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Nr. 62 Drittes Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für ©berufen)

Donnerstag.März 1929

Deutschnationale Vertretertagung in Gießen.

Man berichtet uns: 2lm Gamstag tagte in Gießen die KreiSvertreter-Versamm- lung des Kreises (Sieben, sowie der er­weiterte Dor st and der Provinz Oberhessen der Deutschnationalen Dolkspartei. Als Vast war Landtagsabgeordneter Böhm (Rheinhessen) anwesend.

Dach Begrüßung der Anwesenden durch den ersten Kreis- und Provinvorsitzenden, Studienrat Dr. Lenz, Gießen, wurden zunächst einige orga­nisatorische Fragen durchgesprochen. Anschließend fand die sahungsmäßige Deuwahl der Borstände >ür den Kreis und die Provinz statt. Mit kleinen Blenderungen wurde in beiden Fällen der alte Dorstand wiedergewählt.

Sodann trat man in eine längere Besprechung über die Stellung der Partei bei den komm enden Ko m munal-Wahlen in Hessen ein, welche durch ein Referat des ersten Provinz-Vorsitzenden über die letzte Wahl und die augenblickliche Lage in den kommunalen Körperschaften eingeleitet wurde. Ein endgültiger Beschluß über die Stellungnahme der Partei soll in der nächsten Sitzung gefaßt werden.

Nachdem dann noch verschiedene Anfragen aus der Dersammlung heraus erledigt waren, ergriff Amtsgerichtsrat Böhm das Wort zu einem län­geren Dortrag über die hessische Politik. Ausgehend von der zur ^cit immer schlechter werdenden politischen und wirtschaftlichen Lage Deutschlands wies er auf die katastrophale Fi­nanzlage in Hessen hin, welche teils durch die Allgemeinlage Deutschlands, teils durch die Feh­ler der sozialistisch beeinslußten hessischen Re­gierung bedingt sei. Trotzdem dieses Finanzelend im Reich wie in Hessen dauernd zunehme, be­zeichneten unsere Finanzminister, darunter auch der hessische, die Lage immer noch als nicht un­günstig. Selbst wenn dies wahr wäre, sei eine solche Erklärung im Hinblick auf die gerade in Paris tagende Finanzkommission zur Abänderung der Reparationslasten äußerst unklug, da natür­lich die gegnerischen Sachverständigen auf diese Erklärungen aus amtlichem Munde zurückgriffen. Aber unsere hessische Regierung jedenfalls glaube selbst gar nicht an die von ihrem Finanzminister behauptete erträgliche Finanzlage, sonst würden nicht gerade hessische Minister, besonders die sozialdemokratischen, so laut nach dem Einheits­staate bzw. nach einem Zusammenschluß Hessens mit Teilen Preußens zu einem rhein-mainischen Wirtschaftsgebiete rufen. Die Sozialdemokraten und auch unsere bürgerlichen Linksparteien glaub­ten nämlich, durch ein Aufgehen Hessens im Ein­heitsstaate oder durch Vergrößerung durch preu­ßische Teile werde die Fmanzbasis für Hessen breiter und besser. Dabei sei aber Dar, daß Preußen solche Pläne niemals ernst nehmen könne. Der Redner wandte sich dann gegen die Bewilligungsfreude der Parlamente überhaupt, wie des hessischen Parlamentes im besonderen, sowie gegen die starke Aufblähung des Dcrwal- iungsapparates: beide Tatsachen seien mit die Grundursachen für die Zerrüttung unseres Wirt­schaftslebens. Wie groß diese Zerrüttung schon sei und wie ratlos die herrschenden marxistischen Parteien derselben gegenüberständen, zeige der selbst aus den Kreisen der Arbeiterschaft er­schallende Ruf nach einer Diktatur. Denn das fühle langsam der einfachste Mann: So kann cs nicht mehr lange wcitcrgehen. Er persönlich glaube, daß die Diktatur, wenn sie überhaupt komme, eine Wirtschaftsdiktatur sein werde. Dor­läufig sei aber die Zeit dafür noch nicht reif. Aber darauf warten und die Hände in den Schoß

Nachdruck verboten.

6 Fortsetzung

Oie Liebe derBrigiita Hollermann Zfioman von Elisabeth Aey.

Copyright by Martin Feuchtwanger. Halle (Saale).

Derhaltene Wut und ohnmächtiger Grimm ver­zerrten sein an und für sich brutales Gesicht, und mit fast erstickter Stimme schrie er:

Gut, Herr Geheimrat. ich gehe. Das Weitere wissen Sie. Auf morgen!" Damit schlug Fritz Bellinger die Tür hinter sich ins Schloß.

Dater und Tochter standen sich eine Weile schweigend gegenüber.

Der alte Mann lehnte jetzt mit erschlafften Glie­dern an seinem Schreibtisch.

Dater! Was was meinte Deilinger soeben mit seiner Bemerkung?" fragte Brigitta ver- än§DlIennann zuckte zusammen, antwortete ihr aber nicht. , , , ..

Düster starrte er noch immer auf die Tur, durch die sein Peiniger soeben verschwunden toa(S8 ist auS!" murmelte er dann plötzlich mit seltsamem Lächeln, und trat rasch zum Fenster.

Brigitta schluchzte leise auf.

Geh' zu Bett, Kind," bat ihr Dater sanft. Gott helfe dir, denn ich kann mir selbst nicht mehr helfen." .,

Da eilte Brigitta zu rhm, und umschlang ihn zärtlich.Pa, lieber, süßer Pa, flüsterte sie fast tonlos.Was ist dir? Sch ängistige mich so grenzenlos um dich. Komm, nenne mir dem Seid. Was meinte Bellinger vorhin? Es klang wie eine Drohung." , . D

Da brach es wild und gehetzt von des alten Mannes Lippen, das Geständnis seiner großen Schuld, aus Menschenliebe getötet zu haben.

Brigitta aber lauschte seinen Worten mit flie­gendem Atem, und ab und zu stöhnte sie schmerz­lich auf. Aber sie wich nicht von ihrem Vater zurück, sondern umschlang ihn nur noch fester, n vollem Derstehen seiner reinen, nwnschlich großen Tat. Sie, das unschuldige Mädchen, konnte des Daters Handlungsweise vollauf be­greifen. . .

Du tatest recht," stammelte sie dann, von. fei­nem Geständnis bis ins Innerste aufgewühlt und ergriffen.Diemand wird dich verdammen! Habe Dank für dein großes Dertrauen, mein Dater.

Bei dieser Antwort rlh der alte Mann sein Kind fest an seine Drust und küßte dem Mädchen andächtig die Stirn.

.Meine Brigitta, mein Kind," flüsterte er er­schüttert.So finde ich doch noch einen Menschen, der mich versteht. Wie glücklich mich das macht.

legen, könnten wir nicht. Wir müßten inzwischen weiterarbeiten und zu erreichen versuchen, was zu erreichen sei, und das sei in erster Linie: Vereinfachung unseres Derwaltungsapparates und Bildung einer Zweiten Kammer zur Kontrolle der Ausgabewirtschaft der Ersten. Mit Erreichung

dieser Forderungen sei der erste Schritt zur Besserung getan. Damit schloß der Redner unter großem Beifall seine Ausführungen, welche in der anschließenden Aussprache von vielen An­wesenden noch ergänzt und unterstrichen wurden.

Oberhessischer Kunstverein.

Der Oberhessische Kun st verein hielt am Montag im Stadthause seine ordentliche Mitglieder-Dersammlung ab.

Der von dem Dorsihenden erstattete IahreS- geschäftsbericht ergibt, daß im Laufe deS Iahres 1928 wieder sieben Ausstellungen stattfanden, deren erste den graphischen Werken von Käthe Kollwitz gewidmet war, die kurz vorher ihr 60. Lebensjahr vollendet hatte. Dr. L. Reundörfer, Offenbach, hatte aus meh­reren Sammlungen eine interessante Kollektion ihrer Werke zusammengestellt und gab bei der Eröffnung an der Hand dieses Materials eine Einführung in die Hauptelemente des Schaffens der Künstlerin. Die Ausstellung umfaßte weiter Oelgemälde des verstorbenen Malers Adolf Lins, Düsseldorf, sowie ein Porträt von der Hand Carl Ban Hers, Marburg. Ihr folgte im Februar-März eine Kollektiv-Ausstellung von 57 Oelgemälden des Malers Rudolf Hell- Wag, Berlin, die insbesondere englische Park- und Küstenlandschaften zum Gegenstand hatten', ein kleines Gemälde,Kinder im Hydepark", er­warb der Derein für seine ständige Sammlung. Reben Hellwag stellte 2 o s e f S t e i b, Düssel­dorf, eine größere Zahl von Radierungen aus. Hiernach folgte im April eine Kollektiv-Ausstel­lung des westfälischen Bauernmalers P. A. B ö ck- st i e g e l, Dresden, bestehend aus Aquarellen, Radierungen und Steinzeichnungen. 2m Mai brachten 33 Münchener Künstler eine Kol­lektion von 62 Oelgemälden zur Schau, von denen einige Käufer fanden. Den Schluß der Ausstellungen vor der Ferienpause machte eine mit dem Kunstwissenschaftlichen 2nstitut der Lan­desuniversität veranstaltete Albrechk-Dürer- Gedächtnis'-Ausstellung, die mit einem einführenden Vortrag des Universttätsprosessors Dr. Rauch eröffnet wurde. Sie enthielt nur Reproduktionen und setzte sich aus den Beständen deS Kunstwissenschaftlichen 2nstituts und Drucken angesehener Verlage zusammen. Der Besuch war sehr rege, namentlich seitens der Schulen. Rach den Ferien stellte von Mitte Oktober bis Mitte Rovember eine größere Anzahl von Künstlern Oelgemälde, Aquarelle und Zeichnungen aus, von denen insbesondere P. A. Böck stieget, Dresden; Alfred Kiehl, Lang-Göns; Hein­rich Küchel, Gießen; Lothar Toller, Willi Hofferbert und Ulrich Haller- st e d e, Darmstadt, genannt seien. Der Monat Dezember brachte wieder eine auf Veranlassung des hessischen Kultusministeriums für hessische, insbesondere obcrhessische, Künstler eingerichtete Weihnachts-AusstellungKünstler­hilfe 1 9 2 8, mit welcher wie in den voraus- gegangenen 2ahren eine Ausspielung verbunden war. Das Ergebnis war ein unter Berücksichti­gung der derzeitigen Wirtschaftslage befriedigen­des. Der Umsatz betrug insgesamt 5892 Wk. (gegenüber 4759 Mc. in 1927). Erstaunlicher­weise hatte sich auch das Privat-Publikum in größerem Maße als früher an den Ankäufen beteiligt. Verlost wurden 16 Einzelgewinne und 300 Serienblatter; von 33 aussiellenden Künstlern blieben nur fünf ohne Absatz. Die Kosten der Veranstaltung konnten gedeckt werden. Bei den übrigen sechs Ausstellungen belief sich der Umsatz

auf nur 1694 Ml.; sie brachten alle ein mehr oder weniger großes Defizit, wobei zu beachten ist, daß es Aufgabe des Vereins ist, durch seine Mittel den Künstlern die Ausstellung ihrer Werke zu ermöglichen.

Die 2ahresverlosung unter d i e Mitglieder fand am 11.Dezember 1928 statt. Verlost wurden neun Anrechtscheine im Gesamt­betrag von 500 Mk. und 19 in den Ausstellungen angekaufte Kunstgegenstände, die Bilder sämtlich gerahmt. Gesamtwert der Gewinne etwa 1000 Mk.

Den Mitgliedern konnte der Piperdruck von RubenS reizendem BildÄnabc mit Zeisig" und Carl WoermannS zweibändiges Werk Lebenserinnerungen eine« Achtzigjährigen" zu sehr billigem Preise zur Verfügung gestellt werden.

DieMitgliederzahl betrug EndeIanuar 1928 noch 419. Die von dem Schatzmeister, Dank- direktor Grießbauer gestellte, von den Revi­soren Professor Dr. D e l t e und Geheimerat Dr. O l t geprüfte Iahresrechnung 1928 wurde richtig befunden. Dem Schatzmeister wurde unter Danksagung für seine Mühewaltung Ent­lastung erteilt.

Die bisherigen Ausschußmitg lieber wurden wiedergewählt, desgleichen die seitherigen Vorstandsmitglieder in der nach Schluß der Mitgliederversammlung abgehaltenen Aus- schuhsihung.

Eine räumliche Erweiterung der stan- digen Gemäldesammlung in Reuen Schloß ist in Aussicht genommen. Die derzeitigen Räume sind insbesondere nach Aufnahme der zum Spruckschen Vermächtnis gehörende Bilder völlig unzulänglich, eine Anzahl neu erworbener Gemälde konnte noch nicht der Sammlung ein- gereiht werden. Es ist zu hoffen, daß die dem- nächstige Reuordnung das Interesse an unserer schönen, durch die G u st a v - B o ck s ch e n Stif­tungen begründeten Gemäldesammlung neu be­leben wird. Möge es auch dem Oberhessi - schon Kunst verein im neubegonnenen Iahr in steigendem Maße zuteil werden, er vermag feine für Kunst und Künstler wichtige, durch die derzeitigen wirtschaftlichen Verhältnisse und die herabgesetzten Iahresbeiträge so sehr erschwerte Aufgabe nur zu erfüllen, wenn er von einer grö­ßeren, nicht wie bisher abnehmenden, sondern wachsenden Mitgliedcrzahl getragen wird.

Am Schlüsse der Versammlung gab der Vor­sitzende bekannt, daß anläßlich der am 29. und 30. Iuni stattfindenden Feier des vor 50 Iahren erfolgten Ueberganges des Eigentums der Burg Gleiberg an den G l e i.b e r g v e r e i n die Veranstaltung einer Ausstellung im Turmhaus am Drandplah geplant ist, in deren Mittelpunkt der Gleiberg steht. Die Ausstellung soll am 16. 3uni eröffnet werden, vier Wochen dauern und Bilder aller Art auch ältere aus Privat- besitz umfassen, welche die Burg von außen oder innen darstellen. Anmeldungen find bis 15. Mai an den Oberhessischen Kunstverein zu richten. Cs ist zu hoffen, daß auch dieser Plan bei Künstlerschaft und Publikum das zu seiner befriedigenden Verwirklichung erforderliche In­teresse finden wird.

Brigitta weinte leise vor sich hin.

Do standen sie lange Zeit in inniger Umar­mung beisammen; dann aber schob der Vater Brigitta leicht von sich:

Geh'," sagte er müde.Geh', meine liebe kleine Gitta, und mache mir das Herz nicht un­nütz schwer. Versprich mir, stark zu bleiben, was auch kommen mag. Vielleicht lebt Hans-Iörg Eggenbrecht. Roch ist ja der gefundene Tote nicht zu identifizieren gewesen. Nimm das als Trost, Gott fei mit dir!"

Roch einmal küßte er seinen Liebling auf die bleichen, zuckenden Lippen, dann schob er sie sanft zur Tür hinaus.

Draußen stand die alte Hanna, die die völlig Gebrochene zu Bett brachte.

Geheimrat Hollermann war wieder ans Fenster zurückgekehrt.

Lange starrte er noch hinaus auf die Trümmer- stätte. Dann warf er entschlossen den Kopf zu­rück. und murmelte vor sich hin:

Verloren, alles, alles verloren, selbst Evelyn und Isa. Rur eine ist mir geblieben, Brigitta, so will ich ihr wenigstens den ehrlichen Ramen retten!"

Festen Schrittes trat er zum Schreibtisch und schloß ein Seitenfach auf, dem er eine Deine Schachtel entnahm.

Lange hielt er sie in der Hand und starrte daraus nieder.

Roch einmal war es, als würge ihn ein hartes Schluchzen in der Kehle; dann aber lachte er bitter auf und sagte:

Veronal! Auge um Auge, Zahn um Zahn. So heißt es in der Bibel. Wohlan, Erich Blessen, alter, sterbender Wann, den mich das Mitleid töten hieß. Die Welt verdammt mich darob. Man sagt: du sollst nicht töten! Run gut, so folge ich dir in die Ewigkeit nach."

Ohne zu zittern nahm Geheimrat Hollermann das Gift.

Still lächelnd erwartete er dann, in einem Sessel sitzend, fein Ende.

Als man vier Tage später Geheimrat Holler­mann zur letzten Ruhe bettete, schritten außer den zahlreichen Teilnehmern, die dem in wei­testen Kreisen geachteten und hochverehrten Arzt das Ehrengeleit gaben, nur die Geheimrätin, Isa Hollermann und Doktor Fritz Beilinger hinter dem Sarg her.

Fritz Bellinger galt nach wie vor in aller Rügen als der Verlobte Brigitta Hollermanns, und man brachte gerade ihm besonders warme Teilnahme entgegen.

Niemand wußte ja, was sich in jener Rächt zu­getragen hatte. Rur Brigitta allein hätte es sagen können, doch diese lag. von einem schwe­ren Nervenzusammenbruch gepackt, todkrank dar­nieder.

Die Krankheit hatte sie noch in der gleichen Nacht, in der sie mit ihrem Vater die Aussprache gehabt hatte, befallen.

Sie ahnte nicht, daß dies das letzte Zusammen­sein mit ihrem über alles geliebten Vater ge­wesen war, und wußte nichts von feinem Tod und von dem furchtbaren Verlust, der sie damit aufs neue betroffen hatte.

Somit vermochte sie es auch nicht zu verhin­dern, daß derjenige Mensch, der ihren Vater in den Tod getrieben hatte, als erster hinter dem Sarge herschritt, und sogar die Heuchelei soweit trieb, hochtönende Worte an der Gruft zu sprechen.

Für die Welt war Geheimrat Hollermann an einem Herzschlag verschieden, den man als Folge des Schrecks über das Explosionsunglück erklärte.

Doktor Fritz Bellinger hatte so den Toten­schein ausgestellt, während er Frau Evelyn und deren Tochter Isa reinen Wein über den wahren Sachverhalt einschenkte.

Der Geheimrätin ging der Tod ihre« Gatten nicht nahe. Erst dann begann ihr Wehklagen, als es ihr Dar wurde, daß der Tote außer der Klinik und der Villa, die leider mit Hypotheken überlastet waren, nur ein geringes Darvermögen von nicht ganz 32 000 Mk. hinterlassen hatte.

Bei dieser Erkenntnis war Frau Evelyn in hysterische Weinkrämpfe verfallen, und seither er­ging sie sich in sinnlosen Schmähreden und Oliv klagen gegen den Toten.

Nur mit Mühe vermochte sie Fritz Deilinger zu bewegen, an der Trauerfeierlichkeit selbst teil­zunehmen. Den letzten Entschluß dazu gab wohl erst das elegante, gutgekleidete Trauerkoftüm, das ihr die Schneiderin brachte.

Isa vergoß an der Dahre des Daters keine Träne. Sie wußte ja aus dem erlauschten Ge­spräch, daß der Tote eigentlich gar nicht ihr Vater war, und empfand somit keine Veranlas­sung zu einer schmerzlichen Bewegung.

Sie ging mit blassem Gesicht umher, in dem sich ein fataler Ausdruck der Sorge um die Zukunft mischte. Vorläufig fand sie die ganze Handlungsweise dieses ManneS, zu dem sie Vater gesagt hatte, unverantwortlich, und stellte es als eine persönliche Beleidigung gegen sich selbst hin.

Gott ja, man ist doch verwöhnt," seufzte sic ein über das andere Mal und erwog die un­geheuerlichsten Pläne, die ihr gestatten sollten, in dem altgewohnten Luxus weiterleben zu können.

Um die todkranke Schwester kümmerte sie sich absolut nicht. Dafür führte die Geheimrätin an Brigittas Krankenlager wahre Szenen auf, fo daß der alte Sanitätsrat Lührmann, der sich um die Schwerkranke nach Kräften bemühte, Frau Evelyn eines Tages den Eintritt ins Kranken­zimmer ein für allemal untersagte.

Oie Entwicklung des deutschen Rundfunks.

In diesem Monat blicken zahlreiche deutsche Rundfunksender auf ein fünfjährige« Bestehen zurück. AuS diesem Anlaß ist ein Ueberblick über die rapide Entwicklung, die das deutsche Rundfunkwesen in dieser kurzen Zeitspanne genommen hat, interessant.

Es hält schwer, der Entwicklung deS deutschen Rundfunks, seinem Eilschritt, ein Gegenstück in Deutschland zur Seite zu stellen. Deutschland verfügt augenblicklich über 29 Haupt- und Nebensender. In den ersten Monaten nach der Einführung deS Rundfunks durch die Reichs­post, Anfang 1923, war die Entwicklung außer - ordentlich geringfügig. Erst am Schlüsse des IahreS 1923 setzte daS große Interesse des Publikums ein. Im Dezember 1923 betrug die Zahl der Rundfunkteilnehmer 1500, Ende März 1924 betrug die Zahl der zahlenden Hörer bereits 8000. Der nächstfolgende Monat brachte eine Verdoppelung, im Mai verdoppelte sich diese Zahl abermals. Dann setzte, nachdem die Reichs­post das Rundfunkwesen durchorganisiert und die nötige Werbung in die Wege geleitet hatte, geradezu ein Ansturm ein. Am 1. Iuli 1924 waren die ersten 100 000, am 1. Oktober die erste Viertelmillion erreicht, um die IahreSwendc sprachen die damals 12 deutschen Sender zu einer halben Million Hörer. Seit jener Zeit schreitet der Zuwachs in ruhiger Weise, im Winter kräftig, im Sommer langsam fort. Ende des Iahres 1927 waren rund 2 Millionen Rund­funkteilnehmer vorhanden, während am 1. 3 a- nuar 1 929 die Zahl der Teilnehmer 2 635 567 betrug.

Die Hauptzahlen liefern die großen Städte, in denen ein Sender steht. An der Spitze mar­schiert die Reichshauptstadt mit einer Zahl von mehr als 700 000 Teilnehmern, eine Zahl, die erkennen läßt, daß dort schon jetzt durchschnittlich jede dritte Familie Radiohörer ist. Der KreiS der Teilnehmer umfaßt alle Schichten der Bevölke­rung. Beispielsweise ist in Berlin festgestellt, daß der Norden und Osten, d. h. die Stad! teile, die hauptsächlich von der weniger begüterter Bevölkerung bewohnt werden, sich sogar in stär­kerem Maße dem Rundfunk angeschlossen haben als der mehr begüterte Berliner Westen. ®ai flache Land ist weniger stark beteiligt, was da mit zu erklären ist, daß dort zum großen Teil nur mit Röhrengerät, das noch immer relativ kostspielig ist, empfangen werden kann.

Mit den erwähnten Zahlen hat jedoch der deutsche Rundfunk seinen Sättigungspunkt noch lange nicht erreicht. Die Zahlen sind vielmehr von Monat zu Monat im Steigen begriffen.

Zentralgenoffenschafi für Obst- und Gemüseverweriung. WSN. Die seit langem angestrebte $en- tralgenossen schäft für Obst- und Ge­rn ü s e v e r w e r tu n g ist gestern mit dem Mh In Frankfurt a. M. gegründet worden. In den Vorstand wurden Direktor F l e i m e t von der Raiffeisen-Genossenschaft Frankfurt a. M Di­rektor Straßburger von der Zentralgenossen­schaft Darmstadt und Obstbauinspektor Lange in Frankfurt a. M. gewählt. Die Genossenschaft wird alle Obstbauvereine in Nassau und Hessen umfassen. ES sollen weniger, aber gute Obstsorten gebaut werden, in allen obst­bauenden Gegenden sollen Sammel- und Packer­stellen gegründet werden, wo das Obst fortiert und fachmännisch verpackt wird, und ein Aus­gleich bei der Obstversorgung herbeigeführt werden.

Wenn sie stirbt, mein Gott! Herr SanitätS- rat, retten Sie das Kind!" jammerte Frau Eve­lyn täglich aufs neue.

Ihr Schmerz entsprang der Angst, daß mit einem etwaigen Tod Brigittas sich Doktor Dei­linger nicht mehr der Familie verpflichtet fühlen könnte. Ihr einziger Trost war es ja, daß (Brigitta mit Deilinger verlobt war und fle da­durch bald wieder das alte Leben führen konnte.

Daß die Hochzeit der beiden so bald wie möglich stattfinden sollte, stand bei ihr fest, und Deilinger, mit dem sie einmal darüber gesprochen hatte, war ganz ihrer Meinung.

Er spielte den verängstigten Dräuttgam, und lieh sich getreulich von seinem Kollegen, dem alten Sanitätsrat, Bericht erstatten.

Fritz Bellinger kam die Erkrankung Brigitta Hollermanns nur allzu gelegen.

Die kleine, giftige Kröte, wie er sie.in Ge­danken benannte, hätte ihm einen eiligen Strich durch seine feindurchdachte Rechnung machen können. Gut also, daß sie einstweilen kaltgestellt war. Dis zu ihrer Genesung würde es noch gute Weile haben, und inzwischen war seine Positton hier so gefestigt, daß sie keinen Wider­stand mehr leisten würde.

Doktor Fritz Deilinger begehrte Brigitta mit brutaler Glut und wünschte um jeden Preis, dieses widerspenstige, stolze Mädchen zu besitzen.

Gerade ihre Zurückhaltung reizte ihn, und stachelte seine Sinne immer mehr an.

Die nach dem Begräbnis erfolgte Testaments­eröffnung brachte nichts Neues.

Geheimrat Hollermann hatte feine Hinterlassen­schaft in drei Teile geteilt. Nach dem Stand des Vermögens an seinem Todestage erhielten Frau Evelyn, Brigitta und Isa je ein Drittel. So war es für ihre Verhältnisse eine kärgliche, lächerliche Summe, die ihnen blieb.

Doktor Fritz Deilinger nützte die gute Ge­legenheit gründlich aus und trat als Retter und Wohltäter auf.

Er erklärte sich der Geheimrätin gegenüber bereit, die Klinik in Pacht zu übernehmen und weiterzuführen, und an die Erben jährlich eine Pachtsumme zu zahlen. Daß diese Summe nicht sehr hoch bemessen war, läßt sich denken.

Frau Evelyn aber griff in ihrer Angst mit beiden Händen zu und überschüttete den berech­nenden Schurken unter Tränen mit überschwäng­lichen Dankesbezeugungen.

Und nicht nur im Geheimratshaufe, sondern auch in den weitesten Kreisen Hamburgs war man des Lobes voll über den tüchtigen und auf» opfernden Schwiegersohn des verstorbenen Arztes. Ganz im geheimen aber sorgte Deilinger dafür, daß langsam ein heimliches Raunen über den Verstorbenen entstand, das sich schließlich zu häß­lichen unwahren Gerüchten aufbauschte.

(Fortsetzung folgt)