Samstag, 16. März 1929
179. Jahrgang
Nr. 61 Erstes Blatt
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Dr. Friede. Wilh. Lange. Derontwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Tett Ernst Dlumschein; für den An« zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.
tkrlcheint täglich,außer A AO
Sonntags und Feiertag». JHHr ra ▼
Kichenn Anzeiger
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LAE General-Anzeiger für Oberhessen
richten/ Anzeiger Sieben. v ’
SronlftMamMa"n°ii6«6. vrvS vnd Verlag: vrühl'sche UniverfitStL-vllch' und Steinörndcrei R. Lange in Sieben. Zchriftleitnng und Gefchäftrstelle: Zchulftrabe 7.
EtainoL.
Endlich sind nun Reichsfinanzminister und Reichskabinett, Reichsrat und Reichstag so weit, daß mit der Beratung des Reichshaushaltsvor- anschlags begonnen werden kann, der, wenn es bei uns mit rechten Dingen zuginge, schon am 1. April in Kraft treten mühte. Aber leider ist das nicht der Fall und so sieht sich die Reichsregierung genötigt, einen Rothaushalt einzubringen, der ihr die Möglichkeit gibt, auch im neuen Haushaltsjahr weiter zu arbeiten, bis eben der reguläre Haushaltsplan von den gesetzgebenden Körperschaften verabschiedet ist. Die ülrsachen dieser immerhin außergewöhnlichen Verzögerung in dem Einbringen des Etats suchte Rcichsfinanz- minister Dr. Hilferding, der am Donnerstag im Reichstag die Elotdebatte mit einer sehr zurückhaltenden und sachlichen Rede einleitete, wesentlich in der innerpolitischen Lage, wenn er auch zugab, dah die außerordentlichen Schwierigkeiten, . die dem Versuch, diesen Haushalt des ersten Rormaljahres des Dawesautachtens und der absteigenden wirtschaftlichen Konjunktur ins Gleichgewicht zu bringen, entgegenstanden, bei der Verspätung eine nicht unerhebliche Rolle gespielt hätten. Immerhin wird man einwcnden dürfen, dah gerade im Hinblick auf diese Etatnöte es Pflicht des Reichskanzlers als Chef der Regierung gewesen wäre, Hand in Hand mit dem für die rechtzeitige Vorlage des Haushalts in erster Linie verantwortlichen Reichsfinanzminister die Parteien rechtzeitig zu einer entschiedenen Stellungnahme zu zwingen und eine klare politische Lage zu schaffen, statt sich selbst von den sich immer mehr auseinander verhandelnden Parteien treiben zu lassen und dem erschreckenden Mangel an Verantwortungsgefühl Vorschub zu leisten, mit dem Erfolg, dah nun zu Beginn der Etatberatungen alles in dichte Rebel gehüllt ist und heute noch niemand weih, wie und woher eine Mehrheit für diesen Haushaltsplan zustande kommen soll. Der Reichsfinanzminister hat dieser völlig ungeklärten Lage geschickt Rechnung getragen, indem er alle Polemik vermied und sich damit begnügte, die gespannte Kassenlage des Reiches zu begründen, die Ursachen des Defizits im neuen Haushalt nachzuweisen und in kurzen Grundstrichen seine Deckungspläne ouseinandcrzusetzen.
Die in den letzten Monaten sich zusehends verschlechterte K a s s e n l a g e des Reichs hat ihre älrsache wesentlich in der Gestaltung des auherordentlichen Haushalts, in dem nicht zuletzt durch verfehlte Anleihepolitik früherer Jahre ein Fehlbetrag von mehr als 700 Millionen mitgeschleppt wird. Die Lage des deutschen Kapitalmarkts macht die Deckung durch neue langfristige Anleihen unmöglich, so entstand eine von Jahr zu Jahr wachsende Verschuldung des auherordentlichen Haushalts beim ordentlichen durch die ülebernahme von Lleberschüssen des letzteren. Dieses, sowie notwendige Kursstützungsaktionen für die Reichsanleihen, Darlehen an Reichsbahn und Preuhenkasse, und sonstige Kassenvorschüsse haben der Reichskasse ein Defizit von 500 Millionen gebracht. Dazu kommt nun noch die betrübliche Tatsache, dah die infolge der rückläufigen Konjunktur und des langen Winters gewaltig angeschwollene Arbeitslosigkeit die Mittel der Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung so angespannt hat, dah diese die ihr gesetzlich zustehmide Möglichkeit der Kreditaufnahme beim Deich schon in weitem Mähe in Anspruch nehmen muhte. Der Reichssinanzminister lieh dabei einfliehen, dah die Regierung eine baldige Reform der Arbeitslosenversicherung ins Auge gefaßt habe, in welcher Richtung, wurde leider nicht hinzugefügt. Run müssen die dringend notwendigen Betriebsmittel vorerst durch kurzfristige Anleihen bei der Reichsbank und den Versicherungsträgern beschafft werden, bis es die Finanzgestaltung dem Reich wieder erlaubt, den dringend notwendigen Betriebsmittelfonds aufzufüllen. In Zukunft soll durch ein Veto des Reichsfinanzministers verhindert werden können, dah über den auherordentlichen Haushalt Ausgaben ohne Deckung erfolgen.
Richt toentger unerfreulich ift bas Bild, bas der Rcichsfinanzm nister vom ordentlichen Haushalt entwarf. Die Ursachen des Deft- zits sind schon vielfach erörtert. Sie liegen einmal im Anwachsen der Reparationslast um 312 Millionen im ersten Dorrnaljahr der Dawes-Zahlungen, zum andern im Ausfall von 300 Millionen Mindereinnahmen aus Münzgewinnen und vorjährigen äleberschussen. Es wird keinen einsichtigen Kritiker elnfallen, nun dem gegenwärtig amtierenden Reichsflnanz- minister allein die Schuld für diese prekäre Lage der Reichsfinanzen zuschieben zu wollen. Seinen Vorgängern fällt gewih auch ein Teil zu. Reinholds älmsatzsteuersenkung nach der so teHtg an- ghseindeten „Thesaurierungspolitik" Schllebens, it sich heute vielleicht als voreilig erwiesen.
Köhlers an sich ohne jeden Zweifel bring«™ otwendige Besoldungsvorlage war ohne die .'.benso notwendige Verwaltungsreform an Haupt ind Gliedern für den Reichssäckel eine schwere Belastung. Aber Herr Hilfcrding hat in dem Dreivierteljahr, seitdem er aus der gesicherten Stellung des Finanzkritikers der Opposition in Oab verantwortliche Amt des Reichsfinanzmini- ters gerückt ist, nichts Sichtbares getan, um nun 'einerseits der immer bedrohlicher werdenden Finanzlage des Reichs, die bei der abgleitenden Tendenz der Wirtschaftskonjunktur und den machseÄen Reparationslasten vorauszusehen war, rechtzeitig Herr zu werden. 3m Gegenteil, als Morgengabe mußte die zur Regierung gelangte
Welche Annuitäten soll Deutschland leisten?
Die Frage der deutschen Jahresleistungen auf der pariser Reparationskonferenz.
Paris, 15. März. (WTD.) 3n einer Betrachtung über den Stand der Verhandlungen der Reparationssachverständigen schreibt die Agentur HavaS: Man hebt in Konferenzkreisen die besonders günstige Atmosphäre hervor, in der gegenwärtig die Sitzungen verlaufen. Wegen dieser glücklichen Tendenz darf man annehmen, dah sehr bald die Frage der Höhe und der Anzahl der Annuitäten der deutschen Schuld in Angriff genommen werden kann, llebrigens scheint man bei gewissen Delegationen geneigt zu sein, die Annuitäten inzweiTeilezu teilen. Der eine, der bedingt sein würde, könnte mit 900 Millionen Marl beginnen, um wl hrend e ner Periode von 58 Jahren 1700 Millionen Mark zu erreichen. Dieser Teil würde für die Bezahlung der Kriegsschuld bestimmt sein. Der andere sog. unbedingte Teil würde für die Zahlung der Reparationen bestimmt sein und sich auf eine Milliarde Mark belaufen, könnte aber schneller in Form einer Anleihe mobilisiert werden. Dieser Annuitätenteil würde auf diese Weise ziemlich schnell abgetragen sein, während der andere bedingte sich progressiv erhöhen würde. Wohlverstanden tragen diese Hinweise vorläufig noch rein hypothetischen Charakter, da ja die Frage der Höhe und der Anzahl der deutschen Annuitäten offiziell in den Sitzungen des Sachverständigenausschufses noch nicht in Angriff genommen ist.
lieber die schon wiedergegebenen allgemeinen Linien der Lösung, die man angeblich in gewissen Delegationen der Reparationskonferenz ins Auge gefaßt hat, glaubt der „Petit Parisien" noch mit- teilen zu können, der ungeschützte Teil der deutschen Zahlungen würde zur Deckung der von den alliierten Ländern, hauptsächlich von Frankreich, für den Wiederaufbau des ehemaligen Kampfgebietes gemachten Ausgaben dienen. Dieser Teil würde mobilisiert und das Kapital würde auf dem Anleihewege den inter- effierten Ländern in einigen Fahren eingehändigt werden. Die Amortisation dieser kommerzialisierten Schulden könnte in 37 Fahren (Dauer der Dawes- Obligationen) erfolgen. Dieser Teil der Zahlungen würde sich einschließlich der zu zahlenden Zinsen auf 1500 Millionen Goldmark jährlich belaufen. Es würde auf diese Weise eine Art Priorität für d i e Reparationen im eigentlichen Sinne des Wortes geschaffen und dieses System hätte den weiteren Vorteil, daß die finanziellen und moralischen Spuren des Krieges rascher getilgt würden.
Der durch ein Transfermoratorium geschützte Teil der Zahlungen würde zur Begleichung der interalliierten Schulden verwendet werden. Die Dank für internationale Zahlungen, die diese Summe von Deutschland erhalten würde, würde sie den Vereinigten Staaten gutschreiben, was eine bankmäßige Verschmelzung der deutschen und der alliierten Schulden ermöglichen würde, ohne daß irgendeine politische Verschmelzung vorgenommen würde, auf welchen ülnterschied die Amerikaner betonteren Wert legten. Diese Zahlungen würden progressiv gestaffelt werden, in einem Zeitraum von 58 3ahren entsprechend den alliierten Schuldenabkommen mit Washington. Die Höhe der alliierten Schulden belaufe sich gegenwärtig auf über 900 Millionen Goldmark jährlich und werde in 15 Fahren 1700 Millionen erreichen. Rach dem geplanten Projekt würden die deutschen Annuitäten dieser Kategorie einer gleichen fortschreitenden Erhöhung unterworfen werden. Der ,Petit Parisien" will übrigens er
fahren haben, dah man in der gestrigen Sitzung als Kapital für die geplante Zentralbank eine Summe von annähernd 100 Millionen Dollar genannt habe.
Die Reparationsbank.
England macht wcitergegenLachlieferungen Stimmung.
London, 16. März. (WTB.-Funkfpruch.) „Daily Telegraph" berichtet aus Paris über eine hoffnungsvollere Stimmung in den Besprechungen der Sachverständigen für die Reparationsfrage. Die Arbeit am Ausbau des Gefüges der geplanten internationalen Dank schreite, so heißt es in dem Bericht, ohne wirkliche Meinungsverschiedenheit fort. Außer den Deutschen, sieht jedermann Sachlieferungen als unange
nehme, wenn auch vielleicht notwendige Zahlungsart an und daS Bestreben geht aus ihre schrittweise Verminderung hin. 3n amerikanischen Kreisen wird ter Gedanke, daß die geplante Bank eine „lleberbank" sein werte, als falsch bezeichnet. Es wird erklärt, ter wahrscheinliche AnteilAmerikas am Dankkapital werde einen so geringen Teil des Gesamtkapitals ausmachen, daß die Befürchtung einer amerikanischen Beherrschung hinfällig wird. .TimeS" meldet auS Paris, es bestehe guter Grund zu der Hoffnung, daß die Organisation der Bank zur Behandlung ter Reparationen vor Ostern vollkommen entworfen und daß damit das Stadium erreicht sein werte, die entscheidend« Frage ter Höhe und der Zahl der deutschen Annuitäten zu erwägen.
Die Reichsreform im Rhein-Min-Gebiei.
Oer preußische Innenminister Srzesinsti antwortet auf die Vorschläge Minister Leuschners. - preußisch-hessische VerwaltungSgemeinschast auf vertraglichem Wege bei voller Wahrung der hessischen Rechte.
Frankfurt a. M., 15. Mär;. Unter dieser Ueberschrsft veröffentlicht die „Frankfurter Zeitung" einen aus der Feder des preußischen Innenministers G r; e s i n s k l flammenden Artikel, der ein konkreter Gegenvorschlag auf die Anregung des hessischen Innenminister» L e u s ch n e r. ein Rheinmainische» Reichsland unter teilweiser preußischer Verwaltung ;u schaffen, ist. Rach einem kurzen Ueberblick über die Stellungnahme der Länderkonferenz. die den Gedanken. Reichsländer zu schaffen, einmütig a b g e l e h n t habe, warnt der Minister vor einer Komplizierung des ganzen Problem» durch Sonbe (formen. Vie Ablehnung hätte aber auch noch einen zweiten Grund: man wollte vermeiden, daß sich neue Formen in neuen Gebieten entwickelten, die sogleich starr werden und der endgültigen Regelung gegenüber Hindernisse bedeuten könnte. Das sei auch der Hauptgrund für seine Bedenken gegen den Leuschnerschen Vorschlag.
wenn im Rhein-Maln-Geblet ausdrücklich territoriale Umgliederungen erfolgten, fo würde diese» Verfahren unzweifelhaft ganzzuLastenPreu- h e n s gehen. Aber, so fragt der Minister, ist e» denn wirklich nötig, das Hauptgewicht auf die innerbeutfdjen Cänöergrenjen ju legen? Gibt es keine andere Möglichkeit, ethnisch und ökonomisch zusammengehörige» Gebiet von den Hemmungen zu befreien, die ihm aus der staatlichen Zerrissenheit erwachsen? Hessen würde mit dem Vorschlag. eine vorläufige Lösung zu versuchen, die gerade in territorialer Hinsicht keine vollendeten Tatsachen schafft, sicherlich alle» Verständnis und alle Mitarbeit bei Preußen finden. Ls fei bekannt, daß für Hessen keine Lösung In Betracht komme, die nicht eine wesentliche finanzielle Entlastung für Hessen bedeuten wurde. Unter den heutigen Verhältnissen komme e» für alle deutschen Länder aber nicht auf höhere Einnahmen, sondern auf verminderte Ausgaben an. Den Verwaltungsapparat zu vereinfachen, bestehende Einrichtungen besser auszunuhen, Reibungen mit den
benachbarten Instanzen zu verhüten, da» seien praktische Wege zu diesem Ziel.
Hessen könne in feiner Eigenschaft al» Land selb ständig Verträge mit Preußen schließen, durch die e» die Verwaltung in der bisherigen Regierungsinstanz an Preußen überträgt Preußen seinerseits könnte vertragsmäßig zusicheru, diese Verwaltung mit feiner eigenen Verwaltung In der Instanz de»Oberpräsidenten zufarnmenzufaffen. Dem hessischen Gebiet bliebe seine eigene Verwaltung mindestens in der Lokalinstanz, der hessischen Bevölkerung bliebe da» hessische Staatsvermögen erhalten. Diese Verwaltungsgemeiufchast ließe sich in allen möglichen Formen — von einer losen Annäherung bi» zu festen Bindungen auch für die Gesetzgebung — ausbilden. Da» hessische Volk behielte auch seine Vertretung Im Reichsrat seine eigene Vertretung in einem Bezirksverband, im ganzen also mehr Mitbestimmung und Selbständigkeit, als mit anderen Gebieten zusammen ein Reichrlaud, also tatsächlich eine Reichvprovin; zu werden.
Ls fei klar, daß Preußen daraus bedacht sein müsse, bei einer Reuordnung im Rhein-Main-Ge- biet der beteiligten preußischen Bevölkerung möglichst wenig Opfer aufanerlegen und eher Ihre besonderen wünsche zu erfüllen, vor allem habe Frankfurt, das Im Mittelpunkt de» Planes stehe, einen Anspruch darauf, aus mancherlei Schwierigkeiten des jetzigen Zustande» befreit zu werden. 3n einem Punkte allerdings ist Minister GrzefinfN mit dem hessischen Minister einig, und zwar darin, daß Hessen weder unmittelbar noch mittelbar— durch finanziellen und anderen Druck — gezwungen werden könnte oder dürfte, feine Selbständigkeit aufzugeben. Es könne aber auch nicht verlangen, daß ihm feine Selbständigkeit auf ft o ft e n der anderen Länder künstlich erhalten würde. Gerade darum liege ihm der Gedanke der freien Zusammenarbeit mit Preußen und der Anlehnung an die preußische Verwaltung viel näher als die Schaffung eine» Relchs- landes.
Sozialdemokratie im vergangenen Frühsommer ihren Wählern die Senkung der Lohnsteuer bescheren, eine Maßnahme, die für den einzelnen Steuerzahler kaum spürbar war, für den Reichssäckel indes eine empfindliche Einbuße bedeutete. Run steht Herr Dr. Hilferding mit leeren Händen vor dem Reichstag, ülnd nicht nur das, um den Zehn.Mllliarden-Etat des Reiches ins Gleichgewicht bringen zu können, wurde es notwendig, ein Defizit von 600 Millionen zu beseitigen. Das kann natürlich auf der Seite der Einnahmen sowohl wie auf der Seite der Ausgaben geschehen. Der Reichsfinanzminister hat selbstverständlich auf der letzteren angefangen, leider mit nur geringem Erfolg, denn auch nach seinen Streichungen an den Ausgaben glaubt er die lleberweisungen, die nach dem vorläufigen Finanzausgleich den Ländern und Gemeinden aus dem Ertrag der vom Reich erhobenen Einkommen- und Körperschaftssteuern zustehen, um 120 Millionen Mark kürzen und außerdem noch 379 Millionen an neuen Steuern Vorschlägen zu müssen.
Wie sich der Reichsfinanzminister die Verteilung dieser Steuercrhöhungen denkt, ist bekannt. Es sollen aus der Biersteuer 165 Millionen, aus dem Branntweinmonopol 90 Millionen, aus der Erbschaftssteuer 20 Millionen und aus der Vermögenssteuer 104 Millionen mehr an Steuern eingetrieben werden. In der Begründung seiner Steuerpläne wandte sich Hilferding vorwiegend an seine eigenen Parteigenossen, denen er die als Belastung des Masten- tonfums empfundene Biersteuererhöhung mit dem Hinweis auf die weit stärkere Alkoholbesteuerung in England schmackhaft zu machen suchte. Im übrigen raunt man bereits von einer engeren Liaison zwi
schen Sozialdemokratie, Bayrischer Dolkspartei und Zentrum um den Preis eines Verzichts auf die Biersteuererhöhung. Also hier scheint das letzte Wort noch nicht gesprochen zu sein. Hochinterestant war bann das kleine volkswirtschaftliche Privatissimum, das Herr Hilferding seinen sozialistischen Parteigenossen über die zwingende Notwendigkeit der Kapitalbildung hallen zu müssen glaubte. Auch er hat es schon spitz, daß die Frage ausreichender Kapitalneubildung aus eigenen Mitteln dos A und O unserer Wirlschastsentwicklung ist und auch im wohlverstandenen Interesse der deutschen Arbeiterschaft liegt, da nur genügendes Eigen- kapital eine Erweiterung der Produktion und Beschaffung ausreichender Arbeitsgelegenheit zuläßt. So plaibicrte der Minister für einen teilweisen Aus- gleich des Haushalts durch Erhöhung der Konsumsteuern, um später genügend Bewegungsfreiheit zu haben, vor allem einmal die auch von ihm als notwendig erkannte Senkung der direkten Steuern in Angriff nehmen zu können. Für einen sozialdemokratischen Finanzminister gewiß ein erfreulicher Beweis von Unvoreingenommenheit. Leider will dazu allerdings fein Vorschlag auf Er- Höhung der Vermögenssteuer schlecht passen. Das geringe Zugeständnis, das das Reichskabinett den bürgerlichen Parteien durch die Steuersenkung für die mittleren Vermögen bis 25 000 Mark gemacht Halle, hat der Reichsrat wieder beseitigt. Es wird sich nun zeigen müssen, was ter Reichstag dazu zu sagen hat.
Wie überhaupt das Schicksal des Etats und der Hilferdingschen Deckungsvorlage im Ganzen noch in höchstem Maße ungewiß ist. Die Deutsche Dolkspartei hat die Forderung ausgestellt, den Haushalt ohne jede Steuererhöhung in» Gleichgewicht zu
bringen, sie hat sich allerdings ihre Vorschläge für die Streichung von Ausgaben — das dann ja allein noch bleibende Mittel zur Ausbalancierung des Etats — für die Beratung im Reichstag selbst ausgehoben. Von diesem erfreulich mutigen und energischen Vorstoß angeregt, hat geradezu «in Wett' lauf von Einsparungsprogrammen der Parteien und Wirtschaftsverbänte eingesetzt. Dürfen wir das als ein erstes schwaches Zeichen für die Rückkehr zur Vernunft nehmen, für die Rückkehr zu den Praktiken ter in diesem Falle wirklich einmal „guten, alten Zeit", in ter die Regierung der Volksvertretung jeden Pfennig aus dem Volksvermögen In zähem Kampfe entreißen mußte, in ter das Par lament sich noch seines vornehmsten Rechts der Finanzkontrolle bewußt war und, wenn auch gelegentlich kurzsichtig und unheilvoll, so doch im allgemeinen zu größter Sparsamkeit zwingend, die Hand auf dem Staatssäckel hielt? In den Nachkriegsjahren hatte sich dies Verhältnis zwischen Regierung und Parlament merklich verschoben, ja geradezu u m - gekehrt. Waren schon in der Inflation die Zahlenbegriffe bedenklich ins Wanken geraten, fo überboten sich bald dis Parteien mit einem Blick auf ihre Wähler in kostspieligen Anträgen, es willig der Regierung überlastend, woher sie die Mittel zur Durchführung all ter vielgestaltigen und teueren Wünsche eines stets bewilligungssreudigen Parlaments nehmen sollte. Wir möchten wünschen, daß mit dieser Hebung nun endgültig und gründlich aufgeräumt werte, und die Etatdeballe des Notjahres 1929 ein ernstes Besinnen des Parlaments auf feine Rechte, aber auch auf feine ernste Pflicht fein möge. Auch das wird ein Schritt, und ein nicht zu unterschätzender, zur Gesundung unserer öffentlichen Finanzgebarung jein.


