Ausgabe 
13.12.1929
 
Einzelbild herunterladen

Der wichtigste Teil meiner heutigen Darlegungen betrifft die Behebung der Schwierigkeiten beim Kaffenbedarf. Es scheint mir, daß nur völlige Offenheit uns über die augenblickliche schwierige Situation hinweghilft.

Ultimo Dezember müssen wir mit einem kassen- desizit von einer Milliarde und siebenhundert Millionen rechnen.

(Hört! Hört! Zuruf: Das ist die Pleite!) Diesem stehen Dcckungsmit.el im Betrage von 1370 Qllil- lioncn gegenüber. Äie Reichslasse benötigt also zur Erfüllung ihr.".' Verpflichtungen Ultimo De­zember einen Kredit von 330 Millionen. Die ReihsrcZierung hat den energischen W en, Ordnung in den Rei "shaushait zu bringen. Für eine kurze Hebergangs eit wird freilich noch die Rotwendigleit von Ueberbrückungslre- d i t e n bestehen Kleiden. Neben dem allgemeinen Finanzprogramm ist ein: S'ndermahnahme drin­gend notwendig, nämlich die Inkraftsetzung der Beitragserhöhung für die Ar­beitslosenversicherung und der Ta­baksteuererhöhung schon am 1. Ja­nuar 1 9 3 0. Durch dieses Sofort-Programm fliehen der Reichsiasse 360 Millionen jährlich zu. Die Regierung hofft zuversichtlich, daß es ihr auf Grund dieser Maßnahmen gelingen wird, den für Ultimo Degember 1929 noch erforderlichen Kassenkredit zu erreichen.

Die Reichsrcgicrung erwar ei vom Reichstag, dah pr sich mit groher Mehrheit zu den Grund­zügen ihres Programms belennen wird. Anfang Januar soll die Schluß!-nserenz im Haag zusam­mentreten. Sollte die Reichsregierung nicht im Best- eines klaren Vertrauensvo­tums des Reichstags sein, so wäre der Zusammentritt der Schluhkonferenz ernstlich in Frage gestellt, wenn nicht in kürzester Frist die Reichsregierung neu gebildet wäre. Wenn die Ultimoschwieriglciten im De'em^er nicht über­wunden werden könnten, so würde eine solche schwere Erschütterung der Reichssinanzen starke Rückwirkungen auf die private Wirtschaft haben und alle Teile der Bevölkerung in Mitleidenschaft ziehen.

Es würden auch Gefahren für die Fortfüh­rung der Sozialpolitik, für unsere kulturellen Errungenschaften und für den mühsam in Gang gebrachten Wiederaufbau der Wirtschaft ent­stehen. Die Stunde ist ernst, sie fordert sehnelle Entschlüße.

wenn auch über Einzelheiten des Finanzpro­gramms noch zu reden fein wird, so muh die Regierung doch verlangen, dah sich die Mehr­heit des Reichstags zu den bargelegten Grund­fähen unseres Finanzreformprogrammv bekennt.

Ich richte an Sie den dringenden Appell, an­gesichts der Finanzschwier.gleiten die Bedenken zurückzustellen. Auch die Aeichsregierung hat sich unter Zurückstellung gegensätzliche^ Auf­fassungen einmütig auf ein Gesamtprogramm geeinigt. Die Parteien sollten sich in dieser ern­sten Stunde bewußt sein, daß es gemeinsame Interessen des deutschen Volkes gibt, deren Ver­tretung unter Zurückstellung aller Einzelinter­essen niemals dringender geboten war als jetzt, (Beifall bei den Regierungsparteien, Schmäh­rufe der Kommunisten, nationalsozialistische Ruse: ,Treten Sie ab, Herr Müller!".)

Aussprache über die Regierungserklärung Frei­tag, 1 Hhr.

Der Lteberbrückungskredit.

Nene Verhandlungen mit Lchacht.

Berlin, 12. Dez. (Priv.-Tel.) Rach der Plenarsitzung des Reichstages fand im Reichs­tage eine Besprechung der Parteiführer statt, die aber bald wieder abgebrochen wurde, da der Reichsbankpräsident Dr. Schacht im Laufe des Abends im Reichstage erschien, wo er längere Zeit mit den Mitgliedern des Rcichskabinetts verhandelte. Wie die Telegraphenunion erfährt, hat Reichsbankpräsi­dent Dr. Schacht hat die Reichsregierung wissen lassen, daß das vorgeschlagene Sofort-Programm nicht genüge, um die Kreditfähigkeit des Reiches zu sichern. Insbesondere bedeute die Beitragserhöhung bei der Arbeitslosenversiche­rung keinen Zufluß für die Reichs- lasse. Der Reichsbankpräsident soll ferner u. a. auch die sofortige Erhöhung derDier- steuer verlangt haben.

Die Garantiesumme, die der Reichs- bankpräsidnrt vor dem Abschluß der Kreditver­handlungen durch das Sofort-Programm erfüllt sehen will, beläuft sich auf 5 00 Millionen Mark. Das von der Reichsregierung vorge­schlagene Sofort-Programm sieht nach den EAlärungen des Reichskanzlers nur einen Betrag von 360 Millionen Mark vor, wobei neuerdings von Finanzsachverständigen einiger Parteien behauptet wira, daß die Er­höhung der Tabaksteuer nicht die erwarteten 220 Millionen Mark, sondern nur 156 Millionen Mark erbringen werde. Der Schritt des Reichs­bankpräsidenten soll, wie in parlamentarischen Kreisen behauptet wird, dadurch veranlaßt wor­den sein, daß die amerikanische Ban­ke n g r u p p e , mit der die Regierung in Kredit­verhandlungen steht, für die Kredithergabe d i e Gegenzeichnung des Reichsbankprä­sidenten verlangt.

Rach demVorwärts" soll der Verlauf der Verhandlungen der Regierung mit dem Reichs- bankpräsidenten Schacht, an denen außer dem Reichskanzler auch der Reichswirtschaftsminister Dr. Mol>.enhauer und der Reichs, inanz-nmister Hilferding teilgenommen haben, günstig ge­wesen sein. Schacht soll erklärt haben, daß er gegen die Führung und den Abschluß der Ver­handlungen über ausländische Kredite des Reiches nichts einzuwenden habe. Damit wäre die Situation von der Seite der Kassenlage her beträchtlich erleichtert. Man könne heute wohl annehmen, daß voraus­gesetzt. daß es keine Panne in der parlamen­tarischen Verhandlung gebe dem Abschluß des Anleihegeschäfts keine unüberwind­baren Schwierigkeiten entgegenstehen. Für die Verzinsung würden Sätze genannt, die unter den gegebenen Verhältnissen als noch günstig zu betrachten seien.

Oie Stellung der Parteien.

Die Lozialdenwkratcn lehnen die von der Bolkspartei geforderte Bindung ab.

Berlin, 12. De§. (Priv.-Tel.) Rach den Besprechungen des Reichskanzlers mit dem Reichs- bankpräsidenten an denen übrigens auch der Reichsfinanzminister und der Reichswirtschafts­minister teilnahmen und längere Zeit an­

dauerten, empfing der Reichskanzler die Füh­rer der Regierungsparteien zu einer kurzen Ausspräche, die in den späten Rächt- stunden noch andauerte. Eine abschließende Stel- lungnahme ist noch nicht erzielt worden. In der Besprechung erklärte sich die Deutsche Volks­partei bereit, auf den Boden des Re- gierungsprogramms zu treten, wenn von den Übrigen Parteien die restlose Durch­führung dieses Programms unbe­dingt gewährleistet werde. Die Vertreter der sozialdemokratischen Fraktion hiel­ten es nicht für möglich, eine solche Bindung einzugchen. Ebenso erklärte die Bayerische Dolkspartei, daß sie dem Finanzprogramm wegen der Bier st euer nicht zustimmen könne. Die Vertreter des Zen­trums und der Demokraten stellten sich auf den Boden der Regierungs­erklärung. In der Parteisührerbesprechung Kurde auch die Möglichkeit einer Erwei­terung des Sofort-Programms besprochen. Eine solche Erweiterung wurde nur für möglich gehalten, wenn als Ausgleich gleich­zeitig ein Teil der Steuersenkungs- aktion vorweggenommen würde. Dies wurde aber wiederum für politisch unmöglich er­klärt.

Heber die Verhandlungen des Reichskanzlers mit Dr. Schacht erfahren wir, daß der Reichs­bankpräsident sich in der Frage des Sosort- Programms vollkommen neutral verhält, und lediglich Vorschläge über die Gestaltung des Etats für 1930 in der Richtung gemacht hat, daß dieser Etat vollkommen ausgeglichen wird.

In parlamentarischen Kreisen rechnet man da­mit, daß die Debatte am Freitag zu Ende ge­führt wird, so daß die Abstimmung über ein Vertrauensvotum noch in den Abend- oder Rächt- stunden des Freitag vorgenommen werden kann.

Angst in England.

Ter deutsche Lieucrzahler könnte zu wenig zahlen.

London. 12. Dez. (WTB.) Im Unterhaus richtete Allen an Schahkanz'er Snowden die Anfrage, ob er im Hinblick auf die vorgcschlagene wesentliche Verminderung der Einkom­mens- und Vermögens steuer in Deutschland den Gesamtbetrag angeben wolle, auf den die britischen Steuerzah­ler zugunsten der deutschen Steuer­zahler als Ergebnis des Dawe.planes und des Voungplanes hätten verzichten müssen. Snowden erklärte hierauf, die Anfrage enthalte eine Unterstellung, mit der er nicht einverstan­den sei. Die beiden genannten Pläne hätten die Verpflichtung Deutschlands auf einen Betrag herabgesetzt, der nach dem Urteil der zuständigen Richter innerhalb der Lei­stungsfähigkeit Deutschlands liege, um eine Entlastung in seinen Verpflichtungen an das Ausland herbeizuführen. Allen fragte weiter, ob die deutschen Steuerherabsetzungen nicht darauf hindeuteten, dah die Deutschen weit mehr be­zahlen könnten, als sie wirklich be­zahlen, um den britischen Steuerzahler zu entlasten. Snowden erwiderte: Es ist mir nicht bekannt, ob die Mitteilung über die beabsichtigten Steuerherabsetzungen in Deutschland richtig ist. Die Sachverständigen sowohl des Dawes- wie des Bounglomitees haben alle wesentlichen Faktoren in Betracht gezogen und einen Betrag festgesetzt, dessen Ausbringung nach ihrer Meinung die Fähigkeit Deutschlands zu Zahlungen an das Ausland nicht übersteigt.

Staatsbetriebe und privat- wirtschast.

Berlin, 12. Dez. (VDZ.) Im Volkswirtschaft­lichen Ausschuß des Reichstags wurde mit 11 gegen 10 Stimmen ein Antrag der Deutschen Volkspartei angenommen, der die Reichsregierung ersucht, nach­drücklichst dahin zu wirken, dah der Handel und Gewerbe immer stärker schädigende zentrali­sierte Einkauf von behördlich benö­tigten Bedarfswaren unterbleibt. Der Ausschuß, nahm ferner einen Antrag der Wirtschafts- Partei an, der u. a. die Reichsregierung ausfordert, verbindliche Anweisungen dahin zu geben, daß bei allen reichseigenen Bauten das orts­ansässige Gewerbe und Handwerk bei der Ausführung der Bauten herange- zogen wird und die in den örtlichen Bezirken vor­kommenden natürlichen Baumaterialien vornehmlich Berücksichtigung finden: auf die Reichseifenbahn und die Reichspoftverwaltung sowie auf die Länder im gleichen Sinne einzuwirken. Von einem An­trag Dr. Scholz (D.V.) sand ein Teil Annahme, der die Reichsregierung ersucht, zum Schutze des gewerbiicken Mittelstandes, insbesondere des Hand­werks, alle irgendwie entbehrlichen öffentlichen Regiebetriebe abzubauen.

Skandal bei der Berliner städtischen Brennstoffgesellschast.

Berlin, 13. Dez. Der Fall des Stadtober­ingenieurs Möllerke, der vor zwei Tagen wegen Amtsunterschlagung und Ur­kundenfälschung in Haft genommen wurde, wird der Staatsanwaltschaft Veranlassung geben, darüber hinaus in die höchst sonderbaren Geschäftspraktiken der Berliner Brenn- stoffgesellschaft, eines städtischen Unternehmens, hineinzuleuchten. Der Stadtoberingenieur Möl­lerke hatte die Aufgabe, Bescheinigungen aus­zustellen, nach denen bestätigt wurde, daß die für die Schulen und Rathäuser des Bezirksamtes Berlin-Steglitz in Rechnung gestellten Kohlen tatsächlich geliefert wurden. Der damalige Direktor der Brennstoffgesellschaft, B r o l a t, der als Direktor der Städtischen Derkehrgesellschaft auch in der Sklarek-Affäre eine Rolle spielt, wußte darum, daß seine Drennstoffgesellschaft fingierte Rechnungen einreichte.

Auch Italien für Abschaffung der ^-Booie?

London, 12. Dez. (WB.) Der Times-Korre- spondent in Rom will mitteilen können, daß die ita­lienische Regierung beschlossen habe, den briti­schen und amerikanischen Vorschlag auf Abschaffung der U-Boote zu unter- ft ü ft e n. Es verlaute, daß der italienische Außen­minister G r a n d i gleich zu Beginn der Flotten­konferenz eine entsprechende Erklärung abgeben und daß Italien den Standpunkt beibeyalten werde, gleichviel, ob Frankreich und Japan geneigt fein werden, sich anzuschkießen oder nicht.

Oie Engländer verlassen Wiesbaden.

Wiesbaden, 12. Dez. (WTB.) Die englischen Besaftungstruppen haben heute Wiesbaden verlassen. Heute vormittag verabschiedete sich der englische Oberkommandierende mit einer deutschen Ansprache von den staatlichen und städti­schen Behörden. Heute 14 Uhr rückten die letzten in Wiesbaden befindlichen englischen Truppen vor das Hotel Hohenzollern, wo Generalleutnant Sir Wil­liam T h w a i t e s , den Generalsalut entgegennahm. Darauf schritt er die Front der Truppen ab. Punkt 14.15 Uhr wurde unter den Klängen dec englischen Nationalhymne die englische Flagge her­untergelassen. Die Truppen marschierten dann zum Bahnhof. An der Ostseite des Bahnhofs hatte die 300 Mann starke französische Ehren­wach e für die Nheinlandkommission Aufstellung ge- nomm.n. Die englischen Truppen ma.ld)ierten im Paradeschritt und unter den Klängen der französi­schen Nationalhymne die Front der französischen Truppen ab. Um 15.30 Uhr verließ der Fug die Wiesbadener Bahnhofshalle. Auch aus den Städten Bingen und Höchst find die Besatzungstruppen abgezogen.

Oas Reichsehrenmal.

Der Ncichsinnenmini* er greift die Platz­frage auf.

Reichsinnenminister Severing hat an den Reichstag ein Schreiben gerichtet, in dem es h.ißt: Der Reichstag hat am 15. Dezember 1928 beschlos­sen, von der Beratung und Beschlußfassung über die Platzwahl eines Reichseh renmals für die im Weltkrieg gefallenen Söhne Deutschlands solange adsehen zu wollen, bis der deutsche Boden von fremdländischer Besatzung be­freit ist. Wie man wohl mit Recht annehmen darf, lag der Entschließung des Reichstages die Be­

sorgnis zugrunde, daß die Tatsache der fremdländi­schen Besetzung deutscher Landesteile die Interessen dieses Geb.ets bei der Entscheidung über die Platz, frage des Reichsehrenmals beeinträchtigen könnten. Nachdem inzwischen auch die zweite Zone geräumt worden ist, erscheint diese Besorgnis nach meinem Dafürhalten nicht mehr begründet, da nunmehr sämtliche Gebiete des Westens, die nach den bisherigen Vorschlägen als Ort des Reichsehren­mals in Frage kommen können, von fremder Be­satzung frei sind. Ich beabsichtige daher im Einklang mit den in weiten Kreisen des Volkes bestehenden Wünschen, der Frage der Errichtung eines Ehren­mals weiter Folge zu geben und beehre mich, dies dem Reichstag zur Kenntnis zu bringen.

pacellis Abschied von Berlin.

Berlin, 12. Dez. (WTB.) Der bisherige Apostolische Runtius inBerliin, Pacelli, ist heu.e abend um 8.25 Uhr vom Anhalter Bahnhof mit dem fahrplanmäßigen Zuge nach. Rom ab­gereist. Die lebhafte Beteiligung der katholischen Bevölkerung Berlins bewies, welcher Wert­schätzung sich der scheidende Runtius hier er­freute. Gegen 7 Uhr abends war di: Knaben­kapelle des Franziskaner-Waisenhauses im Vor­garten des Äuntiaturgebäudes in der Rauch- Straße ausmarschicrt und hatte dem Runtius ein Ständchen gebracht. Die katholischen Jugend­organisationen Berlins waren zur Spalierbil­dung mit 5000 Fackeln angetreten. Ihnen schlos­sen sich akademische Organisationen, Arbeiter-, Gesellen-, Meister- und Fachvereine an.

Während der Fahrt 51m Bahnhof wurde der Runtius überall ftücmim) begrüßt. Im Fürsten­zimmer des Bahnhofes wurde Pacelli vom Staatssekretär Dr. Meißner im Ramen des Reichspräsidenten empfangen, dessen Grüße er überbrachte. Danach verabschiedeten sich von dem Scheidenden die Mitglieder des fast vollzählig anwesenden diplomatischen Korps und die Reichs­minister Dr. C u r t i u s und von G u e r a r d.

Aus aller Wett.

Oer Sturm.

In Mittel-, West- und Nordosteuropa haben starke Stürme schweren Schaden angerichtet. In D e u t s ch- 1 and wurden vor allem das nordwestliche Küsten­gebiet und Sachsen heimgesucht. Auf Westerland wütete ein Nordweftftucm mit Stärke 10, der den Westrand ernst gefährdete. Die Brandung ist so un­geheuer, daß die Brecher bei tiefster Ebbe über das hochgelegene Strandrestaurant von Wünschmann schlugen und daß der bei Westerland gestrandete große Reparationsmotorleichter bei tiefster Ebbe hoch auf die Dünen geworfen wurde, die an dieser Stelle sehr schwach sind. Kliffs-Ende ist sehr gefährdet, da der Unterftranö ins Wasser gefallen ist. Heber Dresden ging ein schweres Gewitter nieder, das mit starken Regengüssen verbunden war. In Leip- z i g wurden von vielen Häusern die Ziegeln herab- gertssen. Die Feuerwehr mutzte Aufräumungsarbei- ten vornehmen. Der Sturm war zeitweise von star­ken Regengüssen begleitet. In Berlin herrschte am Vormittag starker Sturm und Regen. Gegen 21 Uhr setzte starker Regen ein.

Der heftige Sturm, der Donnerstag nachmittag und am Abend im Nordseegebiet wütete, erreichte in Hamburg eine Stärke von 31, in Bremen so­gar von 33 Sekundenmeter. In Cuxhaven wurde ein T.'il der am Wasser liegenden Straßen über- schwemmt. Auch die Rettungsstatiön ist überflutet. In der Nähe des Elbfeuerschiffs III sind über 24 Seeschiffe aller Größen vor Anker gegangen, die sich teilweise in Seenot befinden. Infolge des schweren Sturmes ist auch der Eiderdeich im Schwober Koog gebrochen. Zirka 50 bis 60 Meter Deich sind völlig t m Wasser verschwunden. Sämtliche Län­dereien dieser Gegend stehen unter Wasser. Die Be­wohner von Jevevdeich können ihre Gehöfte nicht verlassen. Weitere Deichbrüche wurden bis jetzt ver­hindert.

Heber dem Atlantik verzögerten die star­ken Stürme die Ankunft des französischen Heber- seedampfersIle de France", auf dem sich der neue amerikanische Botschafter für Paris be­findet. Hagelschlag und Wolkenbrüche gingen über die Vorstädte von London und das Themseial nieder. An der Themse wurden Dämme errichtet, um der Ueberschwemmung Halt zu gebieten. Heber ganz Holland wütet ein Rordwest. Die Fischerboote können wegen des schlechten Wetters nicht ausfahren. Die Sturme aus West­europa haben Lettland erreicht. Einige Funkstationen haben SOS-^ufe aufgefangen, deren Aussender man jedoch nicht ermitteln konnte. Der Küstenverkehr von Riga an die kurländische und isländische Küste ist unterbrochen.

Fünf Jahre Zuchthaus für kindesrnißhandlung.

Das Schwurgericht Gladbach-Rheydt behandelte eine Kindestragiidie im Bergmannsdorf Hückel> hos. Der Bergmann Jostes hatte sich von seiner Frau getrennt und war mit seinem 2^jährigen Jungen zu den Eheleuten Adelhütte gezogen. Die Frau Adelhüttes, die zu dem Bergmann intime Beziehungen unterhielt, hat das Kind in Ab­wesenheit des Mannes wiederholt grau­sam mißhandelt und an einem Sage so­lange auf das Kind mit einem dicken Wasch­knüppel eingeschlagen, dah es an den Folgen dec furchtbaren Verletzungen st a r b. Die Frau wurde unter Versagung mildernder Umstände wegen Körperverletzung mit Todeser'o'g zufünf Jahren Zuchthaus und fünfjährigem Ehr­verlust verurteilt.

36 Giftmischerinnen vor Gericht.

Vor dem Gerichtshof des ungarischen Theiß- städtchens Szolnok beginnt der Monstreprozeß gegen 36 des Giftmordes ange­klagte Einwohnerinnen der Dörfer Tiszakürt und Ragyrev. Rach den Dor- erhebungen find von den Angeklagten 5 0 Per­sonen getötet worden, indem man ihnen Arsenik in unauffälligen Dosen verabreichte. Der Giftstpfs wurde von zwei Hebammen in Ver­kehr gebracht und an Frauen verkauft, die sich den Mann vom Halse schaffen wollten, um den Liebhaber zu ehelichen, oder die aus Motiven der Erbschceicherei ihre nächsten Ver­wandten aus dem Wege zu räumey wünschten. Der Anfang der Selbstmorde liegt gute zehn Jahre zurück, aber erst vor einigen Monaten wurde auf Grund einer anonymen Anzeige eine Reihe von Verstorbenen exhumiert, nach und nach immer mehr Frauen des Giftmordes über­führt. Unter den Verhafteten und denjenigen, die ihre Verhaftung zu befürchten hatten, sind nicht weniger als fünf Selbstmordfälle vorgekommen.

Unter den Selbstmörderinnen befanden sich auch die beiden Hebammen, die das Gift an die übrigen verkauft hatten. Von den 36 An­geklagten werden Freitag vier vor den Rich­ter treten, darunter die. Hauptangeklagte, die 65jährige Frau Lipka, die nicht weniger als vier Menschen mit Arsenik umgebracht hat. Der Don­nerstag hat übrigens eine neue Sensation gebracht, da in einer dritten Ortschaft die Ob­duktion eines jüngst verstorbenen Ehemanns das Vorhandensein von Arsen ik ergeben hat. Die Frau des Verstorbenen wurde ver­haftet.

Risiroy entlastet.

Der unter dem Verdacht, der Düsseldor­fer Mörder zu fein, in Rowawes verhaftete Georg Ristroy, ist von der Berliner Kriminal­polizei weiter vernommen worden. Ein bei ihm vorgefundenes Billett eines Düfteldor er Thea­ters entlastete i hn von dem Verdacht, der Mörder der Hahn zr sein. Da auch die Perso- nalbeschreibung auf ihn nicht z ckrifst, ist damit zu rechnen, daß er nach Abschluß der Dernck)- mung aus dem Gewahrsam entlassen werden wird.

Oie Wetterlage.

Otefeu« fliegen mit dem Winde Oie oei den Stationen sienendtn Zaft*

1L

ThorshaVj

0(w5?ydl5fjord-

\ j zv_____

y-A1\5 ^-rJan Mayen.

lermont

irs.

Xii

Pare

^-Nordöy

Löst

55

ilagent.

Wien

Ponnerstag, t

IZDezemb. 19297" abds

OsIO/*t"'

©womemos. 0neuer. 0na!v öedetKt.9 woiRig. oedeextrte$ei\

* Schnee a Graupeln. s neoei R <jewitter.@windstilie.-O sehr

en geDen die Temperatur an Oie Linien veromdeo Orte mit flleicntH «nf nceresmveau uma«r«chneten Luftdruck

Wettervoraussage.

Mit dem Abzug der Rordfeestörungen nach dem Baltikum und der Ostsee hat sich von Süd­westen her der Hochluftdruck über Deutschland ausgebreitet und erreicht im südlichen Teil be­reits Barometerstände von über 770 Millimeter. Trotz des Hochdruckeinflusses entwickelt sich keine Schön-Wetterlage, denn die feuchte Westluft führt noch zu Bewölkung und zu vereinzelten Rieder­schlägen. Zwischen Island und den Britischen Inseln rückt vom Atlantischen Ozean eine neue Störung heran, die bereits über Rord-West« europa erneut unbeständiges, regnerisches und wärmeres Wetter verursacht. Wenn auch bei uns durch den sich dazwischenschiebenden Hochdruck eine Beruhigung und leichte Besserung eintritt, so ist es nur von kurzer Dauer, und bereits im Laufe des morgigen Tages dürften sich die Rand- störungen des neuen Fallgebietes wieder be­merkbar machen.

Wettervoraussage fürSamstag: Nach anfänglich kühlem, teils neblig wolkigem, teils auf- heiterndem Wetter wieder mlld, Bewölkungszunahme und Niederschläge.

Wettervoraussage für Sonntag: Meist wolkiges Wetter, mild, noch zeitweise Niederschläge.