Ausgabe 
16.1.1929
 
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Hehrer, der in seiner eigenen Schulzeit noch : nig oder nichts von der Lust'ahrt lernen konnte, ai>t jetzt vor der nicht immer ganz leichten Aus- oje. sich selbst in dies verwickelte Gebiet hinein- uarbcitcn; will er doch nicht bloß in der Lage . n, die Fragen seiner Zöglinge richtig zu beant- j: orten; hat er doch auch erkannt, daß das Flug* g. das Luftschiff, der Freiballon für ihn vor* tosiiche Mitte! zum Zweck sind, vortreffliche Lehr- i ttel, Dinge, für die sich der Schüler interessiert, ?n denen man ihm mancherlei spielend beibringen arm, was sonst gar zu schwer In seinen Kopf win will: Physik, Mechanik, Chemie, Erd- uride die weit anschauücheve Beispiele für i^mche Erscheinung liefern als die oft weit hei> lecholten unserer Lehrbücher. So lefen wir in irrem Physikbuch zur Erläuterung der Massen* r«gheit bei Aendemng eines Dewegungszustan- wenn ein Schiff auf eine Sandbank läuft, 'rechen die Masten nach vorn ab. Diese Tat-

|i>che lernt der Schüler, und vielleicht auch der Lehrer, erst aus dem Buche selbst kennen im ljuisammenhang mit dem allgemeinen Naturgesetz, att er aus einem ihm vertrauten Beispiel Her­sräten sollte. Diel anschaulicher und unmittel* toter wirkt da das dem Schüler geläufige Bild

Luftfahrt und Schule.

Von Professor Or. E. (Knerling, Äerlin.

Wer die 2 u g e n d hat, dem gehört die Zu* limft--wenn das alte Wort noch Wahrheit

ift hat die Luftfahrt die besten Hoffnungen. Denn i>ü? Kinder auf der Schulbank hören und sehen ja, so gerne etwas von Luftschiffen und Flug- iengen, die Knaben möchten Modelle bauen, am obsten selber fliegen, und die Jünglinge dränge^ cd) den Motor- und Segelflugschulen. Der

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(-31.) Sestern abend brot ler Ursache in Hessisch' lule des SchuhmachiM-W ,Uer ffltS. das sch 1° Wf jf.llelet Je««»«!

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rirnes Flugzeuges, das bei der Notlandung auf kirn Hindernis gestoben ist undBruch gemacht" hiut ein Bild, wie «. (Übrigens als ein recht -»-geeignetes Werbemittel für das Fliegen) in urclern Zeitschriften oft zu finden ist. UnD um hei der Mechanik und bei ihm Trägheitöwirkungen p bleiben: Die Fliehkraftwirkung. die Schräglage i der Kurve, läßt sich nicht schöner verdeutlichen alS durch einen Besuch des Flugplatzes, auf dem jenes Musterbeispiel einesKörpers mit sechs toeiheitsgraden", jene Spitzenleistung der Leicht- a ftcchnik. der Festigkeit mit geringem Gewicht", :nec Erfolg neuzeitlicher Strömungstechnik, der Setstaltungvorne rund und hinten spitz" am toben zu betrachten und in der Luft zu be- tumdern ist.

Len Schüler zieht es immer dorthin, und auch t>* Lehrer sammelt gerne Anregungen, Aufklä- rawg, Belehrung auf dem grünen Nasen des "I nghafens für sein eigenes Schaffen an der ^Darzen Tafel. Das konnten wir vor einiger eit auf dem Flugplatz Tempelhof sehen, wohin hie Preußische Staatliche Hauptstelle für natur» in jlenschaftlichen Unterricht 150 Teilnehmer und le ilnehmerinnen eines Fortbildungskurses für iiAdienräte geführt hatte: die Einrichtungen des togplatzes vom Funkturm bis zu den Hallen- cccn wurden genau besichtigt, die Bauweise der tockehrsflug^euge und die Organisationen des Ctxcden betriebet unter sachkundiger Führung ein* «itzrnd studiert: wer nicht für einen Freiflug ^gelöst war oder selbst einen billigen Rund- r. gschein erworben hatte, konnte den unermüd- c§en Kunstfliegern zusehen. Ich glaube, dah ' i rct der Besucher heimgefahren ist, ohne feinen iMIern etwas Wertvolles mitzunehmen; und hoffe, es war nicht das einzige Mal, dah to Staatliche Hauptstelle oder andere Unter- rlHisinstitute eine solche Führung veranstaltet ' faßen.

Gilt es doch, die Luftfahrt in die Schule hin- ''!Ni;utragen nicht bloß als Lehrmittel, als will- ßbavmene Hilfe beim Unterricht, sondern noch re hr als Kulturgut. Mag man auch ein» j traten, ßuftfa^rt seinur Zivilisation"; mag man !rtzaupten, daß sich der Mensch vom Kulturideal fea K assiker mehr und mehr zum Chauffeurtyp aititoicEIe: das Fliegen, die Verwirklichung des croalten Menschheitstraumes, die dritte Dimension, 1?it ganzen Raum zu beherrschen, das Fliegen '-Mft neue Kulturwerte, und sei es auch mittels nnier Maschine der aufs höchste gesteigerten Zi*

Oer ©inn der Kindheit.

Von Dr. Phil, et meb. Erich Siern, o. Professor an der Universität Gießen.

Las eben aus dem ®t geschlüpfte Hühnchen :evmag sofort Körner aufzuprden und seine Nah- nmg zu suchen. Nicht lange, so ist es der Obhut st« Henne ganz entwachsen. Auch die Säugetiere («mögen sehr bald selbständig zu existieren, iiü sie bedürfen nur ganz kurzer Zeit der etter- ,'äen Pflege. Lediglich der Mensch durchlebt im sichren Sinne des Wortes eine Kindheit: tage Jahre hiirdurch ist er auf Schutz und Für* orige angewiesen, und etwa zwei Jahrzehnte -iiro Zeit, welche die Lebensdauer vieler Tiere :rn ein Erhebliches überschreitet sind notwen­dig. damit ererwachsen" ist. Zur vollen Reife DiurDe er nie gelangen, wenn nicht andere jahre- Oirg für ihn sorgen würben. Diese ganze Lebens- tvche kann doch nicht ohne jede Bedeutung für hn sein, sie muh einen ganz bestimmten Sinn :a!6en.

fragen wir uns, welchen Sinn die Kindheit hat, j b wird die Antwort ganz verschieden lauten, " nachdem, von welchen allgemeinpsychologischen ! mbanschauungen aus man dieses Problem !e- achtet. Die einen gehen davon aus, dah jedes !ö#cr organisierte Tier Gattungs- und Einzel­nlügen besitzt. Die Gattungsanlagen sind der anzen Gattung gemeinsam und führen zu einem ilcrchen Verhalten bei allen Individuen der , itochen Art. Diese Anlagen sind in weitem Um* iirgc fixiert, d. h. nicht umbildungsfähig, nicht luich äußere Einwirkungen zu verändern. Hierher sttzören vor allem die angeborenen Triebe und totinfte. Wenn nun ein Individuum vorwie- !emt> Gattungseigenschaften besitzt, so kann es sich röhrend des individuellen Lebens nicht mehr ceßrntlich entwickeln. Was über das in diesen irs-hlosseuen Funktionen hinausginge, würde es bum lernen; käme es in Verhältnisse, welche von !?mm, unter denen die Gattung im allgemeinen ifa, abweichen, so würde es völlig hilflos sein.

Demgegenüber muh ein Individuum, welches «riger feste Anlagen besitzt, das dafür aber ibs eine große Reihe von Anlagen, verfügt,

erträzlichrs Naj heiab- Kentzurm ter Schlvim;» netten IsrhanLlmM ter ge an LrtschMMo .i a. Si sri mvzüch. daß lanblungtn an ten Lie AriLgsschlild'ordernn^ -rftaakn hr.aözus tjJi. schci- fufcti diesrr Sacblass scir >:ittraqaib.', Iro'itif^ M ten. di: vlrlle'cht unfer Ito ton, dah sich eine inkt- igemeiaichaft aller ewpcv mlter tat Deltglänbig« le. 2i: zaZtoichen Zuhörs ggevi&teta Sortraa ta st Ici.all.

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Jugend und Hochschule.

vilisation. Der Fliegermensch im besten Sinne, den der Kampf mit den Qufttoogen Entschluß» Skeit und Verantwortungsgefühl, WillenS- : und sittlichen Wert gegeben hat, ist die Veredelung deS Chauffeurtyps. Die Luftfahrt ist gerade für unser Land, das als DurchgangS- flughafen im Herzen Europas liegt, für unsere Technik, die weniger auf Massenfertigung als auf das Schaffen neuer Edelware innerlich ein­gestellt ist, eine wirtschaftliche Notwen­digkeit. Die Ausbreitung des Luftverkehrs, die Ausnutzung des Luftbiwes, die Förderung

des edlen Flugsportes sind nächste Ausgaben der technischen Entwidlung auf diesem Gebiet.

Und deshalb gehört die Luftfahrt in den Unterricht. Die Schule soll Bildung vermitteln. Bildung ist die Fähigkeit, am Kulturleben seines Volkes teilzunehmen. Das Kulturleben der näch­sten Jahrzehnte wird durch diese Veredelung technischen Schaffens maßgebend bestimmt. Daher dürfen die Dildungsanstalten ihre Jünger nicht ohne Verständnis für diesen wichttgen Zweig unserer Wirtschaft und Technik ins Leben hinaus- senden.

Die moderne Engländerin.

Das Frauenstudium in England.

Von Erich Brandt.

Wenn man als deutscher Student eine eng­lische Universität zum erste:lmal betritt ist man sehr überrascht, dort so viele wcib.iche Stu­dierende anzutrefsen. Es wird einem hier am deutlichsten klar, mit welcher Energie sich die moderne Engländerin dem Manne gleichzustellen sucht. Obwohl der Anstoß zu dieser Bewegung ursprünglich auf dem Kontinent gegeben wurde, findet man heute bei den Frauen bet b^i ischeu Inseln die größte Zähigkeit im Gleichberechti- gungskampf, vielleicht w,il sie in diesem Lande des Konservativismus die meisten Schwierigkeiten zu überwinden haben.

An den englischen Universitäten erobern sich die englischen Frauen i.)ren Platz Schritt für Schritt Ihr jetziger Anteil an der Besucherzahl beträgt etwa 30 bis 40 Prozent, ein sehr hoher Prozentsatz, wenn man bedenkt, daß sich die Durchschnittszisser der w.i)lichen Studierenden an den deutschen Hochschulen auf nur 13 Pro- zent beläuft. Als Kuriosum fei erwähnt daß an dem Univerfity-College zu Reading die Zahl der Studentinnen die der männlichen Kommilitonen übersteigt. Sie bilden dort mehr als 60 Prozent der gesamten Studentenschaft Doch auch an den beiden alten Universitäten Oxford und Cam­bridge haben sie sich wenigstens zahlenmäßig durchgescht. In Oxford ist z. B. nicht weniger als ein Viertel der ganzen Studentenschaft weiblich.

Dabei muß man berücksichtigen, daß an den großen Universitäten der starke Prozentsatz der weiblichen Studierenden gar nicht so sehr in Er­scheinung tritt, to.it an den meisten dieser Hoch­schulen noch 10 bis 20 Prozent ..Farbige" sind, d. h. Asiaten und Neger, zum allergrößteii Teil aber Inder. Unter diesen finden sich jedoch nur sehr wenig Frauen, so daß sie eigentlich nur den Prozentsatz der männlichen Studierenden er­höhen. Dadurch entsteht oft ein falsches Bild über die wirkliche Beteiligung der englischen Frau am Hochschulstudium. Es ist deshalb auch mit gro­ßer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß die Zahl der weiblichen Studierenden die der männlichen rein englischer Abstammung schon heute über­wiegt, so daß die Verteilung der Geschlechter an den Hochschulen der bevöllerungsstatisttschen ent­spräche.

Es kann sich aber bei den gegenwärtigen Ver­hältnissen nicht um vorübergehende Zustande han­deln, da die Zahl der Mädchenschulen noch be­ständig im Wachsen begriffen ist. So konnten die englischen höheren Mädchenschulen in den letzten 23 Jahren ihre Besucherzahlen mehr als verfünffachen. Aus diesem Grunde ist für die kommenden Jahre eher ein noch stärkerer An­drang als ein Zurückgehen des Fcauenstudiums zu erwarten. Begünstigt wird die rapide Ent­wicklung der englischen höheren Mädchenschulen, die ja wie alle Erziehungsanstalten und Uni­versitäten in England vrivate Unternehmen sind, durch zahlreiche staatliche Unterstützungen, wo­für wiederum Freistellen gescha fen werd n müs­sen, die einen großen Anreiz auf die mittleren und ärmeren Kreise ausüben. Die Zahl der Freistellen beläuft sich jedoch auf etwa 25 Pro­zent aller Plätze.

Das ättefte Frauen-College, also die erste Stu­dienanstall mit Hochschulcharaller, das heute iwch

besteht, ist das Bedsord-C'llege in London. Es wurde 1846 von Mr8. Reid gegründet und konnte schon im ersten Jahre seines Bestehens die stattliche Besucherzahl von 191 Studentinnen aufweisen. Heute studieren über 600 Frauen dort, von denen 230 im College direkt oder in dessen Internaten wohnen.

Diese Frauen-Colleges sind aber die inter­essanteste und charakteristischste Ersch.i.rung des ganzen englischen Frauenstudiums. Ta es im vorigen Jahrhundert nur Universitäten mit Män­ner-Colleges gab, halfen sich die Frauenrecht­lerinnen einfach dadurch, daß sie neue Colleges gründeten, die den gleichen Aufbau wie die alten zeigten, aber nur für Frauen bestimmt waren. Dadurch wurde es der englischen Frau schon verhällnismäßig früh ermögliHt, sich eine akademische Bildung zu verschaften, wenngleich es ihr auch noch lange versagt bleiben sollte, auf Grund ihrer erworbenen Kenntnisse die ent­sprechenden Univerfitätsexamen abzulegen. Dies wurde ihr i?n London erst 18Z8 gestattet.

Das Leben an einem solchen Frauen-College unterscheidet sich richt wesentlich von dem an den bekannten Männer-Colleges in Oxford und Cam­bridge. Das ist auch richt anders zu erwarten, da sie säst durchweg nach diesen Mustern aus- gebaut sind. Die Gründerinneir haben es zu ihrer Zeit leider versäumt, einen neuen Typ d:r eng­lischen Hochschule zu schaffen, der in diesem Falle dem besonderen Charakter seiner wciblichrn Hörerschaft hätte angepa'ft werden müssen. Man hat sich vielmehr darauf beschränkt, in den neu» errichteten F.auen-Colleges den mittelalterlichen telniversitätslyp der altenglifchen Hochschulen nach­zuahmen, der in unserer Zeit in mancher Be­ziehung reichlich überholl erscheint.

Man spürt in den Rämnen eines Frauen- College nichts von akademischer Freiheit. Der Betrieb ist im Gegenteil eher schulmäßig zu nennen. Es bestehen feste Studienpläne, bta den Studmtinnen alle Vorlesungen vorschreiben, die sie hören müssen. Außerdem wird die An­wesenheit In den einzelnen älnterrichtsstunden meist sehr streng kontrolliert. Daireben gibt es so viele kleine und unnötige Examen, daß den fortgeschrittenen Studentinnen oft keine ruhige Strmde bleibt. Eigenartig berührt es uns auch, wenn wir hören, daß die Bewohnerinnen eines College vorher Erlaubnis einholen müssen, toerut sie abends einmal ins Theater gehen trollen, oder daß es ihnen am Sonntagabend nach I Llhr überhaupt nicht gestattet ist, das College zu ver­lassen.

Die Gebäude und wissenschaftlicheit Ettrrich- tungen sind jedoch größtenteils moderner als die der Männer-Colleges. Die Hörsäle sind groß und geräumig, di: Institute enthalten neuzeit­liche Einrichtungen und die Bibliotheken weisen eine Auslese der modernen schönen und wissen- schaftlichen Literatur auf. Nur die Wohn räume für die Studmttnnen reichen nicht aus. Der An­drang ist in der Aachkri^szeit so gewachsen, daß die meisten F.'auen-Colleges daran denken müffen, sich zu vergrößern.

Auch in Oxford und Cambridge haben die Frauen mit ihren Colleges festen Fuß gefaßt. Allerdings gibt es i 1 Cambridge unter insgesamt 19 Colleges nur zwei, die für Frauen bestimmt

die unter dem Einfluß der SImtoelt umbildungs- und entwickelungsfähig sind, im Vorteil fein. So ausgestattete Wesen können während des individuellen Lebens manches lernen, sie können sich in höherem Maße den wechselnden Be­dingungen der Umgebung anpaffen. Die Entwick­lung her Anlagen braucht aber Zeit, und damit ist die Aufgabe der Kindheit als Zeit des Lernens bestimmt. Die Dildungsfähickeit der Anlagen eröffnet für die Detätigungsmöglich* feiten des Individuums einen sehr viel bretteren Spielraum, erst dadurch wird jede höhere Ent­wicklung überhaupt möglich.

Diese Auffassung mtthäll zweifellos etwas Rich- ttges, allein sie scheint höchst unvollkommen zu sein, solange über das, was gelernt werden soll, noch nichts gesagt ist. Cs wäre immer noch ein Wesen denkbar, welches irgendeine neue Fähig­keit des Jagens, oder des Kletterns, der Art des Spinnens oder des NestbaumS erwirbt, und das sich dadurch von anderen Tieren der gleichen Art unterscheidet, ohne dah man von einer Höher­entwicklung zu sprechen vermag. Aber wir alle fühlen doch die Wahrheit der Nietzschescherx For­derung, daß sich der Mensch nicht fort-, sondern hinaufpflanzen solle. Betrachten wir den Men­schen einmal in seiner Eigenart als Mensch, so werden wir das Besondere nicht in d?m auf­rechten Gang, und in dem Vorhandensein der Hände sehen können, auch nicht in einer kompli­zierten Organisation des Körperbaues. Das macht gewiß sein Anderssein aus, begründet aber noch nicht feine eigentümliche Stellung in der Welt. Und hier versagt die oben angedeutete Betrach­tungsweise, die nur ein Anderssein kennt, aber kein Höhersein.

Was den Menscherr fundamental vom Tier unterscheidet, ist nicht die Tatsache, daß sein Körper anders beschaffen ist als der Körper des Tieres, auch nicht die Tatsache, daß er ein Seelenleben besitzt, denn auch das Tier hat ein, zum Teil sogar recht hochentwickeltes Seelen­leben. All das zeigt nur, daß der Mensch auch in den Zusammenhang mit der Natur gehört. Allein in diesem naturhasten Sein ist das Wesen des Menschen doch in keiner Weise erschöpft, wir müssen vielmehr Den Menschen auch als geistiges Wesen auffassen und ihn als solches betrachten.

Nur Der Mensch hat es fertiggebracht, eine Kul­tur zu schaffen, er allein vermag seinem Leben einen Sinn, einen Wert zu geben, Werke zu schaffen, Die von anderen verstanden und ge» noffen werden können. Der Mensch allein ist Kulturwesen, er allein hat eine Geschichte, er allein kennt einen Fortschritt. Das Tier muß in seinem individuellen Leben gleichsam immer wieder von vorn anfangen, es kann von den Erwerbungen Der vergangenen Generation nichts übernehmen, es hat nichts, woran es an» Aulnüfcfen vermag. Sein Leben erschöpft sich im Nahrungsuchen, im Verzehren, Verdauen und Schlafen, während Der Mensch Leistungen voll­bringt, Die mit Der Selbsterhaltung nichts zu tun haben, eben jene Leistungen, Die eine Kill- tur aus sich hervorgehen lassen. Die Bedingun­gen für das Kulturschaffen müssen im Menschen selbst vorhanden sein, aber es wäre völlig un­denkbar, daß er über sie vom ersten Moment seines Eintritts in Die Welt ab verfügt; Diese Anlagen müssen sich während des individuellen Lebens erst entwickeln und entfalten. Der Mensch ist bildsam, Die Anlage zur Leistung, zum Er­leben und Schassen der Kultur ist in ihm ge­geben, sie muh entwickelt,gebildet" werden.

Dem Menschen steht bei seinem Eintritt in Die Welt eine ganze Kultur gegenüber, die er sich langsam und allmählich aneignen, in Die er hineinwachsen muß. Er ist so in Der Sage, Die Arbeit vergangener Generationen in sich auf­zunehmen; und nur so kommt er in Die Lage, diese Arbeit fortzuführen. Auch Der ärmste und verlassenste Mensch unserer Tage hat noch An­teil an Der Kultur: Wohnung und Kleidung, Heizung und Beleuchtung. Zubereitung Der Nah­rung, Zeitung, Verkehr, all das erscheint auch ihm als Delbstverständlichkeit, und er ist sich nicht llar Darüber, welche Unsumme von Arbeit und Geist in all dem steckt. Denken wir nur daran, wie selbstverständlich eS Den meisten von wrs ist, das elettrische Licht einzuschalten, während Goethe noch bitter darüber klagt, daß man die Kerzen ewig putzen müsse.

Indem nun der Mensch die bereits geschaffene Kultur kennenlernt und in sich aufnimmt, ge­winnt er Anteil an ihr, zugleich aber enttoidelt sich auch feine Persönlichkeit, denn wenn die

sind. Günstiger ist das DerhällniS kn Oxford, wo sich unter 26 schon vier Frauen-Colleges finden. Sie beherbergen durchschnittlich 150 Stu­dentinnen, die meist alle im College selbst woh­nen können. Die Studienkosten betragen für das Jahr etwa 3000 Mark, wobei während der 6monatigen Dauer Der Vorlesungen die Kosten für Wohnung und Verpflegung mit einbegrif­fen sind.

Trotz dieser für unsere Verhältnisse recht hohen Studienkosten ist aber Die Finanzlage der meisten: Frauen-Colleges Die denkbar schlechteste. So Hai z. B. das St.-Hughs-Collcge in Oxford bei nicht viel mehr als 100 Studentinnen eine Schulden­last von 700 000 Mart abzutragen, die durch Neubauten hervorgerufen wurde. Aehnlich geht es aber auch den anderen Frauen-Colleges in Oxford und Cambridge.

An den anderen englischen Hnioerfitäten, die keine Colleges Haven und daher mehr unseren deutschen Hochschulen gleichen, unterscheidet sich das Studium der Frau laum von Dem ihres männlichen Kommilitonen. Hier hören wie in Deutschland Studmten und Studentinnen gleich- zeisig di.selben Vorlesungen und nehmen auch sonst an allen Veranstaltungen gemeinsam teil. Nur die Klub räume, sowie die Schreib- und Lese­zimmer sind überall streng nach Geschlechtern getrennt

Es bleibt noch einiges über das Derufsziel der englischen Studentinnen zu fegen. Ein sehr großer Teil wendet sich naturgemäß Dem Lehr­beruf zu, zumal in England an den MädcheTr- schulen ausschließlich w illiche Lehrkräfte tätig sind. Aber ungefähr gleich viele haben über­haupt nicht die Absicht, später einmal einen festen Beruf zu ergreifen. Sie hei.aten meist kurz nach Beendigung ihres Studiums, dem sie lediglich deshalb oblagen, um dem Manne in bezug auf Wissen und Bildung nicht unterlegen zu sein. Dieser feste Wille, mit Dem Manne auch geistig unbedingt auf gleicher Stufe stehen zu wollen, ist überhauvt Dir Triebfeder der englischen aka­demischen Frauenbewegung.

Deutsches akademisches Leben in Riga.

Von Percy Dockrodi, Iftiga.

Es dürfte noch nicht in allen deutschen akade­mischen Kreisen bekannt sein, daß den vielen in Deutschland und in Oesterreich, in Der Schweiz und in Böhmen bestehenden deutschen Hochschulen sich vor einigen Jahren auch eine Neugrün­dung in Riga beigesellt hat das aus pri­vaten deutschbaltischen und reichsdeutschen Mit­teln unterhaltene ^Herderinstitu t". Zwar wird diese Hochschule auf absehbare Zeit hinaus aus Mangel an Mitteln nicht in der Lage sein, ihren Studenten eine abgeschlossene Universitäts- bildung zu vermitteln, und es fehlt ihr auch die eine Der vier klassischen Fakultäten die medi­zinische. Ferner ist das Herderinstitut laut dem Spezialgeseh, durch das es im vorigen Jahre als eine private deutsche Hochschule staatlich be­stätigt wurde, nicht berechtigt seinen Absolven'.en akademische Grade oder Derufsrechte zu verleihen- 3m Rahmen des Möglichen wird indessen alles getan, um den am Herderinstitut Immatrikulierten durch Vorlesungen und Seminarübungen eine recht gründliche Hochschulbildung zu vermitteln. Die sie dann entweder in der staatlichen lettländischen älniberfität oder auf einer Hochschule im Reich zum Abschluß bringen können. Die reichsdeut­schen Hochschulen rechnen die am Rigaer Herder­institut verbrachte Studienzeit im ilmfang bis zu vier Semestern an, so daß ein Hebertritt vom Herderinstitut zu einer reichsdeutschen Universität ohne Semesterverlust möglich ist. Außer einer Reihe von in Riga seßhaften deutfchbaltischen Gelehrten dozieren am Herderinstsiut ständig auch einige aus Deutschland berufene Lehrkräfte. Ferner finden in jedem Herbst mehrwöchige Serien* h och sch ulkurse statt, deren Programm je­weils von einer ganzen Reihe namhafter Gelehrter aus Deutschland und Dem übrigen Ausland be­stritten wird. Forscher vom Rufe eines Oncken, Meinecke, Süden, Scheier, Helsritz, Kraus, Schüßler und viele andere haben

Fähigkett zum Kulturverstehen und Kulturschaffen auch im Menschen angelegt ist, so muh diese Anlage sich doch immer erst entwickeln. Sie kann sich aber nur entwickeln, indem Der Mensch Die bereits geschaffenen Kulturgebilde in sich aufnimmt, nur an ihnen vermag er sich selbst zu bilden, nur so vermag er am Leben Der Kultur mitzuschaffen. Die Aufnahme Der Kultur­güter hat also nicht Den Zweck, daß das Jn* Dividuum sie hat, siebesitzt", sondern vor allem Den. dah seine Seele sich an ihnen bildet. Diesem Prozeß Der Aufnahme Der Kulturgüter unD der Bildung Der Seele des Individuums Dient Die Epoche des Lebens, welche wir als Jugendzeit im weitesten Sinne des Wortes bezeichnen. Der Sinn Der Jugendzeit liegt Darin, dah sich in diesem Lebensabschnitt Die Aufnahme Der Kultur­güter vollziehen. Die Individualität sich zu deren Erleben und Gestalten entwickeln soll.

Damit ist Die Dem Menschen eigentümliche Funktion Der JugenDzeit bestimmt, und es ist zu­gleich auch gezeigt, weshalb nur Der Mensch eine Jugend im eigentlichen Sinne hat. Denn dieser Prozeß Der Aneignung Der Kultur, Der auch als Prozeß Der MenschwerDung bezeichnet werden kann, vollzieht sich nur lang­sam und allmählich, nur unter der ständigen Ein­wirkung der erwachsenen Generation auf die werdende, und es sei angemerkt, Daß in dieser eigenartigen Tatsache Der Kultur auch die Er­ziehung ihre letzte Begründung findet. Denn Das hat Kant schon mit Recht hervorgehoben: Der Mensch ist auch Das einzige Wesen, welches erzogen toerDen muh. In diesem so sich voll­ziehenden Bildungsprozeß können wir nun zwei Stufen unterscheiden: die Kindheit und Die Reife­zeit. In Der KinDheit ist das JnDividuum vor­wiegend Der Eroberung Der äußeren Welt zu- gewandt, Dem Sammeln von Tatsachen, während in Den Reifejahren Die Wendung nach innen ein­tritt, das Individuum ist mit sich selbst be­schäftigt, es will sich feEbft erkennen, feine Stel­lung im Leben finden; jetzt erst erwacht auch daS Bewußtsein Der Werte In ihm, und erst am Ende Dieser Periode ist die Entwicklung ab­geschlossen, der Mensch istreif" getooröen.