciras die große Bahnlinie, die via Madrid ans Ende Europas führt. Aus der flachen Küste, steil, an der Nordseite überhängend, erhebt sich der gewaltige Gibraltarfelsen, über dessen Gipfel, namentl h bei Ostwinden, ständig eine Dunstwolke schnn'u. Man sagt: der Felsen raucht seine Pfeife. Am Wc't- abhang klebt die Stadt Gibraltar mit einer Zivilbevölkerung von ungefähr 35 000 Einwohnern, fcvu kommt die sehr bedeutende Garnison. Ausländ' n ist die Ansiedlung in Gibraltar untersagt, aber jeder Fremde erhält ohne alle Schwierigkeiten — sei es, daß er auf den hübschen Dampfern die zw?n'"g Minuten dauernde Fahrt von Algeciras über d e Bucht unternimmt oder daß er auf dem Landwege über Waterport die Stadt betritt —, ein Ticket ausgehändigt, das ihm einen Tagaufenthalt im Festungsgebiet gestattet. Will er übernachten, so muß ein Einheimischer für ihn die Bürgschaft übernehmen. Da jeder Hotelbesitzer dazu berechtigt ist, so bietet das Uebernachten keine Schwierigkeiten, nur für einen etwas längeren Aufenthalt muß eine besondere Genehmigung erwirkt werden. Jeden Abend mit Sonnenuntergang wird ein Kanonenschuß von der Spitze des Calpefelsens abgefeuert. Gleichzeitig zieht unter klingendem Spiel eine Patrouille durch die Hauptstraße der Stadt, voran ein Sergeant, der die unförmigen Schlüssel der Festungstore trägt. Run muß jeder Unberechtigte den Boden von Gibraltar verlassen. Der letzte Dampfer geht nach Algeciras, und die Tore von Waterport, durch die man in die spanische Grenzstadt „La Linea de la Concepcion" gelangt, werden geschlossen.
Gibraltar, das die Spanier „als Dorn in ihrem Fleisch" bezeichnen, bietet mit seinen indischen und Malteserläden, mit dem bunten Gemisch der Touristen, deren Dampfer auf dem Wege nach dem Orient im Hafen anzulegen pflegen, ein fremdartiges und interessantes Bild. Im Hasen schaukeln sich englische Kriegsschiffe und Dampfer aus aller Herren Länder. Auch der Verkehr nach Tanger und Ceuta flutet meistens über den englischen Hafen, respektio über Algeciras. Die Fahrt nach Tanger dauert drei bis dreieinhalb Stunden, ist aber das Wetter in der Meerenge stürmisch, so kann die Reise auch einen halben Tag und mehr in Anspruch nehmen, und manche Schisse sind schon von den kochenden Wogen, die turmhoch anstürmen und die Meerenge in einen brodelnden Kessel verwandeln, verschlungen worden. Das spanische Kriegsschiff „Reina Christina", das einen Abgesandten des Sultans von Marokko aus Tanger abholen sollte, versank bei einer Sturmfahrt vor etwa dreißig Jahren in den Fluten. Niemand wurde gerettet und niemand weiß, wohin die Unterströmungen im Meer die Reste des Schiffbruchs getrieben haben. Das Mittelmeer und der Ozean prallen in der Meerenge aneinander und bilden, allein schon durch den Unterschied in Ebbe und Flut, zahlreiche gefährliche Wirbel und Strömungen; dazu kommen die heftigen Winde, die namentlich im März und November orkanartig anzuschwellen pflegen. Es gibt deshalb Tage, an denen jede Verbindung zwischen den beiden einander so nahen Kontinenten ausgesetzt werden muß, weil die Schiffe den Hafen nicht verlassen können. Sollte nun der Tunnel unter der Meerenge verwirklicht werden, so wird die Straße von Gibraltar nicht mehr als Trennungsstrich zwischen Europa und Afrika gelten dürfen. Heute bedeutet eine Fahrt von Gibraltar nach Tanger noch einen Sprung ins Märchenland. Durch den Tunnel werden sich die Verhältnisse ändern, durch den Weg unter dem Meere wird Afrika dem Geiste Europas nähergebracht. Bei den schwierigen Unterhöhlungsarbeiten des Meerbodens, beim Anlegen der Luftschachte usw. werden Hunderttausende Brot und Verdienst finden, und die Welt wird um ein neues technisches Wunder reicher sein.
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