Ausgabe 
16.9.1929
 
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und Lorenz aus Itzehoe verhaftet. Ferner wurde ein Besitzer Detlev Hein Hennings aus Oesterfeld bei St. Annen fe ft genommen, der bei dem Schleswiger Bombenanschlag beteiligt gewesen sein soll. In Hohn bei Rendsburg wurde heute nacht der Dentist B e st m a n n verhaftet. Im Anschluß an die Verhaftung wurde eine eingehende Haussuchung oorgenommen. Bestmann ist ver­schiedentlich, so am 1. August, in Neumünster in Landvolkversammlungen als Redner ausgetreten.

Techow und Laß aus der Hast entlasten.

Eine Erklärung.

Berlin, 15. Sept. (£U.) Zu den Festnahmen im Zusammenhang mit den Bombenanschlägen der letzten Zeit teilen die am Sonntag aus der Polizeihaft entlassenen Herren Gerd Techow und Werner Laß der Presse folgendes mit:Herr Laß und ich sind von der Abteilung la des Berliner Polizeipräsidiums festgenommen worden, anscheinend auf eine anonyme Anzeige hin, denn es wurde behauptet, daß am Abend des 10. September in der Wohnung von Herrn Laß eine gemeinsame Bespre­chung stattgefunden habe, zu der sieben unbe­kannte Herren in einem Auto vorgefahren seien. An dieser Besprechung sollten ein Herr Dr. Su­linger, Herr Ernst v. Salomon, Laß, Techow und andere teilgenommen haben. Eine solche Besprechung hat nie stattgefunden und ein Auto mit sieben Herren ist bei Herrn Laß Wohnung überhaupt nicht vorgefahren. Untere Festnahme erstreckte sich über fünf Tage, Anschuldigungen irgendwelcher Art sind von selten der Polizei gegen uns überhaupt nicht vorgebracht worden und der gegen uns ausgesprochene Verdacht der Beteiligung an den Bombenanschlägen konnte durch nichts gerechtfertigt oder begründet werden. Wir wurden von Llnterbeamten vernommen, die uns über unseren Lebenslauf, über Reisen, Be­kannte und ähnliche allgemeine Dinge zu Proto­koll verhörten. Aus den bei uns beschlagnahmten Schriftstücken Hut sich nicht der geringste Verdacht gegen uns ergeben, und es konnte auch aus diesem Material kein Vorwurf gegen uns hergeleitet werden. Ein Zusammen­hang zwischen der Schill-Affäre und den Bombenanschlägen ist in das Reich der Fabel zu verweisen." Die Herren Techow und Laß teilen weiter mit, daß sie sich Vorbehalten, wegen der Vorgänge gegen die Polizei Strafanträge zu stellen.

Oie Tuntenhausener Bauern­versammlung.

Die Politik der Bayrischen Bolkspartei.

München, 16. Sept. (Tel.-Lln.) Die Ge - ner alversarnrnlungen des bayeri­schen patriotischen Bauernvereins in Tuntenhausen haben seit vielen Zähren eine besondere Bedeutung dadurch erlangt, daß die Minister der Bayerischen Volkspartei dort die Richtlinien ihrer Politik entwickelten und die Parole für die politische Arbeit der nächsten Zeit ausgegeben wurde. Zn Vertretung des- verhinderten Ministerpräsidenten Dr. Held war der bayerische Kultusminister Dr. Gol­denberger erschienen, der in einer längeren Ansprache auf den Kampf Bayerns um die Erhaltung seiner Selbständig­keit verwies und betonte, daß es mehr denn je gelte, die finanzielle Abhängigkeit vom Reiche zu beseitigen, um die Selbständig­keit Bayerns wiederzugewinnen. Auch die übrigen Redner gingen mit dem Kultusminister in der Forderung einig, daß die Zentralisierungsbe­strebungen energisch zu bekämpfen seien. Der Reichstagsabg. H o r l a ch e r (B. Vp.) sprach zum- V o u n g p l a n und Volksbegehren. Er erkannte an, daß der Voungplan auf die Dauer ebenso undurchführbar fei, wie das Da­wesgutachten, daß er aber noch zunächst eine Erleichterung bringe. Entschieden wandte er sich gegen das Volksbegehren, das keinen praktischen Erfolg verspreche und nach außen hin einen schädlichen Eindruck hinterlassen

Waller Gruber:

Der Hessische Landboie".

Uraufführung im Hessischen Landestheater Darmstadt.

Dieses Blatt soll dem hessischen Lande die Wahrheit melden, aber wer die Wahr­heit sagt, wird gehenkt ..."

Die sonntägliche Uraufführung, mit der gestern im Kleinen Hause des Landestheaters zu Darm­stadt die Winterspielzeit eröffnet wurde, ver­mittelte die Bekanntschaft mit einem neuen Ra­inen, über den die Rachschlagewerke keine Aus­kunft geben: Walter ©ruber.

Sein Stück im Textbuch: Tragödie, auf dem Zettel: Schauspiel in vier Akten ist ein Büch­ner-Drama und gleichzeitig eine Staatsaktion-, geschildert wird jene mißglückte hessische Der- fchwörung, welche in den Zähren 1834 und 1835 zwischen Gießen, Butzbach und Darmstadt sich ab­spielte und mit den Rainen Büchners und Wei- digs, auch mit derGesellschaft der Menschen­rechte" aufs innigste verbunden ist.

Da andererseits die Gestalt Büchners durch­aus im Mittelpunkt der Ereignisse steht, ist kaum zu verkennen, daß es sich hier nicht um den Dich­ter, sondern um den politisch leidenschaftlich inter­essierten Gießener Studenten handeln sollte.

Es wird hier nur eine Seite seines Wesens ins Licht gerückt ... und leider gerade die, welche uns heute, nach hundert Zähren, am wenigsten interessiert.Der Hessische Landbote" kann uns heute nur als ein Rebenwert gelten, und jene ge* .scheiterte Revolte gegen die staatliche Reaktion in Hessen ist uns eine vollkommen historische Angelegenheit ... während Büchners Gestalt mit gerade allen übrigen, unpolitischen Wesens­elementen seiner genialischen Erscheinung uns stets wichtig und, kraft ihrer Zugendlichkeit, in einem höheren Sinn aktuell bleiben wird.

Das Stück weist einen Stil auf, wie er von Büchner selbst (und Grabbe) begründet wurde und in einer Rebenlinie des deutschen Dramas bis in unsere Gegenwart hinein erhalten ge­blieben ist, wo er etwa in den Stücken Wede­kinds wieder lebendig und von hier aus in den

könne. Die Zustimmung zum Poungplan könne nur erfolgen, wenn die Räumung abfotut ge­sichert und keine weitere französische Militär­kontrolle zu befürchten fei. Die Einsparungen im Haushalt müßten zur Beseitigung der Renten­bankzinszahlungen der deutschen Landwirtschaft verwendet werden.

Unter stürmischen Jubel ergriff u. a. auch Ge­heimrat Dr. Heim, der bekannte bayerische Bauernführer, das Wort zu einer Ansprache, in der er der Regierung Anerkennung für den bisherigen Abwehrkampf gegen den Zentralis­mus zollte. Der Anschluß Oesterreichs werde nur erfolgen, wenn der Föderalismus zum Siege ge­

lange. Das Volksbegehren sei außerordent­lich zu bedauern, weil man ebenso darüber ab­stimmen könnte, daß ab 1. Januar die Maul- und Klauenseuche aufzuhören habe. Zur Agrar­frage erklärte Dr. Heim, daßBauern feit der Revolution nichts anderes seien als die Polandi der Berliner Strizzi". Es müsse endlich dafür gesorgt werden, daß die Rentabilität der Landwirtschaft wieder gesichert werde. Auch eine Reihe anderer Redner unterstrich die For­derungen der Landwirtschaft, wie sie in dem Programm derGrünen Front" zum Ausdruck kommen.

Der Kompromißvorschlag für die Mform der Arbeitslosenversicherung.

Frankfurt a. M., 16. Sept. (Funkspruch. Privatmeldung.) DieFrankfurter Zeitung" mel­det aus Berlin zu dem zwischen dem Reich und Preußen vereinbarten Kompromißvorschlag zur Regelung der Arbeitslosenversicherungsreform: Alle schwierigen Punkte, wie die Frage der An­wartschaft der Saisonberufe, der Leistungen und der Beitragserhöhung bilden nun­mehr einen besonderen Gesetzentwurf, befristet bis zum 31. März 1931. Erst zu diesem Zeitpunkt soll dann endgültig entschieden werden, in welcher Form auch diese Fragen für dauernd in das Gesetz für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung hineingearbeitet wer­den können. Das Blatt gibt den neuen Gesetz­entwurf im Wortlaut wieder.

Der § 1 des Entwurfes sieht vor, daß Ar­beitslose aus Berufen und Gewerben, in denen eine regelmäßig w ie d e r ke h r e nde Arbeitslosigkeit berufsüblich ist, die Llnterstühungssähe der nächstniedrige­ren Lohnklasse erhalten. Rach §3 dauert die Wartezeit bei Arbeitslosen der Lohnklassen 1 bis 11, drei, zwei oder eine Woche, je nach der Zahl der zuschlagsberechtigten Angehörigen. § 4 bestimmt, daß der Beitrag zur Reichs­anstalt für das Reichsgebiet einheitlich 3,5 v. H. des maßgebenden Arbeitsent­geltes beträgt. Rach §5 ist für Saison­arbeiter der Beitrag zur Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung um 1 v. H. des maßgebenden Arbeitsentgelts höher als der Beitrag, der im übrigen zur Reichsanstalt zu entrichten ist.

Das Gesetz soll am 1. November 1929 in Kraft treten und gilt bis zum 31. März 1931. Gegenüber der ursprünglichen Regierungsvorlage, bei der ein Defizit von 47 Millionen geblieben war, kommt dieser neue Gesetzentwurf in seiner finanziellen Auswirkung zu einem aus Mehreinnah­men und Minderausgaben zusammengesetzten neu

gewonnenen Betrag von 41 Millionen. Da außer­dem die ursprüngliche Regierungsvorlage Erspar­nisse von 92 Millionen erzielt, und diö allgemeine Beitragserhöhung von 0,5 v. H. die Summe von 106 Millionen einbringt, so ergeben die beiden kom­binierten Gesetzentwürfe zur Deckung des Gesamt­defizits 279 Millionen den Betrag von 273 Mil­lionen. Es bliebe also ein letzter Fehlbetrag von 6 Millionen, von dem man aber an­nimmt, daß er gleichfalls durch d i e Beseiti­gung von Mißständen noch abgedeckt werden kann. Mit einer glatten Annahme des Kom­promisses ist indessen kaum zu rechnen, da die W i - der stände gegen die Beitragserhöhungen sehr stark sind. Gegen die Sonderbelastung der Sai­songewerbe mit einem Sonderbeitrag von 1 v. H. des Lohnes wird besonders ins Feld geführt, daß dadurch die an sich schon schwie­rige Lage des Baugewerbes verschlimmert werden würde.

Landgemeinden

und Arbeitslosenversicherung.

Wesselburen, 14. Sept. (WTB.) Der Ge­samtvorstand des Deutschen Landgemeindetages befaßte sich u. a. mit einer Reform der Arbeits­losenversicherung. In einer Entschließung wird die Rotwendigkeit einer Reform der Arbeits­losenversicherung anerkannt. Insbesondere seien zur Beseitigung eines weiteren Mitzbrauchs der Arbeitslosenversicherung die Fragen der ver­schuldeten und unverschuldeten Ar­beitslosigkeit sowie der berufsübli­chen Arbeitslosigkeit (Saisonarbeiter) in dem Abänderungsgeseh zu klären. Es dürfe jedoch nicht die Arbeitslosenversicherung zu ungun- sten der gemeindlichen Finanzen e n t l a st e t werden. Die Folge einer derartigen Maßnahme könnte nur eine wesentliche Er­höhung der Real steuern fein.

AMsmierÄiMß der christlichen Gewerkschaften

WSR. Frankfurt a. M., 15. Sept. Der 12. Kongreß der christlichen Gewerkschaften Deutschlands wurde vom ersten Vorsitzenden des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften Deutschlands, Berhard Otte, Berlin, am Sonn­tag eröffnet. Otte gab einen Ueberblid über die Arbeit, die seit dem ersten Kongreß 1899 in Mainz geleistet worden ist. Er sprach von der großen Stellung der Gewerkschaft im Volk, wies aber auch auf die große Verantwortung hin, die die christlichen Gewerkschaften heute tra­gen. Er schloß mit der Aufforderung, auch in Zeiten der Krise und Rot den Glauben an die Sendung der christlichen Gewerkschaften und den Willen zur Tat und zur Stärkung der sitt­lichen Kräfte des Volkes nicht zu verlieren. Reichsarbeitsminister Dr. Wissell führte nach kurzen Dankes- und Begrüßungsworten u. a. aus: Ihre Tagung fallt in eine Zeit, in der der sozial­politische Kampf aus der ganzen Linie entbrannt ist. Zn der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung muß was nicht oft genug betont werden kann das Trennende möglichst zurückgedrängt und das Einigende in denVordergrund gerückt

werden. Des Einigenden und des Verbindenden zwischen den einzelnen Gewerkschaftsrichtungen ist ja erfreulicherweise genug vorhanden, wenn auch Unterschiede, die in der Weltauffassung wurzeln, einen gewissen Trennungsstrich gezogen haben. Daß im Kampf um grundsätzliche Errungenschaften und sozialpolitische Forderunaen zwischen den christlichen und den freien Gewerkschaften kein Meinungsunter­schied besteht, dessen bin ich gewiß. In dieser Ueber- zeugung bin ich wieder gestärkt worden durch die Haltung der christlichen Verbände gegenüber den Bestrebungen gewisser Kreise, die die Grundgedan­ken unserer Sozialversicherung ablehnen und diese abbauen oder durch andere Maßnahmen ersetzen wollen. Auch die Angriffe gewisser Kreise gegen die Arbeitslosenversicherung sind auf nicht viel anderem Boden wie jener allgemeine Angriff gegen die ganze deutsche Sozialpolitik und die Sozialversicherung im besonderen gewachsen. Wenn es auch unter den Gewerkschaften verschiedene Ansichten über die Lösung des Problems der Ar­beitslosenversicherung gibt, so gibt es doch über das Endziel nur eine Meinung. Die Gewerkschaften aller Richtungen haben sich von vornherein dazu bereit

Expressionismus übernommen wird: eine lockere Folge meist kleiner Auftritte, ein Szenarium im Bilderbogenstil.

Solche Technik ist freilich bald ein Vor­wand zur Bemäntelung mangelnder dramatischer Kräfte geworden: und auch hier scheint sich uns ein Haupteinwand gegen das Stück daraus zu ergeben, daß die Fabel keineswegs mit jener inneren Rotwendigkeit, die eine echte Tragödie voraussetzt und eine Tragödie sollte ja wohl hier geschrieben werden, aufs Drama hinwies.

Der Stofs hätte vielmehr und mit wesentlicherer innerer Begründung eine Rovelle ergeben, viel­leicht vor den weiter gestellten Kulissen jener Zeit einen Roman. Das Stück bleibt im Grunde rhetorisch und erzählend: das heißt: die Entwicklung seiner treibenden Kräfte ist nicht oder nur selten einmal in wirklich dramatische Bewegung umgeseht.

Es lebt von Episode, Bild, Monolog, Dis­kussion, Idyll,. .. was alles ebensogut und besser in epischer Form hätte gegeben werden können. Die entscheidende Frage die sich gerade in letzter Zeit bei zahlreichen modernen Schau­spielen auf drängte hat nicht zu lauten: ist die Fabel mit einigem Geschick für die Bühne, für Schauspieler und Publikum zurechtgemacht worden? sondern: konnte die Fabel nur mit den Mitteln und Möglichkeiten des Dramas erfaßt und gestaltet werden dergestalt, daß alle andern Mittel und Möglichkeiten ausgeschaltet waren?

Daraus muß es eine klare und unzweideutige Antwort geben: die Frage ist in unserem Fcckl entschieden zu verneinen.

Also: eine theatralische Chronik mit falschenVer- zeichem Dildersolge: geschichtliches Panorama für die Bühne. Unverkennbar ist dabei ein gründ­liches. fleißiges Studium der thematischen Er­eignisse und eine rückwärts gewandte Objektivität; augenfällig auch das Bestreben, die Dinge un- verzerrt darzustellen und aufeinander folgen zu lassen, wie sie wahrscheinlich sich abgespielt haben.

Die wichtigste Quelle ist wohl Büchner selbst gewesen. Aus demLandboten" (vom Juli 1834) sind die heute noch eindrucksvollen, kräftigsten Argumente übernommen; auch Briefstellern so

an die Familie: Gießen, 2. Juli 1834 sind ziemlich wörtlich benutzt worden.

In der Anatomie, vor der Leiche, hebt sich Büchners geistige Gestalt zuerst aus dem Kreise der anderen Studenten heraus: durch den Freund Minnigerode gerät er in die Verschwörung des Geheimen Bundes", bald auch in Gegensatz zum Pfarrer Weidig von Butzbach, der die Bewegung aus seine Weise betreibt und Büchner imLand­boten" später mit religiöser Redigierung das Konzept verdirbt.

Von der Gegenseite, der hessischen Regierung, taucht als Zwischenträger, Spitzel und Schürer der ebenso ehrgeizige und energische, wie phan­tasiebegabte Kuhl im Kreise der Verschwörer auf er arbeitet dem reaktionären Hof rat Georgi in die Hände und treibt dennoch, zur Bewunde­rung für Büchner hingerissen, ein doppeltes Spiel.

DerLandbote" tut nicht die erhoffte Wirkung. Die Burschenschafter sagen sich los, die Liberalen schwenken empört ab, die Dauern und gemeinen ßeute, auf die es ja abgesehen war, sind zu stumpf und denkträge, um schnell entzündet zu werden. Im entscheidenden Augenblick bricht Büchner aus, flieht zur Braut... und kehrt zurück, als es schon zu spät ist.

Die Gegenminen springen Schlag auf Schlag: die Druckpresse wird entdeckt, die Anschläge ver­raten, Gefangene gemacht, Minnigerode verhaftet. Dessen Befreiung mißlingt. Kuhl läßt endlich die Maske fallen, und auf die letzte Hiobspost, daß Minnigerode im Kerker starb, entschließt sich Büchner um der Sache willen zum zweiten Male, in letzter Stunde, zur Flucht.

Das Stück wird zerredet, ertrinkt in Wort­schwall und Schau-Spiel: die kurzen Szenen mit der Straßburger Braut, Minna Jaegle, sind fein empfunden, aber, völlig undramallsch, nur als lyrische Stimmungsbilder zu werten. Auch Büchners Gestalt bleibt merkwürdig unbewegt, obwohl sie im Mittelpunkt des Szenariums steht. Gut und im dramatischen Sinne aktiv sind die Begegnungen zwischen Kuhl und dem Rat Georgi. Die erste Verhandlung der beiden (I 6) war eigentlich die innerlich stärkste Szene, wäh­rend die große Versammlung (II 3) recht gestellt und theatralisch wirkte.

erklärt, an der Beseitigung vorhandener Mißstande mitzuarbeiten. Eins kann man aber jetzt schon mit Bestimmtheit sagen: gerade die Beratungen über die Reform der Arbeitslosenversicherung haben mit Deutlichkeit gezeigt, wie fest der Dersicherungsge- danke im deutschen Volk und in der deutschen Ar­beiterschaft verankert und wie wenig die Arbeit­nehmerschaft gewillt ist, daran rütteln zu lassen.

Rach weiteren Begrüßungsansprachen hielt so­dann Reichsminister a_ D. Dr. Giesberts- Berlin ein Referat überDie christlichen Ge­werkschaften und das deutsche Volk". Er stellte mit Genugtuung fest, daß Deutschland auf dem Gebiete der sozialen Gesetzgebung große Fort­schritte gemacht hat. Tarifrecht und Arbeitsrecht, Versicherungsgesehgebung, Arbeiterschutzgesetzge­bung und Arbeitslosenversicherung seien Errun­genschaften, die auch weiterhin von den gewerk­schaftlichen Organisationen gestützt und getragen werden mühten. So könne man heute, wenn man sich die Frage vorlege, ob die im Jahre 1899 gestellte Ausgabe erreicht sei, freudig mit Za antworten. Aber im Glauben an die heutige Stärke der christlichen Gewerkschaften müsse auch Vertrauen zur Stärke, Zukunft und Kraft her­auswachsen. Richt das persönliche, eigene Znter- esse, sondern das Gesamtinteresse, daS Gesamtschicksal der lohn arbeitenden Klasse müßten im Vordergründe christlicher Gewerkschaftsarbeit stehen.

Reichsverkehrsminister Dr. S t e g e r w a l d er­innerte in einer kurzen Ansprache daran, daß heute wieder die Kräfte zum Vorschein kämen, die den privilegierten Staat von vor 1914 bildeten. Wenn jetjt die Arbeiterschaft nicht aufpasse, stünde fie wiederum vor Barrikaden, die diesmal aber schwerer überwinden seien als die Barri­kaden vor 1914. Den Weg, den die deutsche Ar­beiterschaft zu gehen habe, sei steil und gewaltige Arbeit sei noch zu leisten, bis die gleichberech­tigte Einordnung der Arbeiterschaft in Wirtschaft und Gesellschaft endlich erfolgt sei. Es gelte jetzt, die Kraft zu erproben und die Lage zu übersehen.

Aus aller Wett.

8. Deutscher Richtertag.

Auf der Samstagsihung des 8. Deutschen Rich­tertages referierte Landgerichtsdirektor Wink­ler-Breslau über das ThemaJustiz und Presse". Vor allem verlangte er mehr Sach­lichkeit, nur Wahrheitsfeststellungen. keine Polemik. Dr. Käser (Berlin) behandelte das Thema von zwei Gesichtspunkten: 1. Presse als Objekt der Justiz, 2. Justiz als Objekt der Presse. Gegen den Vorwurf, die Presse sei zu subjektiv, wandte er sich mit der Behauptung, die Beseiti­gung der Unabhängigkeit der Presse bedeute den Verlust der richterlichen Unabhängigkeit Als dritter Referent sprach Professor D o v i f a t (Berlin) über das ThemaGerichtsberichterstat­tung". Aufgabe der Gerichtsber^chterstattung sei nicht die Darstellung eines juristischen Vorganges, sondern die Fortentwicklung des Rechtslebens. Der Redner wandte sich gegen die viel- f a ch sensationelle Aufmachung der Gerichtsberichte. Es gelte, in regelmäßiger, an Hand praktischer Fälle geübter Zusammen­arbeit zwischen Rechtspflege und Presse den Grundsätzen der Reichsarbeitsgemeinschaft der Deutschen Presse für die Wort- und Bildberichter- ftattung aller Blätter auch wirkliche Gültigkeit zu verschaffen. Die Verhandlungen wurden nach Schluß der Aussprache geschlossen. Wie verlautet, wird der Vorsitzende, Senatspräsident Reichert, am 1. Ja­nuar 1930 den Vorsitz niederlegen und in den Ruhestand treten. Äie Dertreterversarnrnlung wählte den Rcichsgerichtsrat Linz-Leipzig zum 1. und den Landgcrichtsdirektor Wunderlich zum 2. Vorsitzenden mit Wirkung vorn 1. Januar 1930. Zeppelin besucht Berlin. Landung in Staaken.

Berlin, 16. Sept. (WTB. Funkspruch.) Der Start aut nächsten etwa 24stündigen Deut sch­lau d f a h r t des Zeppelins findet, lautMon­tagspost" am Dienstagfrüh zwischen 4 und 6 Llhr statt. Die Fahrt ist haupt­sächlich bestimmt, Hugo Eckener bei seiner Ankunft in Hamburg mit dem Luftschiff zu begrüßen. Da in Hamburg das Luftschiff nicht landen kann, wird Eckener sofort mit der Bahn nach B erli n Weiterreisen. Das Luftschiff fährt ebenfalls nach Berlin und wird hier landen.

Die Aufführung inszeniert von Günter H a e n e I und Wilhelm Aeinking be­wältigte die 22 knappen Bilder mit geringen Streichungen ohne Drehbühne dadurch, daß sie einen puritanischen Spielraum als feststehende Grundszenerie wählte und die wechselnde Kulisse mit dem Projektionsapparat an die Wand warf: eine (von Piscator beeinflußte?) Regie mit opti­schen Hilfsmitteln, die schnelle Verwandlungen gestattete, obwohl die jeweils so zustande kom­menden Bilder häufig unter dem Mißverhältnis zwischen der plastisch-bewegten Spielszene im Vordergründe und dem starren, perspektivischen Prospekt zu leiden hatten.

Zm übrigen tat die Regie ihr Bestes, die theatralischen Werte des Stückes wirksam ins Licht zu stellen: freilich wurde das Ganze da­durch nicht dramatischer, als es eben ist. Zu loben hat man die gewähre. Besetzung und ein gut eingeübtes, fließendes Zusammenspiel, das nur in etlichen Gruppenszenen für kurze Augen­blicke gehemmt schien.

Bernhard M i n e 11 i als Büchner bot eine sehr interessante Leistung: ihm war es um die geistigen ilmriffe des jungen Studenten zu tun, und er stand allenthalben vornehm und mit klarer Dialektik auf und über der Szene. Zn der großen Versammlungsrede hatte et sich organisch etwas übernommen; die lyrische Episode (mit Minna) schien ihm am wenigsten zu liegen.

3n der zweiten Hälfte wurde dann seine Ge­staltung blauer und ein wenig verdrängt von der Figur des Kuhl, mit dem Hermann Gal­li n g e r weit über den Ducheindruck hinaus sich immer mehr in den Vordergrund spielte. Eine ausgezeichnete, von zündendem Temperament ge­tragene, scharf charakterisierte Darstellung: die be­lebteste und aktivste Gestalt der ganzen Auffüh­rung.

Don den zahlreichen guten Chargen seien ge­nannt: Rürnberger (Weidig), Jürgas (Georgi), Hinz (Minnigerode), Pfaudler (roter Decker) und Lotte Mosbacher, die sich mit warmem Gefühl für die blassen, dürftigen Szenen der Minna Jaegle einfetzte.

Die Uraufführung hatte bei gutem Besuch einen freundlichen Erfolg. Der Autor durfte sich zuletzt mit den Hauptdarstellern zeigen. Dr. Th»