Nr. 138 Erstes Blatt
179. Jahrgang
Samstag, 15. Juni 1929
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Duell in Madrid.
Spanien hat nicht immer eine so biedere Freundschaft für den Genfer Völkerbund bekundet, wie sie nun aus Anlaß der Madrider Tagung des Völkerbundsrats geflissentlich zur Schau getragen wird. Wir erinnern uns, daß sich Spanien schmollend aus Genf zurückzog, als ihm, als der Vormacht des lateinamerikanischen Kulturkreises nicht ebenso willfährig ein ständiger Ratssitz eingeräumt wurde, wie Deutschland. Bei der Reformierung der Ratsverfassung kam man dann Spaniens Aspirationen entgegen und in der ersten Freude über die Rückkehr des „verlorenen Sohns" beschloß der Rat, eine seiner nächsten Tagungen in Madrid abzuhalten. Im Einvernehmen mit der spanischen Regierung hat man die Verwirklichung dieses Plans dann hinausgeschoben bis in diesen Frühsommer, den Spanien mit seinen beiden großen Ausstellungen, der Weltausstellung in Barcelona, und der ioero-amerikanischen in Sevilla zu einer großzügigen und einzigartigen Propaganda für den Fortschritt spanischer Kultur und Wirtschaft unter dem System der Diktatur Primo de Riveras nützt. So hat sich dann das Völkerbundssekretariat, dessen Expansionsfähigkeit offensichtlich mit ältesten Bureaukratien erfolgreich wetteifern kann, mit Sack und Pack, Kisten und Kasten von Genf nach Madrid auf die Beine gemacht, und dabei dem braven Staatsbürger und Steuerzahler, welcher Nation auch immer er angehören möge, recht lehrreich demonstriert, welch umfangreicher und kostspieliger Apparat sich Jahr für Jahr als Organisation des Völkerbunds aus seiner höchst eigenen Tasche durchpäppeln läßt. Ja, wenn noch sichtbare Erfolge als weithin leuchtende Fanale, mahnend und anspornend, den Sieg des Völkerbunds zu seinem aroßartigen Ziel der Befriedung des Erdballs oezeichneten! Aber wie schwach es damit bestellt ist, zeigte ja nichts besser, als grade diese letzte äußerlich so glanzvolle Ratstagung in Madrid.
Eine der wesentlichsten Aufgaben, die die Pfuscharbeit der Friedensverträge von Versailles und St. Germain, Neuilly und Trianon mit ihrer willkürlichen Grenzziehung und jedem Selbstbestimmungsrecht hohnsprechenden Konstituierung neuer Staaten dem Völkerbund hinterlassen hat, ist die Regelung der M i n de r h e i t e n f r a g e , die sich in den durch die Friedensverträge gezogenen Grenzen als ein Problem des Ausgleichs zwischen den Souveränitätsrechten des nationale Minderheiten bergenden Staats und den berechtigten Ansprüchen eben dieser nationalen Minderheiten auf Wahrung ihrer sprachlichen, kulturellen, religiösen und ethnischen Eigenart darstellt. So geht vor dem Genfer Forum seit Jahren erbitterter Streit zwischen Deutschland und Polen um die Rechte der deutschen Minderheit in den abgetretenen Gebieten Posen, Westoreußen und namentlich Ostoberschlesien. Stresemann hatte einen besonders heftigen Zusammenstoß mit dem Polen Zaleski dazu benutzt, das Minderheitenproblem als Aufgabe des Völkerbunds einmal grundsätzlich aufzurollen. Das Ergebnis des ersten Anlaufs war damals schon nicht gerade vielversprechend. Der Dölkerbundsrat setzte aus dem Japaner Adatschi, dem spanischen Delegierten Quinones de L6on und dem inzwischen verflossenen britischen Außenminister Chamberlain ein Dreierkomitee ein, das in Verfolg der Strcsemannschen Anregung Denkschriften der interessierten Staaten sowohl wie auch der Minderheiten entgegennehmen und das gesammelte Material zu einem Bericht an eine aus dem Völkerbundsrat gebildete Sonderkommission verarbeiten sollte. Die Beauftragten des Rats waren weder Freunde der Minderheiten noch überhaupt nur Sachverständige. Sie hätten zwar aus dem ihnen in großer Fülle zugegangenen Material sich schon ein sachliches Urteil bilden können, um daraus praktische Folgerungen zu ziel)en. Sie haben es jedoch vorgezogen, grundsätzliche Fragen einfach beiseitezuschieben und ihre Vorschläge auf einige unwesentliche Aenderun- aen im formalen Verfahren der Behandlung von Minderheitenbeschwerden durch den Völkerbund zu beschränken. So wurde der Bericht des Dreierkomitees zu einer schweren Enttäuschung und der deutsche Delegierte auf der vor der Madrider Ratstagung in San Sebastian zusammengetretenen Kommission des Völkerbundsrats, Staatssekretär von Schubert, mußte den Bericht als völlig ungeeignet für eine Diskussionsgrundlage rundweg ab lernen. Gegen heftige Widerstände gelang es, den noh vom Geiste Chamberlains unseligen Angedenkens beeinflußten Bericht des Dreierkomitees durch einen neuen Bericht des japanischen Delegierten und gegenwärtigen Ratspräsidenten Adatschi zu ersetzen, der dann in Madrid dem Dölkerbundsrat zur Beschlußfassung vorgelegt wurde.
Deutschlands weitergehende Vorschläge, entweder die Verhandlung über das Minderheitenproblem ganz zu vertagen oder den Internationalen Schiedsgerichtshof im Haag zu einer Auslegung der Pflichten des Völkerbundes als Treuhänder der Minderheiten aufzufordern, drangen nicht durch, da auch die beiden einzigen Mitstreiter Deutschlands in der Minderheitenfrage, der Kanadier Dandurand und der Finne Procope der Ansicht waren, daß es vorteilhafter sei, die kleinen Verbesserungen im Beschwerdeverfahren, die der Bericht bringe, mitzunehmen, als auch diese an der mangelnden Einigung in den grundsätzlichen Fragen scheitern zu lassen. So hatte die deutsche Delegation gewiß keinen leichten Stand, und cs mußte im Hinblick auf die fast hoffnungslose Situation schon als Erfolg gebucht werden, daß für die Tagung des Völkerbundsrats selber der revidierte Bericht Adatschis Verwendung fand, der im Gegensatz zu dem ursprünglichen Bericht des Dreierkomitees wenigstens die Anregungen und Vorschläge Stresemanns und die Denkschriften der Minderheiten insofern berücksichtigte, als er den beschwerdeführenden Minderheiten eine schnellere und ausführlichere Informa-
Unterzeichnung desKonkordatszwischenpreußenunddemVatikan
Berlin, 14. Juni. (WTB.) Die der amtliche preußische Pressedienst mitteitt, ist am 14. Juni um 11 Uhr vormittags der Slaatsvertrag zwischen dem Freistaat Preußen und der römischen Kurie vom preußischen Minister- präsidenien Dr. Braun und dem päpstlichen Nuntius Pacelll unterzeichnet worden. Dem Unlerzeichnungsakt wohnten ferner die Staatsminister Dr. B e ck e r und Dr. höpker-Aschoff bei. Außerdem waren anwesend der Staatssekretär im Staatsministerium Dr. D e i s m a n n, bet Staatssekretär im Kultusministerium Dr. Lammers, Ministerialdirektor Dr. Rendelenburg, Nuntiaturrat Aloys L e n t o z und P. Eduard Gehrmann.
Der Ministerpräsident dankte nach der Unterzeichnung des Vertrages dem apostolischen Nuntius und seinen Mitarbeitern für die große Mühewaltung, die er dem Vertragswert gewidmet hat und sprach auch den Herren auf der preußischen Seite seinen Dank aus. Er sprach die Hoffnung aus, daß das Parlament den Vertrag genehmigen werde und daß damit heute der Grundstein zu dauernd friedlichen Beziehungen zwischen dem preußischen Staat und der Kirche gelegt sei. Der apostolische Nuntius dankte dem Ministerpräsidenten und erklärte, daß das Parlament, wenn es diesen Vertrag genehmigt, eine historische Tat vollzieht, mit der der dauernde kirchliche Friede gesichert sei.
Sie wichtigsten Bestimmungen.
Berlin, 15. Juni. (WTB.) Das Konkordat wird eingeleitet mit dem Hinweis, daß beide Parteien in dem Wunsche, die Rechtslage der katholischen Kirche in Preußen den veränderten Verhältnissen anzupassen, beschlossen haben, sie in einem förmlichen Vertrag neu und dauernd zu ordnen.
Der Vertrag umfaßt 14 Artikel und ein Schluß- Protokoll. Rach Aufzählung der beiderseitigen Bevollmächtigten heißt es in Artikel 1: Der Freiheit des 'Bekenntnisses und der Ausübung der katholischen Religion wird der Preußische Staat den gesetzlichen Schutz gewähren.
. Artikel, 2 enthält den Hinweis, daß die gegenwärtige Diözesanvrganisation der katholischen Kirche Preußens bestehen bleibt und in Aachen wieder ein bischöflicher Stuhl errichtet und das Kollegial- in ein Kathedrcll- Kapitel umgewandelt wird. Dem Bistum Osnabrück werden die bisher von seinem Bischof verwalteten Missionsgebiete einverleibt. Dem bischöflichen Stuhle zu Paderborn wird der Metropolitan - Charakter verliehen. Der bischöfliche Stuhl von Breslau wird zum Sitze eines Metropoliten, das Breslauer Kathe- dral- zum Metropolitan-Kapitel erhoben. Der bisher dem Bischof von Breslau mit unterstehende Delegaturbezirk Berlin wird selbständiges Bistum, dessen Bischof und Ka- thedral-Kapitel bei St. Hedwig in Berlin ihren Sih nehmen. Weiter enthält Artikel 2 eine Reihe Einzelheiten über die Ambildung und Reuordnung kirchlicher Kreise.
Das Bistum Fulda überläßt den Kreis Grafschaft Schaumburg dem Bistum Hildesheim und den bisher ihm zugehörigen Teil der Stadt Frankfurt a. M. dem Bistum Limburg. Wie Fulda, so wird auch dieses aus seinem bisherigen Metropolitanverband gelöst, aber der Kölner Kirchenprovinz angegliedert.
Der Erzbischof von Paderborn und die Bischöfe von Trier, Fulda, Limburg, Hildesheim und
tion über den Ausgang ihrer Beschwerde sichert, ferner auch zwischen den Ratstagungen den Zusammentritt des Minderheitenausschusses und seine Erweiterung von bisher drei auf fünf Mitglieder ermöglicht und schließlich durch Bekanntgabe auch der abgelehnten Beschwerden an die Ratsmitglieder und regelmäßige Veröffentlichung einer Statistik über die eingegangenen Beschwerden endlich einmal an= fängt, mit der bisher üblichen, aber gerade in Minderheitenfragen durchaus unangebrachten Geheimniskrämerei aufzuräumen. Das ist wenig genug, gemessen an dem, was gefordert war. Kein Wort von einer Mitbeteiligung der Minderheiten an dem Beschwerdeverfahren, kein Wort von einem ständigen Völkerbundsorgan zur Kontrolle der durch Schutzverträge zugunsten der Minderheiten verpflichteten Staaten, kein Wort schließlich von einer Mitberatung stammverwandter Mächte über die Minderheitenbeschwerde gleicher Nationalität. Trotzdem hat der Völkerbundsrat den Bericht Adatschis angenommen, trotzdem hat Deutschland dem Bericht zugestimmt, in dem vollen Bewußtsein, daß er nur eine Etappe im Kampf um die unverbrüchlichen Rechte der Minderheiten sein wird und daß dieser Kampf durch Abschlagszahlungen, wie der Adatschi-Bericht, sich nicht einschläfern lassen wird.
Die Ratstagung hat den beiden Außenministern Deutschlands und Frankreichs Gelegenheit gegeben, ihre Klingen zu messen. Der dritte im Locarnobunde, Sir Austen Chamberlain, dessen Ministersessel dank der imponierenden Mehrheit seiner Partei im britischen Unterhaus am festesten untermauert schien, ist ausgeschieden, vermutlich für immer. Man wird ihm keine Zähre nachzuweinen brauchen, obwohl das Fehlen eines vollwertigen britischen Delegierten die Aussprache in Madrid gewiß nicht günstig beeinflußt hat. Chamberlain war
Osnabrück sind berechtigt, in ihren Bistümern ein Seminar zur wissenschaftlichen Vorbildung der Geistlichen zu besitzen. Der Unterricht an diesen Seminaren wird dem deutschen theologischen H o ch s ch u l u n t e rr i ch t entsprechen. Zu Lehrern an den Seminaren werden nur solche Geistliche berufen werden, die für die Lehrtätigkeit in dem zu vertretenden Fach eine den Anforderungen der deutschen wissenschaftlichen Hochschulen entsprechende E i g - nung haben.
Artikel 6 und 7 regeln die Reubesetzung eines erzbischöflichen oder bischöflichen Stuhles. Der Heilige Stuhl wird hiernach zum Erzbischof oder Bischof niemand bestellen, von dem nicht das Kapitel nach der Wahl durch Anfrage bei der preußischen Staatsregierung festgestellt hat, daß Bedenken politischer Art gegen sie nicht bestehen.
3n Artikel 8 heißt es u. a.: Die Dignitäten
der Metropolitan- und der Kathedral-Kapitel verleiht der Heilige Stuhl. Die Ka- nonifate der Kapitel besetzt der Diözesanbischof abwechselnd nach Anhörung und mit Zustimmung des Kapitels, und die Domvikarien besetzt der Diözesanbischof nach Anhörung des Kapitels.
Artllel 9 besagt u. a.: Angesichts der in diesem Vertrag zugesicherten Dotation der Diözesen und Diözesananstalten wird ein Geistlicher zum Ordinarius eines Erzbistums oder Bistums, zum Weihbischof, zum Mitglied eines Domkapitels, zum Domvikar, zum Mitglied einer Diözesanbehörde oder zum Leiter oder Lehrer an einer Diözesanbildungsanstalt nur bestellt werden, wenn er die deutsche Reichsangehörigkeit und das vorgeschriebene Studium erledigt hat. Der kirchlichem und staatlichem Einverständnis kann von den genannten Erfordernissen abgesehen werden.
Die Mparaü'onssachverstä'ndigen beim Reichspräsidenten.
Berlin, 14. Juni. (WTB.) Der Herr Reichspräsident empfing heute die deutschen Vertreter auf der Pariser Sachverständigenkonferen;, Reichsbankpräsident Dr. Schacht, Dr. Melchior und Geheimrat Dr. k a st l und nahm von ihnen einen Bericht über das Ergebnis der Konferenz entgegen.
Auch der Reichskanzler empfing die Sachverständigen im Beiseln der an der Reparationsfrage beteiligten Minister und zuständigen Beamten. Der Reichskanzler sprach den Sachverständigen den aufrichtigen Dank der Reichsregierung für die aufopfernde Arbeit in Paris aus und fügte den Dank an die in erster Linie beteiligten Beamten hinzu. Daran schloß sich eine kurze Erörterung dec an den Sachverständlgen- plan anknüpfenden allgemeinen Fragen.
Nie belgische Markforderung.
Verhandlungen in Brüssel sind ausgenommen.
Brüssel, 14. 3uni. (WTB.) Ministerialdirektor Ritter vom Auswärtigen Amt traf zu den Verhandlungen über die belgische Markfrage heute vormittag hier ein. Die Verhandlungen zwischen Dr. Ritter und dem belgischen Sachverständigen G u 11 begannen heute nachmittag um 3 Tlhr. Sie dürften in Anbetracht der komplizierten Materie einige Zeit in Anspruch nehmen. Wie bekannt, fordert Belgien 2 5 Millionen für 3 7 3ahre, was einem Gegenwartswert von 400 Millionen entspricht, oder mit anderen Worten, es bedeutet eine Aufwertung der seinerzeit von Deutschland in einer Höhe von einer Milliarde ausgegebenen Mark von ungefähr 40 Prozent. Selbstverständlich gehen die deutschen Bemühungen in erster Linie dahin, diese Frage nicht in der Form von Annuitäten zu regeln, und zum andern wird, wie man uns mitteilt, versucht werden, die Aufwertungssumme auch notf) herabzusetzen. Allerdings muh von vornherein berück- sichttgt werden, daß wir seinerzeit die Mark unter Zwangskurs ausgegeben haben, so daß wir, ähnlich wie bei Rumänien, kaum um eine Aufwertung her umkommen werden. Es steht aber zu erwarten, daß eine Vereinbarung gefunden
werden wird. Die Einbeziehung der politischen Frage von Eupen und Malmedy ist ja schon in Paris abgelehnt worden; auch nach Ansicht der Berliner politischen Kreise ist es das zweckmäßigste, diese Fragen späteren Derhand- .lungen zu überlassen, die allerdings einmal kommen müssen und kommen werden. Vielleicht wird es aber möglich sein, andere wirtschaftliche Kompensationen von Belgien für ein jetziges deutsches Entgegenkommen zu erzielen.
Eine pariser Besprechung zwischenStresemannundBriand?
Erst Befehlsempfang bei Poincare.
Paris, 15.Juni. (WTB. Funkspruch.) Der Madrider Sonderkorrespondent des „Petit Parisien" berichtet, es sei wahrscheinlich, daß Außenminister Briand am letzten Tage der Session des Völkerbundsrates Reichsaußenrninister Dr. Strese - m a n n einen Abschiedsbesuch machen werde. Die beiden Staatsmänner würden diese Gelegenheit benutzen, um den Tag festzulegen, an dem sie in der nächsten Woche in Paris eine Begegnung haben würden, da Stresemann über Paris nach Deutschland zurückkehren werde. Gegenwärtig könnten sie in der Tat zweckmäßigerweise ihre Unterredung vom Mittwoch nicht weiter verfolgen. Erst wenn Briand mit Poincarö und seinen Kollegen Fühlung genommen habe und über d i e Bedingungen Bescheid wissen werde, unter denen der französische Ministerpräsident die Debatte über die Schulden und über den Bericht der Reparationssachoerständigen vor das Parlament bringen wolle, werde er mit dem Reichsaußen- Minister die logischen Folgen, die der Poung- Plan erhalten werde, ins Auge fassen können.
Auch französische Mnöver im Meln'and
Köln, 14. Juni. (TU.) Nachdem soeben erst durch den „Manchester Guardian" bekannt geworden ist, daß die Engländer im besetzten Gebiet für den Herbst große Manöver beabsichtigen, wird jetzt zuverlässig berichtet, daß auch der französische General st ab große angelegte Manöver vorgesehen hat, die in der Pfalz, im Hunsrück, dem Moselgebiet bis hinein in die Hocheifel abgehalten werden sollen. An diesen Manövern wird ungefähr die Hälfte der im besetzten Gebiet befindlichen fron*
zwar schon lange nicht mehr — vielleicht nie — ein ehrlicher Makler bei dem Versuch eines deutsch-französischen Ausgleichs, aber das Minderheitenproblem wie auch die in den vertraulichen Gesprächen zwischen Stresemann und Briand offenbar gleichfalls angeschnittene Frage der Rheinlandräumung wären vielleicht eher gefördert worden durch die Anwesenheit eines Repräsentanten der neuen englischen Politik, wie sie das Arbeiterkabinett Macdonald-Henderson beabsichtigt. Stresemann hat sich bei feinem Antrag auf Vertagung des Minderheitenproblems auf das Fehlen eines englischen Delegierten berufen, — der britische Botschafter in Madrid war doch nur Staffage. Briand ist die Antwort nicht schuldig geblieben, indem er seinerseits sich weigerte, die Rheinlandräumung als selbstverständliche Folge des Poungplans ohne England zu diskutieren. Das war für den Kommis des Herrn Poincarö natürlich nur ein hochwillkommener Vorwand, irgendwelche verbindliche Aussprache über das in Paris offenbar noch immer nicht aktuelle Thema solange wie irgend möglich hinauszuschieben. Wie überaus töricht es ist, sich hinter das Fehlen der dritten Locarnomacht zu verschanzen, erhellt aus der unleugbaren Tai- sache, daß gerade England und ganz besonders die jetzt am Ruder befindliche Labourparty, sich stets mit einer sofortigen und vollkommenen Räumung de? ganzen besetzten Gebiets einverstanden erklärt hat. Der Abzug der britischen Truppen wurde bisher einzig und allein dadurch verzögert, daß England begreifliche Gründe hatte, die „Wacht am Rhein" nicht Frankreich und Belgien allein zu überlassen. Henderson, der Staatssekretär des Foreign Office im neuen ßabourfabinett, wäre zweifellos der Letzte, der einer Räumung der Rheinlands Hindernisse in den Weg legen wurde.
Aber hinter Briands Verschleppungstaktik steht ganz offensichtlich der Wunsch, aus der Rheinlandräumung auf irgendeine Wei e für Frankreich neues Kapital zu schlagen. Unser Anspruch auf Räumung datiert schon vom Ab chluß der Locarno- oerträge her, dann sollte sie eine selbstverständliche Folge unseres Eintritts in den Völkerbund fein, schließlich sollte die Aussicht auf Räumung uns die bittere Pille des Poungplans mit seinem Milliardentribut sechzig lange Jahre hindurch schmackhafter machen. Nun, wo es soweit wäre, für den Abzug der Besatzung die ersten Schritte einzuleiten, beliebt man in Paris wieder eine andere Tonart. Der unheimlich schillernde, stets wandlungs- und anpassungsfähige Briand kramt schnell die famose „F e ft» ft e 11 u n g s -- und Bergleichskommifsion" heraus, die seinerzeit in Genf ins Auge gefaßt worden war, als man dort die Reparationskonferenz der Sachverständigen beschlossen hatte. Briands Ab- sichten, soweit sie bisher aus der Pariser Presse bekannt geworden sind, laufen darauf hinaus, auf unbegrenzte Zeit die entmilitarisierte Zone am Rhein, also ein Gebiet von mehr als 56 000 Quadratkilometern mit rund 15,5 Millionen Einwohnern, mithin nahezu ein Viertel des Reiches zum Gegen- stand einer neuen Kontrolle zu machen, die unabhängig von der Jnvestigationskommission des Völ- kerbundes und der im Locarnopakt zugestandenen Vergleichskommission ein ausschließliches Organ Frankreichs zur dauernden Niederhaltung des deut- schen Volkes fein soll. Deutschland hat nach den furchtbaren Erfahrungen der letzten zehn Jahre allen Grund, die Entwicklung der Dinge, die in den Ministergesprächen zu Madrid berührt wurden, wachsam und mißtrauisch zu verfolgen, will es nicht schließlich neue Fesseln gegen die alten eintauschen.


