Nr. 292 Erstes Blatt
179. Jahrgang
Zreitag, 15. Dezember 1929
MetzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
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Der Reichskanzler fordert das Vertrauen des Reichstags.
Die Regierungserklärung legi die schwierige Kaffenlage des Reiches dar und fordert die Zustimmung des Reichstags zum Finanzsanierungsprogramm des Reichskabinetts.
T» e r l i n, 12. Dez. (DDZ.) Auf der Tagesordnung steht als einziger Punkt die Entgegennahme einer Erklärung der Reichsregierung. Reichskanzler Müller weist zunächst darauf hin, daß der ordnungsmäßige Termin der Dorlegung des Etats nicht eingeholten werden konnte. Die Regierung bedauert das, aber es liest sich nicht vermeiden, weil der Etat für 1930 aufs engste mit der Frage zusammenhängt, ob der Boungplon von den beteiligten Mächten angenommen wird. Als sich herausstellte, dost die Erledigung des Voung- planes sich länger hinauszögern würde, hat die Reichsregierung schon vor Wochen angeregt, am 13. Dezember die Fragen der Finonzresorm im Reichstag zu erörtern. Wir behandeln diese Frage nun einen Tag früher. Den ersten An- stost dazu gab dos bekannte Memorandum des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht. In dem Memorandum handelt es sich im wesentlichen um Punkte, die unsere Sachverständigen schon bei den Pariser Verhandlungen beschäftigt haben, bei denen es ober auch ihnen nicht gelungen ist, den Erfolg zu erzielen, der am meisten der deutschen Sache entsprochen hätte und den wir selbst gewünscht hätten. Auf reparationspolitischrm Ge- biet werden Vorwürfe besonders nach zwei Richtungen erhoben. Cs wird behauptet, die Reichsregierung habe auf der ersten Haager Konferenz und in der darauffolgenden Zeit auf Rechte verzichtet, die uns nad> dein TZoungplan zustanden und habe über die Lasten des Voungplanes hinausgehende Konzessionen gemacht. Der Sachverständigenbericht hat in einer Reihe von Fragen die Entscheidung den Regierungen überlassen. Der Grund hierfür lag darin, dast es den Sachverständigen nicht gelungen ist, in diesen Punkten die deutsHe These durchzusehen.
Auf der Haager Konferenz soll Deutschland auf einen fünfmonatigen veberschuß von 400 Millionen Reichsmark verzichtet, die ungeschützten Annuitäten erhöht und mit dem Abschluß des deutsch-belgischen Markobkommens eine zusätzliche Belastung von 19,5 Millionen auf sich genommen haben.
Bezüglich des Lieberschusses von 4 0 0 Millionen Mark, der sich daraus ergab, dast die Zahlungsperiode des Voung-Plancs bereits am 1. April d. I. einsetzt, die Daweszahlungen jedoch bis Ende August 1929 vorgesehen sind, bestimmen Ziffer 83 und 84 des Voung-Plancs und Ziffer 192 der Anlagen, dast f.c als erforderlich zur Befriedigung der Bedürfnisse der Gläubigerländer während dieses Lleberganaszeitraurnes behandelt werden sollen. Lind, so heißt es in Ziffer 84 weiter, 'verbleibt nach Befriedigung dieser Bedürfnisse ein Lleber- schust, so soll die Frage seiner Verwendung von den Regierungen geregelt werden. Rach dem Wortlaut des Poung-Planes kann also Deutschland nicht ohne weiteres diesen Lieberschuh für sich beanspruchen. Die Reichsregierung teilt das Schicksal der Sachverständigen, Lenen es nicht gelungen ist, in der Frage der Lieberschüsse eine für Deutschland günstigere Regelung erzielt zu haben. Es ergab sich dies als eine zwangsläufige Folge der im Haag erhobenen englischen Mehrforderungen, zu deren Befriedigung auch seitens einer Reihe von Gläubigerregierungen Opfer gebracht werden mußten. Ohne eine solche Lösung war, wie noch in aller Gedächtnis sein wird, die Gefahr eines Scheiterns der Haager Konferenz gegeben. Gegenüber der Behauptung, daß durch Erhöhung des ungeschützten Annuitätenteils die Entlastung Deutschlands während der ersten Jahre vermindert wird, muß betont werden, dast tatsächlich die jährliche Belastung völlig gleich bleibt. Rur im Falle eines Transfermoratoriums wäre der zu übertragende Betrag um eine verhältnismäßig geringe Summe höher. In einem solchen Falle kommt es aber nicht entscheidend darauf an, ob 660 oder 700 Millionen jährlich übertragen werden müssen, sondern es handelt sich in diesem Falle um die Llebertrogung oder Richtübertragung der viel größeren Ziffer der Gesamtleistung. Lieber die deutsch-belgische M a r k f r a g e hat Deutschland mit verschiedenen Llnterbrechungen schon seit 1919 verhandelt. Die belgische Regierung hat ihre Annahme des Voung-Planes von der Vereinbarung abhängig gemacht. Don einer nachträglichen zusätzlichen Belastung über den Voung-Plan hinaus kann also nicht gut gesprochen werden.
Bei den neuen Zumutungen, denen Deutschland nach der Haager Konferenz entsprochen haben soll, handelt es sich besonders um die Ansprüche gegen den polnisck^n Staat und endlich um evtl. Zahlungen, die aus einem späteren Abkommen zwischen Deutschland und Frankreich über die Saarfrage herrühren.
Das deutsch-polnische Abkommen fußt auf den Empfehlungen des Kapitels 9 des TZoungplans unö bildet gleichzeitig die Fortsetzung früherer Verhandlungen mit der polnischen Regierung über Liquidationen und finanziellen Ausgleich.
In dem Abkommen wird sowohl deutscherseits wie Polnischerseits auf eine Reihe von finanziellen Ansprüchen verzichtet. Deutschland hat die Zugeständnisse gegenüber Polen aber nur gegen wertvolle Gegenlei st ungen gemacht. Polen verzichtet auf das Recht zu weiteren Liquidationen und auf das Wiederkaufsrecht, das es für Rentengüter für sich in Anspruch nahm. Wenn Deutschland also in den rein finanziellen Teilen der Abrechnungen gewisse Leistungen übernommen hat, so werden diese durch wichtige Zugeständnisse Polens auf anderen Gebieten kompensiert. — Eine besondere Beurteilung müssen die Saarsragen finden, über die zur Zeit ein deutsch-sranzösi^ches Einvernehmen gesucht wird. Diese Erörterungen sind nicht auf dem Voungplan begründet, sondern aus dem Bestreben nach einer Gesamtliquidation aller schwebenden politischen Fragen eingeleitet worden. Lieber ihre Ergebnisse läßt sich zur Zeit noch nichts sagen.
Das finanzielle Gesamtprogramm der Reichsregierung, das ich heule in feinen Grundzügen unterbreite, umfaßt Maßnahmen zur Sanierung der deutschen Finanzen und zur Entlastung der Kassenlage, insbesondere auch durch Verstärkung der Einnahmen der Arbeitslosenversicherung und durch eine umfassende Steuerreform.
Wenn ich Ihnen heute nur die Grundzüge darlege, nicht aber auch die weit über ein Dutzend Gesetzentwürfe vorlege, aus denen sich dieses Reformwerk zufammensehen wird, so liegt eben der Grund hierfür in der Rolwendigkeit der Reichsregierung, bis zum Abschluß derDcr- handlungen über den Voung-Plan die erforderliche Verhandlungs- und Entschlußfähigkeit zu wahren. Denn gerade eine der Doraussetzungen für die Annahme des Voung- planes, auf die ja auch der Herr Reichsbankpräsident in seinem Memorandum hingewiesen hat, war, daß die im Voung-Plan enthaltenen gemeinsamen Empfehlungen restlos von allen beteiligten Mächten a n - genommen und geachtet werden. Dies legt der Reichsregierung die Pflicht auf, bis zur Erreichung dieses Zieles den außenpolitischen Rücksichten vor den innenpolitischen Gründen, aus denen auch der Reichsregierung die sofortige Vorlage der Gesetzentwürfe durchaus erwünscht wäre, den Vorrang e i n z u r ä u m e n. Die Reichsregierung ist sich ihrer Verantwortung voll bewußt, wenn sie dies erklärt und trotz aller Mißdeutungen daran festhält.
Eine der Voraussetzungen für die Annahme des Zoungplans ist die Ordnung der dcnitschen Finanz- und Wirtschaflspolitik mit dem Ziele, die Wirtschaft an den Erleichterungen des Zoungplans leilnehmen zu lassen. So umfaßt auch das Reformprogramm der Reichsregierung zur Sanierung der Reichsfinanzen zwei große Aufgaben: die Schaffung eines wirklichen, nicht auf dem Papier stehenden Gleichgervichts des Reichshaushalts auch für die kommenden Jahre und ferner die Bereinigung des ungedeckten Lxtraordinariums zur Entlastung der Kassen- läge des Reichs.
Trotz aller scharfen Drosselung der Ausgaben wird das lausende Haushaltsjahr mit einem Fehlbetrag abschließen, der mehr als das Doppelte des Fehlbetrags 1923 ausmachen wird, der rund 150 Millionen betragen hat. Wenn nun aber der Boungplan angenommen sein wird, so wird die für das Haushaltsjahr 1929 mit rückwirkender Kraft eintretende Haushalts- entlastung geradeausreichen, um de Fehlbeträge aus 1923 und 1929 abzudecken. Cs wird ■ notwendig sein, auch für 1930 einen erheblichen Teil der aus dem Poungplan sich ergebenden Entlastung zur Balancierung des Haushalts zu verwenden. Denn alle noch so berechtigten und lauten Rufe nach Entlastung der Wirtschaft und Verringerung der Steuerlasten der minderbemittelten Volksgenossen sind zwecklos, wenn nicht zuvor das oberste Ziel einer Finanzreform. der Ausgleich des Haushalts. völlig gesichert ist. So wird es für 1930 notwendig werden, für die wertschassende Arbeitslosensür- sorge hohe Beträge einzusehen, die Krisenfürsorge den tatsächlichen Ausgaben entsprechend zu erhöhen, das landwirtschaftliche Rotpreg.amm auf den seinerzeit in Aussicht genommenen Stand zu bringen, die Kosten für ein Grenzprogramm im Westen und Osten und für ein Abrechnungs- geseh mit den Ländern wegen ihrer Forderungen gegen das Reich aus der Llebernahme von Eisenbahn, Wasserstraßen, Post usw. einzustellen und auch bei einer Reihe von anderen Ausgaben einen endgültigen Ausgleich vorzunehmen.
Line starke und dauernde Ausgabensenkung wird nur möglich sein durch eine zweckmäßige ver- wallungsorganisalion. Die Reichsregierung hosfk, daß gerade auch die von ihr beabsichtigte Steuerreform eine wesentliche Entlastung wenigstens schon der Abgabenverwaltungen von Reich, Landern und Gemeinden und erhebliche Ausgabenminderungen bringen wird.
Für das Haushaltsjahr 1930 werden aus dem Voungplan noch 350 Millionen zur Entlastung aller Teile der Wirtschaft zur Ver.ügung stehen. Zur Erleichterung der deutschen Wirtschaft glaubt die Reichsregierung außer diesen 350 Millionen einen weiteren Betrag von rund 400 Millionen zu benötigen. Dieser Betrag soll durch die Erhöhung von zwei Steuern, nämlich die B i e r st e u e r um 180 Millionen und die T a b a k st e u e r um 220 Millionen, erzielt werden. Cs fgrni keinem Zweifel unterliegen, daß es durchaus mißlich ist, zu dieser Steuererhöhung zwei Steuern auszuwählen, die den Konsum belasten. Wenn das deutsche Steuerwesen auf eine gesunde Basis gestellt werden soll, kann an Dier und Tabak nicht vorbeigegangen werden, deren Testeuerung gegenüber der Erfassung anderer Steuerquellen zugegebenermaßen außerordentlich zurückgeblieben war. Ein Vergleich mit den Steuern des Auslandes zeigt ferner, daß fast nirgendwo Bier und Tabak einer so geringen Belastung ausgesetzt find wie gerade in Deutschland. Unter Hinzurechnung dieser beiden neuen Steuererhöhungen stehen somit zur Entlastung der Wirtschaft 75 0 Millionen zur Verfügung. Wie die Reichsregierung sich auf dieser Grundlage die Steuersenkung denkt, ist in seinen Einzelheiten bekanntgeworden.
Die Reichsregierung hol sich das Ziel gesetzt, der notleidenden deutschen Wirtschaft die notwendigen neuen und starken Impulse zu geben Die Finanzreform soll vor allem die erforderliche Kapitalneubildung fördern.
Bei der Einkommen st euer soll der steuerfreie Einkommenteil heraufgesetzt, die Kinderermäßigung soll verbessert und die Tarife teils herabgesetzt, teils auseinandergezogen werden. Die Einkommensteuerreform soll insbesondere auch der minderbemittelten Bevölkerung zugute kommen. Bei der Reuordnung sollen alle Vermögen bis zu 20 000 Mt. steuerfrei sein. Die Zuckersteuer soll völlig beseitigt werden. Es ist vorgesehen, die G e w e r b e st e u e r um 20 v. H. und die Grundsteuer um 10 v. H. zu senken, Deren weitere Senkung nach Inkrafttreten des Steuervereinheitlichungsgesetzes folgen soll. Die Aufbringungslasten für die 3 n i> u ft r i e Obligationen sollen im Laufe von einigen Jahren durch allmählichen Abbau völlig aufgehoben werden. Ebenso sollen die Rentenbankzinsen aufgehoben werden. Rechnen wir schließlich noch die Senkung der Gesellfchaftssteuer und der Wertpapiersteuer um die Hälfte und
der D ö r s e n u m s a tz st e u e r um ■ ein Drittel hinzu, so habe ich damit ein Steuersenkungs-- programm von genau 915 Millionen für 1930 in großen Zügen umriffen. Da hiervon die Streichung der Rentenbankzinsen mit 25 Millionen Lind ein Teil der Senkungen der Industrie- belastnngen mit 80 Millionen nicht zu Lasten Des Reiches gehen, ist dies gesamte Steuersenkungsprogramm mit den vorher von mir erwähnten 750 Millionen durchzuführen. Daß eine solche Finanz:e orm eine große Anza l v n Ae n- öerungen des Finanzausgleichge- sehes zur Folge haben wird, ist selbstverständlich. Einzelheiten hierüber, insbesondere über die beabsichtigte Einziehung der Bier st euer in die Lleberweisunassteuer unter besonderer Berücksichtigung Bayerns als des Landes mit fyx größten Biererzeugung sowie insbesondere üuer die Llebernahme von Reichsgarantien für die Eteuerausfälle der Länder und Gemeinden und andere Dinge wird ihnen der Reichsminister der Finanzen vortragen.
Weiler ist nach der einstimmigen Ausfassung der Reichsregierung der Lindau eines beweglichen Faktors in das Gemeindesleuerfyftem. durch den unter Berücksichtigung sozialer Rotwendigkeiten alle Gemeindebürger zu den Losten der Gemeinden herongezogen werden, ein dringendes Gebot dieser Finanzreform.
Cs ist bekannt, daß einige solcher Vorschläge von einem Teil des Hohen Hauses scharf ab- gelehnt, von einem anderen Teil ebenso stark gefordert werden, und umgekehrt. Wie der bewegliche Faktor endgültig gestaltet werden soll, wird daher noch Gegenstand sorgfältiger Prüfungen auch in diesem Haufe sein. Ein solcher beweglicher Faktor muh aber geschaffen werden, ta auch die Finanzlage vieler Gemeinden ernst ist.
Durch die Äovellezum Arbeitslosen- versicherungsgeseh ist es nicht möglich gewesen, den jährlichen Fehlbetrag der Reichs- anstalt auch nur zum größten Teil zu decken. Der durch die Reform erzielten Ersparnis von rund 100 Millionen steht ein weiterer jährlicher Fehlbetrag von etwa 18) Millionen gegenüber. Da bei der sozialen Rot der Arbeitslosen weitere Ersparnisse nicht zu erzielen sind, hat die Reichsregierung einmütig beschlossen, im Zusammenhang mit dec Finanzreform eine Erhöhung der Beiträge um 7» Prozent vorzuschlagen. Da sich die Entwicklung des Arbeitsmarktes in den kommenden Iachren aber noch nicht übersehen läßt, so soll die neue Regelung nur bis zum 3 1. März 1931 gelten.
Die Kanzlerrede im Urteil der presse.
D e r l i n . 13. Dez. (TLI.) Zu der Lage, wie sie sich aus der Reichstanzler-Aede, den Parteiführer-Verhandlungen und vor allen Dingen aus dem neuen Eingreifen Dr. Schachts ergibt, nehmen die Berliner Blätter ausführlich Stellung. Die „S A Z" schreibt, die Regierung Müller- Hilserding sei am Ende ihrer Weisheit, solle mit ihr nicht auch das Deutsche Reich bankrott machen, dann müsse sie g e st ü r z t werden. Die Lage sei so ernst, so unhaltbar geworden, daß ein Vertrauensvotum im Reichstage nichts wäre, als ein leeres, aber gefährliches Spiel mit Worten. — Auch die .Börsenzeitung" kommt zu dem Schluß, daß für den Haag anderen Männern das deutsche Schicksal anvertraut werden müsse als diesen, die Katastrophenpolitic in Reinkultur machten. Cs sei ein Irrtum, daß eine Regierungskrise im Augenblick unbedingt zu einer Reparationslrise führen müsse.
Die „Germania" hält die ungeheure Kassennot des Reiches für die drückende Kernfrage des gesamten deutschen Finanzpro- blems und meint, die Regierung habe mit der Forderung eines rückhaltlosen Vertrauensvotums dem Reichstag eine klare Entscheidung gestellt, vor der es kein Ausweichen mehr gebe. — Die Rationalliberale Korrespondenz, das amtliche Organ der D V P fchreibt: Die Wahrheit sei, daß dem Reich' das Wasser an der Kehle stehe. Seine schwe- dende Schuld allein betrage 1850 Millionen Mk Gelinge es nicht, 330 Millionen Mark jetzt aufzubringen. so könnten am 1. Januar 1930 die llebertoeilungen an die Länder und die Zahlungen der Beamtengehälter und andere Lei- stungen nicht in vollem Umfange erfolgen. /Wahrheit sei ferner, daß die Finanz- läge mancher Gemeinwesen sich eben- falte in fast katastrophalem Zustande befinde. Der Vorsatz, die gute Meinung und die Pro- grammentschlossenheit beständen, aber worin bestanden denn die Garantien, daß das vor- geschlagene Programm auch wirklich durch- geführt werde. Heute seien diese Garantien noch nicht zu sehen.
Die größte Regierungspartei, die Sozialdemo, kratie, fei bis jetzt in keinerlei weise bereit, sick- bindend auf die Durchführung des vorgelegten Regierungsprogramms zu verpflichten. Rie- mand, der diese Frage mit der Verantwortung
prüfe, die der Ernst der Stunde erfordere, werde von der Deutschen Volkspartei verlangen können, daß sie lediglich eine Vorauszahlung leiste, die olles andere, als eine wirkliche Lösung bedeute.
Die Deutsche Lolkspartei müsse es deshalb ablehnen, sich unter einen falsch angebrachten Druck stellen zu laßen. Es dürfe nicht mehr fortgewurstelt werden im Interesse der Beamten ebensowenig wie im Interesse aller anderen Berufsstände, nicht zuletzt im Interesse der staatlichen Autorität und der öffentlichen Ordnung. Die Deutsche Bolkspartei habe die einzig richtige Konsequenz gezogen, daß n u r g a n z e Arbeit helfen könne, weil alle Halbheiten das Hebel nur vergrößerten. Wenn aber die größte Re- gicrungspartei, die SPD., trotz besserer Einsicht ihrer Minister aus Angst vor den Kommunisten nicht bereit sei, sich aus das Programm der Reichsregierung zu verpflichten und die Steuersenkung zu verabschieden, dann treffe sie auch die Verantwortung für die folgen. — „Die Stunde ist ernst!" — Diese Worte des Kanzlers setzt der „Vorwärts" als lieber- fdjrift über seinen Kommentar zu den Ausführungen Hermann Müllers. Die Aufrichtigkeit der Rede Müllers hat zweifellos großen Eindruck im Reichstag hervorgerufen. Besonders stark wirkten diejenigen stellen, wo die Gefahren geschildert wurden, die sich aus der Ablehnung des Sofort-Programms und den Sturz der Reichsregierung ergeben würden. Denn ötefe Gefahren bedrohen nicht nur das Reich die Lander und die Gemeinden, sie bedrohen auch die gesamte Wirtschaft, alle Schichten des Volkes.
utscheTageszeitung" faot: Die stellt jetzt ihre Mehrheit vor Ultimatum; Vogel friß oder stirb. Alle Einsichtigen haben seit Monaten auf das ©nöc mit Schrecken hingewiesen. Schon vor der Haager Konferenz hätte sich, allein aus außenpolitischen Gründen, eine verehrliche Volksvertretung der Regierung gegenüber für eine vorgängige Ordnung der deutschen Finanzen ein- etzen müssen, Aber geschehen ist nichts, solange bis die Wirtschaft sich auf die Hinterbeine und bis der Reichsbankpräsident auf den ^ifq) schlug. — Der Lokalanz." spricht davon, Reichskanzler die unlösbare Aufgabe r9^a6re ^at>-’ Ergebnis elfjähriger sozialisti- scher Experimente am blutarmen deutschen Volk dadurch zu verteidigen, daß er neue Experimente d. h. neue wirtschaftliche Belastungen forderte.


