refrutferl Die ZettungSss dieser Partei sind zvm größten Teil verboten. Gegenwärtig erscheint fast nur noch ihr „Alam* in Kairo. Der Führer ist der Vorsitzende der ägyptischen Anwaltkammer, der Advokat Ramadan Bei. Die Nationalisten haben ein einziges Ziel: die Vertreibung der Engländer aus Aegypten und ausdem Sudan, der für sie eben auch Aegypten ist. Dabei halten sie alle anderen Fragen für nebensächlich. Vielleicht, daß sie noch religiös-orthodox eingestellt sind, womit sie sich jedoch von den Wasdisten, die ebenfalls strenggläubig sind, nicht wesentlich unterscheiden. Diese Religiosität hat aber nichts mit Intoleranz zu tun. Der christliche Kopte, der mit ihnen zusammen für die Freiheit der gemeinsamen Heimat ficht, ist ihnen ebenso willkommen wie der mohammedanische Fellache. Ja, sie richten ihren Blick zuweilen auch auf das Ausland und suchen dort nach Menschen, die gleich ihnen gegen einen Bedrücker kämpfen. Jeder hat das Herz der ägyptischen Nationalisten für fick gewonnen, der gleich ihnen in England den Erbfeind sieht. Am liebsten möchten die Nationalisten eine antibritische Internationale ins Leben rufen. Selbst die Hilfe Moskaus würden sie nicht verschmähen, obwohl sie weltanschaulich den Kommunisten so fern stehen wie das Tal des Nil den sibirischen Flüssen, die sich ins Eismeer ergießen. Die Nationalisten haben nichts gegen den Monarchen an sich einzuwenden. Fuad ist xroat nicht ihr Ideal, und sie möchten an seiner Stelle lieber einen romantischen Führer sehen, der das ägyptische Volk zum Kamps gegen Britannien führt. Aber sie erträumen sich auf jeden Aall für die Zukunft ein unabhängiges, ägyptisches — Königreich.
Die engste Umgebung Fuads — d. h. seine Hos- beamten, nicht seine Freunde! — bilden die U n i o - n i ste n, eine Art Hofstaat, der völlig im höfischen Leben aufgeht. Zahlenmäßig ist diese Partei winzig klein. Ihr Führer, der greife Jachia Pascha, ist kein Politiker im üblichen Sinne. Ihre Zeitung „Jtaha" erscheint gewissermaßen unter dem Ausschluß der Oesfentlichkeit. Ein eigentliches politisches Glaubensbekenntnis haben die Unionisten nicht. Sie wollen «inen König, der einen glänzenden Hofstaat hält. Ob es Fuad ist oder ein anderer, ob ein Aegypter oder ein Chinese, das ist ihnen gleich: Vive le roil
Die eigentliche Stühe Fuads im Lande sind die Liberalen, deren Führer, wie bereits erwähnt, der Ministerpräsident Mohammed Machmut Pascha ist. Es ist die Partei der Wohlhabenden, der Großgrundbesitzer, der wenigen Industriellen, der hohen Militärs und der reiferen Intelligenz. Ihre Zeitung »Assiasa" steht auf zweifellos hohem Niveau. Die Liberalen sind die Partei des Kompromisses im weitesten Sinne. Jrn Grunde genommen kein« Monarchisten, glauben sie sich aber mit dem gegenwärtigen Zustand zufrieden geben zu müssen — weil es England so will. Sie halten bas Land noch nicht für reif genug, sich selbst zu regieren. Sie denken unwillkürlich an die Mameluken- Herrschaft zurück, von der sie der Ahnherr Fuads, Mohamed Ali, befreite. Vielleicht schwebt ihnen für di« nächste Zukunft als Ideal eine Art konstitutioneller Monarchie vor, so wie sie das glückliche Albion besitzt. Und doch nahmen sie jetzt ihre Zu- flucht zur Diktatur, um die nationale Opposition besser in Schach halten zu können, jagten das Parlament auseinander, das nicht die liberal-demokratischen Gedanken billigen wollte und stets in einer Mehrheit erschien, die in London Stirnrunzeln her- vorrief. Sie halten die Macht fest in den Händen und hinter ihnen steht England mit seiner Armee und seiner Flotte. Fuad konnte daher das gesegnete Tal des Vaters der Ströme ruhig hinter sich lassen, genau so ruhig, wie er es im Jahre 1927 tat, als er zum ersten Male als König Europa besuchte.
Daten für Freitag, 14. Juni.
Sonnenaufgang 3.43 Uhr, Sonnenuntergang 20.17 Uhr. — Mondaufgang 11.55 Uhr, Monduntergang 0.43 Uhr.
1849: der Maler Hugo Freiherr von Habermann in Dillingen (Franken) geboren; — 1880: der Dichter Walter von Molo in Sternberg i. M. geboren.
Kleine Geschichten non einerReise
Von Viktor Klages.
Die Dame und ihr Horizont.
Es war an Bord des jugoslawischen Dampfers „Karagjorgje", auf der Fahrt von Suschak nach der Insel Rab.
Die Adria, noch unruhig vom letzten Puster, machte vielen Passagieren arg zu schaffen. Das amüsierte die junge Dame im Liegestuhl neben mir. Sie wollte nach Dubrovnik.
„Komisch," sagte die junge Dame, „wie kann man nur seekrank werden! Ich bin über den Kanal gefahren, ich bin nach Trelleborg gefahren, niemals hab' ich was von Seekrankheit gespurt. Ich finde es schön, so'n bißchen Schaukeln."
„Nun," entgegnete ich harmlos, „auf das Schaukeln allein kommt es nicht an. Manch andrer findet's vielleicht auch schön, und doch packt ihn das große Elend."
„Versteh' ich nicht."
„Seien Sie froh. Sie sind eben seefest. Frauen besonders können häufig den Schiffsgeruch nicht vertragen ..
„Macht mir gar nichts."
»Und dann die optische Wirkung der Schlinger- bewegungen."
„Was ist das?" lachte die junge Dame. „Davon kann man doch nicht seekrank werden!"
„O ja, man kann. Es gibt Menschen, die bringt das scheinbare Tanzen des Horizonts zur Verzweiflung. Zunächst ein reiner Nervenaffekt. Das Schiff rollt; der Streifen, wo Himmel und Wasser aneinanderstohen, hebt und senkt sich, das Auge wenigstens nimmt es so wahr, es ist beängstigend, unheimlich, und nun kommt die Heberlei- tung dieser Wahrnehmungstäuschung auf den Magen, einige werden auch schwindlig, aber meistens ist es der Magen, die Leute glauben zu fühlen, daß er sich ebenfalls hebt und senkt, und dann —“
Mit einem Ruck sprang die junge Dame auf und beugte sich schwer über die Reling.
Sie hat mich nicht wieder angesehen.
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Gefährliche Höflichkeit.
Hoch oben am Berg, der aus der Stadt Kotor emporwächst, liegen die alten Befestigungen der Oesterreicher — eine Wildnis von gespaltenen Betonklötzen, rostigem Stacheldraht, wucherndem Unterholz. Dazwischen Lorbeer und Myrte.
Wir wollten hinaufkraxeln, aber ein eisernes Tor sperrt den schmalen Zugang, und den Schlüssel vergibt nur die Kommandantur.
Oberhessen.
Landkreis Gießen.
* Watzenborn-Steinberg, 13. Juni. Eine Stiftung für Vorträge aus der deutschen Geschichte wurde unserer Gemeinde von Geheimrat Sommer und Frau in Gießen gemacht. Der erste öffentliche Vortrag findet am Sonntag, 16. Juni, nachmittags 3Vt älhr im Freien auf der Höhe von Obersteinberg an einer geschichtlich interessanten und landschaftlich sehr schönen Stelle, nicht weit vom Grenzwall, statt. Der Vortrag über „Entstehen und Vergehen der Römerherrschaft In Südwest- deutschland" wird von Prof. Dr. Aubin von der Llniversität Gießen gehalten. Darauf findet eine Wanderung zum Grenzwall statt. Die Stelle des Vortrages ist zu Fuß und zu Wagen von der Grüninger Landstraße in kurzer Zeit (zirka 10 Minuten), von der Station Schiffenberg in Vs Stunde zu erreichen. Dem Stiftungsausschuh ?ehören Bürgermeister Schäfer. Lehrer G e i ß- e r und Prof. Sommer an. Bei schlechtem Wetter findet die Feier in der Kirchenhalle des Schiffenberges statt. Man beachte die heutige Anzeige.
D L i ch, 12. Juni. Unsere Stadt hatte am Sonntag und Montag Sängerbesuch. Enge Freundschaftsbande zwischen dem Wännergesang- verein „Liedertafel"-Altena in Westfalen und dem hiesigen Männergesang- verein „C ä c i l i a" und Dankabstattung für die Gastfreundschaft bei dem vorjährigen 90. Iu- biläumsfeste der „Eäcilia" in Lich waren die Ursache des Besuches. Die Sänger der „Liedertafel" hatten am Sonntag an dem Wettstreit des Männergesangvereins Germania-Gr.-Linden teilgenommen, trafen am Sonntagnachmittag hier ein und wurden im Dereinslokale der „Cacilia" von dieser begrüßt. Den Sonntagabend füllte eine Wiedersehensfeier in dem vollbesetzten Steins Saalbau aus, die sich zu einem bedeutenden Ereignis im Leben beider Vereine gestaltete. Aach einem prächtigen Chor der „Liedertafel" unter ihrem Chormeister E. Imhof überreichte der Vorsitzende der „Liedertafel", R. W e t t e r a u, der auch Mitglied der „Cäcllia" ist, als äußeres Zeichen der Dankbarkeit und Verehrung der „Eäcilia" ein wunderbares Bild. Der erste Vorsitzende der „Eäcilia", Karl Lotz, dankte für das Geschenk, und machtvoll erklang ein Chor der „Eäcilia", von Chormeister Ernst Ilge, Butzbach, geleitet. Den Höhepunkt der Feier bildete der von den Sängern der roten Erde und den Cäcilianern zu Gehör gebrachte Massenchor „Die alten Straßen noch", den Chormeister Imhof dirigierte. Allzu schnell verflossen die schönen Stunden fröhlichen Zusammenseins. Am Montag vormittag besichtigten die Gäste unter sachkundiger Führung die Brauerei Ihring-Melchivr. Nachmittags verließen die Westfalensänger das ihnen liebgewordene Lich mit dem Wunsche, den Verein „Eäcilia" recht bald in ihrer Heimat begrüßen zu können.
f Obbornhofen, 12. Juni. Am Montag traf_ der Deutsch-Amerikaner Heinrich S t ü h l e r zum vierten Male in seinem Geburtsort Obbornhofen ein. Der Gesangverein „Frohsinn" unter Leitung seines Dirigenten Heinrich Glockengießer brachte dem früheren Sangesfreund zum WillkommenSgruß ein Ständchen. Zwei passende Chöre „Die alten Straßen noch" und „Aach der Heimat möcht' ich wieder" wurden stimmungsvoll zum Vortrag gebracht. Sichtlich gerührt, dankte der Geehrte und feierte fein Heimatdorf. Herr S t ü h l e r ist nun 74 Jahre alt und lebt seit 48 Jahren in seiner neuen Heimat.
Kreis Büdingen.
/X Aid da, 12. Juni. Seit drei Jahren unterhielt die A. E. G. hier eine Zweiggeschäftsstelle, die den Geschäftsbetrieb in Oberhesfen leitete und eine größere Zahl Beamten hier beschäftigte. Die Hauptaufgaben waren der Llm- bau des Stromnetzes der äleberlattdzentrale Oberhessen für Starkstrom und die Aeuanlage I der Starkstromleitungen von Wölfersheim nach |
„Bedaure fehr," hieß es, „niemand darf da hinauf. Strenge Order."
„Warum? Die Festung ist völlig zerschossen und verfallen. Außerdem wollen wir nicht spionieren. Den Photoapparat lassen wir unten."
„Leider unmöglich. Besondere Gründe. Cs hat unangenehme Zwischenfälle gegeben. Seitdem —"
Also wir redeten noch zehn Minuten, und dann hieß es: „Wenn Sie durchaus wollen — gut!“ Ein Soldat wurde gerufen, der nahm den riesigen Schlüssel, und wir kraxelten hinauf.
Die Serben, sagten wir anerkennend, find höfliche und zuvorkommende Leute. Entgegen der Order läßt uns die Kommandantur unfern Willen.
Meine beiden Begleiter gingen barfuß in Sandalen, ich selbst trug normale, mitteleuropäische Halbschuhe.
Aus welchem Grunde dies erwähnt wird?
Beim Abstieg fragte der kroatisch sprechende Kollege den Soldaten, was die Kommandantur zu dem Verbot veranlasse, es sei doch nichts, aber auch gar nichts zu sehen da oben.
„Gospodin," antwortete der Soldat und drehte verlegen den zwischen seine Finger gesteckten Zehnoinarschein, „es ist wegen der giftigen Schlangen, die in den Schutthaufen nisten."
Alnö wir hatten uns gewundert, daß der Kerl bei solcher Hitze in Schaftstiefeln ging ...
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Die dalmatinische Venus.
Der wunderschöne Stadtpark von Dubrovnik, mit einem himmlischen Blick auf die blaue See tief unten, war an diesem Abend wie ausgestor- ben. Aur ein weißgekleidetes junges Mädchen mit schwarzem Bubikopf spazierte langsam vor uns her.
Mein neuer Reisegefährte fing an sich zu begeistern.
„Sehen Sie diese Kleine," sagte er, „wie sie gewachsen ist, eine Tanne ist gar nichts dagegen, ilnö das Haar! Solch blauschwarzes Haar findet man eben nur im Süden. Entzückende Füße hat sie auch, Schuhnummer 32, ich wette! Llnd der Gang! Ist Ihnen schon ausgefallen, daß alle dalmatinischen Mädchen diesen herrlichen, festen Gang haben, fest und doch graziös ...? Ich mochte ihr Gesicht sehen. Die kann nicht häßlich sein, nie! Kommen Sie etwas rascher!"
„Keine Dummheiten!" warnte ich väterlich, denn man hat, von der Aussichtslosigteit des Begin» nen« überzeuat, in solchem Fall immer bätet- liche Anwandlungen. „Wollen Sie das Mädchen vielleicht ansprechen? Sie verstehen ja die Sprache des Landes gar nicht."
Lihberg und einer weiteren von hier, dem Oberlauf der Aidda entlang über den Vogelsberg. Dadurch war vielen Arbeitern längere Verdienstmöglichkeit und manchen Fuhrleuten ein lohnender Nebenerwerb geboten. Aachdem diese Arbeiten nun vollendet sind, ist die hiesige Geschäftsstelle der A. E. G. aufgehoben und sämtliche Beamten sind verseht worden.
-i- Aidda. 12. Juni. In der hiesigen Volksschule treten feit einiger Zeit stark die fog. Wasserpocken auf. Da die an sich ungefährliche Kinderkrankheit durch Ansteckung übertragen wird, greift sie schnell um sich. Die Realschule blieb bis jetzt noch davon verschont.
Unter-Schmitten, 12. Juni. Die Stafselsche Papierfabrik mußte infolge Ausführung von neuen maschinellen Anlagen den Betrieb für 2 bis 3 Wochen stille gen. Den Arbeitern werden, soweit sie es wünschen, die ausfallenden Arbeitstage auf die Llrlaubszeit angerechnet.
Kreis Schotten.
□ Laubach, 12. Juni. Auch der dritte Tag des Laubacher Nationalfestes, des sog. „Ausschusses", war von herrlichem Wetter begünstigt und konnte nach jeder Seite befriedigen. Am Morgen des Dienstags begann auf der „S)äUeT‘ der Auftrieb zum Schweinemarkt, der auch in diesem Jahr wieder sehr gut besucht war. Es waren 259 Tiere zum Verkauf aufgetrieben. Die Preise waren wieder recht hoch. Ferkel von 6—7 Wochen kamen auf durchschnittlich 35—45 Mk.. von 7—8 Wochen auf 4b—50 Mk., von 8—9 Wochen auf 50—65 Mk.; Springer kamen von 70 Mk. an zum Verkauf. Das Geschäft ging flott; gegen 11 Ahr war fast schon alles verkauft. Ilm 9 Uhr wurde der Prämiierungsmarkt eröffnet. Die städtische Bleiche war als Marktplatz her- gerichtet. In vier Ringen wurde das Rindvieh (Vogelsberger und Fleckvieh) vorgeführt. Auch Saaner Ziegen wurden prämiiert. Die reichlich vorgesehenen Preise bewegten sich von 10 Mk. aufwärts bis 34 Mk. In der Mitte der Bleiche konzertierte die trefflich geschulte Oberhesfische Orchester-Vereinigung, Dirigent Horst, Grünberg. Am 3 Tlhr fand ein Kin - derfestzug statt, worauf auf der „Häkle" wieder allgemeine Volksbelustigung folgte. Damit schloß das Fest ab. — Die hiesige Molkerei E t t l im g hat auf der großen landwirtschaftlichen Ausstellung in München den zweiten Preis für Butter errungen.
Y Gedern, 12. Juni. Am Samstag und Sonntag beging der Turnverein Gedern die Feier seines 40jährigen Bestehens, mit der das diesjährige Dezirksturnfest des 3. Bezirks des Gaues Hessen der D.T. verbunden war. Der Samstagabend wurde durch eine Werbeveranstaltung eingeleitet, die trotz eines niedergehenden starken Gewitters zur Durchführung kam. Die beiden hiesigen Männer-Gesangvereine verhalfen durch ihre Gesangsdarbietungen zur Verschönerung d?s Festes. Der Vereinsvorsitzende Christian Stöhr hieß im Namen des Vereins eine stattliche Zahl von Festbesuchern herzlich willkommen. Die Damenriege des Turnvereins erwarb sich durch ihr exakt ausgeführtes Keulenschwingen unter Leitung des Turn- wartes Herm. Stöhr und durch ihre prachtvollen Volkstänze unter Leitung von Frl. 2 re n- zel den lebhaften Beifall der Zuschauer. Eine ausgezeichnete Wirkung erzielte auch das von einer 16 Mann starken Riege vorgeführte Fackelschwingen. Der Musikverein sorgte in ausgezeichneter Weise für den musikalischen Teil des Werbeabends. Am Sonntagmorgen wurde der Beginn des Wettumens des Bezirkstumfestes durch starke Regengüsse erheblich verzögert, es konnte jedoch gegen V210 Uhr begonnen und gegen 13 Uhr beendet werden. Nachmittags bewegte sich ein stattlicher Festzug durch die Straßen unseres Ortes, wobei man die noch lebenden Gründer des Iubelvereins in geschmückten Autos im Festzuge mitführte. Unterwegs hielt der Zug in einer drei Minuten langen stillen Pause zum Gedächtnis an die im Weltkriege gefallenen
„Ach was!" entgegnete er fliehenden Fußes voraneilend.
Jetzt waren wir neben ihr. Ein hübsches, ein sehr hübsches Kind. Er knuffte mich in die Seite, und schon griff seine Hand nach der Sportmütze:
„Verzeihung, gnädiges Fräulein, sprechen Sie Deutsch?"
„Warumme soll'ch nich? Mer sin' doch auS Gämnitz," lächelte die dalmatinische Venus.
Ich lieh ihn allein mit ihr. Strafe muh fein.
Das Ende der korsischen Banditen.
Die romantische Insel Korsika hat lange zu den klassischen Ländern der Blutrache und des Banditentums gezählt. Auch heutzutage hört man wohl noch ab und zu von blutigen Kämpfen, in denen eine alte Familienrache ausgefochten wird. Aber die zahlreichen Touristen, die jetzt diese landschaftlich fo schöne Insel besuchen, brauchen nichts mehr zu befürchten, und auch die heimliche Hoffnung auf irgendein romantisches Abenteuer dürfte sich nicht verwirklichen. Der Reisende kann wohl an Sonntagen noch Trupps von Männern sehen, die mit altertümlichen Gewehren ausgerüstet sind, aber das sind einfach Jäger, die in dem weglosen Dickicht der Wälder nach ein paar harmlosen Vögeln schießen. Der korsische Bandit ist im Verschwinden, aber er ist noch keine mythische Figur, dazu ist die Erinnerung an ihn noch zu frisch. Erst kürzlich wurde noch vor dem Geschworenengericht von Bastia ein ganzer Rattenschwanz von Verbrechen abgeurteilt, die aus einer alten Vendetta entstanden waren. Vom Anfang bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war Korsika ein Paradies der Banditen, die aber keine gemeinen Räuber waren, sondern in Ausübung der Blutrache ihre Verbrechen begingen. Während des zweiten französischen Kaiserreiches wurde aus Korsen eine Truppe von „Voltigeurs" gebildet, die dem Räuberwesen ein Ende machen sollte. Aber sie hatte nur wenig Erfolg. Roch heute gibt es etwa ein Dutzend bekannter Banditen in Korsika, von denen einige sehr berühmt sind, aber sie haben ihren Frieden mit dem Gesetz geschlossen, und der letzte, der eines gewaltsamen Todes starb, war der gefeierte Nonce Romanetti, der 17 Jahre hindurch großes Ansehen in Korsika genossen hatte. Man erzählte Fabelhaftes von seinem Mut und von seiner Ausdauer; feine Familie, die große Viehherden besaß, versorgte ihn reichlich mit allem Notwendigen; er besaß mehrere Kraftwagen und ein Motorboot, deren er sich wohl zu bedienen wußte. Er herrschte wie
| Turnbrüber, während die 'Fahnen gefenft wurden und feierliches Glockengeläut« ertönte. Auf dem Festplatze entbot der Vereinsvorsihende Christian Stöhr in schlichten Worten den Festgästen den Willkommengruß des Vereins, anschließend hielt Dekan Widmann die gedankenreiche Festrede, in welcher er eingehend über dis Geschichte des Iubelvereins sprach und dabei in wirkungsvoller Weise auf die hohen Ziele der Deutschen Turnerschaft hinwies. Im Anschluß an die mit großem Beifall aufgenommene Ansprache wurden die am Abend vorher gezeigten Volkstänze wiederholt, sodann fand ein Handballspiel der ersten Mannschaften des Turnvereins Nidda und des Turnvereins Gedern statt, das mit dem Ergebnis von 7:3 für Nidda abschloß. Frohes Volksfesttreiben bildete den Ausklang * der Jubiläumsfeier. Don den Gründern des Vereins, der vor 40 Jahren mit 57 Turnern und 12 Zöglingen seine Tätigkeit aufnahm, find heute ncri) Mitglieder: Gustav Limpert, Berthold S i - m on , Karl Hen kel III., Michael H ombur- ger, Karl Noll II., Karl Oberheim IV., Wilhelm Wahn, Christian Birx III., Karl Stöhr II., Emil Hoffmann, Karl Verlach III., Reinhard Reinhardt und Karl Rispel VI.
§ UI r i d) ft e i n, 10. Juni. Dieser Tage weilten zwei Vertreter des Rhein-Main-Fulda- Verbandes deutscher Jugendherbergen hier, darunter der Verbandsvorsitzende. Studienrat Dr. F l ö r k e, Gießen, um mit den hiesigen Interessenten für die Errichtung einer Ulrichsteiner Jugendherberge in nähere Fühlung zu treten. Die Herren erklärten ihr Interesse für den Bau einer Herberge hier am Platz, den sie zu fördern bereit wären, zumal schon bestimmte Beträge hierfür bewilligt seien. Sie belaufen sich bis jetzt auf insgesamt 900 Mk., nämlich je 300 Mk. von der Gemeinde Ulrichstein in ihren beiden letzten Voranschlägen und weitere 300. Mk. vom Kreis Schotten. Ferner hat sich die Gemeinde bereit erklärt, den Bauplatz, das gesamte Bauholz und die Wasserleitung kostenlos zu stellen. Mit Rücksicht auf unser rauhes Klima kann nur die Errichtung eine- massiven Baues in Frage kommen, der sich der hier ortsüblichen Bauweise anzupassen haben wird. Im Ausbau wird man sich nach dem Vorbild der Gederner Jugendherberge richten. Die kürzlich errichteten Jugendherbergen in Laubach und Gedern müssen zuerst fertiggestellt werden, dann soll der Dau in lllrichstein beginnen. Man hofft hier, daß bis zum Herbst kommenden Jahres die Herberge im Rohbau erstellt und etwa in zwei Jahren beziehbar fein wird, so daß dann auch der nordwestliche Teil des Vogelsberges dem Iugendwandern besser erschlossen werden kann. Einstweilen soll hier unter dem Namen „Iugendherbergsverein lllrichste In“ ein Arbeitsausschuß gebildet werden, dem die weiteren Vorarbeiten obliegen.
Einartshausen, 11. Juni. Der hiesige Männergefangverein „Eintracht" beging am Sonntag sein 2 5. Stiftungsfest mit Dannerweihe. Dazu hatten sich die Vereine des Niddatalsängerbundes, sowie zahlreiche Gastvereine eingefunden. Pfarrer Weimar, Gonterskirchen, weihte in einem Festgottesdienst am Vormittag das neue Danner und gedachte der gefallenen und verstorbenen Mitglieder des Vereins. Auf dem Festplatze sprachen am Nachmittag der 1. Vorsitzende Blei, Lehrer D e b u s , Ruppertsburg, als Mitbegründer und erster Dirigent des Vereins, der Dundesvorsit- zende des Niddatalsängerbundes, Schäfer, Eichelsdorf, uyd Frl. Lina Blei im Auftrag der Festjungfrauen. Nach Enthüllung des neuen Danners brachte der Niddatalsängerbund unter Leitung des Bundeschormeisters Diehl, Ober- Schmitten, drei Massenchöre zum Vorttag, die in ihrer mächtigen Klangwirkung ein Höhepunkt gesanglichen Erlebens waren. In präziser Folge reihten sich dann die Einzelvorträge der erschienenen Gast- und Bundesvereine an. Das ganze Fest war vorzüglich organisiert, und eS zeigte sich wieder einmal, daß gerade die Festlichkeiten in kleinen Orten bei den Besuchern die angenehmsten Erinnerungen zurücklassen.
ein König über feinen Bezirk, war freigebig und gastfreundlich gegen Fremde und gegen feine Anhänger. Aber sein Ehrgeiz, seinen Einfluß immer weiter auszudehnen, brachte ihn in Verwicklungen mit anderen Familien; er maßte sich Rechte als Richter und bei den Parlamentswahlen aw, machte sich so viele Feinde und wurde schließlich nicht von der Polizei, der er leicht entgehen konnte, sondern von persönlichen Gegnern zur Strecke gebracht. Wenn in Korsika ein Bandit unter der Kugel oder dem Messer seiner Feinde fällt, dann verstecken sich die eigentlichen Täter hinter der Polizei, die die Verantwortung übernehmen muh. So nahm sie auch den Tod Romanettis für sich in Anspruch, während jedermann wußte, daß nicht den Hütern der Ordnung die Beseitigung dieses gefährlichen Mannes gelungen war. In einem andern Falle, in dem ein Bandit namens Castelli, der sich in dem größten Kastanienwald Korsikas versteckt hielt, ermordet wurde, teilte der Polizeibericht nur mit, daß er „verschwunden sei". Daraus konnte jeder entnehmen, daß er der Blutrache zum Opfer gefallen war. Rur noch ein berühmter Vertreter des alten Banditentums lebt heute auf der Insel. Es ist Micaetti, der in dem Bezirk Fiumorbo an der Ostküste herrscht. Er ist ein friedlicher und angesehener Staatsbürger geworden, der die Blutrache begraben hat und sich der Bewirtschaftung seiner großen Besitzungen widmet, die dem Namen nach seinen Verwandten gehören; er selbst ist nämlich geächtet und kann daher offiziell seine Bürgerrechte nicht ausüben. Nichtsdestoweniger ist er sehr beliebt, tut viel Gutes und plant jetzt den Dau einer Eisenbahnlinie durch sein Gebiet. Der Ausbruch des Danditentums im vorigen Jahre, der vor dem Gericht von Bastia endete, wurde von keinem korsischen Räuber hervorgerufen, sondern von einem „Apachen" Perfetti, der aus Marseilles nach der Insel geflohen war. Ein solcher „Außenseiter" kann sich in Korsika nicht lange halten, denn er erregt den Unwillen der Bevölkerung, besonders wenn er sich nicht an die „ungeschriebenen Gesetze" des Banditenwesens hält. Persettt raubte einen Engländer aus, der in der Nähe von Ajaccio lebte, und fiel mit seiner Bande einen Autoomnibus mit Touristen an. Die Fremden aber sind dem echten korsischen Banditen heilig. Perfetti wurde daher bald gefangen genommen und zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Das „unfaire“ Benehmen solcher fremden Verbrecher hat das altkorsische Banditenwesen Immer mehr in Verruf gebracht, und ffl wird es heute nicht mehr ausgeübt.


